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Bruder Jakobus
Der Weg zu dir selbst
Das kleine Buch des Pilgerns

Abbildungsnachweis:

Abb. S. 137 © Rolf Hesse

Alle anderen Abbildungen © Bruder Jakobus Kaffanke OSB

 

 

 

Originalausgabe

 

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2010

Alle Rechte vorbehalten

 

Umschlagkonzeption und -gestaltung:

R·M·E Eschlbeck / Hanel / Gober

Umschlagmotiv: © Jahreszeiten Verlag / Janne Peters

Foto des Autors: © privat

 

Datenkonvertierung eBook: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

 

ISBN (E-Book) 978-3-451-33633-1

ISBN (Buch) 978-3-451-05944-5

Vorneweg

Ein Büchlein über das zehnjährige Pilgern auf dem großen Jakobsweg von Deutschland durch die Schweiz und Zentralfrankreich nach Spanien zu schreiben, fiel mir nicht leicht. Ich bin diesen über 2000 Kilometer langen Weg mit einer Gruppe von Pilgerinnen und Pilgern gegangen, die wesentlich zu meinen Erfahrungen beigetragen haben und die in diesem Büchlein auch ihren angemessenen Platz finden. Ich danke ihnen für ihre Bereitschaft, auf unseren jährlichen Pilgerbericht über all unsere Wegerfahrungen, die oft sehr persönlich geprägt sind, zurückgreifen zu dürfen. Viele der folgenden Impressionen sind ihren Notizen entnommen. Besonders danke ich Heide und Helmut Schmid, die mich engagiert unterstützten, und Elisabeth Claudy, die wie schon in so vielen Fällen eine Hauptlast der Schreibarbeiten auf sich nahm. Ohne sie alle wäre das Buch nicht entstanden.

Zu danken habe ich auch meinem Kloster, für die Gelegenheit, auf die große Jakobuswallfahrt zu gehen, sowie Herrn Meyer vom Verlag Herder für seine geduldige Begleitung. Gewidmet sei das Büchlein denjenigen, die den Ruf von Santiago gehört haben, dass sie ihn angemessen beantworten können.

 

Br. Jakobus Kaffanke OSB

Jakobsweg

 

Weg. Chemin. Camino.

Zwei Schritte breit,

bergauf, bergab,

immer neue Horizonte übersteigend

über Brücken und Pässe.

 

In der Kühle des Morgens,

in Nebel und Regen

und in der Hitze des Mittags.

 

Camino,

du führst mich

nach Sant’Iago aufs Sternenfeld.

Du Sternenweg zum heiligen Jakobus,

Apostel des HERRN und

Zeuge der Auferstehung.

 

Weg,

der mich führt

zu dem,

der sagte:

Ich bin der Weg.

1. Aufbruch – Via illuminativa

Wann beginnt der Jakobsweg?

Abbildung

Wer sich auf den Weg nach Santiago begibt, den Camino zum »wahren Jakob« im Nordwesten Spaniens, für den verbünden sich Glaubensgeist und Körperkraft, um das gewählte Ziel zu erreichen. – Aus einer noch unbenannten Sehnsucht, die aufleuchtet, sobald Santiago angesprochen wird, wird womöglich eine Glaubensgeschichte werden, die viele Jahre, ja Jahrzehnte unterschwellig schmoren und »verkochen« kann. – In dieser Zeit sind die geistigen Energien und Kräfte eher »eigenwillig«, egozentrisch fixiert. Der Leib geht dabei seine eigenen Wege, seine Kräfte sind noch nicht geistlich geordnet und gerichtet. Dabei entwickeln sich die körperlichen Antriebskräfte entweder überstark und unkontrolliert oder werden unterdrückt und »abgetötet«. Beide Weisen, den menschlichen Körper mit dem Geist zu verbinden, sind noch nicht gelungen, führen so zu Gefühlen des »Nicht-in-Ordnung-Seins«, zu persönlichen und sozialen Konflikten.

Die Harmonisierung von Geist und Körper bringt eine neue Qualität mit sich, die ich Geistleib nennen möchte. Dieser Geistleib reift über verschiedene Entwicklungsstufen bis hin zum Auferstehungsleib, der von Anfang an als Potential in uns angelegt ist. Der Kernpunkt unseres christlichen Glaubens ist ja der Glaube an die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

Das Pilgern, die ganz einfache körperliche, rhythmische Bewegung auf ein geistliches Ziel hin, vermag das Eigentliche wachsen und reifen zu lassen, ohne dass diese komplexen Hintergründe bewusst wären. Die Erfahrung dieses Weges, der auch Heilung für Körper und Psyche bedeutet, ist oft unmittelbar und eindeutig. Die spirituelle Ausdeutung dieses Prozesses freilich bedarf zusätzlicher Bemühung, die als innere Arbeit gewollt sein muss, jedoch von außen unterstützt und begleitet werden sollte.

Die spirituelle Betrachtung des Pilgerns als Reifungsweg kann in verschiedene Phasen und Etappen gegliedert werden, wenn man genauer bei sich hinschauen will. Dass sich dieser Prozess bei unterschiedlichen Menschen verschieden entwickelt, liegt auf der Hand.

Wir sind bereits auf den Sehnsuchtsaspekt (Santiago) eingegangen, der trotz einer inneren Blockade, die viele Jahre, auch Jahrzehnte zu einem Aufschub des entscheidenden ersten Schrittes führen kann, zum entscheidenden ersten Schritt drängt. Das »Irgendwann gehe ich los«, »Irgendwann« ist die Zeit reif für meinen Weg, schlägt um zu dem festen Entschluss, der Sehnsucht, dem Traum Realität zu verleihen. Nun werden alle weiteren mentalen und praktischen Hindernisse aus dem Weg geräumt.

Sicher wäre es sehr nützlich, sich die verschiedenen Widerstände, Ängste und Probleme anzuschauen, die sich dem zum Pilgern Entschlossenen entgegenstellen können.

Dogen Zenji, der Gründer des Soto-Zen in Japan zu Beginn des 13. Jahrhunderts, bezeichnet den »ersten Schritt« auf den ZEN-Weg, der als Herzübung des Buddhismus gilt, als die größte Erleuchtung, als das große Erwachen. Gar nicht zu meditieren und eine erste Meditation zu praktizieren, sei ein Eintreten in eine ganz neue Welt, einen neuen Kosmos. Alle weiteren Schritte sind die logische Folge des ersten Schrittes, auch wenn die Schritte (= Übungen) durch unterschiedliche körperliche, psychische und mentale Schichten führen.

Wenn der erste Schritt des Pilgerns getan ist, der in der mystagogischen Lehre des »Dreischrittes« via illuminativa (Erleuchtungsweg) genannt wird, folgt in der Regel bei vielen Übenden der zweite Schritt, die zweite Phase, die Zeit der Reinigung (via purgativa). Wenn man will, ist diese Weg-Zeit eine Art Purgatorium, ein »Fegefeuer«, in dem der Mensch von Schlacken gereinigt wird. Er kann in vielen Schichten seiner Person nachreifen und muss vielfach innere Widerstände überwinden, wodurch jedoch körperliche, psychische und seelische Kräfte aktiviert, gestärkt und geschult werden. »Und das Wort ist Fleisch geworden« ist die spirituelle Grundbotschaft, von der wir annahmen, dass sie sich in der geistlichen Übung des Pilgerns besonders günstig umsetzen kann. In den Widerständen des Körpers, einzelner Muskelverspannungen bis hin zu Krämpfen, Organschwächen oder Kreislaufschwierigkeiten, kurz in Störungen aller Art, zeigen sich Defizite, die in der Regel beeinflusst, verringert oder beseitigt werden können. Hier ist es an dem Übenden, mit Weisheit und Maß an sich zu arbeiten, seinen Willen und seine Ausdauer einzusetzen. Er darf aber dabei nicht übertreiben und durch zu hartes Vorgehen gegen sich selbst die Grenzen des Erträglichen überschreiten. Sonst werden angeschlagene Organe vollends überlastet, was zu noch schlimmeren Störungen führen kann. Hier ist die Zeit der vielen kleinen Vorund Rückschritte, die Zeit, wo Geist und Körper sich immer besser, tiefer und harmonischer einschwingen, die Zeit einer subtilen, aber sehr tief greifenden »Neugeburt« des ganzen Körpers, eines Muskels oder eines Organs. Nach meiner Erfahrung aus vielen Übungsjahren in der Meditation wie auch im praktischen Pilgern ist diese »Inkarnation« die Voraussetzung der Auferstehung, der Erlösung des Menschen aus seiner Geschöpflichkeit zu seiner ursprünglichen Bestimmung.

Dieser Pilgerweg der Befreiung freilich ist lang für denjenigen, der nur Schritte zählt, für den, der nur Kilometer zählt, Orte abstreicht und Buch führt.

Ein natürlicher Weg beginnt üblicherweise an einem konkreten Ort, z. B. an der Kirche, dem Rathaus, dem Stadttor oder am eigenen Haus. Der Jakobsweg als ein Pilgerweg jedoch hat noch eine andere Dimension, da er als geistlicher Weg einen inneren Aufbruch voraussetzt. Und dieser innere Aufbruch kann zeitlich von dem äußeren Aufbruch divergieren. Vom ersten Lesen und Hören über das Pilgern im Allgemeinen oder den Berichten konkreter Pilgererfahrungen anderer bis zur ersten Idee, sich selber auf den Weg zu machen, kann eine lange Zeit verstreichen. Eine weitere lange Zeit kann verstreichen, bis sich aus der persönlichen Idee ein konkreter Zeitpunkt ergibt. Ist es für den einen die Zeit nach einer Prüfung, nach Beendigung der Berufstätigkeit oder einer persönlichen Krise, so ist für manch anderen das Angebot einer Gruppe, eines Reiseveranstalters der Anlass, sich auf den Weg zu machen. Wenn wir also fragen »Wann beginnt der Jakobsweg?«, versuchen wir in die Psyche, ja in noch tiefere Schichten des Menschen hineinzuhorchen.

Schon der heilige Ordensgründer und Mönchsvater Benedikt von Nursia (480550) beginnt seine geistliche Rede mit dem Wort »Höre ...«. Liest man ein wenig weiter, lernt man, dass es hier nicht um das akustisch äußere Hören, sondern um das mentale, spirituelle innere Horchen geht: »Höre, mein Sohn, auf die Worte des Meisters. Neige das Ohr deines Herzens.« Die Menschen aller Zeiten und Kulturen sind meist so mit dem Bewältigen ihres Lebensalltags in Familie und Beruf belastet oder in leidvolle Prüfungen, Krisen und Konflikte verwickelt, dass das Ohr des Herzens überlastet oder verstopft erscheint und die feineren Lebensmelodien nicht wahrnehmen kann. Immer wieder aber spüren Menschen in Situationen der Not, der Freude oder Liebe, dass jenseits der alltäglichen strengen Pflichten eine andere Stimme ruft: »C’est la voix de Compostelle – Das ist die Stimme von Compostela« heißt es in unserem Pilgerlied. Die Melodie können wir als Sehnsucht beschreiben, als eine Stimme, die uns auf den Weg des Lebens rufen will. Das Hören auf die innere Stimme führt den Menschen zwar aus der Überlastung seiner Alltagsbewältigung hinaus ins Weite, aber nicht um ihn in den Raum einer vorgestellten Freiheit zu entlassen, sondern um ihn in das Übungsfeld einer neuen, weiter gefassten Balance des Lebens zu führen. Der schwierigste, aber entscheidende Schritt ist die Verbindung von neuen Weg- und Lebenserfahrungen mit den bisherigen Prozessen im Alltag.

Ist es nicht vermessen, ja größenwahnsinnig, sich auf einen Weg zu machen, der rund 2400 Kilometer lang ist? Von München nach Hamburg sind es ungefähr 1000 Kilometer. Diese Strecke mit dem Auto zurückzulegen überlegt man sich schon gründlich und denkt an das Flugzeug, das zwei Stunden braucht. Und die Strecke von zweieinhalbmal so vielen Kilometern soll man nun zu Fuß, Schritt für Schritt bewältigen, um von Süddeutschland nach Nordwestspanien zu gelangen? Da mag manchem das Herz verzagt werden. Beginnt man jedoch kühlen Kopf zu bewahren und Zahlen sprechen zu lassen, reduziert sich die Unmöglichkeit auf ein Organisationsproblem.

Zwanzig bis 25 Kilometer pro Tag kann die Pilgerin, der Pilger schaffen, vor allem, wenn der Weg gut beschrieben und gekennzeichnet ist. 100 bis 125 reine Gehtage lassen sich dann errechnen mit einigen Ruhetagen, also 120 bis 150 Tage für denjenigen, der den ganzen Weg in einer Etappe gehen will. 240 bis 300 Tage jedoch für diejenigen, die ganzheitlich denken und auch den Rückweg einplanen. Kalkuliert man 25 Euro pro Tag, dann ergeben sich bei 120 Tagen 3000 Euro, mit Rückweg 6000 Euro, bei 150 Tagen 3750 bzw. 7500 Euro.

 

Aus all diesen Überlegungen entwickelten sich folgende Jahresetappen:

1999  Kennenlernen: Beuron – Meßkirch

2000  »Probelauf«: Beuron – Überlingen

2001  Überlingen – Flüeli/Sachseln

2002  Sachseln – Seyssel

2003  Seyssel – Le Puy-en-Velay

2004  Le Puy-en-Velay – Figeac

2005  Figeac – Condom

2006  Condom – Saint Palais

2007  Saint Palais – Santo Domingo de la Calzada

2008  Santo Domingo de la Calzada – León

2009  León – Santiago de Compostela

 

Ist meine Sehnsucht, den Pilgerweg zu beginnen, groß und stark genug, dass ich bereit bin, Zeit und Kosten in diesem Umfang einzusetzen? Viele werden die Idee, den Wunsch, den großen Weg zu gehen, auf ein Vielleicht, ein Irgendwann verschieben. Man wird an die Pensionszeit, auf die Zeit nach der aktiven Arbeit denken. Andere werden auf die Lösung verfallen, den Weg zu reduzieren, z. B. auf den spanischen Teil des Weges, den Camino frances, auf den Weg ab Burgos oder León oder auf die letzten hundert Kilometer, das Minimum, um die Compostela, die offizielle Pilgerurkunde, zu erhalten.

Ewiges Leben

 

Erde und Himmel,

dazwischen der Weg des Pilgers.

 

Unterwegs zu IHM

durch Wasser und Luft,

die Gaben des Geistes,

 

im Mysterium

der Reinigung und Heilung

zu neuem,

ewigem Leben.

Nach unserem ersten Treffen 1999 und einer ersten »Probewanderung« begegnen wir uns jetzt, im September 2000 ein weiteres Mal. Wie ernst ist unsere Absicht? Sind wir bereit, auch große Anstrengungen auf uns zu nehmen? Können wir uns in die Gruppe einfügen? Schließlich wollen wir in den nächsten zehn Jahren miteinander gehen und müssen miteinander auskommen. Wir müssen wissen und abschätzen können, auf was wir uns hier einlassen.

Beim Abendessen tasten wir uns wieder aufeinander zu. Beim anschließenden Gespräch zunächst eine Vorstellungsrunde, dann ein Versuch, die Motivation für die Teilnahme zu nennen. Warum haben wir uns auf diesen Artikel gemeldet?

Da sucht einer einen Weg der Wandlung: Altes soll aufbrechen, er will offen werden für Neues.

Eine Teilnehmerin spricht von einem Weg zu sich selbst: Wer bin ich? Was suche ich?

Andere wollen Neues erproben, lernen.

Das Pilgern wird als neue Gebetsform gesehen: Man will das Beten mit den Füßen erlernen.

Pilgern und die Ankunft in Santiago soll ein erstes Ziel sein auf dem Weg, das letzte große Ziel zu erreichen.

An diesem Abend freuen wir uns an der Muschelkette, die Margit und Erich für jeden von uns vorbereitet haben. Wie schön auch der erste provisorische »Pilgerpass«, liebevoll von den beiden mit zwei Fotos gestaltet (St. Benedikt und Sankt Jakob) und versehen mit dem Stempel des Klosters Beuron und der Pilgerkapelle St. Jodok in Überlingen. Schon jetzt fühlen wir uns zugehörig zur Schar derer, die auf dem Weg sind.

 

Am Morgen werden wir durch wunderschöne Blockflötenmusik geweckt: Margit spielt für uns das französische Pilgerlied, das uns von jetzt ab begleiten will.

Noten
Tous les matins nous prenons le chemin. Morgen für Morgen geh’n wir auf den Weg.
tous les matins nous allons plus loin. Morgen für Morgen gehen wir voran.
Jour après jour la route nous appelle c’est la voix de Compostelle. Und Tag für Tag ruft unsere Straße, s’ist der Ruf von Compostela.
Ultreia, Ultreia, Esuseia. Deus adjuva nos! Ultreia, Ultreia, Esuseia, und Gott helfe uns.
Chemin de terre et chemin de foi, Straße der Erde und Straße des Glaubens,
voie millénaire de l’Europe, seit tausend Jahren quer durch Europa,
la voie lactée de Charlemagne, Straße der Sterne für Karl den Großen,
c’est le chemin de tous les Jacquets. Straße für die Pilger des Jakobus.
Ultreia, Ultreia ... Ultreia, Ultreia ...
Et tout là-bas au bout du continent, Und ganz am Ende unsres Kontinents
messire Jacques nous attend, wartet auf uns der Herr Jakobus.
depuis toujours son sourire fixe Schon immer heftet sich sein Lächeln
le soleil qui meurt au Finistère. auf die Sonne, die stirbt in Finisterre.
Ultreia, Ultreia ... Ultreia, Ultreia ...

 

 

Um sieben Uhr kurze Andacht, ich bin viel zu angespannt, um den Texten folgen zu können. Nach dem Frühstück werden wir um acht Uhr vom Vater Erzabt an der Benediktstatue auf dem Pfortenplatz mit dem Pilgersegen verabschiedet.

 

Wir wandern zügig, zum Teil kräftig bergauf, nach Meßkirch. Die erste Stunde wird schweigend gegangen, mir gehen viele Gedanken durch den Kopf – dies ist nun endlich der Anfang! Endlich kann ich mich unter die unzähligen Pilger einreihen, die sich seit 1000 Jahren auf verschiedensten Wegen zum Grab des heiligen Jakobus aufmachen. Was wird der Weg mir bringen? Alles ist ganz kraus in meinem Kopf. Ich bete den freudenreichen Rosenkranz, das beruhigt die Gedanken. Ich stelle dabei fest, dass das Laufen problemlos geht, warm wird es allerdings schon.

In Meßkirch gibt es im Café Brecht dann endlich die Möglichkeit zum Ausruhen und Entspannen, bevor wir weitermarschieren bis Kloster Wald. Aber auch das ist weit, ich lasse mich zurückfallen, bin froh, dass wir vier Kilometer vor Wald nochmals Rast machen: Apfel mit Hüttenkäse, ich kann endlich ein wenig die schmerzenden Beine hochlegen! Nach 28 Kilometern kommen wir dann schließlich in Kloster Wald an. Aber noch geht es weiter: Die Mutter Oberin führt uns durch »ihr« Kloster, mit einer Mischung aus Stolz und Demut, die uns tief berührt. Dann endlich gibt es Abendessen im »Lamm«, endlich das ersehnte Bier.

Wir lernen uns kennen auf dem Weg in manchen Gesprächen und abends bei der Entspannung im Lokal: Wir lernen Menschen kennen, deren Lebensform sich stark von der unseren unterscheidet, wir sind glücklich und bereichert von dieser neuen Erfahrung. Irgendwie überstehen wir dann auch noch die Sonderführung in der Kirche mit dem romanischen Kreuz, dann dürfen wir endlich ins »Bett«.

Die Nacht beschert uns allerdings Ernüchterung: Wir verbringen sie auf dem »schönen« Parkettfußboden des Pfarrheims; die Isomatte ist zu schmal, bei jeder Bewegung knistern die Schlafsäcke ringsum, das Liegen auf dem harten Fußboden ist qualvoll; wir zählen die Viertelstunden, die vom nahen Kirchturm schlagen, bis wir aufstehen dürfen. Erkenntnis, dass man in unserem Alter seinen Körper nicht ungestraft zu etwas zwingen kann, was man nicht als junger Mensch geübt hat.

 

Nach dem Frühstück geht es dann mit halbstündiger Verspätung um sieben Uhr weiter. Schweigen. Wir gehen zunächst durch den Wald. Am Ende des schnurgeraden Weges bilden die Bäume eine Öffnung in den Himmel, an dem, rot, die aufgehende Sonne steht, davor die Silhouetten von vier Pilgerfreunden – phantastisch!

Weiter dann über die endlose Landstraße, die überhaupt an diesem Tag dominiert, nach Taisersdorf.

Wir haben 32 Kilometer vor uns bis Überlingen. Zunächst aber geht’s ins sieben Kilometer entfernte Pfullendorf, wo die Kirche gerade bei unserem Eintreffen geöffnet wird. Es ist eine St. Jakobuskirche mit vielen Zeichen des Pilgerpatrons: Hut, Muschel, Stab, Kalebasse.

Nach weiteren drei Stunden Einhalt am Johanneshof, wo eine alternative Gruppe einen Bauernhof mit viel Kleinvieh für die Kinder betreibt. Die junge Frau strahlt, als sie uns in der Sattelkammer sitzen sieht. Sie tischt auf, was sie haben: Kürbissuppe, Holundersaft, köstliche gefüllte Bratäpfel, frischen Traubensaft.

Bei dem Aufstieg nach Taisersdorf bekomme ich bestialische Schmerzen in der rechten Leiste, kann das rechte Bein nicht mehr anheben. Ist das jetzt schon das Ende? Mir wird schlecht vor Enttäuschung. Heide bleibt bei mir zurück, redet mir gut zu, ermutigt mich. Wir retten uns ins Landgasthaus und gönnen uns eine Pause von anderthalb Stunden. Danach komme ich wieder in die Gänge. Ich will ankommen. Ich bete still zwei Gesätze des schmerzhaften Rosenkranzes.

In Owingen halten wir wieder eine Rast. Die Füße brennen. Kann ich noch weitergehen, will ich noch weitergehen? Muss Pilgern Tortur sein, um echtes Pilgern zu sein? Dass an unserem Rastplatz eine Telefonzelle steht, nehme ich als Wink des Himmels. Auch die heldenhaften Durchhaltebeschlüsse der angeschlagenen Mitpilger beeindrucken mich nicht so, dass ich es ihnen nachmachen wollte. Ich beschließe, die anderen ziehen zu lassen und mir ein Taxi zu rufen. In der Telefonzelle: kein Telefonbuch und auch keine Taxireklame. Was nützt das Telefon, wenn ich keine Nummer habe. Rufe ich die Auskunft an? – Nein, soweit kommt es noch! Die Telefonzelle war eine Versuchung, der ich zu erliegen drohte – aber der große Rufer weiß es besser und ich höre. In der Gewissheit, dass ich bis zum Ende gehen soll, ziehe ich frischen Mutes wieder los, hinter den anderen her. Gestärkt durch diesen neuen Impuls, versehen mit der »zweiten Luft«, hole ich die Mitpilger ein, überhole gar den einen oder anderen und erreiche vergnügt, aber natürlich auch ziemlich groggy, die Jodokkirche in Überlingen.

Am Golfplatz vorbei, zum ersten Mal leuchtet der See – ich will ankommen! Endlich die ersten Häuser. Zwei Bewohner, die Laub zusammenfegen, erkennen uns als Jakobspilger. Ich bin stolz. Stadttor, Hänselebrunnen, Jodokkirche. Erich beglückwünscht uns zu den 33 Kilometern des Tages. Wir können uns kaum in die engen Bänke zwängen, die Erklärungen zur Legende des Hühnerwunders, die auf Fresken abgebildet ist, hören wir kaum, wir kennen sie schon gut. – Laudate omnes gentes, laudate Dominum – so singen wir drei Mal.

»Ultreia, Suseia! Deus adjuva nos!« Was diese wohlklingenden, geheimnisvollen Worte bedeuten, habe ich an meinem ersten Pilgertag von Wald nach Überlingen erfahren. »Weiter, höher! Gott helfe uns!« Der Weg nach Santiago ist weit, sehr weit, über 2000 Kilometer. Und zu Fuß dauert es lang, sehr lang. Und das Gepäck, ein Rucksack, der nicht schwerer als acht Kilogramm sein soll, wird zu einer Last und stündlich schwerer. Und die Füße, die das lange Gehen, das »Pilgern« eben, nicht gewohnt sind, zeigen mir schon an diesem ersten Pilgertag von 33 Kilometern in zehn Stunden (einschl. Pausen), dass sie an ihre Grenzen geführt wurden. Schmerzen und Blasen trotz guter Wanderschuhe! »Gott helfe uns!« Das sind wohl die Hauptgedanken, die jeden bei dieser »Vorwanderung« beschäftigen.

In Taisersdorf Mittagspause, dann wieder Teerstraße und geteerte Feldwege nach Überlingen, wo wir um ca. 18 Uhr an der Jodokkirche eintreffen – Endziel der diesjährigen Etappe. Müde, aber nicht erschöpft, mit einer unbeschreiblichen Freude und Stolz im Innern: Wir haben es geschafft! Wir sind gut miteinander gegangen und miteinander umgegangen. Die Gruppe ist gut, sie stärkt und schützt, lullt zuweilen auch ein, gibt mir aber Impulse und Wärme. Die Jodokkirche bleibt mir von den besichtigten Kirchen am besten im Gedächtnis durch die eindrucksvollen Wandmalereien (Legende des Hühnerwunders) und die Statue des Jakobus, die auch als Foto in unserem Pilgerausweis festgehalten ist. Immer wieder berühre ich die Muschel, die Margit und Erich uns am ersten Abend in Beuron zusammen mit dem Pilgerausweis gegeben haben. Jetzt trage ich sie zurecht: Ich bin eine Jakobspilgerin! – Von Überlingen per Autos und Kleinbus Rückfahrt nach Beuron, wo wir den Tag noch gemütlich bei Roggenbier ausklingen lassen – ich gehe als eine der Ersten um 22 Uhr todmüde ins Bett und schlafe endlich wieder gut.