Britta Hahn

Ich will anders, als du willst, Mama

Kinder dürfen ihren Willen haben – Eltern auch

Erfahrungen mit der Anwendung von Gewaltfreier Kommunikation in der Familie

2. Wie setzen Eltern Grenzen?

Zwei Schwerter für Leo

Der fünfjährige Leo ist mit seinen Eltern und seiner Schwester unterwegs auf einem mittelalterlichen Fest. Es gibt viel Spannendes zu sehen, besonders die Schaukämpfe der Ritter mit ihren Schwertern faszinieren Leo. Ein Verkaufsstand bietet solche Schwerter für Kinder an, die in großer Zahl verkauft werden. Viele Kinder tragen stolz ein Schwert vor sich her. Auch Leo möchte ein solches Schwert kaufen.

Dies ist der Einstieg zu einem Konflikt zwischen den Eltern und Leo. Leos Mutter ist sich bewusst, dass es leichter ist, Ja zum Kauf eines Schwertes zu sagen statt Nein, weil das Nein mit sich bringt, dass Leo protestieren wird.

Mein Sohn konnte mit fünf Jahren in einer ähnlichen Situation seine Reaktion auf unser Nein bewusst planen, indem er sagte: „Wollt ihr das Geschrei jetzt hören?“

Nachdem Leo seinen Wunsch nach einem Schwert geäußert hat, beginnt der innere Dialog der Mutter: „Ich möchte Leo ein solches Schwert kaufen, weil es mich freut, wenn ich ihn glücklich sehe. Das Schwert ist seine Strategie, um zu spielen. Andererseits hat Leo schon im letzten Jahr zwei Schwerter geschenkt bekommen, die er kaum noch anrührt und die sein voll gestelltes Kinderzimmer versperren. Das Schwert kostet zwar nur wenige Euro, wir könnten es uns gut leisten. Aber ein Verzicht ist mir wichtig, weil ich mir vorgenommen habe, eher Spielzeug zu reduzieren, als weiteres anzuschaffen. Ich habe die Erfahrung gemacht, Leo kommt viel besser ins Spielen, wenn weniger Spielzeug im Raum ist, als wenn er ein Überangebot davon hat. – Außerdem kann ich es nicht mittragen, dass mein Kind Zugang zu jedem von ihm gewünschten Spielzeug hat. Unsere Welt und auch unser Kinderzimmer ist begrenzt. Auch will ich Leo teilhaben lassen an meiner Erkenntnis, dass andere Menschen auf dieser Welt ihren Lebensraum haben könnten, wenn wir in unserer reichen Welt lernten, uns zu begrenzen. Aus diesen Gründen entscheide ich, dass sich Leo kein weiteres Schwert kaufen darf.“

Die Mutter hat ein Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung, das sich durch einen konfliktfreien Bummel auf dem Markt erfüllen würde. Die Strategie, ein weiteres Schwert kaufen, würde dazu beitragen, denn der Junge wäre zufrieden. Diese Strategie tritt in Konflikt zu ihren eigenen Werten, die ihr Kind nur in Ansätzen kennt und wahrscheinlich momentan nicht mit ihr teilen möchte. Leo teilt die Werte seiner Mutter auch deshalb nicht, weil er ihre Werte mit seinem Verstand noch nicht erfassen kann.

Zu den Werten von Leos Mutter gehören Gerechtigkeit und Ehrfurcht vor dem Leben, und das bedeutet für sie, dass jedes Lebewesen Raum findet, sich die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen.

Leos Mutter hat die Überzeugung gewonnen, dass der Überfluss unserer europäischen Gesellschaft nicht mit ihrem Wert von Gerechtigkeit in Übereinstimmung steht. Irgendwie hängt unser Reichtum mit dem Mangel auf der anderen Seite der Erde zusammen. Aus diesem Grund begrenzt Leos Mutter ihren Lebensstil, obwohl sie sich finanziell mehr leisten könnte.

Gleichzeitig ermöglicht der relative Reichtum unserer Gesellschaft den Kindern Zugang zu einem Wohlstand, wie es noch nie eine aufwachsende Generation erlebt hat.

Während in früheren Zeiten die meisten Kinder sich nur wenige materielle Wünsche erfüllen konnten, leben wir heute in einer Zeit, wo viele Kinder mehr Spielzeug bekommen, als deren Kinderzimmer aufnehmen können. Die schwierige Aufgabe der Eltern besteht darin, diesen materiellen Wohlstand zu begrenzen, eine Aufgabe, die wohl kaum eine Generation vor uns zu bewältigen hatte. Es ist die Aufgabe der Eltern und nicht der Kinder, dafür zu sorgen, dass Kinder nur so viel Spielzeug bekommen, wie sie auch sinnvoll nutzen können.

Vom Mittelalter bis in das letzte Jahrhundert waren Werte gesellschaftlich deutlich definiert. Jeder wusste, was erlaubt und was verboten war. Für viele Menschen galten damals als wichtigste Werte: Gehorsam, Unterordnung, Bescheidenheit, Zurückhaltung, Anpassung und ein fester Glaube an Gott. In dieser Zeit spielte die Erfüllung individueller Bedürfnisse keine Rolle, und die Freiheit des Einzelnen war eingeschränkt. Wichtig war das Überleben der Gesellschaft.

Heute lehnt unsere Gesellschaft diese Werte aus historisch leidvoller Erfahrung ab, und seitdem gibt es überhaupt keine gemeinsame Ethik des Zusammenlebens mehr. Ohne ein Mindestmaß an gemeinsamen Werten ist kein gesellschaftlicher Konsens mehr möglich (Hahne 2004, S. 30). Heute gibt es keine allgemeingültigen Werte mehr, an denen der Einzelne sich orientieren kann. Eltern fragen sich, welche ihrer Werte sie ihren Kindern noch vermitteln wollen.

Viele Eltern trauen sich nicht einmal, wesentliche Werte ihren Kindern vorzuleben, weil sie befürchten, dass diese antiquiert, vielleicht auch schon überholt sind. So gibt es Eltern, die sagen, es gäbe kein Recht und Unrecht, es gibt nur ihre und die Bedürfnisse anderer Menschen. Sie geben keine Werte-Ethik weiter, die einen verlässlichen Orientierungsrahmen bietet.

Ich vermute, dass hier eine Ursache liegt für die zunehmende Verunsicherung von Eltern, Entscheidungen für ihre Kinder zu treffen. Diese Eltern wollen es in dem Sinn „richtig“ machen, dass sie gar nichts fürs Kind entscheiden. Das Kind setzt selbst den Maßstab und wählt dann selbst seine Strategien, ohne dass es Lebenserfahrungen hat, welche Folgen sein Handeln haben kann ... Leo bekommt folglich das dritte Schwert und ihm entgeht die Erfahrung, dass zwei Schwerter ausreichen. Er kann dann nicht erleben, wie wertvoll seine zwei Schwerter zu Hause sind. Es stehen wahrscheinlich demnächst drei Schwerter in der Zimmerecke.

Die eigenen Werte zu leben erfüllt das Bedürfnis nach Integrität. Das ist so etwas wie sich selbst treu zu bleiben und damit die eigene Persönlichkeit als stabil zu erleben. Die Entscheidung der Mutter bewegt sich nun zwischen ihren Bedürfnissen nach Ruhe und Integrität und der Frage, welches sie zuerst nähren möchte.

Sie hat in der letzten Nacht gut geschlafen und ist ausgeruht, und am Nachmittag ist Entspannen angesagt. Anders wäre es, wenn die Nacht unterbrochen worden wäre durch eine Krankheit von Leos kleiner Schwester. Dann würde die Mutter schon am Morgen gereizt aufwachen und dringend Ruhepausen brauchen. Leos Mutter achtet gut auf ihre Grenzen und darauf, was sie sich zumuten kann. Sie weiß um die Kraft, die sie braucht, wenn sie Leo begleitet.

Sie trifft stellvertretend für Leo die Wahl und begrenzt sein Wollen, indem sie entscheidet, dass er kein drittes Schwert bekommt.

In vielen anderen Bereichen begrenzen Eltern ihre Kinder selbstverständlich. Sie verhindern, dass Kleinkinder Alkohol trinken, weil sie für ihre Gesundheit sorgen. Mit der gleichen Begründung begrenzen Eltern ihre Kinder beim Kauf von Chemikalien, Pornoheften und Gewaltvideos. Zwischen Kindheit und Erwachsenenwelt liegt der Übergang, an dem die Eltern den Kindern mehr und mehr die Freiheit geben, ihre eigene Wahl zu treffen. Dann wählen Kinder auch Strategien, die in Konflikt mit den elterlichen Werten stehen, nicht aber mit den eigenen. Zu diesem Zeitpunkt tragen nicht mehr die Eltern, sondern die Kinder selbst die Verantwortung für ihr Leben.

Dies ist Leos Mutter bewusst, und deshalb bekommt sie durch ihr Kind Kontakt zu ihren eigenen Werten. Die spannende Frage ist jetzt: Wie vermittelt Leos Mutter ihm ihr Nein zu einem weiteren Schwert?

2.1 Autoritäre und harmonisierende Erziehung

In den letzten Jahrhunderten lernten Kinder durch einen autoritären Erziehungsstil das Gehorchen. Leos Mutter erlebte das in ihrer Kindheit und litt darunter. Sie hätte von ihren Eltern lediglich gehört: „Nein, das Schwert bekommst du nicht!“

Wenn sie es gewagt hätte zu weinen oder sogar zu protestieren, hätte sie von ihren Eltern „eins hinter die Löffel“ bekommen, mit der Bemerkung: „Halt deine Klappe, du hast hier nicht zu wollen, und außerdem hör auf zu plärren, ich will keinen Ton mehr hören.“

In dieser autoritären Erziehung hatte das Kind nicht zu „wollen“ . Wenn es etwas wollte, dann sollte es das wollen, was die Eltern wollen. Eltern haben ihren Kindern gesellschaftliche Regeln vermittelt und erwartet, dass die Kinder sie widerspruchslos übernehmen. Protest der Kinder in Form von lautem Geschrei war nicht erlaubt. Wenn Kinder früher laut herumschrieen, wurde über die Eltern gesagt, dass sie in ihrer Erziehung versagt und ihre Kinder nicht richtig „im Griff“ hätten.

Wenn heute die Eltern das Geschrei ihrer Kinder nicht ertragen, dann fürchten sie manchmal immer noch die Meinung der Umgebung, aber mehr noch fürchten sie, dass ihre Kinder unglücklich sein könnten. Manche Eltern tragen selber so viele schmerzliche Erinnerungen aus ihrer eigenen Kindheit in sich, dass sie solche Momente ihren Kindern ersparen wollen. Deshalb kaufen sie lieber ein überflüssiges Schwert und wissen ihre Kinder scheinbar glücklich.

Heute gibt es auch Mütter, die einen anderen Weg wählen: Sie entscheiden sich dafür, das begehrte Spielzeug nicht zu kaufen, und versuchen das Kind davon zu überzeugen, diese Entscheidung mitzutragen.

Diese Erziehung nenne ich „harmonisierende Erziehung“, weil die Eltern die Harmonie in der Familie um jeden Preis erhalten möchten. Einerseits möchten sie nicht jeden Wunsch des Kindes erfüllen, andererseits brauchen sie wegen ihres Harmoniebedürfnisses die Zustimmung des Kindes zu ihrer Entscheidung. Auch diese Eltern können den eigenen Willen des Kindes nicht respektieren. Sie wollen vom Kind, dass es seinen Willen aufgibt und den Willen der Eltern übernimmt. Diese Umformung des kindlichen Willens in der harmonisierenden Erziehung läuft subtil ab, nicht so offensichtlich laut und beherrschend wie im autoritären Stil.

So hört sich ein „harmonisierender Stil“ an: „Nein, ich kaufe das Schwert nicht, bitte sieh das ein! Du hast schon zwei Schwerter zu Hause in deinem Zimmer und mit einem dritten Schwert kannst du auch nicht besser spielen.“

Die Argumentierfähigkeiten zweijähriger Kinder sind schon überwältigend, wie viel mehr wird ein fünfjähriger Junge Argumente liefern können, wieso er gerade dieses Schwert benötige und er es jetzt sofort kaufen wolle. Ein endloses Gespräch findet statt, und meine Erfahrung hat gezeigt, dass Kinder mehr Lebenskraft und Ausdauer besitzen als Eltern. Meist enden dann solche Gespräche doch noch mit ungefähr folgendem Kommentar der Mutter: „Jetzt sieh das doch endlich mal ein und hör auf, immer so gierig zu sein!“

In der autoritären Erziehung haben Eltern versucht, den Willen des Kindes mit Strafen und Beschimpfungen zu verbieten, sogar zu brechen oder mit Belohnung gefügig zu machen. – In der harmonisierenden Erziehung versuchen viele Eltern ihre Kinder mit Worten davon zu überzeugen, dass die Kinder doch vernünftig sein und es endlich einsehen sollten. Die Eltern überreden die Kinder, so zu wollen, wie sie es wollen.


Foto: © Conny Kurz

Foto: © Conny Kurz

Beide Erziehungsstile, der alte autoritäre und der moderne harmonisierende, wollen Kinder bewegen, den Willen der Eltern zu übernehmen. Dabei denken die Eltern: „Kind, habe bitte den gleichen Willen wie wir, die Eltern.“

Wie schon früher, so glauben auch heute Eltern, das Beste für ihre Kinder zu wollen. Aus diesem Grund konnte früher eine autoritäre Mutter das Kind verprügeln und dabei sagen: „Ich schlage dich, und glaub mir, es ist nur für dein Bestes. Du weißt gar nicht, wie weh es mir tut, dass ich dich schlage. Ich könnte mit Schlagen sofort aufhören, wenn du nicht so ungehorsam wärst.“

Eine Mutter, die den harmonisierenden, überredenden Erziehungsstil anwendet, fleht fast weinend das eigene Kind an: „Sieh es doch bitte, bitte ein, ich meine es nur gut für dich, sei bitte so gut oder so vernünftig!“ Auch hier verlangen Eltern, dass das Kind letztlich seinen Willen aufgibt und den elterlichen Willen übernimmt.

Das ist vom Ansatz her unmöglich, denn wo hat jemand erlebt, dass Kinder das einsehen, was Eltern für sie wollen. Es gehört zu unserem Menschsein, dass wir unseren Willen nur auf etwas richten können, wofür wir uns freiwillig entscheiden.

Wenn Kinder dem zwingenden oder überredenden Willen der Eltern folgen, dann tun sie es aus einer „unwilligen“ Energie. Bei der autoritären Erziehung tun sie es aus Angst vor einer Strafe oder wegen einer Belohnung und bei der harmonisierenden Erziehung, weil sie das subtile Gedränge der Eltern satthaben und sich wünschen, dass die Mutter wieder fröhlich ist. Kinder leiden sehr, wenn sie glauben, sie seien der Grund dafür, dass ihre Eltern traurig sind. Das erzählen mir häufig Kinder in meiner Praxis.

So erfuhr ich von einem Kind, das immer wieder zu Bauchschmerzen neigt, dass es sich so Sorgen wegen seiner schlechten Noten mache, weil der Vater immer nur dann fröhlich sei, wenn es gute Noten nach Hause bringe. Diese Anspannung führe dazu, dass es die Matheaufgaben in Klassenarbeiten nicht lösen könne, die es am Vortag noch konnte. Es würde die ganze Zeit daran denken, wie traurig der Vater werden würde, wenn die Mathenote schlecht wäre.

Eltern sind traurig, wenn ihr Kind eine bestimmte Erwartung nicht erfüllt. Im Falle der guten Noten geht es den Eltern dabei um die Sicherheit, dass dem Kind in Zukunft passende berufliche Möglichkeiten offenstehen. Dies wissen Kinder nicht. Als Mittelpunkt der Welt meint das Kind zunächst, es könne durch sein Verhalten Eltern fröhlich oder traurig machen.

Aus diesem Grund sage ich meinen Kindern immer wieder, wenn sie zögern, zu einer Bitte von mir Nein zu sagen: „Du hast die Freiheit, jetzt Ja oder Nein zu sagen. Wenn ich danach enttäuscht bin, ist das mein Gefühl, weil ich bestimmte Erwartungen habe, wie ich mir was erfüllen möchte. Es gibt viele Wege, wie ich Lösungen für mich finden kann. Du bist nicht dafür verantwortlich. Ich kann gut für mich sorgen. Entscheide, was dir jetzt wichtig ist, aber nie danach, wie ich mich fühlen könnte!“

Wie viel schöner ist es, wenn Kinder aus Freude und freiwillig handeln, denn diese Energie ist stark und lebendig.

Es brauchte Jahre, bis ich verstanden habe, dass Kinder ein Recht auf ihren eigenen Willen haben und ich diesen anerkennen und respektieren kann, ohne dafür verantwortlich zu sein, die Wünsche meiner Kinder sofort zu erfüllen.

Es ist sogar gut, dass Kinder einen eigenen Willen haben, denn wenn Eltern ihnen diesen Willen ausreden oder diesen Willen mit der autoritären Erziehung sogar verbieten, wie kann er in anderen Situationen stark sein? Wenn Kinder in der Gefahr stehen, Opfer zu werden, sind ihre Eltern froh, wenn jene Nein sagen können.

Es gibt heute Trainings für Kinder und auch für Erwachsene, die zum Ziel haben, Nein sagen zu lernen und den eigenen Willen lautstark auszudrücken. Diese Trainings könnten sich erübrigen, wenn Kinder von klein auf die Sicherheit in sich trügen, dass sie ihren Willen in jeder Situation ausdrücken dürfen. Im Übrigen würde diese Stärke Kinder auch vor möglichen Missbrauchssituationen schützen.

2.2 Der Wille des Kindes ist immer in Ordnung

Während ich das Kind in seinem Willen mit einem Nein begrenze, erkenne ich an, dass es einen anderen Willen hat als ich, und sage: „Du willst es anders ...“

Ich habe dabei die innere Haltung, dass der Wille des Kindes in Ordnung ist, und denke: „Wenn du deinen Willen im Moment nicht leben kannst, entspricht dies der Realität des menschlichen Lebens, manchmal etwas zu wollen und es trotzdem momentan nicht zu bekommen.“

Auch ich erlebe als Erwachsene, dass ich mir etwas wünsche und es nicht bekommen kann, weil mir z.B. mein Einkommen eine äußere Grenze setzt. Aus diesem Grund kann ich mir vielleicht ein Kleidungsstück nicht leisten. – Ich hätte noch die Möglichkeit, das Objekt, das ich begehre, trotzdem in Form eines Diebstahls mitzunehmen. Dort habe ich eine innere Grenze in Form meines Gewissens, welches mich an meine Werte wie Ehrlichkeit, Vertrauen und Verlässlichkeit erinnert.

Eltern übernehmen äußerlich die Instanz des Gewissens für das Kind, bis es selbst sein Gewissen innerlich entwickelt hat. Sie begrenzen das Kind stellvertretend.

Viele Eltern befürchten, wenn sie den kindlichen Willen anerkennen würden, würde das Kind tun und lassen, was es will. Dabei vergessen diese Eltern jedoch, dass Anerkennen des Willens nicht bedeutet, ihn auch zu erfüllen. Ich kann den kindlichen Willen anerkennen und gleichzeitig begrenzen. Diese Begrenzung ist jedoch etwas gänzlich anderes, als den Willen zu brechen.

Die autoritäre Erziehung hat wesentlich dazu beigetragen, dass Kinder gelernt haben, sich den Kriterien einer höheren Autorität zu unterwerfen, statt ihrem eigenen Gewissen zu folgen. Schon immer gab es einzelne Menschen, die ihrem Gewissen folgten, obwohl sie selbst Erziehung zum Gehorsam durchlebten. Zu diesen Menschen gehört z.B. Gandhi, der Unrecht benannte, ohne Menschen zu verurteilen.

Die Begrenztheit der Welt kann ich den Kindern nicht vorenthalten, ich kann sie aber in ihrem Frust an der Grenze einfühlend begleiten. Hier haben Kinder die Chance zu wachsen und Entwicklungsschritte zu vollziehen.

2.3 Nein Sagen

Bevor Leos Mutter antwortet, macht sie sich bewusst, dass ihr Nein zu dem Schwert bei Leo Rebellion auslösen wird. Sie prüft sich, ob sie die Willenskraft haben wird, diese Entscheidung gegenüber Leo durchzutragen, denn das könnte anstrengend werden.

Sie erwartet nicht von Leo, dass er selbst den Willen aufbringen wird, auf das Schwert zu verzichten. Sie akzeptiert, dass Leo sich im Moment nichts mehr wünscht, als dieses Schwert zu besitzen. Sie wird zu ihm sagen: „Ist dir wichtig, dieses Schwert zu bekommen, weil du jetzt damit spielen willst? Ich sage Nein, weil ich meine, zwei Schwerter sind genug. Ich möchte mich mit dir zu Hause wohlfühlen, und das gelingt mir besser, wenn der Raum zum Spielen übersichtlich bleibt.“

Sie erkennt sein Bedürfnis nach Spielen an und seine Vorstellung, dieses sei nur mit dem Kauf eines weiteren Schwertes zu erfüllen. Sie erwartet nicht von ihm, dass er selbst den Willen aufbringt, auf das Schwert zu verzichten. Diesen Part hat sie übernommen, indem sie aus Verantwortung für ihn eine äußere Grenze setzt. Jetzt braucht die Mutter die Kraft, den Schmerz des Kindes auszuhalten und es darin zu begleiten, anstatt ihn wegzutrösten. Sie nennt auch die Gründe für ihr Nein und lässt Leo wissen, welche Werte ihr wichtig sind.

Wenn Eltern Nein sagen lernen, fällt es ihnen schwer, das Bedürfnis des Kindes anzusprechen. Eltern machen die Erfahrung, wenn sie dem Bedürfnis des Kindes Raum geben und mit dem Herzen verstanden haben, was das Kind wirklich will, dann fällt es ihnen schwer, diesen Wunsch nicht zu erfüllen.

Kindliche Wünsche anzuerkennen und sie dennoch nicht zu erfüllen – dass das möglich ist, ist anfangs schwer zu begreifen. Wenn das Kind daraufhin rebelliert und den Eltern Vorwürfe macht, ist es noch schwerer, einfühlsam zu bleiben. In seinem lautstarken Frust braucht das Kind jedoch Einfühlung.

Die Nein-Entscheidung der Mutter wird Leo nicht begrüßen mit: „Danke Mama, ich weiß, dass du immer so für mich sorgst und weißt, was für mich gut ist“, sondern er wird stattdessen durch lautes Brüllen seinen Frust ausdrücken. Entsprechend dem Temperament des Kindes wird dieser Frust unterschiedlich intensiv ausfallen. Wenn ich mich als Mutter entschlossen habe, die Rebellion meines Kindes zuzulassen, wird es mir viel leichter fallen, währenddessen gelassen zu bleiben.

Leo weint und schreit eine Dreiviertelstunde mitten auf dem Markt und erregt die Aufmerksamkeit vieler vorbeigehender Menschen, die die Situation reichlich kommentieren. Leos Mutter hat gelernt, sich auf ihr Kind zu konzentrieren, statt sich Gedanken darüber zu machen, wie sie 100 Sonntagsspaziergänger zufriedenstellen kann.

Sie weiß, dass dies unmöglich ist. Sie sagt zu Leo: „Bist du so wütend, weil du überzeugt bist, dass du auf jeden Fall dieses Schwert brauchst?“

Diese Art von Einfühlung wiederholt sie mehrfach, und das kann sich folgendermaßen anhören:

Leo: „Du bist die blödeste Mama auf Erden.“

Mutter: „Du sagst blöde Mama. Bist du ganz frustriert, weil du dir in dem Moment eine Mama wünschst, die dir alle deine Wünsche erfüllt?“ 

Leo: „Ja, Peters Mama hat auch ein Schwert gekauft.“

Mutter: „Bist du traurig, weil du dir eine Mama wünschst, die das Schwert kauft, wie die von Peter?“

Leo: „Ja genau, ich will, dass Peters Mama meine Mama ist.“

Mutter: „Bist du so wütend, dass du sogar die Mama tauschen willst?

Leo: „Du brauchtest mir nur das Schwert zu kaufen, dann würde ich auch bei dir bleiben.“

Mutter: „Bist du traurig, weil du bei mir bleiben willst, und das kannst du nur, wenn ich dir das Schwert kaufe?“

Leo: „Ja, du musst mir ein Schwert kaufen!“

Mutter: „Bist du ganz frustriert und hilflos, weil du genau weißt, was deinem Leben guttut, und willst du selbst entscheiden, was du kaufen möchtest?“

Nachdem Leo Einfühlung von seiner Mutter bekommen hat, ist er offen, nach den Beweggründen der Mutter zu fragen, erkennbar an den Worten: „Ja, und warum kaufst du es mir nicht?

Bevor die Mutter ihre Sichtweise weitergibt, kann sie sich vergewissern, ob Leo wirklich schon bereit ist ihr zuzuhören, indem sie ihn fragt: „Dein Zorn ist so groß, gibt es noch etwas, was du mir mitteilen möchtest, bevor ich dir antworte?“

Vielleicht wird Leo den gleichen Schmerz nochmals aus sich herausweinen oder er fängt an, von einem noch tieferen Schmerz zu reden, z.B.: „... und meiner Schwester kaufst du alles, die hast du viel lieber als mich.“ Erst wenn er für seinen Schmerz Raum hatte, kann er der Mutter zuhören.

Leos Mutter kann erneut ihr Bedürfnis nach Übersicht im Kinderzimmer nennen. Sie braucht nicht darauf zu warten, dass er sagt: „Ach so, jetzt verstehe ich.“ Wahrscheinlich wird er die Einsicht seiner Mutter ablehnen. Und vermutlich braucht er weiter Einfühlung – vielleicht will er im Arm gehalten werden. Vielleicht schlägt er auch wütend um sich und greift alles an, was im Weg liegt.

Einfühlung bedeutet, das Gefühl des Schmerzes, welches in Leo lebendig ist, zu begleiten. Die Mutter wird manchmal sagen: „Nein, geschlagen wird nicht.“

Erneut wird sie Einfühlung anbieten und sagen: „Bist du wirklich wütend, weil du selbst über dein Leben bestimmen möchtest? Bist du verzweifelt, ohnmächtig und hilflos, weil Spielen für dich wichtig ist, und das kannst du im Moment nur mit diesem Schwert?“

Empathisch begleiten heißt, das Gefühl des Kindes und seine ungestillten Bedürfnisse zu erfragen. Würde die Mutter sagen: „Ich verstehe, dass du traurig bist!“, würde keine Empathie entstehen.

Der Begriff „Verstehen“ drückt aus, dass Eltern noch mit dem Verstand ein Gefühl erfassen. Die Gefühle befinden sich nicht im Kopf, sondern im Herzen, und es gilt mit dem Herzen den Schmerz des Kindes zu begleiten. Den Unterschied können Kinder wahrnehmen. Die Herzensbegegnung ist warmherzig, der Verstand ist kühl.

Nach scheinbar endlos langer Zeit verwandelt sich das laute Schreien in lautes Schluchzen, und langsam, langsam fängt Leo an, die Realität zu akzeptieren. Mit finsterem Gesicht und seltener werdenden Schluchzern geht er an der Hand seiner Mutter nach Hause. Leos Mutter beobachtet, dass er nach einiger Zeit in seinem Kinderzimmer anfängt zu spielen. Er spielt mit seinen zwei Schwertern, die einige Monate unberührt in der Ecke lagen.

Derartige Situationen, in denen Eltern dem Kind Empathie geben, können bis zu zwei Stunden dauern, und der Schmerz kann bei einem Kind im Extremfall über eine Woche lang immer wieder aufflammen. Wichtig ist dabei die empathische Grundhaltung der Eltern dem Kind gegenüber. Diese vermittelt dem Kind die Gewissheit, dass es als eigenständiger Mensch mit eigenem Willen von den Eltern akzeptiert wird.

2.4 Zusammenfassung

Eltern setzen da Grenzen, wo sie noch Verantwortung für das Leben ihrer Kinder tragen. Nach und nach übergeben die Eltern ihren Kindern Eigenverantwortung. Es gehört zur Kunst des Elternseins, den optimalen Zeitpunkt dafür zu finden. Hilfreich ist dabei sowohl der Austausch mit anderen Eltern wie auch der Dialog mit den eigenen Kindern.

In Teil I habe ich dargestellt, dass das kindliche Wollen immer in Ordnung ist und von den Eltern respektiert werden sollte. Wenn das Kind jedoch sich oder eine andere Person in Gefahr bringt, setzen die Eltern dem Kind Grenzen – dennoch respektieren sie den kindlichen Willen.

In Teil II geht es nachfolgend darum, dass die Eltern etwas wollen und das Kind dazu Nein sagt. Auch in diesen Situationen hat der eigene Wille des Kindes seine volle Berechtigung. Es wird in Teil II Antworten geben auf Fragen der Eltern, z.B. wie sie ihr kleines Kind ins Bett bringen können, obwohl es nicht will, und ob sie ein größeres Kind bewegen können, Sprudel aus dem Keller zu holen.

4. Zwingende Kraft: Ist Strafe sinnvoll?

Weil Gemeinschaft für den Menschen lebensnotwendig ist, ist es eine zutiefst menschliche Eigenschaft, Gemeinschaft zu fördern und zu schützen. Jeder Mensch gibt einem anderen Menschen gerne, was dieser braucht. Das menschliche Grundbedürfnis, „gern geben zu wollen mit der Freude eines kleinen Kindes, das Enten füttert“, wie es Marshall Rosenberg bildlich beschreibt, kann sich in einer Gemeinschaft nur da erhalten, wo sich der Mensch sicher sein kann, dass er nicht gezwungen wird.

Strafe hingegen wird dort eingesetzt, wo kein Vertrauen in diese soziale Gesetzmäßigkeit besteht, freiwillig und gern geben zu wollen. Menschen, insbesondere auch Kinder, werden dann gezwungen zu geben und zu tun, was sie eigentlich freiwillig geben würden.

Die Strafe wurde in der zwingenden Erziehung eingesetzt, damit ein Mensch etwas tut oder unterlässt. Sie erscheint in drei Varianten: Schmerz, Scham oder Schuld – die 3 SCH.

Die Folge der 3 SCH ist ein gut funktionierender statt ein lebendiger Mensch.

Der körperliche Schmerz weist im Naturzustand auf eine notwendige Veränderung hin, um den Körper vor Schaden zu schützen. Eine heiße Herdplatte lässt uns die Hand wegziehen. Der seelische Schmerz, bestehend aus Scham und Schuldgefühl, bittet um Überprüfung, ob das eigene Verhalten der Gemeinschaft dient. So veranlasst uns ein Schuldgefühl, eine kaputte CD zu ersetzen oder einen Tisch so aufgeräumt wie vorgefunden zu verlassen. Die Energie, mit der hier der Tisch aufgeräumt oder die CD ersetzt wird, ist die Freude, die aus dem eigenen Bedürfnis entsteht, das Leben bereichern zu wollen und zum lebendigen Lebensfluss beitragen zu können.

Diese Lebendigkeit kann sich nicht entwickeln in einer Welt, in der vergessen wurde, dass jeder Mensch aus seinem Innersten heraus gerne geben möchte. Viele Elterngenerationen vor uns waren es gewohnt, die jeweilige Kindergeneration dahin zu zwingen, wo sie selbst schon hingezwungen wurden, nämlich dem zu gehorchen, der über ihnen steht. In der Gesellschaft gab es einen Fürst oder König, der bestimmte, ob Krieg oder Frieden war, und in der Familie war der Vater das Familienoberhaupt, der das Sagen hatte. Das Denken der meisten Menschen wurde so beeinflusst, anderen Menschen mit höheren Titeln zu dienen und zu gehorchen: den Eltern, den Großeltern, den Lehrern, Chefs, Beratern, Politikern und Gurus. Menschen mit Titeln und Macht bestimmten, wer Lob, Geld und Anerkennung verdiente, wer o.k. war und wer nicht.

Ich brauche nicht zu erklären, wie man einem anderen Menschen, auch Kindern, körperlichen Schmerz zufügt. Aufschlussreich ist, das Motiv zu kennen, das den strafenden Menschen bewegt. Sein Ziel ist, dem anderen ein bisschen wehtun, damit dieser sich dann dorthin bewegt, wo der Strafende ihn haben will.

Auch soll das Kind einen Denkzettel erhalten, damit es sich sowohl merkt, dass es eine Grenze überschritten hat, als auch, wo die Grenze beginnt.

Diese Logik wurde auch im Mittelalter schon praktiziert, wenn eine Grenze versetzt wurde. Um Streitigkeiten vorzubeugen und damit sich jeder gut daran erinnern kann, wo der Standort des neuen Grenzsteins liegt, wurden alle Kinder des Dorfes zusammengerufen und am neuen Grenzstein verprügelt. Dies hatte den positiven Effekt, dass alle Kinder Jahre später sich aufgrund des ihnen zugefügten Schmerzes noch daran erinnern konnten, wo der Grenzstein sich genau befindet. Diese Logik hat sich heute überlebt, dafür gibt es den Notar und im persönlichen Bereich Verträge und Absprachen, die wir auch mit Kindern treffen können.

Wenn Eltern noch körperlich strafen, beruhigen sie sich mit folgendem Gedanken: „Das Kind wird mir dafür noch dankbar sein, es weiß es nur noch nicht.“ Selbstverständlich meint es der strafende Mensch immer nur „gut“ mit dem Bestraften. Aus diesem Grund können schlagende Eltern zu ihren Kindern sagen, die Kinder seien selber schuld, dass sie geschlagen würden: Sie bräuchten nur das zu tun, was die Eltern von ihnen wollten.

4.1 Mit Scham strafen

Die andere gängige Tradition der Bestrafung wird bis heute aus Unwissenheit ungebrochen fortgesetzt: Scham- und Schuldgefühle. Diese entstehen natürlicherweise in der Seele als Schutz und Hilfe, um Werte zu achten. Jetzt werden sie von außen aktiviert, um ein bestimmtes Verhalten beim Kind zu erzwingen.

Die Beschämung eines anderen Menschen, auch eines Kindes, findet statt, wenn sein Verhalten kommentiert wird mit Bemerkungen, die in irgendeiner Form ausdrücken, dass etwas mit ihm nicht in Ordnung sei: „Du stellst dich wirklich ungeschickt an, das finde ich wirklich nicht gut von dir“, oder etwas heftiger mit den gängigen Du-Botschaften: „Du bist so blöd, so ungeschickt bist du ...“

Als erwachsener Mensch mit viel Persönlichkeitstraining und Reifung habe ich gelernt, diese sogenannte Kritik, insbesondere mit Hilfe der Gewaltfreien Kommunikation, direkt für mich zu übersetzen und den Schmerz zu hören, den der Sprecher in sich selbst fühlt, wenn er mich be- und verurteilt. Statt mit einer Gegenkritik zu starten oder sogar innerlich dem anderen recht zu geben, was für ein schlechter Mensch ich sei, kann ich meinem Gegenüber einfühlend begegnen. Es ist nicht allein die Technik, die dies ermöglicht, sondern mein tiefer Wunsch, dem Menschen begegnen zu können, der mich kritisiert. Höre ich z.B. den Vorwurf: „Immer kommst du zu spät“, dann kann ich antworten: „Bist du empört, weil dir Zuverlässigkeit wichtig ist, und möchtest mich bitten, pünktlich zu unserer Verabredung zu kommen?“ Diese ausgesprochene oder leise gedachte Empathie hilft mir, den Menschen wahrzunehmen, der Kritik an mir übt.

Während mir dies als erwachsener Mensch nach vielen Jahren zunehmend gelingt, ist ein Kind solcher Kritik völlig ausgeliefert. Die Be- und Verurteilungen wandern direkt in seine Persönlichkeit und bewirken einerseits, dass es diese Urteile über seine Person glaubt, und andererseits, dass es auf diese Weise lernt, andere ebenso zu be- und verurteilen. Das kann sich dann folgendermaßen anhören: „Du bist nicht mehr meine Freundin, wenn du nicht mit mir spielst. Du bist gemein, du bist ein A ...“ „Die zieht sich altmodisch an.“ „Die ist ,in‘, und der ist ungeschickt.“

4.2 Mit Schuld strafen

Schuld wird im Geist erkannt und im Körper von Natur aus als Schuldgefühl wahrgenommen mit dem Ziel, Verantwortung dafür zu übernehmen, das Verschuldete für die Gemeinschaft wiedergutzumachen. Schuldgefühle werden seit Generationen bewusst erzeugt, um einen Menschen zu dirigieren. Schuldgefühle können durch folgende Bemerkungen entstehen: „Was bin ich traurig, weil du Mama nicht bei ihrer vielen Arbeit hilfst.“

Foto: © Conny Kurz
Foto: © Conny Kurz

Das Kind soll glauben, die Mutter sei traurig, weil es sie nicht bei ihrer Arbeit unterstützt hat. Ein Kind, das in dieser Atmosphäre aufgewachsen ist, wird tatsächlich glauben, es sei die Ursache der Traurigkeit der Mutter. Sogar die Mutter ist davon überzeugt, sonst würde sie es ja nicht so ausdrücken. Vielleicht wird das Kind jetzt seiner Mutter helfen, leider aber nicht aus dieser natürlichen freudigen Energie heraus, mit der Menschen gerne geben, wenn sie es freiwillig tun können und keine Forderungen hören.

Heute weiß ich, dass meine Gefühle aufgrund meiner erfüllten oder unerfüllten Bedürfnisse entstehen. Der andere Mensch hat ein Verhalten, das mein Bedürfnis nicht nährt, und dies bewirkt ein unerfülltes Bedürfnis. Mein Gefühl zeigt mir an: unerfüllt. Mein Denken hat eine bestimmte Vorstellung, wie mein Bedürfnis genährt wird, und mein Denken beurteilt das Verhalten des anderen danach, ob es meinen Wünschen entspricht. Hätte ich ein anderes Denken, wäre das gleiche Verhalten des anderen vielleicht Nahrung für meine Seele, und mein Gefühl würde mir anzeigen: satt.

Gefühle sind ein Messinstrument der Seele, die verknüpft sind mit den Bedürfnissen, die gestillt werden wollen unter einer erworbenen Vorstellung, wie dies geschehen kann.

Mutter ist unglücklich, weil sie Unterstützung im Haushalt braucht. Sie hat nicht gelernt, den Zusammenhang herzustellen zwischen ihrem Gefühl und Bedürfnis. Sie bezieht ihr schlechtes Gefühl nur auf das Handeln des Gegenübers und macht deshalb das Kind für ihre Traurigkeit verantwortlich. Falls das Kind aufgrund der Beschuldigung der Mutter hilft, ist sein Motiv Angst und nicht Freude. Es hat eine Forderung gehört und es befürchtet, dass weitere Beschuldigungen folgen.

Neben den drei Varianten der Strafe, Scham, Schuld und Schmerz, kommt die Belohnung aus dem gleichen Gedankengebäude und hindert die freiwillige Hilfe für die Gemeinschaft. Kinder, die belohnt werden, werden abhängig von Bezahlung und Belohnung. Sie lernen letztlich nicht, aus Freude zu geben, sondern weil sie eine Belohnung in Form von Sternchen, guten Noten, Geld oder Süßigkeiten erreichen wollen.

Jede Forderung beeinträchtigt die natürliche Energie der freiwilligen Hilfe. Die über Generationen stattgefundene Kinder-zwingende-Erziehung war gesellschaftlich selbstverständliche Normalität. Anfangs wollte ich gar nicht glauben, dass Menschen gerne geben, wenn sie es freiwillig tun dürfen – ich hatte selbst nie die Erfahrung gemacht. Ich wurde gezwungen und lernte dadurch andere zu zwingen, auch meine ersten zwei Kinder. Ich war blind für die Beobachtung, wie meine noch kleinen Kinder gern geholfen haben, spielerisch mit Begeisterung und Freude. Ich wollte kochen, sie wollten kochen, ich wollte putzen, sie wollten putzen, und dann sagte ich: „Los, geht spielen, lasst mich allein arbeiten, ich muss hier fertig werden. Ich muss dies noch und ich muss jenes noch ...“, und ich lehrte sie mit meinem Vorbild das Funktionieren, das MUSS und SOLL in dieser Welt, statt das WILL und MÖCHTE und die damit einhergehende Freude am Leben und am Tun.

Mir machte das Funktionieren selber keinen Spaß. Ich hatte zu der Zeit noch die übliche Überzeugung, es geht halt nicht anders, es gibt im Leben Dinge, die MUSS man tun, egal ob es Spaß macht. Weil ich daran glaubte, konnte ich mich selbst zwingen und hatte mir zur Aufgabe gemacht, dass meine Kinder sich zukünftig auch zwingen müssten.

Deshalb hörten meine Kinder auch regelmäßig meinen Ärger. Wenn mir abends Ordnung im Kinderzimmer wichtig wurde und ich mich dort wieder zurechtfinden wollte, fing ich an zu schimpfen: „Los! Macht schon, jetzt kommt mir helfen, immer muss ich hier euer Zimmer aufräumen, was ist das denn für ein Saustall.“