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Dr. Ina G. Sommermeier

 

Richtig Sitzen

 

Balance und Sicherheit beim Reiten

Impressum

 

 

 

 

 

 

 

 

Gedanken vor dem Aufsitzen

Gedanken vor dem Aufsitzen

 

Noch eine Anleitung zum reiterlichen Sitz? Sitzen ist doch keine Kunst, man tut es sowieso, vor dem Fernseher, in der Schule, im Auto, im Büro etc. Und weiter: Jeder Reitstil verlangt eine andere Haltung – was heißt da „richtig sitzen“?

Der kleinste gemeinsame Nenner aller Reitweisen ist die Forderung nach einem losgelassenen, ausbalancierten Sitz des Reiters. Mit dieser Grundfertigkeit kann nach jeder beliebigen Richtung der Reiterei differenziert und ausgebildet werden.

Der unabhängige Sitz ist keine starre Form, keine Schablone, sondern hängt von den individuellen Bedingungen des reitenden Menschen ab. Und er entsteht jeden Moment neu. Er hängt so davon ab, was wir vorhaben, dass man sagen kann: Er ist seine Funktion. Der „richtige Sitz“ agiert und reagiert, bestimmt das Pferd und fängt seine Bewegung auf – und der Reiter lernt auf der körperlichen Ebene, sich „einzusetzen“, lernt sich „durchzusetzen“. Das wiederum lehrt den Reiter viel mehr als nur sich richtig „hinzusetzen“.

In diesem ganzheitlichen Verständnis erfordert das „Sitzen“ die volle Aufmerksamkeit des Reiters und wird zu einer Übung der Konzentration und Achtsamkeit. Wer sich darauf einlässt, wird die Bewegungen seines Pferdes deutlich und immer deutlicher spüren. Er wird sensibel für dessen Mikrobewegungen – bis dahin, dass er die einzelnen Bewegungen in ihrer Entstehung wahrnimmt. Dann kann er bereits mit der entstehenden Bewegung reagieren – sei es, dass das Pferd erschrocken zur Seite springt, sei es beim gewollten Absprung über ein Hindernis!

Diese Aufmerksamkeit ist zugleich das wirksamste „Gegengift“ gegen Ängste: Kopf und Herz sind mit vielfältigen Informationen ausgefüllt, die in jedem Moment neu entstehen – und für Angst ist kein Platz mehr; sie wird überflüssig.

Andererseits stammt Angst aber aus der Tiefe des menschlichen Organismus. Sie lässt sich nicht einfach ignorieren, durch „positives Denken“ wegzaubern oder gar betäuben. Wenn wir uns nicht um sie kümmern, sabotiert sie unsere Bemühungen um den korrekten Sitz immer wieder, kostet Kraft und blockiert unsere reiterliche Entwicklung. Es ist das gleiche Thema wie die „Losgelassenheit“ in der Ausbildungsskala des Reitpferdes. Das junge Tier muss seine Fluchtinstinkte überwinden, es muss lernen, den Menschen dort zu ertragen, wo das Raubtier angreifen würde. Schrittweise muss das Pferd an die neue Aufgabe herangeführt werden, Vertrauen entwickeln, um sich auf den Reiter konzentrieren und mit ihm kooperieren zu können!

Um als Reiter „Losgelassenheit“ zu erreichen, brauchen wir genauso viel Vertrauen und können es dadurch aufbauen, dass wir auf der körperlichen Seite unsere Beweglichkeit und unser Gleichgewichtsgefühl schulen, auf der mentalen Ebene unsere eigenen Gefühle sorgfältig ausloten und lernen, angemessen darauf zu reagieren. Die Sicherheit, die wir dabei gewinnen, zahlt sich sofort aus: Sie wird unmittelbar vom Pferd beantwortet und stärkt uns auch in anderen Lebenssituationen.

„Richtig sitzen“ erfordert daher die Beschäftigung mit den Reitergefühlen – sowohl in ihrer physischen als auch in ihrer emotionalen Dimension, umfasst körperliches genauso wie mentales Trainieren. Im Folgenden finden Sie dazu theoretische Überlegungen und praktische Übungen.

 

Das Reiterstandbild – Übungen auf dem stehenden Pferd

Das Reiterstandbild –
Übungen auf dem stehenden Pferd

 

 

Alle reden vom Sitzen: Sitzschulung, Sitzkorrekturen, Sitzübungen, Aufsitzen, Einsitzen, Dressursitz, leichter Sitz … Was ist denn so schwer daran, auf dem Pferderücken zu sitzen, dass wir uns darüber Gedanken machen müssten? Können wir nicht von klein auf sitzen, lernen es bereits im ersten Lebensjahr? Und verbringen wir nicht die meiste Zeit unseres Alltags im Sitzen?

 

Übung „Bewusst sitzen“

 

 

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Sitzen in verschiedenen Positionen schult das Bewusstsein für die eigene Haltung.

 

Wenn Sie das nächste Mal aufs Pferd steigen, nehmen Sie sich einen Moment Zeit, bevor Sie losreiten:

 

Übung „Reiterstandbild I“

 

Wenn Sie sich auf dieses Experiment einlassen, hoffen Sie vermutlich, dass der Künstler sich beeilt – und Sie sich wieder bewegen dürfen. Bitten Sie nun jemanden, Ihr Pferd anzuführen und konzentrieren sich vollständig auf Ihr Sitzgefühl. Merken Sie, wie sehr sich die Bewegung des Pferdes auf Ihren Sitz auswirkt, ihn womöglich durcheinander bringt?

 

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Hier ein Beispiel für das „Reiterstandbild“ – eine Position, die aber niemand lange aushält.
Foto: Kristina Wedekind

 

Vielleicht haben Sie’s geahnt, die Übungen mögen es Ihnen bestätigen: Die übliche Vorstellung vom Sitzen hilft uns auf dem Pferd nicht weiter. Innere Bilder und körperliche Erfahrungen, die wir mit dem Begriff „Sitzen“ verbinden, führen uns beim Reiten in eine Sackgasse. Warum? „Sitzen“ bedeutet auf der Muskelebene eine relativ passive Körperhaltung (früher wurden zum Beispiel Schreibarbeiten nicht im Sitzen, sondern an Stehpulten ausgeführt). Die Körperachse wird mehr oder weniger gebeugt, der Schwerpunkt verlagert sich hinter die Senkrechte und wird vom Gesäß abgestützt. Solange das Pferd ruhig steht, können wir uns mit etwas Übung zurechtbiegen, kommen dabei auch dem korrekten Sitz, wie in der Reitlehre gefordert, recht nahe. Sobald sich das Pferd jedoch bewegt, reichen die Körpererfahrungen, die wir mit dem Sitzen verbinden, nicht mehr aus. Dann sorgt der Körper – reflexartig und schwer kontrollierbar – selbst für seine Sicherheit: Muskeln spannen sich an, Arme und Beine versuchen zu klammern – viele Sitzfehler haben hier ihre Ursache.

 

Übung „Ballspiel im Sitzen“

 

Bei der Übung konnten Sie es ausprobieren: Wenn wir reagieren, uns schnell bewegen wollen, stehen wir fast automatisch auf. Und hier liegt auch der Schlüssel, eine reaktionsfähige, aktive Haltung auf dem Pferd zu entwickeln: die Vorstellung, im Sattel zu stehen.

 

Übung „Im Sattel stehen“

 

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Michelle zeigt, wie sie das Gefühl für „Stehen“ auf dem Pferd entwickelt – ohne Pferd würde sie aus dieser Haltung nach hinten kippen.

 

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Wechsel der Haltung von „Sitzen“ zu „Stehen“.

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Wenn Sie mögen, übertragen Sie diese Übung auf das Experiment von vorhin:

 

Übung „Reiterstandbild II“

 

Exkurs „Sprachgebrauch“

Die Haltung des Reiters wird üblicherweise „Sitzen“ genannt. Auch wir benutzen diesen Begriff weiterhin. Es geht hier nur darum, den Begriff „Sitzen“ von Vorstellungen zu befreien, die uns beim Reiten behindern, und ihn stattdessen mit Bildern zu füllen, die das Reiten erleichtern und im Körper hilfreiche Automatismen ansprechen.

 

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So sieht der korrekte Sitz für Marieke aus. Ein korrekter Sitz ist immer auch von den körperlichen Bedingungen des Reiters abhängig.

 

Kriterien für den korrekten Sitz

 

Vergleichen Sie nun Ihren Sitz aus der Vorstellung zu stehen mit den Kriterien für den korrekten Sitz:

• Senkrechte: Schulter – Hüfte – Absatz

• Das Gesäß ruht am tiefsten Punkt des Sattels, das Gewicht ist gleichmäßig auf beide Gesäßhälften und die innere Oberschenkelmuskulatur verteilt.

• Die Füße befinden sich unter dem Schwerpunkt des Reiters.

• Die Füße ruhen annähernd parallel zum Pferdeleib im Bügel.

• Die Absätze sind der tiefste Punkt.

• Die Wirbelsäule steht aufrecht, in ihrer natürlichen S-Form, genau über der Mitte des Sattels.

• Der Kopf wird frei und aufrecht getragen.

• Die Schultern werden zwanglos zurückgenommen.

• Die Arme hängen etwas vor der Senkrechten hinunter und lehnen sich leicht am Rumpf an.

• Die Hände sind unverkrampft zur Faust geschlossen.

• Unterarm – Zügel – Pferdemaul bilden eine gerade Linie.