Michaela Huber 

Der innere Garten

Ein achtsamer Weg zur persönlichen Veränderung

© Junfermannsche Verlagsbuchhandlung, Paderborn 2005
   4. Auflage 2010

Die Printausgabe enthält eine CD, auf die einige im Buch enthaltene Übungen aufgesprochen wurden.

Erscheinungsdatum dieser eBook-Ausgabe: 2011

Alle Rechte vorbehalten.

Satz und Digitalisierung: JUNFERMANN Druck & Service, Paderborn

ISBN der Printausgabe: 978-3-87387-582-1
ISBN dieses eBooks: 
978-3-87387-802-0

Prolog

Ja, die Frühlinge bräuchten dich wohl.
Es muteten manche Sterne dir zu,
dass du sie spürtest. – Rainer Maria Rilke, 1912

In mancher Hinsicht gleicht die Entwicklung des Gehirns dem Gedeihen eines Gartens: In beiden Fällen kann leicht eingehen, was nicht wächst, und was wachsen will, muss hier wie dort um Nährstoffe und Platz konkurrieren. Das Gehirn tut also gut daran, mit seinen Ressourcen sparsam umzugehen und die Wachstumsfaktoren vor allem dort einzusetzen, wo sie am dringendsten nötig sind – zur Pflege von Verbindungen, die entweder gerade neu entstehen oder die häufig in Gebrauch sind und daher besonders wichtig erscheinen. – Stefan Klein, 2002

Einleitung und Ermutigung

1. Erkennen: Einfach nur den Ist-Zustand wahrnehmen

2. Der Geist der stets verneint: Warum verändern bisher nicht leicht war


3. Respekt: Wozu war es bislang so, wie es ist?

5. Sicherheit: Von außen nach innen


6. Eröffnung der inneren Bühne

7. Verhandeln: Die Kunst des inneren "Multilogs"

8. Rückbezug: Das Anknüpfen an schon einmal Gekonntes

9. Entwicklung: Kräfte bündeln und Hürden überwinden

10. Erholung und Belohnung: Pausen zwischendurch

Nachwort und Ermutigung

Veränderungen sind erst mühsam, aber ab einem bestimmten Punkt Selbstläufer: Einmal in Gang gesetzt, gibt es meist ein Hin und Her, Auf und Ab, und wenn man da nicht aufgibt, kommt der „point of no return“; der Punkt, ab dem die Veränderung eine Eigendynamik gewinnt. Vermutlich ist dies ein Beweis dafür, dass wir Menschen als individuelle Einheit des Lebens auch nicht anders reagieren als die kleinsten atomaren Bausteine, aus denen wir bestehen. Und wir tun gut daran, uns sowohl in die Quantenmechanik als auch in die Systemtheorie von familiären und gesellschaftlichen Organisationen einbezogen zu fühlen: Kleinste und größte Systeme des Seins – und wir mittendrin – bewegen sich nicht, ohne dass das gesamte Ganze eine charakteristische Veränderung durchmacht, die wir manchmal simpel als „Prozess“ bezeichnen. Der Prozess also, den Sie durchlaufen, während Sie eigentlich nur ein Problem lösen, ein Symptom loswerden oder Ihr Leben um dieses oder jenes bereichern wollen, erfasst Sie doch in Gänze und lässt Sie verändert zurück, ob Sie das nun so beabsichtigt hatten oder nicht.

Naturwissenschaftler erklären uns, dass wir und alles um uns herum aus Atomen bestehen, die es schon seit der Entstehung unseres Universums gibt und die nur vorübergehend die Formen annehmen, die das gegenwärtige Bild der Erde und all dessen ergeben, was sich gerade auf ihr tummelt, Sie und mich eingeschlossen. Ähnlich können wir Psychotherapeuten behaupten: Welche Probleme Sie auch immer haben, wie verzweifelt Sie auch immer sein mögen – Ihr Unbewusstes weiß die Lösung; es ist alles da, was Sie brauchen.

Wenn Sie den natürlichen Prozess der Veränderung, der vielleicht jetzt gleich stattfindet, möglicherweise aber auch Generationen dauern könnte, beschleunigen wollen – etwa weil Sie noch während der Lebensdauer Ihres kostbaren Gehirns Veränderungen erleben möchten –, müssen Sie wohl oder übel gegen den Widerstand angehen, der alles so sein lassen will, wie es bislang war. Und – arbeiten. Sie werden wahrscheinlich im Rahmen Ihrer Möglichkeiten experimentieren, um herauszufinden, was schon an Chancen und Tendenzen der Veränderung angelegt ist, müssen hier etwas loslassen, dort etwas zusammenfügen, bangen, hoffen, mutig und diszipliniert sein – und werden Fehler machen.

Sie werden Misserfolge erleben, Rückschläge kassieren und zwischendurch wieder fast verzweifeln. Sie werden erleben, dass Sie zwar alle erdenklichen Anstrengungen unternehmen, aber in Ihrer Umwelt, bei anderen Menschen, in der Gesellschaft, jede Menge Widerstand und unter Umständen äußerst schwierige Rahmenbedingungen Ihren Veränderungsprozess erschweren. Das wiederum wird Sie entweder zum Aufgeben bringen – oder Sie recken Ihr Kinn vor, denken über alle Widerstände nach, geben nicht auf, aber suchen nach Umwegen, Auswegen, dem Überwinden von Hindernissen – so lange, bis Sie sich auf der Zielgerade fühlen.

Immer, wenn mir ein Mensch mit einer Opfer-Mentalität begegnet, bin ich geneigt, ihm oder ihr zuzustimmen: Ja, wenn man schon so viel Schwieriges im Leben durchmachen musste, kann man zu dem Ergebnis kommen, dass die Kraft für Veränderungen fehlt.

Möglicherweise überlegen Sie zwischendurch ja auch, ob Sie sich nicht fatalistisch in Ihr Schicksal ergeben müssten?

Andererseits gebe ich zu bedenken: Aus irgendeinem Grund gehören Sie der einzigen Spezies auf Erden an, die Veränderungen mittel- und langfristig durchdenken, innerlich im „Als ob“-Handeln vorwegnehmen und systemische Veränderungen einbeziehen kann, und zwar jeweils, bevor sie nach außen hin sichtbar handelt. Ob Sie persönlich das auch tun oder resignieren und sich treiben lassen, ist eine andere Sache.

Doch wenn Sie dieses Buch neugierig gemacht hat, könnten Sie tatsächlich (noch mehr als bisher) versuchen, mit Ihren inneren Anteilen, Ressourcen, Widerständen und Potenzialen Beziehung aufzunehmen, und sich innerlich helfen lassen, indem Sie die Weisheit Ihres Unbewussten nutzen. Und wann immer Sie sich trauen, könnten Sie Ihren Prozess mit anderen Menschen teilen, von denen Sie sich gut begleitet und unterstützt fühlen, ob dies nun Menschen sind, mit denen Sie privat oder beruflich zu tun haben, oder ein/eine TherapeutIn, den/die Sie sich als „mentalen Coach“ an Ihre Seite holen.

Wenn Ihnen Spiritualität etwas bedeutet, können Sie stets auch Wesen um Hilfe bitten, die keine konkreten Menschen sind, sondern so etwas wie liebevoll unterstützende Energie bedeuten. Zwar glauben immer weniger Menschen an einen strengen, strafenden Gott. Immer mehr jedoch glauben zum Beispiel an Schutzengel (sofern man Umfragen glauben mag, sind das fast 90 Prozent der Bevölkerung!). Wenn Sie also mit positiven Imaginationen gut etwas anfangen können, dann könnten Sie sich – etwa zusätzlich zu Ihrem „Kraft-Tier“ sowie Ihrem „weisen älteren Selbst“ – auch solche nichtmenschlichen Wesen vorstellen, die zu Ihrer Hilfe und Unterstützung beitragen können. Also: Wer auch immer gerade „da oben“ Dienst hat, möge gut auf Sie aufpassen und Ihnen liebevolle Unterstützung geben.

Als der junge deutsche Schriftsteller Erich Kästner 1933 erleben musste, wie die Nazis seine Bücher verbrannten, hätte er sich verbittert und fatalistisch zurückziehen können – und er wird wohl auch solche Impulse gehabt haben. Dennoch mögen wir ihn heute noch, nicht nur als scharfzüngigen politischen Dichter (denken Sie nur an das wunderbare Gedicht „Und als der nächste Krieg begann ...“); sondern er wird auch als humorvoll-melancholischer Autor von Romanen und Kinderbüchern geliebt. Erich Kästner muss wohl auch das Kinn gereckt und allen Widerständen zum Trotz gedacht haben: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, denn dieser Aphorismus ist von ihm überliefert. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Gutes beim Entdecken und Ausprobieren Ihrer Möglichkeiten.

Michaela Huber
Göttingen, im Frühling 2005

Epilog

Ein durchschnittlich großer Erwachsener enthält selbst dann, wenn er sich nicht besonders kräftig fühlt, in seinem bescheidenen Körper eine potenzielle Energie von nicht weniger als 7 x 10 hoch 18 Joule, genug, um mit der Gewalt von 30 großen Wasserstoffbomben zu explodieren – vorausgesetzt, man weiß, wie man die Energie freisetzt, und man will es wirklich beweisen. In jeder Materie ist in jedem Umfang Energie gefangen. Es gelingt uns nur nicht sehr gut, sie nutzbar zu machen. – Bill Bryson, 2004

Wie wäre es, sie für die Veränderung des eigenen Lebens und der uns umgebenden Gesellschaft zu nutzen statt für Explosionen? Grundsätzlich scheint jedenfalls allemal genug Energie vorhanden zu sein ...

Literatur zum Weiterlesen

Alman, B.M. & Lambrou, P.T. (1995): Selbsthypnose. Das Handbuch zur Selbstbehandlung, Heidelberg: Auer

Brisch, Karl-Heinz (2003): Bindungsstörungen. Stuttgart: Klett-Cotta 

Bryson, Bill (2004): Eine kurze Geschichte von fast allem, München: Goldmann 

Ceh, Johann (1995): Entspannen jederzeit! Techniken zur besseren Stressbewältigung, München: mvg

Ellenberger, Henry F.(1985): Die Entdeckung des Unbewussten. Zürich: Diogenes 

Franzen, Susanne & Müller, Jörg (1996): Hypnose – heilen in Trance. Ein Selbsthilfeprogramm 

Friebel, V. (1998): Die innere Weite erspüren. Aus Phantasiereisen Ruhe und Kraft Schöpfen. Zürich: Walter

Friebel, V. (1993): Die Kraft der Vorstellung. Mit Visualisierung die Selbstheilung anregen. Stuttgart: Trias

Gilligan, Stephen G. (1998): Therapeutische Trance. Das Prinzip Kooperation in der Ericksonschen Hypnotherapie, Heidelberg: Carl Auer 

Grossmann, Klaus E. & Grossmann, Karin (2003): Bindung und menschliche Entwicklung, Stuttgart: Klett-Cotta

Harro, Jean (2002): Die Kraft der Suggestion. Mit Hypnotherapie zur Gesundheit, Düsseldorf: ppb 

Huber, Michaela (1995): Multiple Persönlichkeiten, Frankfurt: Fischer 

Huber, Michaela (2003): Trauma und die Folgen, Paderborn: Junfermann 

Huber Michaela (2003): Wege der Traumabehandlung, Paderborn: Junfermann 

Hüther, Gerald (1998): Wie aus Stress Gefühle werden, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 

Hüther, Gerald (2001): Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

Jencks, B. & Krause, W.R. (1994): „Erinnerungsweizen“ – Imaginationsübungen zur Minderung von Schuldgefühlen, in: Experimentelle & klinische Hypnose, Bd. 10, S. 83-91 

Kaiser Rekkas, Agnes (1998): Klinische Hypnose und Hypnotherapie. Praxisbezogenes Lehrbuch für die Ausbildung, Heidelberg: Carl Auer 

Kaiser Rekkas, Agnes (2001): Die Fee, das Tier und der Freund. Hypnotherapie in der Psychosomatik, Heidelberg: Carl Auer 

Kast, Verena (1995): Imagination als Raum der Freiheit, München: dtv

Klein, Stefan (2002): Die Glücks-Formel oder Wie die guten Gefühle entstehen, Reinbek: Rowohlt 

Klippstein, Hildegard (1999): Zur Ruhe kommen. Besser schlafen mit Hypnotherapie, Malente: Schafft

Krystal, Phyllis (1999): Monkey Mind, Stuttgart: Sathya Sai

Lazarus, Arnold A. (2000): Innenbilder – Imagination in der Psychotherapie und als Selbsthilfe. Stuttgart: Pfeiffer bei Klett-Cotta 

Maaß, E. & Ritschl K. (1996): Phantasiereisen leicht gemacht. Die Macht der Phantasie, Paderborn: Junfermann

Marone, Nicky (2000): „Das kannst du nicht“. Wie Frauen Erlernte Hilflosigkeit überwinden, Frankfurt: Fischer

Reddemann, Luise (2001): Psychohygiene in der Traumatherapie – Ein Erfahrungsbericht, in: Psychotraumatologie, Online-Zeitschrift, Nr. 2(4) 

Reddemann, Luise (2001): Imagination als heilsame Kraft – Zur Behandlung von Traumafolgen mir ressourcenorientierten Verfahren. Stuttgart: Pfeiffer bei Klett-Cotta (auch als Audio-CD)

Reddemann, Luise (2003): Einige Überlegungen zu Psychohygiene und Burnout-Prophylaxe von TraumatherapeutInnen. Erfahrungen und Hypothesen, in: Zeitschrift für Psychotraumatologie und Psychologische Medizin, 1, S. 79-85

Reddemann, Luise (2004): Psychodynamisch-imaginative Trauma-Therapie – Manual. Stuttgart: Pfeiffer bei Klett-Cotta

Saakvitne, K.W. & Pearlman, L.A. (1996): Transforming the pain. A workbook on Vicarious Traumatization for helping professionals who work with traumatized clients, New York: Norton 

Seligman, Martin E.P. (2000): Erlernte Hilflosigkeit, Weinheim: Beltz

Sheehan, E. (1996): Selbsthypnose – Wie geht denn das? Wirksame Methoden zur Bewältigung von Alltagsproblemen, Paderborn: Junfermann 

Stanton, H.E. (1994): Die Kraft der Phantasie aktiv nutzen. Innenbilder als Weg zur Lösung alltäglicher Probleme, München: Quintessenz 

Vaitl, D. & Petermann, F. (Hrsg.) (2000): Handbuch der Entspannungsverfahren Bd. 2: Anwendungen, Weinheim: Psychologie Verlags Union

Empfehlenswerte Literatur

Flach, Frederic F. (2003): Die Kraft, die aus der Krise kommt, Freiburg: Herder 

Gerstberger, Beatrix (2004): Die Kraft der Seele: Resilienz, in: Brigitte, Heft 18, S. 124-134 

Haug-Schnabel, Gabriele & Schmid-Steinbrunner, Barbara (2002): Wie man Kinder von Anfang an stark macht, Ratingen: Oberstebrink 

Koch, Axel & Kühn, Stefan (2000): Ausgepowert? Offenbach: Gabal

Opp, Günter, Fingerle, Michael & Freytag, Andreas (1999): Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz, München: Reinhardt 

Rampe, Micheline (2004): Der R-Faktor. Das Geheimnis unserer inneren Stärke, Frankfurt: Eichborn

Schmid, Wilhelm (2004): Mit sich selbst befreundet sein, Frankfurt: Suhrkamp

Kaum etwas ist so wenig angenehm wie die Erkenntnis: „Es muss sich etwas ändern in meinem Leben – aber ich weiß noch nicht, wie.“ Viele Menschen, in denen ein solcher Gedanke kreist, wissen zunächst nicht einmal, ob sie „nur“ abnehmen oder ein anderes Symptom verändern – oder doch viel mehr, möglicherweise sogar ein ganz neues Leben beginnen wollen. Sich endlich einmal wieder politisch engagieren; eine ungute Beziehung zu einem anderen Menschen beenden; etwas Neues lernen; aus dem „Hamsterrad“ aussteigen; sich wieder einmal verlieben; was es auch immer sei:

„Es muss sich etwas ändern – also muss ich etwas ändern.“

Das ist jedenfalls oft die erste wichtige Erkenntnis: Der entscheidende Handlungsimpuls muss von einem selbst ausgehen. Und dann?

Dann scheiden sich die Geister. Die einen können mit nahestehenden Menschen sprechen, sich klar werden, was geschehen muss – und losgehen, um es und um sich zu verändern. Darunter sind einige beneidenswerte Zeitgenossen – jede/r von uns kennt so jemanden –, die ohne Umschweife und punktgenau dort landen, wo sie hinwollten. Vielleicht ist uns das auch schon hin und wieder geglückt, ob mit dem Mut der Verzweiflung oder einfach mit ruhiger, klarer Entschlossenheit. Die meisten von uns kennen jedoch in manchen Phasen des Lebens auch dies: Unsicherheit, Wankelmut, Ratlosigkeit, Hin- und Hergerissensein. Und vielleicht sind wir sogar misstrauisch: „Mein Partner wird mir sagen, was er meint, wie ich mich verändern soll. Meine Freundin wird etwas anderes für richtig halten. Meine Eltern hätten einen Vorschlag, dem ich so aber nicht folgen will. Ratgeberbücher sagen dies und das. Und ich?!“

Ja, und Sie. Die eigene Intuition wäre in einer solchen Situation vielleicht die beste Ratgeberin. Die aber ist bei vielen Menschen heute ein zerzaustes und janusköpfiges Wesen, das – durch belastende oder sogar traumatische Lebenserfahrungen beeinflusst – höchst ambivalent urteilen kann. Sagt die Intuition: „Nur weiter so, es ist schon richtig, wie du es bislang machst, und was auch immer dir gerade im Weg steht, das wirst du schon meistern.“? Und/oder warnt sie: „Halt, Kehrtwende, falsche Richtung, du musst einen anderen Weg einschlagen!“? Viele Menschen erleben eine solche Ambivalenz nur gelegentlich – für manche jedoch ist sie ständige Begleiterin.

Erlernte Hilflosigkeit

Im Grunde ist es schon erstaunlich, wie oft Menschen heute unter „Erlernter Hilflosigkeit“ leiden – diesem durch ungute Lebenserfahrung erworbenen, ohnmächtigen Dauer-Empfinden: „Ich will ja, aber ich kann nicht!“ (Seligman, 2000; Marone, 2000). Erlernte Hilflosigkeit ist verbreitet wie eine Stoffwechselerkrankung, sie geht oft einher mit Ängsten und Depressionen, und sie kann einem die schönsten Vorsätze verhageln.

Einer der Gründe für die Entwicklung Erlernter Hilflosigkeit ist – neben belastenden Lebensereignissen und Traumatisierungen – schlicht die Tatsache, dass viele Menschen verlernen, sich auch mit den „hinteren Regionen“ ihres Gehirns zu beschäftigen und sich darum zu kümmern, früher Gekonntes und anfänglich Gelerntes weiterzuentwickeln. Und das rumort als „latentes Grummeln“ dann so hartnäckig im Hintergrund der Psyche, dass wir es im Alltagsbewusstsein nur als Ambivalenz oder „Widerstand“ empfinden. Und das, was da grummelt, ist immer wieder aufs Neue: Angst. Je weiter sie unterdrückt wird, desto existenzieller fühlt sie sich an: „Ich schaffe das nicht!“ kann sich im schlimmsten Falle wandeln in: „Ich schaffe das Leben nicht.“

Der Neurobiologe Gerald Hüther beschreibt diesen Verallgemeinerungsprozess von der akuten, konkreten Angst, die beiseitegeschoben und nicht bewältigt wird, zu Erlernter Hilflosigkeit (1998) so: „Aus der anfänglichen Angst wird Verzweiflung, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Die im Körper ablaufende Stressreaktion ist nicht mehr anzuhalten, sie ist unkontrollierbar geworden. Vergeblich suchen wir noch immer nach einer Lösung oder warten darauf, dass ein Wunder geschieht und alles wieder so wird, wie es vorher war. Da solche Wunder selten geschehen, bleibt uns schließlich nichts anderes übrig, als uns in unser Schicksal zu fügen. Wir sind von Selbstzweifeln geplagt und merken, wie die andauernde Belastung unsere Energiereserven aufzehrt, fühlen uns müde, kraft- und mutlos.“

Wie aber aus dieser resignativen Haltung und der Erlernten Hilflosigkeit herausfinden? Ein Wissenschaftsjournalist, der die komplexen Befunde der Hirnforschung und der jungen Neurowissenschaften in Bezug auf erfolgreiche Strategien verständlich zusammengefasst hat, ist Stefan Klein. In seinem Buch Die Glücksformel oder: Wie die guten Gefühle entstehen