Michaela Huber

Wege der Traumabehandlung

Trauma und Traumabehandlung (Teil 2)

Kapitel 13:
Weshalb beginnt Traumatherapie mit Stabilisierung und Ressourcen-Aktivierung?

(zurück zu Kapitel 9: Abschnitt – Sind Sie innerlich gefestigt?)

(zurück zu Kapitel 16: Abschnitt – Freeze and fragment)

(zurück zu Kapitel 16: Abschnitt – Wiedererleben dissoziierter Elemente)

(zurück zu Kapitel 16: Abschnitt – Wiedererleben dissoziierter Elemente/Beispiel)

(zurück zu Kapitel 16: Abschnitt – Wiedererleben dissoziierter Elemente/Innere Landkarte)

(zurück zu Kapitel 17: Abschnitt – Empfehlenswerte Verhaltensweisen der Therapeutin, um der Klientin bei der Reorientierung zu helfen)

(zurück zu Kapitel 17: Wie lernt man, mit Flashbacks, Täter-Introjekten und anderen heftigen Gefühlszuständen umzugehen?)

(zurück zu Kapitel 17: Abschnitt – Bildschirmtechnik)

(zurück zu Kapitel 18: Abschnitt – Die acht Phasen der EMDR-Behandlung)

(zurück zu Kapitel 18: Abschnitt – Traumasynthese mithilfe der Bildschirmtechnik: Eine Dimension nach der anderen bearbeiten)

(zurück zu Kapitel 18: Abschnitt – Traumasynthese mithilfe der Bildschirmtechnik/4. Stufe)

(zurück zu Kapitel 19: Abschnitt – Sekundäre Traumatisierung und Stellvertretende Traumatisierung)

„Weißt du’s noch nicht? Wirf aus den Armen die Leere zu den Räumen hinzu, die wir atmen; vielleicht dass die Vögel die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug.
Ja, die Frühlinge brauchten dich wohl. Es muteten manche Sterne dir zu, dass du sie spürtest.“
Rainer Maria Rilke, 1912

Viele Menschen verstehen unter Traumatherapie ausschließlich die Durcharbeitung der einst unaushaltbaren Erfahrungen. Sie glauben, wenn sie nur rasch an den Kern der Sache – ihre schrecklichen Bilder und schmerzhaften Erinnerungen – herankämen, wenn sie genau darüber sprechen könnten, vielleicht sogar es herausschreien und dann weinen – dann wäre es gut. Wer sich mit solchen Vorerwartungen in stationäre oder ambulante Traumabehandlung begibt, wundert sich sehr, wieso ganz anders begonnen wird.

Dass jede verantwortliche Psychotherapie mit einer gründlichen Diagnostik sowie allgemeinen Therapieverträgen und eventuellen Schutzmaßnahmen gegen drohende Suizid-und Selbstverletzungsgefahr startet – na gut, das kann man ja noch einsehen. Doch dann geht es erst weiter mit „lauter Nettigkeiten“, wie eine traumatisierte Patientin einmal spottete: mit einer Phase der Stabilisierung und Ressourcenarbeit. Nicht wenige, die von ihren Albträumen und anderen Symptomen gequält werden, halten das geradezu für verschwendete Zeit. Doch dieses Vorgehen hat sich deshalb als das richtige erwiesen, weil die Arbeit am Trauma „sicheren Boden unter den Füßen“ voraussetzt, der oft erst geschaffen oder wiedergewonnen werden muss.

Gerade diejenigen Menschen, die früh im Leben und/oder über längere Zeit traumatisiert wurden, sind oft sehr erschöpft von ihren jahrelangen Versuchen, sich das Trauma „vom Hals zu halten“, das sie doch immer wieder in Albträumen und urplötzlich in „Nischen des Alltags“, beim Spülen, Spazierengehen, Tagträumen ... überfällt. Aber auch nach einmaligen Traumatisierungen im Erwachsenenleben können solche Erschöpfungszustände auftreten:

sie alle haben mit eigenen Mitteln und aus eigenen Kräften versucht, das Trauma zu verwinden. Doch da es ihnen nicht ausreichend gelungen ist, haben sie sich oft und lange Zeit damit herumgequält. Die Geschäftsfrau benötigte „nur“ drei Monate, bis sie den Weg zu einer Traumabehandlerin fand – genauer gesagt, war es ein Weg zurück, denn sie kannte die Behandlerin, weil sie bei ihr schon einmal ein Trauma durchgearbeitet hatte. Bei den anderen – wie überhaupt bei den meisten traumatisierten Menschen – dauert es einige Monate, wenn nicht gar Jahre länger, bis sie den Weg in eine Traumabehandlung finden. In den meisten Fällen also, sowohl bei einmaligen wie bei chronischen Traumatisierungen, versuchen die Menschen, das Trauma von selbst zu integrieren. Doch wenn nach vier bis sechs Wochen immer noch keine Rückkehr zu einem normalen Leben möglich ist, kann es sehr wohl sein, dass das Trauma chronische und vielleicht sogar erhebliche Auswirkungen auf ihre gesamte Persönlichkeit hat, die erst einmal eine Stabilisierung erfordern:

Der Polizist war nicht mehr arbeitsfähig; er war seit drei Monaten krankgeschrieben, überlegte – obwohl er seinen Beruf liebte und auch angesehen war – „den Bettel hinzuschmeißen“. Er schlief maximal drei Stunden in der Nacht, hörte die Schüsse immer wieder, quälte sich mit Schuldvorwürfen und isolierte sich von seinen Kollegen. Auch von Frau und Kindern zog er sich zurück, nachdem er öfter herumgeschrien und seinen Sohn einmal „windelweich geprügelt“ hatte. Immer wieder dachte er an Suizid.

Die Autofahrerin genas nur sehr schlecht von ihren Prellungen, ihren Schnittwunden und ihrem Schleudertrauma. Sie ließ sich immer mehr Schmerzmittel verschreiben, klagte über Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen, aber auch über Appetitlosigkeit und ein ausgeprägtes „Morgentief“. Obwohl dem Unfallgegner die Schuld zugesprochen wurde, quälte sie sich mit Gedanken wie: „Wenn ich sie nicht mitgenommen hätte, wäre sie heute noch am Leben.“ – „Wenn ich das Steuer früher herumgerissen hätte, wäre es nicht passiert.“ – „Wäre ich doch nur später losgefahren oder hätte eine andere Strecke genommen!“ Auch noch nach einem Jahr weinte sie jeden Sonntag am Grab ihrer Freundin.

Der Gefängnisbeamte hatte nach der Tat keinen Fuß mehr in die Justizvollzugsanstalt gesetzt. Schon beim Aufwachen bekam er Schweißausbrüche. Wenn er versuchte, aus dem Haus zu gehen, zitterte er so sehr, dass er sich festhalten musste. Er verkroch sich in sein Zimmer, ließ sich krankschreiben, saß tage- und wochenlang vor dem Fernseher, und wenn der Medizinische Dienst nicht darauf bestanden hätte, ihn zu untersuchen, und ihm eine Traumabehandlung und anschließende Wiedereingliederung in den Berufsalltag vorgeschlagen hätte, würde er sich mit dem Trauma nach wie vor nicht beschäftigen, so wie er es sich vorgenommen hatte: „Nie wieder dran denken.“ Er hatte das Gefühl: „Nur wenn ich mich nicht rühre, geht es.“

Die Geschäftsfrau war nach der Tat nach Hause gefahren, hatte lange geduscht, ihre zerrissene und blutige Kleidung versteckt und kein Wort zu ihrem Mann gesagt. Sie legte sich schlafen und schwor sich, „die Sache zu vergessen“. Doch am nächsten Tag – sie war trockene Alkoholikerin – kaufte sie sich schon auf dem Weg zur Arbeit eine Flasche Sekt. Freunde fanden sie Stunden später volltrunken vor und bestürmten sie, sich sofort in eine Klinik zu begeben, um wieder vom Alkohol loszukommen. Dort in der Suchtklinik sprach sie immer noch kein Wort, verlangte aber immer wieder, in die Klinik ihrer ehemaligen Behandlerin verlegt zu werden. Erst als sie drei Monate nach der Tat dort eintraf, begann sie, wieder vorsichtig an das Trauma zu denken und mit der Frau, der sie vertraute und die sie schon einmal durch das Inferno eines früheren Traumas herausbegleitet hatte, über das Erlebnis zu sprechen.

Wenn Sie diese Beispiele lesen, können Sie sich, selbst wenn Sie nicht selbst betroffen sind, vielleicht vorstellen, wie schlecht es vielen Menschen geht, die mit langfristigen Traumafolgen in die Behandlung kommen. Ihr Selbstwertgefühl ist zerrüttet – kein Wunder, hat das Trauma ihnen doch den Boden unter den Füßen weggezogen. Viele glauben, nie wieder arbeiten, am „normalen Leben“ teilnehmen oder unbeschwert vergnügt sein zu können. Die meisten fühlen sich schuldig oder mitschuldig an dem, was ihnen geschah.

Bei komplex traumatisierten Menschen – die oft schon von Kindesbeinen an durch Vernachlässigung und Gewalterfahrungen mit Traumatisierungen leben müssen – bestehen diese Probleme oft schon seit vielen Jahren. Depressionen, Abhängigkeiten von Suchtmitteln, Essstörungen, Schmerzzustände, Schlafstörungen sind chronisch geworden und haben weitere Probleme nach sich gezogen: Weniger belastbar zu sein als andere, sich „außen vor“ zu fühlen, Beziehungs- und Partnerschaftsschwierigkeiten, ungute Geheimnisse, Scham- und Schuldgefühle, dies und vieles andere erodiert das positive Gefühl zu sich selbst und das „Recht“ auf einen Platz in der Welt. Manche haben sich aufgrund der häufigen und langjährigen Gewalterfahrung aufgespalten, sodass sie gar nicht (mehr) wissen, wer „ich“ eigentlich ist. Von einem positiven Selbstwertgefühl ganz zu schweigen ...

Deshalb wird sowohl ambulante wie stationäre Traumabehandlung immer die Stärkung des Selbstwertgefühls (für gespaltene Menschen: den inneren Zusammenhalt der vielen Anteile) und die Stabilität sowie die Arbeit an den eigenen Ressourcen zunächst in den Vordergrund stellen.

Dies geschieht am besten mit verbalen und nonverbalen Methoden, die

Die verbalen und nonverbalen Methoden können sein:

Fast immer wird sich sofort die „andere“, z. B. die dunkle Seite im Inneren des traumatisierten Menschen melden und vorwurfsvoll sagen: „Das geht aber nicht!“

Und meint: „Es soll dir nicht gut gehen.“ – „Es darf dir nicht gut gehen.“ – „Das hast du nicht verdient.“ – „Andere leiden, und du machst dir einen Spaß?!“ Manchmal kommt sie auch als zynischer „Geist, der stets verneint“ daher: „So einen Quatsch mache ich nicht mit. Kinderkram!“

Mit dieser dunklen, weil depressiven, entwertenden oder „bösen“ Seite in der traumatisierten Persönlichkeit so früh wie möglich in Kontakt zu kommen ist in jeder Traumatherapie von besonderer Wichtigkeit. Manchmal sind die so denkenden Bereiche des Selbst diejenigen, die sich schuldig fühlen. Manchmal sind es täterloyale oder täteridentifizierte Anteile, die „verbieten“, dass es schön sein darf. Manchmal ist es auch das innere Opfer, das denkt: „Wenn es mir nun gut geht, muss ich dann sofort (wieder) so funktionieren wie nicht traumatisierte Menschen? So, als wäre gar nichts passiert? Das kommt mir wie ein Verrat vor an dem, was geschehen ist. Ich darf es nicht vergessen – und die anderen da außen sollten es auch nicht vergessen dürfen.“

Im Zynismus drückt sich häufig eine depressive Einstellung aus: „Hab ich schon probiert, hilft ja ohnehin nicht. Daher mache ich mich lieber darüber lustig“ – eine elegante und nicht selten scharfzüngige Form der erlernten Hilflosigkeit, die meist mit einer generellen Fluchttendenz einhergeht: Man macht sich lieber aus dem Staub, als sich dem „peinlichen“ Schmerz zu stellen. In der aggressiven Variante finden wir es bei manchen Alt-Punks, Antifa-Leuten oder anderen gewaltbereiten Polit-Aktivistinnen: „Es gibt schließlich Wichtigeres: den politischen Kampf!“ Wer sich vor den martialischen Gesten der „Revolutionärin“ nicht fürchtet, findet häufig dahinter ein misshandeltes Kind, das sehr, sehr viel Angst hat und in einer Art „Übersprung-Reaktion“ ins Ausleben der Wut geht – „kontra-phobisch“, wie es so schön heißt ...

Ein Beispiel: Eine über und über gepiercte „Sadomaso-Punk-Lesbe“ knallte mir einmal eine funktionstüchtige Pistole auf den Tisch: „Da – damit ich sie hier nicht benutze.“ Es war etwa in der fünfzehnten Therapiestunde, und ich verstand diese Geste so, wie sie vermutlich auch gemeint war: Sie „streckte die Waffen“ und ließ sich auf den therapeutischen Prozess ein – nicht ohne mir zu zeigen, dass sie durchaus auch wehrhaft sein kann. Ich habe mich für das Vertrauen bedankt und dann mit ihr besprochen, was sie denn mit der Pistole und anderen Waffen tut, wenn diese nicht gerade friedlich bei mir im Raum auf dem Tisch liegen ...

All die Verhaltensweisen, Fragen und Äußerungen der „dunklen“, verneinenden Anteile der Persönlichkeit wollen und müssen gehört werden, damit „Luft“ und Raum für Ressourcenarbeit immer wieder aufs Neue gewonnen werden kann.

Mein Tipp an diejenigen, die sich in Traumatherapie begeben: Gewöhnen Sie sich so bald wie möglich an, Ihre Selbstexploration in drei Bereiche einzuteilen:

Als Devise für die Traumatherapie gilt:

Es kann nur so viel an Ressourcen und Stabilität gearbeitet werden, wie die „dunklen Anteile“ zulassen.
Daher mit diesen Anteilen verhandeln: Es gibt Zeit für sie und Zeit für das Erholen.

Mehr dazu in Kapitel 14 über „Täter-Opfer-Spaltung“.

Viele traumatisierte Menschen glauben, kein Recht auf Erholung zu haben. So als sei Erholung Luxus, den sie sich erst nach geleisteter Traumaarbeit gönnen dürften. Umgekehrt wird ein Schuh daraus:

Es braucht die Unterschiedsbildung: eine Zeit zur Erholung und eine Zeit, sich mit schwierigen Dingen zu beschäftigen, dann wieder Erholung, dann wieder eine nächste Portion Schwieriges. Sonst wird man

  1. die bisherige Erschöpfung nicht los und
  2. erschöpft sich noch weiter durch die Traumakonfrontation, was
  3. zu einer vollständigen Dekompensation („Nervenzusammenbruch“) führen kann, und dann kann man gar nichts mehr leisten.

Der Philosoph Karl Marx hat einmal richtig erkannt: „Mit dem Lumpenproletariat kann man keine Revolution machen.“ In Bezug auf Traumatherapie können wir sagen: Mit Menschen, die völlig „durch den Wind“ sind, kann man keine Traumabearbeitung durchführen. Es stimmt: Wer mit der Kraft am Ende ist, kann sein Trauma nicht integrieren. Umgekehrt heißt das: Wer erfolgreich am eigenen Trauma arbeiten will, muss Zeit für Regeneration, Erholung, Spaß und Spiel einplanen. Diese Zeit ist nicht Luxus, sondern bittere Notwendigkeit, um wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Und nur wer mit beiden Beinen auf dem Boden steht, kann sich mit früheren Schrecken auseinandersetzen.

Sonst wird jeder Versuch der Traumakonfrontation nur im Wiedererleben (Flashback) enden. Und Flashbacks kann man zu Tausenden bekommen – ohne einen Funken Integration. Wer daher lernen will, die „bösen Geister zu bändigen“, die das Trauma bedeuten, wird es nur mit verbesserter Stabilität schaffen.

Hier eine Grafik, die dieses „Immer-wieder-zur-Ressource-Zurückkehren“ zum Ausdruck bringen soll:

Im Folgenden habe ich einige Übungen aufgelistet, die ich empfehle. Teilweise gehören sie zum Standardrepertoire der Traumatherapie (weitere Übungen in Reddemann, 2001), andere habe ich selbst entwickelt oder weiterentwickelt und mit wenigstens einigen Hundert Menschen erprobt, bevor ich sie hier weitergebe.

Übungen zur Ressourcenaktivierung, zum Schutz, zum Stresscoping ...

Allgemeine Vorbemerkung und Hinweise für die Therapeutin:

Alle Übungen werden vielleicht am besten eingeleitet mit einer freundlichen Einladung. Bitte nie autoritär werden („Sie spüren jetzt ... Und dann wird das ...“), sondern immer mit „vielleicht“, „wenn Sie es sich erlauben können“, „könnte es sein, dass Sie schon spüren wie ...“ eingestreut in die Übung. Auf diese Weise respektieren wir den möglichen Widerstand der Klientin und laden ein, diesem Widerstand einen Platz zu geben – und dann zu einer möglicherweise interessanten Entdeckungsreise aufzubrechen ...

Allgemeine Empfehlung für Klientinnen:

Niemand darf Sie zwingen, an einer Übung teilzunehmen. Sie haben Ihr Trauma nicht überlebt, um sich noch einmal zu irgendetwas nötigen zu lassen. Diese Übungen sind Einladungen, mehr nicht. Sie selbst werden immer wieder herausgefordert werden zu entscheiden, ob Sie überhaupt an der Übung teilnehmen wollen. Sie können jede Übung jederzeit unterbrechen. Sie können auch den Raum verlassen und dürfen auch wieder hereinkommen, wenn Sie mögen. Sie können also in die Übung einsteigen, aussteigen, einsteigen, aussteigen – das ist alles ganz in Ordnung.

Mein Tipp für Betroffene: Sollte die Übung in irgendeiner Weise nicht mehr angenehm sein oder Sie sich „schwummerig“ fühlen oder gar Schlimmeres – bitte sofort die Augen öffnen (falls Sie sie geschlossen hatten), sich im Raum umsehen, sich rückversichern, wo Sie sich befinden, den Boden unter den Füßen spüren ... Sollte dies nicht ausreichen, aufstehen und den Raum verlassen und sich draußen auf Ihre Weise reorientieren oder Kontakt mit jemand Sicherem aufnehmen (zu Hause: PartnerIn oder Freundin ansprechen oder anrufen, wenn diese Personen Ihnen guttun; in einer Praxis: Therapeutin Bescheid geben, vielleicht ein Zeichen mit ihr vereinbart haben, sodass die TherapeutIn die Übung sofort unterbrechen und Ihnen bei der Reorientierung behilflich sein kann; in der Klinik, falls es eine Gruppensituation ist: der TherapeutIn ein Zeichen geben, dass Sie jetzt hinausgehen, draußen sich reorientieren und ggf. freundliche MitpatientIn ansprechen oder sich ans Pflegepersonal wenden ...).

Diese Übungen sollen Ihnen helfen, gezielt assoziieren und dissoziieren zu lernen. Das bewusst und in Ihrem Sinne zu tun, was Sie vorher nur unbewusst getan haben und über das Sie nicht ausreichend die Kontrolle hatten: etwas Angenehmes in Ihrer Wahrnehmung und Erinnerung verstärken zu können, etwas Unangenehmes „verbannen“ oder in – vorübergehende – Distanz bringen zu können. Dies sind Vorübungen zu den Distanzierungsübungen, wie sie in späteren Kapiteln näher erläutert werden. Wer traumatisches Material nicht wenigstens vorübergehend in Distanz bringen kann, kann es auch nicht integrieren. Vor allem aber dienen diese Übungen dazu, Ihre Phantasie anzuregen, sich mit Freundlichem, Angenehmem, Förderlichem zu beschäftigen, statt (wie so oft) nur auf das Bedrohliche zu starren ... Wenn Ihnen eine Übung gefällt, lade ich Sie ein, sie abzuwandeln, gerade so, wie es Ihnen optimal erscheint. Gut ist es, wenn Sie darüber mit Ihrer Therapeutin im Gespräch sein und bleiben können. Sollten Sie diese Übung als Gruppenübung machen, gestalten Sie sie einfach für sich so, wie Sie merken, dass es Ihnen guttut, und sprechen Sie anschließend, z. B. in der Einzeltherapie, darüber.

Wenn Sie nach der Lektüre dieses Buches Lust bekommen, diese Übungen zu machen, sprechen Sie bitte mit Ihrer Einzeltherapeutin darüber und lassen Sie sich dabei unterstützen, auch in der Nachbereitung.

Die meisten dieser Übungen sind im Rahmen der modernen Hypnotherapie entwickelt worden. Bei Hypnose bekommen viele Traumatisierte einen Schreck: Sollen sie jetzt manipuliert werden? Nein, es geht darum, sich leicht und mühelos in einen angenehmen Zustand zu bringen, ohne Tiefenhypnose oder Tiefenentspannungsverfahren, die für die meisten Traumaklientinnen ohnehin nicht erstrebenswert sind. Es geht nicht ums „Wegdriften“ im Sinne der pathologischen Form von Dissoziation, sondern um eine Form der Meditation oder der inneren Konzentration. Diese einzuüben wird ihnen in den unterschiedlichsten Situationen helfen.

Nun wieder in Richtung der BehandlerInnen gesprochen:

Formelle Tranceinduktionen sind für diese Übungen meistens unnötig. Es genügt die Bitte, den Blick irgendwo ruhen zu lassen, eventuell sogar, wenn es angenehm ist, die Augen zu schließen, es dem Körper zu erlauben, ganz allmählich zur Ruhe zu kommen, „so, wie Sie es auf Ihre eigene Weise jetzt können“. Viele Traumaklientinnen werden lieber die Augen offen lassen und sich zwischendurch im Raum umschauen, um sich selbst immer wieder in Raum und Zeit zu orientieren. Das ist ganz in Ordnung, wir sollten dies sogar fördern!

Anfangs mögen es manche Klientinnen vielleicht, den Körper durchzuspüren, von Kopf bis Fuß, dabei könnten wir sie einladen, „wenn Sie mit Achtsamkeit spüren, dass Sie irgendwo noch etwas nachlassen können, ein klein wenig mehr loslassen können, gerade so viel, wie es Ihnen angenehm ist ...“ Wenn Entspannung mit Trauma assoziiert ist (bei etlichen, die nachts oder in einem entspannten Zustand überfallen wurden, ist dies der Fall), kann jede Übung ergänzt werden durch:

Gezielte Körperdissoziation

Gerade Menschen, die sehr viel Angst haben, sich zu entspannen, oder sehr „kopfgesteuert“ sind, können am Anfang eine Körper-Entspannung besser hinbekommen, wenn sie jeweils die Restspannung in der dominanten Faust bzw. in dem entsprechenden Unterarm spüren (bei Rechtshändern also die rechte Hand zur Faust ballen; bei Linkshändern die linke Hand etc. ).

Bitte daran denken, diese Spannung am Schluss der Übung wieder aufzuheben und das angenehme Körpergefühl auch in diese Hand hinein fühlen zu lassen.

Konzentration und Achtsamkeit

Erst die Augen ruhen lassen oder schließen, dann drei Dinge sehen – auch Lichtwahrnehmungen hinter den geschlossenen Lidern, drei Geräusche hören, drei Düfte oder Gerüche wahrnehmen, drei Gedanken, allem seinen Platz geben, dann wieder spüren, dass Sie hier sitzen, Kontakt zum Boden über die Füße spüren, dann nach und nach den Rest des Körpers fühlen und schließlich die Augen öffnen, wenn es in Ordnung ist, und sich strecken, um den Körper zu fühlen ...

Eine Pflanze werden

Bitte, sich so gut zu entspannen, wie es im Augenblick geht, sich von außen nach innen zu orientieren, und wenn es Ihnen gefällt, sich einen kleinen Keimling vorzustellen, der aus der Erde kommt. Und „wenn Sie es sich erlauben können“, einfach den Bildern und Vorstellungen nachzugehen, diese Pflanze beim Wachsen beobachten: Stil, Blätter, Blüten, Früchte, und währenddessen – „Wenn es Ihnen angenehm ist, sich das vorzustellen“ – selbst diese Pflanze zu werden. Zu fühlen, wie Sie in der Erde verwurzelt sind – eher flache oder eher tiefe Wurzeln? –, zu spüren, wie Nahrung und Wasser das Wachstum anregen ... Und „wenn die Bedingungen günstig sind“, sich einen guten Standort für „Ihre“ Pflanze vorzustellen und festzustellen, ob es „Ableger“ gibt oder andere Pflanzen in der Nähe oder ob Sie eine Einzelpflanze sind. Und schauen, ob diese Pflanze „Besucher“ hat, etwa Vögel, Schmetterlinge, einen Fuchs oder andere Tiere ... Dann, wenn Sie sich noch einmal umschauen können, vielleicht gibt es ja noch etwas, das ganz besonders schön wäre, wenn es auch noch da wäre ... Und wenn die Pflanze Ihnen gerade gut gefällt, möchten Sie dann sozusagen von Ihrer Pflanze ein Andenken mitnehmen? Was würden Sie wählen: eine Blüte, ein Blatt, eine Frucht oder ...? Da Sie sich diese Pflanze ausgedacht haben, kann sie ja auch vielleicht einen bestimmten Platz in Ihrem inneren Universum bekommen. Sie wissen dann, dass sie dort ist, und Sie können jederzeit wieder dorthin, können sich vielleicht selbst ein wenig so fühlen, wenn Sie das möchten ... Und wenn Sie sich dann Zeit nehmen, sorgfältig und in Ihrem eigenen Tempo wieder in den Raum hier zu kommen, in Ihren Körper, die Füße auf dem Boden spüren, den Rest des Körpers ...“

Anschließend schlage ich vor, diese Pflanze zu malen, und wenn das Bild gefällt, es sich an einen schönen Ort zu Hause hinzuhängen.

Mein Leben als Fluss oder Weg

(Einzelarbeit, Bild malen). Devise: Belastungen und Traumatisierungen sollen jeweils symbolisch-metaphorisch eingearbeitet werden. „Vielleicht können Sie sich Ihren Lebensweg vorstellen, als Fluss oder als Weg, aus der Vogelperspektive gemalt. Mögen Sie einmal darstellen, wie Sie Ihren Weg bislang wahrgenommen haben und welche Rolle Ihre Traumatisierung und andere Belastung gespielt haben? Bitte denken Sie auch daran darzustellen, wo Sie sich jetzt gerade befinden und wie Sie möchten, dass es für Sie weitergeht.“

Es empfiehlt sich, erst ein psychoedukatives Gespräch zu führen über mögliche Belastungen oder „Hindernisse im Leben“. Über geschichtliche, soziale Traumata, etwa den Zweiten Weltkrieg und Wirtschaftskrisen (wurde darüber in der Familie gesprochen? Sehr viel? Oder gar nicht?); über Unfälle, frühe Todesfälle, Gewalteinwirkungen, Schicksalsschläge, schwere Krankheiten; über Verluste, Kränkungen, Abtreibungen, Fehlgeburten, als Beispiele für potenziell belastende Ereignisse und biografische Auswirkungen. Dann zu Themen des Geborenwerdens: War man ein erwünschtes Kind? Hatte die Mutter vorher ein Kind oder jemand Nahestehenden verloren? Hat die Mutter erzählt, dass die Geburt leicht oder schwer war – was glaubt man selbst dazu? Dann erst zu den möglichen weiteren eigenen biografischen Belastungen und Traumata, mit der Bitte, diese nur „aus der Vogelperspektive“ beobachtend einzutragen, keine Einzelheiten! Anschließend die Traumata, die Sie wahrgenommen oder erzählt bekommen oder die in Ihrer persönlichen und beruflichen Umgebung stattgefunden haben; Sekundärtraumatisierungen etc. Dann kann die KlientIn mit bunten Stiften und auf großen Blättern – ich gebe gerne helle Pappen in DIN-A3-Format aus, damit sie sie später als Bilder aufhängen können – ihren eigenen Lebensweg als Weg oder Fluss darstellen, beginnend mit dem, was sie als schon vor ihrer Geburt bedeutsam darstellen möchte, über ihre Geburt, die ersten Lebensjahre, bis zu dem Punkt, wo sie heute steht. Wie hat das Berührtsein durch die Traumageschichte der Vorgenerationen (siehe Joraschky & Petrowski, 2003), durch das Erwünscht- oder Nicht-erwünscht-Sein, die frühen Lebenserfahrungen und die weiteren Belastungen und Freuden im Leben den eigenen Lebensweg geformt, verändert? Was hat es gebracht, gab es neben Stockungen und Umwegen auch Positives?

Mein Tipp: Ermutigend kann es sein, den Weg auch weiter skizzieren zu lassen: „Und wenn der Weg gut weiterverläuft – nicht utopisch wundersam, sondern realistisch gut –, wie könnte es dann für Sie weitergehen?“ ... Dies ist ein guter Hintergrund für ein Belastungsdiagramm (siehe weiter unten). Manchmal, wenn das Belastungsdiagramm noch zu schwierig erscheint, kann man beginnen mit einem

Ressourcendiagramm

Ein großes U auf ein großes Blatt Papier malen. Links oben die Null markieren, rechts oben das derzeitige Alter, in der Mitte die Zahl, die das halbe Alter der Klientin anzeigt. Alle Ressourcen eintragen, die es im Leben gegeben hat. Schon vor der Geburt: War sie ein erwünschtes Kind? Waren ihre Eltern gut gestellt? Etc. Dann extra markieren, falls die Geburt unproblematisch oder positiv war; ob ihre Mutter oder andere Angehörige lieb zu ihr waren; dann weiter im Lebenslauf: gute Begegnungen mit Menschen; eigene Fähigkeiten, die sich entfaltet haben; schöne Erlebnisse; schulische und berufliche oder andere Erfolge; Hobbys und Lieblingsbeschäftigungen im Laufe des Lebens; Bedeutung von Musik und Tanz, vom Umgang mit Tieren, der Natur ... Alles, was auch nur im Entferntesten „nett“ war, hat hier Platz.

Da vielen Klientinnen sofort „die andere Seite“ einfällt („Da war etwas Nettes, aber auf der anderen Seite war das und das auch ganz schrecklich ...“), gibt es ja das zweite Blatt: das

Belastungsdiagramm

Die belastenden Lebensereignisse auf einer Lebenslinie eintragen. Ich male sie jedes Mal wie ein großes U, als kleine positive Suggestion. Meist nämlich ist das Schlimmste bei komplex traumatisierten Menschen in der ersten Lebenshälfte passiert. Das Belastungsdiagramm bitte nur gemeinsam mit der Therapeutin ausfüllen! Keine Einzelheiten erzählen oder darstellen, nur ganz von Weitem bzw. aus der Vogelperspektive die wichtigsten Belastungen wahrnehmen und mit diversen Farbstiften und vielleicht einem Stichwort eintragen. Dies hilft oft der „anderen, ernsten oder dunklen“ Seite. Es wird auch darauf geachtet, was schwierig war, und wenn es erst einmal auf dem Blatt steht, wird deutlich:

  1. Vieles ist tatsächlich zeitlich begrenzt gewesen und hat inzwischen aufgehört;
  2. die U-Form signalisiert: Jetzt geht es aufwärts ...

Traumakette

Häufig haben sich Belastungen, die keine Traumatisierungen waren, durch hinzukommende neue Belastungen oder durch ein in jüngerer Zeit erlebtes Trauma zu einer „Kette von Ereignissen“ kumuliert, die plötzlich doch eine Posttraumatische Belastungsstörung auslösen können. In der Zeit der Traumasynthese (siehe Kapitel 18) können die einzelnen Bestandteile der Traumakette kurz nacheinander durchgearbeitet werden. Sobald das Belastungsdiagramm erstellt ist, lassen sich solche Traumaketten bilden. Ein Beispiel für eine Traumakette finden Sie in Kapitel 17 am Beispiel der Bankangestellten, deren Akuttrauma (Opfer eines Banküberfalls geworden sein) eine Traumakette einging mit zwei vorher lediglich als belastend erlebten Ereignissen: Zeugin einer Verfolgungsjagd gewesen sein und einem Vergewaltiger knapp entkommen sein.

Sicherer Ort

Vielleicht leitet die Therapeutin diese zentrale Übung der Traumaarbeit etwa so ein:

„Haben Sie sich schon irgendwann einmal – und sei es für einen Moment – an einem Ort sehr wohlgefühlt? Manche Leute kennen das aus dem Urlaub oder haben auf einem Spaziergang einen Platz entdeckt, der besonders schön war. Oder Sie können sich auch einen Ort erfinden, vielleicht sogar auf einem anderen Planeten ... Manchmal genügt es auch, einfach vor dem inneren Auge ein paar Bilder entstehen zu lassen: Vielleicht ein Meer oder einen See oder eine Blumenwiese oder ...“.

In der Einzelarbeit brauchen wir hier eine konkrete Rückmeldung und „schmücken“ dann diese aus. Natürlich sind Einzelarbeiten immer besser, weil wir dann sehr genau auf die Phantasien der Klientin eingehen können. Häufig aber werden solche Basisübungen wie der „sichere Ort“ als Gruppenübung angeleitet.

Als Gruppenübung könnte es z. B. so weitergehen: „Vielleicht können Sie sich für eine Szene – einfach nur für den jetzigen Moment – entscheiden und können dem nachgehen: Welche Bilder sind Ihnen hierzu gerade besonders angenehm? Vielleicht sind diese Bilder schon jetzt mit Ruhe oder Wohlfühlen oder sich sicher und geborgen fühlen verbunden – und was auch immer Ihnen gerade in den Sinn kommt, ist in Ordnung. Welche Farben gefallen Ihnen an Ihrem Platz oder Ort, den Sie gerade wahrnehmen, besonders? Können Sie etwas hören, was Ihnen gut gefällt – so wie man ein Wasser plätschern hören kann oder Vögel zwitschern – oder was auch immer Ihnen gerade angenehm ist. Und es mag sein, dass Sie an diesem Ort, an dem Sie sich vielleicht so wohlfühlen können, wie es jetzt möglich ist, auch etwas riechen können, einen Duft wahrnehmen, der schön und angenehm ist – vielleicht einen frischen Duft oder einen sanften, lieblichen – wie auch immer. Gerade so, wie es Ihnen jetzt gefällt. Und können Sie vielleicht auch die Luft auf Ihrer Haut spüren? Vielleicht sogar etwas Angenehmes auf der Zunge schmecken? Und was auch immer Ihnen gerade durch den Sinn geht, ist ganz in Ordnung. Und wenn Sie so schauen und riechen und lauschen – vielleicht gibt es noch etwas, das wie das Tüpfelchen auf dem i wäre – wenn es das jetzt auch noch dort gäbe. So wie Sie es sich erlauben können, dies gerade für sich wahrzunehmen. Und wenn Sie einen Begriff oder eine Liedzeile oder ein Motto oder ein Symbol für diese Szene finden möchten, wie könnte die lauten? ... Und wenn Sie ein Souvenir aus dieser Szene mitnehmen könnten, etwas, das Sie immer erinnern könnte, dass es irgendwo auf der Welt bzw. in Ihrem Inneren diesen Ort gibt – was könnte das sein? Etwas, das es Ihnen erleichtern könnte, hierher zurückzufinden ... Denn der Ort ist ja da, nicht wahr, er ist irgendwo in Ihrem Inneren oder da draußen, wo auch immer Sie ihn haben wollen, und wenn Sie möchten, können Sie immer dorthin zurückfinden. Und lassen Sie sich ruhig Zeit, wenn Sie mögen, ihn noch etwas zu genießen. Wenn Sie später an diesen Ort in Ihrer Vorstellung zurückkehren möchten – können Sie sich eine Selbstberührung vorstellen, die Ihnen dies erleichtern könnte? Können Sie diese Bewegung vielleicht in Ihrer Vorstellung gerade einmal machen? Und dann ganz langsam, in Ihrem eigenen Tempo, den Weg zu finden, hierher in diesen Raum, wo Sie jetzt hier sitzen, spüren, dass Sie Füße haben und Beine und einen Po, einen Rücken, Arme und Hände, Schultern und Hals und einen Kopf – und die Augen öffnen, wenn es in Ordnung ist.“ Und wenn es in Ordnung ist, kann jede/r dann die Selbstberührung, die an den Sicheren Ort erinnern soll, einmal machen.

Übrigens: Kinder können den Sicheren Ort eher malen, als verbal beschreiben. Und dieses Bild irgendwo hinhängen, wo sie es oft sehen können.

Manchmal ist es traumatisierten Menschen zunächst nicht möglich, eine Vision zu entwerfen, in der sie ruhig sein können. Dies ist besonders bei akut traumatisierten Personen der Fall, wie ich es beispielsweise im Kosovo direkt nach dem Krieg 1999 erleben konnte, als ich dort kosovo-albanische Hebammen, Krankenschwestern, Sozialpädagoginnen und Ärztinnen ausbilden sollte, damit sie ihrerseits mit schwer traumatisierten Frauen und Kindern und Familien arbeiten konnten. All diese Frauen waren selbst durch den Krieg traumatisiert; die meisten hatten auch körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt; manche schon in der Kindheit durch männliche Angehörige, manche durch die marodierende serbische Soldateska wenige Wochen vor meinem ersten Einsatz dort. Der Versuch, ihnen eine „Sichere-Ort“-Übung beizubringen, scheiterte an ihrem Mangel an Konzentrationsfähigkeit trotz hoher Motivation. Die Gruppe der Auszubildenden war zu unruhig, schnell schweiften ihre Gedanken ab, sie konnten sich nur wenige Minuten konzentrieren. So entwickelte ich mit ihnen – und sie selbst in der Folgezeit mit ihren Schutzbefohlenen – eine Übung, die statt „Safe place“ so heißen könnte:

Safe activity

Was tun Sie manchmal gern? Einen Gemüseeintopf kochen? Einen Kuchen backen? Joggen? Den Garten bestellen? Das Auto waschen? Ihr Fahrrad warten? Was auch immer Sie gern tun, es besteht aus einer Reihe von Handlungsabläufen. Insgesamt sollte es sich um eine Tätigkeit handeln, die Ihnen wohlvertraut ist und gut von der Hand geht. Stellen Sie sich vor, wie Sie sich vorbereiten, diese Tätigkeit zu tun: Was brauchen Sie? Ziehen Sie sich dafür etwas Spezielles an? Benötigen Sie Werkzeug? Müssen Sie erst etwas besorgen, bevor Sie anfangen können? Wenn Sie in Ihrer Vorstellung alles beisammen haben, halten Sie bitte einen Moment inne, und dann fangen Sie ganz bewusst an, eines nach dem anderen zu tun, Schritt für Schritt. (In der Einzelarbeit wird genau besprochen, welche safe activity sich die Klientin herausgesucht hat, und die Therapeutin lässt sich Schritt für Schritt erzählen, was die Klientin jetzt tut, und was danach, bis die Handlung abgeschlossen ist.) Wenn Sie zum Ende kommen, und es ist Ihnen gut gelungen, das zu tun, was Sie tun wollten: Wie fühlen Sie sich? Wenn es angenehm ist: Wo können Sie das im Körper fühlen? Haben Sie noch andere angenehme Gefühle? Wenn Sie zufrieden oder froh sind oder wohlig erschöpft, woran können Außenstehende das merken? Kann man Ihnen ansehen, dass es Ihnen gut geht? Mögen Sie Ihr Werk, Ihren Erfolg mit anderen teilen? Was sagen die oder würden die sagen, wenn sie Sie mögen?

In Kulturen wie dem albanischen Kosovo ist das Gemeinschaftserleben sehr wichtig. Die Frauen brauchten die Rückversicherung der anderen Frauen, um sich wohlfühlen zu „dürfen“. Meiner Beobachtung nach ist das tendenziell unter Frauen auch bei uns so, daher ist das „gemeinsame Austauschen über das Erlebte“ nach den Gruppenübungen immer wichtig. Besonders Erfolge sollten miteinander gefeiert werden.

In Einzelfällen können Menschen nach Traumatisierungen so erheblich unter Konzentrationsstörungen leiden, dass es im ersten Schritt wichtig ist, die „safe activity“ buchstäblich und unmittelbar mit ihnen gemeinsam auszuführen. In einem Fall kann ich mich erinnern, dass eine Sozialarbeiterin mit einer Frau als Erstes in ihren Garten gegangen ist, der nach dem Monate dauernden Krieg noch recht brach lag. Schritt für Schritt und Beet für Beet sind sie vorwärts gegangen: „Was möchtest du hier pflanzen? Was hat letztes Jahr da gestanden? Welche Stauden und Blumen kommen wieder, welche waren einjährig oder sind eingegangen und du musst sie erneuern? Gibt es Blumen oder Gemüsesorten, die du gern auch noch dort hättest?“ Dann haben die Frauen gemeinsam eine Liste erstellt, sind auf den Markt gefahren, haben die Pflanzen gesetzt, die Beete gejätet ... Danach war die Klientin in der Lage, die Übung „Meinen Garten bestellen“ als Imagination durchzuführen.

Ein „Hit“ ist seit vielen Jahren – sowohl im Kosovo als auch in anderen europäischen Ländern – in meinen Workshops immer die folgende Übung:

Der innere Garten

Wenn Sie sich einen Garten ganz nach Ihrem Geschmack einrichten könnten, jetzt im Moment, wie würde gerade jetzt Ihr Garten aussehen? Wie groß wäre er? Welche Begrenzung hat er? Eher eine Mauer oder eine Hecke oder einen Zaun mit einer Tür? Können Sie sich den Zugang zu Ihrem Garten vorstellen? Das Tor oder die Tür zum Beispiel? Vielleicht sehen Sie den Garten von außen – und was auch immer Ihnen gerade durch den Kopf geht, ist in Ordnung. Und lassen Sie sich ruhig Zeit, durch das Gartentor oder die Tür oder den Eingang ganz bewusst hineinzugehen, die Schwelle zu überqueren ... Und wenn Sie es sich erlauben können, sich den Garten so vorzustellen, wie es Ihnen jetzt angenehm ist: Gibt es dort Ihren Lieblingsbaum? ... Und wenn es gerade eine angenehme Jahreszeit und schönes Wetter ist: Welche Blumen oder andere Lieblingspflanzen können Sie dort sehen? ... Können Sie sie auch riechen, wenn es Ihnen guttut, den Duft einzuatmen? Gibt es auch ein Wasser – einen Brunnen, Bach oder Teich oder See – in Ihrem Garten? ...

Könnten Sie sich vorstellen, in Ihrem Garten einen Ruheplatz einzurichten, wo Sie sich vielleicht vornehmen, nur nette Leute hineinzulassen? Vielleicht kennen Sie den Spruch: „Nur die Zarten kommen in den Garten, die Harten müssen draußen warten ...“, wenn Sie den Platz einrichten – vielleicht einen schönen Tisch und ein paar schöne Gartenstühle, vielleicht auch eine Schaukel und einen Spielplatz für ein Kind oder Kinder, wenn Sie das mögen –, können Sie ja vielleicht ganz liebevoll sein und sich vornehmen, dass Sie sich hier zuallererst wohlfühlen sollen, und nur dann andere Menschen durch das Gartentor oder den Eingang in Ihren Garten hineinkommen können, wenn Sie sie ausdrücklich dazu eingeladen haben ...

Vielleicht mögen Sie sich noch einmal bewusst umschauen: Gibt es noch etwas, das wie das Tüpfelchen auf dem i wäre, wenn es das jetzt auch noch hier in Ihrem Garten gäbe? Lassen Sie sich ruhig Zeit ...

Zum Schluss: Schauen Sie noch einmal, ob der Garten gut umgrenzt ist; vielleicht können Sie sogar dazu ein wenig die Vogelperspektive einnehmen: Ist der Garten gut eingezäunt oder hat er eine natürliche Grenze? Hat er eine angenehme Nachbarschaft, ist er gut eingebettet in die umgebende Natur? Ist es so in Ordnung, oder fällt Ihnen noch etwas ein, das Sie noch einrichten oder verändern möchten?

Schließlich alles noch einmal als Gesamtbild wahrnehmen, zum Gartentor oder Ausgang hinausgehen, sich umschauen, den Eingang wahrnehmen ...

Sie können ja jederzeit wieder in Ihren geheimen Garten, nur Sie wissen, wie man dort hinfindet, und Sie können dort hineinlassen, wen Sie möchten, und dieses Privileg auch wieder entziehen – in Ihren Garten dürfen nur die Netten oder Zarten ...

Vielleicht ist es gut, den Eingang deutlich zu markieren? Mit einer Tür oder einem Tor? Oder was auch immer Ihnen dazu einfällt ... Achten Sie darauf, dass Sie zum Schluss das Tor oder den Eingang zum Garten im Rücken haben, bevor Sie ganz allmählich, in Ihrem eigenen Tempo, zurückkehren in die aktuelle Wirklichkeit, hier in diesen Raum, wo Sie merken, dass Ihre Füße Kontakt mit dem Boden haben, dass Sie Beine haben und einen Po, vielleicht die Sitzunterlage spüren, ihren Rücken, Arme und Hände, Schultern, Hals und Kopf, und die Augen öffnen, wenn es in Ordnung ist ...

Ein Vorteil dieser Übung ist, dass man auf diese Weise, wenn man die Übung gut beherrscht, recht schnell etwas von sich „hinter sich durch das Gartentor in Sicherheit bringen“ kann, etwa wenn man verbal angegriffen wurde oder eine schwierige Situation vor sich hat. Man kann lernen, dass man in den eigenen Intimbereich (Garten, aber auch: Wohnung und sonstiges Privatleben!) nur Menschen lässt, die auch wirklich in Ordnung sind.

Was die Innenarbeit angeht, so kann man in einem weiter fortgeschrittenen Stadium:

Das innere Team in den inneren Garten einladen – ein Beispiel für „innere Konferenzen“

(zurück zu Abschnitt: Das „zweite Ressourcen-Team“)

Diese Übung kann vorbereitet werden

  1. durch die Gartenübung,
  2. durch die Visualisierung der aktuell wichtigsten eigenen Frage im Leben oder eines Problems, das gelöst werden soll.

Sich den inneren Garten zunächst wieder aus der Vogelperspektive oder von außen vorstellen, dann bewusst durch das Gartentor hineingehen. Dort den im Moment besten Ruheplatz finden; einen Tisch und Stühle visualisieren, und dann können Sie einige Anteile von sich, die Ihnen vielleicht jetzt helfen können, Ihre Frage zu klären, zu sich bitten und um den Tisch herum platzieren – Kinder wollen vielleicht auf einen Spielplatz, auf die Schaukel, und von dort aus zuhören und mitreden.

Innere Gestalten, die man so nach und nach herbeibitten kann (siehe auch Reddemann, 2001):

Vielleicht mögen Sie überprüfen, ob das alle sind, die im Moment hilfreich sein können, oder ob es noch jemanden gibt, der jetzt wichtig wäre und zum inneren Team gehört.

Themen sind hier: Sich kennenlernen und wertschätzen, vielleicht eine Frage oder ein Problem gemeinsam besprechen. Das innere Team kann sich entweder erst einmal gegenseitig vorstellen oder es kann – besser noch – die Frage bzw. das Problem von allen Seiten betrachten und Vorschläge zu einer Lösung oder Veränderung sammeln.