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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

 

Für Fragen und Anregungen:

robertkwittman@rivaverlag.de

 

1. Auflage 2011

© 2011 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

 

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2010 bei Crown Publishers unter dem Titel Priceless: How I went undercover to rescue the worlds stolen treasures.

© 2010 by Robert K. Wittman. All rights reserved.

Abdruck der Fotos des Bildteils mit freundlicher Genehmigung des Autors

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

 

Übersetzung: Martin Bauer, München

Redaktion: Nicole Luzar, Betzenstein

Umschlaggestaltung: Jennifer O‘Connor

Umschlagabbildung: Chris Crisman

Foto Umschlagrückseite: Donna Wittmann

Satz: HJR, Jürgen Echter, Landsberg am Lech

EPUB: Grafikstudio Foerster, Belgern

 

ISBN 978-3-86413-112-7

 

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Meiner Frau Donna und unseren Kindern Kevin,
Jeffrey und Kristin gewidmet

2. Kapitel
Verbrechen an der Geschichte

Courmayeur, Italien, 2008

Aus Sicherheitsgründen hatten die Vereinten Nationen die Zimmer in Courmayeur so diskret wie möglich gebucht, 106 Räume im noblen italienischen Wintersportort am Fuß des Mont Blanc. Die internationale Konferenz zum Thema »Organisiertes Verbrechen mit Kunst und Antiquitäten« war für ein ruhiges Wochenende Mitte Dezember angesetzt, zwischen dem Noir Film Festival und der traditionellen Eröffnung der Skisaison. Die UNO kümmerte sich um alles. Sie organisierte die Anreisen aus sechs Kontinenten, Gourmetmahlzeiten und die Transfers von den Flughäfen Genf und Mailand. Als die Busse am Freitagnachmittag von den Flughäfen abfuhren, lagen bereits 30 Zentimeter Neuschnee. Die Fahrer zogen Schneeketten auf dicke Reifen, bevor es in die Berge ging. Bei Einbruch der Dunkelheit kamen die Busse an. In ihnen saßen die weltweit führenden Experten in Sachen Kunstraub. Sie litten noch unter Jetlag, freuten sich aber auf den ersten Gipfel ihrer »Branche«.

Ich war einen Tag vor Beginn der Konferenz angereist und mit der hochrangigen UN-Beamtin von Mailand hergefahren, die das Treffen organisiert hatte. Sie lud mich zu einem frühen Abendessen mit dem stellvertretenden Justizminister Afghanistans ein, einem Oxford-Absolventen. Neben unserem Tisch saß ein hochrangiger iranischer Richter und plauderte mit dem Kulturminister der Türkei. Nach dem Abendessen begab ich mich zur Bar, wo ich mich nach alten Freunden umsah.

Ich bestellte einen Chivas und suchte in meinen Taschen nach ein paar Euros. Im wachsenden Gedränge erspähte ich Karl-Heinz Kind, den schlaksigen deutschen Leiter der Interpol-Abteilung für gestohlene Kunstwerke. Er hielt einen milchigen Cocktail in Händen und unterhielt sich mit zwei mir unbekannten jungen Frauen. Am Kamin stand Julian Radcliffe, der steife Brite, der die weltgrößte private Datenbank zum Thema Kunstdiebstahl organisiert: das Art Loss Register. Neil Brodie, der berühmte Archäologieprofessor aus Stanford, lauschte ihm interessiert. Ich bekam meinen Whisky und konsultierte meine Teilnehmerliste der Konferenz. Die Mehrzahl der Teilnehmer kam natürlich aus Europa, insbesondere aus Italien und Griechenland. Beide Länder stecken traditionell erhebliche Ressourcen in die Verfolgung von Kunstdiebstählen. Ich widmete mich den weniger vertrauten, exotischeren Namen und Posten: Da fanden sich ein Richter aus Argentinien, der iranische Richter, den ich zuvor schon bemerkt hatte, der Präsident einer spanischen Universität, der führende Archäologe Griechenlands, ein australisches Professorenpaar, der Leiter des wichtigsten koreanischen Instituts für Verbrechensforschung sowie Regierungsvertreter aus Ghana, Gambia, Mexiko, Schweden, Japan, aus der ganzen Welt. Auch ein Dutzend Amerikaner stand auf der Liste, doch es handelte sich fast ausschließlich um Akademiker – ein Zeugnis dafür, dass die amerikanischen Behörden Kunstdiebstahl nicht besonders ernst nahmen. Die amerikanische Regierung hatte überhaupt niemanden geschickt.

Nach meiner Pensionierung hatte ich mich mit Donna zusammen als Sicherheitsberater in Sachen Kunst selbstständig gemacht. Die Vereinten Nationen hatten mich eingeladen, auf der Konferenz einen Vortrag zu halten, da ich im Gegensatz zu den meisten anderen Teilnehmern über 20 Jahre Praxiserfahrung in der Verfolgung von Kunstdieben verfügte. Die anderen Redner präsentierten Statistiken, referierten über internationales Recht und länderübergreifende Zusammenarbeit und legten mir wohlbekannte Zahlen vor, wie etwa die Schätzung, dass jährlich etwa 5 Milliarden Euro Umsatz mit gestohlener Kunst gemacht werden. Die UN hatte mich gebeten, einen weniger akademischen oder diplomatischen Vortrag zu halten: Ich sollte beschreiben, wie es in der zwielichtigen Unterwelt des Kunstmarkts wirklich aussah, welche Art Leute Kunst und Antiquitäten stahlen, wie sie es taten – und wie ich die Werke wiederbeschafft hatte.

Hollywoodfilme präsentieren Kunstdiebe gerne (und völlig realitätsfern) als schneidige Abenteurer, als Typen wie Thomas Crown, clevere Kunstkenner, reiche, wohlerzogene Gentlemen. Sie stehlen zum Vergnügen, führen ihre Verfolger an der Nase herum – oder verführen sie. Der typische Hollywooddieb ist der von Cary Grant gespielte Fassadenkletterer in Über den Dächern von Nizza oder James Bonds erster Film-Widersacher Dr. No, in dessen geheimem Unterwasserstützpunkt Goyas gestohlener Herzog von Wellington hängt. Doch auch die heldenhaften Kämpfer gegen den Kunstdiebstahl werden von Hollywood überlebensgroß dargestellt. So etwa Nicolas Cage, der als Nachfahre eines Gründervaters in Das Vermächtnis der Tempelritter lange verschollene Schätze wiederfindet. Oder Harrison Ford als Indiana Jones, der mit Schlapphut und Peitsche loszieht, Hieroglyphen entziffert und die Welt vor Nazis und Kommunisten schützt.

Tatsächlich sind viele Kunstdiebstähle spektakulär, Stoff fürs Kino. Beim Bostoner Raub überlisteten die Gauner die Nachtwächter mit einem Trick und fesselten sie von den Augen bis zu den Fußgelenken mit breitem, silbernem Klebeband. In Italien ließ ein Mann durch ein Oberlicht eine Angelschnur herab, nahm einen 3 Millionen Euro teuren Klimt an den Haken, holte ihn ein und verschwand. In Venezuela schlichen sich Diebe nachts in ein Museum und ersetzten drei Werke von Matisse durch derart gut gemachte Fälschungen, dass der Diebstahl erst nach 60 Tagen auffiel.

In Wirklichkeit handeln die Täter bei Delikten dieser Art kaum je aus Liebe zur Kunst oder aus Spaß daran, alle anderen zu überlisten. Auch die Abnehmer gestohlener Kunst entsprechen nur selten dem von Hollywood gezeichneten Klischee des einsiedlerischen Millionärs, dessen unfassbare Kunstsammlung erst sichtbar wird, wenn man einen versteckten Knopf auf einer Shakespeare-Büste drückt, woraufhin eine Stahltür zurückgleitet und eine versteckte klimatisierte Galerie enthüllt. Die Kunstdiebe, mit denen ich während meiner Karriere zu tun hatte, deckten das ganze Spektrum ab – mal waren sie reich, mal arm; mal klug, mal närrisch; mal gut aussehend, mal hässlich. Nur eines hatten fast alle gemeinsam: ihre nackte Gier. Für sie zählte das Geld, nicht Schönheit.

In fast jedem Interview, das ich je gab, betonte ich, die Kunst beim Kunstdiebstahl liegt nicht im Diebstahl, sondern im Verkaufen. Am grauen Kunstmarkt bekommt man für gestohlene Ware gerade einmal 10 Prozent ihres eigentlichen Werts. Je berühmter ein Gemälde ist, desto schwerer lässt es sich verkaufen. Die Jahre vergehen und die Diebe verlieren allmählich die Geduld. Bald wollen sie ihren unverkäuflichen Mühlstein nur noch loswerden. Anfang der Achtziger verscherbelte ein Drogenhändler einen gestohlenen Rembrandt, den er nirgendwo an den Mann bringen konnte, an einen verdeckt ermittelnden FBI-Agenten. Der Preis für das auf 1 Million Dollar geschätzte Werk: 23 000 Dollar. Als die norwegische Polizei anbot, das Gemälde Der Schrei zurückzukaufen, das gestohlene weltbekannte Meisterwerk von Edvard Munch, ließen die Diebe sich auf etwa 600 000 Euro herunterhandeln. Taxiert wurde das Gemälde auf 60 Millionen.

Meisterwerke der Malerei und Bildhauerei galten schon immer als unbezahlbar, doch erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts begann auch ihr Preis steil anzusteigen. Die Phase begann 1958 mit dem Verkauf eines Cézanne, Der Knabe mit der roten Weste, auf einer erlesenen Auktion bei Sotheby’s in London. Der Hammer fiel bei 220 000 Britischen Pfund, was 2,5 Millionen Deutschen Mark entsprach. Nie zuvor war auch nur ein annähernd so hoher Preis für ein einzelnes Gemälde bezahlt worden. Die Presse stand Kopf. In den Achtzigern – inzwischen kosteten Gemälde auch schon mal Millionenbeträge – sorgte dann fast jede große Auktion mit Preisrekorden für Schlagzeilen. Plötzlich wurden lange verstorbene Künstler zu Stars, insbesondere manche Impressionisten. Die Preise kletterten weiter und näherten sich nunmehr neunstelligen Beträgen. 1989 bezahlte das J. Paul Getty Museum in Los Angeles die damals schockierende Summe von 49 Millionen Dollar für Iris von van Gogh. Im folgenden Jahr versteigerte Christie’s einen weiteren van Gogh, Porträt des Dr. Gachet, für 82,5 Millionen Dollar (68 Millionen Euro) und 2004 versteigerte Sotheby’s Picassos Junge mit Pfeife für sagenhafte 104 Millionen Dollar (ca. 85 Millionen Euro). Dieser Rekord wiederum fiel 2006, als der Musikmogul David Geffen Pollocks Werk No. 5, 1948 für 149 Millionen Dollar und de Koonings abstraktes Frauengemälde Woman III für 137,5 Millionen Dollar verkaufte (um die 118 bzw. 110 Millionen Euro).

Doch die steigenden Preise lockten auch verstärkt Diebe an.

In den Sechzigerjahren begannen Diebe, impressionistische Bilder von Museumswänden entlang der französischen Riviera und aus Kulturstätten Italiens zu stehlen. Der größte Coup gelang mit dem Diebstahl des Caravaggio-Gemäldes Geburt Christi mit Heiligem Lorenz und Heiligem Franziskus 1969 in Palermo. Delikte dieser Art gab es auch in den Siebzigern, doch die Zahl stieg nach den atemberaubenden Verkäufen der van Goghs in den Achtzigern und Neunzigern steil an.

Der gewagte Gardner-Raub 1990 – mit elf gestohlenen Meisterwerken, darunter Arbeiten von Vermeer und Rembrandt – markierte den Anfang einer Phase dreisterer Coups. Weltweit war kein Museum mehr sicher und zwischen 1990 und 2005 verschwanden Bilder im Wert von fast 1 Milliarde Euro. Aus dem Louvre wurde an einem belebten Sonntag ein Corot geklaut, in Oxford während einer Silvesterparty ein Cézanne. In Rio verschwanden ein Matisse, ein Monet und ein Dalí. In Schottland entwendeten als Touristen getarnte Gauner ein Meisterwerk da Vincis aus dem Museum einer Burg. Das Van Gogh Museum in Amsterdam wurde in elf Jahren gleich zweimal bestohlen.

Als mein Hirn wegen des Jetlags zu schwimmen begann, trank ich meinen Scotch aus und ging hinauf auf mein Zimmer.

Am nächsten Morgen kam ich so frühzeitig herunter, dass ich im Konferenzzentrum des Hotels einen guten Sitz bekam. Mit dem Programm und einer Tasse starken italienischen Kaffees in Händen lauschte ich der ersten Rede. Die drahtlosen Kopfhörer übertrugen eine Übersetzung ins Englische. Stefano Manacorda von der Seconda Università di Napoli, ein bekannter italienischer Juraprofessor mit wilder schwarzer Mähne und breiter violetter Krawatte, ordnete seine Notizen und räusperte sich. Er begann mit einer drastischen These, die den Ton für die ganze Konferenz vorgab.

»Kunstdiebstahl breitet sich aus wie eine Seuche.«

Natürlich hatte er recht. Die Schätzungen, wonach der »Umsatz« mit gestohlener Kunst jährlich 5 Milliarden Euro betrage, lägen vermutlich viel zu niedrig, erklärte der Professor, da nur die Zahlen eines Drittels der 192 Mitgliedstaaten der UNO überhaupt in die Statistik eingingen. Bei grenzüberschreitenden Verbrechen rangiert der Diebstahl von Kunst und Antiquitäten auf Rang vier, hinter Drogenhandel, Geldwäsche und illegalem Waffenhandel. Der Umfang der Kunstkriminalität ist von Land zu Land unterschiedlich, aber man kann mit Sicherheit sagen, dass er zunimmt, und zwar schneller als die Anstrengungen, sie einzudämmen. Alles, was die Weltwirtschaft revolutioniert hat – Internet, Rückgang der Transportkosten und -zeiten von Gütern weltweit, Mobiltelefonie, Ausweitung des Freihandels (insbesondere in der EU) –, erleichtert auch Kriminellen ihre »Arbeit«, gestohlene Kunst und Antiquitäten zu schmuggeln.

Wie bei den meisten internationalen Verbrechen gedeiht auch der illegale Handel mit Kunst und Antiquitäten dank enger Verbindungen zum legitimen Kunsthandel. Der weltweite Umsatz mit legal gehandelter Kunst liegt bei etlichen Milliarden Euro im Jahr, von denen grob geschätzt etwa 40 Prozent in den USA anfallen. Auf dem Markt tummeln sich Geldwäscher, halbseidene Galeriebesitzer und Kunstvermittler, Drogenhändler, skrupellose Sammler und der eine oder andere Terrorist. Kriminelle hinterlegen Gemälde, Skulpturen und Statuen bei Waffen-, Drogen- und Geldwäschegeschäften als Pfand. Kunstgegenstände, insbesondere wenn sie klein genug sind fürs Bordgepäck, lassen sich gefahrloser transportieren als Bargeld oder Drogen und sie lassen sich überall zu Geld machen. Zollbehörden tun sich schwer damit, gestohlene Kunst zu entdecken, denn es ist ja – anders als etwa bei Drogen, Waffen oder Bargeldbündeln – prinzipiell nicht illegal, ein Gemälde von A nach B zu bringen. Geplünderte oder gestohlene Kunstschätze werden rasch außer Landes geschafft, wo sie dann verkauft werden. Die Hälfte aller von der Polizei beschlagnahmten Kunstwerke waren in einem anderen Land gestohlen worden.

Museumsdiebstähle sorgen zwar für fette Schlagzeilen, doch sie machen nur 10 Prozent aller Kunstdiebstähle aus. Weitere 52 Prozent aller gestohlenen Kunstwerke, so eine vom Art Loss Register in Courmayeur präsentierte Statistik, verschwinden aus Privaträumen, ohne dass die Öffentlichkeit davon viel mitbekäme. Aus Galerien werden 10 Prozent der Werke gestohlen, aus Kirchen 8 Prozent. Der Rest stammt großteils aus Grabungsstätten.

Als wieder mal ein Diplomat über eine ungewöhnliche Verfügung in einem 50 Jahre alten Vertrag schwafelte, sah ich die Interpol-Zahlen in meinen Konferenzunterlagen durch. Als ich zur Tafel mit der geografischen Verteilung der Diebstähle kam, fuhr ich auf. Ich nahm die Kopfhörer ab. Interpol zufolge fanden 74 Prozent aller Kunstdiebstähle in Europa statt! Das konnte aber niemals stimmen. Tatsächlich zeigten solche Zahlen nur, welche Länder gute Statistiken führten. Und das wiederum lieferte einen guten Hinweis darauf, welche Länder sich wirklich ernsthaft um die Verfolgung von Kunstdiebstählen bemühten. Es gibt himmelweite Unterschiede zwischen den nationalen Anstrengungen in Sachen Kunstraub. Frankreich unterhält in Paris eine eigene Kunsteinheit mit 30 Ermittlern, geleitet von einem Oberst der Gendarmerie Nationale. Scotland Yard stellt ein Dutzend Leute in Vollzeit ab und arbeitet mit Kunstprofessoren und Anthropologen zusammen, die die Ermittler in ihrer Arbeit unterstützen. Italien tut wahrscheinlich am meisten: Es unterhält eine 300 Mann starke Kunst- und Antiquitäteneinheit, eine hoch angesehene, entschlossene Truppe unter der Leitung des Carabinieri-Generals Giovanni Nistri. Auf der Konferenz in Courmayeur verriet Nistri, dass Italien bei der Verfolgung von Kunstverbrechen Methoden einsetze, wie sie in den USA zur Eindämmung des Drogenhandels angewendet würden: Man überwache das Internet, setze Hubschrauber und sogar U-Boote ein.

Am frühen Nachmittag forderte einer der führenden Vertreter der Vereinten Nationen, Alessandro Calvani, die anderen Länder auf, dem Beispiel Italiens zu folgen. Er schlug eine weltweite PR-Kampagne vor, um der Öffentlichkeit bewusst zu machen, wie viel Geschichte und Kultur durch Kunstdiebstahl verloren geht. Er verwies auf den Erfolg, den ähnliche Kampagnen im Kampf gegen das Rauchen, gegen Landminen, HIV und Blutdiamanten gehabt hätten. »Erst eine starke öffentliche Meinung zwingt die Regierungen zum Handeln«, sagte er. »Viele Menschen halten Kunstdelikte für lässliche Sünden, aber mit so einer Einstellung lässt sich nie etwas ändern.«

In den USA ist diese Haltung ganz klar dominierend. Landesweit arbeitet nur eine Handvoll Ermittler im Bereich Kunstkriminalität. Jeder große Kunstraub sorgt zwar für erhebliches Medienecho, doch für seine Verfolgung stehen schlicht nicht die notwendigen Ressourcen bereit. Einzig die Polizei von Los Angeles unterhält einen eigenen Kunst-Ermittler auf Vollzeitbasis. In den meisten amerikanischen Städten lobt das Diebstahlsdezernat der Polizei einfach eine Belohnung aus und hofft, dass die Diebe anbeißen. FBI und Zollbehörde sind zwar eigentlich zuständig, unternehmen aber auch kaum etwas. Das 2004 eingerichtete Kunstraub-Team des FBI, das Art Crime Team, hatte einen einzigen Undercover-Agenten: mich. Nach meiner Pensionierung gibt es jetzt niemanden mehr. Die Einheit existiert zwar noch, sie wird aber von einem gelernten Archäologen geführt und nicht von einem FBI-Ermittler, und das Personal wechselt ständig. 2005 hatte ich acht Mitarbeiter für das Art Crime Team ausgebildet, doch 2008 waren fast alle schon wieder zu anderen Einheiten gewechselt, weil sie dort bessere Aufstiegschancen sahen. Ich konnte ihnen das nicht verübeln, aber eine kompetente Einheit mit echtem Zusammenhalt und einem institutionellen Gedächtnis ließ sich so natürlich nicht aufziehen.

Nicht nur die Vereinigten Staaten wurden auf der Konferenz aufgefordert, sich mehr anzustrengen. Von ein paar lobenswerten Ausnahmen abgesehen, halten die meisten Nationen die Verfolgung von Kunstdelikten einfach nicht für besonders wichtig. Ein Italiener erklärte den Gipfelteilnehmern: »Wir haben es mit einem Paradigma der kollektiven Pflichtverletzung zu tun.«

Nach dem Mittagessen – Truthahn-Scaloppine, zuppa di formaggio, dazu ein leichter Rosé – sprach ein Akademiker-Duo aus Australien über Plünderungen. Das Thema war mir zwar nicht neu, aber ich genoss den Bericht aus außereuropäischer Perspektive auf dieser doch sehr europalastigen Konferenz. Globale Probleme lassen sich nun mal nicht lösen, wenn kulturelle Differenzen nicht berücksichtigt werden. Einige Länder der Dritten Welt dulden den illegalen Kunst- und Antiquitätenhandel stillschweigend, weil er Geld ins Land bringt. Kriegsgebiete, in denen das Gesetz nicht mehr viel gilt, sind traditionell anfällig. Im Irak gehören Antiquitäten zu den wenigen heimischen Gütern mit hohem Wert – und sie lassen sich leichter stehlen als Öl. In ruhigeren Entwicklungsländern wie Kambodscha, Äthiopien und Peru, wo Plünderer Ausgrabungsorte in wahre Mondlandschaften verwandelt haben, betrachten die örtlichen Regierungen nicht jede wilde Grabung als Verbrechen gegen Geschichte und Kultur – sondern als Wirtschaftsförderung. Die Professoren beschrieben, wie arbeitslose Menschen verzweifelt Ruinenstätten umgruben und die Gräber ihrer Vorfahren plünderten, weil sie Geld für die Ernährung ihrer hungernden Familien brauchten. Vertreter der westlichen Welt schüttelten über diese Tatsache traurig den Kopf; sie sahen in der Bestechlichkeit der örtlichen Beamten die Ursache der Misere. Daher musste ich kichern, als der Direktor des kenianischen Nationalmuseums, George Okello Abungu, sich erhob und konterte: »Seien Sie nicht so schnell mit Ihrer Verurteilung des korrupten Zollbeamten«, mahnte er. »Denken Sie immer daran, wer ihn besticht: ein Westler.«

Kunstdelikte werden teilweise auch deswegen toleriert, weil man sie als »Verbrechen ohne Opfer« betrachtet. Ich habe mit eigenen Händen nationale Schätze auf drei Kontinenten gerettet und weiß, wie närrisch kurzsichtig diese Auffassung ist. Die meisten gestohlenen Kunstwerke sind viel mehr wert, als ihr Marktpreis ausdrückt. Sie sind Zeugnisse unseres Kulturerbes. Der Besitzer eines bestimmten Stückes mag über die Jahre wechseln, gehören tun die großen Kunstschätze der Welt aber uns allen, unseren Vorfahren und unseren Enkeln. Für viele unterdrückte und vom Aussterben bedrohte Völker ist ihre Kunst der letzte verbleibende Ausdruck ihrer Kultur. Kunstdiebe stehlen nicht nur schöne Gegenstände, sondern Erinnerungen und Identitäten. Sie stehlen Geschichte.

Man sagt uns Amerikanern ja gerne nach, wir seien Kunstbanausen, die lieber ins Baseballstadion gingen als in ein Museum. Doch die Statistik spricht eine andere Sprache. Meine ausländischen Kollegen sind oft erstaunt, wenn ich ihnen belege, dass Amerikaner öfter ins Museum gehen als ins Stadion. 2007 besuchten mehr Menschen die Museen der Smithsonian Institution in Washington (24,2 Millionen) als alle Spiele der Basketballliga NBA (21,8 Millionen), der Hockeyliga NHL (21,2 Millionen) oder der Footballliga NFL (17 Millionen). Die Museen Chicagos zählen jährlich acht Millionen Besucher. Zu den Spielen der örtlichen Profiklubs – Bears (Football), Cubs, White Sox (beide Baseball) und Bulls (Basketball) – kommen insgesamt weniger Menschen.

Während ich so dasaß und auf meinen Auftritt wartete, fiel mir auf, dass alle Redner entweder Akademiker, Anwälte oder Diplomaten waren. Die Akademiker präsentierten ihre Statistiken und Theorien. Die Anwälte ergingen sich in todlangweiligen Entstehungsgeschichten der internationalen Abkommen zum Thema Kunstdiebstahl. Und die Diplomaten nahmen nur Platz weg. Ihre Versuche, die Teilnehmer zu vornehmer Zusammenarbeit zu ermuntern, wirkten geradezu läppisch. Ihnen ging es wohl eher um zweierlei: erstens darum, niemanden zu verletzen. Und zweitens darum, ein nichtssagendes Dokument zu verfassen, das sie einem Ausschuss der Vereinten Nationen vorlegen könnten. In anderen Worten: Auf Taten legten sie keinen Wert.

Wo blieb die Leidenschaft?

Kunst bedeutet uns so viel, weil sie uns im Innersten berührt, das 8-jährige Kind ebenso wie den 80-jährigen Greis. Der simple Akt, Farbe auf eine Leinwand zu bringen oder Eisen zu einer Skulptur zu formen, ist ein Wunder des menschlichen Geistes, egal ob ein französischer Meister oder ein Erstklässler am Werk ist. Der Akt der Schöpfung stellt eine universale Verbindung zwischen allen Menschen dar. Kunst weckt Emotionen. Kunst lässt dich etwas spüren.

Und genau deswegen fühlen wir alle uns betroffen, wenn ein großes Werk gestohlen oder eine antike Stadt ihrer Artefakte und ihrer Seele beraubt wird.

Während ich darauf wartete, dass der Interpol-Chef zu Ende kam und das Podium mir überließ, glitt mein Blick über all die Amtsträger im Raum hinweg nach draußen. Der schwere Schnee türmte sich schon bis zum Fenster. Ich sinnierte: Wie, fragte ich mich, hatte es der Sohn eines Waisen aus Baltimore und einer japanischen Sekretärin hierher geschafft, als führender Experte seines Landes für Kunstdiebstähle?

7. Kapitel
Ein neues Leben

Camden, New Jersey, 1995

»Der Angeklagte möge sich erheben.«

Die Jurymitglieder kamen zurück in den Gerichtssaal, die Sprecherin hielt das Blatt mit dem Urteil in der Hand. Ich versuchte, Augenkontakt herzustellen. Die Jury hatte sich nur eine Dreiviertelstunde lang beraten. Der Prozess dauerte schon neun Tage, unglaublich lang für einen Alkohol-im-Straßenverkehr-Fall, doch meiner Ansicht nach war alles prima gelaufen. Ich hatte ausgesagt, über acht Stunden hinweg vier bis fünf Bier getrunken zu haben. Mein Anwalt, Mike Pinsky, zerriss die Zeugen der Anklage und die Sanitäter bestätigten im Zeugenstand, ich hätte nicht betrunken gewirkt. Pamela, die Frau, mit der Denis in der Bar geflirtet hatte, beschrieb mich als nüchtern, als denjenigen, der sich zurückhielt, weil er noch fahren musste. Die Anklage stützte sich auf einen einzigen guten Beweis: den Test des Krankenhauses, wonach ich 2,1 Promille gehabt hätte. Mit so viel Alkohol im Blut hätte ich kaum mehr gehen, geschweige denn fahren können.

Glücklicherweise hatten Pinskys Experten das Rätsel des Bluttests inzwischen gelöst. Sie erklärten der Jury, dass ihnen beim Vergleich von Denis’ und meinen Krankenakten etwas Merkwürdiges aufgefallen war: Mein angeblicher Alkoholwert lag bei exakt 2,1232, der von Denis bei 2,1185. Der Unterschied betrug also gerade mal 0,0047 Promille, was sogar noch unter der typischen Schwankungsbreite liegt, die man bekommt, wenn man Blut aus demselben Röhrchen zweimal testet. Die Werte lagen zu nahe beieinander, als dass es sich um einen Zufall handeln konnte, bezeugten meine Experten. Jemand hatte im Krankenhaus die Röhrchen vertauscht. Es gehört zur Standardpraxis, jede Blutprobe zweimal zu testen, und offenbar hatte jemand Denis’ Blut zweimal getestet und einen der Alkoholwerte mir zugeordnet. Dieses Szenario, so die Experten, sei umso wahrscheinlicher, als das Krankenhaus kein System zur Sicherung der Proben hatte – die korrekte Zuordnung eines Ergebnisses zu einer Person war nicht garantiert. Einer meiner Experten hatte früher selbst das forensische Labor der Polizei geleitet. Im Zeugenstand erklärte er rundheraus: Der einzige Beweis der Anklage war wertlos.

Als der Gerichtsbedienstete das Blatt mit dem Urteil an den Richter weitergab, raste mein Gehirn. Warum war das so schnell gegangen? Hatte sich die Jury überhaupt Zeit genommen, die Laborberichte anzusehen? Mochten sie meinen Anwalt? Die Staatsanwältin? Mich? Ein uniformierter Gerichtsdiener nahm diskret hinter mir Aufstellung. Was bedeutete das? Plante er, mich in Gewahrsam zu nehmen? Oder war das eine Routinemaßnahme?

Als der Richter das Blatt mit dem Urteil auffaltete, erinnerte ich mich noch mal schlaglichtartig an das Treffen mit einem Vertreter der Anklage wenige Tage vor Prozessbeginn. Wir wissen, dass die Anklage nicht zu halten ist. Aber wir müssen den Fall vor Gericht bringen, auch wenn wir ihn verlieren. Was nun aber, wenn die Jury das nicht verstanden hatte?

Der Richter räusperte sich. »Im Fall New Jersey gegen Robert K. Wittman befinden wir den Angeklagten für … nicht schuldig.«

Ich atmete tief durch und löste die Faust, zu der sich meine Finger geballt hatten. Ich umarmte meinen Anwalt, ich umarmte Donna, ich umarmte sogar die Staatsanwältin. Die Nachrichten meldeten später, ich hätte »losgeheult«. Am liebsten hätte ich auch den Richter umarmt. Denn nach dem Urteil erklärte er öffentlich, dass er die Auffassung der Jury teile. Eine derartige Offenheit ist unüblich. Der Richter nannte das Ergebnis des Bluttests Unfug und erklärte: Wittman »verlor die Kontrolle, es kam tragischerweise zu einem Unfall und sein Beifahrer starb. Es war ein Unfall.«

Donna und ich gelobten, einen Neuanfang zu machen, und zogen von New Jersey nach Pennsylvania, wieder in einen Vorort.

Ich dachte weiterhin jeden Tag an Denis.

Noch spätabends saß ich auf der Veranda, mit einem großen Glas Eistee, und überlegte, wie mein Leben nun weitergehen sollte. Ich stand vor der Wahl: Entweder suhlte ich mich in Selbstmitleid, brachte den Rest meiner Karriere hinter dem Schreibtisch zu, tat Dienst nach Vorschrift, ersaß mir eine Rente und versuchte, nicht weiter aufzufallen. Oder ich startete mit neuem Schwung durch. Wie auch immer, Unfall und Prozess würden einen Wendepunkt meiner beruflichen Laufbahn markieren.

Ich hatte nie ernsthaft erwogen, das FBI zu verlassen, mir aber geschworen, nach dem Prozess meine Arbeit anders anzugehen. Die meisten Polizisten, die ich kannte, waren ehrenwert, manche versuchten aber auf Teufel komm raus, Leute zu verhaften, um Fälle abzuschließen. Ich hielt diese Einstellung für gefährlich. Wer so drauf war, sagte sich möglicherweise: Na ja, vielleicht hat er das Verbrechen, für das ich ihn jetzt verhafte, nicht begangen, aber das passt schon, denn der Verhaftete ist ein Gauner und irgendwas wird er schon angestellt haben. Mit dieser Philosophie konnte ich nie etwas anfangen. Unschuldig ist unschuldig. Ich wusste jetzt, wie es sich anfühlt, unschuldig eines Verbrechens angeklagt zu werden, was ein solcher Prozess mit Familien anstellt, wie einsam und hilflos sich der zu Unrecht Verfolgte fühlt. Niemals würde ich jemand anderen wissentlich das Gleiche durchmachen lassen.

Ich gehörte nun einer winzigen Gruppe an: Nur wenige FBI-Agenten, die eines Verbrechens beschuldigt werden, riskieren einen Prozess. Noch weniger werden freigesprochen. Und von den Freigesprochenen wiederum bleiben danach nur die wenigsten beim FBI. Ich verfügte nun über eine Erfahrung, die ich praktisch allen Kollegen voraushatte. Die meisten Ermittler teilten die Welt in Schwarz und Weiß, aber ich wusste nun, dass dazwischen viel Grau liegt. Ich verstand jetzt, dass jemand noch kein schlechter Mensch ist, nur weil er mal eine falsche Entscheidung getroffen hat. Vielleicht genauso wichtig: Ich wusste jetzt, wovor sich die meisten Verdächtigen – die schuldigen wie die unschuldigen – am meisten fürchten, und was sie hören wollen. Meine neu erworbene Fähigkeit, eine Situation von beiden Seiten zu betrachten, mich in die Gedanken und Gefühle des Angeklagten zu versetzen, war unschätzbar. Ich wusste, sie würde mich zu einem besseren Agenten machen, vor allem undercover.

Aber was für ein Agent wollte ich sein?

Eines Abends saß ich am Klavier und spielte Chopins »Fantasie«. Damals, am College, hatte ich das Stück geliebt, aber jetzt hatte ich es Jahre nicht mehr gespielt. Während ich mich in die Musik versenkte, erinnerte ich mich an den Rausch, den ich bei der Wiederbeschaffung der chinesischen Kugel und der Rodin-Maske empfunden hatte. Was für ein grandioses Gefühl, die Geschichte in Händen zu halten! Meine Gedanken wirbelten mit der Musik und landeten schließlich beim Klaviervirtuosen Van Cliburn. Ich hatte diesen fantastischen Jungen aus einfachsten Verhältnissen immer bewundert. Wie viel unbändige Energie und Talent es wohl brauchte, um auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges den Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau zu gewinnen? Er hatte nie da gewesenen Mut bewiesen in einer Zeit, als Amerikaner in Russland normalerweise keinen Blumentopf gewinnen konnten. Ich beschloss, es ihm gleichzutun und meine Energie dafür einzusetzen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Schließlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich befand mich in einer einzigartigen Position, Kunstdelikte zu verfolgen. Ich war FBI-Agent, hatte bereits Erfahrung in der Verfolgung von Kunsträubern – und mit dem Juwelenraub-Fall bewiesen, dass ich Ermittlerteams führen und verzwickte Kriminalfälle lösen konnte. Darüber hinaus hatte ich mir auf ein paar Gebieten ein solides Wissen angeeignet. In den fünf Jahren zwischen Unfall und Freispruch hatte ich an so verschiedenen Orten wie Flohmärkten und der Barnes-Stiftung dazugelernt und meisterte nun die Feinheiten verschiedener Sammlermärkte. Ich hatte mich zwar auf Baseballkarten, Bürgerkriegsmemorabilien, japanische Antiquitäten, alte Feuerwaffen und impressionistische Kunst spezialisiert, wusste aber, dass ich die auf diesen Märkten erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten fast überall würde einsetzen können.

Ich konnte mich jederzeit unter Sammler mischen – unabhängig davon, ob sie sich nun für Baseballkarten, Antiquitäten oder alte Meister interessierten – und mitreden sowie -handeln. Ich wusste, dass eine bestens erhaltene Sammelkarte von Mickey Mantle aus seinem Rookiejahr zweimal so viel wert war wie ein Joe DiMaggio aus dessen erster Saison. Dass eine Custer-Unterschrift viel mehr wert war als eine von Robert E. Lee. Einen Soutine erkannte ich innerhalb von Sekunden und ich konnte auch erklären, wie seine konstruktive Verwendung von Farbe durch Cézanne beeinflusst worden war. Ebenso leicht fiel es mir, über den Einfluss von Boucher (18. Jahrhundert) auf die Aktgemälde von Modigliani (20. Jahrhundert) zu reden. Ich konnte den Unterschied zwischen Provenienz (der Abfolge von Eigentümern eines Kunstwerks) und Herkunft (dem Fundort einer Antiquität) erklären. Ebenso kompetent konnte ich aber über den Unterschied referieren zwischen dem Colt, den der Texas Ranger Sam Walker bei seinem letzten Gefecht trug, und dem Colt Theodore Roosevelts am San Juan Hill. An der Ostküste kannte ich die meisten großen Händler. Ich wusste, auf welche Messen man gehen musste und wem man trauen durfte.

Trotz aller Umwege war meine Ausbildung nun abgeschlossen.

Ich war bereit, undercover zu gehen und mich auf die Fährte unbezahlbarer Objekte zu machen.

Im Sommer 1997 bekam ich meine erste Chance.

 

 

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2005 konnte das FBI dank unserer medienwirksamen Erfolge eine nationale Eingreiftruppe gegen Kunstdiebe aufstellen, das Art Crime Team. Ich wurde Ermittlungsleiter und begann, junge Agenten auszubilden.

 

 

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1990 überlisteten zwei als Polizisten verkleidete Diebe ein unglückseliges Wachmann-Duo im Isabella Stewart Gardner Museum in Boston. Sie stahlen elf Gemälde im Wert von ca. 350 Millionen Euro. 2006 erhielt ich einen heißen Tipp und ging undercover. Zu jenem Zeitpunkt galt der Gardner-Raub nicht nur als das größte ungeklärte Kunstdelikt der Welt, sondern als der größte Raub überhaupt in der Geschichte Amerikas.

 

 

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Um mich bei einer französischen Bande anzubiedern, die die Gardner-Gemälde zum Verkauf anbot, arrangierte ich zum Schein einen Handel auf einer Jacht vor der Küste Miamis. Der hier abgebildete Mann ist ein Berufsverbrecher namens Sunny, der von der ganzen Aufmerksamkeit entnervt scheint, die ihm Undercover-Agentinnen des FBI zukommen ließen. Bald würden seine Geschäftspartner damit drohen, mich umzubringen.

 

 

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Im Laufe der Zeit hatte sich das FBI verändert, und so quittierte ich 2008 nach 20 Jahren den Dienst. Gemeinsam mit meiner Frau Donna und unseren Söhnen Jeffrey und Kevin eröffnete ich eine Beratungsfirma zur Sicherung und Wiederbeschaffung von Kunst-objekten. Wie immer bezog ich meine Inspiration von meiner Mutter. Meine Tochter Kristin studiert noch, arbeitet während der Sommerferien aber schon in Museen.