cover
e9783641072247_cover.jpg

Inhaltsverzeichnis



































































































Anhang

Anmerkungen

Die Pränataldiagnostik (PND) umfasst verschiedene medizinische Tests, die während der Schwangerschaft den Gesundheitszustand des Embryos bzw. Föten kontrollieren. Im weiteren Sinn gehört auch der Ultraschall dazu, im engeren Sinn werden aber häufig vor allem diejenigen Verfahren als Pränataldiagnostik bezeichnet, die kindliche Zellen auf chromosomal oder genetisch bedingte abweichende Merkmale untersuchen. Die Präimplantationsdiagnostik (PID) umfasst die Untersuchung embryonaler Zellen mit Blick auf ähnliche Merkmale wie die PND; dies geschieht jedoch vor der Schwangerschaft. Deshalb ist für Paare, die eine solche Untersuchung ihrer zukünftigen Kinder wünschen, die assistierte Fortpflanzung eine notwendige Voraussetzung. Diese umfasst die Hormonstimulierung zur vermehrten Eizellreife sowie die medizinisch kontrollierte Eizellentnahme, die Abgabe von Spermien an das Labor bzw. die Klinik, die dann die Befruchtung von Ei- und Samenzelle durchführt. Die PID wird nach wenigen Tagen der Embryonalentwicklung durchgeführt, danach werden nur diejenigen Embryonen in den Körper der Frau transferiert, die die ausgeschlossenen Merkmale nicht haben oder die die erwünschten Merkmale haben. Letzteres ist bei der Geschlechtswahl, aber auch bei sogenannten Spender-Embryonen der Fall, die nach der Geburt als Gewebespender für Geschwister zur Verfügung stehen sollen. Nach dem Transfer entwickeln sich statistisch ca. 20% der Embryonen weiter und werden schließlich geboren. Die bei den Tests ausgeschlossenen und nicht transferierten Embryonen werden verworfen.

Die wissenschaftliche Begründung für dieses Vorgehen, das ethische Erfahrungen und ethische Argumentation aufeinander bezieht, habe ich in meinem Buch »Moralische Identität. Literarische Lebensgeschichten als Medium ethischer Reflexion«, Tübingen 1999, gegeben.

Melanie Thernstrom: Meet the Twiblings. In: New York Times Magazine vom 29.12.2010. Alle folgenden Zitate beziehen sich auf diesen Text und sind von mir wegen der besseren Lesbarkeit übersetzt. Vgl. (12.1.2011)

Michael W. Austin: Conceptions of Parenthood. Ethics and the Family, Aldershot 2009. Austin diskutiert diesen Rechtsstreit eingehend.

Vgl. dazu den Bericht von 2010: sowie weitere Informationen unter , beide zuletzt gesehen: 16.1.2011.

Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, BA 47 – 48, 47f.

Es gibt viele Beratungskonzepte, die im Kontext der Schwangerschaftskonfliktberatung eingesetzt werden. Für die Pränataldiagnostik habe ich vor einigen Jahren ein Modell vorgestellt, das die ethische Dimension als expliziten Bestandteil der Beratung betrachtet, ohne dass damit die Autonomie, die verantwortete Entscheidung der schwangeren Frau, infrage gestellt werden muss. Vgl. dazu die Ausführungen in Hille Haker: Ethik der genetischen Frühdiagnostik, Paderborn 2002.

Dieses Beispiel habe ich entnommen: Andrea Strachota: Zwischen Hoffen und Bangen. Frauen und Männer berichten über ihre Erfahrungen mit pränataler Diagnostik, Frankfurt a. Main 2006, 104 – 122. Die folgenden Zitate stammen aus diesem Buch.

Ich möchte dies hier nicht entscheiden. Aber einen wichtigen Einblick in die Erfahrungswirklichkeit einer Familie, die sich nach der Pränataldiagnostik mit einem uneindeutigen Befund für ihr Kind entschied und sich den Herausforderungen stellt, gibt Jutta Flatters in ihrem Buch: Anders als man denkt. Leben mit einem behinderten Kind, Gütersloh 2009. Die Theologin bindet ihren Erfahrungsbericht in eine umfassende sozialethische Analyse über den gesellschaftlichen Umgang mit Menschen ein, die einer besonderen Solidarität bedürfen.

Luc Boltanski: Soziologie der Abtreibung, Frankfurt a. Main 2007.

Mir geht es hier nur um die Sachlogik, die die rechtliche und die ethische Diskussion zugleich verbindet und doch auch trennt. Das Schwangerschaftskonfliktgesetz erkennt zum Beispiel in der medizinischen Indikation die Beeinträchtigung der Gesundheit der schwangeren Frau (nicht des Kindes!) als Rechtfertigungsgrund an, eine Schwangerschaft auch nach der 12. Woche abzubrechen. Der geschilderte Fall würde jedoch zu einer anderen Interpretation führen, die nicht unmittelbar medizinisch und nicht streng gesundheitsbezogen ist: Der Frau geht es um das umfassend interpretierte Wohlergehen aller von ihrer Entscheidung Betroffenen. Insofern würde die oben dargestellte Konfliktsituation nur bei einer weiten Auslegung unter die deutsche Regelung fallen. Für die ethische Beurteilung ist der Rekurs auf das Wohlergehen aller Betroffenen jedoch durchaus relevant; dadurch kann die Ethik unter Umständen präziser und zugleich weitgehender sein, als dies bei der Formulierung eines Strafrechts möglich ist.

Seit kurzer Zeit gibt es in den USA einen Blog, in dem Kinder, die aus der assistierten Fortpflanzung hervorgegangen sind, ihre Erfahrungen austauschen können (). Die erste repräsentative Studie zur Selbsteinschätzung von ART-Kindern ist 2010 erschienen: Sie gibt erste Einblicke in die Konflikte und Schwierigkeiten, die (erwachsene) Kinder haben, wenn sie ihre Familienkonstellation betrachten. Vgl. My Daddy’s Name is Donor: A New Study of Young Adults Conceived through Sperm Donation. A Report Released Internationally by the Commission on Parenthood’s Future. Elizabeth Marquardt, Norval D. Glenn, and Karen Clark, 2010 (). Beide URL zuletzt gesehen: Januar 2011.

Vgl. Duden, Barbara: Der Frauenleib als öffentlicher Ort. Vom Missbrauch des Begriffs Leben, Hamburg/Zürich 1991.

Vgl. zur Geschichte des Schwangerschaftsabbruchs, die zugleich auch eine Geschichte des Wandels des Verständnisses zum moralischen Status des ungeborenen Kindes darstellt, Robert Jütte: Geschichte der Abtreibung. Von der Antike bis zur Gegenwart, München 1993.

Zur Geschichte der Eugenik vgl. Hans-Peter Kröner: Von der Eugenik zum genetischen Screening: Zur Geschichte der Humangenetik in Deutschland, in: Perspektiven der Humangenetik – medizinische, psychologische und ethische Aspekte, hrsg. v. Franz Petermann et al., Paderborn 1997, 23 – 47; Peter Weingart; Jürgen Kroll; Kurt Bayertz: Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, Frankfurt a. Main 1986.

Jörg Schmidtke: Public Health Genetics: In Deutschland noch umstritten. Deutsches Ärzteblatt 41 (104): A-2788, 2007.

Vgl. , zuletzt gesehen: Januar 2011.

Dafür plädiert zum Beispiel Dov Fox: The Illiberatity of »Liberal Eugenics«, in: Ratio (newseries) XX 1 March 2007 0034 – 0006. Zur individuellen Eugenik ausführlich: Allen Buchanan; Dan Brock; Norman Daniels; Daniel Wikler: From Chance to Choice. Genetics and Justice, Cambridge 2000.

Zur Anforderung an die genetische Beratung vgl. die kontinuierlich weiterentwickelten Leitlinien der Gesellschaft für Humangenetik e.V. von 2007.

Kommission für Öffentlichkeit und ethische Fragen der Gesellschaft für Humangenetik, Stellungnahme zur nicht-invasiven pränatalen Diagnostik des Downsyndroms, 1990; Dies.: Moratorium zum Triple-Screening fetaler Chromosomenaberrationen aus mütterlichem Serum, 1992.

Heute wird der Triple-Test durch einen zusätzlich Faktor erweitert (Inhibin A) und als Quadruple-Test angeboten. Dieser ist jedoch unsicherer und wäre eigentlich entsprechend durch den kombinierten Erst-Trimester-Test zu ersetzen. Dieser kombiniert die Bestimmung von Choriongonadotropin mit der Nackentransparenzmessung.

Bei einer einfachen, willkürlichen Recherche sind verschiedene private Anbieter zu finden, denen Proben geschickt werden können. Vgl. zum Beispiel Fruchtwasseruntersuchungen und Chorionzottenbiopsien unter ; Tests für die Zystische Fibrose (Mukoviszidose), die mit keiner Krankheit einhergehen müssen, sondern unter Umständen nur den Trägerstatus identifizieren, unter ; oder auch ein DNA-Testkit, das für alle genetischen Fragen der Identität einen Test vorsieht, der ohne ärztliche Begleitung oder Beratung durchgeführt werden kann, unter , alle zuletzt gesehen: Dezember 2010.

Bundesärztekammer. Richtlinien zur pränatalen Diagnostik von Krankheiten und Krankheitsdispositionen. 28.2.2003 ContractNo.: 50, , zuletzt gesehen: Dezember 2010. Für eine aktuelle Auflistung auf der Grundlage der Auswertung neuer Forschungsliteratur vgl. auch: Peter Wieacker; Johannes Steinhard: Pränataldiagnostik genetischer Erkrankungen, in: Deutsches Ärzteblatt 107/48, 857 – 862.

Vgl. zu den Lebenslaufstudien wegweisend: Martin Kohli: Soziologie des Lebenslaufs, Darmstadt 1978.

Wolfgang Lenhard: Der Einfluss pränataler Diagnostik und selektiven Fetozids auf die Inzidenz von Menschen mit angeborener Behinderung. Heilpädagogische Forschung 2003; 29 (4):165 – 74.

Dazu heißt es in der Stellungnahme der Bundesärztekammer zu invasiven intrauterinen Therapien von 2002: »Intrauterine Operationen sind wegen des hohen Risikos und mangelhafter Erfolgschancen weitgehend verlassen worden. Sie sind nur in seltenen Einzelfällen indiziert.« Bundesärztekammer. Richtlinien zur pränatalen Diagnostik von Krankheiten und Krankheitsdispositionen. 28.2.2003 Contract No. : 50.

Buchanan Wikler et al: From Chance to Choice, a.a.O.

Das Schema wurde entnommen: Wolfgang Lenhard: Die psychosoziale Stellung von Eltern behinderter Kinder im Zeitalter der Pränataldiagnostik [Inaugural-Dissertation], Würzburg, Julius-Maximilians-Universität Würzburg; 2004. Dort findet sich auch eine sehr gute Darstellung über die Aussagefähigkeit von Tests.

Lenhard, ebd.

Zur Geschichte der Abtreibung, die zugleich auch eine Geschichte der Entdeckung des Embryos ist, vgl. das gesamte Buch, hier aber besonders E. Seidler: Das 19. Jahrhundert. Zur Vorgeschichte des Paragrafen 218, in: R. Jütte, (Hg.): Geschichte der Abtreibung. Von der Antike bis zur Gegenwart, München 1993.

»Menschenwürde« ist laut Bundesverfassungsgericht »die Würde des Menschen als Gattungswesen. Jeder besitzt sie, ohne Rücksicht auf seine Eigenschaften, seine Leistungen und seinen sozialen Status. Sie ist auch dem eigen, der aufgrund seines körperlichen oder geistigen Zustands nicht sinnhaft handeln kann.« Vgl.: C. Hillgruber: Mensch von Anfang an, in: Das Parlament Nr. 45, 8.11.2010.

Vgl. das bereits mehrfach zitierte Buch von Wikler/Buchanan et al.: From Chance to Choice, aber auch zum Beispiel: J. Robertson: Children of Choice. Freedom and the new reproductive technologies, Princeton 1994. Jürgen Habermas ist einer der wenigen, der sich dem Ansatz von Wikler, Buchanan, Daniels und Brock entgegengestellt hat; sein Buch »Grenzen der Verfügbarkeit« ist in den USA eher mit Befremden rezipiert und ausgesprochen kontrovers diskutiert worden.

Liberalismus und Utilitarismus sind zwei Richtungen der Ethik, die vor allem auf die öffentliche Regulierung und Bewertung bioethischer Fragen abzielen.

»Mein kleines Kind« lautet der viel diskutierte Film von Katja Baumgarten und Gisela Tuchtenhagen, in dem Katja Baumgarten den Weg von der Diagnose bis zur Geburt und dem Tod ihres Kindes festhält – unter anderem zeigt sie das Unverständnis ihrer Umgebung, dass sie ihr Kind nicht »abtreiben« lassen will, sondern es gebären will, auch wenn es nicht lebensfähig ist.

Dies entspricht dem Befund, den Luc Boltanski in Bezug auf ungewollte Schwangerschaften herausgearbeitet hat. In diesen Fällen kommt es allerdings schon zum Konflikt, weil die Grundsatzentscheidung des »Wollens« (der Kinderwunsch und die aktive Entscheidung, Eltern zu werden) nicht gegeben ist. Insofern ist der Konflikt nicht mit demjenigen des medizinisch indizierten Schwangerschaftsabbruchs vergleichbar. Vgl. L. Boltanski: Soziologie der Abtreibung, a.a.O.

Auch wenn der Erfahrungsbericht authentisch ist und von Caroline Stoller veröffentlicht wurde, möchte ich lieber von nun an die Initialen einsetzen, unter anderem auch deshalb, weil es mir darum geht zu zeigen, dass ihre Geschichte genauso gut diejenige anderer Frauen hätte sein können. Vgl. Caroline Stoller: Eine unvollkommene Schwangerschaft, Zürich 1996. Alle folgenden Zitate stammen aus diesem Text. Diese Interpretation erweitert die Darstellung in: H. Haker: Ethik der genetischen Frühdiagnostik, a.a.O.

Zu den Techniken der PND siehe Kapitel 2.

Die neuesten soziologischen Untersuchungen zeigen, dass sich in der »Regelbiografie« von Paaren viel weniger geändert hat, als man aufgrund der Emanzipationsbewegung von Frauen erwarten würde. Vgl.: Ute Kraus, Elmar Brähler, Yve Stöbel-Richter: Vereinbarkeit von Elternschaft und Beruf bei Paaren – Wunsch und Wirklichkeit, in: soFid Frauen- und Geschlechterforschung 2009/2, 11 – 25.

Onora O’Neill: The Good-enough Parent in the Age of the New Reproductive Technologies, in: The Ethics of Genetics in Human Procreation, hg. v. Hille Haker, Deryck Beyleveld, 33 – 48. Aldershot: Ashgate 2000.

Barbara Katz Rothman: Schwangerschaft auf Abruf. Vorgeburtliche Diagnose und die Zukunft der Mutterschaft, Marburg 1989.

Ich leite seit einigen Jahren ein Projekt zur Medizinethik in der Klinikseelsorge, in dem die spezifisch theologisch-ethischen Fragen aufgegriffen werden. Dies geschieht nicht allein mit Blick auf eine einzige Tradition, sondern adressiert bewusst auch Fragen des interreligiösen Dialogs in der Medizin- und Bioethik. Vgl. dazu

Annegret Braun: Der Wunsch nach dem perfekten Kind, in: Deutsches Ärzteblatt 2006; 103 (40): A2612 – 16.

Wer sich einen historischen Überblick verschaffen will, sei auf das Buch des amerikanischen Historikers Matthew Conelly verwiesen: Fatal Misconception: The Struggle to Control World Population, Cambridge 2008.

Vgl. dazu: Humanae Vitae; Alfons Auer: Nach dem Erscheinen der Enzyklika »Humanae Vitae«. Zehn Thesen über die Findung sittlicher Weisungen, in: Zur Theologie der Ethik: Das Weltethos im theologischen Diskurs, Freiburg i.Br./Freiburg i.Ue. 1995, 37 – 49 (erschienen 1968); Dietmar Mieth: Geburtenregelung. Ein Konflikt in der katholischen Kirche, Mainz 1990.

Vgl. zur Diskussion über das Naturrecht: Concilium 3/2010, hg. v. Lisa Cahill u. Hille Haker, und dort vor allem den Artikel von Ludwig Siep.

M. Fränznick, K. Wieners: Ungewollte Kinderlosigkeit, Weinheim/ München 1996, 53.

Vgl. dazu Kap. 1 sowie Weingart, Kroll, Bayertz: Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, a.a.O.

Vgl. Handelsblatt, 20.1.2011.

Donna Dickenson ist in ihrem Buch »Body Shopping« dieser ökonomischen Dimension nachgegangen – mit zum Teil schockierenden Fallgeschichten.

Ebd., 85. Für eine ausführlichere Darstellung vgl. Hille Haker: Ethik der genetischen Frühdiagnostik, a.a.O.; dort weitere Literatur.

Alle Zitate sind dem Artikel I. Kowalcek: Thematische Schwerpunkte einer Gesprächsgruppe (1999), 419 – 423 entnommen.

Die neuesten Zahlen beziehen sich auf die Auswertung von 2002. Es wird geschätzt, dass weltweit im Jahr 2002 zwischen 219.000 und 246.000 Kinder geboren wurden – eine Zunahme um 12% mit dem Vergleichsjahr 2000. Vgl.: International Committee for Monitoring Assisted Reproductive Technology: World Collaborative Report on Assisted Reproductive Technology, 2002, in: Human Reproduction, Vol. 24/9, 2310 – 2320, 2009.

Bundesärztekammer: Musterrichtlinie zur Assistierten Fortpflanzung, 1998.

Vgl. P.F. Wieacker, U. Hehr, E. Schwinger: Überlegungen zur Polkörperdiagnostik von Aneuploidien, in: Reproduktionsmedizin 2003/ 19:135 – 136.

Ebd., 136.

Joint SOGC-CFAS Guideline: Pregnancy Outcomes after Assisted Reproductive Technology (JOGC 28/3, 2006, 220 – 233). Übersetzung H.H.

Vgl. dazu etwa: C. Schnabl: Gerecht sorgen: Grundlagen einer sozialethischen Theorie der Fürsorge, Fribourg 2005; L. Conradi: Take Care: Grundlagen einer Ethik der Achtsamkeit, Frankfurt a.M./New York 2001; N. Biller-Andorno: Gerechtigkeit und Fürsorge. Zur Möglichkeit einer integrativen Medizinethik, Frankfurt a.M./New York 2001; C. Wiesemann: Von der Verantwortung, ein Kind zu bekommen. Eine Ethik der Elternschaft, München 2006.

Paul Ricœur: Das Selbst als ein Anderer, München 2006.

Vgl. dazu meine theoretische Grundlegung in: Hille Haker: Moralische Identität. Literarische Lebensgeschichten als Medium ethischer Reflexion, a.a.O.

Vgl. dazu Hille Haker: Ethik der genetischen Frühdiagnostik. Sozialethische Reflexionen zur Verantwortung am Beginn des menschlichen Lebens, a.a.O.

Ebd.; Paul Ricœur: Das Selbst als ein Anderer (1996), 229.

Weiterführende Literatur

AKTUELLE DOKUMENTE UNDSTELLUNGNAHMENSINDLEICHT IM INTERNET ZU FINDEN. EINIGE ADRESSEN:

Zentrale Ethik-Kommission der Bundesärztekammer

 

Gesellschaft für Humangenetik e.V.

 

Deutsches IVF Register

 

Deutscher Ethikrat

 

Deutsches Referenzzentrum für Ethik

 

Deutsche Bischofskonferenz

 

Evangelische Kirche Deutschland

WEITERFÜHRENDE BÜCHER ZUR HUMANGENETIK UND PRÄNATALDIAGNOSTIK:

Jutta Flatters: Anders als man denkt. Leben mit einem behinderten Kind, Gütersloh 2009.

 

Barbara Katz Rothman: Schwangerschaft auf Abruf. Vorgeburtliche Diagnose und die Zukunft der Mutterschaft, Marburg 1989.

 

Eva Schindele: Schwangerschaft zwischen guter Hoffnung und medizinischem Risiko, Hamburg 1995.

 

Jörg Schmidtke: Vererbung und Ererbtes – Ein humangenetischer Ratgeber. Genetisches Risiko und erbliche Erkrankungen, vorgeburtliche Untersuchungen und Schwangerschaftsvorsorge, Vererbung und Umwelt, Gentests und Gentherapie, Reinbek 2002.

WEITERFÜHRENDE BÜCHER ZUR ASSISTIERTEN FORTPFLANZ UNG UND PRÄIMPLANTATIONSDIAGNOSTIK:

Monika Fränznick, Karin Wieners: Ungewollte Kinderlosigkeit. Psychosoziale Folgen, Bewältigungsversuche und die Dominanz der Medizin, München 1996.

 

Regine Kollek: Präimplantationsdiagnostik. Embryonenselektion, weibliche Autonomie und Recht, Tübingen 2002.

 

Petra Thorn: Männliche Unfruchtbarkeit und Kinderwunsch. Erfahrungen – Lebensgestaltung – Beratung, Kohlhammer 2010.

Neue Formen der Elternschaft – aktuelle Erfahrungen

»Mitten in unserer Lebensreise fand ich mich wieder im dunklen Dickicht und hatte den richtigen Weg verloren.«

So beginnt die Geschichte von Melanie Thernstrom, die das New York Times Magazine Ende 2010 unter der Überschrift »Meet the Twiblings« abdruckte, was übersetzt so viel heißt wie: »Lernen Sie die Geschwisterlinge kennen«. Weder das Wort »Twiblings« (zusammengesetzt aus »sibling« und »twins«) noch »Geschwisterling« (aus Geschwistern und Zwillingen) gibt es bisher. Aber das könnte sich ändern, wenn die Geschichte, die die New York Times erzählt, Schule machte.

Melanie Thernstrom und ihr Mann, der unter anderem für die zu erzählende Geschichte eine große Rolle spielt, weil er zeugungsfähig ist, aber auch, weil er fünf Jahre jünger als seine Frau ist und unbedingt Kinder haben möchte, sind heute Eltern von zwei Kindern. Diese wurden von zwei verschiedenen Frauen zur gleichen Zeit ausgetragen – gezeugt mit den Spermien von Melanies Mann und einer Eizellspenderin, die sich das Paar selbst ausgesucht hat. Die Kinder sind Geschwister, aber weil sie ungefähr gleich alt sind, sind sie auch Zwillinge: Geschwisterlinge. Wie es dazu gekommen ist, dass sie geboren wurden, erzählt dieser außergewöhnliche Erfahrungsbericht einer mutigen Frau, die bereit war, ihre Geschichte zu veröffentlichen.

Melanie Thernstrom weiß bereits, dass sie keine Kinder bekommen kann, als sie Michael kennenlernt. Sie ist 41 und hat zu diesem Zeitpunkt vier IVF-Behandlungszyklen hinter sich, die alle erfolglos endeten – eine Erfahrung, die sie als »Inferno« beschreibt. Als sie und Michael ein Paar werden, verfolgt ihre Unfruchtbarkeit sie, als könne diese dazu führen, dass Michael ihre Beziehung irgendwann als einen Fehler ansähe. Sie stellt sich seine Gedanken vor:

»Kinder großziehen war ein großer Bestandteil seiner Vorstellung, wie er sein Leben zubringen wollte, und wenn er eine Frau in seinem Alter geheiratet hätte, wäre sie vermutlich auch fruchtbar gewesen.«

Melanie »bettelt« ihren Arzt darum an, einen fünften IVF-Zyklus zu versuchen. Er rät ihr stattdessen, über Alternativen nachzudenken. Also sucht sie nach Adoptionsmöglichkeiten. Ihr fallen die Geschichten von Bekannten ein, die große Probleme hatten, ein Kind zu adoptieren; sie sieht sich nach Möglichkeiten in China um, aber sie und ihr Mann erfüllen die Kriterien für eine Adoption nicht. Seit den 1970er-Jahren, so informiert sie uns, die Leserschaft, ist das Angebot (»supply«) an Kindern, die in den USA zur Adoption freigegeben werden, dramatisch gesunken. Eine Adoptionsorganisation beschreibt Melanie und Michael als Paar, das im Wettbewerb mit jüngeren Paaren steht: So wendet Melanie sich an einen anderen Reproduktionsmediziner. »Nur nicht sterben!«, beschwört sie die Embryonen, nachdem sie transferiert worden sind. Aber sie sterben, beim fünften Versuch und auch beim sechsten Zyklus. Als Melanie darüber aufgeklärt wird, dass irgendeine medizinische Ursache – sie sagt nicht, welche – unter Umständen die Gesundheit der Föten gefährden könne, fragt sie sich, ob die Embryonen nicht recht gehabt hätten, ihren Körper nicht als ihr »Gewächshaus« (greenhouse) zu wollen. Sollte sie es mit einer Fortpflanzung mit Dritten versuchen? Ein weiterer Spezialist drängt sie, sich über ihre Wünsche klar zu werden: »Was wollen Sie? Wollen Sie die Erfahrung der Schwangerschaft? Oder wollen Sie ein Kind? Wenn Sie ein Kind wollen, dann nehmen Sie eine Leihmutter und eine Eizellspenderin.«

In diesem Moment, sagt Melanie, sei die Entscheidung gefallen. Nicht der Wunsch, ein Kind zu wollen, ist narzisstisch, sondern vielmehr der Wunsch, unbedingt selbst mit ihm schwanger zu gehen. Die nächste Phase beginnt, und auch hier ähneln Melanies Erfahrungen denjenigen, die viele Paare machen: Verhandlungen mit Organisationen und Agenturen, die Keimzellen verkaufen und Leihmütter vermitteln. Das Befremden über die Öffentlichkeit und Sichtbarkeit der Zeugung und Fortpflanzung ist Bestandteil dieses Prozesses:

»In der Geschichte, in der ein Mann und eine Frau sich sehr lieben, sind keine Fremden nötig, die ihnen ihre Keimzellen leihen. Kinder zu bekommen, das war eine der großartigsten Weisen der Selbstbeschreibung des Lebens. Wie konnten wir nur die intimste Sache, die ein Paar miteinander tun kann, in eine ménage à trois verkehren oder gar in eine ménage à quatre oder cinq?«

»Es gab so viele Wege, auf denen diese Reise in die Irre führen konnte«, kommentiert Melanie das Ringen um die »Dritten«, die zu Partnern des Zeugungsaktes und der Schwangerschaft werden sollten. Das Internet, so erinnert sie sich, ist voll von Geschichten über ausbeuterische Agenturen. Anders als viele andere Länder erlauben die USA die Leihmutterschaft. Aber Melanie erfährt, dass der Preis exorbitant hoch ist. Kinder, so sagen sie und Michael sich, sind nun einmal teuer – aber normalerweise bezahlt man nicht schon für die Zeugung. Michael hat einen unternehmerischen Erfolg, der dem Paar einen unerwarteten Geldsegen bringt. Aber dennoch bleibt ein fader Beigeschmack angesichts des Geldes, das sie für die Erfüllung ihres Kinderwunsches ausgeben, während andere Paare diese Option nie und nimmer haben.

Natürlich werden sie auch mit der sozialen Bewertung der Eizellspende und Leihmutterschaft konfrontiert. Nachdem sich Melanie alle Argumente, die sie finden konnte, angesehen oder angehört hat, kommt sie zu dem Schluss: Viele Leute lehnen diese Praktiken ab, weil sie neu sind. Irgendwann aber werden sie genauso akzeptiert sein wie die Geburtenkontrolle oder andere neue Formen von Elternschaft. Das Einzige, was Melanie und Michael zu schaffen macht, ist die Sorge, dass ihre zukünftigen Kinder womöglich auch den Vorhaltungen ausgesetzt sein würden, die sie selbst zu hören bekommen.

»Trotzdem, wir hatten keine Angst davor, dass die Meinung anderer Leute uns in einer so wichtigen und persönlichen Entscheidung beeinflussen würde. Und wir setzten darauf, dass wir unsere Kinder so erziehen würden, dass sie für sich selbst einstehen könnten.«

Während der IVF-Behandlungen hatte Melanie immer gehofft, dass sie Zwillinge bekommen würde – um die Familie zu »vervollständigen« und keine weiteren Behandlungen auf sich nehmen zu müssen. »Wir spielten mit der Vorstellung, wie die Zwillinge später zusammen spielen würden.« Aber der Spezialist dämpfte damals ihre Erwartungen: Die Fortpflanzungsindustrie, so zitiert Melanie diesen Arzt, sähe das zwar gerne. Aber ein Blick auf die Intensivstationen der Neonatologischen Abteilungen würde sie eines Besseren belehren. Rund 60 Prozent der Zwillinge, so informiert uns Melanie, werden zu früh geboren. Sie haben ein doppelt so hohes Risiko wie Einlinge, eine Behinderung zu behalten – und ein siebenmal so hohes Risiko, während der ersten Wochen zu sterben.

Eine Eizellspenderin und zwei Leihmütter

Und dann ist sie da, die Idee: Warum nicht zwei Leihmütter engagieren, die gleichzeitig ein Kind austragen sollten? Die Erfahrung, dass die Vereinigung mit dem Partner in einem spirituellen Sinn nicht »fruchtbar« ist, kann mithilfe der Reproduktionsmedizin behoben werden. Melanie sehnt sich danach, »richtig« zu sein; sie will nicht zulassen, dass die Natur ihr diesen Segen, der ihr und ihrem Mann vor Augen geführt wird, wieder nimmt. »Ich wäre verdammt, wenn ich dies zuließe«, beschreibt sie ihre Gefühle.

Nach der Entscheidung, eine Eizellspenderin und zwei Leihmütter für die Zeugung und Schwangerschaft zu engagieren, geht es nun um die Auswahl der richtigen Frauen. Anders als viele andere Paare suchen Melanie und Michael Frauen, mit denen sie eine soziale Beziehung aufbauen können. Die Suche stellt sich jedoch als schwierig heraus. Nach sechs Monaten finden sie endlich Melissa, eine 30-jährige Krankenschwester mit zwei Kindern. Melanie beschreibt nicht nur ihre Körpergröße, sondern auch ihre Ausbildung und Hobbys. Sie erscheint ihnen als die richtige Frau, um ein Kind für sie auszutragen. Die zweite Frau, Fie, 34 Jahre alt, finden sie letztlich doch über eine Agentur. Auch sie hat zwei Kinder, und im Vertragsgespräch geht sie nicht nur auf alle Eventualitäten wie den Todesfall der Eltern ein, sondern zum Beispiel auch auf die Rolle ihres eigenen Ehemanns, der die Schwangerschaft ebenfalls mittragen muss.

Auch die Eizellspenderin muss ausgesucht werden. Auf welche Eigenschaften sollten sie dabei achten? »Sensibilität, Intelligenz, Güte« sind Melanie wichtig – aber welchen Einfluss haben Gene auf diese Eigenschaften? Und wie findet man in Online-Katalogen etwas über die Eizellspenderinnen heraus? Als ihnen ein Arzt von einer Frau erzählt, deren Persönlichkeit freundlich und angenehm sei, wissen Melanie und Michael, was sie sich für ihre Kinder wünschen: eine freundliche und angenehme Persönlichkeit (»delightful personality«). Als sie die »gute Fee« schließlich treffen (die Eizellspenderin hat als Einzige keinen Namen in Melanies Bericht, sondern wird »Fee« oder »Eizellspendenpatin« genannt), sind Melanies Gefühle jedoch gemischt. Trotz der Gewissheit, dass diese Frau ihnen »die richtigen Eizellen« geben würde, reagiert Melanie mit Eifersucht. Auch versucht sie, sich mit der fremden Person, die sie ausgesucht hat, weil sie Ähnlichkeiten mit ihrer eigenen Biografie entdeckt hat, zu identifizieren: »Bekam ich da gerade eine Ahnung, wie mein Kind lächeln würde?« oder: »Ich kam zu dem Schluss, dass die Fee/Spendenpatin die Person war, die ich geworden wäre, wenn meine Familie in Los Angeles geblieben wäre.«

Melanie und Michael entscheiden sich, die Umstände der Geburt ihrer Kinder offen anzusprechen. Die Kommentare ihrer Umwelt beschreibt Melanie als eine Art »griechischen Klagechor«. Sie beziehen sich auf die Risiken des Lebenswandels der Leihmütter, den Melanie und Michael nicht kontrollieren können, und auf die Kommerzialisierung und die Widernatürlichkeit der Leihmutterschaft. Die Bezahlung der Spenderinnen und Leihmütter ist ein wiederkehrendes Thema: Melanies Haltung dazu ist, dass sie die Frauen bezahlen wollten, um die Beziehung »reziproker«, das heißt auch symmetrischer zu gestalten. Sie wollten nicht nur nehmen, sondern auch geben. So ist Melanie glücklich, als »ihre« Eizellspenderin ihr schreibt, sie habe sich ein Cabriolet gekauft (womit indirekt auch klar ist, dass sie keine Frau ist, die Eizellen aus einer Armutssituation heraus spendet).

Violet und Kieran werden mit fünf Tagen Differenz geboren. Ihre biologischen Eltern sind eine Eizellspenderin und Michael, der sowohl ihr biologischer wie auch ihr sozialer Vater sein wird. Ihre Leihmütter sind Melissa bzw. Fie, die auch Monate nach der Geburt noch eine Rolle spielen, weil sie Milch für die Kinder abpumpen oder sie stillen. Sie alle halten den Kontakt zueinander aufrecht, anstatt auf die Anonymität bzw. das Ende der Beziehung nach Erfüllung der Vertragsbeziehung zu setzen. Zentrum dieses Beziehungsgefüges ist Melanie, die soziale Mutter der Kinder. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass sie viel Zeit darauf verwendet, um die nicht-kommerzielle Seite zu beschreiben. Für sie sind die Eizellspenderinnen und Leihmütter »Engel«. Sie liest, dass eine Agentur die Spenderinnen so nennt. Aber eine Freundin empört sich, dass damit der kommerzielle Aspekt nur verschleiert werde.

Für Melanie hat die Agentur dennoch recht. Sie erinnert sich an den Stellenwert, den Engel für ihre eigene Identitätsbildung hatten, und beschreibt sie so: »Ein Engel ist die wohlwollende Fremde, gar nicht ungewöhnlich gut, aber diese Güte entfaltet eine wundersame Wirkung. Sie ist zum Beispiel die Frau, die freundlich zu einem Jungen ist, der auf der Brücke steht, kurz davor hinunterzuspringen. Ohne es zu wissen, bricht sie den Bann der Verzweiflung für diesen Jungen, der nun nicht mehr in den Tod springt, sondern nach Hause geht, um sich ein Omelette zu machen.« Auch wenn es für Melanie zunächst schwer ist, nicht selbst der Engel zu sein, wie sie es sich als junge Frau immer vorgestellt hatte, wenn sie über Engel nachdachte, sondern umgekehrt die Empfängerin ihrer Güte, erfährt sie, dass auch das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber den Spenderinnen und Leihmüttern eine wunderbare Erfahrung sein kann.

Was, so fragt Melanie, bleibt am Ende dieser Geschichte? Zwei »Pläne«, ein Kind zu bekommen. Plan A lässt sich für dieses Paar nicht realisieren, und Melanie und Michael werden immer eine gewisse Trauer darüber empfinden, dass sie nicht selbst zusammen Kinder zeugen konnten. Plan B bedeutet, dass Verträge geschlossen und eingehalten werden müssen. Und dass die sozialen Beziehungen durch die Vertragsbeziehungen überschrieben werden. Dass die Elternkonstellation für die zwei Kinder so ist, wie sie oben beschrieben wurde. Keine romantische Konstellation, auch wenn Melanie schreibt, dass ihre Geschichte durchaus eine romantische Wendung genommen habe, weil sie und Michael die Umstände so akzeptiert haben, wie sie nun einmal sind.

Ein solcher Erfahrungsbericht, von einer Autorin mit offenkundig großer Ausdrucksfähigkeit verfasst, entfaltet seine Wirkung nicht zuletzt durch die Metaphern: Melanie Thernstrom spricht von einer Reise mit Dickichten, Drachen, Abgründen, mit Landkarten, die es gibt oder auch nicht gibt, die einem den Weg weisen oder Neuland betreten lassen. Diese Metaphern drücken Gefühle aus, die ein Leser oder eine Leserin unmittelbar nachvollziehen kann: Auch wenn uns vielleicht die spezifische Erfahrung der ungewollten Kinderlosigkeit fremd ist, so ist es die Erfahrung des Orientierungsverlusts in existenziellen Lebensfragen keineswegs. Andere Metaphern wie die der »Fee« oder des »Engels« rücken die Vertragsbeziehung, die zwischen den Eltern, vor allem aber zwischen Melanie und den drei außenstehenden Müttern ihrer Kinder besteht, in den Hintergrund. Zugleich aber ent-rücken gerade diese Metaphern sie auch aus der engsten Familienkonstellation und ziehen so eine Distanz, die notwendig ist, um das »traditionelle« Familienbild aufrechtzuerhalten.

Folgen der »neuen« Elternschaft

Ich habe diese autobiografische Erzählung hier so ausführlich wiedergegeben, weil sie gut zeigt, dass – zumindest im amerikanischen Kontext – neue Formen von Elternschaft entstehen, die erst durch die moderne Reproduktionsmedizin möglich geworden sind. Auch wenn es mir nicht in erster Linie darum geht, die Eizellspende oder die Leihmutterschaft zu diskutieren, so ist Melanies Art, ein neues Verständnis von Elternschaft zu gewinnen, diese sprachlich zu gestalten (dafür steht etwa der Begriff der »twiblings« oder »Geschwisterlinge«) und öffentlich zu machen, aufschlussreich. Und dies ist es, worum es mir geht: Was kann eine Ethik der Elternschaft meinen, die sich mit den neuen Formen der Elternschaft auseinandersetzt, ohne unmittelbar zu fragen, ob die jeweilige Form »richtig« oder »falsch« ist?

Eine Ethik der Elternschaft ruht auf den Interpretationen auf, die wir in der Auseinandersetzung mit unseren jeweiligen Wirklichkeiten gewinnen. Und da sich die Wirklichkeiten, unter denen Menschen heute Eltern werden, zumindest für manche radikal verändert haben, müssen die entstandenen Möglichkeiten neu interpretiert werden. Eine Ethik der Elternschaft, so verstanden, betrifft daher nicht nur die Diagnostik eines Kindes vor oder während der Schwangerschaft, sondern sie betrifft den Sinn oder die Bedeutung von Fortpflanzung – der »Selbstbeschreibung des Lebens«, wie Melanie Thernstrom sie nennt, unter den Bedingungen moderner Reproduktionsmedizin. Ihre Erzählung macht deutlich, wie autobiografisch, intim und individuell – das heißt persönlich – die Erfahrung der Fortpflanzung, aber auch die Erfahrung der Unfruchtbarkeit ist. Sie zeigt, dass der Prozess, Eltern zu werden, einschließt, das »Beste« für die Kinder zu wollen, was nicht notwendig immer auch das Erwünschte für sich selbst ist: Nachdem sie erfahren hat, dass sie eine »Risikoschwangere« ist, kann Melanie Abschied nehmen von ihrem Traum, selbst schwanger zu werden. Nach der Geburt lässt Melanie es zu, dass eine Leihmutter, Fie, ihr Kind stillt, auch wenn alle ihr davon abraten, weil es ihr eigenes »Nicht-Können« umso offensichtlicher zum Vorschein bringe: Da sie weiß, wie wichtig das Stillen für das Kind ist, überwindet sie ihr eigenes Ressentiment, um ihrem Kind das »Bestmögliche« zu geben.

Trotzdem liest man diese Erzählung wahrscheinlich nicht ohne Verwunderung und Überraschung, womöglich auch mit einer gehörigen Portion Skepsis darüber, was sich eine offenkundig nicht ganz schlecht situierte Frau aus den USA alles leisten kann (und muss), um sich ihren Wunsch nach einem eigenen Kind zu erfüllen. Unwillkürlich stellen sich Fragen ein, die ihren Ausgang von der Reise- und Wegmetaphorik nehmen: Wären andere Lebens-Wege möglich? Was bedeutet dieser Weg nicht nur für das Paar persönlich, sondern auch in sozialer Hinsicht? Was bedeutet ihr Weg für die Kinder, die in diesem Fall offenkundig liebende Eltern haben? Melanie Thernstrom sagt selbst, dass ihre Geschichte »romantisch« endet – aber das ist längst nicht immer der Fall. Müssen wir, dürfen wir ihr diese anderen Geschichten entgegenhalten? In der bioethischen Literatur wurde zum Beispiel heftig ein anderer »Fall« diskutiert: Er betrifft ein Paar, das sich während der »Leihmutter-Schwangerschaft« trennt. Nach der Geburt beansprucht die Leihmutter das Kind für sich, weil sie den Vertrag nur unter der Voraussetzung unterschrieben habe, dass das Kind von beiden Vertragspartnern versorgt werden würde. Unter den veränderten Bedingungen sei sie dem Kind gegenüber mehr verpflichtet als ihrer Vertragspartnerin, der sozialen Mutter (die zur Mutter des Kindes allein durch die rechtliche Anerkennung des Vertrages werden kann – ansonsten verbindet sie mit dem Kind nur die Beauftragung der Leihmutter!). Dennoch wird ihr, der sozialen Mutter, am Ende das Sorgerecht zuerkannt.

Oder: Was wäre geschehen, wenn bei einem der Kinder eine Behinderung diagnostiziert worden wäre? Hätten Melanie und Michael es dann »trotzdem« angenommen? Oder hätten sie die Leihmutter zum Abbruch einer Schwangerschaft gedrängt? Wer hätte hier entscheiden sollen? Um wessen »reproduktive Autonomie« geht es in einem solchen Fall?

Was wäre gewesen, wenn der nicht unwahrscheinliche Fall eingetreten wäre, dass es zu einer Mehrlingsschwangerschaft gekommen wäre und Melanie und Michael plötzlich nicht zwei Kinder, sondern womöglich vier oder fünf bekommen hätten, für die sie auch die Sorge zu übernehmen hätten? Oder hätten sie die Leihmütter dann zu einem sogenannten selektiven Fetozid gedrängt, bei dem »überzählige« Föten getötet werden?

Melanie und Michael haben einen Vertrag mit der Eizellspenderin und den Leihmüttern abgeschlossen, über deren Details die Leserinnen und Leser nicht viel erfahren. Aber schließt er auch gesundheitliche Komplikationen ein? Wie lange währt diese Absicherung für die Spenderin und die Leihmütter? Diese Frage ist nicht aus der Luft gegriffen: So gibt es seit Jahren Beschwerden über die Medikamente, die zur Hormonstimulierung im Kontext der assistierten Fortpflanzung verwendet werden. Neue Berichte erhärten zum Beispiel die Verharmlosung der Nebenfolgen und Risiken etwa des Medikaments »lupron«, das von der amerikanischen Aufsichtsbehörde nicht für die Hormonstimulierung zugelassen ist, aber dennoch häufig dafür eingesetzt wird; Frauen berichten von schweren Nebenwirkungen, die bei einem Viertel der Befragten auch nach sechs Monaten noch nicht überwunden waren.

In Deutschland (Stand 3/2011) sind bisher Eizellspenden und Leihmutterschaften verboten. Das heißt aber natürlich nicht, dass es nicht Paare gibt, die diesen Weg einschlagen, um Eltern zu werden. Sie nutzen die Möglichkeiten der europäischen und internationalen Agenturen und Kliniken, um ihren Kinderwunsch zu verwirklichen. Die Frage nach den Veränderungen der Elternschaftskonzepte stellt sich entsprechend für alle Praktiken, und auch die Frage nach der Ethik der Elternschaft wird zunehmend zu einem Thema der bioethischen Diskussion.