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Fritz J. Raddatz
Kurt
Tucholsky
Eine biografische
Momentaufnahme
Bildnachweis
bpk – Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte:
S. xxx
Deutsches Literaturarchiv Marbach: S. xxx

 

 

 

 

Die Tagebücher von Mary Gerold befinden sich im Kurt Tucholsky-Archiv im Deutschen Literaturarchiv Marbach

 

 

 

 

Originalausgabe

 

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2010
Alle Rechte vorbehalten

 

Datenkonvertierung (E-Book): le-tex publishing services GmbH, Leipzig

 

ISBN (E-Book) 978-3-451-33641-6
ISBN (Buch) 978-3-451-06238-4
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Mary und Kurt Tucholsky in Le Vésinet, 1925

Der Tag, der Kurt Tucholskys Leben veränderte – man darf wohl sagen: umstülpte auf immerdar –, läßt sich ziemlich genau bestimmen. Der 25jährige Berliner Journalist war nach kurzer Musterung im April 1915 als Armierungssoldat eingezogen worden, schon bald zum «Kompanieschreiber» abgestellt und Ende August 1916 zu der Fliegerschule Alt-Autz in Kurland versetzt und ist von Beginn des Jahres 1917 Schreiber des Stabes sowie Leiter der Bibliothek und der Druckerei. Er durchläuft eine mittlere militärische Karriere vom Unteroffizier über Vizefeldwebel bei der politischen Polizei bis zum Feldpolizeikommissar; bis heute ist ungeklärt, ob der Pazifist und Militärhasser – «Soldaten sind Mörder» – während der Jahre der Weimarer Republik eine Offizierspension bezog, die eigentlich jedem dieses Ranges in der besiegten kaiserlichen Armee zustand. Seit 1912 ist er verlobt mit Kitty Frankfurter, ein Jahr zuvor hat er jenen Rheinsberg-Ausflug unternommen, von dem wir heute unter dem Titel «Ein Bilderbuch für Verliebte» durch Millionenauflagen und mehrfache Verfilmungen wissen; seine Begleiterin war die angehende Ärztin Else Weil, die er Claire Pimbusch nannte. Der ironische Dedikationsvers an seine Tante Berta war also nicht pure Frozzelei: «Außen jüdisch und genialisch, innen etwas unmoralisch, nie alleine, stets à deux – dein Neveu!» Ein kesser Berliner, ein unwilliger Jurastudent, ein brillanter Journalist vom ersten Beitrag 1913 in Siegfried Jacobsohns «Schaubühne» an, die der Herausgeber nicht zuletzt unter dem Einfluß seines mehr und mehr politischen Autors 1918 in «Die Weltbühne» umbenannte. Doch wenige Monate zuvor war etwas Tiefergreifendes geschehen. Im November 1917 lernt Tucholsky in der Kassenverwaltung des Stabes von Alt-Autz Mary Gerold kennen, eine knapp 19jährige Baltin, die nach der Eroberung Rigas durch die deutsche Armee dorthin dienstverpflichtet worden war. [Abb.01] Jener Blitz hat eingeschlagen, den man auch «Coup de foudre» nennt. Nur gibt es auch einen Blitzableiter. Wir werden nämlich – durch Briefe, Gedichte und Mary Gerolds bislang unveröffentlichte Tagebuchaufzeichnungen – Zeuge eines Begehrlichkeitstanzes, dem sich die «kühle Blonde» in graziöser Verweigerung anfangs entzieht. Da ist ein flotter junger Mann, verwöhnt bereits durch Erfolge bei Frauen (womit er ungeschickterweise prahlt) – und da ist eine nach allen strengen Regeln wohlanständiger Bürgerlichkeit erzogene junge Frau, schön, auch etwas kokett und harmlosen Ball-Vergnügen im Offizierskasino nicht abgeneigt; aber unnahbar. Ihre Melodie war gleichsam die, die viel später Lotte Lenya als «Polly» in Brechts «Dreigroschenoper» sang:

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Mary Gerold 1916

Ja, da kann man sich doch nicht nur hinlegen
Ja, da muß man kalt und herzlos sein.
Ja, da könnte so viel geschehen
Ach, da gibt’s überhaupt nur: Nein.

 

Doch der Jäger hat die Spur aufgenommen, die Witterung. Zu jener Zeit, da es noch keine E-Mail und SMS gab, da es nicht so hurtig hieß: «Gehen wir zu dir oder zu mir?», flirtete man anders; eine Blume, eine Schachtel Konfekt, ein Fläschchen Parfüm – oder ein Gedicht. So sahen die Lockungen Tucholskys aus, der jemandem begegnet war, so ganz und gar anders als die leichten Kurfürstendamm-Eroberungen und leckeren Tingeltangel-Mädchen bisher. So lautete ein Gedicht vom Januar 1918, also zwei Monate nach der ersten Begegnung:

 

Für Mary
Gibst du dich keinem –?
Bist du nur blond und kühl?
Demütigt dich ein starkes, heißes Gefühl?
Wir sind allein. –

 

Jeder ist so vom andern durch Weiten getrennt,
daß er nicht weiß, wo es lodert und flammt und brennt –
Wir sind allein. –

 

Selten nur springt ein Funke von Blut zu Blut,
bringt zur Entfaltung, was sonst in der Stille ruht –
Wir sind allein. –

 

Aber einmal – kann es auch anders sein –
Einmal gib dich, – und, siehst du, dann wird aus zwein:
Wir beide –
Und keiner ist mehr allein. –

 

Doch lassen wir Mary, das «Mätzchen», wie er sie später nannte, zunächst selbst erzählen. Wir werden bei der Lektüre ihrer Tagebuchaufzeichnungen zu einer Art Theaterpublikum: Erleben wir doch den Bericht eines Geschehens, das wie auf einer Bühne vor uns seinen Lauf nimmt in Glücksbeginn und Unheilwitterung; nur, daß Akteurin und Berichterstatterin ein und dieselbe Person sind.

Das Theater für diese Inszenierung war eben jene Fliegerschule in Alt-Autz: die Kulissen schäbige Büroräume für die jungen Dienstverpflichteten, die kleine Bibliothek für den «Chef», die Luft des Offizierskasinos geschwängert von Zigarettenqualm, von Cognac- und Rotweindunst, die «Pausen»-Spaziergänge (inklusive kleiner heimlich zugesteckter Leckereien aus der Offiziers-Sonderverpflegung) fanden in der waldbestandenen Umgebung statt – das, was die beiden Hauptakteure «Spazieren auf dem Kriegsschauplatz» nannten. Was wir lesen, ist nicht Monolog einer Lady Macbeth noch Versonnenheitslied einer Ophelia. Was wir sehen, ist das Flattern eines Falters, geblendet vom Licht, verängstigt vom Käscher, angezogen von dem, der ihn nach ihr auswirft – nach ihr, der 19 Jahre jungen Mary.

Sonntag, 11. November 1917

Ich beachte Tucholsky gar nicht. T. zieht schnell die Mütze, winkt mir mit dem Finger und sagt: «Komm her!» – Ich war baff und kümmerte mich nicht um ihn. Beim Vorübergehen sagte er: «Sie haben nicht Ihre eigene Stimme». – «Was ist Ihnen?» frage ich. «Danke, mir ist gut!» Sie haben nicht Ihre Stimme, Sie haben die Stimme von oben. – Ich war sprachlos, zuckte die Achseln und ging fort. –

Montag, 12. November 1917

T. schiebt mir einen Brief zu. Ich lege schnell ein Buch drauf. – Ist der Mensch gerieben! Er sieht sehr gut aus und ist furchtbar mokant. – Als er gegangen war, öffnete ich nach einer Weile den Umschlag, darin war ein mit der Maschine geschriebenes Billet, das lautete: «Man ist begierig, die Stimme noch einmal, länger und ausführlicher, zu hören und bittet um Benachrichtigung, ob man Sie heute abend um 7 Uhr zu ein klein wenig Sekt erwarten darf. Ein kurzer Besuch im Geschäftszimmer der Leihbibliothek – am besten um 12 Uhr – ist willkommen. Mit einem schönen Gruß in ein Paar lustiger Augen. –»

Natürlich ging ich nicht hin.

Dienstag, 13. November 1917

T. sieht durchs Fenster und fragt, ob es in Riga angebracht sei, auf einen Brief nicht zu antworten, weder mit ja noch mit nein. Ich sagte ihm, ich sei nicht gewohnt, von fremden Männern derartige Aufforderungen zu bekommen.

Donnerstag, 15. November 1917

Ich ging absichtlich nicht in die Bibliothek. Um 3 Uhr im Büro übergab mir Ratsch einen Brief von T. Auf dem Kuvert steht: «An 1), 2), 3) und im Brief:

 

Mary Gerold

Bouquet

Dickerchen

 

werden gebeten sich nach dem Abendbrot bei mir einzufinden. Zu rauchen gibt es, zu trinken und zu reden, je nach den Geistesfähigkeiten usw.»

– Wir gingen nicht. –

Freitag, 16. November 1917

Bouquet erzählte, sie sei in der Bibliothek gewesen. T. sei wütend, habe gesagt, daß es unfein sei, nicht zu antworten.

Sonnabend, 17. November 1917

Beim Kaffeetrinken sehe ich durchs Fenster und da geht «Dickerchen» (T.) übern Marktplatz. Als ich um 8 ins Büro gehe, kommt er zurück, sehr ernst und sieht sich nicht nach mir um.

Nach dem Mittagessen gehe ich mit Leimann den Weg zum «östlichen Kriegsschauplatz» und – wir treffen Dickerchen. Ich gehe hochnäsig an ihm vorüber. Ich hatte meinen freien Nachmittag. – Es ist kurz vor drei. Dickerchen geht zur Druckerei. Ich rieche den Braten. Es ist 5 nach 3 – ich gehe den Weg zur Kirche. Da sehe ich ihn übern Marktplatz gehen … Und da ist er schon neben mir: «So’n dummer Junge, kaum hat er das Mädel erblickt, so kommt er ihr auch schon nachgelaufen.» – Wir reden und reden, über die Einladung, über Frauen, über «das» …. Morgen um ¼ 5 wollen wir uns auf dem östlichen Kriegsschauplatz treffen.

Abends brachte Ratsch mir ein riesengroßes Kuvert von Dickerchen. Zigaretten und ein Gedicht. Wir sprachen auf unserem Spaziergang über die Deutschen und die Russen, und ich äußerte, daß die Russen viel galanter sind …

Sonntag, 18. November 1917

Nachmittags ging ich mit Ratsch in die Bibliothek zu Dickerchen, um ihm zu sagen, daß ich nicht zu unserer Verabredung käme, weil es regnet. Wir verhandelten lange, bis wir übereinkamen, zu dritt einen gemütlichen Abend zu verbringen. Um 7 Uhr erwartete er uns in der Bibliothek. In seinem Zimmer war der Tisch gedeckt, eine jede hatte eine Tischkarte. Auf meiner stand: «Fräulein Mary Gerold. Guten Appetit und ein fröhlicher Winter!» Der Abend verlief recht ernst. T. widmete sich mehr Ratsch, was mir sehr willkommen war. T. u. ich, wir benahmen uns, als ob wir uns eben kennen gelernt haben. Ich hörte nur zu, denn er erzählt interessant und ist sehr klug. Gut sieht er auch aus, obwohl er keine Erscheinung ist, sein Profil ist großartig: eine hohe gewölbte Stirn, eine schön gebogene Nase, ein sinnlicher Mund und die Augen spitzbübisch! – Sein Gang seine Bewegungen verraten sein übersprudelndes Temperament. –

Als wir im Bett lagen sagt Ratsch zu mir: «Hör, er ist verkracht in dich.» Ich mache das dümmste Gesicht und bestreite das. «Nein», sagt sie, «das fühle ich, du mußt nicht denken, daß ich eifersüchtig bin.» – Als wir uns von T. bei ihm verabschiedeten, küßte er einer jeden die Hand und flüsterte mir zu: «Doch …» –

Montag, 19. November 1917

Ratsch übergab mir einen Brief vom Dickerchen. Er schreibt wieder so nett. – Ich fürchte mich vor seinen weichen, zarten Händen und vor seiner Art mit Frauen umzugehen …

Nachmittags ging ich mit Ratsch zu Dickerchen. Er wollte mit uns spazieren gehen, doch ich wollte mich nicht am hellichten Tag mit ihm zeigen, damit es morgen in aller Mund ist. Er sah es ein. – Ich muß über ihn lachen, er sieht wie ein richtiger Gamin aus, wenn er seine Mütze aufstülpt u. sein pfiffiges Gesicht macht … Aber Mary, du wirst doch nicht Feuer fangen? – Mach keine Dummheiten, sei vernünftig, denk daran: zuletzt ist Leid der Lohn der Liebe …

Mittwoch, 21. November 1917

Um 12 Uhr erwartete er mich und begleitete mich nach Hause. Er bat mich sehr, heute zu ihm zu kommen, ohne Anstandswauwau. Ich ging hin. Er sprach lange und eindringlich auf mich ein, ich saß da und – schwieg, und verstand gar nicht den Kern der Sache. – Die Uhr lag auf dem Tisch – die Zeit verging viel zu schnell.

Freitag, 23. November 1917

Mittags erwartet mich Dickerchen, gratuliert zur neuen Wohnung und übergibt mir ein Päckchen: es ist «Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte» von Kurt Tucholsky. Ich habe es flüchtig gelesen. Zweifellos sind es seine Erlebnisse. «… Mädchen, werft eure Ketten weg – tanzt, tanzt …» Das Buch beschäftigt mich, in jedem Wort erkenne ich ihn.

Als ich Mittwoch bei ihm war und er mich um meine Freundschaft bat, fragte ich – wozu? Als er mich aufs Haar küssen wollte – warum? –

Sonnabend, 24. November 1917

Plötzlich fragt er mich, wie es denn wäre mit einer Bruder- und Schwesternschaft, ich fragte ihn, wie er sich denn das vorstelle: «Natürlich nicht in der Öffentlichkeit, sondern in den wenigen Stunden, die ich ihm schenken werde.» – Ich lehnte es ab. Da fragte er mich, wie ich es mir denn vorstelle … «Ja was denn?» – «Ich will Sie nicht nur als Freundin, ich will Sie ganz.» – Mir war es wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hatte alles, was wir bisher geredet hatten, als Scherz aufgefaßt, aber nun fing ich an zu begreifen, daß es ernst war. –

«Ich verstehe Sie nicht.» –

«Ist das Ihr Ernst» – «Ja, mein voller Ernst.» – Er war erregt.

«Ja wie haben Sie sich denn eine Freundschaft zwischen Mann und Frau vorgestellt? ohne das?» –

«Ja, das habe ich mir vorgestellt.» –

«Ich kann das nicht. Ich kann mit einer Frau freundschaftlich gesellschaftlich verkehren, wenn sie mir gleichgültig ist, aber nicht mit einer Frau, die ich gernhabe …»

Ich verstummte, ich erstarrte … Ich hatte es nicht für möglich gehalten, daß ein Mann bei mir das voraussetzen könnte. «Da haben Sie sich wieder einmal sehr in mir getäuscht, was denken Sie überhaupt von mir?» –

«Ich weiß sehr wohl, daß Sie eine junge Dame sind, und darum frage ich Sie, Sie können darauf antworten, wie Sie wollen, ich habe bisher diese Frage an jede Frau gerichtet, die ich gern habe.» –

Ich fühlte mich erschüttert, aus dem Gleichgewicht geworfen, daß ich ihm fast nichts antworten konnte. «Bei mir wird das nie der Fall sein.» – «Und warum nicht?» –

Ich schwieg … «Moral, Anstand, Sitte, Erziehung?» – «Ja!» – «Das sind ja ganz schöne Worte, aber ist das wirklich Ihre Meinung?» – «Ja, was dachten Sie, daß ich mich einem ersten besten hingeben würde, mich wegwerfen?» – «Erstens bin ich nicht der erste beste …» – «Gut.» – «Hingeben, wegwerfen, pfui scheußlich …, es kommt doch darauf an, wie man es ansieht: schmutzig oder sauber, ich habe es nie schmutzig angesehen! – Mary, Ihr Verstand sagt nein, aber nicht Ihr Blut …» – «Wollen wir das Thema wechseln, es ist mir entsetzlich, solch ein Gespräch zu führen.» – «Ist es denn wirklich so tragisch, so furchtbar, müssen Sie mich deshalb mit so einer eisigen Kälte behandeln, mit Eisstücken nach mir werfen …?»

Er lächelt vielleicht über mich, wie ich mich gestern benommen habe, ich konnte nicht anders, ich war empört, zutiefst beleidigt. Er hat mich vom ersten bis zum letzten Augenblick verkannt – und ich habe ihn nicht verstanden. Ich hielt alles für Scherz, ich duldete Gespräche, weil ich sie für Scherz hielt. Wie oft sagte er mir, er wolle nichts von mir, das andere könne er doch viel leichter und einfacher bei einer anderen haben, er habe mich gern, um meiner selbst willen, ich soll doch nicht so mißtrauisch ihm gegenüber sein. – Ich konnte es einfach nicht fassen, daß er auch nur einen Augenblick geglaubt hat, mir das zuzumuten.

Sonntag, 25. November 1917

Ich holte Ratsch ab und wir gingen in die Kirche zum Konzert. Es hatte schon angefangen. An der Tür stehen mehrere Offiziere und – Dickerchen. Wir sahen uns an … Nur nicht denken, nur nicht grübeln. Ich habe das Empfinden, schade, daß es so hat enden müssen … Aber besser jetzt als später.

Donnerstag, 29. November 1917

Eigentlich freue ich mich, daß es so mit Dickerchen kam, – daß er trotz seiner immer wieder betonten «Frauenkenntnis» sieht, daß es lustige vernünftige Mädel gibt – und die nicht zu haben sind.

Freitag, 30. November 1917

Es ist ½ 9 Uhr. Tucholsky ist zu Steudel gekommen. Die Tür steht offen. Ich sah mich um, er sah her. – Ich muß lachen. Mein Herz schlägt etwas schneller, nicht für ihn, nur so.

Dienstag, 1. Januar 1918