eBook-ISBN 978-3-649-62203-1

© 2015 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text: Ana Jeromin

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Umschlaggestaltung: Elsa Klever

Lektorat: Kristin Overmeier

Satz: Sabine Conrad, Rosbach

Das Buch erscheint unter der ISBN: 978-3-649-61687-0

www.coppenrath.de

eBook-Produktion: book2look Publishing 2015

Für Jule und Sabine

Irgendwo in Südamerika, vor langer, langer Zeit …

Der Tag, an dem das Unglück geschah, war sonnig und klar. Ein leichter, frischer Sommertag, der nichts Böses ahnen ließ.

Die Mädchen spielten unten am Fluss. Amaia konnte ihr Lachen und Kreischen bis in die Wohnstube hören. Sie hatte die beiden nach draußen gescheucht, damit sie ihr bei der Hausarbeit nicht zwischen den Füßen herumtobten. Aber wenn sie über die Veranda hinwegblickte, sah sie Sols neuen roten Seidenschal von Weitem in der Sonne leuchten. Ein sanfter Wind blies durch die weit geöffneten Fenster und trieb Sand und Staub aus den dunklen Ecken.

Amaia summte beim Fegen fröhlich vor sich hin. Es war Sols fünfter Geburtstag. Alle Verwandten würden kommen, selbst die aus Buenos Aires, denn es sollte ein großes Fest geben. Den ganzen Vormittag lang hatte Amaia gekocht und gebacken, Sols Lieblingsessen und vier verschiedene Kuchen, alles zu Ehren ihrer kleinen Prinzessin. Das ganze Haus duftete nach Gebäck und gebratenem Fleisch. Jetzt fehlten nur noch ein auf Hochglanz poliertes Wohnzimmer und die festliche Dekoration.

Amaia war so vertieft in ihre Planungen und die Vorfreude, dass ihr erst nach einer ganzen Weile auffiel, wie still es draußen geworden war. Stille war selten, wenn Sol und Luisa spielten – es sei denn, sie führten etwas im Schilde. Was heckten diese frechen Mädchen nur wieder aus?

Sie stellte den Besen in die Ecke und trat auf die Veranda hinaus. Von der Tür ihres kleinen Hauses konnte man ungehindert bis zum Fluss hinuntersehen.

Die Bucht war leer. Nur noch der rote Schal lag ordentlich zusammengefaltet unter einem Stein und flatterte im leichten Wind. Und der Urwald am anderen Ufer schwieg.

Der Tag, an dem das Unglück geschah, war sonnig und klar. Doch in Amaias Erinnerung würde der Tag, an dem sie ihre Kinder verlor, für immer grau und verregnet sein.

Die Stadt der tausend Lieder

»Du hast den Stadtplan nicht ernsthaft im Hotel liegen lassen!«

Marja drehte die Lautstärke ihres MP3-Players noch etwas höher. Begleitet von Schlagzeug und hüpfenden Gitarrenmelodien, sang die spanische Sängerin nun lauter, als ihr Vater sich beschweren konnte.

A volar cometas por el cielo … como el sol, como el mar …

»Wieso ich? Ich habe dich doch noch gefragt, ob du ihn eingesteckt hast, und du hast Ja gesagt!«

Die Verteidigung kam von ihrer Mutter. Ihre Stimme war heller und drang aufgeregt durch die Musik. Marja drückte die Stöpsel des Kopfhörers fester in die Ohren und starrte aus dem Zugfenster. Entlang der Bahnstrecke zog sich seit einer ganzen Weile das Meer weit und glitzernd dahin und spiegelte den blitzblauen Himmel. Das Rattern und Schaukeln des Zuges passte perfekt zum Takt der Musik. La Oreja de Van Gogh hieß die Band. Marja konnte zwar kein Spanisch, aber sie hatte das Album anlässlich ihres Spanienurlaubs von Tante Lena geschenkt bekommen und sich sofort in die fröhlichen Melodien verliebt. Den ganzen Urlaub schon hörte sie sie auf ihrem neuen MP3-Player rauf und runter, ob nun am Strand des Hotels in Calella, wo sie für zwei Wochen eine Familiensuite gebucht hatten, bei abendlichen Promenadenbummeln oder eben auf Ausflügen wie diesem – nach Barcelona, die Hauptstadt Kataloniens. Inzwischen konnte Marja alle Lieder auswendig mitsingen, obwohl sie kein Wort verstand.

Y dibujar mi nombre sobre el suelo … como el sol, como el mar …

»Maaarjaaa! Mir ist langweilig!«

Das war ihre kleine Schwester Paulina. Ihre Stimme setzte sich gegen die Musik am besten durch. Sechs Jahre alt und schon so eine ausgewachsene Nervensäge. Marja tat, als hätte sie nichts gehört.

»Du warst doch der Letzte im Zimmer! Hättest du nicht noch mal auf den Nachttisch gucken können?«

Wieder ihre Mutter. Marja verdrehte die Augen und riss sich widerwillig vom Meer draußen los. »Holt euch doch einfach in der Touristeninformation einen neuen Plan! So was wird es in Barcelona ja wohl geben.«

Für einen Moment waren ihre Eltern sprachlos. Ihre Mutter warf ihrem Vater einen Blick zu, der deutlich sagte: Von mir hat sie diese Besserwisserei nicht!

»Du könntest auch mal ausnahmsweise diese Stöpsel aus den Ohren nehmen und dich um deine Schwester kümmern, Fräulein«, erklärte sie dann spitz.

Paulina zupfte nachdrücklich am Ärmel von Marjas Shirt. »Liest du mir Xander und Sally vor!« Wie immer stellte sie ihre Frage so, dass sie wie ein Befehl klang. Dabei wedelte sie mit einem pinken Bilderbuch: Hänsel und Gretel mit Filly-Einhörnern und einer Menge Glitzer. Marja unterdrückte ein Stöhnen. Zu spät fiel ihr ein, dass sie jetzt nicht mehr so tun konnte, als würde sie über der lauten Musik nichts mitbekommen. Hätte sie sich doch bloß nicht eingemischt! Aber es war einfach zu anstrengend, um nichts dazu zu sagen. Diese Streiterei und der Stress, viel schlimmer als zu Hause! Dabei sollte das doch Urlaub sein …

Trotzig nahm sie einen Kopfhörerstöpsel aus dem Ohr und ließ den anderen, wo er war. »Das haben wir schon tausendmal gelesen, Paulina. Außerdem ist das eine dumme Geschichte. Sich erst im Wald verlaufen und dann auf eine Hexe reinfallen – wie blöd kann man sein?«

»Marja!«, zischte ihre Mutter wütend.

»Ist doch wahr«, murmelte Marja störrisch.

Paulina sah sie währenddessen aus großen Augen an und schob die zitternde Unterlippe vor. Jede Sekunde würde sie anfangen zu heulen. »Mama! Marja hat gesagt …«

»Wir sind doch sowieso gleich da«, unterbrach Marja sie schnell, ehe ihre Schwester richtig losplärren konnte. Sie deutete auf den Bildschirm an der Rückwand des Waggons, wo ein roter Punkt blinkend die Haltestellen anzeigte. »Siehst du, nur noch drei Stationen bis zur Plaça de Catalunya. Das lohnt sich doch gar nicht.«

Damit steckte sie sich den zweiten Stöpsel wieder ins Ohr, drehte sich zurück zum Fenster und stellte die Musik so laut, dass es fast wehtat. Aber so musste sie wenigstens nicht zuhören, wie ihre Mutter Paulina besänftigte, die trotz allem zu flennen und zu schluchzen angefangen hatte, und ihr natürlich doch aus Xander und Sally vorlas.

Das Meer war inzwischen hinter einer Biegung verschwunden und sie fuhren zwischen Palmen und geduckten Häusern aus Sandstein hindurch. Noch drei Stationen, dachte Marja sehnsüchtig, dann kam sie endlich aus diesem stickigen Abteil heraus, und ihre Familie hatte hoffentlich endlich andere Dinge im Kopf, als sich gegenseitig zu stressen.

Und als hätten der Zug und die Musik ihre Gedanken gehört, verschluckte mit dem nächsten schmetternden Refrain die Dunkelheit eines Tunnels das Sonnenlicht, und sie fuhren hinein in das unterirdische Gleisnetz von Barcelona.

Das Erste, was Marja von der Hauptstadt Kataloniens hörte, nachdem sie aus dem Zug gestiegen waren, war Musik – und das, obwohl sie ihren MP3-Player widerstrebend ausgeschaltet hatte, als sie den Bahnhof erreichten. Ein lang gestreckter Gang, gekachelt wie ein Schwimmbad und übersät mit zahllosen Graffitis, brachte sie und ihre Familie zu der schmalen Treppe, die zurück in die oberirdische Welt führte. Straßenmusiker mit Gitarren und Panflöten saßen in diesem Gang und füllten ihn mit sommerlichen Melodien. Am liebsten wäre Marja stehen geblieben, um den jungen Männern ein wenig zuzuhören. Daheim in Deutschland hatte sie ein Klavier, auf dem sie leidenschaftlich gern spielte. Jetzt aber bekam sie richtig Lust, auch noch Gitarre zu lernen, damit sie sich irgendwann auch einmal in so einen Tunnel stellen und musizieren konnte. Aber ihre Mutter, Paulina fest an der Hand, drängte sie weiter, eisern entschlossen, so schnell wie möglich die Touristeninformation aufzusuchen, egal wie traurig Marja das auch fand.

Glücklicherweise erkannte sie schnell, dass es keinen Grund gab, an ihrer Enttäuschung festzuhalten. Barcelona, das wusste sie von der ersten Sekunde, als eine steile Rolltreppe sie zurück ins strahlende Licht der Nachmittagssonne beförderte, war eine Stadt der Lieder. Die Millionen plappernder Stimmen, die Autos, das Klingen der Gläser und Teller in den zahlreichen Restaurants und der Wind in den Bäumen entlang der Ramblas, der berühmten Flaniermeile Barcelonas, vereinten sich zu einem lebhaften, wunderbaren Konzert. Marja atmete tief ein und genoss das prickelnde Gefühl, das sie bei dem Klang durchströmte. Sie war noch nie in so einer großen Stadt gewesen. Und Barcelona, das spürte sie, war ganz und gar verzaubert.

»Maaarjaaa!« Paulina brach den Zauber, wie nur kleine Schwestern es können: völlig rücksichtslos. »Marja, komm jetzt!« Sie winkte Marja ungeduldig zu. Und tatsächlich war ihre Familie schon einige Schritte voraus, ohne dass Marja es bemerkt hatte.

»Musst du immer so trödeln?«, beschwerte sich ihre Mutter. »Wir verlieren dich noch!«

»Bin ja schon da«, murmelte Marja genervt und beeilte sich, zu ihnen aufzuschließen. Wie viel schöner wäre es, wenn sie allein hier wäre! Dann könnte sie Barcelona auf eigene Faust erkunden. Die machten mit ihrer Hektik einfach alles kaputt. Aber mit solchen Ideen, das wusste sie, brauchte sie ihren Eltern gar nicht erst zu kommen. Es hätte nur wieder zu einer Diskussion geführt, was einem zwölfjährigen Mädchen zuzutrauen war und was nicht. Und bei solchen Diskussionen zog Marja immer den Kürzeren.

So trottete sie, nachdem ihr Vater endlich mit den Händen voller Pläne und Broschüren aus der Touristeninformation gekommen war, ziemlich lustlos hinter ihren Eltern her – und hinter Paulina, die alle fünf Schritte quengelte, dass ihr die Füße wehtaten, ihr zu heiß oder die Sonne zu hell war oder dass sie unbedingt ein Eis wollte.

Aber allzu lange konnte Marja ihre miese Stimmung dann doch nicht aufrechterhalten. Die Stadt und ihre Musik, die sich mit jedem Schritt veränderte, lenkten sie zu sehr ab und ließen sie den Ärger auf ihre Familie schon bald völlig vergessen.

Nachdem sie eine Weile über den Passeig de Gracia gebummelt waren und in einem hübschen kleinen Café tatsächlich noch ein Eis gegessen hatten, machte sich die Familie auf den Weg die Ramblas hinunter in Richtung Meer. Auch auf der Flaniermeile gab es alle paar Meter etwas Neues zu bestaunen: Jungen, die Zaubertricks vorführten, bunte Stände voller Blumen, Zeitschriften und Andenken und Männer mit ockerfarbener Haut, die seltsam klingende Pfeifen verkauften. Und Musiker. Überall Straßenmusiker jeden Alters. Marja entdeckte sogar zwei Mädchen, die nicht älter sein konnten als sie selbst. In weißen Sommerkleidern standen sie auf einem kleinen Podest, hielten sich bei der Hand und sangen mit zarten Stimmchen ein spanisches Lied, das wie ein Schlaflied für Kinder klang.

Schon bald wusste Marja kaum noch, wo sie als Nächstes hinschauen sollte, und auch ihre Ohren kamen kaum nach, all die vielen neuen Geräusche aufzunehmen. Fasziniert blieb sie schließlich vor einer Figur auf einem Sockel stehen, um die sich eine große Menschentraube gebildet hatte. Marja hatte zunächst geglaubt, eine Bronzestatue vor sich zu haben. Doch plötzlich bewegte sich die Frau mit den Engelsflügeln, warf eine Kusshand in die Menge und lächelte strahlend, ehe sie wieder zu völliger Reglosigkeit erstarrte.

Marja blieb der Mund offen stehen. Hatte der Engel sich gerade wirklich bewegt? War das etwa ein Mensch? Sie sah genauer hin in der Hoffnung, die Statue noch einmal zucken oder wenigstens blinzeln zu sehen. Vergeblich. Sie rührte sich nicht.

In diesem Moment stupste jemand Marja in die Seite und sagte etwas auf Spanisch. Verwirrt sah sie sich um und blickte in das breit grinsende Gesicht eines Jungen. Er mochte etwa in Marjas Alter sein, vielleicht ein bisschen älter – dreizehn oder vierzehn vielleicht –, hatte mokkafarbene Haut, dunkelbraune Augen und wuschelige pechschwarze Haare. Sein Grinsen war so ansteckend, dass Marja es erwidern musste, ob sie wollte oder nicht.

»Entschuldigung, was hast du gesagt?«, fragte sie.

Der Junge wiederholte den Satz und deutete dabei auf Marjas Füße. Sie folgte seinem Fingerzeig mit den Augen und begriff. Ihr Schnürsenkel war offen!

»Oh.« Sie lächelte den Jungen an. »Danke.«

Der Junge lachte. »Biiitteschohn«, antwortete er, offensichtlich enorm glücklich darüber, dass er etwas auf Deutsch hatte sagen können. Dann griff er in seine abgetragene Umhängetasche und holte einen Zweig mit kleinen, dicken Blättern und winzigen hellvioletten Blüten hervor. »Hier. Geschenk.«

Marja nahm den Zweig vorsichtig entgegen, der einen feinen, aromatischen Duft an den Fingern hinterließ. »Danke«, sagte sie noch einmal.

Der Junge zuckte grinsend mit den Schultern und nickte. »Okay! Tschuuss!«

Damit wandte er sich ab und verschwand in der Menge, schneller, als Marja sich hinknien konnte, um ihren Schuh wieder zuzubinden.

»Hast du den gesehen, Mama?«, fragte sie von unten an die Beine gewandt, die neben ihr standen. »Der war ja witzig!«

Aber sie bekam keine Antwort.

»Mama?«, fragte Marja noch einmal etwas lauter, hob den Kopf – und stellte fest, dass sie mit den falschen Beinen gesprochen hatte. Sie gehörten einer dunkelhaarigen Frau, die verständnislos auf sie herunterlächelte.

»Sorry«, murmelte Marja eine Entschuldigung auf Englisch und wandte sich um in der Hoffnung, ihre Mutter auf der anderen Seite zu entdecken. Doch auch dort stand nur ein fremder Mann. Und als Marja sich daraufhin verwundert wieder aufrichtete, sich um ihre eigene Achse drehte und nach allen Seiten Ausschau hielt – da wurde ihr mit einem Mal bewusst, dass nicht nur ihre Mutter von ihrem Platz direkt neben ihr verschwunden war.

Ihre ganze Familie war weit und breit nirgendwo zu sehen.

Verloren

Als Marja endgültig begriff, dass sie in dieser riesigen, fremden Stadt allein war, wurde ihr zuerst sehr heiß. Dann wurde ihr kalt, ganz tief drin, wo ihr Magen saß. Und dann, nachdem sie ein paar Schritte hin und her gerannt und sogar auf einen Blumenkübel geklettert war, um fieberhaft nach ihren Eltern und Paulina Ausschau zu halten, wurde ihr schlecht.

Cool bleiben, versuchte sie sich verzweifelt selbst zu beruhigen und ließ sich mit zittrigen Beinen auf den Rand des Blumenkübels sinken. Nur die Ruhe bewahren, Marja. Sie haben eben noch neben dir gestanden und sich die Engelsfrau angeschaut. Sie können gar nicht weit sein. Ruf sie einfach an, dann holen sie dich ab.

Ja, anrufen, das war sicher das Beste, was sie tun konnte. Wenn ihre Mutter das Klingeln nur hörte! Und hoffentlich hatte sie daran gedacht, ihren Akku aufzuladen … Nervös tastete Marja in ihrer Umhängetasche nach dem Handy – und griff ins Leere. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten machte ihr Herz einen Satz vor lauter Schreck. Das konnte doch nicht wahr sein!

Sie riss den Reißverschluss so weit wie möglich auf und starrte in den leeren Beutel – der davon aber natürlich nicht weniger leer wurde. Es war weg. Alles. Das Handy, ihr MP3-Player und auch die kleine Geldbörse mit ihrem Urlaubsgeld. Marja musste nicht zweimal überlegen, wie das passiert war. Der grinsende Junge! Er hatte sie mit dem offenen Schnürsenkel abgelenkt, während ein Komplize ihre Sachen geklaut hatte. So etwas geschah in großen Städten, wo viele Touristen waren, angeblich ständig. Marja konnte gar nicht zählen, wie oft ihr Vater sie alle ermahnt hatte, gut auf ihre Sachen achtzugeben. Und wie sehr er dagegen gewesen war, dass Marja ihr Geld selbst bei sich trug, klang ihr auch noch deutlich in den Ohren. Aber dass sie tatsächlich bestohlen werden könnte, das hatte Marja doch nie geglaubt! Und dass ihr dabei noch viel mehr verloren gehen könnte als ihr Handy und ein paar Euro, das erst recht nicht. Denn jetzt wusste sie überhaupt nicht mehr, wie sie ihre Familie wiederfinden sollte.

Vergeblich versuchte Marja, die aufsteigende Panik in den Griff zu bekommen und die Tränen, die ihr in den Augen brannten, hinunterzuschlucken. Sie musste nachdenken. Irgendetwas musste ihr doch einfallen! Was hatte ihr Vater vorhin gesagt? Was wollten sie sich ansehen? Das Barrio Gótico? So oder so ähnlich musste es heißen. Wahrscheinlich eine Kirche oder so was. Was auch immer es war, wenn ihr jemand den Weg dorthin erklären konnte, würde sie ihre Eltern und Paulina dort sicher finden! Nur wen sollte sie fragen?

Verzweifelt sah Marja sich nach allen Seiten um. Die Stadt war voller Menschen, vor allem voller Touristen. Da musste doch jemand darunter sein, den sie auf Deutsch oder wenigstens Englisch ansprechen konnte. Und die Urlauber hatten bestimmt auch Stadtpläne, auf denen sie ihr den Weg zeigen konnten – wie es ihr Vater getan hätte, wenn ihn ein verlorenes Mädchen um Hilfe gebeten hätte … Bei diesem Gedanken drückten die Tränen erneut gegen Marjas Augenlider, aber sie drängte sie tapfer zurück. Los, dachte sie und zwang sich, von dem Blumenkübel aufzustehen, obwohl ihre Beine immer noch so zittrig waren, dass sie das Gefühl hatte, kaum laufen zu können. Das kann doch nicht so schwer sein!

Entschlossen machte sie ein paar wackelige Schritte auf ein junges Paar zu, das an einem Stand mit Andenken und Blumen entlangbummelte und mit den blonden Haaren und den riesigen Sonnenbrillen wohl aus Deutschland stammen konnte.

»Entschuldigung?« Marja räusperte sich. »Ich suche das Barrio Gótico. Können Sie mir vielleicht helfen?«

Die Frau drehte sich zu ihr um und griff nach dem Arm ihres Begleiters. »Mon Dieu!«, rief sie, und Marja konnte sehen, dass sie die Situation sofort begriffen hatte. Darauf folgte ein wahrer Wortschwall, von dem Marja nicht ein Wort verstand.

Hilflos schüttelte sie den Kopf. »Entschuldigung, aber ich spreche kein Französisch …«

Die Frau schlug die Hand vor den Mund. »Pardon, pardon, chérie!« Dann deutete sie gestenreich in Richtung einer schmalen Straße, die ein paar Meter weiter von den Ramblas wegführte, und versuchte es mit gebrochenem Englisch. »Barrio Gótico? Not far, little lady, not far. Barrio Gótico, there! Down the street. No worry. Dooown this little street. Okay?«

Marja atmete erleichtert auf. Ihr Englisch war nicht besonders gut, aber das hatte sie zum Glück verstanden. Nicht weit, nur die Straße runter. Das war zwar keine besonders genaue Beschreibung, aber es klang auch nicht so, als wäre dieses Barrio Gótico schwer zu finden. Sie bedankte sich höflich und ließ sich von der fremden Frau geduldig durch die ohnehin zerzausten Locken streicheln.

»No worry, chérie«, wiederholte die Französin. »All will be good.«

Marja nickte tapfer. Ja, alles würde gut werden. Es musste einfach gut werden. Wenn sie bloß schnell dieses Barrio Gótico fand. Also marschierte sie entschlossen los, über die Straße hinweg, die die Ramblas von den Häusern trennte, und hinein in die Gasse, die die Frau ihr gezeigt hatte.

Sie hatte kaum den Menschenstrom hinter sich gelassen, als sich das Gesicht der Stadt ein weiteres Mal veränderte. Die Straße führte sie entlang einer Reihe von hohen Gebäuden, vorbei an etlichen winzigen Geschäften, die vollgestopft waren mit Krimskrams aller Art. Schon nach wenigen Metern entdeckte Marja einen Wegweiser, offensichtlich für Touristen aufgestellt, der mehrere Sehenswürdigkeiten auswies – unter anderem das Barrio Gótico. Sofort fühlte sie sich etwas sicherer, und ihr war auch kaum mulmig dabei, die Straße für eine noch schmalere Gasse zu verlassen, die schon bald eine weitere kreuzte und Marja weiter und weiter in ein verwinkeltes Netz hineinführte.

Zwischen den Häusern war es deutlich kühler als auf den Ramblas. Die hohen Gebäude schienen sich über die Gasse hinweg zueinander hin zu neigen, als wollten sie sich etwas zuflüstern. Staunend betrachtete Marja die unzähligen von Schlingpflanzen überwucherten Balkone und die Wäscheleinen, die von einer Straßenseite zur anderen aufgespannt waren. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass hier wirklich ganz normale Leute wohnten, denn dazu wirkte dieses Viertel viel zu magisch. Alles schien von einem staubigen Goldschimmer bedeckt und selbst das Sonnenlicht wirkte gedämpft.

Marja folgte einer Gruppe chinesischer Touristen, die eifrig die hohen Gebäude fotografierten, und gelangte schließlich auf einen kleinen Platz. Vor einer der vielen Kirchen, die sich in diesem Viertel versteckten, hatten ein paar Cafébesitzer ihre Tische und Stühle aufgestellt. Und wie bei jeder Kirche, jedem Platz und imposanten Gebäude, an denen sie bisher vorbeigekommen war, keimte in Marja augenblicklich die Hoffnung auf, dies könnte nun endlich das Barrio Gótico sein. Doch auch diesmal wurde sie enttäuscht. Basílica dels Sants Màrtirs Just i Pastor stand auf einer kleinen Tafel. Wieder nichts.

Ernüchtert blieb Marja stehen und sah sich um. Nun wurde ihr auch bewusst, dass sie schon länger kein Schild mehr gesehen hatte, das ihr die Richtung wies. War sie hier überhaupt noch richtig? Wo war dieses Barrio Gótico denn nun? Die Französin hatte doch gesagt, es sei gar nicht weit!

Vielleicht, meldete sich ein zaghaftes Stimmchen in ihrem Hinterkopf zu Wort, hättest du doch noch jemand anderen fragen sollen? Marja biss sich auf die Unterlippe. Ja, das wäre vermutlich klug gewesen. Doch das Vertrauen in ihre Mitmenschen hatte durch den Zwischenfall mit dem Dieb einen nicht unbeachtlichen Knacks erlitten. Marja hatte das Gefühl, als könnte jeder einzelne Mensch um sie herum genauso gut ein Verbrecher sein. Sie schüttelte sich innerlich. Aber sie hatte keine andere Wahl, oder? Allein würde sie von hier aus nicht weiterfinden.

Ehe sie noch lange grübeln konnte, fasste sie sich ein Herz und trat auf eine Gruppe einheimisch aussehender Mädchen zu, die im Schatten eines Orangenbaumes hockten und ein Eis aßen.

»Äh«, stammelte sie. »Entschuldigung … Barrio Gótico? Wo ist das?«

Die Mädchen schauten sie verdutzt an. Zwei von ihnen begannen zu kichern und am liebsten hätte Marja sich gleich wieder umgedreht. Die Dritte aber lächelte und schien, wenn auch nicht verständnisvoll, dann doch wenigstens freundlich zu sein. »Barrio Gótico? Aquí«, sagte sie und machte eine weit umfassende Bewegung mit den Armen. »Estás dentro.«

Verwirrt sah Marja sich um. Aquí? Was meinte sie denn bloß damit?

Jetzt stand das Mädchen auf und drehte sich mit ausgestrecktem Arm einmal im Kreis, was seine Freundinnen zu einem erneuten Lachanfall veranlasste. »Barrio Gótico«, sagte sie mit Nachdruck und grinste breit. » Tooooodo eso.«

Marja starrte sie an, noch genauso verwirrt wie vorher.

Doch dann, ganz langsam, begann sie zu begreifen, und das Herz rutschte ihr in die Hose. Sie hatte sich geirrt! Und wie sie sich geirrt hatte! Das Barrio Gótico war keine Kirche, kein Gebäude oder Platz oder eine andere Sehenswürdigkeit. Es war das Stadtviertel, durch das sie die ganze Zeit lief! Marja hatte das Gefühl, innerhalb weniger Sekunden etliche Zentimeter zu schrumpfen. Sie war umsonst hergekommen. Hier herumzulaufen, um ihre Familie wiederzufinden, war völlig sinnlos! Da hätte sie genauso gut auf den überfüllten Ramblas bleiben können. Wie dumm war sie eigentlich? Sie hätte einfach an diesem Blumenkübel warten sollen, bis ihre Eltern zurückgekommen wären, um sie zu suchen! Wieso hatte sie nicht sofort daran gedacht? Dann wären sie jetzt sicher schon längst wieder zusammen! Warum nur, warum musste sie nur immer alles besser wissen?

Und nun konnte Marja die Tränen nicht mehr zurückhalten. Hastig wandte sie sich um und rannte davon, weg von den Mädchen, die immer noch kicherten, in irgendeine Gasse. Schräge Blicke trafen sie von allen Seiten, aber niemand hielt sie auf. Halb blind stolperte Marja vorwärts, in die Richtung, von der sie glaubte, dass es die richtige sei. Sie musste zurück auf die Ramblas, so schnell wie möglich! Vielleicht war es noch nicht zu spät, vielleicht warteten ihre Eltern dort auf sie …

Aber wo waren die Ramblas? Sie war so oft abgebogen, dass sie sich überhaupt nicht mehr zurechtfand, und immer sah alles gleich aus. Marja lief und lief, bis sie vor Verzweiflung nicht mehr konnte.

Die Sonne war inzwischen schon fast bis auf die Giebel der Häuser gesunken. Schon bald würde es dunkel sein. Mit jedem Schritt wurde Marja langsamer. Ihre Beine fühlten sich furchtbar schwer an und ihre Füße schmerzten. Am liebsten hätte sie sich einfach hingesetzt und wäre nirgendwo mehr hingegangen. Was sollte sie bloß machen? Sie wusste ja nicht mal, wo der Bahnhof war, an dem sie angekommen waren. Und für die U-Bahn hatte sie dank dieses verflixten Diebs nun auch kein Geld mehr.

In diesem Moment hörte sie etwas. Ein Geräusch, das ihr bekannt vorkam – oder vielmehr ein Lied. Ein Lied, das sie heute schon einmal gehört hatte, kurz bevor dieser ganze Schlamassel angefangen hatte. Marja blieb stehen, reckte den Hals und lauschte. Ja, kein Zweifel. Das waren die beiden Mädchen! Die Sängerinnen in den weißen Sommerkleidern, die ihr auf den Ramblas aufgefallen waren! Es war dasselbe Lied, das sie auch gesungen hatten, als Marja mit ihrer Familie an ihnen vorbeigegangen war – eine einfache Melodie, die sich immer wiederholte. Trotz der leisen, hellen Stimmen übertönte es alle anderen Geräusche. Riesige Erleichterung durchströmte Marja. Endlich konnte sie sich nach etwas richten! Wenn sie die Mädchen fand, würde sie auch zu den Ramblas zurückfinden und von dort aus dann auch die Stelle, an der sie die Engelsfrau bestaunt hatte. Mit frischer Energie lief sie los, immer den Stimmen der Mädchen nach, die mal lauter, mal leiser klangen, aber nie ganz verstummten. Das Lied hatte offenbar unglaublich viele Strophen mit der immer gleichen Melodie – so eingängig, dass Marja schon nach kurzer Zeit begann mitzusummen. Das Lied zu singen, rief ein warmes, tröstliches Gefühl in ihr wach, und sie hatte sogar den Eindruck, die Stimmen der Mädchen noch besser hören zu können, wenn sie selbst sang.

Während sie weiter und weiter die verwinkelten Pfade entlangwanderte, auf die das Lied sie führte, wurden die Schatten länger und länger und die Gassen immer leerer. Die Geräusche der Stadt allerdings wurden zugleich lauter, als würden mit der Dämmerung Tausende von Menschen auf die Straßen strömen. Doch dort, wo Marja unterwegs war, traf sie mittlerweile nur noch auf vereinzelte Passanten. Wie lange war sie wohl schon unterwegs? Sie wusste es nicht und war auch nicht imstande, darüber nachzudenken. Mittlerweile befand sie sich in einem fast tranceartigen Zustand, nicht einmal ihre müden Füße spürte sie noch. Sie lief einfach weiter, lief und sang, lief und sang. Solange sie den Stimmen der Mädchen folgen konnte, war alles gut. Der Gedanke wiederholte sich wie ein Zauberspruch in ihrem Kopf. Es konnte gar nicht mehr weit sein bis zu den Ramblas, nicht mehr weit, und dann würde alles gut werden, da war sie sich ganz sicher. An die Tatsache, dass die Sonne unerbittlich sank, verschwendete sie keine Sekunde. Alles würde gut werden, wenn sie nur dem Lied weiter folgte.

Umso mehr traf es sie wie ein Schlag in den Magen, als sie schließlich um eine Ecke bog und die Mädchen nur wenige Meter entfernt vor ihr die Gasse entlangspazieren sah. Sie hielten sich an den Händen, und die weißen Kleider leuchteten in der Dunkelheit, die zwischen den hohen Häusern hing.

Marja blieb wie angewurzelt stehen. Das konnte doch nicht sein! Das konnte einfach nicht wahr sein!

»Hey!«, rief sie und schrak zusammen, als ihre Stimme laut von den Hauswänden widerhallte.

Aber die Mädchen drehten sich nicht einmal um. Singend verschwanden sie in einer weiteren Nebengasse. Ohne noch einen Augenblick darüber nachzudenken, rannte Marja los. Sie musste diese Mädchen einholen, sie mussten ihr den Weg zeigen, das war jetzt ihre letzte Chance!

Aber als sie um die Ecke stürmte, hinter der die weißen Kleider verschwunden waren, war dort niemand mehr zu sehen. Und selbst der Gesang, der Marja so lange begleitet hatte, war verstummt. Dunkel und still lag die Gasse vor ihr. Nur ein einziges Gebäude war erleuchtet. Warmes gelbes Licht strömte aus den großen Fenstern im Erdgeschoss und aus der weit geöffneten Tür. Über dem Eingang hing ein Schild, das das Gebäude als ein Restaurant oder eine Kneipe auswies: Taberna de la Llorona. Und unter dem Schild stand eine Frau, die Marja freundlich lächelnd entgegensah.

Wie von Furien gehetzt, war Amaia zur Bucht hinuntergerannt. Sie hatte die Namen ihrer Kinder gerufen, wieder und immer wieder, und war das Ufer ein ganzes Stück hinauf- und hinabgelaufen – ohne Erfolg.

Und als sie schließlich im Fluss stand, die Beine bis zur Hüfte umspült vom schlammbraunen Wasser, wusste ihr Verstand im Grunde schon längst, was geschehen sein musste, auch wenn ihr Herz sich noch weigerte, es zu glauben. Die Strömung. Es war die Strömung. Fast unsichtbar unter der träge dahintreibenden Wasseroberfläche zerrte sie an Amaias Kleid und drückte mit aller Kraft gegen ihre Waden, als hätte sie Freude daran, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie war so stark. Viel zu stark für ein kleines Mädchen wie Sol und sogar für eine kräftige Zehnjährige wie Luisa …

Aber Amaia wehrte sich gegen den Gedanken. Es konnte einfach nicht wahr sein und sie durfte so etwas nicht denken! Wieder und wieder rief sie Sols und Luisas Namen, obwohl ihre Stimme längst nur noch heiser in ihrem Hals kratzte. Sie mussten sich irgendwo versteckt haben. Sicher hockten sie genau in diesem Moment irgendwo im Unterholz, beobachteten ihre verzweifelte Mutter und kicherten über den gelungenen Streich. Ein Funke heißer, unvernünftiger Wut flammte in Amaias Brust auf. Wenn sie diese Teufelsbraten erwischte, würden sie ein Donnerwetter erleben! Mit zornigen Schritten watete sie zurück ans Ufer, wo der rote Schal noch immer im Wind flatterte, als wollte er sie auslachen, und brüllte erneut die Namen ihrer Töchter.

Doch sie erhielt keine Antwort. Und auch der Dschungel schwieg noch immer.