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Dagmar H. Mueller

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Mit Illustrationen von

Franziska Harvey

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Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House

Mit Dank an meine großartige Familie, vor allem an meine Für-immer-Schwester, an meine beiden unglaublich talentierten Lieblingsbrüder und alle, die wunderbarerweise dazu gehören, ganz besonders auch an Oma Wilma und Opa Harald, und – allen voran und immer – an Aaron! Ich hab die beste Familie der Welt. Ohne euch geht gar nix!

D. H. M.

1. Auflage 2015
© 2015, cbj Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagbild und Innenillustrationen: Franziska Harvey
Umschlaggestaltung: Basic-Book-Design, Karl Müller-Bussdorf
Lektorat: Kerstin Weber
cl ∙ Herstellung: UK
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978–3–641–15844-6

www.die-chaosschwestern.de
www.cbj-verlag.de

Malea.pdf

… Weltbürgerin (das zeigt doch wohl schon der hawaiianische Name!).

… Tiefseeforscherin (später).

… eine knallharte, gerissene, mit allen Wassern der Weltmeere gewaschene Spionin (so etwa wie James Bond, nur weiblich natürlich).

… keine Welle hoch genug. Als echte Surferin schreckt sie auch auf dem Land vor kaum einer Herausforderung zurück.

Kenny.pdf

… Sternenguckerin (abends durchs Dachfenster).

… Ponybesitzerin (im Traum).

… große Schwester (eines Tages, wenn sie Mama endlich überredet hat, noch ein weiteres Kind zu bekommen. So lange ist sie leider nur »eine« Schwester. Aber ist doch völlig egal, ob die anderen älter oder jünger sind. »Klein« ist sie jedenfalls nicht.).

… gut drauf (»Lasst mich bloß in Ruhe!«).

… auf jeden Fall groß genug, um jederzeit mitzumachen, mitzureden und mit aufzubleiben.

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… irgendwie fehl am Platz in dieser Familie (nach Aussage von ihr selber) und kann den Gedanken nicht ganz aufgeben, als Baby im Krankenhaus vertauscht worden zu sein, nur leider sprechen alle familiären Fakten gegen diese Hoffnung versprechende Theorie.

… langweilig (nach Aussage von Malea).

… gaaanz toll (nach Aussage von Kenny, weil Livi oft mit ihr malt, bastelt oder ihr vorliest).

… eben eine von unzählig vielen Schwestern (nach Aussage von Tessa).

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… schön (das ist nun mal so, dafür kann Tessa ja nichts).

… interessiert an fast allem (besonders am anderen Geschlecht, schließlich muss sie sich aufs Leben vorbereiten, und zu Hause hat sie nur wenig Anregung in der Beziehung – zumindest, was das andere Geschlecht angeht).

… wirklich nicht dumm.
(Wenn die Lehrer das endlich mal einsehen würden!)

… jeden Tag schwer beschäftigt (da gibt es ständig neue Telefonnummern zu sortieren, Make-up-Produkte zu vergleichen und Mails an Dodo, Tessas beste Freundin, zu schicken).

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Livi_1.tifWir haben in der Klasse neulich ein Spiel gespielt: Was wäre jemand, wenn er eine Frucht oder ein Gemüse wäre? Und klar wie Kräuterbutter, als Gregory an der Reihe war, schrien natürlich alle: »Spargel!« Gregory lachte am lautesten. ICH war erstaunlicherweise KEINE Tomate (meine roten Haare!), nein, ich war eine Mandarine. Das fand ich eigentlich sehr nett. Keine Ahnung, warum ich ausgerechnet jetzt an das Spiel denken muss. Möglicherweise, weil ich gerade ein klatschklares und sehr gemüsiges Bild vor meinem inneren Auge habe? Nämlich von meiner Schwester Tessa als wunderbar knackige – und gleichzeitig ein klitzeklein wenig sabschige – Gurke! (Hihi!)

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Es regnet seit drei Wochen. Ständig. Jeden Tag. Ist das normal? Ich meine, es ist JUNI!

Ich halte meinen Kopf aus dem Fenster und schaue die trübe Kastanienallee entlang. Für drei Sekunden. Dann ziehe ich den Kopf schnell wieder ein. Regen besteht aus Wasser. Toll, jetzt hab ich auch noch nasse Haare!

Und außerdem schlechte Laune. (Na gut, die hatte ich sowieso schon.)

Nur fünf Minuten bin ich heute Morgen unten in der Küche gewesen, schon hat es mir gereicht. Der Abwasch stapelt sich. Natürlich! Keiner ist auf die praktische Idee gekommen, die Spülmaschine mit den sauberen Sachen vielleicht mal auszuräumen und das dreckige Geschirr wieder einzuräumen. (Und warum sollte immer ICH das tun?) Im Kühlschrank war gähnende Leere – außer zwölf grünen Gurken, die zwei volle Fächer einnehmen.

Gurken zum Frühstück? Aus purer Verzweiflung habe ich eine mit rauf in mein Zimmer genommen und nage nun an dem Ding, als wäre es eine Banane. Das nennt sich jetzt »gemütliches Samstagmorgen-Frühstück«. Großartig!

Den blöden Aufkleber, der an jeder Gurke pappt (NICHT essen! Tessa) hab ich in den Papierkorb geknallt.

Echt! Meine sich Nahrungsmittel ins Gesicht schmierende Schminkschwester denkt an nichts anderes als an ihr Aussehen! Vielleicht sollte ihr mal jemand sagen, dass man am besten aussieht, wenn man sich gesund ernährt – und nicht unbedingt durch eine Gemüsemaske? (Mit der sie übrigens wirklich gar nicht vorteilhaft rüberkommt!! Ich sollte von ihrem grünen Gesicht mal ein Foto machen und Javi schicken!)

Muffig schmeiße ich mich aufs Bett, mümmele die matschige Gurke (die jetzt auch noch auf meine Bettdecke tropft – grrrr!) und starre dabei die Decke an. Spinnweben!

Huch? Wann wurde denn hier das letzte Mal sauber gemacht? Ich gucke in alle vier oberen Ecken. Noch mehr Spinnweben! Wie oft im Jahr MUSS man Räume eigentlich sauber machen? Als hätte man sonst nichts zu tun!

Kein Mensch war zu sehen, als ich eben unten war. Weder Iris noch Cornelius. Die beiden sind übrigens unsere Eltern. Und sollten uns ja wohl morgens fröhlich am GEDECKTEN Frühstückstisch erwarten. (Wenn man schon sein Zimmer selber saugen muss.) So ist es doch in den meisten Familien, oder?

Na ja, so ist es bei uns eigentlich auch. Normalerweise. Zurzeit aber eher nicht. Ich weiß wirklich nicht, was mit allen los ist.

Tessa arbeitet ja jeden Samstag mit ihrer herzallerliebsten Freundin Dodo im städtischen Seniorenheim, der Lauschigen Eiche. Die ist also samstags entschuldigt. Dass sie das jetzt schon so lange durchhält, ist allerdings ein wahres Wunder, finde ich. Es scheint ihr sogar richtig Spaß zu machen. Und was noch erstaunlicher ist: Die Leute in der Lauschigen Eiche sind total glücklich mit Tessa und Dodo. Nicht nur die Oldies, sondern auch die Heimleitung. Sieht ganz so aus, als ob meine ältere Polierte-Fingernägel-Schwester durchaus arbeiten KANN. Wenn sie WILL. Die Spülmaschine heute Morgen ausräumen, neu einräumen und anstellen, bevor sie los ist, wollte sie offensichtlich nicht.

Von Malea und Kenny, meinen beiden kleinen Schwestern, war auch keine Spur zu sehen. Nicht mal zu hören. Dabei ist Kenny Frühaufsteherin und trommelt gerne mal vor dem Aufstehen (aller anderen) in Cornelius’ Übungsraum unten im Keller auf seinem Schlagzeug rum.

Unser Vater Cornelius ist nämlich Schlagzeuger. Von Beruf. Er spielt in einer Band, die Rainbow heißt.

Tja, offenbar kann man beinahe alles »seinen Beruf« nennen. Egal, ob man damit Geld verdient oder nicht. Ich persönlich finde ja, dass auch »Mutter und Vater sein« ein Vollzeit-Beruf sein sollte. Aber mit dieser Ansicht stehe ich in dieser Familie ziemlich allein da.

Na schön, ich will nicht ungerecht sein. Ohne Zweifel gibt es üblere Eltern als unsere. Obwohl … Iris ist ein bisschen komisch in letzter Zeit. Ich meine, sie dreht ja ab und zu gern mal am Rad, besonders wenn der Abgabetermin einer ihrer Liebesschmöker droht. (Das ist nämlich Iris’ Beruf. Liebesromanschreiberin. Und im Gegensatz zu Cornelius verdient sie damit tatsächlich Geld!) Aber dass sie total hektisch ist und ständig aussieht wie ein gejagtes Kaninchen, bereit, sich im erstbesten Erdloch zu verkriechen, also das ist neu. Das kenne ich gar nicht von ihr. Eigentlich hat sie total gern Leute um sich.

Gestern hat sie nicht mal mehr gekocht. Obwohl kochen ihre absolute Lieblingsbeschäftigung ist. Sie behauptet sogar immer, das entspanne sie nach den langen Stunden am Schreibtisch. Gestern hat es sie anscheinend nicht entspannt. Stattdessen haben wir sie in Remas Zimmer in einer sehr merkwürdig verrenkten Position auf dem Teppich gefunden. (Rema ist unsere REnate-oMA, die beste Omi, die man sich vorstellen kann!) Und als Malea und ich reinkamen, kreischte Iris nur: »Ich muss über meine Story nachdenken! Kann man sich denn nicht mal HIER ein paar Minuten verstecken?«

Verstecken? Äh, hallo? Vor UNS?

Rema kam eilig aus der Küche gelaufen und versuchte, uns wegzuscheuchen. »Lasst Iris ein Momentchen entspannen! Jeder braucht mal Zeit allein.«

Ich wollte gerade meinen Mund aufmachen, um zu protestieren. Warum konnte sie sich nicht wie immer beim Kochen entspannen? Ich brauche mein Abendessen! Selbst, wenn es eins von Iris’ berüchtigten Gerichten ist und daher bestimmt etwas, das man nur mit viel gutem Willen als Mahlzeit bezeichnen kann … Aber ich war echt hungrig. Schließlich hatte ich um achtzehn Uhr dreißig noch ein wichtiges Treffen mit Auroras Freunden, unserer Tierschutzgruppe. Und mit nüchternem Magen kann ich mich schlecht konzentrieren.

Zum Glück kam mir Malea zuvor.

»Und wann kochst du?«, fragte sie in ihrer unerschütterlich direkten Art.

Und fing sich direkt Iris’ Gewitterantwort ein: »Ich mache YOGA! Lasst mich in RUHE

In diesem Moment wisperte Rema hinter uns: »Ich backe Pfannkuchen für alle. Kommt mit in die Küche!«

Pfannkuchen – hurra! Solange Rema fürs Abendessen sorgt, kann Iris meinetwegen ihre Glieder verrenken, bis sie Knoten in den Beinen hat.

Heute Morgen stand Rema leider nicht in der Küche. Vermutlich ist sie im Nebenhaus bei Walter Walbohm und lässt sich von ihm verwöhnen. Ob ich ihm auch mal einen Besuch abstatten sollte? War schon lange nicht mehr drüben. (Mein Magen knurrt. Von Gurken kann man doch nicht leben!)

Cornelius ist gestern Abend mit seinen Kumpeln von Rainbow zu einem Festival bei uns in der Nähe gefahren, wo sie auch über Nacht zelten wollten. Wahrscheinlich ist er noch gar nicht zurück. Die reden seit Wochen über nichts anderes als Mattes Hochzeit mit Katrin Dornkater. Matte ist einer aus Cornelius’ Band und Katrin Dornkater ist – ich fasse es immer noch nicht, dass die beiden zusammen sind und tatsächlich heiraten, die Welt ist einfach zu klein! –, also Katrin Dornkater ist Lehrerin bei uns an der Bettina-von-Arnim-Schule. Und zwar eine ganz schön strenge. Aber wie anders die privat ist! Und erst recht, wenn sie mit Matte zusammen ist. Total lustig und entspannt.

Die Hochzeit ist nächstes Wochenende. Bei uns! Das war Cornelius’ Geschenk. Also, dass die Hochzeit bei uns im Garten stattfindet. Nächste Woche werden die Zelte geliefert und ein Monstergrill und Bierfässer und alles, wovon Cornelius meint, dass man es bei einer guten Hochzeit braucht.

Iris war von Cornelius’ Geschenk nicht so begeistert. Ich kann es ihr nicht übel nehmen. Die ganze Arbeit mit der Vorbereitung wird wohl an ihr hängen bleiben.

Jetzt muss ich mich doch mal anziehen und gucken, ob überhaupt irgendjemand im Haus ist. Die Stille ist geradezu bedenklich. Leise ist es bei uns nun wirklich nie!

Ich gucke noch mal raus. Immer noch strömender Regen. Auch drüben bei Gregory sind alle Fenster geschlossen, obwohl es ja Hochsommer ist und wirklich nicht kalt. (Nur nass.) Ob ich mal im Hause Hahn Guten Morgen sage? Seit Gregorys Mutter, die berühmte Fernsehmoderatorin Sybille Hahn, wieder mit Gregorys jahrelang verschollenem Vater zusammen ist, ist sie richtig nett geworden. Seit Neuestem gibt’s da sogar Croissants zum Frühstück! Und zufälligerweise liiiiebe ich Croissants! Also nix wie rüber!

Ich schlüpfe in mein blau-weißes Ringelshirt und meine alten Jeans. Wobei mir direkt wieder einfällt, dass ich doch noch mal versuchen sollte, mit Gregory eine vernünftige Hose zu kaufen. Seine dämlichen Army-Hosen sind echt so was von peinlich! Außerdem hab ich irgendwie Lust, in die Stadt zu gehen und ein bisschen mit ihm rumzuschlendern.

Hihihi, Tessa würde jetzt denken, dass irgendwas nicht mit mir stimmt! Ich schlendere sonst wirklich nie irgendwo rum. Ich meine, wer hat schon Zeit, in der Gegend rumzuschlendern, wenn hunderttausend Dinge auf der Welt darauf warten, endlich angepackt zu werden!?

Gerade gestern habe ich wieder einen schauerlichen Zeitungsartikel über die Lebensbedingungen von Kälbchen und ihren Müttern in der Milchindustrie gelesen. Kein Wunder übrigens, dass das Milch-INDUSTRIE genannt wird, so als handele es sich um eine Fabrik mit Maschinen – und nicht um lebende Wesen! Aber genauso sehen heute leider viele Milchbetriebe aus, wie Fabriken nämlich. Grausam. Mit dem, was man sich so unter Leben auf dem Bauernhof vorstellt, hat das für die armen Kühe absolut nichts mehr zu tun, meistens zumindest. Die stehen eingepfercht nebeneinander in riesigen Hallen, angebunden vom ersten Moment ihres Lebens an, und können überhaupt NIEMALS freie Schritte machen. Und alles bloß, damit die Milch in unseren Supermärkten billig genug verkauft werden kann. Glückliche Kühe auf einer schönen Weide zu halten, wäre natürlich viel, viel teurer.

Echt! Ich meine, hat sich einer von diesen Milchbauern mal überlegt, wie das wäre, wenn er selbst sein GANZES Leben so angekettet verbringen müsste?

Ich will mir das nicht mal vorstellen. Ich werd ja schon irre, wenn ich nicht genug Platz am Esstisch habe. (Wir alle, also meine drei Schwestern und ich, unsere Rema und Iris und Cornelius sind ja schon reichlich viele, aber bei uns sitzen oft noch ziemliche viele andere Leute beim Essen. Iris lädt gern jeden ein, den sie trifft.)

Ich gucke auf den ausgeschnittenen Zeitungsartikel mit den traurigen Kühen, der auf meinem Schreibtisch liegt. Eigentlich wollte ich ja heute einen Bericht für unsere Auroras-Freunde-Website schreiben, damit die Leute wenigstens wissen, was da abläuft. Der Bericht dauert bestimmt ein paar Stunden. Darüber gibt’s jede Menge zu sagen. Aber …

… ja, hihi, es wäre auch schön, ein bisschen mit Gregory durch die Stadt zu spazieren. Ohne dass wir dabei Flugblätter verteilen. Einfach nur so für uns.

Höhöhö, das werde ich Tessa aber lieber nicht verraten. Die denkt sonst, ich bin verrückt geworden (also, verrückt ist natürlich das, was meine Schminkschwester Tessa für normal hält!) und wird mir als Nächstes in den Ohren liegen, doch auch mal mit ihr und Dodo schlendern zu gehen. Na, vielen Dank auch! Ich habe nicht vor, kostbare Stunden meines Lebens damit zu verplempern, alle Lippenstifte, Pickelpasten und Wimpernverkleber dieser Welt zu vergleichen. Bloß, um danach auszusehen, als würde ich zum Fasching gehen. (Verkleidet als TESSA zum Beispiel, haha!) Nee!

Aber ein schöner Eiskaffee mit Gregory, vielleicht im Bella Roma … Ja! Und dabei könnte ich ihm auch gleich von dem Artikel erzählen und ihn fragen, ob er vielleicht ein paar gute Ideen für aufrüttelnde Aktionen zu diesem Thema hat. Gregory hat immer gute Ideen.

Puh, nach der wässrigen Gurke knurrt mein Magen noch mehr als vorher!

Ich ruschele mir schnell mit meiner Bürste über die Haare und gehe dann in den Flur. Nix. Kein Geräusch, nirgends. Nicht mal ein kleines Kichern von meiner kleinsten Flummi-Schwester Kenny oder ihrer Lieblingsfreundin Bonbon-Bentje ist zu hören.

Also, das wird ja jetzt fast unheimlich! Sind etwa Außerirdische gekommen und haben Schlafpulver über der Stadt verstreut und nur mich vergessen? Oder bin ich aus Versehen vielleicht mitten in der Nacht aufgestanden? Aber wieso ist es dann hell draußen?

Ich gucke auf meine Armbanduhr. Kurz vor zehn. Nee, also nee, wirklich! Normal ist das nicht!

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Livi_1.tifMit den Tieren bei uns zu Hause ist das wie mit uns Schwestern. Eigentlich passen die alle überhaupt nicht zusammen. Aber sie scheinen einander trotzdem zu lieben.

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Als ich aus der Haustür trete, höre ich doch ein Geräusch. Ein sehr klägliches Geräusch. Es klingt fast leidend. Und es kommt von sehr hoch oben. Ist da was auf unserem Dach? Ich gehe ein paar Schritte rückwärts und recke dabei meinen Kopf so weit nach hinten, wie ich kann.

»Wiiiihiiiiauuuuiiiiii .«

Tzzzz, wenn es Mitternacht wäre, würde ich denken, da sitzt ein Gespenst auf unserem Dach. Aber erstens gibt es keine Gespenster und zweitens ist es nicht Mitternacht.

HUPS!

Autsch!

Okay, ich hab ganz vergessen, dass Rema Blümchen im Vorgarten gepflanzt und zur Dekoration mit Steinen umrandet hat. (Na ja, die Steine sind mehr von der Sorte kleine Felsbrocken.) Mist! Hinten hab ich natürlich keine Augen.

Ich rappele mich wieder hoch, reibe mir meinen etwas schmerzenden Po und versuche zu erkennen, was genau das ist, das da auf unserem Dach hockt. Jetzt heult es nämlich nicht nur, sondern bewegt sich auch.

Aaaaah! Nun kann ich endlich das Gespenst sehen! Und muss grinsen. Denn das kleine Dachgespenst heißt Mimi und gehört seit Neuestem ebenfalls zu unserem Haushalt.

Mimi hat mich anscheinend auch entdeckt.

»Mauuuiiiiii!«, maunzt sie mir von oben aufgeregt zu und reckt ihren Hals sehnsüchtig zu mir runter.

Ich bin bestimmt kein Profi, was Katzensprache angeht, aber dass das so was wie »Hiiiilfeee!« heißt, verstehe sogar ich.

»Vorsicht!«, rufe ich automatisch zu ihr rauf.

Unser Haus ist ziemlich groß (und hoch), und die regennassen Dachziegel sind glatt. Man sagt zwar, dass Katzen gut im Fallen sind und außerdem sieben Leben haben und so, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass irgendein Tier einen Absturz aus dieser Höhe heil überstehen würde.

»Bleib, wo du bist, Mimi!«

»Mauuu!«, ruft Mimi zurück, was zum Glück schon etwas beruhigter klingt, wenn auch nicht sehr überzeugt.

Ich bin auch nicht sehr überzeugt davon, dass Dort-Oben-Bleiben auf lange Sicht eine gute Idee ist. Wie sollten wir denn ihr tägliches Fressi da hochkriegen?

Hm, im Ernst, wie kriegt man eine ausgewachsene Katze vom Dach runter?

Mimi gehört eigentlich der armen Frau Büntig, die jetzt zum Glück einen Platz in der Lauschigen Eiche gefunden hat. So ist die alte Dame nicht mehr den ganzen Tag allein, sondern unter anderen netten alten Leuten, und wird bestens versorgt. Nur ihre Mimi konnte sie leider nicht mitnehmen. Doch da schlug natürlich Iris’ gutes Herz mal wieder zu. Sie kann einfach keinen unglücklich sehen. Und mit der Lösung, Mimi bei uns aufzunehmen, war nicht nur Frau Büntig glücklich, sondern vor allem auch Kenny. (Obwohl danach Cornelius ein wenig unglücklich aussah. Aber vielleicht ist Iris gegen Cornelius immun.)

Tja, und jetzt haben wir also nicht nur Aurora, unser Huhn, sondern auch eine liebe alte Katze, die nun allerdings offensichtlich nicht mehr vom Dach runterkommt.

Wie ist sie da eigentlich raufgekommen? Ich meine, wo man raufkommt, müsste man doch auch wieder runterkommen? Okay, ganz offensichtlich weiß sie nicht mehr, wie sie da hochgekommen ist. Das arme Tier! Ob sie da schon die ganze Nacht gehockt hat, und keiner von uns hat es bemerkt?

Morgen ist Sonntag. Da kommt Frau Büntig zum Mittagessen. Macht bestimmt keinen guten Eindruck, wenn wir ihr sagen, dass wir ihre Katze auf dem Dach halten. Ich muss sie da irgendwie runterkriegen.

»Mauumauumauuiiiiiiii!«

Oh Gott, jetzt klingt sie wirklich verzweifelt. Und – Hilfe! – nun rutscht sie auch noch mit ausgestreckten Beinen und steifem Katzenbuckel auf den blöden nassen Ziegeln in meine Richtung.

STOOOOPP!

Puh! Gerade noch mal gut gegangen! Das arme Viech hat sich im letzten Moment an der Regenrinne festgekrallt! Ich fürchte, bei der alten Frau Büntig hat Mimi nicht viel Training gehabt, was das Klettern auf Dächer angeht.

Wie holt man eine Katze vom Dach? Ob ich die Polizei rufen sollte?

Pah, bringt wahrscheinlich nichts. Ich schätze, die würden sofort wieder auflegen, wenn sie den Namen Martini hören. Die haben vermutlich die Nase voll von all dem, was ständig bei uns passiert.

Vielleicht die Feuerwehr? Die ist eigentlich eher selten bei uns.

»Mauuuhauuuhuuuuuuu!«

Ich muss was tun. Jetzt sofort. Das zieht einem ja das Herz zusammen! Was, wenn Mimi wirklich abstürzt? Ich hab’s! Der Apfelbaum vor meinem Fenster! Bevor ich noch lange nachdenke, renne ich rüber und angele nach dem ersten Ast. Wenn Gregory das schafft, auf dem Baum bis zu meinem Zimmerfenster hochzuklettern, werde ich das wohl auch können!

Iiih, ist der glibschig! Der Regen ist nicht gerade hilfreich.

Nicht nach unten gucken! Ich muss Mimi retten!

Ich komme ganz gut voran. Jedes Mal, wenn ich auf einer Astgabel verschnaufe, treibt mich Mimis Maunzen wieder an. Da ist bereits mein Zimmerfenster im ersten Stock. Ich wage mal einen Blick nach oben. Brrrrr! Doch noch ein ganzes Stück! Kein Wunder, über dem Stockwerk, in dem Malea, Tessa und ich wohnen, liegen ja noch Iris’ und Cornelius’ und Kennys Zimmer. Nicht nach unten gucken!

Aber besser auch nicht nach oben gucken! Am besten nirgendwo hingucken, außer auf die Äste. Und auch nichts denken. Schritt für Schritt.

Huch? Ist das schon das Dach da neben mir? Ich bin oben? Drei Stockwerke hoch über dem Erdboden? Waaaaaah, mir wird schwindelig!!

Ruhig! Jetzt reiß dich mal zusammen, Livi!, feuere ich mich an. Schließlich liegt Hysterie nicht in unserer Familie. Okay, jedenfalls nicht in meiner Generation der Familie. (Noch deutlicher brauche ich wohl nicht werden …) Man kann meinen Schwestern ja viel vorwerfen und nerven tun sie alle mal, aber hysterisch ist keine.

Und ich werde das jetzt auch nicht. (Hiiiilfe!)

Mit zusammengebissenen Zähnen angele ich nach dem senkrecht nach unten verlaufenden Regenrohr neben mir. Auf der Verankerung, mit dem das Rohr an die Hauswand geschraubt ist, kann ich gerade einen Fuß absetzen. Sehr praktisch. Mit dem anderen Fuß versuche ich, mich gegen die Feuerleiter zu stemmen und mich so aufs Dach hochzuhieven.

Geschafft! Ich sitze keuchend auf den Ziegeln.

Moment mal! Feuerleiter? Bin ich DÄMLICH! Ich hätte ja auch auf der Feuerleiter hier hochklettern können!

Ich recke meine Nase ein winziges Stück über die Regenrinne am Dach. (Nicht abstürzen!) Nee, die Feuerleiter endet noch über meinem Fenster und reicht gar nicht bis zum Boden. Wozu, bitte, ist dann eine Feuerleiter gut? Ach so. Jetzt sehe ich, dass man die Leiter am unteren Ende anscheinend aushaken und dann auf volle Länge ausfahren kann. Aber WIE hängt man die aus? Besonders, wenn man hoch oben auf dem Dach sitzt?

Noch ein kleiner gewagter Blick nach unten. (Hui! Ich muss wirklich aufpassen, dass ich nicht das Gleichgewicht verliere.) Ähm … wie bin ich eigentlich hier hochgekommen? Der Baum scheint unerreichbar weit weg zu sein. Schon beim Gedanken daran werden mir die Knie weich. Toll! So viel zum Thema: Wenn man raufkommt, sollte man auch wieder runterkommen.

Wups – da schubst mich was! Och, Mimi, du armes kleines tropfnasses Wesen!

Die arme Socke hat sich langsam an mich rangeschlichen und reibt jetzt dankbar ihr triefendes Fell an meinem – na gut, ebenfalls fröhlich triefenden – T-Shirt. Ich kraule sie sanft im Nacken. Zum ersten Mal lässt das verschüchterte Tierchen ein winziges Schnurren hören. Ich befürchte, dass sie tatsächlich die ganze Nacht hier oben war. Scheint ziemlich unmöglich zu sein, hier wieder runterzukommen. Arme, kleine Mimi!

Ach du dickes Hühnerei – arme kleine LIVI!!! Ich sitze jetzt ja ebenfalls hier fest!

Wo ist denn eigentlich mein Handy? Hektisch wühle ich in meinen Hosentaschen.

Na, wunderbar. Natürlich in meinem Zimmer. Ach, ehrlich, Handys sind wie Jungs. Wenn man sie mal braucht …!

»GREGORY

Hups, das ist mir einfach so rausgerutscht. Sozusagen als Reflexreaktion. Aber wo ich schon den allerschönsten Ausblick auf sein Haus habe, könnte er dort jetzt doch wenigstens mal herausspazieren. Und mich und Mimi retten.

Bilde ich mir das nur ein oder wird der Regen gerade noch doller? »GREEEEGORYYYYY

Unten auf dem Gehweg der Kastanienallee gehen zwei Gestalten vorbei – dicht unter ihre Regenschirme geduckt.

»GREGORRRYYYYYY!« Wie taub ist der Kerl eigentlich? Das müsste der doch hören, wenn er im Haus ist?

Die beiden Gestalten unten heben erst ihre Schirme und dann ihre Köpfe. Einen Moment lang glotzen sie mich an, als hätten sie noch nie ein dreizehnjähriges Mädchen mit einer nassen Katze im Arm bei Hammerregen auf einem Dach sitzen sehen! Echt! Ich sollte denen einfach die Zunge rausstrecken.

Ach, schönes Ding! Es ist natürlich die Frau vom Bürgermeister, die am anderen Ende unserer Straße wohnt, mit noch einer anderen Frau. Vermutlich genauso eine Klatschtante wie Frau Bürgermeister selbst. Trotz des Regens kann ich hier oben klar und deutlich hören, wie sie ihrer Begleitung zuraunt: »Tu einfach so, als hättest du sie gar nicht gesehen! Das ist nur eine von den Martini-Mädchen, du glaubst nicht, was bei denen alles …!«

Super! In etwa zwölf Minuten wird der ganze Ort Bescheid wissen. Ist das peinlich! Ich kann nur beten, dass mich Frau Bürgermeister nicht mit Namen kennt. Vielleicht hält sie mich ja für Tessa?

Nein, schade, das ist wohl ziemlich unwahrscheinlich. Jeder, der Tessa nur allerflüchtigst kennt, weiß, dass sie NIEMALS auch nur einen abgebrochenen Fingernagel riskieren würde, um einer Katze in Not zu helfen. Selbstverständlich würde sie die Katze auch nicht im Stich lassen. Meine Schwester ist ja kein Unmensch, sondern immerhin meine Schwester! Nein, Tessa würde einfach die (für sie) einfachste Lösung wählen. Bei ihrem Glück würde nämlich garantiert genau im richtigen Moment ein – natürlich extrem gut aussehender – Hubschrauberpilot mitsamt seinem Fluggerät vorbeikommen, dem sie mit ihren meterlangen Wimpern in der Geschwindigkeit von Kolibri-Flügeln nur ein wenig zuklimpern bräuchte, um ihn auf sich und die Notlage aufmerksam zu machen. Und nur ein kleines himmelverzauberndes Lächeln später würde der arme Kerl auch schon loshubschraubern und Mimi in Sekundenschnelle vom Dach retten. Bloß, um von Tessa mit einem weiteren Lächeln belohnt zu werden.

Ich gucke missmutig zu den dunklen Wolken hoch. Kein Hubschrauber in Sicht. Nicht mal ein hässlicher Pilot, der vom Himmel fällt. Dafür tropft mir der Regen jetzt sogar in die Nasenlöcher rein. Schnaub!

Noch mal laut nach Gregory zu brüllen, traue ich mich nicht mehr. (Schlimm genug, dass ich in einer Familie lebe, in der ständig solche Sachen passieren! Da hat die Tratschtante-Bürgermeistergattin nicht ganz unrecht. Ach, womit habe ich das bloß verdient?)

Großartig, jetzt fange ich vor Nässe auch noch an zu frieren.

Trübe starre ich abwechselnd beide Seiten der Kastanienallee entlang. Und wäre beinahe leichtsinnig aufgesprungen – denn: hurra! Da hinten kommt Kenny mit ihrem kleinen Puppenwagen angeschoben. Die Rettung! Und das neben ihr ist bestimmt Bonbon-Bentje. Typisch Kenny, morgens im Regen mal ne Runde spazieren zu fahren!

»KENNY!«, rufe ich erleichtert (etwas weniger laut als vorhin) und schwenke meine Arme. »KE-NNY! Hier! Auf dem DA-HACH

»Hihihi, Liviiiiii!«, quietscht Kenny giggelnd, als sie mich endlich entdeckt, und winkt fröhlich zurück. »Was machst du denn da OBEN

Also, was ist das denn für ne superblöde Frage!

»Ich spiele ein bisschen mit Mimi«, gebe ich grummelnd zurück. (Kenny soll endlich Hilfe holen!) »Das siehst du doch!«

Genau in diesem Moment prasselt der Regen los, als hätten sie oben in den Wolken einen Gartenschlauch exakt auf unser Haus gerichtet. Ich kann gerade noch sehen, wie Kenny mir noch mal zuwinkt und dabei eilig weiterläuft. Und hat sie da eben »Dann viel Spaß noch!« gerufen?

»Huhuuu, Liviii!«, ruft Bentje auch schnell noch höflich hoch.

»KENNY! Bentje! Bleibt HIIIIER!« Ich halte meine Hand schützend vor meine Augen. Die Tropfen knallen wie kleine Steinchen auf Mimi und mich runter.

»Kann nicht!«, brüllt meine siebenjährige Schwester im Laufen zurück, eifrig darauf bedacht, dass ihr Puppenwagen im Gras des Vorgartens nicht umkippt. (Vermutlich sitzt Aurora drin.) »Wir müssen rein, Livi. Es regnet voll doll, merkst du das nicht?«

Und weg sind die beiden. Fasst man es!

Wenigstens lässt der Regen wieder etwas nach.

Und hört jetzt sogar ganz auf.

Aber ich sitze immer noch hier.

»Mauiiii?«, macht Mimi neben mir.

Beruhigend streiche ich ihr über den Rücken. »Mach dir keine Sorgen, Mimilein! Uns kommt bestimmt gleich jemand retten. GANZ bestimmt! Es muss ja bloß irgendwer die Feuerleiter ausklappen.«

Doch wer? Die Kastanienallee ist ausgestorben wie nachts um vier.

Halt! Jetzt rauscht ein Taxi an und hält direkt vor Walter Walbohms Haus. Und im gleichen Moment geht auch schon bei Walter die Tür auf. Oh, Walter! Ein Glück!

Gerade will ich schon losbrüllen und lehne mich deswegen ein Stückchen vor, als ich erst einen dicken Koffer sehe und dann Iris, die sich hinter dem Koffer durch Walters Haustür nach draußen schiebt. Dicht gefolgt von Rema, die ebenfalls einen Koffer in der Hand hat.

Taxi? Koffer?? Wollen Iris und Rema verreisen??? Es sind doch gar keine Ferien. Wir haben ja alle noch Schule. Hab ich irgendwas nicht mitgekriegt?

Ich bin so perplex, dass ich meinen bereits geöffneten Mund wieder zuklappe, zurück auf die nassen Ziegel sinke und nur still beobachte.

»Vielen Dank, mein Lieber!«, sagt Rema unten vor Walter Walbohms Haus.

Sie umarmt ihn und gibt ihm einen Kuss. Auf den Mund!

Tss, ich weiß ja, dass Rema und unser supernetter Nachbar seit einiger Zeit ein Paar sind. Aber das mit eigenen Augen zu sehen, fühlt sich doch irgendwie komisch an. Vor uns küssen sie sich sonst nämlich nicht.

»Wir sind bald wieder da!« Walter kriegt noch einen zweiten Kuss von Rema. Diesmal auf die Wange. »Pass ja auf, dass du was Anständiges isst!«

Walter grinst wie ein kleiner Junge. »Nun macht schon, dass ihr wegkommt! Das Taxi wartet.«

»Wiedersehen, Walter!« Jetzt wird er auch von Iris gedrückt und sieht dabei aus wie ein etwas steifer Teddybär mit hilflosem Lächeln im Gesicht. »Und lass dich bloß nicht von den Wilden bei uns im Haus zum Arbeiten erpressen! Die müssen selbst sehen, wie sie klarkommen. Das wird ihnen eine Lehre sein!«

Walter zieht eine kleine Grimasse. Sehr glücklich sieht er nicht aus. Auch wenn er immer noch lächelt.

»Nun aber los mit euch!«, drängt er noch mal. Abschiede liegen ihm anscheinend nicht.

Und bevor das verwirrte Rattern in meinem Hirn auch nur den klitzekleinsten Sinn aus dieser Szene quetschen kann, sind Rema und Iris bereits im Taxi verschwunden.

»Ooooooh …«, entfährt es mir, als ich dem Wagen zusehe, wie er die Straße runterbraust. Ein immer kleiner und kleiner werdender Punkt. Bis ich nicht mal mehr den erkennen kann. Leicht geschockt starre ich trotzdem weiter auf die Stelle, an der das Taxi im Gewirr der Stadt verschwunden ist.

»Mauuiiii?«, macht Mimi neben mir und kuschelt sich an mich, so gut man eben auf rutschigen Dachziegeln kuscheln kann.

Ich schmiege meinen Kopf in ihren Nacken und lasse den Blick über die restliche Stadt schweifen. In Gedanken verloren kraule ich Mimis nasses Fell.

Aus weiter Ferne dringt das Rauschen der Autos leise an mein Ohr. Die tausend Dächer der Stadt liegen vor mir wie ein bunter Flickenteppich. Zwischen den roten Häuserspitzen lugt hier und da das Grün eines Gartens durch. Ganz hinten am Horizont schimmern die dunklen Töne des Flusses wie ein breites grün-grau-blaues Band. Ich kann sogar ein paar bunte Boote erkennen. Der Ausblick von so hoch oben ist einfach grandios.

Trotzdem muss ich ganz, ganz tief ausatmen. Als lägen nicht nur drei Stockwerke zwischen mir und der sicheren Erde, sondern auch ein scheußlicher Stein auf meiner Seele. Ich hab nicht mal mehr Lust, laut nach Hilfe zu schreien.

Iris und Rema sind einfach weggefahren. Mit Koffern. So, als gingen sie auf eine lange Reise. Und sie haben uns nicht mal Bescheid gesagt. Oder haben sie bloß mir nicht Bescheid gesagt?

Ein letzter Regentropfen landet auf meiner Nase. Möglichweise ist es aber auch Vogelpipi, denn zwischen den dunklen Wolken bricht gerade die Sonne durch … Was soll’s! Drüben bei Walter Walbohm höre ich die Haustür zufallen, und unter mir in der dicken Hecke zu Walters Grundstück fangen ein paar Spatzen an, sich lautstark zu balgen.

Ich seufze still. Nur für mich.

Ich weiß nicht, ich fühle mich plötzlich … irgendwie … sehr allein.