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Peter Hersche

Gelassenheit und Lebensfreude

Was wir vom Barock lernen können

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2011

Alle Rechte vorbehalten

Datenkonvertierung eBook: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-451-33661-4

ISBN (Buch) 978-3-451-30661-4

Dieses Buch ist vielen mir persönlich unbekannten Personen gewidmet, nämlich einerseits all jenen Kunsthistorikern, Denkmalpflegern, Museumskuratoren, Restauratoren, welche sich unter oft wenig günstigen Umständen um die Erhaltung des Restbestands unserer schon ziemlich dezimierten barocken Kunstlandschaft bemühen, andererseits allen Musikwissenschaftlern, Notenverlegern, Instrumentenherstellern und praktisch ausübenden Musikern, welche mir – abgeschirmt von der totalitären Beschallung unseres Alltagsraums – ungezählte genussvolle Stunden mit barocker Musik verschafft haben.

Vielleicht fällt umgekehrt dem einen oder anderen dieses Buch in die Hände.

1. Barock:
Eine Epoche verschwindet

Kriege haben nicht nur materielle, sondern auch geistige Folgen jenseits der eigentlich politischen Fragen. Das Barockzeitalter hatte jeweils Konjunktur nach den beiden Weltkriegen, auch wenn von den Kunsthistorikern der besondere Stil des Barock schon im ausgehenden 19. Jahrhundert wiederentdeckt und nach mehr als einem Jahrhundert der Verkennung, ja Verachtung positiv gewürdigt wurde. Heinrich Wölfflin grenzte nach vielen Vorarbeiten in seinen „Kunstgeschichtlichen Grundbegriffen“ (1921) den Barock in allgemeinen Kategorien endgültig von der Renaissance ab. Oswald Redlich wandte den Begriff auf das Politische an, indem er in einem gleichzeitig erschienenen Buch Österreich unter Kaiser Leopold I. als „Weltmacht des Barock“ vorstellte. Im selben Jahr stellte Werner Weisbach seine viel diskutierte und lange nachwirkende These auf, der Barock sei die Kunst der Gegenreformation gewesen. Im Umfeld dieser Forschungen, aber ebenso in dem der zeitgenössischen Kunst, nämlich des Expressionismus, dem man wohl nicht zu Unrecht eine Verwandtschaft zum Barock unterstellt, stehen dann die Bemühungen Wilhelm Hausensteins, den „Geist des Barock“ – so der Titel seines erstmals 1920 erschienenen Werkes –, begrifflich zu fassen und eine umfassende Deutung als Epoche zu geben. Das Buch weist sich schon durch seinen sinnen- und rauschhaften, eben geradezu barock/expressionistischen Stil als Zeitdokument aus. Es enthält eine Fülle von Geistesblitzen und anregenden Gedanken und skizziert zwischen den Zeilen ein frühes Forschungsprogramm. Mit diesen Werken avancierte der Barock vom Stil- zum Epochenbegriff, vom bloß kunstgeschichtlichen zum kulturgeschichtlichen Terminus.

Basierend auf diesen vornehmlich von der Kunstgeschichte ausgehenden Darstellungen wurde der Barockbegriff dann auf alle möglichen Ebenen der Kulturgeschichte (Literatur, Musik usw.) ausgeweitet, zeitlich gedehnt (der „Barock“ der Spätantike und Spätgotik) und der Stil vor allem mit einer Fülle von definierenden Begriffen in seiner Eigenheit zu fassen gesucht: Unendlichkeit, Entgrenzung, Verwischung der Realität, Illusionismus, Durchdringung, Naturalismus, Komplexität, Regelverletzung, Asymmetrie, Exzess, Expressivität, Pathos, Heroismus, Sinnlichkeit, Erotismus, Pantheismus, Irrationalität, Polarität, Antithetik, Paradoxie usw. Diese Versuche, den Barock begrifflich zu fassen, sind wohl erstens als geistiger Reflex auf die durch den Krieg eingetretene Verunsicherung und den Zusammenbruch einer scheinbar so wohlgeordneten Welt zu begreifen. Zweitens erschien der Barock attraktiv als eine Zeit der relativen Ruhe zwischen den bewegten Jahrzehnten der Reformation und der Konfessionskriege einerseits, der Aufklärung und Revolution andererseits. Beförderte dies nach dem Krieg die Annäherung an die Epoche? Ahnte man vielleicht sogar, dass der Barock auch als Versuch der Krisenbewältigung interpretiert werden konnte?

Das Wunschbild einer heilen Welt schien jedenfalls für Theodor W. Adorno in seinen kritischen Ausführungen zum „missbrauchten“ Barock ein Grund für die Konjunktur des Barock auch nach dem Zweiten Weltkrieg zu sein. Die Jahre nach 1945 sahen in der Tat noch einmal ein entsprechendes Interesse aufkommen, diesmal mehr auf das Praktische als das Begriffliche gerichtet, neben einer intellektuellen Elite aber nun auch breitere Kreise erfassend. Materiell könnte das Interesse durch die furchtbaren Sachschäden des Krieges gefördert worden sein. In den größeren katholischen Städten, insbesondere den ehemaligen fürstbischöflichen Residenzen, war die sehr stark vom Barock geprägte bauliche Substanz durch die sinnlosen und barbarischen Bombardements noch gegen Ende des Krieges weitgehend zerstört worden. Konnte man die reine Architekturhülle wiederherstellen, so war dies für den reichen plastischen und malerischen Schmuck nur sehr begrenzt möglich – er war verbrannt und zusammengestürzt. Deswegen muten die rekonstruierten Gebäude heute so leer an. Doch gab es in den kleineren Städten und Dörfern auf dem Lande noch genug erhalten gebliebene Denkmäler, die nun neu entdeckt und gewürdigt wurden. Man besuchte sie gerne, wobei bald das Auto als bequemes Reisevehikel eine wichtige Rolle spielte. In diesen Zusammenhang gehört etwa die damals als erste Themenstraße überhaupt geschaffene „Oberschwäbische Barockstraße“, die durch eine ausgesprochene Sakrallandschaft führte. Hier konnte die Sehnsucht nach einer vergleichsweise heil gebliebenen Welt befriedigt werden. In musikalischer Hinsicht war das Jahr 1950, die zweihundertste Wiederkehr des Todes von Johann Sebastian Bach, ein Grund, sich erneut diesem damals unbestritten den ersten Rang einnehmenden Meister zuzuwenden und in seinen Werken Trost für die erlittenen Verwundungen zu suchen. In seinem Kielwasser interessierte man sich auch etwa für Händel und Telemann; darüber hinaus begann die Entdeckung anderer vergessener barocker Komponisten. Wie schon in der Zwischenkriegszeit erschienen verschiedene allgemeine Darstellungen des Barockzeitalters, die sich an ein historisch interessiertes Publikum wandten. Neue und bessere Techniken der grafischen Reproduktion, nun auch farbig, trugen weiter dazu bei, den Barock populär zu machen. Doch auch diese zweite Konjunktur des Barock war nicht von Dauer.

Barock als Epoche: Von der Wissenschaft abgeschrieben

Es gibt Historiker, die Epochenbegriffe grundsätzlich ablehnen; in den romanischen Ländern ist auch eine ziemlich schematische Gliederung der Geschichte nach Jahrhunderten geläufig. Will man trotzdem nicht darauf verzichten, so trifft man für das Zeitalter, in welchem Kunst-, Literatur- und Musikhistoriker den Barock festmachen, am häufigsten auf den Epochenbegriff „Absolutismus“. Er stammt aus der protestantischen, insbesondere borussischen Geschichtsschreibung und lässt sich, abgesehen von der Spätphase des „Aufgeklärten Absolutismus“, auch am besten am Beispiel protestantischer Territorien und am „nichtbarocken“ Frankreich, darstellen. Ob man für das Zeitalter zwischen dem späten 16. und der Mitte des 18. Jahrhunderts „Barock“ oder „Absolutismus“ als übergreifende begriffliche Klammer bevorzugen solle, wurde in Deutschland und Frankreich noch in den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts lebhaft debattiert – und letztlich zugunsten des Absolutismus entschieden. Erst einige Jahrzehnte danach wurde auch dieser, im Wesentlichen in der politischen Sphäre beheimatete Begriff grundsätzlich kritisiert. Der Barock aber verschwand schon damals, abgesehen von einer späten (1975) und auf sein Heimatland beschränkten Gesamtdeutung des Spaniers José Antonio Maravall, völlig aus der theoretischen Diskussion und kommt heute auch in historischen Handbüchern und Gesamtdarstellungen gar nicht mehr vor. Allenfalls bleibt ihm ein spärliches und meist wenig aussagekräftig ausgefülltes Plätzchen in einigen Lexika. Dieses Verschwinden hat sicher auch damit zu tun, dass seit den Sechzigerjahren die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte zu leitenden Paradigmen aufstiegen. Barock schien dazu wenig passfähig, vor allem nicht für die zwar mit neuen Methoden arbeitenden, aber sonst auf den alten protestantisch-borussischen Geleisen weiterfahrenden Historiker.

Auch andere methodische Neuansätze, etwa die Alltagsgeschichte, Geschlechtergeschichte oder die Historische Anthropologie konnten mit dem Barockbegriff nichts anfangen. Ebenso ließen sich einige neue, zeitweise die wissenschaftliche Diskussion ganz beherrschenden Leitthesen, wie diejenige der Sozialdisziplinierung oder der Konfessionalisierung (Wolfgang Reinhard), nicht mit dem Barock zusammenbringen, sie hatten aber die Wirkung, diesen Begriff in den Abstellraum zu deponieren. Auch der stark vom angelsächsischen, mithin ebenfalls dominant protestantischen Raum bestimmte „cultural turn“ der Neunzigerjahre holte ihn daraus nicht mehr hervor, denn er knüpfte in der Regel nicht an die ältere Kulturgeschichte an, sondern suchte vor allem in der „Volkskultur“ seine Aufgaben. Dem Barock ist es auch nie gelungen, dauerhafte Forschungsinstitutionen anzustoßen, wie dies etwa für die Reformation oder die Aufklärung der Fall war und ist. Die gegen Ende des 20. Jahrhunderts aufgekommene Kritik am lange kanonisch geltenden Absolutismusbegriff führte nur selten dazu, Barock als möglichen Ersatz wieder in Erwägung zu ziehen. Negativ wirkt sich auch die immer größere Spezialisierung aus. Die frühere Forschung hatte zu Recht den Barock als „Gesamtkunstwerk“ aufgefasst, was heißt, dass der damit befasste Wissenschaftler in vielen Feldern Bescheid wissen oder aber die Zusammenarbeit suchen muss. Der seit ein oder zwei Jahrzehnten überall bemerkbare Trend, die Geschichtswissenschaft wiederum, wie schon im 19. Jahrhundert, auf die politische Geschichte zu zentrieren, tut ein Übriges, um Barock als obsolete Begriffskategorie einzuordnen. Außerhalb der fachhistorischen Publikationen, im allgemeinen Schrifttum, werden bis zum Überdruss alte Klischeevorstellungen vom Barock weitergetragen.

Einigermaßen unangefochten von Barock spricht, mit guten Gründen, nur noch die Musikwissenschaft – darauf wird noch einzugehen sein. Die spezielle Kunstgeschichte, von der die Barockforschung einst ausging, umgeht den Begriff heute nicht ungern, diskutiert ihn kaum mehr generell und beschränkt sich praktisch auf eine Geschichte der Künstlernamen und der Objekte. Nur in Bildbänden, die sich an ein allgemeines Publikum wenden, kommt Barock noch im Titel vor. Auch in der Literaturgeschichte hat es der Barock schwer. Vor allem aber wird, wie bei der Geschichte überhaupt, im gymnasialen Unterricht rigoros ein Schwerpunkt im 20., allenfalls noch späten 19. Jahrhundert gesetzt. Wenn selbst Goethe und Schiller zur reinen Pflicht werden – wie soll sich dann der Barock noch behaupten können? Dasselbe lässt sich vom Theater sagen, in dessen Spielplänen die Klassiker nur noch ganz ausgewählt vorkommen; umgekehrt allerdings die Oper, wo Barock „in“ ist.

Eine gewisse Rolle für die Barockforschung spielte früher die Volkskunde; sie behandelte die etwas unglücklich als „Volksfrömmigkeit“ bezeichnete Religiosität früherer Zeiten vornehmlich am Beispiel des Barock. Auch das ist ein Auslaufmodell. Mit der Hinwendung zur Gegenwart, mit der Verlagerung vom bäuerlichen auf den städtischen Raum und mit den neuen methodischen Ansätzen der Anthropologie, Europäischen Ethnologie und Allgemeinen Kulturwissenschaft verschwand der ganze Teilbereich „Religiöse Volkskunde“ aus dem Forschungskanon. Die Tatsache, dass in den letzten Jahren eine ganze Zahl volkskundlicher Lehrstühle kassiert wurde, weist daneben auf ein weiteres ganz allgemeines Problem hin: Die Geisteswissenschaften sind überall in der Defensive, und die historischen noch mehr. Die allgemeine Vernachlässigung der historischen Dimension in vielen Wissenschaften, deutlich zum Beispiel im Recht oder in der Ökonomie (in den Naturwissenschaften und der Medizin ohnehin) wirkt sich da fatal aus.

Die Verbindung zum Katholizismus

„Ein höchst katholisches Phänomen“ sei der Barock, schrieb Hausenstein schon 1920 und erfasste damit etwas Wesentliches. Ähnlich äußerte sich gleichzeitig der bedeutende Kulturhistoriker Karl Lamprecht. Der kultur- und sozialhistorisch interessierte Germanist Richard Alewyn baute diese Überlegung weiter aus und stellte abschließend fest, dass der Barock konfessionell im protestantischen Raum seine Grenzen finde, also wesentlich ein katholisches Phänomen sei. Diese grundlegende Feststellung lässt sich, ausgehend von der Kunstgeschichte, in vielen Bereichen empirisch absichern. Der Sachverhalt hat eine gewichtige Konsequenz, nämlich dass Barock nicht als Epochenbegriff für ganz Europa brauchbar ist. Für die protestantischen Länder müsste ein anderer gesucht werden.

Konsequenzen gibt es aber, und das ist hier wichtiger, auch für die Forschungsgeschichte. Spätestens seit Max Webers soziologischen Untersuchungen wissen wir, dass in Deutschland (und der Schweiz) nicht allein die Unternehmer, sondern auch die Universitätsprofessoren zum allergrößten Teil, und weit über ihren proportionalen Anteil an der Gesamtbevölkerung hinaus, Protestanten oder Juden waren. Darin liegt der wesentliche Grund, dass die Erforschung des Barock, im Gegensatz etwa zur Reformation oder Aufklärung, stets nur Sache einer randständigen Minderheit war. Dieses spezifisch katholische Phänomen interessierte im wissenschaftlichen Mainstream nicht, es war fremd und oft schwer verständlich, und vor allem: Der Barock war mit einer Reihe von negativen Stereotypen belastet. Das zeigt sich weniger in der deutschen als in der internationalen Forschung über und in den katholischen Ländern Europas.

Eine nähere Befassung mit der Kunst- und Kulturgeschichte Frankreichs unter Ludwig XIV. zeigt, dass der Hof von Versailles zwar gewisser barocker Züge nicht entbehrte, dass aber der König und vor allem sein führender Minister Colbert dem mediterranen Barock durchaus ablehnend gegenüberstanden. Der Barock im Vollsinn konnte sich in Frankreich nie richtig entwickeln und durchsetzen. Infolgedessen war der Barock auch nur für ganz vereinzelte französische Forscher ein zentrales Thema. Und ihre am französischen Beispiel gewonnenen Erkenntnisse lassen sich nur beschränkt über das Land hinaus generalisieren. Insbesondere lässt sich die spezifisch französische Frömmigkeit nicht als barock bezeichnen.

In der italienischen Geschichtsschreibung galt das 17. Jahrhundert, das eigentliche Zeitalter des Barock, bis vor Kurzem als absoluter Tiefpunkt: Es war das „secolo scuro“, das dunkle Jahrhundert, das „secolo di decadenza“ und „di stagnazione“. Diese Urteile gehen auf die Aufklärung und das Risorgimento zurück, welche die eigenen Leistungen heller zu machen versuchten, indem sie die vorangehende Epoche möglichst verdunkelten. Sie versperren die adäquate Erkenntnis dieser Zeit bis heute.

Die spanische Kunst des Barock wurde zwar schon früh gewürdigt, insbesondere von Carl Justi, dem Deuter des Velázquez und seiner Zeit (1888). El Greco war der bewunderte Ahnvater des Expressionismus. Sonst allerdings wurde Spanien (Portugal war fast außerhalb des Gesichtskreises) unter Philipp II. und danach eher in Horrorgemälden gezeichnet. Es war das Land der grausamen Inquisition und der überall marodierenden Soldateska, der Unterdrücker der niederländischen Freiheit und der schonungslosen Ausbeuter der Indianer. Diese vor allem von Friedrich Schiller einem breiten Publikum nahegebrachten Urteile entstammten zwar im Wesentlichen der von der protestantischen Gegenpropaganda im 16. und 17. Jahrhundert erfundenen „leyenda negra“, wirkten aber in der Geschichtsschreibung noch bis ins 20. Jahrhundert nach, im populären Verständnis bis heute. Die so gepflegten Antipathien mussten sich zwangsläufig auf die Wertung des Barock überhaupt auswirken. Die spanische Geschichtsschreibung wusste dem kaum Wirksames entgegenzusetzen.

Im deutschen Raum hatte die konfessionelle Durchmischung negative Auswirkungen für die Deutung des Barock. Seit der Aufklärung und verstärkt noch im 19. Jahrhundert galten dort die katholischen Territorien verglichen mit den protestantischen als die rückständigen Teile des Landes. Schon der aufgeklärte (katholische) Absolutismus suchte hier aufzuholen, was eine regelrechte Kriegserklärung an alles Barocke bedeutete; das gipfelte im österreichischen Josephinismus, in der Säkularisation von 1803, in der liberalen Verfassung der Eidgenossenschaft (1848).

Im 19. Jahrhundert wurde die Reformation als Durchbruch zum Fortschritt, als eigentlicher Beginn der Moderne gefeiert. Die Gegenreformation, die ja Weisbach in Zusammenhang mit dem Barock gebracht hatte, wurde vor allem als gewaltsamer reaktionärer Vorgang gesehen, vor deren dunkler Folie die Heldengestalten des Protestantismus, insbesondere der (zwar nicht weniger brutale) Schwedenkönig Gustav Adolf, umso heller aufleuchteten. Toleranzidee, Menschenrechte, Demokratie usw. wurden selbstverständlich dem Protestantismus zugeschlagen. Die Gleichung Barock = katholisch = rückständig = nicht erforschenswert war in der intellektuellen Schicht bis nach dem Zweiten Weltkrieg üblich, das schwächte sich dann ein wenig ab, weil die katholische Kirche nach der nationalsozialistischen Ära sich kurzzeitig eines gewissen gesteigerten Ansehens erfreute. Die vom Klassizismus der Aufklärung herrührende ästhetische Verdammung des Barock, die noch das 19. Jahrhundert weitgehend bestimmt hatte, bestand damals ebenfalls nur noch in einigen weniger gebildeten Kreisen fort.

Große Kriege haben in der Regel zur Folge, dass nach der erlebten Barbarei die Frage nach dem Fortschritt der Menschheit wiederum neu gestellt wird. Die Geschichtswissenschaft hatte sie zum ersten Mal in der Aufklärung aufgeworfen und dann grundsätzlich am Beispiel der Französischen Revolution diskutiert. Die Antworten waren kontrovers. Anders als in früheren Jahrhunderten war es aber seitdem prinzipiell möglich, Geschichte als Fortschrittsgeschichte zu schreiben. Im 19. Jahrhundert schwenkte der größte Teil der Historiker auf diese Bahn ein und im 20. gab es nur noch wenige, welche die Idee eines unendlichen Fortschritts nicht zur Richtschnur ihrer Forschung machten, wenn diese Vorannahme auch in vielen Fällen nicht explizit ausgesprochen wurde. Dies wurde mit einiger zeitlicher Verzögerung gerade im Umfeld der Fortschrittseuphorie seit den Fünfzigerjahren deutlich. Exemplarisch hierfür stehen im deutschen Raum etwa die Historische Sozialwissenschaft oder bei den historischen Teilgebieten die Wirtschaftsgeschichte. Ein äußerliches Indiz dazu ist der bei beiden viel verwendete und fraglos positiv konnotierte Begriff der „Modernisierung“. Dass hierbei der Historiker wiederum gerne in die Position eines Richters über die Vergangenheit einrückte, wurde kaum als Problem empfunden.

Der politische Rahmen:
Der Niedergang des Konservativismus

Die nach dem Zweiten Weltkrieg für den Barock und seine Erforschung eher günstigen Zeitumstände änderten sich schon gegen Ende der Fünfzigerjahre wieder. Neben wissenschaftlichen und konfessionellen können aber auch politische Gründe für die dauernde Vernachlässigung der Barockforschung, bzw. umgekehrt ihre kurzen Konjunkturen, namhaft gemacht werden. Die entscheidende Schwächung der protestantischen Vormacht Preußen nach dem Ersten Weltkrieg und seine endgültige Auflösung nach dem Zweiten Weltkrieg samt der späteren Schaffung der DDR bedeutete eine relative Gewichtsverschiebung zugunsten der mehrheitlich katholisch geprägten deutschen Territorien. Die dazwischen liegende nationalsozialistische Ära konnte mit dem „fremdländischen“ und kaum auf die Germanen zurückzuführenden Gewächs des Barock selbstverständlich nichts anfangen und dass beispielsweise die beiden stark mit dem Barock befassten Begründer der Religiösen Volkskunde, Georg Schreiber und Rudolf Kriss, Verfolgte des Regimes waren, verwundert gar nicht.

Vermutlich muss man aber noch viel weiter zurückgehen, bis in die Aufklärung. Schon in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts wurde sie kritisiert und von Gegenargumenten bedrängt. Deren erste wortmächtigste Vertreter waren die katholischen (zum Teil konvertierten) Romantiker. Sie hoben zwar nicht den in den unaufgeklärten Landgebieten immer noch fortwirkenden Barock auf den Schild, sondern bezogen sich als Vorbild fast immer auf das viel fernere christliche Mittelalter. Damit aber wurde immerhin indirekt ein Bezug hergestellt, denn der Barock bedeutete ja vor allem im Religiösen in Vielem eine Wiederaufnahme des Mittelalters. Die früheren Romantiker hatten zwar, zum Teil vielleicht noch aus eigenen Erfahrungen schöpfend (Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck), einen Versuch gemacht, das, was im Barock gelebt wurde, dichterisch-theoretisch zu umreißen: Man denke etwa an den Lobpreis der Muße bei Friedrich Schlegel und Joseph von Eichendorff oder an die Kritik des Industrialismus bei Adam Müller oder Franz von Baader. Doch hatte der Barock in der Zwischenzeit, ausgehend von der Kunstkritik, allzu viele Negativstereotype auf sich vereint. Aufklärungskritiker verschiedenster Provenienz, katholische Romantiker, Gegner der Französischen Revolution (wie Edmund Burke) und die Protagonisten der politischen Restauration waren die Begründer der geistigen und politischen Bewegung des Konservativismus, die sich auf allen Ebenen als Gegenkraft zur Aufklärung etablierte. Bis zum Erstarken des Sozialismus bestimmten die Konservativen als die wirkmächtigsten Gegner des Liberalismus die Politik in Europa während des ganzen 19. Jahrhunderts entscheidend mit. Mit ihnen war seit den 1830er Jahren auch der restaurative Katholizismus verknüpft.

Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts, im Fortschrittsrausch der Technikbegeisterung und des Wirtschaftsbooms des Fin de Siècle, geriet der Konservativismus in die Defensive, umso mehr als mit Sozialismus und Kommunismus ein weiteres, nach 1917 auch politisch wirksames, dem allseitigen Fortschritt verpflichtetes Gesellschaftsmodell die Weltbühne betrat. Der deswegen da und dort (exemplarisch in der Schweiz) erfolgte Schulterschluss der Konservativen mit den Liberalen schwächte jene innerlich. In der Zwischenkriegszeit, mit der großen Wirtschaftskrise, gewannen einige konservative Ideen, etwa diejenige des Ständestaats (Othmar Spann), eine gewisse Wirksamkeit, jedoch um den Preis, dass sie in die Nähe des Faschismus gerückt wurden. Allerdings kam der Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu einem großen Teil auch aus dem konservativen Lager und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hatten konservative Ideen (unter dem Stichwort des „Abendlands“) nochmals eine gewisse Konjunktur. Sie wurden aber von einer neuerlichen, stark von der Siegermacht der Vereinigten Staaten bestimmten und noch mehr technikbasierten Fortschrittswelle (das „Wirtschaftswunder“) seit den Fünfzigerjahren regelrecht überrollt.

Wesentlich bei diesem welthistorischen Vorgang war, dass nun auch die Katholiken endgültig das Odium der „Rückständigkeit“, mit dem sie zwei Jahrhunderte lang stigmatisiert worden waren, abzulegen suchten und deshalb, institutionell abgesichert in der EWG-EU, theologisch legitimiert durch das Zweite Vaticanum und seine Nachwirkungen („Gaudium et spes“, „Populorum progressio“) voll auf die Karte des Fortschritts, wie er auch immer definiert wurde, setzten. Beobachten lässt sich dies konkret in den Produktionsstätten der neuen Industriegüter, die im Gegensatz zu früher jetzt vor allem in katholischen Gebieten zu liegen kamen.

So verschwand der Konservativismus als gesellschaftliches Programm von der Bühne, umso mehr als er nun, in völliger Verkennung seiner Genese, von unbedarften Journalisten, Politikern und Wissenschaftlern einfach mit politisch „rechts“ gleichgesetzt und mundtot gemacht wurde. Den Widerstand gegen die Fortschrittswelle vor dem Ersten Weltkrieg hatte seinerzeit die Lebensreformbewegung getragen, wobei bereits grundlegende ökologische Argumente formuliert wurden. Später, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Achtzigerjahre hinein, wurde diese Kritik zuallererst von Konservativen getragen (vgl. etwa die Zeitschrift „Scheidewege“), wie es ihrem Selbstverständnis entsprach. Erstaunlich schnell und vollständig gelang es aber dann der Linken, die „grüne“ Bewegung für sich zu vereinnahmen, trotz der inhärenten Widersprüche. Der Konservativismus wurde endgültig zur „kupierten Alternative“ (Frank-Lothar Kroll).

Ob die zurzeit da und dort aufflackernden neokonservativen Ideen eine größere Wirksamkeit zu entfalten vermögen, ob ein Anknüpfen an ältere Denkströmungen möglich ist, lässt sich noch nicht sagen. Die Folgeschäden und die Ambivalenz vor allem des technischen Fortschritts werden zwar seit mindestens einer Generation heftig diskutiert und die kritischen Stimmen werden von Tag zu Tag vernehmlicher, umso mehr als die Probleme jetzt globale Dimensionen annehmen. Bei der Formulierung von Gegenpositionen werden jedoch kaum Argumente aus dem Arsenal des konservativen Denkens benutzt – Argumente, die grundsätzlich schon seit rund zweihundert Jahren bereitstehen und durchaus nicht ganz überholt sind. Das ist bedauerlich, denn so läuft die Antwort häufig bloß darauf hinaus, technische Probleme mit noch mehr Technologie zu lösen.

Sicher aber kann man sagen, dass die – trotz erheblicher Einbrüche auf verschiedenen Ebenen des Denkens und Handels – in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft immer noch maßgeblichen Prinzipien eines unendlichen Fortschritts der Erforschung und Wertschätzung des Barock nicht günstig waren und sind. Denn Barock ist – das kann und soll auch nicht wegdiskutiert werden – eine Reaktion auf jene erste große, mit Renaissance, Reformation und Humanismus einsetzende Welle des Fortschrittsdenkens in Europa, auf die sich alle späteren Protagonisten berufen konnten. Allerdings war er nicht bloße Reaktion, er war auch „Fortschritt“ in einem anderen Sinne, der zwei Jahrhunderte lang die katholische Welt prägen konnte. Er hätte einen anderen und vielleicht sanfteren Weg in die Moderne weisen können, ist aber in der Aufklärung unterdrückt worden. Der historische Sieger war, wie sich im 19. Jahrhundert nach der nur vorübergehenden Phase der Restauration zeigte, das „protestantische Prinzip“. Die „Zweite Aufklärung“ nach 1945 hat dies noch einmal bestätigt, indem jenes seitdem auch die katholische Welt weitgehend formt. Genau die schon seit einiger Zeit im Gang befindliche, wenn auch bislang eher unterschwellige Problematisierung der Fortschrittsideologie aber könnte den Barock wieder interessant machen.

2. Was ist Barock?
Versuch einer Neudefinition

Die von den Kunsthistorikern gegen Ende des 19. Jahrhunderts und dann nach dem Ersten Weltkrieg unternommenen Versuche, das Epochenphänomen des Barock begrifflich zu fassen, können heute nicht mehr befriedigen. Das Hauptproblem ist, dass diese Begriffe außerhalb der Kunstgeschichte und verwandter Fächer (Literatur, Musik) kaum praktikabel sind. Hausensteins Aufforderung, „Es komme doch endlich der Historiker, der nicht im muffigen Stil der Konvikterziehung, sondern, gleichgebildet der barocken Aera an Leichtigkeit, Tiefe, Aufschwung, Reichtum die Kulturgeschichte der Epoche schriebe!“, blieb frommer Wunsch. Einzelbeiträge, etwa das bereits erwähnte Buch von Maravall oder ein schmales Bändchen des auch mit Mitteleuropa gut vertrauten Franzosen Victor-Lucien Tapié übten wenig Wirkung aus, konnten vor allem die Sprachgrenze zur alles in allem führenden deutschsprachigen Barockforschung nicht überwinden. Am ehesten synthetischen Charakter hatte das von Ludwig Andreas Veit schon vor dem Zweiten Weltkrieg konzipierte, nach seinem Tod von Ludwig Lenhart 1956 bearbeitete und herausgegebene Werk „Kirche und Volksfrömmigkeit im Zeitalter des Barock“. Es gab damals noch einige andere Werke, die Barock im Titel führten, dann aber doch nur ziemlich konventionelle Geschichtsschreibung boten. Allgemeinhistoriker wollten nicht auf den Absolutismus als Signum des 17. und 18. Jahrhunderts verzichten und ordneten, wenn sie überhaupt darauf eingingen, den Barock diesem unter.

Soweit die Kulturgeschichte nicht auch das etwa von den Volkskundlern gesammelte Material mit einbezieht, bewegt sie sich auf einer Gipfelwanderung, welche bloß die bedeutenden Köpfe, die oberen Schichten und die Schlösser à la Versailles interessiert, den ganzen reichen Talboden aber ignoriert. Schon Hausenstein hatte eine „Wirtschaftsgeschichte der Kunst“ gefordert und Veit/Lenhard wollten eigentlich ihre Ausführungen auch nicht auf das Religiöse einschränken, sondern befanden am Schluss ihres Werkes, Barock sei auch ein „gesellschaftlicher“ Begriff. In diese Richtung ging wohl auch die später von Richard van Dülmen erhobene Forderung nach einer „Analytischen Geschichte des Barockkatholizismus“. In der Tat ist nach den methodischen Errungenschaften der „Ecole des Annales“ in Frankreich oder der Historischen Sozialwissenschaft in Deutschland eine Kulturgeschichte ohne wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Unterbau nicht mehr möglich. Nur so ist eine Neuinterpretation der Epoche jenseits der längst zu Schablonen gewordenen Begriffe möglich. Das Ergebnis lässt sich etwa wie folgt zusammenfassen:

 

1. Barock bedeutet innerhalb des gesamten Spektrums historischer Felder eine Dominanz des Kulturell-Religiösen. Das Ökonomische wird von ihm reguliert bzw. ist darin eingebettet (Karl Polanyi). Die politisch-rechtlich-militärische Sphäre tritt zurück; eine entsprechende Machtstellung wird nicht erstrebt, was den späteren Untergang des Barock mit verursacht. Die Kultur des Barock ist ein „Reich der Freiheit“ (Friedrich Schiller) und entbehrt einer systematischen Disziplinierung mitsamt der entsprechenden Kontrollinstrumente.

„Disziplinierung“ bzw. „Sozialdisziplinierung“ war, nach Anregungen von historisch denkenden Soziologen wie Max Weber, Norbert Elias und Michel Foucault, seit den späten Sechzigerjahren vor allem in der deutschen Geschichtswissenschaft ein zentraler Begriff, um die Frühneuzeit sozialgeschichtlich in den Griff zu bekommen und über den etwas antiquierten Begriff des „Absolutismus“ hinaus zu gelangen. In Anlehnung an die Arbeiten von Gerhard Oestreich, der auch den Begriff „Sozialdisziplinierung“ prägte und von einem „Fundamentalvorgang“ der europäischen Geschichte sprach, wurde dabei besonders der Staat als Agent dieses Prozesses gesehen, erstaunlicherweise kaum die Kirche oder andere Instanzen. Aber man befand sich damit wiederum in der Tradition der deutschen Historiografie mit ihrer Betonung des politischen Primats in der Geschichte.

Empirisch lässt sich die These einer allgemeinen Disziplinierung für den barock geprägten katholischen Raum, namentlich für Südeuropa, nicht belegen. Im protestantischen könnte es anders gewesen sein, wie schon Weber in seinen Überlegungen zur „Protestantischen Ethik“ vermutete. Sogar spezifisch katholische Einrichtungen wie die Einzelbeichte und die Inquisition erfüllten die in sie gesetzten Erwartungen nicht und konnten kaum als Mittel einer Disziplinierung des Einzelnen dienen. Allgemein kann gelten, dass die katholischen Staaten eher einen schwachen Organisationsgrad aufwiesen, dies auch, weil im Gegensatz zu den protestantischen hier noch andere Institutionen staatliche Aufgaben übernahmen. Zudem waren das allenthalben vorhandene staatliche Vollzugsdefizit, die Dispens- und Privilegienwirtschaft sowie gewisse Möglichkeiten einer Umgehung allzu rigider Normen im katholischen Europa noch etwas größer. Bemerkenswert ist auch, dass die Bedeutung des Militärs – neben Schule und später der Industrie zweifellos eine der großen disziplinierenden Institutionen – im katholischen Europa je länger je geringer wurde, abgesehen vom habsburgischen Österreich, das sich gegen die Türken, später gegen Preußen, die protestantische Militärmacht par excellence, zu wehren hatte. Einzelbeobachtungen etwa zum Verhalten in der Kirche, zum eigenen Körper, zur Sexualität im katholischen Raum lassen nicht auf eine wohldisziplinierte Gesellschaft schließen.

 

2. Soziologisch gesehen erreicht Barock eine große Breitenwirkung, mehr als andere unmittelbar vorangehende oder nachfolgende Kulturen. Trotz eines ausgeprägt ständischhierarchischen Denkens werden alle sozialen Schichten vom Barock durchdrungen, eine prinzipielle Gegenüberstellung von barocker Hoch- und barocker Volkskultur wäre falsch, kann höchstens analytische Kategorie der Sozialgeschichte sein.

Sozialgeschichtlich handelt es sich aber beim Barock gleichwohl um eine vorwiegend von Adel und Bauerntum getragene Kultur, das Bürgertum steht demgegenüber vergleichsweise in einer untergeordneten Position. Wegen der kirchlichen Vorherrschaft kommt dem Klerus eine große Rolle im Sozialgefüge zu, auch als Vermittler zwischen den verschiedenen Ständen. Trotzdem waren deswegen innerhalb der Kirche die Laien damals noch keineswegs entmachtet, sondern hatten gerade in organisatorischer Hinsicht eine große Bedeutung.