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Keine Hausaufgaben
und den ganzen Tag Pause

Wie es Bildung in Freiheit und Demokratie geben kann

Jerry Mintz

Ich möchte dankbar den Beitrag dreier Menschen erwähnen, die mir geholfen haben, dieses Buch zustande zu bringen:

Albert Lamb, dafür, dass er das ganze Material geordnet und aufbereitet hat,

Dana Bennis, dafür, dass sie die vielen Interviews geführt hat, auf denen es beruht,

Carol Morley, dafür, dass sie unermüdlich an den ganzen Niederschriften gearbeitet hat.

Vielen Dank

Jerry

Sie können mit Jerry Mintz unter der folgenden Adresse (in englischer Sprache) Kontakt aufnehmen:

Vorwort von Ron Miller

In diesem erfrischenden und bezaubernden Buch über demokratische Bildung sagt uns Jerry Mintz, er sei kein Historiker. Da ich in den letzten siebzehn Jahren mit ihm gearbeitet und ihn kennen gelernt habe, kann ich einfach erklären, warum: Als der dynamischste, unermüdlichste Aktivist und Netzwerker in der Welt der Bildungsalternativen ist er viel zu sehr damit beschäftigt, die derzeitige Situation im Bildungsbereich in Frage zu stellen und die Zukunft zu gestalten, um sich lange mit der Vergangenheit zu befassen. Jerry ist sicherlich ausreichend mit den Ursprüngen der verschiedenen alternativen Ansätze vertraut und versteht, wohin sie auf der komplexen Landkarte der modernen Bildung gehören, aber der große Nutzen seiner Arbeit – und seines Buches – entspringt seinen Berichten über die überzeugenden Erfahrungen von Freiheit, Gemeinschaft und authentischem Lernen junger Menschen, die er im Lauf von fast vierzig Jahren ermöglicht oder beobachtet hat.

Wie die wortgewandten Befürworter der Bildungsfreiheit, die so viele von uns in dieser Bewegung inspiriert haben – John Holt, A. S. Neill, George Dennison und ihre Zeitgenossen – spricht Jerry in einfacher, allgemeinverständlicher Sprache über die Bedeutung von Demokratie. Er sagt, Demokratie bedeutet ganz einfach, dass Menschen die Macht haben, »echte Entscheidungen über ihr Leben zu treffen«. Wenn wir es zuließen, könnte dieses Grundprinzip all das ideologische Gezänk zwischen Liberalen und Konservativen, Humanisten und denen mit religiösen Überzeugungen und den meisten anderen uns trennenden moralischen und kulturellen Identifizierungen überwinden. Wie dieses Buch deutlich zeigt, ist Demokratie nicht ein formaler Satz von Überzeugungen oder Regeln, sondern ein beweglicher, großzügiger gemeinschaftlicher Geist, der es Menschen ermöglicht, zusammenzuarbeiten um ihre verschiedenen Bedürfnisse zu erfüllen und ihre unterschiedlichen Vorstellungen zu verwirklichen. Wer könnte dem widersprechen? Warum sollten wir unsere Kinder in Schulen schicken, die ein solch grundlegendes und heiliges Prinzip verletzen?

Jerry hat viele Jahre damit verbracht, mit kleinen Gruppen zusammenzuarbeiten – in Schulen, Homeschooling-Gruppen1 und anderen örtlichen Freiwilligen-Initiativen – und er weiß, wie sich eine echte Gemeinschaft bildet und wie man sie effektiv zum Leben und Gedeihen bringt und erhält. In diesem Buch erzählt er wunderbare Geschichten über einige dieser Orte und zeigt uns, was er aus seinen umfangreichen Erfahrungen gelernt hat. Nachdem ich hier der Historiker bin, sollte ich Ihnen sagen, dass die von Jerry beschriebenen Demokratischen Schulen hervorragende Beispiele der Freiwilligen-Initiativen sind, die Alexis de Tocqueville in seiner Mitte des neunzehnten Jahrhunderts geschriebenen wegweisenden Studie »Democracy in America«2 als grundlegend für das Überleben und die Gesundheit einer demokratischen Kultur und Gesellschaft erklärt. Man muss nicht Anarchist sein, um sich der Bedeutung von Tocquevilles Erkenntnis bewusst zu sein – dass die Menschen das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, in der ihre Interessen und ihre Individualität wirklich zählen, verlieren, wenn die Macht zu stark (in öffentlichen oder privaten Institutionen) konzentriert wird. Dieser Punkt wurde auch von vielen anderen Schriftstellern und Sozialwissenschaftlern betont. Aber diese Einsicht hatte wenig Einfluss auf die rapide Globalisierung unserer Gesellschaft und praktisch keinen Einfluss auf unsere zunehmend standardisierten und
autoritären Schulen. Dieses Buch bringt uns zurück zu dieser Erkenntnis.

Demokratische Bildung stellt nicht nur die sterile Anonymität und den Konformismus der üblichen Schulbildung in Frage, sondern auch dessen Annahmen über den Lernvorgang selbst. Jerrys Bekenntnis zum Vertrauen in die Kindern angeborene Fähigkeit und ihren Wunsch zu lernen, ist ein grundlegendes Prinzip der Befürworter alternativer Bildung. Dieses Vertrauen entspringt nicht einer abstrakten Theorie zur menschlichen Entwicklung, sondern der Erfahrung, miterlebt zu haben, wie Hunderte junger Menschen sowohl Lebenssinn gefunden haben als auch beeindruckende Fortschritte in ihrem Verständnis und ihrem Wissen von der Welt gemacht haben, wenn sie das lernen durften, was für sie interessant, wichtig und bedeutsam war. Auf den folgenden Seiten werden Sie sehen, dass Bildung tatsächlich eine natürliche Entfaltung unserer Potentiale sein kann, ein aufregendes menschliches Abenteuer, das den festen Griff der Planung, Beurteilung und Kontrolle, das die übliche Schulbildung ihm auferlegt hat, nicht benötigt.

Stellt dieses Buch damit das letzte Wort zur Bildung dar?

Nein. Ich denke, zur Kunst des Unterrichtens gehört mehr, als viele »demokratische« Pädagogen zugestehen; Jerrys knappe Kritik der Anschauungen Rudolf Steiners und John Deweys fegt beispielsweise ihre oft ausgeklügelten und wichtigen Vorstellungen zu Lehren, Lernen, Demokratie und der Natur des Menschen beiseite. Ich selbst glaube nicht, dass »Freiheit« die Allzweck-Antwort auf alle Bildungsfragen ist. Von der derzeitigen Situation aus betrachtet, wo wir uns einer überwältigenden Konzentration von Macht und Autorität in gigantischen unpersönlichen Institutionen gegenüber sehen, ist aber die Leidenschaft der demokratischen Pädagogen für Freiheit und Gemeinschaft ein lebenswichtiger Impuls, den wir anerkennen und pflegen sollten. Wir brauchen mehr Freiheit, nicht weniger – eine Beobachtung, die dieses kleine Buch überzeugend darstellt.

Ron Miller, Ph. D., ist der Autor von »Free Schools, Free People: Education and Democracy After the 1960s« (»Freie Schulen, freie Menschen: Bildung und Demokratie nach den 1960er Jahren«). Er gehört der Fakultät für Lehrerausbildung am Goddard College an – dieses College hat auch Jerry Mintz besucht.

I hate this darn unthinking school

Which professes to teach you the Golden Rule -

»You fool me and I‘ll make you a fool«

Against this I will rebel

Many‘s the time when I‘ve hated to stay

When the bored, boring teacher had nothing to say.

But »No!« says the teacher, »You can‘t go away!«

And this I will also retell

So I learned what the bored, boring teacher had taught

And, thusly, I learned to be bored on the spot.

And ever since, I‘ve been bored at the thought

Of the trash that the school has to sell

Oh, I‘m sure education in school‘s not all bad

And I‘ll know things of interest when I am a grad.

But the camouflage job on the interest is sad

And the learning won‘t set very well

And so every morning at just 9 o‘ clock

I rush in the school and behind me they lock

The door to my prison, from cell to cell.

Ich hasse diese verflixte gedankenlose Schule,

die erklärt, dir die Goldene Regel zu lehren:

Wenn du mich zum Narren hältst, werde ich dich als Narr dastehen lassen.

Dagegen werde ich mich wehren.

Oft habe ich es gehasst, bleiben zu müssen,

wenn der gelangweilte, langweilige Lehrer nichts zu sagen hatte.

Aber, »Nein.« sagt der Lehrer, »Du darfst nicht gehen.«

Und auch davon werde ich berichten.

Also lernte ich, was der gelangweilte, langweilige Lehrer uns lehrte.

Und so lernte ich sofort, mich zu langweilen.

Und immer seither langweilt mich der Gedanke

an den Müll, den die Schule anzubieten hat.

Oh, ich bin sicher, dass nicht die ganze Schulbildung schlecht ist,

und wenn ich meinen Abschluss habe, werde ich interessante Dinge wissen.

Aber es ist traurig, dass das Interesse verdeckt wird

und das Lernen wird sich nicht gut einprägen.

Und so, jeden Morgen genau um 9 Uhr,

hetze ich in die Schule und hinter mir schließen sie

die Tür zu meinem Gefängnis, von Zelle zu Zelle.

Ein Gedicht von Jerry Mintz, das er im Alter von fünfzehn Jahren als Schüler einer High School schrieb.

1 Anmerkung des Übersetzers (A.d.Ü.): Bei Bildung von zu Hause aus (»Homeschooling«) behalten die Eltern (statt der Schule) die Verantwortung für die Bildung der Kinder – siehe Anhang.

2 A.d.Ü.: deutsch: »Über die Demokratie in Amerika«.

Der Zauber der Demokratie

Das Wort »Demokratie« ist heutzutage einer der besonders überreichlich verwendeten Begriffe, was zur Verwässerung seiner Bedeutung führt. Aber Demokratie sollte etwas ganz bestimmtes bedeuten: Dass eine Gruppe von Menschen die Macht hat, echte Entscheidungen in Bezug auf ihr Leben zu treffen – dass sie die Möglichkeit haben, eine Entscheidung zu treffen und dafür zu sorgen, dass diese auch umgesetzt wird.

Natürlich ist Demokratie in einer Schule schwierig, weil es bei uns Gesetze gibt, die eine Schulpflicht festlegen. Dies bedeutet, dass es, egal wie demokratisch eine Schule ist, immer noch einen Aspekt des Zwangs gibt, denn Kinder müssen an irgendeiner Art Schule oder Bildungsprogramm teilnehmen. Wir gehen davon aus, dass jemand, der an einer Demokratischen Schule ist, dort ist, weil er diese Schule jeder anderen Schule vorzieht. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass er den Besuch dieser Schule jeder anderen Tätigkeit vorzieht. Aber Demokratie funktioniert – unter diesem Vorbehalt – in einer Schule genauso wie irgendwo anders auch: Wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, dann wird sie von allen Menschen in der Schule getroffen. Das sollte auch bedeuten, dass Entscheidungen in Bezug auf eine bestimmte Person von dieser Person selbst getroffen werden – solange diese Entscheidung keine direkten Auswirkungen auf andere Menschen hat, in welchem Fall sie eine gemeinschaftliche Entscheidung sein müsste. Deswegen wurden Demokratische Schulen ursprünglich als »Freie Schulen«1 bezeichnet.

Ich gehe im Hinblick auf das Konzept, Kindern demokratische Entscheidungsbefugnisse zu übertragen, von einer Grundannahme aus, die von Anfang an offengelegt werden sollte. Diese Grundannahme ist, dass Menschen von Natur aus lernen. Kinder lernen von Natur aus. Sie müssen nicht zum Lernen »motiviert« werden. Wir können wirklich in keiner Weise vorhersagen, welche Dinge irgendjemand von uns einmal lernen möchte oder tun möchte. Tatsächlich verschwimmen die Begriffe »lernen« und »tun« miteinander – lernen gehört nicht zur einer getrennten Abteilung. Selbst wenn Menschen gezwungen werden, sich mit etwas zu befassen, kann man nie genau sagen, was sie lernen oder wann sie etwas lernen. Wir können Vermutungen anstellen, aber wir liegen nicht immer richtig.

Weil Kinder von Natur aus lernen, können Kinder an einer Demokratischen Schule, die Mitglieder einer demokratischen Versammlung sind, auf Quellen von Energie und Kreativität zugreifen, die in einer üblichen Schule nicht zugänglich sind. Es werden Worte wie »Spontaneität« und »Kreativität« benutzt, aber diese Eigenschaften treten nicht wirklich in Erscheinung – mit Ausnahme von Lernsituationen, in denen alles möglich ist, in denen den Kindern nicht ständig gesagt wird, was sie zu tun haben.

Wenn ich zu Kindern über »Shaker Mountain« spreche – die Schule, die ich geleitet habe – dann brauchen sie normalerweise nur etwa zehn Sekunden, um das Grundprinzip zu verstehen. Ich erzähle ihnen, dass an unserer Schule alle Entscheidungen demokratisch getroffen werden und dass man nicht zum Unterricht gehen muss, wenn man nicht will. An dieser Stelle stutzen die Kinder oft, schauen mich an und sagen: »Man muss nicht zum Unterricht gehen, wenn man nicht will? Auf diese Schule will ich gehen!«

Es ist erstaunlich, wie einheitlich diese Reaktion ist und wie viele Kinder wissen, dass dies genau das ist, was sie wollen. Und es ist ebenso erstaunlich, wie wenige Erwachsene auch nur zugeben, dass diese Reaktion von Bedeutung ist. Es macht mich oft wütend, wie sehr unsere Kultur die Vorstellung verinnerlicht hat, dass Kinder die Schule nicht mögen – es ist schon beinahe ein Witz – obwohl wir auf Grund neuerer Gehirnforschung wissen, dass unser Gehirn offensiv ist und lernen möchte und dass Kinder von Natur aus lernen.

Wenn Kinder Schule nicht mögen, denken viele, diese Kinder seien vermutlich faul. Aber vielleicht stimmt mit ihrer Schule etwas nicht. Es wäre wahrscheinlich die größte Revolution, die an Schulen überall in unserem Land stattfinden könnte, wenn man einfach die Türen der Klassenzimmer öffnen würde – den Schülern den Besuch des Unterrichts freistellen würde – und den Kindern andere wertvolle Orte zur Verfügung stellen würde, falls sie nicht zum Unterricht gehen wollen.

In einer Schule, die »Schule für Selbstbestimmung« (»The School of Self-Determination«) heißt, ist dies schon der Fall. Es ist eine innerstädtische öffentliche Schule mit 1200 Schülern. In dieser Schule haben die Schüler ein in der Schulordnung garantiertes Recht bekommen, jede Unterrichtsstunde zu verlassen, wenn sie wollen – ohne Erklärung. Die Entscheidungen in dieser Schule werden von einem demokratischen Parlament getroffen. Die Schüler führen auch mit den Lehrern Vorstellungsgespräche, bevor diese eingestellt werden: Die Lehrer müssen Probestunden halten und dann stimmen die Schüler darüber ab, welcher Lehrer eingestellt wird. Und diese Schule befindet sich in der Innenstadt von Moskau, in Russland!

Aber wir müssen vorsichtig sein. Demokratie kann nicht vorgetäuscht werden. Kinder merken genau, ob ihnen wirklich Macht übertragen wurde. Es ist interessant, wie schnell sie es merken – innerhalb von Sekunden.

Dies ist einer der Gründe, warum Demokratie in einer Schule etwas sehr Zerbrechliches ist. Manchmal heben die Erwachsenen an einer Demokratischen Schule eine von den Schülern getroffene Entscheidung auf oder ignorieren einen Beschluss der Schulversammlung. Wenn so etwas passiert, dann zerbröckelt die Glaubwürdigkeit der Versammlung. In einer solchen Situation wird sich für lange Zeit kein Kind mit einem Mindestmaß an Selbstachtung erneut einbringen.

Es ist schwierig, Menschen zu vermitteln, was diese demokratische Kraft genau ist, wenn sie es nicht selbst erlebt haben. Ich weiß aber, dass überall, wo ich das demokratische Verfahren vorführe – und ich nenne es immer eine Vorführung – der Vorgang innerhalb von fünf bis zehn Minuten ein Eigenleben entwickelt. Man kann seine Kraft spüren, sobald die Menschen entdecken, dass sie über etwas Echtes und Maßgebliches sprechen und dass sie echte und maßgebliche Entscheidungen treffen können. Sie spüren die Kraft der Konzepte und ihre eigene Kraft.

An den meisten Schulen gibt man Kindern nicht die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, weil die dort tätigen Erwachsenen selbst, als sie Kinder waren, systematisch machtlos gehalten wurden. Sie haben eine Furcht davor entwickelt, Entscheidungen zu treffen, und glauben deswegen, dass man es Kindern nicht überlassen sollte, Entscheidungen für sich selbst zu treffen. Die meisten Erwachsenen haben, in vielen Bereichen, nie Freiheit erlebt und haben deswegen Angst davor.

Wenn Menschen keine Freiheit erlebt haben, haben sie Angst vor dem, was sie tun könnten, wenn sie die Freiheit dazu hätten. Beispielsweise befürchten sie, etwas von dem Ärger, der sich über lange Zeit in ihnen angestaut hat, könnte hervorbrechen. Und das ist beängstigend. Wenn sie nie bis zur anderen Seite dieser Gefühle durchgedrungen sind, dann wissen sie einfach nicht, wie es ist, ein freier Mensch zu sein. Dass Kinder fähig sind, in Freiheit zu leben, ist für diese Menschen also möglicherweise schwer zu glauben.

In den 1960er Jahren, als William Goldings Buch »The Lord of the Flies«2 erschien, war ich an einer Freien, Demokratischen Schule mit dem Namen »Lewis-Wadhams« im New Yorker Hinterland3. Als wir mit den Kindern an der Schule über dieses Buch sprachen, meinten sie: cJa natürlich, diese speziellen Kinder würden zu Ungeheuern werden, wenn sie auf einer Insel alleine gelassen würden. Es sind englische Schulbuben und sie würden so reagieren. Sie waren in einem sehr autoritären System und deswegen würden sie eine Hierarchie aufbauen und Sündenböcke suchen. Wenn es eine Gruppe von Kindern aus einer Schule wie unserer wäre, und wir Schiffbruch erleiden würden, würde das nicht passieren. Wir wären in der Lage, zusammenzuarbeiten.« Ich überlegte sogar, ein Buch mit dem Titel »Fellowship of the Flies« (»Kameradschaft der Fliegen«) über eine derartige Situation zu schreiben.

Wenn man es nicht selbst erlebt hat, ist es nicht einfach, Kindern diesen Vertrauensvorschuss zu gewähren und ihnen das Bestimmungsrecht über ihr eigenes Leben zu geben. Eines der wichtigsten Dinge, die ich Eltern oder zukünftigen Leitern einer Demokratischen Schule empfehle, ist, den Ablauf an einer Demokratischen Schule selbst zu erleben. Man muss wirklich sehen, wie es vor sich geht, und dann kann man, zumindest auf der Ebene des Verstandes, erkennen, dass es funktioniert. Selbst wenn man es mit eigenen Augen gesehen hat, könnte einem ein Gefühl aus dem Bauch heraus immer noch sagen, es sei wichtig, Kinder dazu zu zwingen, etwas zu tun, sonst würden sie nichts lernen. Aber an dieser Stelle hätte man mindestens die Möglichkeit, sich selbst mit Hilfe des Verstandes Einhalt zu gebieten und das demokratische Verfahren in Gang kommen zu lassen. In gewisser Weise kommen wir hier an unsere grundlegendsten religiösen oder philosophischen Überzeugungen: Glauben wir an die Erbsünde oder glauben wir, dass der Mensch von Natur aus gut ist? Einige christlich-fundamentalistische Eltern, deren Kinder zu Hause lernten, sagten mir, sie könnten ihre Kinder wegen der Erbsünde nicht selbstbestimmt lernen lassen. Wenn man aber, als Gründer einer Schule, überzeugt ist, dass Kinder von Natur aus gut sind und von Natur aus lernen, dann könnte man für das Konzept demokratischer Bildung offen sein. Im Herzen einer Demokratischen Schule steht die demokratische Versammlung und eine demokratische Versammlung ist mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Wenn man eine Gruppe von Menschen zusammenbringt, und diese wirklich eine Entscheidung treffen und gemeinsam daran arbeiten, dann hat dies eine Kraft, die weit über das hinausgeht, was irgendein Verwalter oder eine Gruppe von Lehrern entscheiden könnte. Manchmal bin ich enttäuscht, wenn ich mit Leuten rede, die sehr schöne Schulen haben, mit angenehmer Umgebung, wo die Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt werden und wo man Dinge tun kann, die Spaß machen, wo aber in Wirklichkeit nicht die Kinder in Schulversammlungen die grundlegenden Entscheidungen über den Ablauf treffen. Ich habe das Gefühl, dass sie keine Vorstellung davon haben, was sie verpassen.

Es ist toll, wenn Kinder nette Lehrer haben, wenn sie sich für die Themen interessieren, die ihnen präsentiert werden, wenn sie sich nicht langweilen. Aber diese Kinder haben nicht in gleicher Weise die Empfindung, ihre eigene Bildung selbst bestimmen zu können. Sie werden von den Erwachsenen – bei denen sie das Gefühl haben, dass sie sich so gut um sie kümmern – abhängig. Und dies ist eine ganz andere Situation als die von Kindern, die wissen, dass sie selbst echte Verantwortung für ihre eigene Bildung übernehmen.

An öffentlichen Schulen ist es sogar noch schlimmer. Im Lauf der Jahre haben sich Lagen über Lagen von Bürokratie auf ein von Anfang an starres System gelegt und sind verknöchert. Jedes Mal wenn eine Kleinigkeit schief geht, erfinden sie noch eine neue Regel, die es den Menschen immer noch schwieriger macht, etwas zu tun. Man kann nachlesen, was John Gatto zu der Frage zu sagen hat, ob das öffentliche Schulsystem jemals als befreiende oder demokratiefördernde Einrichtung entworfen wurde. Jetzt ist es ganz sicher keine.

Wenn in öffentlichen Schulen die Zeit voranschreitet, wenn die Kinder älter werden, werden sie unvermeidlich zunehmend ohnmächtiger. Wenn ich über Demokratie in der Schule spreche, wird oft die scheinbar vernünftige Frage gestellt: »Was ist mit den jüngeren Kindern? Die können doch mit Demokratie nicht umgehen, oder?«

Tatsache ist, dass jüngeren Kindern noch nicht so viel von ihrer Entscheidungskraft genommen wurde wie älteren Kindern und dass sie weit besser in der Lage sind, gute Entscheidungen zu treffen und die volle Verantwortung für diese Entscheidungen zu übernehmen. Ihnen erscheint es ziemlich vernünftig, nach ihrer Meinung gefragt zu werden und dann zu Lösungen zu kommen und wichtige Entscheidungen zu treffen.

Je länger Kinder in einer autoritären Einrichtung sind, die ihnen einen Lehrplan auferlegt, desto mehr werden sie von sich selbst und von ihrem Selbstvertrauen als individuelle Lerner weggeführt. Sie beginnen, dem Lernmodell zu folgen, dessen Befolgung von ihnen erwartet wird. John Gatto bezeichnet diesen Vorgang als »dumbing down« (»Verdummung«) und es handelt sich tatsächlich um einen Verdummungsprozess, denn Kinder, die sich entschieden haben, etwas zu lernen, können etwa zehnmal so schnell lernen wie es Kinder in einer üblichen öffentlichen Schule tun. Es geht wirklich explosionsartig.

Beispielsweise kam ein Schüler nach Shaker Mountain, meiner alten Schule in Vermont, als er etwa zehn Jahre alt war. Manche dachten, er sei etwas zurückgeblieben. Sie waren sich nicht sicher – er tat in der Schule überhaupt nichts. Ich machte Tests mit ihm und sein Wortschatz war für sein Alter normal. In seinen ersten sechs Monaten an Shaker Mountain hatte er in den Versammlungen nicht viel zu sagen, war aber immer dabei oder in der Nähe – meistens stand er hinter irgendwem, war aber eindeutig aufmerksam, wollte alles verstehen, was gesagt wurde. Sechs Monate später gab ich ihm dann einen üblichen Wortschatztest und entdeckte, dass sein Wortschatz in sechs Monaten um sechs Klassenstufen gestiegen war. Ich schätze, das war vermutlich das Zwölffache des üblichen Lerntempos. Sein Bedürfnis, alles zu verstehen, was in den Versammlungen gesagt wurde, trug sicherlich zu diesem Sprung bei.

Es ist schwierig, gegen die Trägheit unseres gigantischen Bildungssystems, dieses viele Milliarden, wenn nicht Billionen Dollar schweren Systems, anzukämpfen, das bestrebt ist, seine eigene Form beizubehalten. Man muss, zumindest anfangs, in irgendeiner Weise aus dem herkömmlichen Bildungssystem aussteigen. Deswegen denke ich, dass einer der größten Impulse auf das System von der Bildung zu Hause ausgeht, von Menschen, die sich entschlossen haben, »keines der oben genannten« anzukreuzen und die Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder selbst zu übernehmen. Dies gilt natürlich auch für demokratische Schulen und verschiedene andere Alternativen. All diese haben eine Tendenz, von außerhalb des Systems zu kommen.

Mir kommt der Gedanke an folgenden Vergleich: Die öffentliche Schule oder die Bildungsbürokratie ist wie ein gigantischer Ballon. Wenn man mit irgendeiner Neuerung an einer beliebigen Stelle der Oberfläche beginnt und anfängt, nach innen zu drücken und die Form des Ballons zu verändern, könnte man diese Neuerung vermutlich die ganze Strecke durch den Ballon hindurchdrücken, sogar bis sie die gegenüberliegende Seite berührt, aber sobald die Neuerung endet oder dieser Erneuerer nicht mehr da ist und der Druck verschwindet, geht der Ballon zu seiner ursprünglichen Form zurück. Wie jeder Organismus gewöhnt er sich daran, eine bestimmte Form zu haben. Das passiert auch im Bildungssystem und deswegen ist es so schwierig, wenn nicht unmöglich, das System von innen heraus zu verändern. Ohnehin ist die Hauptfrage in Bezug auf Kinder noch grundlegender: Es ist eine Frage von Menschenrechten und Kinderrechten. Tatsache ist, dass Kinder das Recht haben, so behandelt zu werden, wie Erwachsene behandelt werden möchten: als Menschen.

Es ist wichtig, dies unter dem Aspekt der Kinderrechte zu betrachten. Alle Menschen sollten das Grundrecht haben, über das eigene Leben und die eigene Bildung selbst zu bestimmen – bis zu dem Punkt, an dem ihre Handlungen jemand anderen beeinträchtigen. Wenn man es auf diese Weise betrachtet, darf man sich nicht ausschließlich damit befassen, wie erfolgreich eine bestimmte Herangehensweise ist, ob sie bessere Ergebnisse liefert als eine, bei der Kinder herumkommandiert werden und gezwungen werden, bestimmte Dinge zu lernen.

Kürzlich schickte mir jemand eine E-Mail, in der stand, er hätte bei ungefähr fünfzig Leuten eine Umfrage gemacht und sie gefragt, wie sie sich fühlen würden, wenn ihnen gesagt würde, dass sie ab einem festgelegten Datum jeden Tag zu einem bestimmten Gebäude und in diesem Gebäude zu einem bestimmten Raum und in diesem Raum zu einem bestimmten Sitzplatz gehen müssten. Dies müssten sie die nächsten zehn Jahre für etwa fünf bis sechs Stunden pro Tag tun. Die Reaktion war natürlich, dass sie sofort einen Rechtsanwalt oder die ACLU (American Civil Liberties Union – Amerikanische Bürgerrechtsvereinigung) anrufen würden. Es könnte keinerlei Grundlage für einen solchen Freiheitsentzug geben!

Aber genau das tun wir natürlich, wenn Kinder schulpflichtig werden und in die Schule kommen. Und ich denke wirklich, dass es hierbei in hohem Maß um Rechte geht. Wenn man beispielsweise Lust hat, sich mit seiner Briefmarkensammlung zu beschäftigen und man genau damit seine Zeit verbringen möchte, wer hat dann das Recht, einem zu sagen, man solle nun wirklich einem Buchclub beitreten und seine Zeit mit Lesen verbringen? Es geht einfach niemanden etwas an.

1 A.d.Ü.: Schulformen und Schulstufen in den USA werden im Anhang erläutert. Im deutschen Sprachraum wird der Begriff »Freie Schulen« in mehreren unterschiedlichen Bedeutungen gebraucht, was oft zur Verwirrung und zu Missverständnissen führt. Teilweise – zum Beispiel in Gesetzestexten – sind damit alle nicht staatlichen Schulen (Privatschulen) gemeint. Andererseits wird der Begriff auch für (private) Schulen verwendet, in denen Schüler mehr Selbstbestimmungsrechte haben als an üblichen Schulen. Teilweise wird dann (zur Abgrenzung von anderen Privatschulen) von »Freien Alternativschulen« gesprochen. Demokratische Schulen in dem von Jerry Mintz angegebenen Sinn sind in Deutschland auf Grund der engen staatlichen Schulaufsicht praktisch kaum möglich.

2 A.d.Ü.: deutsch: »Herr der Fliegen«

3 A.d.Ü.: Mit New York ist hier der amerikanische Bundesstaat New York gemeint, nicht die (zu diesem Staat gehörende) Stadt New York City. Im Original heißt es genauer »Upstate New York«, womit der restliche – nicht zur Stadt New York City gehörende – Teil des Staates New York bezeichnet wird.