cover

Image

Image

Image

Birgit Beckert-Schäfer

 

Headshaking

 

Erkennen und behandeln

 

 

 

 

 

 

 

Vorwort

Vorwort

 

 

Selten bereitet heutzutage eine Erkrankung des Pferdes so viele Schwierigkeiten hinsichtlich Diagnose und Behandlung wie das Headshaking-Syndrom.

Für viele Tierärzte und Tierheilpraktiker ist die Problematik noch relativ neu und selbst in der neueren veterinärmedizinischen Fachliteratur ist kaum etwas über diese Symptomatik, deren Ursachen und Therapie zu finden. Obwohl in den letzten Jahren der Anteil der Pferde mit dem Headshaking-Syndrom geradezu sprunghaft angestiegen ist, liegen bisher nur wenige gesicherte Erkenntnisse über Ursachen und Krankheitsentstehung vor, weshalb die Erkrankung häufig die Prognose „unheilbar“ erhält.

Die betroffenen Pferdebesitzer stehen dem Problem oftmals hilflos gegenüber. Wenn auch nach eingehender klinischer Untersuchung durch einen Tierarzt keine Grunderkrankung erkennbar ist, die das Verhalten auslöst, bleibt häufig nur die Abschaffung des Pferdes oder das sogenannte Gnadenbrot, weil mit den betroffenen Pferden nicht mehr gearbeitet werden kann.

Da ich selbst vor einigen Jahren zur Besitzerin eines Headshakers wurde, kann ich die Verzweiflung betroffener Pferdehalter nachempfinden, wenn von allen Seiten nur die lapidare Aussage zu hören ist: „Da kann man nichts machen.“ Mein Pferd war jung und ansonsten auch gesund, sodass ich der festen Überzeugung war, dass es Möglichkeiten geben würde, ihm zu helfen – man müsste sie nur finden. Also ließ ich nicht locker und durchforschte sowohl die deutsch- als auch englischsprachige Literatur, recherchierte im Internet und befragte Tierärzte, Tierheilpraktikerkollegen und Pferdebesitzer. Allen diesen Menschen, die mir bei der Aufklärung des Sachverhalts geholfen haben, danke ich ganz herzlich für ihre Auskunftsbereitschaft und Geduld. Der Aufwand und die Mühe haben sich gelohnt, denn ich wurde fündig. Bei meinem Pferd hat sich nach einigen Irrtümern und Rückschlägen eine starke Besserung der Symptomatik mit zeitweiliger Symptomfreiheit eingestellt und dank einer ganzheitlichen Diagnostik und Therapie konnte seither zahlreichen weiteren Headshakern geholfen werden. Einige dieser Pferde sind seit mehreren Jahren symptomfrei.

In diesem Buch habe ich die im Lauf der Jahre gewonnenen Erkenntnisse über Differenzialdiagnose, Ursachen, Auslöser und Therapiemöglichkeiten zusammengefasst, um auch anderen Besitzern von Headshakern Mut zu machen und ihnen Lösungsvorschläge aufzuzeigen, damit sie sich nicht von ihrem Tier trennen müssen. Auch wenn in vielen Fällen keine vollständige Heilung möglich ist, so gibt es doch verschiedene Ansätze, um die Symptomatik so weit abzuschwächen und die Beschwerden zu lindern, dass das Pferd wieder zu leichter Arbeit herangezogen werden kann.

 

Birgit Beckert-Schäfer

 

Image

Headshaking kann verschiedenste Ursachen haben. (Foto: Maurer)

 

Das Headshaking-Syndrom des Pferdes

Das Headshaking-Syndrom des Pferdes

 

 

Der englische Begriff Headshaking (Kopfschütteln) hat sich auch in der deutschsprachigen Fachliteratur durchgesetzt und beschreibt einen Symptomenkomplex, dessen auffälligstes Merkmal heftiges, rhythmisches Kopfschlagen oder -schütteln ist. Diese Bewegung wird meist in vertikaler Richtung und ohne erkennbaren äußeren Reiz ausgeführt. Für den Betrachter sieht es so aus, als wäre dem Pferd ein Insekt in die Nase geflogen oder hätte es in die Nüstern gestochen.

Das Phänomen ist weltweit verbreitet. In vielen Fällen sind die Pferde nicht mehr reitbar und stellen für sich und den Reiter bei der Nutzung eine regelrechte Gefahr dar.

Erstmals in der Literatur wurden die typischen Symptome des Headshaking um 1800 erwähnt; es handelt sich also um keine neue Symptomatik. Zu dieser Zeit wurde Headshaking allerdings noch ausschließlich als sogenannte Untugend des Pferdes definiert, und der Einsatz eines Martingals als einzig wirksame Maßnahme empfohlen.

Heute weiß man es besser. Headshaking ist keine Untugend, es ist aber auch nicht, wie noch immer häufig fälschlicherweise angenommen wird, die Krankheit an sich, sondern lediglich ein spezifisches Symptom, das völlig unterschiedliche Ursachen haben kann. Je nach Ursache variieren Intensität, Dauer und Auftreten sowie mögliche Begleitsymptome.

Nach heutigem Wissensstand können dem Headshaking-Syndrom diverse organische Erkrankungen, aber auch haltungs- und umgangsbedingte Verhaltensstörungen zugrunde liegen.

Woran das betroffene Pferd leidet, muss im Vorfeld durch eine genaue Aufnahme der Krankengeschichte sowie klinische und verhaltensrelevante Untersuchungen gründlich abgeklärt werden. Nur eine exakte Diagnose ermöglicht eine Erfolg versprechende Therapie, da sich die Behandlung stets nach der Ursache richten muss und so völlig unterschiedliche Behandlungsmethoden in Betracht kommen.

 

Image

Das Kopfschlagen durch ein Martingal oder andere Hilfszügel zu unterbinden, ist keine Lösung. (Foto: Tierfotoagentur.de/I.Pietrulla)

 

Derzeit wird zwischen drei Formen des Headshaking unterschieden:

 

• stereotypes Headshaking als Verhaltensstörung

• symptomatisches Headshaking als Symptom einer spezifischen Grunderkrankung

• idiopathisches Headshaking, das heißt, ohne erkennbare Ursache

 

Als Unterform des idiopathischen Headshaking wird häufig das fotosensitive Headshaking genannt, bei dem die Pferde lichtempfindlich reagieren.

Eine Verhaltensstörung in Form einer sogenannten Stereotypie liegt nur in den seltensten Ausnahmefällen vor. Auch das symptomatische Headshaking aufgrund einer Organerkrankung, Allergie oder fehlerhaften Nutzung des Pferdes konnte laut Angaben in der Literatur nur in etwa 10 Prozent aller Fälle nachgewiesen werden.

Die weitaus meisten betroffenen Pferde leiden an idiopathischem Headshaking (manchmal auch essenzielles Headshaking genannt), also Headshaking ohne erkennbare Ursache oder ohne nachgewiesene Ursache. Nach neuesten Erkenntnissen ist diese Formulierung so allerdings nicht länger haltbar, da es inzwischen sehr wohl Anhaltspunkte für eine der Symptomatik zugrunde liegende Erkrankung gibt, wie später noch erläutert wird.

Da das idiopathische Headshaking mit Abstand am häufigsten auftritt und sowohl Ursachen als auch Therapiemöglichkeiten noch weitgehend unbekannt sind, wird dieses Krankheitsbild im Hauptteil detailliert dargestellt. Weil jedoch zunächst die beiden anderen, selteneren Formen des Headshaking differenzialdiagnostisch ausgeschlossen werden müssen, sollen diese zuerst erläutert werden.

Die hier vorgestellten Ursachen, Auslöser und Therapieverfahren erheben selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sicher werden sich in Zukunft durch weitere Forschungen und Therapieerfahrungen auf diesem Gebiet noch spezifischere Behandlungsmethoden ergeben.

 

Image

Artgerechte Haltung das ganze Jahr über und ungestörter Kontakt zu Artgenossen sind Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. (Foto: Slawik)

 

Image

Kopfschütteln ist ein normales Verhaltensmuster, das Pferde zum Beispiel zur Insektenabwehr zeigen. (Foto: Maurer)

 

Stereotypes Headshaking

Stereotypes Headshaking

 

 

Als Stereotypien bezeichnet man Verhaltensmuster, die sich in Form und zeitlichem Ablauf nahezu identisch wiederholen, ausgeprägt monoton sind und ohne erkennbare Funktion ausgeübt werden. Ein weiteres Merkmal dieser Verhaltensanomalien ist, dass sie trotz Beseitigung der ursprünglichen Mängel bestehen bleiben und auch von unspezifischen Ereignissen, die mit der eigentlichen Ursache nichts zu tun haben, hervorgerufen werden können. Daher muss stets zwischen der Ursache und dem aktuellen Auslöser unterschieden werden.

Stereotypien treten nur bei domestizierten Tieren und in Gefangenschaft gehaltenen Wildtieren auf. Bei allen Stereotypien ist nicht auszuschließen, dass eine genetische Veranlagung zu leichter Erregbarkeit die Entstehung begünstigt. So zeigen hoch im Blut stehende Pferde wie Vollblüter, Halbblüter und Araber häufiger stereotype Verhaltensstörungen als zum Beispiel Kaltblüter oder Ponys.

Stereotypien leiten sich aus dem Normalverhalten ab, dem immer eine biologische Funktion zugrunde liegt.

Schüttelnde und schlagende Kopfbewegungen sind ein normales Verhalten von Pferden. Sie werden unter natürlichen Bedingungen in unterschiedlichen Situationen gezeigt und sind nur von kurzer Dauer:

 

• bei der Insektenabwehr

• bei Irritationen im Kopf- beziehungsweise Ohrenbereich

• bei aggressiven Verhaltensweisen wie Drohschwingen und Treiben

• beim Scharfstellen der Augen auf Gegenstände

• bei Erregung

• in Konfliktsituationen

 

Beim stereotypen Headshaking handelt es sich also um eine echte Verhaltensstörung wie es auch Koppen, Weben oder Boxenlaufen sind. Glücklicherweise tritt stereotypes Headshaking bei Pferden nur sehr selten auf.

 

Symptome

 

Einzige Symptome sind plötzliches reflexartiges Auf-und-ab-Schlagen des Kopfes und/oder horizontales Schütteln des Kopfes. Beim stereotypen Headshaking kann das Kopfschlagen oder -schütteln zwar extreme Ausmaße annehmen, im Unterschied zum idiopathischen Headshaking zeigen die Pferde jedoch keine weiteren Begleitsymptome.

 

Ursachen

 

Die Hauptursachen des stereotypen Head­shaking sind chronische Frustration oder andauernde Konfliktsituationen, hervorgerufen durch unzureichende Haltungsbedingungen. Mit dem erstmaligen Auftreten der Symptomatik werden vor allem gravierende Haltungsänderungen, einschneidende Ereignisse im Leben eines Pferdes und soziale Isolation in Verbindung gebracht. Darunter:

• Überforderung und Stresssituationen in einer der Entwicklungsphasen des Jungpferdes

• abrupter Trainingsbeginn

• Überforderung im Training

• Stallwechsel und sonstige Haltungsumstellungen

• krankheitsbedingte, vorübergehende soziale Isolation

• reizarme Haltung, permanente Isolation

• ungenügende Beschäftigung

• Fütterungsfehler

 

In solchen Belastungssituationen treten häufig Übersprung- oder Leerlaufhandlungen auf. Das Pferd kann sich aufgrund äußerer Zwänge nicht der Situation angemessen verhalten und „entflieht“, indem es eine andere, augenscheinlich unpassende Verhaltensweise zeigt – es „springt“ sozusagen in eine andere Handlung. Bleibt die Belastung zu lange bestehen oder tritt sie gehäuft auf, können solche Verhaltensweisen bei entsprechender Veranlagung als stereotype Verhaltensstörungen erhalten bleiben und später von allgemeinen Erregungszuständen ausgelöst werden. Die Ursachen und Anzeichen von Stress beim Pferd werden im Kapitel über das idiopathische Headshaking hier noch ausführlicher erläutert.

 

Image

Isolierte Haltung in vergitterten Einzelboxen begünstigt die Entstehung von Verhaltensstörungen. (Foto: Slawik)

 

Obwohl Stereotypien laut Definition ohne erkennbare Funktion ausgeführt werden, wurde festgestellt, dass diese Verhaltensweisen zu einem Erregungsabbau führen und daher einen durchaus positiven Effekt auf das betroffene Pferd haben, indem sie es dem Pferd ermöglichen, nicht optimale Haltungsbedingungen zu ertragen. Aus diesem Grund dürfen derartige Verhaltensauffälligkeiten auf keinen Fall unterdrückt werden, da dies den Stress des Pferdes noch vergrößern würde.

 

Auslöser

 

Als Auslöser kommen, wie bei anderen Stereotypien auch, Erregungszustände jeglicher Art in Betracht, die, wie bereits erwähnt, nicht zwingend etwas mit der eigentlichen Ursache zu tun haben müssen. Dazu gehören:

• Erwartung von Futter

• Herausführen von Stallgenossen

• Vorbereitung zur Arbeit

• Isolation von anderen Pferden

• neue Lektionen oder Überforderung bei der Arbeit

 

Diagnose

 

Das stereotype Kopfschlagen oder -schütteln wird sowohl im Stall als auch bei der Nutzung gezeigt, meist mit verstärkter Intensität bei der Arbeit und bei Erregungszuständen. Es ist unabhängig von der Jahreszeit und tritt ohne Begleitsymptome auf. Zur Diagnosestellung sind ein gründlicher Vorbericht über das erstmalige Auftreten und die aktuellen Auslöser sowie der Ausschluss aller möglichen Grunderkrankungen erforderlich.

 

Therapie

 

Zur Behandlung dieser Form des Headshaking müssen die natürlichen Bedürfnisse eines Pferdes berücksichtigt werden. Eine Verbesserung lässt sich meist durch eine Optimierung der Haltungsbedingungen und/oder der Leistungsanforderungen erreichen, insbesondere hinsichtlich Nahrungsaufnahme, Bewegungsbedarf, Sozialverhalten und Herabsetzung der reiterlichen Ansprüche. Wichtig sind:

• viel Bewegung

• Weidegang

• ungestörter Kontakt zu Artgenossen

• Erhöhung des Raufutteranteils zur Beschäftigung und Befriedigung des Fressbedürfnisses

• ausreichende Beschäftigung mit dem Pferd

• dem Alter und Ausbildungsstand angepasste Leistungsanforderungen

 

Neben einer Optimierung der Haltungs- und Nutzungsbedingungen kann vorübergehend zur Unterstützung L-Tryptophan (eine essenzielle Aminosäure, die stimmungsaufhellend und beruhigend wirkt) verabreicht werden; Dosierung: zweimal täglich 2 bis 6 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht über das Krippenfutter. Mit einem Wirkungseintritt ist nach etwa einer Woche zu rechnen. Nach Absetzen der Medikation erlischt die Wirkung innerhalb weniger Tage.

 

Image

Headshaker sollten von einem Tierarzt oder Osteopathen auf Rückenprobleme untersucht werden. (Foto: Slawik)