e9783641059354_cover.jpg

Inhaltsverzeichnis



















































Epilog

Es war einer dieser klaren Herbsttage, die ich so oft mit Tichow an der Elbe verbracht hatte. Jahre waren vergangen seither. Ich war nicht mehr für den Nachrichtendienst tätig, sondern für eine renommierte Unternehmensberatung. Nach einem Jahrzehnt im Schatten machte es auch mal Spaß, die Sonne zu genießen. Mit meinem Geschäftspartner saß ich in der Lobby eines Münchner Hotels an der Bar und besprach unsere Strategie vor einer wichtigen Verhandlung und unseren Abendevent im wunderbaren GOP-Varieté.



Ich sah ihn, bevor er mich sah. Tichow. Schon von weitem erkannte ich ihn an seinem wiegenden Cowboygang. Die Haare trug er schwarz, doch noch immer standen sie stoppelig in die Höhe. Im Arm eine wunderschöne Frau mit wallender roter Mähne, steuerte er direkt auf uns zu. Typisch. Wie viele Freundinnen er wohl derzeit hatte? Über drei Jahre hatten wir uns weder gehört noch gesehen. Dienstvorschrift.

Ich sah knapp an ihm vorbei, zu den Uhren an der Wand hinter der Rezeption. In dem Moment, da er mich erkannte, sagte er etwas zu seiner Begleiterin und lächelte. Die schöne Frau deutete nach links. Tichow und sie drehten ab und nahmen Kurs auf den Lift, der sie nach oben bringen würde.

Die Lobby hielt die Luft an angesichts des atemberaubenden Hüftschwungs von Tichows Begleiterin. Doch mein Lächeln galt nicht ihr, wie Josef vielleicht vermuten mochte. Es galt Tichows rechter Hand an seiner rechten Hosentasche. Unser altes Zeichen für: Ja. Bestens. Alles okay.

Literaturempfehlungen

Carnegie, Dale: Wie man Freunde gewinnt.



Litzcke, Sven Max und Schwan, Siegfried (Hrsg.): Nachrichtendienstpsychologie 1; Schriftenreihe des Fachbereichs Öffentliche Sicherheit.



Litzcke, Sven Max und Schwan, Siegfried (Hrsg.): Nachrichtendienstpsychologie 3; Schriftenreihe des Fachbereichs Öffentliche Sicherheit.



Nasher, Jack: Durchschaut! Das Geheimnis, kleine und große Lügen zu entlarven.

Ihre erste Mission

Die Grundsatzentscheidung: Fairness, Respekt und Anerkennung

Der Agent übernimmt Verantwortung für jede seiner Beziehungen zu anderen Menschen. Er entscheidet sich bewusst für eine respektvolle und faire Grundeinstellung. Der Agent behandelt sein Gegenüber, insbesondere auch in Konfliktsituationen, strikt nach diesem Grundsatz.



Die erste und wichtigste Frage, die Sie bei jeder Begegnung klären sollten: Welche Einstellung haben Sie zu Ihrem Gegenüber? Wer ist er für Sie, für wen halten Sie ihn? Für einen Versager? Einen Besserwisser? Einen Angeber? Einen, den Sie rumkriegen, weichkochen müssen?

Dann werden Sie wahrscheinlich scheitern. Wenn Sie andere Menschen in ein schlechtes Licht stellen und den Fokus auf ihre Schwächen und negativen Eigenschaften richten, können Sie niemals erfolgreich mit ihnen zusammenarbeiten, sie nie als Freunde gewinnen, keine vertrauensvolle Beziehung aufbauen. Denn Ihre Gedanken übertragen sich auf Ihre Worte, Ihre Körpersprache, Ihre Entscheidungen und Ihr Verhalten. Ob Sie wollen oder nicht, es ist genauso, wie es seit Jahrtausenden im Talmud geschrieben steht. Heutzutage können wir das sogar wissenschaftlich belegen.



Jeder Gedanke führt zu einer körperlichen Reaktion. Stellen Sie sich vor, in eine Zitrone zu beißen. Was geschieht? Ihnen läuft das Wasser im Mund zusammen. Stellen Sie sich ein Klassenzimmer vor und vorne an der grünen Schiefertafel kratzt eine Göre mit langen Fingernägeln einen Strich von ganz oben bis nach ganz unten. Sie bekommen eine Gänsehaut. Mindestens. Jeder Gedanke führt im Körper zu einer Reaktion, ob biochemisch oder muskulär. Wenn unser Gehirn Dinge archiviert, speichert es dabei auch immer eine Emotion, eine körperliche Reaktion ab. Mit dem Abrufen der Hauptinformation wird eine Assoziationskette ausgelöst, die mit körperlichen Reaktionen einhergeht. Das können wir gar nicht verhindern. Wenn wir denken: Der Idiot, und ihn dabei anlächeln, strahlen wir aus, dass wir Der Idiot denken. Unser Gegenüber spürt unsere geistige Haltung, wenn er auch nicht so genau weiß, woran er das festmachen kann. Er fühlt sich vielleicht unbehaglich in unserer Gesellschaft. Irgendetwas stimmt nicht. Obwohl er so ein netter Kerl ist. Ich werde einfach nicht mit ihm warm. Wir alle nehmen über sehr feine Antennen wahr, ob die Menschen, die uns begegnen, authentisch sind. Ob ihr Verhalten echt oder aufgesetzt ist. Wenn das Verhalten und die Gedanken in Einklang sind, strahlt ein Mensch Kongruenz, das heißt Übereinstimmung aus. Das macht sympathisch und ebnet den Weg für Vertrauen. Grünes Licht für diese Person.



Mit welcher geistigen Haltung gehen Sie auf andere Menschen zu? Auch wenn wir prinzipiell wissen, worauf es ankommt, passiert es immer wieder einmal, dass wir uns nach dem Motto benehmen: Ich bin okay, du bist doof. Liegt es daran, dass wir gerade gestresst sind? Liegt es an unserer allgemeinen Tagesform, dem Wetter? Oder ist es nicht manchmal doch eher so, dass wir uns über unsere grundsätzliche Einstellung zu anderen Menschen nicht bewusst sind? Tatsache ist, dass wir mit einer negativen Haltung langfristig nicht erfolgreich in guten Kontakt mit anderen kommen.

Wie wäre es mit: »Wir sind beide okay?«

Diese scheinbare Kleinigkeit verändert alles, denn wir können keine tragfähigen Beziehungen zu Menschen aufbauen, die wir abwerten. Wertschätzung und Anerkennung bilden das positive Fundament für einen guten Kontakt. Auch zu einem Kriminellen. Eine neutrale Einstellung wäre zu wenig. Das muss Ihnen von Anfang an klar sein, und wenn Sie sich gerade mal zu Neutralität überwinden können, werden Sie nicht nur keine V-Leute anwerben, Sie werden auch sonst recht wenig Werbung für sich machen können und nicht zu denjenigen gehören, die allseits Sympathien wecken und denen alles in den Schoß zu fallen scheint. Sie ahnen jetzt schon, dass Sie auch ein wenig Arbeit in Ihre neue Identität stecken müssen. Doch keine Sorge, jede Veränderung ist nur zu Beginn anstrengend. Sobald sich das neue Denken eingebürgert hat, wird es zu einem Automatismus, und dann surfen Sie wie auf einer Welle schwungvoll dahin.



Fragen Sie sich, wie es im Extremfall gelingt, einem Kriminellen wertschätzend zu begegnen? Es ist einfacher, als Sie vielleicht glauben. Sie müssen an einem Menschen, der es Ihnen womöglich nicht leicht macht, ihn zu mögen, zunächst etwas finden, das Sie wertschätzen können.

Okay, er hat drei Jahre hintereinander die Zweige des Apfelbaums, die in seinen Garten hängen, brutal gestutzt und die Äste auch noch auf dem Nachbargrundstück liegen lassen. Aber seinen Enkeln ist er der liebevollste Opa der Welt und bastelt in jeder freien Minute mit ihnen.

Okay, ihre Stimme ist schrill, und wenn sie wieder mal bei der aktuellen Ehefrau anruft, um ihren Ex zu sprechen, könnte diese aus der Haut fahren. Aber die Ex hat ihn damals nach seiner Insolvenz nicht im Stich gelassen und immer zu ihm gehalten.

Okay, wenn man ihm einen Auftrag gibt, wiederholt er die Anweisungen in seiner unendlich langsamen Leier noch mindestens zweimal. Aber er sorgt dafür, dass es stets frischen Kaffee gibt, wechselt die Toner an den Druckern und erinnert die Kollegen in der Abteilung an anstehende Geburtstage.



Mit diesem kleinen Trick der Wahrnehmungsveränderung schaffen wir es, auch nervende Zeitgenossen wertzuschätzen, und sorgen dafür, dass sie uns ebenfalls offener begegnen. Wann immer zwei Menschen aufeinandertreffen, checken sie sich gegenseitig — häufig unbewusst — ab. Wir merken nicht, welche Eindrücke wir in unseren Bewertungsprozess mit einbeziehen, doch eine Inkongruenz, eine fehlende Übereinstimmung zwischen Verhalten und Denken, ist immer ein K.-O.-Kriterium. Sind wir selbst inkongruent, wirken wir ganz bestimmt nicht sympathisch. Genau das möchten wir aber — bei der Anwerbung eines V-Mannes, in der Gehaltsverhandlung mit dem Chef oder beim Flirt mit dem oder der Blonden an der Bar. Und klar möchten wir schnell auf die Beziehungsebene gelangen, dorthin, wo es richtig interessant – und vielleicht sogar heiß wird!

Gedankenkontrolle

Es fällt uns leicht, den Menschen, die wir mögen, Gutes nachzusagen. Schwieriger wird es bei solchen, mit denen wir Probleme haben. Das sind aber gerade diejenigen, die für Sie als Agent kurz vor Ihrer ersten Mission eine wichtige Rolle spielen. An ihnen können Sie eine wertschätzende Haltung üben. Es ist mir wichtig, dass Sie die nachfolgende Übung nicht bloß lesen, sondern sie auch in die Praxis umsetzen. Schließlich will ich mich, wenn wir uns ins Milieu begeben, zu hundert Prozent auf Sie als meine Partner und Partnerinnen im Team verlassen können.

Und so sieht Ihr Job aus: Finden Sie an jeder Person, mit der Sie zu tun haben, mindestens einen Aspekt, den Sie aufrichtig anerkennen und wertschätzen können. Fangen Sie mit den Menschen an, die Sie im Großen und Ganzen mögen, und steigern Sie sich zu jenen, die Sie nicht vermissen würden, wenn sie plötzlich verschwunden wären. Auch wenn es Ihnen zu Beginn schwerfällt, positive Eigenschaften an Zeitgenossen zu finden, die Sie ablehnen: Suchen Sie so lange, bis Sie etwas gefunden haben. Ein Agent gibt nicht so schnell auf. Hartnäckigkeit ist ebenso angesagt wie Kreativität. Voraussichtlich werden Sie mit einiger Überraschung feststellen, dass neben dem Konfliktthema, das für Ihre Antipathie verantwortlich ist, auch noch andere Bereiche existieren. Tja, wer hätte das gedacht. Sven ist nicht bloß ein Ekel, er kann auch ganz nett sein — wenn auch nicht zu Ihnen. Allerdings haben Sie mit dieser Feststellung eine Tür in Richtung Sven geöffnet und werden eventuell noch eine viel größere Überraschung erleben, wenn Ihr Feind von gestern Ihnen morgen die Hand reicht. Dabei haben Sie doch gar nichts gemacht.

Falsch: Sie haben eine Menge gemacht. Sie haben die Spielregeln geändert.

Warum das so wichtig ist? Wenn Sie sich zu abwertenden Gedanken und einem abwertenden Verhalten hinreißen lassen, fühlt sich Ihr Gegenüber angegriffen und wird mit Verteidigung oder einem Gegenangriff reagieren. Das bedeutet: Er wird seine innere Tür vor Ihnen schließen. Letzteres ist ihm nicht übelzunehmen, da er Sie schließlich als abwertend erlebt. Somit wird er sich zurückziehen und kein Interesse an einer Kommunikation haben …, ungünstige Voraussetzungen für eine vertrauensvolle Begegnung. Wenn Ihr Gegenüber ein geschickter Schauspieler ist, bemerken Sie womöglich gar nicht, dass gerade eine Tür ins Schloss gefallen ist. Wir alle kennen solche Missverständnisse. Während wir selbst uns zehn Punkte für unser Einfühlungsvermögen geben würden, werden wir von anderen als unsensibel tituliert. Das kommt in den besten Familien vor und liegt daran, dass jeder Mensch verschieden ist und eine unterschiedliche Wahrnehmung von der Welt hat, auf die er auch noch völlig unterschiedlich reagiert. Was dem einen Tränen in die Augen treibt, steckt der andere mit einem Achselzucken weg, und dem Dritten fällt gar nichts auf: War da was? Machen Sie sich nie selbst zum Maßstab! Fahren Sie stattdessen Ihre Antennen aus und versuchen Sie herauszufinden, in welchem Takt andere Menschen ticken.



Wann immer Sie sich dabei ertappen, negativ oder abwertend zu denken, korrigieren Sie sich bewusst in eine konstruktive Richtung. Nach und nach werden Sie Ihren eigenen Weg finden, der am besten zu Ihnen passt, sich am besten anfühlt und Sie im Umgang mit anderen effektiver macht. Was als bewusste Gedankenkontrolle beginnt, verinnerlichen Sie im Lauf der Zeit. So wird die Haltung, für die Sie sich entschieden haben, zu einem Teil Ihres Charakters. Erinnern Sie sich daran, wie Sie gelernt haben, Auto zu fahren. Zuerst war es eine große Herausforderung — auf wie viel man da gleichzeitig achten sollte. Sie mussten sich stark konzentrieren, um nichts zu übersehen. Schalten, blinken, kuppeln, und dann auch noch die anderen Verkehrsteilnehmer, die Sie im Auge behalten mussten. Und den Rückspiegel nicht vergessen! Heute läuft das alles automatisch ab, Sie fühlen sich sicher und kompetent, und der Blick in den Rückspiegel ist reine Routine. Zur gleichen Routine sollte es für Sie werden, bei jedem Kontakt mit einem anderen Menschen mindestens einen positiven Aspekt in den Vordergrund zu stellen, gerne auch mehrere. Das ist die Voraussetzung für Beziehung. Selbst wenn Ihnen das im Moment undurchführbar erscheint, werden Sie doch feststellen, dass es machbar ist. Auch Schwiegermütter, cholerische Chefs, laute Nachbarn und Gehsteigparker haben liebenswerte Eigenschaften. Es liegt an uns als Agenten, sie zu finden. Je besser Sie sind, desto mehr sammeln Sie.

Plan B

Sollte das mit den positiven Aspekten gar nicht klappen, bleiben Sie nicht hartnäckig, sondern — auch das zeichnet einen Agenten aus — reagieren Sie flexibel. Es mag in Ihrem Umfeld Menschen geben, an denen Sie kein gutes Haar lassen können. Die Ursachen dafür liegen wahrscheinlich in der Vergangenheit. Manchmal erinnert uns ein Mensch, ohne dass wir es wissen, an einen anderen, den wir nicht mochten, und deshalb lehnen wir auch die neuere Bekanntschaft ab. So arbeitet das menschliche Gehirn. Ob schlechte oder gute Erfahrungen: Sie werden verallgemeinert. Im Prinzip ist das sinnvoll, denn es würde uns gnadenlos überfordern, wenn wir jeden Tag die Welt aufs Neue erfassen müssten. Es ist ein Segen, sich auf gewisse Dinge verlassen zu können. Wenn Sie unverhältnismäßig heftig reagieren, ist das ein Hinweis darauf, dass etwas aus Ihrer Vergangenheit herausgetriggert, also ausgelöst wird. Das spüren Sie vielleicht sogar körperlich. Eine heiße Welle des Zorns steigt in Ihnen auf, Ihr Herz klopft schneller, Sie merken, dass Sie rot werden und/oder unsicher, es überkommt Sie der Impuls wegzulaufen etc. Diese starken Reaktionen erleben wir häufig, weil wir, als uns die entsprechenden Urerfahrungen zustießen, zu klein waren, um uns zu wehren. Doch nun sind wir erwachsen. Machen Sie sich das bewusst, sagen Sie es sich vielleicht sogar laut vor: Damals war ich fünf, heute bin ich dreißig. Diese Relativierung schenkt Ihnen Handlungsspielraum. Sie wissen, dass Sie über die Lösungsansätze verfügen, mit Problemen umzugehen, auch wenn Sie dabei wunde Punkte berühren. Mit dieser Einstellung nehmen Sie im übertragenen Sinne das Kind, das Sie einmal waren, innerlich an die Hand und verlassen die damalige Situation. Sie sind nicht mehr der oder die Kleine. Sie haben einen großen starken Partner an Ihrer Seite: und zwar Sie selbst. Wem könnten Sie mehr vertrauen? Diese vertrauensvolle Beziehung zu uns selbst wirkt übrigens enorm anziehend auf andere. Menschen, die sich selbst vertrauen, werden auch von ihrer Umwelt als vertrauenswürdig eingeschätzt: Wir fühlen uns sicher bei ihnen.

»Zur Einsatzkompetenz muss die emotionale Kontrolle gehören. Dazu zählt bereits, sich der eigenen emotionalen Anfälligkeiten bewusst zu werden und zu lernen, sie im Alltag in den Griff zu bekommen.«

Quelle: Nachrichtendienstpsychologie, Band 3

Plan C

Halten Sie den Ball schön flach. Hauptsache, Sie nehmen die Dinge nicht persönlich. Wenn eine Kassiererin im Supermarkt Sie anschnauzt, weil Sie die Flasche Martini aufs Band gestellt und nicht gelegt haben, bleiben Sie sich treu, gerührt und nicht geschüttelt: Das hat nichts mit Ihnen zu tun. Nehmen Sie es nicht persönlich. Wenn eine Bekannte Sie anpflaumt, warum bei Ihnen ständig belegt ist, dann hat auch das nichts mit Ihnen zu tun, sondern mit ihrem eigenen Frust. Entscheiden Sie bewusst, was Sie an sich heranlassen und, vor allem, was nicht. Ihr Gegenüber hat ein Problem, und zwar mit sich selbst, nicht mit Ihnen. Deshalb wäre jede Aufregung für Sie eine Verschwendung von Zeit und Energie. Als Agent behalten Sie die Übersicht und einen klaren Kopf. Sie haben Ihre eigenen Probleme im Griff, denn Sie behandeln sich selbst mindestens genauso gut wie Ihre Mitmenschen: anerkennend, wertschätzend, nachsichtig, verständnis- und liebevoll.

Herzlichen Glückwunsch, wenn Ihnen das bereits gelingt. Was eine Selbstverständlichkeit sein sollte, ist für viele Menschen eine Lebensaufgabe. Gerade ein Agent benötigt eine gefestigte Persönlichkeit, denn er ist ständig extremen Emotionen und psychischen Zerreißproben ausgesetzt. Deshalb ist es so wichtig, dass er über genügend Vertrauen in sich selbst verfügt. Dies können Sie schulen, indem Sie sich immer wieder Situationen vor Augen führen, in denen Sie voll und ganz mit sich einverstanden waren. Sehr große Wirkung erzielen Sie mit einem Erfolgstagebuch. Richten Sie dabei Ihr besonderes Augenmerk auf die Highlights, in denen Sie sich einen persönlichen Orden verleihen.

Empfehlenswert ist es, jeden Abend unmittelbar vor dem Schlafengehen drei bis fünf positive Erlebnisse oder Ereignisse aufzuschreiben, sie ganz real auf Papier — und nicht nur im Kopf — zu notieren. Nachts, während Sie schlafen, arbeitet Ihr fleißiges Unterbewusstsein an diesen Botschaften und integriert sie ins System. Auch wenn Sie Ihre Erfolge zu Beginn als unbedeutend empfinden: Bleiben Sie dran! Schnell werden Sie merken, dass nicht nur Ihre Erfolge sich vermehren, auch Ihr Blick aufs Leben verändert sich, weil Sie erkennen, wie viel Leistung in angeblichen Selbstverständlichkeiten steckt, die scheinbar nicht der Rede wert sind. Ihr Wahrnehmungshorizont hat sich erweitert! Das werden Sie nach spätestens vier Wochen deutlich merken … und dann wahrscheinlich nicht mehr mit der Erfolgsbilanz aufhören wollen, auch wenn Sie sie dann gar nicht mehr nötig haben. Viele Menschen führen solche Erfolgstagebücher über Monate und Jahre hinweg. Für Agenten gehört es zur Supervision, innerhalb eines Jahres mindestens zwei Monate lang ihre Erfolge zu dokumentieren. Übrigens zeigen Studien, dass das menschliche Gehirn neue Abläufe nach durchschnittlich zehn bis fünfzehn Wiederholungen in der Abteilung Gewohnheiten abspeichert.

»Dass Könnerschaft und Professionalität nur über den steinigen Weg ständigen Trainierens zu haben sind, hat neurophysiologische Ursachen. Erst die wiederholte Übung oder Beschäftigung mit einer Sache schafft im Zentralnervensystem stabile Verschaltungen für Verhaltensmuster, die dann automatisiert abrufbar sind, ohne dass wir bewusst darüber nachdenken müssen.«

Quelle: Nachrichtendienstpsychologie, Band 3

Aus dem Agentenhandbuch:

  • e9783641059354_i0005.jpg Überprüfen Sie Ihre Einstellung anderen Menschen gegenüber.
  • e9783641059354_i0006.jpg Verifizieren und eliminieren Sie Abwertungen.
  • e9783641059354_i0007.jpg Verweisen Sie negative Gedanken über andere Menschen vom Spielfeld.
  • e9783641059354_i0008.jpg Achten Sie auf Ihre stimmige Persönlichkeit.
  • e9783641059354_i0009.jpg Identifizieren Sie positive Eigenschaften an jedem Menschen, mit dem Sie in Kontakt kommen.
  • e9783641059354_i0010.jpg Halten Sie den Ball flach: Entscheiden Sie selbst, was Sie persönlich nehmen wollen und, noch wichtiger: was nicht.
  • e9783641059354_i0011.jpg Erkennen Sie emotionale Triggerpunkte.
  • e9783641059354_i0012.jpg Richten Sie den Fokus in Ihrem Leben auf die Dinge, die gut klappen.
  • e9783641059354_i0013.jpg Führen Sie ein Erfolgstagebuch des Selbstvertrauens.

V-Männer

Keine Sorge, Sie werden nicht losgeschickt, um V-Männer für den Nachrichtendienst zu werben, dennoch werden Sie sicher Wert auf Vertrauensleute legen: Sie möchten mit Menschen zu tun haben, denen Sie vertrauen und die Ihnen vertrauen. Vertrauen ist ein Vertrag auf Gegenseitigkeit. Jeder Mensch, der Ihnen begegnet, birgt die Chance, zu einem V-Menschen in Ihrem Leben zu werden.



V-Männer sind im Nachrichtendienst eine unverzichtbare Quelle und eine tragende Säule der Informationsbeschaffung.

Das »V« des V-Mannes — Sie ahnen es schon — steht für Vertrauen. Der V-Mann ist also ein Mann des Vertrauens. Vertrauen ist sein Erfolgsfaktor, in mehrfacher Hinsicht. Der V-Mann muss das absolute Vertrauen der Organisation genießen. Dieses Vertrauen legitimiert ihn, sich innerhalb krimineller Kreise zu bewegen. Einen V-Mann mit weißer Weste gibt es dabei nicht, darüber sollten Sie sich im Klaren sein. Er muss über eine Zugangslage verfügen, also Kontakt zu Personen und Informationen haben, die für den Nachrichtendienst interessant sind. Um in diesen Kreisen akzeptiert zu sein, muss er sich logischerweise die Finger schmutzig machen. Zum einen, um der Organisation einen Nutzen zu bringen, zum anderen, um dadurch Teil der »Familie« zu werden, verbunden durch ein kriminelles Geheimnis, das wie eine Fessel wirkt. So entsteht ein Schutzfaktor für die kriminellen Kreise, die sich nach außen abschotten und lediglich Mitgliedern Zugang gewähren. Wer Zugang erhält, wird durch ein gleichermaßen unbewusstes wie ausgeklügeltes System aus Abhängigkeiten und Misstrauen streng kontrolliert. Der aufmerksame Blick der Bandenmitglieder wacht unerbittlich über jeden. Loyalität, Integrität und Verschwiegenheit heißen die Werte der Organisation. Wer diese Werte verstehen will, muss den kriminellen Kontext verstehen, in dem sie gelebt werden.

Loyalität, Integrität und Verschwiegenheit fordert aber auch der Nachrichtendienst von einem V-Mann. Allerdings haben diese Werte im nachrichtendienstlichen Kontext eine grundlegend andere Bedeutung.

Durch ihre Doppelrolle gehen V-Männer ein großes Risiko ein. Wer als V-Mann auffliegt, ist günstigstenfalls nur draußen — schlimmstenfalls tot. Er gefährdet sich, seine Existenzgrundlage, sein persönliches Umfeld und unter Umständen auch die nachrichtendienstliche Operation. In kriminellen Kreisen wird nicht lange gefackelt. Wer sich nicht unterordnet, muss mit blutigen Konsequenzen rechnen. Der leiseste Zweifel an der Integrität des V-Mannes genügt bereits, um Verdacht zu wecken. Ein falscher Blick zur falschen Zeit kann einem Todesurteil gleichkommen. Das wissen V-Männer natürlich, und es zeigt noch einmal deutlich, wie hoch die Hürde ist, die ein Agent zu überwinden hat, wenn er einen V-Mann für den Nachrichtendienst anwirbt. Die Frage ist: Wie bringe ich einen wildfremden Menschen dazu, sich auf dieses riskante Spiel einzulassen, mir in kürzester Zeit und unter schwierigsten Ausgangsbedingungen blind zu vertrauen und mir brisante Geheimnisse zu verraten? Wie mache ich einen Mann zum V-Mann, der mit dem Nachrichtendienst kooperiert? Wird er seine Mission verraten? Wird er berechenbar sein oder versuchen, ein doppeltes Doppelspiel zu spielen?



Die emotionale Belastung von V-Männern ist enorm. Sie leben in einem ständigen Spannungsfeld. Sie müssen sowohl die Erwartungen der Organisation, aus der sie stammen, in der sie alle Köpfe kennen und die zur Sicherung ihrer Existenz beiträgt, erfüllen, als auch die Erwartungen des Nachrichtendienstes, der das Ziel hat, genau diese Organisation zu zerschlagen. Das Konfliktpotenzial dieser Situation ist fast greifbar. Ein V-Mann ist ständig hohem Druck ausgesetzt, der von allen Seiten unaufhörlich auf ihn einwirkt. Von innen und außen. Für diesen Druck und alle damit verbundenen Gefahren ist der Nachrichtendienst zu großen Teilen mitverantwortlich. Daraus ergibt sich in logischer Folge eine intensive persönliche Betreuung bis hin zu Evakuierungsplänen in Krisenfällen.

Ihre zweite Mission

Im Fokus: Ihr Ziel

Der Agent verliert sein Ziel nie aus den Augen. Alles, was er unternimmt, dient der Zielerreichung und wird im Hinblick auf diese ausgewertet. Der Agent forciert den Kontakt zu zielführenden Personen. Langfristige Ziele werden in Etappen unterteilt, ein regelmäßiger Status gibt Aufschluss über den Zielerreichungsgrad.



Kennen Sie Ihre Ziele? Oder haben Sie sich bislang wenig Gedanken darum gemacht? Dann bitte ich Sie, das zu ändern. Es ist förderlich, bei unserer bevorstehenden Mission klare Zukunftsvisionen parat zu haben. Für das Ziel bei unserem Auftrag sorge ich. So haben Sie den Rücken frei, um sich um Ihre persönlichen Ziele zu kümmern. Je nachdem, welcher Planer-Typ Sie sind, fällt es Ihnen leicht, weit in die Zukunft hinein zu denken. Für manche Menschen ist es schon zu viel verlangt, wenn sie darüber sprechen sollen, was in drei Monaten ansteht. Doch die eigenen Ziele sollte jeder Mensch kennen und niemals aus den Augen verlieren. Das Leben verläuft komplett anders, wenn wir über unsere Ziele Bescheid wissen. Ein Ziel kann eine bestimmte Gehaltsstufe sein, eine Expedition, ein Auftritt, ein glückliches Familienleben, das eigene Haus, ein neues Auto, mehr Zeit für schöne Dinge, ein Yogakurs — es gibt kurz-, mittel- und langfristige Ziele, die Sie mindestens einmal im Jahr überprüfen und gegebenenfalls variieren sollten. Nur wenn Sie Ihre Ziele kennen, können Sie das perfekte Team dafür zusammenstellen mit Menschen, denen Sie vertrauen und die Sie optimal unterstützen. Agenten überlassen nichts dem Zufall. Am allerwenigsten die Zukunft.



Ihre Ziele sollten für Sie erreichbar sein. Die meisten Menschen nehmen sich gern zu viel vor. Doch weniger ist mehr! Es reicht, klein anzufangen. Erstmal einen einzelnen V-Mann ins Auge fassen. Nicht gleich daran denken, die ganze ehrenwerte Familie von Palermo bis Neapel aufzumischen. Für Sie kann das heißen: Wenn Sie sich bereits hundertmal vorgenommen haben, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren, und es nie geschafft haben, wird das auch beim hundertundeinsten Mal nichts werden. Aber Sie können sich vornehmen, fünf- oder zehnmal im Monat mit dem Rad zur Arbeit zu fahren oder zweimal pro Woche! Das wäre ein erreichbares Ziel.



Zerlegen Sie Ihre Ziele prinzipiell in Teilschritte, die Sie gut erreichen können. Feiern Sie Ihre Etappensiege.

Ziel dieses Buches ist es ja, Ihnen zu zeigen, wie Sie leicht in Kontakt kommen, Vertrauen aufbauen und auf der Beziehungsebene punkten können. Auch dieses Ziel erreichen wir natürlich in Etappen – sie tragen den Decknamen »Kapitel«.



Sagen Sie sich Ihre Ziele hin und wieder laut vor. Beim Autofahren zum Beispiel. Lächeln Sie sich dabei aufmunternd zu. Klar! Sie schaffen das. Kleben Sie Post-its mit Ihren Zielen — noch besser Bilder — an Stellen, wo Sie häufig hinsehen. So bleiben Ihre Ziele für Sie präsent.

Smart!

Mit der Smart-Formel können Sie sich die einzelnen Kriterien für Ihre optimale Zielbestimmung leicht einprägen.

S = spezifisch
M = messbar
A = attraktiv
R = realistisch
T = terminiert

Im Einzelnen bedeutet das:

S = spezifisch

Um etwas zu erreichen, sollten Sie eine möglichst genaue Vorstellung davon entwickeln. Am besten mit allen Sinnen! Und sexy formuliert! Ihr Ziel soll Ihnen schließlich Lust und Freude schenken! Sprich: Ihr potenzieller V-Mann/Ihre potenzielle V-Frau soll »anbeißen«.

M = messbar

Ich möchte gesünder leben ist nicht messbar. Stellen Sie klare Kriterien auf, woran Sie erkennen, ob Sie Ihr Ziel erreichen. In Bezug auf Gesundheit wären dies beispielsweise Blutwerte, Gewicht, sportliche Aktivitäten, Ernährung. Sprich: Bei klaren Ansagen erfüllt Ihr potenzieller V-Mann gerne Aufträge für Sie, ohne groß nachzufragen.

A = attraktiv

Hinterfragen Sie Ihre Ziele, ob sie wirklich attraktiv für Sie sind oder ob Sie damit die Wünsche anderer Personen erfüllen. Ein attraktives Ziel reißt Sie vom Hocker. Das möchten Sie. Unbedingt! Sie spüren es mit jeder Faser Ihres Körpers und sehen es in Technicolor vor sich. Das ist es! Das ist mein Ding! Sprich: Dieser V-Mann/diese V-Frau ist genau der oder die Richtige für Sie.

R = realistisch:

Ihre Ziele müssen für Sie machbar sein. Für Sie persönlich. Nicht für irgendwen. Nur was Sie ganz in der Hand haben, ist ein realistisches Ziel. Sprich: Mit den richtigen Schritten kommen Sie auch an V-Leute heran, die ziemlich hoch angesiedelt sind.

T = terminiert:

Wenn Sie eindeutig hinter einem Ziel stehen, werden Sie es auch zu einem bestimmten Zeitpunkt erreicht haben. Nennen Sie immer einen klaren Termin und definieren Sie Zwischenschritte. So können Sie jederzeit überprüfen, ob Sie auf dem richtigen Weg sind. Verlangen Sie sich keine zu großen Zwischenschritte ab, aber trippeln Sie auch nicht. Finden Sie Ihren gesunden Rhythmus. Seien Sie dafür bei den Zeitangaben streng zu sich. Nicht irgendwann mach ich das, sondern am Dienstagmorgen, neun Uhr. Sprich: In sechs Wochen sind wir ein Team!



Als Agent wissen Sie, was Sie wollen, und Sie wissen auch, wie Sie es bekommen. Sie übernehmen Verantwortung, Sie treffen Entscheidungen, sind pragmatisch, schaffen Tatsachen und Ergebnisse und nutzen dabei Ihren vollen Handlungsspielraum aus. Menschen, die ihre Ziele kennen und wissen, wie sie diese erreichen, wirken anziehend auf andere. Vom Zutrauen zum Vertrauen ist es nur noch ein winziger Schritt, und die Zielgerade rückt in greifbare Nähe.



Zeigen Sie Leidenschaft und Enthusiasmus — beides ist ansteckend und macht Sie für Ihr Umfeld ungemein attraktiv.

Aus dem Agentenhandbuch

  • e9783641059354_i0014.jpg Definieren Sie Ihre kurz-, mittel- und langfristigen Ziele. Auch wenn Ihnen spontan nichts einfällt: Bleiben Sie dran und überlegen Sie so lange, bis Sie welche gefunden haben.
  • e9783641059354_i0015.jpg Unterteilen Sie Ihre Ziele in Etappen.
  • e9783641059354_i0016.jpg Rekrutieren Sie Menschen, die Sie bei der Zielerreichung unterstützen.
  • e9783641059354_i0017.jpg Motivieren Sie sich täglich.
  • e9783641059354_i0018.jpg Visualisieren Sie sich selbst beim Zieleinlauf mit allen dazugehörigen Requisiten.

Das Umfeld

Wir nähern uns unserem ersten gemeinsamen Ziel: dem V-Mann, den ich für Sie im Visier habe. Sie werden ihn schon bald kennenlernen. Vorab sollten Sie sich allerdings informieren, mit welchem Umfeld Sie es im Folgenden zu tun bekommen. Eine gute Vorbereitung ist unabdingbar — nicht nur im nachrichtendienstlichen Kontext. Wenn Sie sich bei einer neuen Firma vorstellen, punkten Sie, indem Sie sich zuvor schlaumachen und wissen, dass die Firma Reifen, nicht Rohre herstellt und wie viele Mitarbeiter sie in etwa hat. Sollte es Ihnen gelingen, sich später mit dieser Firma zu identifizieren — wobei weder Reifen noch Rohre eine Rolle spielen müssen, sondern vielleicht das Wertesystem innerhalb des Unternehmens –, erleichtern Sie sich so die tägliche Arbeit. Es macht mehr Spaß, in einer Firma zu arbeiten, in der man sich gut aufgehoben fühlt — anerkannt und wertgeschätzt. Auch das Vertrauensverhältnis zwischen Mitarbeitern und Chefs ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor in der Zufriedenheits- und Unternehmensbilanz. Wer seine Kollegen herabmindert, anstatt sie anzuerkennen, wer überall den Fokus auf das Negative richtet, hemmt sich selbst und andere und sollte zurück auf Start: zur ersten Mission. Sie sind damit natürlich nicht gemeint, Sie haben die Zugangsberechtigung für dieses Kapitel erhalten.



Auch wenn ich gestehen muss, dass meine Liebe zu Deutschland ein eher kleineres Lockmittel für meine Laufbahn beim Nachrichtendienst darstellte, so ist es mir immer wichtig gewesen, unsere Demokratie zu unterstützen und zu schützen. Es beschert einem ein gutes Gefühl, einen übergeordneten Sinn in seiner Aufgabe zu erkennen. Davon können Agenten wahrlich ein Lied singen. Auch sie leben unter enormem Druck, können im Privatleben meistens nicht über ihre beruflichen Erlebnisse sprechen und treffen sich auch nicht mit Kollegen auf ein Bierchen. Im Nachrichtendienst gibt es keine Verbrüderung — das Privatleben bleibt tabu. Es erleichtert den Job, sich immer wieder daran zu erinnern, wozu das alles gut ist: Aufgabe der Nachrichtendienste ist es, unsere verfassungsmäßig festgelegten Rechte, aber auch unsere politischen und wirtschaftlichen Interessen zu schützen. Angegriffen werden diese Rechte von Männern wie Wladimir L., in dessen Akte ich Ihnen einen kleinen Einblick gebe.



Wladimir L. ist ein gedrungener Mann mit schütterem Haar — eine unauffällige, fast unscheinbare Gestalt. Doch der Schein trügt, denn hinter dieser Fassade verbirgt sich ein berechnender, kaltblütiger Mensch, der vor nichts zurückzuschrecken scheint. Ein Vory v Zakone, ein »Dieb im Gesetz«, wie es im Russischen heißt. Einen Namen machte sich der heute fünfundfünfzigjährige Weißrusse, eine zentrale Figur des russischen Organisierten Verbrechens, Anfang der Neunzigerjahre während des Kollapses der UdSSR. In dieser Zeit des Umbruchs und der damit einhergehenden Privatisierung kamen Einzelne zu enormem Reichtum; sie gehören bis heute zu den reichsten Männern der GUS-Staaten. Wladimir L. bewegte sich damals in deren Umfeld und erledigte für einige von ihnen die Drecksarbeit, die ihren »Erfolg« überhaupt erst ermöglichte. Mit Erpressungen und Morden brachte er Anwesen, Gelder, Unternehmen und Ressourcen in den Besitz seiner Geldgeber. Er arbeitete verdeckt und konspirativ, hatte klare Ziele vor Augen, war bestens informiert, und wer sich ihm in den Weg stellte, wurde zum Schweigen gebracht. Seine Vorgehensweise war emotionslos, kalkulierend und immer profitorientiert. Jedes Geschäftsfeld wurde bedient. Moralische Bedenken hatte er keine. Als die Grenzen durchlässiger und das Reisen einfacher wurden, kam Wladimir L. Ende der Neunzigerjahre nach Berlin. Genau wie viele andere begann er kriminell erlangte Gelder in den legalen Wirtschaftskreislauf zu investieren. Er knüpfte Kontakte zu wohlhabenden Unternehmern und der High Society. Nach und nach verwandelte sich der kriminelle Draufgänger in einen angesehenen und — zumindest nach außen hin — seriösen Geschäftsmann mit einem unternehmerischen Schwerpunkt auf Import-Export. Diese legalen Geschäfte dienten ihm als Deckmantel, mit dem er seine Einnahmen aus Drogen- und Waffenhandel, Schutzgelderpressung, Prostitution und anderen kriminellen Handlungen verschleierte.

Was klingt wie das Drehbuch eines Hollywoodfilms, ist Realität. Hier in Deutschland. In jedem Bundesland. Die Grundwerte unserer offenen Gesellschaft werden aus allen erdenklichen Richtungen attackiert, Tag für Tag: Rechtsextremisten verteilen auf Schulhöfen CDs, um ihre braune Ideologie zu verbreiten. Manche stecken in Springerstiefeln, und ihre Köpfe sind kahlgeschoren, andere tragen Anzüge und Seitenscheitel. Vor Übergriffen auf Ausländer, Homosexuelle und Andersdenkende schrecken sie nicht zurück. Linksextremisten, mit schwarzen Masken bis zur Unkenntlichkeit vermummt, zerstören Privateigentum. Sie verüben Brandanschläge auf Autos und aufwendig renovierte Gebäude, um ihre Weltanschauung kundzutun. Extremistische Islamisten verkünden Bombendrohungen per Videobotschaft im Internet. Sie predigen Hass und fordern das Blutrecht der Scharia. Gewissenlose und abgebrühte Kriminelle aus dem Organisierten Verbrechen infiltrieren Wirtschaft, Staat und Politik. Alle versuchen sie, Einfluss und Macht zu erlangen — und unterlaufen unseren freiheitlichen Rechtsstaat.



Die Organisierte Kriminalität unterscheidet sich dabei grundlegend von extremistischen Bewegungen, denn für sie geht es ausschließlich um Profit. Die Protagonisten des Organisierten Verbrechens vertreten keine politischen oder religiösen Anschauungen und verbreiten keine Ideologien. Getrieben von einer schier unersättlichen Geldgier streben sie einzig nach Gewinn und Macht. Sie reißen Besitz an sich und häufen zum Teil unbeschreiblichen Reichtum an. Sie benutzen Politik, Verwaltung und Justiz, um ihren Einfluss weiter auszubauen. Sie scheuen vor nichts zurück, um ihre Ziele durchzusetzen. Sie arbeiten flächendeckend und denken global. Dabei agieren sie strategisch, skrupellos, kaltblütig und gewalttätig. In eng verknüpften Netzwerken mit klarer hierarchischer Ordnung sind sie bestens organisiert und befolgen die strikten Regeln eines überlieferten Ehrenkodexes. Verstöße gegen diese Ordnung werden drakonisch bestraft.

Die russische Mafia, an die wir uns in Kürze heranpirschen werden, unterscheidet sich noch einmal wesentlich von anderen kriminellen Organisationen, insbesondere von der italienischen Mafia, denn ihre Struktur basiert nicht auf Verwandtschaftsgraden oder familiären Beziehungen. Die russische Mafia setzt sich aus reinen Zweckgemeinschaften zusammen, aus losen Gruppierungen, die sich, je nach Bedarf, schnell formieren oder lösen. Die Maximierung von Gewinn und Macht wird somit auf fast betriebswirtschaftliche Art erreicht.



Alle diese Gruppierungen haben dennoch eines gemeinsam: Sie operieren abgeschottet, konspirativ und aus dem Verborgenen heraus. Nach außen wahren sie eine bürgerliche Fassade. Polizei und Staatsanwaltschaften haben es in diesen Fällen mit ihrem rechtlichen Instrumentarium schwer, Männern wie Wladimir L. beizukommen. Aber unser Staat ist nicht wehrlos. Auch er kann abgeschottet, konspirativ und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen – also aus dem Verborgenen heraus — operieren. Seine Geheimwaffe: die Nachrichtendienste. Sie sammeln Informationen über Personen und Gruppierungen, die unsere demokratische Ordnung gefährden, um Polizei, Staatsanwaltschaften und politische Entscheidungsträger über drohende Gefahren zu informieren. Eine Schlüsselrolle spielen dabei jene Agenten, die diese Informationen beschaffen.