Annika Joeres

Vive la famille

Was wir von den Franzosen
übers Familienglück lernen können

Logo_herder.jpg

Impressum

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2015

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: © shutterstock – © Designbüro Gestaltungssaal

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-451-80392-5

ISBN (Buch) 978-3-451-31236-6

Inhalt

Glückliche Eltern haben glückliche Kinder

Der unpassende Zeitpunkt

Der unperfekte Vater

Das gute Gewissen

Die entspannte Geburt

Die sorglose Betreuung

Die geschätzte Großfamilie

Die freie Zeit

Der gerettete Beruf

Das verständige Kind

Das geteilte Essen

Die feiernden Kinder

Der gepflegte Körper

Literatur

Glückliche Eltern haben glückliche Kinder

Vielleicht hätte ich in Deutschland nie Kinder bekommen. Vielleicht hätte ich als Journalistin meiner Karriere den Vorzug gegeben, wie es vier von zehn Akademikerinnen in Deutschland tun. Ich hätte Angst gehabt, mein Nachwuchs könnte mein Leben so stark verändern, bis es mir unheimlich wird und ich frustriert zuhause sitze und Pastinakenbrei koche.

Aber inzwischen lebe ich in Frankreich – und erwarte unser zweites Kind, kaum, dass das erste laufen kann. Die vielen entspannten französischen Familien haben mich mit ihrer Leichtigkeit angesteckt. Sie machen Lust auf Nachwuchs. Es scheint mir heute nur natürlich, Kinder in die Welt zu setzen und trotzdem meine Interessen und beruflichen Wünsche weiterzuverfolgen. So, wie es mir meine französischen Freundinnen und Bekannten vorgemacht haben.

Aber was ist das Geheimnis der französischen Großfamilie? Wie schaffen es Paare in Paris, Marseille oder Straßburg, auch mit zwei interessanten Jobs und mindestens zwei Kindern gelassen und gelöst durch ihr Leben zu gehen? Viele Jahre Alltag in einer kleinen französischen Stadt haben mich das Rätsel nach und nach lösen lassen. Ich war mit meinem Notizbuch in der Hosentasche unterwegs und habe mir bereichernde Sätze und Dialoge aufgeschrieben, ich habe meiner Hebamme gelauscht, habe erstaunt um Mitternacht mit französischen Kleinkindern gefeiert und die Vorzüge der Kindertagesstätte und der Ganztagsschulen in meiner Stadt genossen. Ich habe im Alltag die Ohren gespitzt, ich habe mit französischen und deutschen Freundinnen und Freunden über sie und ihre Kinder gesprochen, mit Kolleginnen und Kollegen, mit Bäckern, Bibliothekarinnen, Wissenschaftlerinnen und Soziologen, und ich glaube, das Rätsel der französischen Geburtenfreude langsam gelöst zu haben.

Dabei haben mich die Franzosen immer wieder überrascht. Sie haben es raus, eine Familie zu sein. Szenen entspannter Eltern mit einer Horde von zufriedenen und häufig sehr selbständigen Kindern, von Familien im Restaurant beim Vier-Gänge-Menü, bei Grillabenden, in der Kita und bei Freunden sind in meiner neuen Heimat auffallend häufig. Es gibt viele Gründe dafür, warum sie so viele Kinder wollen, und diese liegen nicht nur in der problemlosen Betreuung, die in Deutschland so jämmerlich fehlt. Sie liegen in einem ganz selbstverständlichen, unaufgeregten Verhältnis zu den eigenen Kindern und einer größeren Portion gesunden Egoismus. Wer so mühelos mit seinem Nachwuchs umgehen und leben kann, wie die Franzosen es tun, freut sich automatisch auf mehr Kinder.

Die Antwort darauf, wie wir eine glückliche Familie werden und Gutes von unserem alten Leben mit ins neue hinüberretten können, ist gerade für uns Deutsche hoch spannend. Wir trauen uns Kinder immer seltener zu. Deutschland rühmt sich gerne als produktiver Weltmeister, aber was sind all die exportierten Maschinen und Autos wert, wenn die Bevölkerung immer kleiner und seniler wird? Deutsche Paare bekommen nur noch rund 1,3 Kinder – also nur fast halb so viele wie französische. Damit hat Deutschland die niedrigste Geburtenrate aller 28 EU-Staaten. Noch dramatischer: Es ist das Land mit einer der weltweit höchsten Kinderlosigkeit unter Paaren. Wir sind neben Japan die Nation auf der Welt mit den ältesten Bürgerinnen und Bürgern: 42,1 Jahre ist ein durchschnittlicher Deutscher heute alt, aber er geht mit großen Schritten auf die 50er-Marke zu.

Das ist eine Katastrophe – gesellschaftlich, für den Staat, die Rente, die Städte. Aber vor allem ist es schade für potenzielle Eltern, die häufig auf Kinder zu verzichten lernen und sich den Nachwuchs freiwillig abschminken. Oder abschminken müssen.

Und nichts scheint diese Entwicklung aufzuhalten. Jeden Sommer zittern Familienpolitiker erneut vor den aktuellen Geburtenzahlen in Deutschland. Seit Jahren bekommen Paare weniger Nachwuchs, seit Jahren debattieren eine kinderlose Bundeskanzlerin und ihre verschiedenen Ministerien darüber, wie die Deutschen wieder mehr Spaß an Babys bekommen könnten. Und doch, trotz Elternjahr und Kindergeld, wird es auf der alljährlichen Pressekonferenz in Wiesbaden wieder heißen: Die Kurve sinkt erneut. Oder sie hält sich gerade so eben auf niedrigem Niveau. Und die Mütter werden immer älter: Waren Frauen in Westdeutschland 1970 bei ihrer ersten Entbindung durchschnittlich 24, sind sie heute 29, Akademikerinnen sogar 33 Jahre alt. Und wer älter ist beim ersten Kind, verbaut sich Chancen auf ein zweites oder gar drittes, allen medizinischen Versprechungen zum Trotz. Es trifft ausgerechnet eher wohlhabende Personen wie meine Freunde und Freundinnen und mich, die sich ein und mehrere Kinder finanziell längst hätten leisten können. Es sind Mediziner und Selbständige, Architekten und Ingenieurinnen, Wissenschaftlerinnen und Lehrer, die in stabilen Partnerschaften leben und sich trotzdem lange keines und später dann höchstens ein Kind zutrauen. Hauptschulabgänger kriegen nach wie vor zwei oder mehr Kinder und sind dazu noch seltener verheiratet – es sind die Abiturienten und Akademiker, die Deutschland alt aussehen lassen.

Unsere Kinderlosigkeit bemerken als Erstes Menschen, die von außen anreisen. „Uns ist in Deutschland sofort aufgefallen: Euch fehlt der Nachwuchs“, erzählte meine Freundin Brigitte, als sie von einem bayerischen Urlaub zurückkam. Sie war mit ihrem Mann und zwei Kindern zum Schloss Neuschwanstein gereist. Ihre Töchter waren überwältigt von den märchenhaften Türmen und dem goldenen Sängersaal, sie haben in Nürnberg die Altstadt besichtigt und sie „wunderschön“ gefunden, sie haben Knödel und Butterbrezeln verspeist. „Aber dann fiel uns plötzlich auf – irgendetwas stimmt hier nicht. Hier sind keine jungen Menschen!“, sagte Brigitte. In München seien sie etwas zahlreicher gewesen, aber ansonsten stellte Brigitte nach ihrem Deutschland-Trip eine düstere Prognose auf: „Ihr Deutschen werdet aussterben.“

Das ist natürlich sehr zugespitzt. Brigitte ist eine theatralische Person. Wenn wir zusammen etwas amateurhaft Tennis spielen, reißt sie nach einem gewonnenen Ballwechsel die Arme hoch in die Luft und jauchzt dazu. Auf Partys tanzt Brigitte kunstvoll und als eine der Ersten – und zwar durch den gesamten Raum. Aber ihr Entsetzen war nicht gespielt: Es muss sie wirklich schockiert haben, dass in Deutschland weniger Kinder auf der Straße herumtollen, weniger Frauen mit dickem Bauch durch die Innenstädte laufen und seltener ein Baby zu hören ist.

„Ihr sterbt aus“ – das mag ja für die Welt nicht schlimm sein. Schließlich wächst die Bevölkerung weltweit rasant. Wenn Deutschland nach neuesten Prognosen der UNO im nächsten Jahrhundert nur noch 56 Millionen – statt heute 80 Millionen – Einwohnerinnen und Einwohner zählt, ist das für die Erde bedeutungslos. Aber für jedes einzelne Paar ist es schade um das schöne Erlebnis, Eltern zu sein. Hans und ich sind heute mit unserem Sohn sicherlich glücklicher, als wir es ohne ihn waren. Wir freuen uns jeden Morgen darüber, uns nach langen zögerlichen Jahren getraut zu haben, eine Familie zu werden. Bestimmt haben wir das auch, weil es uns Frankreich leicht macht, nicht nur Papa und Mama zu sein, nicht nur Geschichtenerzähler und Breikocher. Nein, in Frankreich können Eltern auch ihre eigenen Geschichten erleben, unser Leben und vor allem das, was uns vorher daran wichtig war, existiert auch heute noch.

Ein bisschen abgespeckt ist unser Programm natürlich schon. Radtouren sind ebenso selten geworden wie lange abendliche Menüs. Aber wir genießen die Freiheit, die französische Eltern haben. Und ich bin mir sicher, dieses französische Glück nach Berlin, Hamburg und Wanne-Eickel befördern zu können. Es sind nicht unüberwindliche Unterschiede, sondern kleine Details, die den Alltag erleichtern. Zum Beispiel die Kitas, die nicht nur länger geöffnet haben, sondern von den Eltern weder Bastelnachmittage noch Weihnachtsplätzchen erwarten. Oder einfach schon, wie Franzosen früher und intuitiver ihre Partner wählen und wie sie ihren Kindern von Anfang an mehr zutrauen.

Französische Paare sind mutiger. In Frankreich blüht die Großfamilie: Mit 2,1 Kindern pro Paar schlägt das Nachbarland nahezu alle europäischen Rekorde. Dabei liegt es nicht etwa an einer katholischen Prägung wie in Irland – das Land ist zutiefst säkular, und Verhütungsmittel sind seit Ende der 1960er-Jahre problemlos und für bestimmte Einkommensklassen sogar kostenlos zu erhalten, selbst die „Pille danach“ kann in der Apotheke ohne Rezept gekauft werden. Vier von fünf Paaren verhüten in Frankreich, auch das ist Weltrekord. Die Kinder kommen also in den allermeisten Fällen gewollt und geplant zur Welt. Auch sind Ehen und Partnerschaften nicht stabiler als im restlichen Europa, und auch die zugewanderten Menschen bekommen heute nicht mehr Kinder als die „Ur-Franzosen“. Nein, es muss weitgehend unsichtbare Erklärungen geben, die nicht so einfach auf der Hand liegen wie vergessene Antibabypillen. Warum sich Franzosen leichtherziger für ihren Nachwuchs entscheiden, wollte ich unbedingt herausfinden – und aufschreiben.

Denn die Nachwuchsfrage ist nicht irgendein nebensächliches Mysterium. Ob wir überhaupt Kinder wollen, und wenn ja, wie viele, bewegt Menschen zwischen 20 und 45 Jahren häufig mehr als alle anderen Fragen. Deutsche und Franzosen träumen gleichermaßen von der Großfamilie: Viele wünschen sich ein Haus mit Kindern, einen großen Esstisch, an dem Eltern mit mindestens zwei, besser noch drei Töchtern oder Söhnen ihr Abendessen genießen. Wenn die Brüsseler Statistiker in ihre 28 Länder ausschwärmen und nach der idealen Familie fragen, sind sich Deutsche und Franzosen immer erstaunlich einig. Aber warum setzen wir Deutsche unsere Wünsche so viel seltener in die Tat um als unsere Nachbarn? Warum sitzen viele, vor allem gut ausgebildete Paare abends zu zweit am Essenstisch? Warum trauen sich Deutsche nicht, ihren Traum zu verwirklichen?

Die Frage nach den fehlenden Kindern ist bislang nur bruchstückhaft beantwortet. Dabei ist ihre Beantwortung in Deutschland längst zum wissenschaftlichen Sport geworden, es gibt Kongresse dazu, eine Menge Bücher und Veröffentlichungen und Forschungsprojekte – ohne dass sich bislang etwas geändert hätte. Geholfen haben all die Studien bislang kaum.

Vielleicht kann also ein Blick über die Grenze aufschlussreicher sein. Wir sind in München, Berlin und Bochum viel zu sehr in unserem Alltag verfangen, um einen vorbehaltlosen Blick auf uns selbst werfen zu können. Überzeugte kinderlose Frauen und Männer möchte ich nicht dazu bringen, mehr Nachwuchs in die Welt zu setzen – warum auch? Ich war selber 34 Jahre lang kinderlos, und mir fehlte eigentlich nichts im Leben. Aber ich möchte Paaren, die mit ihrem Wunsch nach Kindern hadern und zögern, die Angst haben vor der „großen Entscheidung“, vor den hohen Kosten, dem fehlenden Schlaf, den nervigen Kindern, dem schwierigen Paarleben, den verlorenen Hobbys, ihre Beherztheit zurückgeben. Denn sich für Nachwuchs zu entscheiden ist eine hoch emotionale Frage. Nur wenige Eltern können rational erklären, warum sie Söhne und Töchter geboren haben. Sie haben sie, wie es die französische Philosophin Éliette Abécassis ihre Romanheldin sagen lässt, „aus Liebe, aus Langeweile, aus Angst vor dem Tod“ bekommen. Aber die geschätzten 25 bis 29 Prozent an Frauen in Deutschland, die sich gegen ein Kind entscheiden, haben dies wahrscheinlich ausgiebig überlegt. Schon alleine, weil sie sich dafür häufig rechtfertigen müssen. „Warum willst du kein Kind?“ ist eine häufige Frage, „Warum willst du ein Kind?“ dagegen eine sehr seltene.

Wenn ich in Deutschland geblieben wäre, hätte ich mich vielleicht auch dafür rechtfertigen müssen, keines oder nur ein Kind zu wollen. Ich wäre vielleicht niedergeschlagen gewesen, weil ich mich in meiner Arbeit und meinem Leben so hätte einschränken müssen, ich hätte ein schlechtes Gewissen gehabt, weil ich zugleich mein Kind gefühlt vernachlässigt hätte. An deutschen Eltern – vor allem den Müttern – nagt ein dauerhaftes Pflichtgefühl, ein nahezu unerreichbarer Anspruch, immer für das Kind da zu sein. Das schlechte Gewissen ist das vielleicht bedrängendste und zugleich unangenehmste Gefühl für die meisten Frauen, die ich gesprochen habe. Die Befürchtung, nicht alles optimal für die Kleinen getan zu haben, war bestimmend für viele Gespräche. Dabei sehe ich, wie glücklich unser Sohn Fred in Frankreich aufwächst. Die Freiheit der Eltern geht nicht zu Lasten ihrer Kinder – sie bereichert die ganze Familie.

Vor kurzem fuhren wir in einem Zug nach Marseille. Und da war sie wieder, diese Szene, die ich im französischen Alltag ständig beobachten kann: Ein Vater kommt mit seinen vier Kindern ins Abteil, sie sind geschätzt zwischen zwei und neun Jahren alt. Die Älteste trägt einen Rucksack über der Schulter, genauso wie der Vater. Die Mutter kommt erst eine Minute später mit einer Freundin dazu, sie setzt sich zwei Reihen dahinter, dort, wo noch Platz ist. Es ist ein heißer Tag, und alle trinken reihum aus einer Wasserflasche, die der Vater anreicht, ein großer Mann mit dunklen, lockigen Haaren. Der Zug fährt an, und wieder greift er in seine Tasche. Ich vermute, er werde nun Kekse verteilen oder irgendein Spielzeug, aber nein: Er zieht ein Rätselheft heraus. Und während er die fehlenden Wörter in die Kästchen einträgt, gackern seine Kinder, sie verlieren ihre Sonnenbrillen und heben sie wieder auf, sie zeigen auf das Meer und sind irgendwie dauernd miteinander beschäftigt. Kurz vor der Endhaltestelle verstaut der Vater sein Rätselheft, zieht dem Jüngsten einen Sonnenhut auf den Kopf und lotst seine Bande zum Ausgang.

Eine eigentlich banale Szene, die mich trotzdem sehr anrührt. Wer Rätsel löst, während seine vier kleinen Kinder neben ihm im Zug sitzen, muss ein gelassener Familienvater sein. Er muss sein altes, kinderfreies Leben, ein Leben mit Rätselmomenten wann immer er wollte, nur wenig vermissen. Ich wettete an jenem Tag, kein Deutscher und keine Deutsche könne sich das Zugfahren als Großfamilie so vorstellen. Deutsche Männer und Frauen sagen in Interviews immer wieder, sie fürchteten um ihr Lebensmodell mit einem Kind, sie hätten Angst vor der Tabula rasa durch einen kleinen Schreihals. In Frankreich krempelt ein Kind das Leben nicht komplett um. Das Elternsein ist unbeschwerter und selbstverständlicher. Es ist der Staat, der besser für Familien und ihre Kinder sorgt, und es sind die Eltern, die sich den Alltag leichter machen. Vielleicht haben wir es also gemeinsam selbst in der Hand, wie sich unser Leben ändert – und ob wir es als Familie zum Guten für alle wenden können.

„Bon courage“ sagen Franzosen manchmal beim Abschied, kurz vor einer Wanderung, einer Prüfung oder einfach nur für einen Grillabend. „Viel Mut“ heißt das übersetzt, und inzwischen bin ich überzeugt: Wir brauchen als Eltern häufig weniger Mut, als wir glauben. Es ist leichter, als viele gewollt Kinderlose denken, und es kann auch freudvoller sein. Denn Franzosen sind überzeugt: Glückliche Eltern haben glückliche Kinder.

Der unpassende Zeitpunkt

„Ihr habt noch keine Kinder? Allez, es ist eine große Freude!“

Lorenadia, vierfache Mutter und Inhaberin einer kleinen Pension

Als wir unseren ersten Sohn bekamen, waren Hans und ich schon fünfzehn Jahre lang ein Paar. Meine ältere Schwester hatte über Jahre Windelkartons mit den Babysachen ihrer Kinder für uns aufbewahrt, wir hatten eine ganze Kollektion von Stramplern, Hosen, Bodys, Winter- und Sommermützen für Mädchen und Jungs in der Abstellkammer gelagert, dazu noch eine Wickelkommode und ein Kinderbettchen, sorgsam zerlegt, die Schrauben in kleine Säckchen verpackt, die Gebrauchsanleitung war mit Tesafilm in die Schubladen geklebt. Hans hatte eine feste Stelle als Wissenschaftler in Frankreich ergattert, ein Beamtenjob ohne jedes Risiko, und wir hatten kurz zuvor ein kleines Haus mit Garten in einer Kleinstadt gekauft, nicht weit von der Kita und dem nächsten Bäcker entfernt. Es war tatsächlich alles perfekt vorbereitet, bevor wir uns zutrauten, ein Kind zu bekommen.

Natürlich hatten wir über die Jahre immer mal wieder an Nachwuchs gedacht, und grundsätzlich wollte ich ihn auch unbedingt. Schon alleine, weil es mir traurig erschien, im Alter keine Generation hinter mir zu lassen. Ich stellte mir vor, als gebrechliche Siebzigjährige ohne Kinder eine gewisse Leere zu empfinden. Aber im Hier und Jetzt, im Alltag, sprach aus meiner Sicht vieles gegen ein Kind. Bevor ich meinen dreißigsten Geburtstag feierte, kam ich überhaupt nicht auf die Idee, zu sehr hing ich noch an meinem Leben, an meiner Arbeit als Journalistin, die auch am Wochenende auf Parteitagen stattfand oder spätabends vor dem Computer. Bei schönem Wetter fuhren wir an Sonntagen stundenlang auf unseren Rennrädern herum, abends tranken wir gerne ein Glas Wein mit Freunden auf dem Balkon oder in einer der damals noch verrauchten Kneipen im Ruhrgebiet. Kinder sah ich kaum in meinem Umfeld, meine gleichaltrigen Freundinnen hatten selbst noch keine. Johanna hatte Psychologie studiert und toppte dies noch mit einer fünfjährigen Ausbildung zur Psychotherapeutin, Merle arbeitete schon in einer Frauenberatungsstelle, bildete sich aber zusätzlich noch zur Wendo-Trainerin weiter, und Miriam absolvierte das Referendariat als Lehrerin, war aber viel zu eingenommen von Prüfungen und dem Schulalltag, als dass ihr oder uns überhaupt einfiel, über Kinder zu sprechen. Das Thema war einfach nicht präsent. „Irgendwann einmal, auf jeden Fall“, sagten wir leichthin, über viele Jahre hinweg.

Mit Anfang dreißig dann hatten Hans und ich immer mal wieder über den „besten Zeitpunkt“ nachgedacht, aber unsere Sporthobbys, seine Suche nach einer festen Stelle und meine Schreiberei standen im Vordergrund. Als Wissenschaftler musste für ihn erst einmal der Doktor her, dann eine sogenannte Post-Doc-Stelle, dann kam ein Stipendium für ein Jahr in Südfrankreich auf uns zu, eine aus meiner Sicht gänzlich unpassende Zeit für ein Kind. Ich pendelte damals von Deutschland zu Hans, schrieb in den Nachtzügen meine Reportagen und fühlte mich überhaupt noch sehr jung und nicht wie eine baldige Mutter. „Junge deutsche Erwachsene empfinden sich ewig wie Studenten“, lese ich später über unsere Generation in soziologischen Schriften. Unser Leben war intensiv und ausgefüllt, ich hatte das Gefühl, einem Kind gar keinen Raum schaffen und auch nichts an Energie und Zeit abgeben zu wollen.

Erst in Frankreich wurde ich aufgerüttelt. Ich traf auf junge französische Familien, auf Gleichaltrige, die schon längst mit ihren zwei Kindern unterwegs waren. In unserer ersten Woche in Frankreich waren wir bei Jules eingeladen, einem netten Kollegen von Hans. Jules ist Physiker und hat schon große europäische Projekte an Land gezogen, oftmals verlässt er als Letzter das Büro und trinkt am Tag Unmengen von starkem, tiefschwarzem Espresso. Seine Frau Jade optimiert als Ingenieurin für Air-France die Belegung von Flugzeugen und leitet ein kleines Team. Sicher zwei Dinos – double-income-no-kids –, dachte ich noch, als Hans mir auf dem Hinweg von ihren Berufen erzählte. Als wir an die Tür klopften – eine Klingel haben viele französische Familien nicht –, sprangen uns zwei kleine Kinder entgegen. Maya und Milos waren fünf und zwei Jahre alt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Und die beiden hatten nicht damit gerechnet, zwei Dinos vor sich zu haben. „Ihr habt noch keine Kinder?“, fragte mich Jade direkt und etwas verwundert bei unserer ersten Begegnung. „Kennt ihr euch noch nicht so lange?“ „Wir kennen uns schon aus der Schule.“ Hans und ich waren tatsächlich schon seit elf Jahren ein Paar. Aber niemand hatte uns je diese Frage gestellt.

An diesem Abend mit Wein und Jules’ scharfem Pesto dämmerte mir, dass Kinderlose in Frankreich auffallen. Kinder gehören für Franzosen alltäglich dazu, auch in jungen Jahren, ganz egal, wie gut vorbereitet die Wohnung oder wie sicher der Job ist.

Jules und Jade hatten Maya bekommen, als Jules gerade für seinen Doktor in Italien forschte. Sie wohnten zu dritt in einer kleinen, furchtbar heißen Dachwohnung in Rom, und Jade pendelte für drei Tage in der Woche dreihundert Kilometer westwärts nach Frankreich, um bei Air France auf der Matte zu stehen. Maya war abwechselnd in der Kita, taperte zwischen Jules’ Computerkabeln herum oder ging mit Jade an ihren freien Tagen spazieren. „Ein Kind kann sich an alles anpassen“, sagt Jules. Er trägt wilde Locken auf dem Kopf, und irgendwie scheint für ihn tatsächlich immer alles möglich zu sein. Manchmal, wenn eine Doktorandenfeier auf der Arbeit richtig ausschweifend wird, schläft er in seinem Auto und sitzt am nächsten frühen Morgen wieder konzentriert vor seinen Formeln. Maya und Milos sind es inzwischen auch gewöhnt, in Gästebetten und auf Wohnzimmersofas zu schlafen, zu viert scheinen sie gemeinsam in den Tag hineinzuleben. Frühen Nachwuchs wollten Jules und Jade beide gerne haben, sie träumten von drei oder mehr Kindern. „Warum sollten wir warten, wenn wir eine gute Partnerschaft haben?“, fragte mich Jade.

Ja, warum eigentlich? Warum haben wir gewartet, bis alles vermeintlich perfekt ist für ein Kind? Fast so lange, bis es schon zu spät wurde, eine Familie zu gründen? Immerhin setzt die Natur uns Grenzen. Ein Fünftel der kinderlosen Personen in Deutschland gibt an, sie selbst oder der oder die Partnerin seien zu alt für Nachwuchs. Wieso warten wir auf den angeblich perfekten Moment, bis er vielleicht nie mehr eintritt?

Vielleicht ist es dieses Gefühl, das bisherige Leben zu verlieren. Also halten wir noch so lange wie möglich an ihm fest und finden Gründe, warum ein Kind eben noch nicht sein kann. Als Hans und ich 33 Jahre alt waren, wurde er zu einem Bewerbungsgespräch an einer französischen Universität eingeladen. Diesmal sollte es endlich mit der Festanstellung klappen, hofften wir. Wenn nicht, so dachten wir damals, würden wir weiter suchen und den Kinderwunsch noch ein wenig hintanstellen. Es kam uns aberwitzig vor, hochschwanger oder gar mit einem kleinen Baby noch einmal umzuziehen. Hans bekam die Stelle, aber unsere Zweifel waren immer noch nicht ganz ausgeräumt. Jetzt bräuchten wir zunächst eine größere Wohnung. Was sollte nur aus unserem Leben werden? Was aus unseren größten Hobbys, dem Radfahren und Wandern? Mir fielen lauter negative Konsequenzen ein, aber nur wenig, was mich zuversichtlich stimmte. Außerdem war ich freie Journalistin, meine Auftraggeber würden sich nach einem oder gar zwei Jahren Pause nicht mehr an mich erinnern, ich müsste wieder ganz von vorne anfangen, war meine Sorge. Häufig las ich in Zeitschriften abschreckende Dinge. Das Leben als Eltern ändere sich radikal, die Partnerschaft leide furchtbar, und Männer arbeiteten nie wieder so viel wie ausgerechnet im ersten Babyjahr.

Manchmal, wenn ich heute unseren Sohn beobachte, wie er konzentriert Grashalme in einer Tasse sammelt oder mir in der Kita jauchzend entgegenrennt, bekomme ich noch nachträglich einen Schrecken. Einen Schrecken darüber, dass wir gezögert haben, bis ich Mitte dreißig war, darüber, dass wir, wenn es nicht so gut mit der Schwangerschaft geklappt hätte, nicht mehr so viele Möglichkeiten für eine Familiengründung gehabt hätten. Komischerweise fühlte ich mich jahrelang noch sehr jung, so, als hätten wir alle Zeit der Welt. Der Gedanke an ein Kind war irgendwie immer da, aber er waberte im Hintergrund herum, genauso diffus, wie ich auch schon immer mal Spanisch lernen wollte.

Jetzt ist Fred bald zwei Jahre alt, und wir könnten uns das Leben keine Sekunde mehr ohne ihn vorstellen, ja, selbst nach einem anstrengenden Arbeitstag freue ich mich sehr darauf, ihn von der Kita abzuholen. Aber wer vermisst schon jemanden, den er nicht kennt? Zudem war unser Leben als Dinos etabliert, wir hatten unsere Rituale gefunden, wussten genau, viel genauer noch als zu meinen Zeiten in der Studenten-WG, wie wir frühstücken wollen, wie ein schöner Sonntag auszusehen hat. Wir wussten auch, wie wir uns eine perfekte Schwangerschaft, Geburt und Elternzeit vorstellten, aber das war halt ein Plan für den Tag X, dann, wenn alles bereit wäre.

Wir hatten gelernt, uns selbst verwirklichen zu wollen, und führten ein recht selbstbezogenes Leben. Kinder erschienen mir wie eine Verpflichtung zu einer zwanzigjährigen aufopferungsvollen Phase. Wie viele kinderlose Deutsche waren wir sehr sorgenvoll. Sieben von zehn befragten Personen geben die Angst vor einer unsicheren Zukunft als ersten oder zweiten Grund an, keine Kinder zu wollen.1

Franzosen aber sehen sich selbst erst als Familie verwirklicht, sie fühlen sich „erst komplett“, wenn sie auch Kinder haben. „Na klar wollten wir Kinder haben“, sagte mir Marie schon beim ersten Treffen. Wir hatten uns in der Pantoffelecke der Kita angefreundet, sie sagte damals umstandslos zu mir: „Du bist doch die Deutsche, oder?“ Sie lachte mich dabei so freundlich an, dass ich gerne bejahte. „Ich finde es schön, Menschen aus anderen Ländern zu treffen, lass uns doch einen Kaffee trinken“, sagte sie, und natürlich nahm ich die Einladung gerne an. Zwei Tage später traf ich sie im Café auf dem Marktplatz. Wir waren gerade erst in unsere

kleine Stadt gezogen, und ich freute mich sehr auf das Treffen. Irgendwie schien es von Anfang an leicht, mit der zarten Französin persönlich zu sprechen, sie sprühte vor Ideen und war sehr interessiert.

So kam es, dass wir schon bei unserem ersten Gespräch gleich über unsere Familienwünsche plauderten. Marie fand es logisch, Kinder möglichst früh zu bekommen. „Wir sind doch ungefähr achtzehn Jahre mit den Kindern zusammen – warum also aufschieben? Sie gehören für mich zu einem erfüllten Leben dazu.“ So wurde sie schwanger, als sie erst wenige Jahre mit Philippe zusammen war und gerade einen Job suchte. Schließlich eröffnete sie einen Weinkeller – und entschied sich dann, mitten in der Schwangerschaft, sich fortzubilden und verhaltensauffällige Schüler zu betreuen. „Der Beruf ist selten gradlinig, einen perfekten Zeitpunkt können wir ohnehin nicht erreichen. Mich haben die Kinder auch erst viel kreativer gemacht. Ich kann mir heute viele Berufe vorstellen“, sagte Marie. Aber sie kannte natürlich auch, anders als Hans und ich, mit Anfang dreißig schon viele Paare mit Kindern im Freundeskreis. Das steckt an – frühe Eltern führen zu frühen Eltern.

In Frankreich fiel ich mit unserer späten Entscheidung sofort auf. „Na, endlich wollt ihr ein Kind“, sagten meine französischen Freundinnen. „Wurde auch Zeit.“ Ich fand diese Bemerkungen fast ein wenig anmaßend, aber ich verstehe nun, wie ungewöhnlich es für sie sein musste, uns als Paar so lange kinderlos zu sehen. Schon in unserer ersten Pension sagte die Besitzerin Lorenadia, eine künstlerische Frau mit vier Kindern: „Wann bekommt ihr denn Nachwuchs? Allez, c’est un plaisir!“ – „Kommt schon, es ist eine Freude!“ Lorenadia renoviert seit mehr als einem Jahrzehnt eigenhändig eine alte Jugendstil-Villa, einige Räume vermietet sie. Nach dem Frühstück zeigte sie uns eine Deckenmalerei, die sie vor kurzem erst freigelegt hatte. Zu sehen waren vier Kinder, die sich im Kreis fliegend an den Händen hielten. „Ist das nicht phantastisch? Wie passend für unsere Familie!“ Lorenadia erzählt, sie hätten ihr erstes Kind mit 21 Jahren bekommen, da hatten sie gerade eine Snackbar eröffnet. Sie hätten sich das Baby morgens umgeschnallt und seien mit dem Scooter auf den Markt und dann in ihre Bar gefahren. Das sei ganz gut gelaufen, und nach einigen Jahren hätten sie genug gespart, um von da an alles in diese Villa zu stecken. Als sie mit 29 Jahren einzogen, waren alle vier Kinder geboren. „Allez, c’est un plaisir“, sagte sie uns wieder beim Abschied. Als wir ihr beim nächsten Besuch ankündigten, unsere Hochzeitsgäste bei ihr unterbringen zu wollen, war sie alles andere als euphorisch. „Ah bon? Warum wollt ihr denn heiraten?“ Die Gründe für eine Ehe lagen für sie viel weniger auf der Hand, als ein Baby zu wollen.

Aber es gibt tatsächlich gewichtige Gründe für eine frühere Entscheidung. Die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, sinkt schon mit dreißig Jahren. Die Qualität der schon bei der Geburt angelegten weiblichen Eier nimmt Jahr für Jahr ab, die männlichen Spermien werden weniger und unbeweglicher. Und auch die künstliche Befruchtung kann in spätem Alter weniger helfen: Fast die Hälfte aller kinderlosen Paare zwischen vierzig und fünfzig, so berichten Reproduktionsmediziner in einem Artikel des Spiegel, sind es allein deshalb, weil sie zu lange gewartet haben.

„Mit 34 Jahren sind Sie schon fast in der Risikogruppe“, sagte meine Gynäkologin wenig charmant beim ersten Ultraschall. „Sie haben sich viel Zeit gelassen.“ In diesem Moment fühlte ich mich unendlich alt. Denn natürlich hatte auch ich, kurz bevor ich schwanger wurde, viel Unheilvolles über späte Geburten erfahren – ich las mit Schrecken darüber, möglicherweise jahrelang auf eine geglückte Befruchtung warten zu müssen, über Chromosomenanomalien, Frühgeburten, hohe Kaiserschnittraten. Alles Risiken, die mir vorher kaum bewusst waren. Heute weiß ich nicht mehr, ob ich sie – wie eine Raucherin die Spätfolgen – einfach verdrängt hatte, oder ob sie in Deutschland wenig diskutiert werden. Und selbst wenn es vielen Paaren bewusster wäre: Sicherlich bekommen nur die wenigsten ihr Kind früher, weil es medizinisch besser ist. Dafür ist die Entscheidung doch viel zu schwerwiegend.

Wer länger warten muss oder möchte und sein Kind dann mit Ende dreißig bekommt, erwartet erst gar nicht, noch ein zweites zu bekommen. Die späte Entscheidung führt also zwangsläufig und häufig ungewollt zu weniger Nachwuchs. Verantwortlich sind ältere Mütter wie ich, die verkopft auf den besten Zeitpunkt, den besten Mann und das sicherste Einkommen warten, bis sie auf die Idee kommen, nicht mehr zu verhüten. „Je höher der Bildungsabschluss, desto später werden eigene Kinder eingeplant“, heißt es in einer Broschüre des Bundesfamilienministeriums. In demselben Prospekt machen die Berliner Beamten dafür die strenge Abfolge von Lebensphasen verantwortlich. So wie Hans und ich hielte es eine „überwältigende Mehrheit“ der Unter-45-Jährigen für unabdingbar, dass beide Partner eine abgeschlossene Berufsausbildung haben, sobald das Baby auf die Welt kommt. Die Deutschen wollen nicht studieren und gleichzeitig Windeln wechseln, sie wollen nicht wie Marie ein Trainee-Programm durchlaufen und abends auf die Kinder aufpassen. Warum, darauf hat auch das Ministerium keine Antwort.

Hier haben es die Französinnen leichter: Sie erwarten durchschnittlich mit 28 Jahren ihr erstes Kind – also ein gutes Jahr vor den Deutschen. Der recht knappe Unterschied verschleiert aber, dass in Deutschland ein Drittel der gut ausgebildeten Frauen gar keine Kinder bekommt (im Gegensatz zu nur zehn Prozent in Frankreich) – häufig, weil der „perfekte Zeitpunkt“ bis zur Menopause nicht gekommen war. „Kinderlosigkeit ist häufig eine Folge des Aufschubs der Familiengründung“, sagt Michaela Kreyenfeld. Die Rostocker Professorin hat ein 400 Seiten dickes Buch über die Ursachen von Kinderlosigkeit geschrieben. Und für sie ist das lange Zögern, das Hadern von deutschen Paaren „einer der größten – und auch meist unterschätzten – Gründe dafür, gar keine Kinder zu haben“. Sie warteten auf den perfekten Zeitpunkt, der dann doch nicht eintreffe, weil es keinen wirklich perfekten Moment für Kinder gebe.

Das meinen auch Französinnen. „Ein Kind wirft immer vieles um – es kann gar nicht in ein bestehendes Leben passen“, sagen sie – und bekommen daher ihren Nachwuchs, auch wenn es nicht so ideal erscheint wie für Hans und mich. In der Kita von Fred treffe ich viele junge Mütter, die sich umstandslos für eine Familie entschieden haben. Charlotte ist 32 Jahre alt und hat einen acht- und einen dreijährigen Sohn und eine fünfjährige Tochter. Einmal in der Woche gehe ich mit ihr um den Sportplatz laufen, ihre hüftlangen Haare hat sie dann zu einem Knoten gebunden, sie ist sehr sehnig. Wie viele Französinnen sieht sie immer irgendwie schick aus, selbst in Jogginghose und Turnschuhen. Charlotte wurde mit 25 Jahren zum ersten Mal schwanger. „Wir haben uns vier Jahre in Paris ausgelebt und dachten – jetzt legen wir los“, erzählt sie. Wir sitzen auf ihrer gemütlichen Wohnzimmercouch und trinken starken Kaffee. An der Wand hängen Plakate von modernen Kunstausstellungen in ganz Frankreich. „Wir hatten uns jahrelang die Museen von Paris angeguckt. Ich mochte gerne die Porträtmaler aus dem 17. Jahrhundert, und wir haben uns manchmal bei Regenwetter tagelang im Louvre aufgehalten.“ Sie zeigt auf ein Poster über eine Ausstellung im Louvre von antiken Schmuckstücken, daneben werden Bilder über chinesische Imperatoren beworben. „Wir haben wirklich viel gemacht, sind essen gegangen und an den Wochenenden in die Bretagne zum Baden getrampt. Und wir waren ja schon fünf Jahre ein Paar, also wirklich lange genug“, sagte sie. „Wir haben schon sechzehn Jahre zusammengelebt, bevor wir Fred bekommen habe“, sage ich. „Ah bon? Na, da habt ihr euch aber lange Zeit gelassen.“

Charlotte und Olivier bekamen ihr erstes Kind Aurélien, obwohl sich ihr Leben mitten in einem Umbruch befand. Olivier wurde gerade von Paris nach Südfrankreich versetzt, und Charlotte suchte sich in der Region eine neue Stelle als Krankenschwester. Sie hatten noch keine Wohnung und pendelten von der Hauptstadt ans Mittelmeer, um eine passende Bleibe für ihre junge Familie zu finden. „Ich weiß noch, wie ich mit dickem Bauch in die Wohnungen lief, das war eine spannende Zeit.“ Charlotte versteht meine Frage nach dem besten Moment fürs Kinderkriegen überhaupt nicht, mit großen Augen guckt sie mich an. „Wir haben uns gar nicht die Frage gestellt, ob es der beste Augenblick ist oder nicht. Wir wollten Kinder und sahen keinen Grund, noch länger zu warten.“

Heute erscheinen Hans und mir unsere Gründe auch nicht mehr so schwerwiegend wie vor der Geburt unseres Sohnes. Das Unbekannte wirkte damals auf uns viel dramatischer, als wir es heute erleben. Ich gehöre zu der Generation, die der Spiegel in einer Titelgeschichte zu „Späten Eltern“, als „problematisch“ bezeichnet hat. „Deutschlands Eltern entfernen sich zunehmend von jenem Lebensalter, das die Biologie für diese Rolle vorgesehen hat“, heißt es da. Und weiter beschreibt die Autorin, wie gut organisiert ältere Eltern den Alltag mit Kind meistern. „Ausgestattet mit einem überdurchschnittlichen Einkommen, können späte Eltern auch dann für Bildung und Betreuung aufkommen, wenn staatliche Institutionen versagen. Meist können sie sich dank umfassender Hilfe im Haushalt trotz anspruchsvoller Berufe Zeit für ihre Kinder nehmen.“