Kapitel 7:

Warum erleben viele Traumatisierte den Zwang, sich selbst zu verletzen?

„Ich blute, also bin ich.“

Kristin Teuber, 2000

Ähnlich wie Menschen mit chronischer Suizidalität (siehe voriges Kapitel), wenn sie denn ihre Gefühle auf ihren Ursprung zurückführten, sagen könnten: „Ich war dem Tod schon einmal so nahe – irgendein Zwang oder eine Sehnsucht führt mich immer dorthin zurück“, könnten die Menschen, die sich immer wieder selbst verletzen, auch sagen: „Es hat so furchtbar wehgetan. Und etwas zwingt mich, es immer und immer wieder zu wiederholen“ (Alderman, 1997).

Bücher aus den letzten Jahren, die sich mit dem Thema der Selbstverletzung auseinandersetzen, spiegeln diese Wahrheit wider: „Damit ich den inneren Schmerz nicht spüre“ heißt zum Beispiel ein Ratgeber für betroffene Frauen und ihre Angehörigen (Smith et al., 2000). „A bright red scream“ – ein hellroter Schrei – nennt Strong (1998) eine Analyse der Selbstverletzung als „Sprache des Schmerzes“. Und Teuber (2000) schließlich nennt ihren Ratgeber zum Thema kurz und knapp: „Ich blute, also bin ich.“

In allen Fällen stimmt die Erkenntnis mit der überein, die der französische Philosoph und Psychiater Pierre Janet vor rund 120 Jahren hatte:

„Ein Trauma, das man nicht realisiert, muss man wiedererleben oder reinszenieren.“
(Janet, 1889, siehe auch Levine, 1994)

Wer diese einfache Wahrheit verstanden hat, kann sich damit einiges erklären, was wir bei schwer traumatisierten Menschen – insbesondere bei Frauen nach sexueller Gewalterfahrung – häufig beobachten können: Sie kratzen, ritzen oder schneiden sich die Arme auf, drücken brennende Zigaretten auf ihrem Körper aus, schlagen mit dem Kopf gegen die Wand, verstümmeln sich im Genitalbereich oder an den Brüsten ... Und meist stehen Angehörige und oft genug auch Profis vor einem Rätsel: Warum macht sie das nur? Warum tut sie sich das selber an?

Reaktionen der Umwelt auf selbstverletzendes Verhalten reichen von Bagatellisieren („Sie kann nichts dafür“ – „Macht nichts, ein Pflaster drauf und Schluss“) über Entsetzen, Hilflosigkeit und Mitleid („O Gott, all das Blut!!“ – „Jetzt haben wir so oft darüber gesprochen, und nichts hilft – sie macht es trotzdem!“ – „Das muss doch schrecklich sein, sich selbst so etwas anzutun!“) bis hin zu Ärger, Wut und offenem Hass („Schon wieder!“ – „Die ist doch selbst schuld – wer so etwas macht, verdient kein Mitleid“ – „Na, dann wollen wir sie mal ohne Betäubung nähen, damit sie ordentlich Schmerzen hat, vielleicht kuriert sie das.“)

Gründe für selbstverletzendes Verhalten

Letztlich aber ist all dies Ausdruck der Ohnmacht angesichts eines Zwanges zur Selbstbeschädigung, der häufig keiner Veränderung zugänglich scheint. Außer der unmittelbaren Verbindung: Selbstverletzung ist eine Folge von Traumatisierung, gibt es häufig kein gemeinsames Muster aller Menschen – wie gesagt, meist sind es Frauen –, die sich selbst körperlichen Schaden zufügen. Sondern wir müssen genau hinsehen, um die vielen Gründe, Motive, Anlässe und Zwecke verstehen zu können.

Biologisch betrachtet ist die Sache ganz einfach: Mithilfe der Selbstverletzung „besorgt“ sich die Betroffene, aufgrund chronischer Traumatisierung unter einem dauernden Serotoninmangel leidend, körpereigene Morphine (sogenannte Endorphine). Und biologisch orientierte Psychiater überlegen bis heute – und haben viele Forschungsgelder darin investiert –, ob die „Kur“ nicht einfach darin bestehen könnte, der Patientin ein bestimmtes Medikament zu geben (etwa Naltrexon, einen Morphin-Antagonisten), um damit den Selbstverletzungsdruck zu verringern (siehe u.a. Russ et al., 1994; Simeon et al., 1992; Winchel & Stanley, 1991). Dieser Ansatz kann aber nicht erklären, warum es weit überwiegend Frauen sind, die zum Mittel der Selbstverletzung greifen. Die Frage ist also: Warum?

Warum überwiegend Frauen?

Während die Umstehenden oft hilflos auf einen vollendeten Akt der Selbstverletzung reagieren, haben viele Selbstverletzerinnen ein ganz anderes Gefühl, das sie selten so formulieren, sondern eher nonverbal zum Ausdruck bringen: Sie betrachten Selbstverletzung als vorletzten Akt von Autonomie. Der letzte mögliche autonome Akt ist nach dieser Logik der Suizid.

Wieso Autonomie? Offenbar ist mithilfe der Selbstverletzung ein eigenes Handeln, eigenes Eingreifen, eine Form von „Ich bestimme!“ möglich, das die Betreffende auf keine andere Weise erreichen kann.

So dient Selbstverletzung einem wesentlichen Zweck, der meist unbewusst ist: die Kontrolle über Affekte, also Gefühlszustände, zu bekommen. Kontrolle in dem Sinn, der traumatisierenden Grunderfahrung nicht mehr so hilflos ausgeliefert zu sein.

Nicht nur der Hintergrund, sondern auch der jeweilige Auslöser für einen Akt von Selbstverletzung ist Stress. Das ist bei chronisch sich selbst verletzenden Menschen nicht anders als bei Menschen, die sich selten und „zufällig“ schneiden oder verbrennen. Doch was bei „Normalos“ aus Unachtsamkeit, Fahrigkeit oder dem Zwang, mehrere Dinge auf einmal tun zu müssen, passiert, ist bei chronischen SelbstverletzerInnen ein eingespieltes Muster der Stressbewältigung, das bis zu ausgeklügelten Ritualen gehen kann.

Wir alle tun nicht nur vieles, um unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden zu erhalten. Sondern die meisten Menschen greifen zumindest hin und wieder zu Mustern der Stressbewältigung, die nicht unbedingt förderlich sind: das Glas zu viel abends nach einem anstrengenden Tag; das exzessive Arbeiten, um dem privaten Konflikt aus dem Weg zu gehen; das Schlucken von Beruhigungs-, Schmerz- und Schlafmitteln, statt sich mit den Gründen der Unruhe und der Schmerzen zu beschäftigen; das Rauchen; die Partydrogen; der „geklaute Lippenstift“; die Sportexzesse, nach denen Blessuren zurückbleiben; die Süssigkeitenorgien; der Konsumrausch nach stressreichen Arbeitswochen – der Möglichkeiten, sich direkt oder indirekt zu schädigen, gibt es viele.

In meinen Ausbildungskursen spreche ich manchmal über eine von Sigmund Freuds umstrittenen Trieb-Theorien, nämlich dass wir Menschen nicht nur mit einem „Eros“ – einem Lebenstrieb – gesegnet seien. Wobei „Eros“ für Freud nicht nur Erotik und Sexualität bedeutete, sondern auch Lebenserhaltung, Freude, Selbstschutz und Selbstfürsorge sowie alle Handlungsmotive, die lebensschaffend und lebenserhaltend sind. Nach Freud verfügen wir auch über einen „Thanatos“ – einen Todestrieb, bei dem (Selbst-)Vernichtung, (Selbst-)Schädigung und „Böses tun“ im Zentrum stehen.

Anschließend erzähle ich zum Beispiel, dass ich selbst, als ich noch rauchte, ideologisch mein Rauchen so gerechtfertigt habe: „Raucher sind einfach die interessanteren Menschen.“ Und äußere die Vermutung, dass zu den beliebtesten Selbstbeschädigungen diejenigen zählen, die sozial integrativ sind oder zumindest sozial anerkannt werden: Zu viel arbeiten, sich zu viel um Bedürftige kümmern sowie einige der oben genannten Alltags-Selbstschädigungen können dazu dienen, in einer Gruppe von Gleichgesinnten anerkannt zu sein.

Dann gebe ich den KollegInnen als Kleingruppenarbeit auf, darüber zu sprechen, was sie selbst tun, um sich „zugrunde zu richten“. Diese Übertreibung und das gemeinsame Lachen lassen viele befreit manche eigenen – ansonsten verschämt verschwiegenen – Selbstbeschädigungen äußern. Zumindest die Formen von Selbstverletzungen, die sozial anerkannt sind: zu viel arbeiten, sich von Bedürftigen nicht abgrenzen ...; manche trauen sich auch an die Süßigkeiten-Orgien, das „Glas zu viel“ oder ihr Rauch-Muster ...

Diese gemeinsamen Gespräche über eigene problematische Verhaltensweisen fördern das Verstehen der – häufig sehr viel radikaleren – Verhaltensweisen von traumatisierten Klientinnen.

Selbstverletzung dient der Stressbewältigung

Um welche Art von Stress geht es bei traumatisierten Menschen? Zum einen kann es sich um einen aktuellen, äußeren Stress handeln. Sehr häufig sind es Beziehungsprobleme oder -konflikte, die Selbstverletzung auslösen. Oder etwas, das sie in unangenehmer Weise erinnert an Ereignisse, an die sie nicht erinnert werden wollen. Ereignisse, die mit eigenen Gewalterfahrungen zusammenhängen.

Oder es sind innere Auslöser wie etwa: ein gegebenes Versprechen nicht einhalten können; ein Jahrestag einer Traumatisierung; ein schwelender und sich zuspitzender innerer Konflikt, ein gebrochenes Schweigegebot (etwa, indem sie in der Therapie von Gewalterfahrungen gesprochen haben, die sie laut Täter niemandem erzählen dürfen) ...

Von der Psychodynamik her hat die Selbstverletzung eine Doppelfunktion und ist somit Ausdruck eines inneren Konflikts. Es geht darum,

und gleichzeitig

Damit hat Selbstverletzung – um noch einmal Pierre Janets frühe Erkenntnis zu zitieren – die klassische Bedeutung eines Symptoms: Es ist eine sekundäre fixe Idee, die von der primären fixen Idee ablenken soll: dem unbewältigten Teil der vergangenen (Trauma-)Erfahrung. Und wie bei jeder „Symptom-Trance“ ist auch bei der Selbstverletzung die Dissoziation der entscheidende Faktor.

Der Ablauf einer solchen Selbstverletzungs-Attacke sieht in der Regel so aus:

  1. Ein Auslöser tritt auf (z. B. Streit mit dem Freund).
  2. Sie bekommt unangenehme Gefühle (Angst, verlassen zu werden, und gleichzeitig Wut auf den Freund).
  3. Sie denkt schlecht über sich, wobei ihre Gedanken generalisieren: Von dem Ereignis aus werden sie immer allgemeiner und immer selbstkritischer bis selbstzerstörerisch. („Ich bin’s ja auch nicht wert, dass er bei mir bleibt.“ „Alle Leute können mit mir machen, was sie wollen – für die bin ich einfach nur Dreck.“)
  4. Sie zieht sich von diesen unangenehmen Gefühlen und Gedanken zurück, indem ihre Gedanken beginnen, um die „fixe Idee“ der Selbstverletzung zu kreisen. („Da im Bad – ach, meine Haut ist mir zu eng – die Rasierklinge – nein, nicht schon wieder – doch, ich muss, muss, muss es einfach tun.“)
  5. Sie dissoziiert zunehmend – und von da an hat sie den Auslöser bereits vergessen. („Ah, ich schneide, da ist das Blut; so, jetzt ist es gut.“)
  6. Wie heißt es so schön: Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg. Die Dissoziation hat, zusammen mit dem Schneiden, ein positives Gefühl erzeugt, nämlich Erleichterung, Entspannung, Wohlgefühl. Damit ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ein Verhalten, das so „konditioniert“ wurde, häufig wiederholt werden wird.
  7. Leider bleibt es nicht bei dem guten Gefühl, denn sie sieht ihre aufgeschnittenen Arme an, kommt dabei allmählich aus der dissoziativen Trance heraus und sieht: „Oje, ich habe es schon wieder getan.“ Vielleicht muss die Wunde sogar genäht werden, was die aufkommenden Scham- und Schuldgefühle noch verstärkt.
  8. Wenn der dadurch entstehende Druck zu groß wird – vielleicht fällt ihr jetzt auch wieder der Streit mit dem Freund ein –, dann kann eine Abwärtsspirale in Gang kommen: Wieder wird sie schlecht über sich denken, wird dissoziieren, sich schneiden ...

Als Symptom hat Selbstverletzung häufig den Charakter einer Sucht. Das Ablaufschema der Selbstverletzung spricht dafür:

Ähnlich wie bei anderen Süchten oder Zwängen wird Selbstverletzung oft schamvoll versteckt gehalten: Die langärmelige Bluse soll auch im Hochsommer den zerschnittenen Arm verdecken; das zwanghaft herbeigeführte Erbrechen nach heimlichem Fressanfall wird als „Magenverstimmung“ erklärt; Schnitte und Verbrennungen werden sich an Stellen zugefügt (Bauch, Genitalbereich, Innenseite der Oberschenkel), die von Außenstehenden normalerweise nicht zu sehen sind ...

Und – der Widersprüche gibt es viele – gleichzeitig enthält die Selbstverletzung (wie übrigens ja auch der Suizidversuch) einen nonverbalen Hilfeschrei: Sieh mal, es geht mir so schlecht, dass ich mich zum Krüppel verstümmele; oder so dünn werde, dass ich zum Skelett abmagere, oder ...

Der Hilfeschrei kann auch noch konkreter sein: Sieh mal, ich werde immer noch misshandelt und muss mit der Selbstverletzung ein Zeichen setzen ... Kinder und Frauen, die noch in Misshandlungszusammenhängen leben, verwenden häufig Selbstverletzung in dieser Signalfunktion. Tatsächlich reagiert die Umwelt aber leider oft mit Irritation, Ärger und Unverständnis auf diese Art von Zeichen.

Bei stark gespaltenen dissoziativen Klientinnen bedeutet die Selbstverletzung oft auch: „Sieh mal, bei ,uns‘ innen ist ein Täterintrojekt tätig und hat ein inneres sado-masochistisches Folterritual (re-)inszeniert!“

Manchmal geht es auch um eine direkte Wiederholung externer früherer Gewalterfahrung: Das Messer in die Scheide stoßen anstatt des Penis früher; die Brennsalbe auf den Schamlippen erinnert an den brennenden Schmerz im Genitalbereich nach der Vergewaltigung; die verstümmelten Brustwarzen erinnern an die Bisswunden dort, die Täter ihr zugefügt haben; die Würgemale nach der Strangulierung erinnern an die Male von den Händen des Täters; die Wunden dürfen nicht heilen, weil sie damals auch so lange unversorgt blieben und im Grunde – zumindest seelisch – heute noch nicht verheilt sind ...

Selbstverletzung nach sexueller Gewalt wiederholt häufig das Eindringende und Zerstörende der Gewalterfahrung: die Schnitte und Stiche durch die Haut, tief nach innen, schwärend ...

Selbstverletzungen nach sexualisierter Gewalt

Besonders problematisch sind Selbstverletzungen nach sexualisierter Gewalt, während derer die Betroffene dem Tode auch durch körperliche Verletzung sehr nahe war. Erfahrungsgemäß gibt es bei einigen der Überlebenden von „Near-Death-Experiences“ (Todesnäheerfahrungen) einen sehr starken Druck, die Todesnähe zu wiederholen (Silk et al., 1995).

Wiederholt werden auch der Hass und die Verachtung des Täters für das Opfer. Der Täter benutzte die Überlebende zu seiner Befriedigung wie einen Gegenstand, und statt sich selbst dafür zu hassen, hasst und verachtet er das Hilflose und Ausgelieferte in seinem Opfer. Dies führt oft zu dem Gefühl bei dem Opfer/der Überlebenden, nur „Müll“ zu sein, „beschmutzt und besudelt“ zu sein, verachtenswert zu sein – und diese Gefühle können Selbstverletzungsattacken auslösen.

Schon damals, als sie – etwa in der Familie – in der Hand des oder der Täter war, hat sie unter Umständen schon Selbstverletzung benutzt, als einziges Mittel, um „Nein“ zu sagen. Vielleicht hat sie sich unattraktiv machen wollen: unförmig dick; oder spillerig dünn; oder mit schwärenden Wunden; oder narbenübersät ... Ich habe sogar mehrfach Frauen kennengelernt, die sich als Form der Selbstverletzung immer wieder die Vagina zugenäht haben – auch noch Jahre nach der letzten Vergewaltigung!

Es gibt fließende Übergänge zwischen dem traumawiederholenden Charakter von Selbstschädigung und der Selbstverletzung als Täterverhalten. Etwa wenn die Betroffene „russisches Roulette“ mit sich selbst spielt: Sich in eine Badewanne voller Rasierklingen legt und zusieht, wie sich die Wanne mit ihrem Blut füllt, und erst versucht aufzustehen, wenn sie merkt, dass sie es gleich nicht mehr kann; wenn sie sich häufig in Extremsituationen begibt, bei denen sie „draufgehen“ könnte; wenn sie sich mithilfe von „Rekorden“ in ihren Verletzungsritualen (mindestens einen Liter Blut abzapfen, mindestens einmal ohnmächtig geworden sein etc.) quält; wenn sie andere dabei hilflos zusehen lässt, wie sie sich verletzt (die eigenen Kinder; PartnerIn, FreundIn; TherapeutIn ...), und ihnen jede Hilfs- und Eingriffsmöglichkeit verweigert.

Das radikalste Selbstverletzungsverhalten als Täterverhalten ist der „erweiterte Suizid“, bei dem der oder die TäterIn das eigene „Draufgehen“ damit kombinieren, andere Menschen (Kinder, Zivilisten, Unschuldige) mit in den Tod zu reißen. Hier wird die eigene Verzweiflung kombiniert mit einer angeblich „richtigen Sache“: die Kinder oder andere Menschen sollen nicht ins Heim oder vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt werden; die Tat soll ein politisches Fanal sein ...

Therapieprobleme

Viele schwer traumatisierte Menschen haben ohnehin das Gefühl, als seien sie chronisch misshandelte und zu kurz gekommene Außenseiter. Die Gesellschaft interessiere sich nicht für sie, im Gegenteil, quäle sie ständig aufs Neue mit Forderungen, die sie nicht bewältigen können. Wie oft habe ich KlientInnen sagen hören: „Immer muss ich büßen! Erst wurde ich gequält, vergewaltigt und habe kaum überlebt. Jetzt muss ich auch noch meine Therapiekosten bezahlen und gelte als ,gestört‘!“ Nach dieser Logik wird dann auch die TherapeutIn zur TäterIn, wenn sie sagen muss, dass die Kassenfinanzierung ausläuft und entweder die Therapie beendet wird oder die KlientIn selbst die Kosten tragen muss. „Ich habe aufgrund der jahrelangen Gewalterfahrungen nicht die Ausbildung und Abschlüsse machen können, die ich von der Intelligenz oder meinen Fähigkeiten her hätte machen können – nun krebse ich mit sehr wenig Geld herum und muss auch noch die Therapiekosten zahlen!“ Manchmal wird die Selbstverletzung wie auch andere Torpedierungsversuche der Therapie dann von einer KlientIn eingesetzt, um sich an der Gesellschaft oder der „TäterIn TherapeutIn“ zu rächen.

Umgekehrt reagieren dann viele TherapeutInnen – wenn sie, wie es nur allzu oft geschieht, in eine der zahlreichen Übertragungs- und Gegenübertragungsfallen der Traumaarbeit geraten sind – ihrerseits mit Täterverhalten: Sie werden zynisch, beschuldigen die Überlebende, schuld an ihrer Misere zu sein, machen sich über sie lustig, beschimpfen und demütigen sie.

Ärztinnen geraten besonders leicht durch ihr notwendig gewordenes Verhalten in die Tätersituation, und manche agieren dann auch ihre Wut an der Patientin aus: Wenn eine Ärztin einer Frau einen Magenschlauch in den Mund zwingt, wenn sie sie künstlich ernähren, ihre Wunden vernähen, sie katheterisieren muss (weil die Patientin z. B. durch Hungern oder Nicht-Trinken oder Drogen oder Medikamentenehmen oder Schneiden etc. ärztliche Hilfe benötigt) und die Ärztin sie dabei grob verletzt, nicht sterilisiertes Material verwendet, wenig sorgfältig arbeitet oder den Eingriff ohne Betäubung vornimmt; wenn sie ohne Versuch, die Patientin zu beruhigen, sie anbindet oder Pflegepersonal anweist, sich nicht von der Patientin „verarschen“ zu lassen, etwa auf ihr Klingelzeichen nicht zu reagieren, wenn sie ...

Glücklicherweise reicht mein Erinnerungsvermögen gar nicht aus, all die brutalen Übergriffe zu schildern, die Klinikpersonal und Ärztinnen sowie Psychotherapeutinnen an Selbstverletzerinnen begangen haben und die mir im Laufe meiner Berufstätigkeit geschildert wurden. Der „Overkill“ an Täterverhalten ist für Überlebende sexueller Gewalt natürlich die erneute Vergewaltigung, diesmal durch jemanden, an den oder die sie sich hilfesuchend gewendet haben. Leider kommt auch das wesentlich häufiger vor, als wir das für möglich halten möchten. Und dann kann es auch ein selbstverletzendes Verhalten sein, wenn die Klientin oder Patientin immer weiter zu diesem Arzt oder Therapeuten geht und sich sexuell und/oder emotional oder verbal misshandeln lässt, weil sie meint, es nicht besser verdient zu haben oder selbst an ihrer Misere schuld zu sein.

Und schließlich gibt es noch eine Gelegenheit, und zwar in allen Phasen der Psychotherapie, dass plötzlich (noch einmal) Selbstverletzung auftreten kann:

Wenn Selbstverletzung der einzige Ausdruck dafür ist, dass die Klientin überfordert ist, dass zu schnell zu viel Traumamaterial aufgedeckt oder durchgearbeitet wurde. Auch hier wird deutlich, dass Selbstverletzung häufig anstelle eines verbalen „Neins“ oder „Stopps“ auftritt und eine Grenze markieren kann, die in der Therapie überschritten wurde. Es wurde zu intim, zu überflutend, zu eindringend, zu viel ...

In jedem Fall sollte Selbstverletzung für die Therapeutin ein wichtiges Signal sein. Irgendetwas will die Klientin aussagen, und zwar etwas sehr Wesentliches. Und sie sollte verstanden werden, damit gemeinsam andere, weniger schädigende Versuche unternommen werden können, um Stress abzubauen und sich Gehör zu verschaffen. Ein wichtiger Satz ist hier: „Lass deine Gefühle sprechen, nicht handeln!“ Eine der wesentlichen Aufgaben von Psychotherapie kann darin bestehen, die Signale der Selbstverletzung zu hören, zu verstehen – und die Selbstverletzung in konstruktives Stresscoping zu verwandeln. Im Band „Wege der Traumabehandlung“ werde ich einige Möglichkeiten hierzu vorstellen.

Nachwort und Ausblick

„Wenn wir Amerikaner heutzutage in die Welt hinausgehen, um Menschen auszulöschen, die sich im Recht fühlen, dann werden immer noch ihre Kinder da sein ... Manchmal denke ich, es müssten Menschen sein, die sich an den Zweiten Weltkrieg und an den Holocaust erinnern, die uns aus dieser Sackgasse herausführen können. Menschen, die das Extrem, das Inferno, gesehen haben. Dann wieder scheint mir, dass jeder vernünftige Mensch einsehen muss, dass Gewalt die Welt nicht ändert ... Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass wir von der Moderne weiter entfernt sind als je zuvor.“

– Martin Scorsese, 2003

Vielleicht braucht es als Amerikaner heutzutage einen Hollywood-Regisseur, um simple, aber wichtige Wahrheiten auszusprechen. Auch wenn dieser natürlich ein besonderer ist: Scorsese ist in New Yorks „Little Italy“ groß geworden. Er kennt kleine, sehr kleine Verhältnisse. Und manche seiner besten Freunde waren bei der Mafia, von der er selbst sich nicht nur stets fernhielt, sondern die er auch in seinen Filmen entlarvend porträtierte (z. B. in „Goodfellas“).

Hier sind Sie nun beim Nachwort dieses Buches angekommen. Wie mag es Ihnen unterwegs ergangen sein? So, wie Sie in diesem Buch an vielen Stellen die Autorin erkennen können – nicht unbedingt immer in den schmeichelhaftesten Situationen, oft durchaus ratlos, ohnmächtig, verzweifelt oder auch wütend –, so hatte ich Sie im Blick, als ich schrieb.

Auch ein Buch ist eine Möglichkeit der Begegnung, wenn auch noch so indirekt.

Vielleicht hat es Sie gewundert, möglicherweise sogar manchmal gestört, dass ich das Prinzip der „neutralen Berichterstattung“ (die ja tatsächlich niemals neutral ist, sondern oft nur so tut) gelegentlich bewusst verlassen habe. Und doch habe ich versucht, Sie vertraut zu machen mit hunderten von Forschungsergebnissen und mit der Essenz von Abertausenden von Therapiestunden, meinen und denen von KollegInnen, die mit Traumaüberlebenden arbeiten. Unumwunden gebe ich zu, dass ich versuche, Sie von manchem zu überzeugen, während ich vor anderem warne.

Lassen Sie mich zum Schluss auflösen, warum ich diese persönliche Erkennbarkeit gewählt habe: Weil ich möchte, dass Betroffene dieses Buch auch so lesen können, dass es sie ermutigt. Und weil meiner Erfahrung nach nur so überhaupt ein Kontakt von Nicht-Betroffenen zu den früh und langjährig traumatisierten Menschen möglich ist: Wir Helferinnen müssen uns um eine Begegnung bemühen und uns selbst dabei zeigen.

Eine Freundin hat mir einmal erzählt, wie sie im Tierheim einen riesigen, höchst aggressiven und scheuen Hund unter der Bank hervorlocken konnte, unter der er sich verkrochen hatte: Sie traute sich in den Käfig und blieb viele Stunden auf der Bank sitzen, reglos. Anfangs knurrte der Hund, zog sich immer weiter unter die Bank zurück; und meine Freundin wurde gewarnt, der Hund könne sie anfallen. Doch sie blieb einfach sitzen. Einen Arm ließ sie nach unten baumeln, die Hand nach hinten geöffnet, sodass der Hund ihren Duft auch aus der Entfernung aufnehmen konnte. Kurz bevor das Tierheim schließen wollte, spürte meine Freundin eine feuchte Nase, die ihre Hand berührte ...

Ein männlicher Vorbesitzer hatte den Hund halb tot geschlagen. Deshalb war er so extrem scheu. Doch obwohl er hinkte und (vor allem natürlich gegen Männer) aggressiv war, wurde er durch die geduldige Kontaktaufnahme meiner Freundin vor dem Einschläfern bewahrt; sie konnte ihn noch einige Jahre begleiten (oder er sie), und ich durfte diesen wunderbaren Hund auch einmal kennen lernen.

Was ich mit dieser Geschichte sagen möchte, ist offensichtlich: Wenn wir TraumatherapeutInnen uns nicht „erkennbar machen“, dann bekommen wir kein Vertrauen von schwer verstörten und gequälten Lebewesen, und da sind misshandelte Menschen nicht anders als ein verstörter Hund. Ob dieser die „Duftmarke“ des gutwilligen Menschen riechen oder ob ein Mensch auf andere Weise das Wesen des Gegenübers aufnehmen muss: In jedem Fall öffnen sich Lebewesen, die von Menschen gequält sind, einem anderen Menschen nicht, ohne dass dieser Vorleistungen erbringt, in diesem Fall zulässt, sich „erspüren zu lassen“. Übrigens geht das nicht dann besonders gut, wenn man sich selbst als „toll“ darstellt. Sondern indem man sich aufrichtig zeigt.

Traumatherapie ist vielleicht die herausforderndste Art überhaupt, wie Psychotherapie stattfinden kann und muss. Manche Kolleginnen werden über solche Worte die Nase rümpfen: nicht abstinent genug. Da möchte ich widersprechen: Es geht nicht um eine (pseudo-)objektive Abstinenz. Sondern um empathische Abstinenz. Wir dürfen uns als Behandlerinnen nicht verwickeln lassen in die Konflikte und Beziehungsdramen der Klientin. Doch wir müssen ohne Wenn und Aber an ihrer Seite sein, ihre Not ernst nehmen und ihr warm und respektvoll begegnen. Wer versucht, sich als Persönlichkeit „herauszuhalten“, wird das Vertrauen der durch und durch misstrauischen Menschen nicht bekommen. Wer eine Klientin betrachtet wie ein Insekt unter dem Mikroskop, wird zu tieferen Schichten ihres Wesens nicht vordringen dürfen. Denn eines haben die meisten früh traumatisierten Menschen gelernt: freundlich sein, so tun als ob, eine Fassade wahren, ein bisschen anbieten, beschwichtigen, sich unterwerfen – und ansonsten schauen, wie sie durchkommen.

Wenn wir in der Therapie mehr wollen als das, müssen wir von Seiten der TherapeutInnen aktiv etwas dafür tun.

Womit ich Sie auf den zweiten Band: „Wege der Traumabehandlung“ neugierig machen möchte. Hier sind die Überschriften der Kapitel, die Sie in diesem Band erwarten:

Kapitel 9: Wann ist es Zeit für Traumatherapie – und wann nicht? 

Kapitel 10: Ethische Grundhaltungen der Traumaarbeit 

Kapitel 11: Wieso brauchen Frauen und Männer verschiedene Therapien? 

Kapitel 12: Ambulante und/oder stationäre Traumatherapie?

Kapitel 13: Wieso beginnt Traumatherapie mit Stabilisierung und Ressourcen-Aktivierung?

Kapitel 14: Was heißt hier Täter-Opfer-Spaltung?

Kapitel 15: Was ist in der Traumatherapie mit rituell misshandelten Menschen zu beachten?

Kapitel 16: Wie lässt sich das Trauma-Schema verändern?

Kapitel 17: Wie lernt man, mit Flashbacks, Täterintrojekten und anderen heftigen Gefühlen umzugehen? 

Kapitel 18: Und nun die Trauma-Durcharbeitung 

Kapitel 19: Psychohygiene – die Mitempfindens-Müdigkeit verhindern

Hinzu kommt wieder eine Literaturliste mit Leseempfehlungen zu den genannten Kapiteln.

Dieser zweite Band wird naturgemäß noch sehr viel praxisnäher sein. In diesem hier mussten Sie sich durch viel Theorie hindurcharbeiten. Doch ich bin davon überzeugt, dass wir beides brauchen: eine fundierte und wissenschaftlich überprüfbare Basis – und eine mitmenschliche, persönliche Begegnung.

Es würde mich sehr freuen, wenn Sie auch dem zweiten Band Ihre Aufmerksamkeit schenken, und ich bedanke mich herzlich dafür, dass Sie diesen hier gelesen haben.

Michaela Huber
Göttingen/Kassel im Frühling 2003

Internetressourcen

(zurück zu: Kapitel 5 – Welche Diagnosen kann man nach Traumata bekommen, und was taugen sie?)

Internetressourcen für Betroffene, interessierte Laien und Profis aller Berufsgruppen

Unter www.fifap.de finden Sie Links zu folgenden Themen:

Internetressourcen für Expertinnen und Praktikerinnen

Unter www.fifap.de finden Sie Links zu folgenden Themen:

Zu dissoziativen Störungen:

www.dissoc.de

Anhang 6:

Fragebogen zur rituellen Gewalt an Kindern (von Pamela Hudson)

Übersetzt von Thorsten Becker

(zurück zu Kapitel 8: Abschnitt – Hinweise auf rituelle oder Kultmisshandlungen)

A. Symptom-Cluster bei jungen Opfern

1. Agiert das Kind zwanghaft erotisches Verhalten aus, z. B. durch Nachspielen sexueller Handlungen ?

Ja

Nein

Anmerkungen:

2. Entwickelt das Kind eine plötzliche Furcht vor Regen, dem Badezimmer, Baden oder Haarewaschen?

Ja

Nein

Anmerkungen:

3. Hat das Kind Albträume, nächtliche Furcht (Schreien, Sitzen im Bett und Nichterkennen der Eltern) oder nächtliche Schweißausbrüche?

Ja

Nein

Anmerkungen:

4. Entwickelt das Kind eine extreme Angst davor, von den Eltern getrennt zu werden? Weigert sich das Kind plötzlich, in die Schule oder den Kindergarten zu gehen?

Ja

Nein

Anmerkungen:

5. Entwickelt das Kind plötzlich ein überagressives Verhalten oder hat es Stimmungsschwankungen („Koller“) oder widersetzt es sich oder stört beim Lernen in der Schule?

Ja

Nein

Anmerkungen:

6. Hat das Kind plötzlich eine Essstörung entwickelt/seine Essgewohnheiten verändert, z. B. indem es sich weigert, Fleisch, Spaghetti, Ketchup, Tomaten zu sich zu nehmen?

Ja

Nein

Anmerkungen:

7. Zeigt das Kind Furcht, wenn es Zeit ist, ins Bett zu gehen, weigert sich, alleine zu schlafen, entwickelt eine Furcht vor Dunkelheit oder weigert sich, ins Bett zu gehen?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

8. Muss sich das Kind häufiger ohne ersichtlichen Grund übergeben? Klagt das Kind häufiger über Bauchschmerzen?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

9. Gab es eine gründliche, beweissichernde Untersuchung durch einen im Bereich von sexuellem Kindesmissbrauch/Kindesmisshandlung erfahrenen Arzt/Pädiater mit Untersuchungsergebnissen, die denen sexueller Übergriffe entsprechen?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

10. Hat sich das Verhalten des Kindes auf der Toilette plötzlich verändert oder umgekehrt? Kotet oder nässt das Kind ein?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

11. Erscheint das Kind zeitweise verwirrt/benommen, unter Drogen gesetzt oder erschöpft, wenn es aus dem Elternhaus, dem Kindergarten oder der Schule kommt?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

 

B. Aussage über sexuelle Übergriffe

1. Berichtet das Kind von Gruppensex unter Kindern oder davon, von anderen Kinder belästigt worden zu sein?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

2. Berichtet das Kind, von fremden Erwachsenen, Mitarbeitern des Kindergartens/der Schule oder von Babysittern belästigt worden zu sein?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

 

C. Aussagen über physische oder psychische Misshandlung

1. Berichtet das Kind davon, in einem Käfig oder „Gefängnis“ eingeschlossen worden zu sein?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

2. Berichtet das Kind davon, dass die MisshandlerInnen damit gedroht haben, seine Eltern, Geschwister oder Haustiere zu töten, wenn es „erzählt“?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

3. Berichtet das Kind davon, in eine Kiste oder einen Sarg eingesperrt worden zu sein?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

4. Berichtet das Kind davon, unter Wasser gehalten/gedrückt worden zu sein?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

5. Berichtet das Kind davon, mit Pistolen oder Messern bedroht worden zu sein?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

6. Berichtet das Kind davon, oral oder über eine Injektion mit Nadeln („gepiekt“) Drogen verabreicht bekommen zu haben?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

7. Berichtet das Kind davon, während des Missbrauchs/der Misshandlungen fotografiert oder gefilmt worden zu sein?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

8. Berichtet das Kind davon

– mit Stricken, Drähten oder Kabeln gefesselt,

– an Haken gehängt,

– in Schränke gesperrt,

– auf ein (auf der Spitze stehendes) Pentagramm gelegt

– oder an ein umgekehrtes Kreuz gefesselt worden zu sein?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

9. Beschreibt das Kind, dass die MisshandlerInnen Roben oder/und Masken sowie Kerzen getragen haben?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

10. Beschreibt das Kind, verkleidet an einer (Schein-)Hochzeitsfeier teilgenommen zu haben?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

11. Berichtet das Kind davon, dass auf es uriniert und gekotet wurde? Berichtet das Kind, dass es Kot und/oder Urin zu sich nehmen musste?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

12. Beschreibt das Kind das Quälen und Töten von Tieren (dies kann auch das Trinken von Tierblut beinhalten)?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

13. Beschreibt das Kind, dass es operiert worden ist oder das „irgendetwas“ mit seinem Körper gemacht wurde, irgendetwas, dass das Kind weder verändern noch kontrollieren kann?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

14. Beschreibt das Kind die Folterung und sexuellen Übergriffe auf sich selbst oder andere?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

15. Beschreibt das Kind, dass kleine Kinder und Babys getötet, zerteilt und von Ritualteilnehmern gegessen wurden und dass es manchmal daran teilnehmen musste? (Der Untersuchende sollte das Kind dahingehend befragen, ob das Kind gesehen hat, dass Jugendliche oder Erwachsene getötet und gegessen wurden; dies ist von Kindern in einigen Fällen berichtet worden.)

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

16. Berichtet das Kind davon, aus der Einrichtung mit einem Auto, Flugzeug, Hubschrauber, Boot oder einem ungewöhnlichen Fahrzeug/Transportmittel fortgebracht worden zu sein?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

17. Beschreibt das Kind, dass es zu Kirchen, anderen Tageseinrichtungen oder Friedhöfen gebracht wurde, um es zu terrorisieren, zu foltern oder sexuelle Übergriffe zu begehen?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

18. Beschreibt das Kind, dass es an unterirdische Plätze wie Höhlen, Krypten, „dem Loch“ oder Tunneln gebracht wurde, um es noch weiter zu terrorisieren, zu foltern oder sexuelle Übergriffe zu begehen?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

19. Spricht das Kind von einem „Popomann“ oder einer „Badefrau“ bzw. „Waschfrau“?

Ja

Nein

Nicht angegeben, aber:

 

Zusatzinformationen

Ausstellungsdatum:

Gegenwärtiges Alter des Kindes:

Geschlecht:

Kind hält sich auf bei:

1. Eltern

2. Verwandten

3. Pflegeeltern

4. Einrichtungen (Name, Ort?)

Vermutete/Angegebene Dauer des Missbrauch der Misshandlung: von _/_ bis _/_ 

Alter zum Zeitpunkt des Missbrauchs/der Misshandlung: 

Alter zum Zeitpunkt der ersten Offenbarung:

Kind wird/wurde wegen Missbrauch/Misshandlung behandelt: Wenn nein – warum nicht?

Beschuldigte Täter: 

– einer/mehrere

– männlich/weiblich/beides

– Verwandte/Freunde/Fremde

– Rasse/Hautfarbe:

Ort der geschilderten Misshandlung:

1. Zu Hause

2. Schule

3. Vorschule

4. Kindergarten

5. erweiterte Familie

6. Sommerlager

7. kirchliche Einrichtung

8. andere

– Untersuchung durch Strafverfolgung?

– Täter ermittelt?

– Täter verurteilt?

– Person, die den Fragebogen beantwortet hat:

Beziehung zum Kind:

Name:

Straße:

Postleitzahl, Ort:

Bundesland:

Telefon:

Veröffentlicht in: 

Pamela Hudson;

Ritual Child Abuse – Discovery, Diagnosis and Treatment; Saratoga, 1991; S. 31–38


Copyright © Junfermannsche Verlagsbuchhandlung, Paderborn 2003
2. Auflage 2005
3. Auflage 2007
4. Auflage 2009

© Coverbild: Marlene Biberacher, „unter der Sonne“
Covergestaltung/Reihenentwurf: Christian Tschepp

Erscheinungsdatum dieser eBook-Ausgabe: 2011

Alle Rechte vorbehalten.

Satz: La Corde Noire – Peter Marwitz, Kiel

ISBN der Printausgabe: 978-3-87387-510-4
ISBN dieses eBooks: 978-3-87387-809-9

Danksagung 

Die meisten Leserinnen können diesen Abschnitt getrost überblättern – hier werden nur die Menschen erwähnt, die mir geholfen haben. Mein herzlicher Dank geht an:

Göttingen und Kassel, im Frühjahr 2003
Michaela Huber

Vorwort von Onno van der Hart

Die besondere Qual der Trauma-Überlebenden besteht darin, dass sie entweder zu viel oder zu wenig von ihrem Trauma erleben.

Wenn sie zu wenig davon erleben, dann versuchen sie, ihr alltägliches Funktionsniveau wiederzugewinnen und zu halten: Essen, Schlafen, Arbeiten, Kinder versorgen – Tätigkeiten, die unmöglich auszuführen wären, wenn sie sich gleichzeitig mit den Erinnerungen an das überwältigende Ereignis des Traumas herumschlagen müssten, das vielleicht in einem Überfall, einer Vergewaltigung oder infolge chronischer Folgen von Vernachlässigung und Misshandlung in der Kindheit bestand. Sie versuchen dann, alle Erinnerungen an ihr Trauma zu vermeiden, seine Bedeutung für ihr Leben herunterzuspielen, oder leugnen sogar, dass das Trauma je stattgefunden hat. Auf diese Weise können Überlebende schwerer Misshandlungen in der Kindheit an der Überzeugung festhalten, sie hätten eine schöne Kindheit gehabt.

Erleben sie jedoch zu viel von ihrem Trauma, dann ist es häufig, als wären sie wieder zurück in ihrem ursprünglichen Schrecken, so als fände das Ereignis gerade jetzt statt: Sie erleben auf sensomotorische und emotionale Weise ihr Trauma noch einmal, und dieses Erleben kann sich so wirklich anfühlen, als existiere ihr normales Alltagsleben gar nicht.

Außer bei Terroranschlägen wie dem 11. September 2001, Kriegstraumata in weit entfernten Ländern, Katastrophen oder medial groß aufbereiteten Ereignissen wie die Ermordung eines Kindes durch einen Fremden vermeidet unsere Gesellschaft es eher, die Bedeutung von Traumatisierungen wahrzunehmen. Holocaust-Überlebende, Kriegsveteranen, Opfer von Vergewaltigung, Inzest oder anderen akuten oder chronischen Gewaltformen haben erlebt, dass die Gesellschaft ihre Geschichte nicht hören wollte – und viele Überlebende haben niemals eine gesellschaftliche Anerkennung ihrer Qualen erfahren. Zwar betonen politische Stellen stets aufs Neue, dass Kindesmisshandlung – die wahrscheinlich verbreitetste und am wenigsten erkannte Form der Traumatisierung – ein ernstes gesellschaftliches Problem sei. Doch gleichzeitig werden kaum oder gar nicht Konsequenzen aus diesem allgemeinen Wissen gezogen, keine wirklich angemessenen Dienstleistungen zum Schutz der Kinder vor Misshandlungen und kaum Hilfen für misshandelte Kinder und beraterische sowie therapeutische Einrichtungen für Überlebende bereitgestellt; falls es überhaupt entsprechende Einrichtungen gibt, müssen diese jedes Jahr aufs Neue um ihr finanzielles Überleben kämpfen.

Und es gibt außerordentlich wenig spezialisierte Behandlungsprogramme für Erwachsene, die als Kind misshandelt wurden. Wer als Erwachsener um Hilfe nachsucht, wird wahrscheinlich häufig eine unangemessene Behandlung, wenn nicht gar eine eindeutige Fehlbehandlung erfahren. Denn die gesellschaftliche Missachtung von Traumatisierungen, besonders von Kindesmisshandlung und Vernachlässigung, spiegelt sich nicht nur im Gesundheitswesen, sondern in allen Bereichen der Gesellschaft. Mit einigen positiven Ausnahmen stürzen sich die Medien zum Beispiel gern auf solche Themen wie angeblich falsche Beschuldigungen von Misshandlungen und „falsche Erinnerungen“, statt sich mit der – sicher sehr viel größeren – gesellschaftlichen Bedeutung von Vernachlässigung sowie körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt gegen Kinder und Frauen auseinanderzusetzen. Krebs und Aids erhalten ebenfalls, zum Beispiel in der Presse und den elektronischen Medien, sehr viel mehr Aufmerksamkeit. Dabei stellen die gesellschaftlichen Kosten dieser Erkrankungen tatsächlich nur einen Bruchteil dessen dar, was an Folgen von Kindesmisshandlung auf die Gesellschaft zukommt. Langzeitstudien haben erwiesen, dass Opfer schwerer Kindesmisshandlung als Erwachsene sehr viel häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, chronische Lungenerkrankungen, Knochenbrüche und Leberschäden erleiden; außerdem entwickeln sie häufig eine Posttraumatische Belastungsstörung und andere komplexe traumabedingte Störungen, die – wenn sie unentdeckt und unbehandelt bleiben – häufig schwere und komplexe Folgeschäden nach sich ziehen.

Häufige Folgen umfassen neben neurobiologischen Anomalien: Depressionen, Ängste, Störungen der Affekt- und Impulskontrolle, dissoziative Störungen, sexuelle Probleme, ein geringes Selbstwertgefühl, Selbstverletzungen, Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängigkeit, Suizidgefährdung und vollendete Suizide. Prospektive Studien haben herausgefunden, dass Vernachlässigung sowie körperliche und sexuelle Kindesmisshandlung die kognitive Entwicklung verzögern sowie delinquentes Verhalten, Kriminalität und anderes gewalttätiges Verhalten, Prostitution und erneute Traumatisierung im Erwachsenenalter bewirken können.

In diesem verstörenden und alarmierenden Kontext ist als gute Nachricht festzuhalten, dass Traumaexperten – auch in deutschsprachigen Ländern – in den letzten beiden Jahrzehnten einen enormen Fortschritt gemacht haben im Hinblick auf unser Verständnis der kindlichen und erwachsenen Traumatisierung und der erforderlichen Behandlungsmethoden. So haben zum Beispiel neue neurobiologische Forschungstechniken unser Verständnis dafür vergrößert, welche Hirnregionen wie von Traumatisierungen betroffen sind, und in deutschen Verlagen erscheinen bedeutende klinische und Lehrbücher über dissoziative Störungen.