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Inhaltsverzeichnis

Ein kleines Mädchen
1 - Salazar
2 - Sennar
3 - Soana
4 - Der Bannwald
5 - Träume, Phantasien und Schwerter
6 - Der Ritter des Drachenordens
7 - Im Land des Wassers
8 - Das Ende eines Märchens
9 - Die Wahrheit
10 - Auf der Flucht
11 - Nihals Entscheidung
12 - Zehn Krieger
13 - Die Akademie der Drachenritter
14 - Die Rekrutin Nihal
15 - Endlich in der Schlacht
16 - Ein neuer Schmerz
17 - Ido
18 - Der Drache
19 - Flugstunden
20 - Kopflos
21 - Eine neue Familie
22 - Abschied
Copyright

1

Salazar

Die Sonne überflutete die Ebene. Es war ein besonders milder Herbst, das Gras war noch saftig grün und wogte sanft gegen die Stadtmauern wie ein Meer an einem ruhigen Tag.

Nihal saß auf der Terrasse oben auf dem Turm und genoss den Morgenwind. Von diesem höchsten Punkt Salazars aus bot sich der beste Blick über die Ebene, die sich, so weit das Auge reichte, bis zum Horizont zog. Aus dieser endlosen Weite ragte die Stadt auf, mit ihren nicht weniger als fünfzig Ebenen von Häusern, Werkstätten und Ställen. Ein einziger, riesengroßer Turm, der eine kleine Metropole von fünfzehntausend Menschen fasste, die zusammengedrängt in seinen eintausendzweihundert Ellen Höhe lebten.

Nihal liebte es, allein dort oben zu sitzen, während der Wind in ihren langen Haaren spielte. Dann hockte sie mit übereinander geschlagenen Beinen auf einem Stein, hatte die Augen geschlossen und ihr hölzernes Schwert wie ein echter Krieger neben sich gelegt.

Dort oben konnte sie zur Ruhe kommen, konnte sich ganz auf sich selbst konzentrieren, auf ihre verborgensten Gedanken, auf jene vage Wehmut, die sie manchmal umfing, auf jenes leise Murmeln, das sie hin und wieder aus den Tiefen ihrer Seele aufsteigen spürte.

Doch heute war kein solcher Tag. Nein, es war ein Tag der Schlacht, und wie ein Feldherr, den es zum Kampf drängt, ließ Nihal heute den Blick über die Ebene schweifen.

 

Sie waren vielleicht ein Dutzend Jugendliche, alle älter als zehn Jahre. Unter lauter Jungen war sie das einzige Mädchen. Alle saßen, nur sie stand in ihrer Mitte. Sie war der Anführer: ein schmächtiges, schlankes Mädchen, mit lebhaften violetten Augen, fließendem, blau glänzendem Haar und auffallend spitz zulaufenden Ohren. Wenn man sie so ansah, mochte man sie nicht für stark halten, doch alle hingen an ihren Lippen.

»Heute kämpfen wir um die verlassenen Häuser. Die Fammin haben sich dort eingenistet und spielen sich als die großen Herren auf. Aber sie wissen nichts von uns und erwarten uns nicht: Wir können sie also überraschen und mit der Kraft unserer Schwerter aus ihren Löchern vertreiben.«

Die Jungen lauschten aufmerksam.

»Und wie sieht dein Schlachtplan aus?«, fragte der dickste von ihnen.

»Wir marschieren in geschlossenen Reihen bis zum Stockwerk über den Werkstätten hinunter, nehmen die Abkürzung durch die Gänge hinter der Stadtmauer und landen direkt bei ihrem Versteck und können ihnen in den Rücken fallen. Wenn wir uns nicht verraten, wird das ein Kinderspiel. Ich marschiere voran, die anderen des Stoßtrupps folgen mir.« Einige der Jungen nickten überzeugt. »Dann kommen die Bogenschützen«, und drei Knaben mit Schleudern in der Hand hoben die Waffen und zeigten, dass sie verstanden hatten, »und zum Schluss die Fußsoldaten. Seid ihr bereit?«

Ein Chor begeisterter Ja-Rufe erhob sich.

»Dann auf!«

Nihal reckte ihr Schwert und ließ sich geschwind, gefolgt vom Rest der Bande, durch die Falltür hinab, die von der Terrasse in den Turm führte.

Dicht hintereinander stürmten sie im Marschschritt durch die Gänge, die den inneren Ring Salazars umliefen, unter den amüsierten, häufiger aber sorgenvollen Blicken der Einwohner Salazars, die nur allzu gut wussten, wie Nihals legendäre Schlachten häufig endeten.

»Guten Morgen, General.«

Nihal drehte sich um. Das Wesen, das sie angesprochen hatte, war ungefähr so groß wie sie, leicht untersetzt und trug einen dichten Bart, der fast sein ganzes Gesicht verdeckte. Es war ein Gnom, der jetzt eine komische Verbeugung vollführte.

Nihal ließ ihre Männer anhalten und verbeugte sich ebenfalls.

»Auch dir einen guten Morgen.«

»Nun, mal wieder auf Feindesjagd?«

»Ja, natürlich. Wir müssen doch die Fammin aus dem Turm vertreiben.«

»Gewiss, gewiss … Doch würde ich an deiner Stelle, in diesen gefährlichen Zeiten heutzutage, den bewussten Namen nicht so leichtfertig aussprechen. Selbst nicht im Spiel.«

»Wir haben aber keine Angst!«, rief ein Junge aus dem Hintergrund.

Und Nihal lächelte kühn. »Eben, wir haben keine Angst. Und wovor auch? Die Fammin sind hier doch allen verhasst, und zudem ist das Land des Windes immer noch frei.«

Der Gnom kicherte und zwinkerte ihr zu. »Wie du meinst, General. Dann viel Glück in der Schlacht.«

Rasch, aber im Gleichschritt wie richtige Soldaten passierten sie die verschiedenen Ebenen der Turmstadt, vorbei an Häusern, Läden und Werkstätten, im Chaos der Völker und Sprachen, die in Salazar zu Hause waren. Sie durchliefen die ringförmig angelegten Flure jedes Stockwerks, während die Sonne sie in regelmäßigen Abständen durch die Fensterbögen küsste, die sich zu den Gemüsegärten in der Mitte tief unter ihnen öffneten. Die Turmstädte im Land des Windes waren nämlich alle um einen breiten zentralen Schacht herum errichtet, der zwei Aufgaben erfüllte: Zum einen ließ er auch von innen Tageslicht in die Stadt hinein, und zum anderen schuf er jenes offene Feld in der Mitte, das in verschiedenste kleine Obst- und Gemüsegärten unterteilt war.

Irgendwann bog Nihal sicheren Schritts in eine schmale Gasse ein und stieß gleich darauf eine alte vermoderte Tür auf. Dahinter herrschte tiefste Finsternis.

»Da wären wir.« Das Mädchen setzte eine feierliche Miene auf. »Also, keine Angst und tapfer voran, wie immer. Unsere große Aufgabe duldet keine Schwachheiten.«

Die anderen nickten ernst und folgten ihr dann in geduckter Haltung in den Stollen hinein.

Es war so dunkel, dass man die Hand nicht vor den Augen erkennen konnte, und die Luft war stickig und abgestanden. Doch nach einer Weile gewöhnten sie sich an die Finsternis und konnten die Treppe mit den feuchten, wackeligen Stufen ausmachen, die sich im Dunkeln verlor.

»Es wird ja wohl hoffentlich heute niemand sonst hier durchkommen? Ich hab gehört, dass die Stadtmauer auf der Westseite Risse hat, die repariert werden sollen … «, flüsterte einer der Jungen.

»Die waren schon hier«, antwortete Nihal. »Ein guter Anführer bedenkt auch solche Dinge. Nun aber Schluss mit dem Gerede, konzentriert euch auf eure Aufgabe!«

In dem hohlen Gang hallten ihre Schritte noch eine Weile nach, vermischten sich mit dem Stimmengewirr jenseits der Stadtmauern. Dann noch eine letzte Biegung, und Nihal hob die Hand.

»Halt! Wir sind da«, zischte sie, schwer atmend. So fühlte sie sich immer kurz vor einem Angriff: Dann hämmerte ihr Herz in der Brust, und das Blut pochte in ihren Schläfen. Sie liebte dieses Gefühl, eine Mischung aus Furcht und dem Verlangen, sich in den Kampf zu stürzen. Ihre Finger tasteten die Wand entlang, bis sie auf eine Holztür stießen. Sie legte das Ohr daran. Die Quadersteine waren sehr dick, aber durch das Holz konnte sie die Stimmen von Jungen auf der anderen Seite wahrnehmen.

»Immer wir. Ich bin es jedenfalls leid, immer ein Fammin zu sein.«

»Das musst du mir nicht erzählen. Beim letzten Mal hat Nihal mich völlig fertig gemacht.«

»Und mir hat sie einen Zahn ausgeschlagen …«

»Als Barod noch Anführer war, haben wir uns wenigstens abgewechselt.«

»Mag sein. Aber bei Nihal macht es viel mehr Spaß. Zum Teufel, wenn wir kämpfen, habe ich das Gefühl, das ist alles echt! Dann fühle ich mich wie, wie … ein richtiger Soldat!«

»Auf alle Fälle ist sie die Beste, und da ist es nur recht, dass sie das Kommando hat.«

Nihal löste sich von der Wand und zog geräuschlos ihr Schwert aus der Scheide. Einen Augenblick wartete sie noch, holte dann aus, trat die Tür auf und stürzte sich mit ihrem Trupp hinein.

 

Der Raum war groß und voller Staub, wie Vorhänge hingen die Spinnweben vor den Fenstern. Er gehörte zu einem Haus reicher Leute, das aber, wie alle Gebäude auf dieser Ebene der Stadt, verlassen war. Die sechs Jungen, die, mit hölzernen Streitäxten bewaffnet, auf dem Boden gesessen hatten, sprangen überrascht auf, und der Kampf begann.

Wie eine Furie stürzte sich Nihal mit Macht auf die Feinde. Hin und her flog ihr Schwert, und schon bald trieb sie an der Spitze ihres Trupps die Gegner vor sich her durchs ganze Haus, von Raum zu Raum, bis zum äußeren Gang.

Die Jungen mit den Holzäxten hatten eindeutig das Nachsehen. Hier und da hörte man schon ein wehleidiges »Aua, aua«, wenn sich ein Kämpfer einen gar zu heftigen Hieb einfing.

»Rückzug«, rief der Anführer der Fammin. Wer noch konnte, rannte zur Treppe.

»Ihnen nach«, brüllte Nihal und wollte den Flüchtenden nachsetzen.

Doch einer ihrer Soldaten hielt sie am Arm fest. »Nicht runter zu den Läden. Erwischt mich mein Vater noch mal, wenn wir dort was anstellen, schlägt er mich windelweich.«

Nihal machte sich los. »Was sollen wir denn anstellen? Wir verfolgen sie doch nur, und dann kürzen wir ab durch die Felder.«

»Oje, vom Regen in die Traufe …«, murmelte der Junge, aber es blieb ihm nichts weiter übrig, als seinem Anführer zu folgen.

Alle hasteten nun die Treppe hinunter und dann weiter hinab, in heller Aufregung, die Waffen umklammernd, der Ebene mit den Läden zu. Viele Geschäfte begnügten sich für ihre Auslagen mit kleinen Schaufenstern, doch einige, besonders die Obst- und Gemüseläden, ragten mit ihren Ständen und Körben auch weit in den Durchgang hinein. Und so kam es, dass die dahinstürmenden Kinder vor einem solchen Geschäft gegen die Auslagen stießen und einige nichts ahnende Kunden fast über den Haufen rannten.

»Na wartet, ihr Halunken!«, rief der Gemüsehändler außer sich vor Zorn. »Nihal! Diesmal bekommt dein Vater was von mir zu hören!«

Doch Nihal setzte unbeeindruckt weiter den Flüchtenden nach. Wenn sie so, ihr Schwert umklammernd, dahinflog, fühlte sie sich lebendig und stark. Einige ihrer Soldaten hatten die Fammin schon wieder gestellt. Nun galt es nur noch, ihren Anführer zu erwischen.

»Überlasst ihn mir«, rief sie ihrem Trupp zu und beschleunigte noch einmal ihre Schritte, dem Feind immer dichter auf den Fersen. Fast schon konnte der Junge ihren Atem im Nacken spüren. Noch einmal hastete er eine Treppe hinunter, kam dabei aber ins Stolpern und fiel fast zwei Stockwerke tief. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rappelte er sich auf, blickte sich um, ob er auf dem richtigen Stockwerk war, und sprang dann aus einem der Fensterbögen.

Nihal, direkt hinter ihm, lehnte sich hinaus: Sie waren so weit unten angelangt, dass tiefer nur noch die Ställe lagen. Zu Füßen des Fensters, in einem Gemüsebeet auf dem Feld in der Mitte des Turms, hockte ihre Beute. Furchtlos sprang sie hinunter, landete auf den Füßen und stürzte sich mit gezücktem Schwert auf den Gegner, der bereits die Hände erhoben hatte.

»Ich ergebe mich«, keuchte er.

Nihal trat zu ihm. »Glückwunsch, Barod. Du bist flink geworden! «

»Ja, kein Wunder. Mit dir auf den Fersen …«

»Hast du dir weh getan?«

Barod betrachtete seine aufgeschlagenen Knie. »Ich springe eben nicht so geschickt wie du. Aber es war ohnehin das letzte Mal, ich habe es nämlich satt. Mach jemand anderen zum Anführer der Fammin. Was ich an blauen Flecken von dir abbekommen habe …«

Nihals Lachen wurde jäh unterbrochen von einer aufgebrachten Stimme.

»Du schon wieder! Jetzt reicht’s mir aber. Verflucht noch mal!«

»Oje! Das ist Baar«, rief Nihal besorgt. Sie half Barod auf die Beine, und schon suchten sie gemeinsam zwischen den Salatköpfen das Weite.

»Lauft nur, das wird euch nichts nützen. Ich weiß, wer ihr seid«, hörten sie noch die tobende Stimme hinter sich.

Am Rande des Feldes angelangt, wandte sich Nihal an den Freund: »Pass auf, lauf du nach Hause. Ich kümmere mich um ihn.«

Das ließ sich Barod nicht zweimal sagen.

Nihal hingegen setzte ihre gelungenste Unschuldsmiene auf und wartete auf den Bauern, einen kleinen, zahnlosen Alten, dem der Zorn ins faltige Gesicht geschrieben war.

»Ich hab deinen Vater schon mehrmals gewarnt: Wenn ich dich noch einmal hier drinnen erwische, wird er mir für den Schaden aufkommen. Heute waren es drei Salatköpfe, die ich fortwerfen kann, gestern Zucchini … Ganz zu schweigen von all den Äpfeln, die du mir gestohlen hast!«

»Diesmal bin ich unschuldig, Baar!«, erwiderte Nihal mit zerknirschter Miene. »Mein Freund ist von dort oben heruntergefallen. Siehst du? Ich bin ihm bloß nach, um ihm zu helfen.«

»Seit Ewigkeiten fallen deine Freunde nun schon in meinen Gemüsegarten, und du eilst ihnen zu Hilfe! Wenn ihr Füße aus Weichkäse habt, so haltet euch besser von den Fensterbögen fern!«

Nihal nickte mit betretener Miene. »Du hast Recht, verzeih mir. Es wird nicht wieder vorkommen.«

Dann blickte sie mit einer solchen Engelsmiene zu Baar auf, dass der nicht anders konnte, als Gnade vor Recht ergehen zu lassen. »Nun gut, so hau schon ab. Aber richte Livon aus, zum Dank kann er mir noch mal gratis meine Sicheln schleifen.«

»Wenn’s weiter nichts ist.«

Das Mädchen warf ihm eine Kusshand zu und stob dann, so schnell die Beine sie trugen, davon.

 

Livon wohnte auf jener Ebene mit den vielen Läden und Werkstätten, gleich über den Ställen und dem Eingang von Salazar, einem mächtigen, zweiflügeligen Holztor mit schweren Eisenbeschlägen an den Seiten und dicken Angeln, das mehr als zehn Ellen hoch war. Das Holz wies noch Spuren von Basreliefs auf, die man dort in ferner Vergangenheit hineingeschnitzt hatte. Die einzelnen Figuren gingen aber zum Großteil so ineinander über, dass, abgesehen von einigen Rittern und Drachen, kaum noch zu erkennen war, was sie darstellen sollten.

Wie bei vielen Handwerkern in Salazar war auch Livons Werkstatt gleichzeitig sein Wohnhaus: Auf diese Weise sparte man Zeit und Mietkosten. Der einzige Nachteil war das Durcheinander, das noch verschlimmert wurde durch das Fehlen einer ordnenden weiblichen Hand, die diesen Namen verdient hätte. Obendrein war Livon Waffenschmied und sein Haus daher voller Gerätschaften und Waffen, Metallresten und Kohlestücken.

Nihal zog die Tür auf. »Ich bin wieder da!«, verkündete sie mit lauter Stimme. »Und ich hab mächtig Hunger.«

Ihre Worte gingen im Lärm fast unter. Livon stand in einer Ecke und war damit beschäftigt, mit einem schweren Schmiedehammer auf ein glühendes Stück Eisen einzuschlagen, während ein Meer von Funken aufstob und in Kaskaden auf den Fußboden niederging. Er war ein Mann von imponierender Gestalt. Nur seine Augen leuchteten unter den rabenschwarzen Haaren in einem rußgeschwärzten Gesicht, das wie ein Stücke Kohle wirkte.

»He, Alter!«, rief Nihal jetzt noch einmal, mit allem, was ihre Lungen hergaben.

»Ach, da bist du ja«, antwortete Livon, indem er innehielt und sich den Schweiß von der Stirn wischte. »Ich hatte schon auf dich gewartet, aber als du nicht kamst, habe ich mich noch mal an die Arbeit gemacht. Bis morgen muss ich damit fertig sein.«

»Dann hast du also gar nichts zu essen gemacht?«

»Nein. Aber es war auch ausgemacht, dass du einmal in der Woche die Küche übernimmst.«

»Ja, schon, aber gerade heute bin ich so müde.«

»Warte, warte, du brauchst mir gar nichts zu erzählen. Ich wette, du warst wieder mit deinen Freunden, diesem wilden Haufen, unterwegs.«

Schweigen.

»Und wie gewöhnlich bei den verlassenen Häusern.«

Weiter Schweigen.

»Und womöglich seid ihr schließlich zum tausendsten Male in Baars Gemüsegarten gelandet …«

Nihal fühlte sich ertappt. Immer noch schweigend, öffnete sie die Speisekammer und nahm sich einen Apfel.

»Ist schon gut. Mir reicht etwas Obst«, erklärte sie, während sie langsam, bemüht unbefangen, den Rückzug antrat.

»Verflixt noch mal, Nihal! Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst nicht unten in den Gärten spielen? Hier stehen ständig Leute vor der Tür, die sich über dich beschweren und Gratisreparaturen von mir verlangen!«

Mit betretener Miene nahm Nihal Platz. »Was soll ich denn machen …? Wenn man kämpft …«

Unwirsch stieß Livon die Luft aus und machte sich dann daran, ein wenig Gemüse aus der Speisekammer zu zerkleinern. »Komm mir doch nicht mit diesem Unsinn. Wenn du spielen willst, so spiel … Aber ohne anderen Leuten zur Last zu fallen!«

Nihal verdrehte die Augen: Immer wieder die gleiche Leier …

»Ach, halt mir doch keine Predigten, Alter …«

Der Mann warf ihr einen gekränkten Blick zu. »Du könntest mich ruhig wenigstens ab und zu mal ›Vater‹ nennen.«

Ein spitzbübisches Lächeln huschte über Nihals Gesicht. »Jetzt kommt schon, Vater. Ich weiß doch, es freut dich, dass ich ganz gut mit dem Schwert umgehen kann …«

Mürrisch stellte Livon einen Teller rohen Gemüses vor ihr auf den Tisch.

»Soll das unser Mittagessen sein?«

»Ja, das ist doch genau das Richtige für junge Damen, die es sich in den Kopf gesetzt haben, sich wie ein halber Junge aufzuführen. Würdest du dich an unsere Absprachen halten, hätten wir jetzt auch etwas Warmes auf dem Tisch.«

Er rückte sich einen Stuhl heran und begann zu essen, kaute eine Weile nachdenklich vor sich hin und hob dann wieder an: »Nein, Nihal, das stimmt nicht, es freut mich keineswegs … «

Nihal kicherte in sich hinein. Einige Augenblicke konnte sich Livon noch zurückhalten, dann begann auch er zu lachen.

»Schon gut. Du hast Recht. Mir gefällt es, wie du bist … Ich bewundere dich. Aber für andere Leute … Überleg mal, du bist jetzt schon dreizehn, früher oder später muss sich eine Frau auch übers Heiraten Gedanken machen!«

»Wer sagt denn das? Ich denke überhaupt nicht daran, den ganzen Tag zu Hause zu hocken und zu stricken. Ich will ein Krieger werden!«

»Es gibt keine weiblichen Krieger«, erwiderte Livon, doch seine Stimme verriet einen kaum verhohlenen Stolz.

»Dann werde ich eben der erste sein.«

Livon lächelte und fuhr seiner Tochter durchs Haar.

»Es ist schon nicht leicht mit dir! Und manchmal denke ich, du hättest wirklich eine Mutter gebraucht …«

»Ist doch nicht deine Schuld, dass Mutter gestorben ist«, entgegnete Nihal ganz unbefangen.

»Nein.« Livon errötete. »Nein, natürlich nicht …«

Für Nihal umgab das Schicksal ihrer Mutter ein undurchdringbares Geheimnis. Schon früh war ihr aufgefallen, dass alle in Salazar einen Vater und eine Mutter hatten. Nur sie hatte bloß einen Vater. Irgendwann, bereits in jungen Jahren, hatte sie angefangen, Fragen zu stellen, auf die Livon ihr jedoch bloß ausweichende und verworrene Antworten gab. Ihre Mutter war tot, aber sie wusste noch nicht einmal, wie und wann sie gestorben war. Dabei hätte sie gerne gewusst, was sie für eine Frau gewesen war. Sie war schön, hatte er ihr geantwortet. Ja, aber wie? Na, so wie du, mit violetten Augen und blauem Haar. Immer, wenn dieses Thema zur Sprache kam, geriet Livon in große Verlegenheit, und mit der Zeit hatte Nihal gelernt, es ganz zu vermeiden.

»Du hast doch immer gesagt, ich solle eine starke Persönlichkeit werden und lernen, meine Ziele beharrlich zu verfolgen … Das versuche ich eben.«

Seiner Tochter gegenüber hatte Livon ein weiches Herz, und bei diesen Worten traten ihm Tränen in die Augen.

»Komm her zu mir«, sagte er und umarmte sie so fest, dass er ihr weh tat.

»Du erstickst mich, Alter …«

Nihal versuchte, sich ihm zu entwinden, dabei genoss sie im Grunde diese Umarmung mehr, als sie zeigen wollte.

 

Am Nachmittag wandten sie sich ihrer üblichen Beschäftigung zu: dem Schmieden von Waffen.

Livon war nicht bloß der beste Waffenschmied der bekannten, sondern wahrscheinlich auch der unbekannten Welt. Ja, er war ein wahrer Künstler. Seine Schwerter waren Kunstwerke von so blendender Schönheit, dass es einem den Atem nahm, und gleichzeitig waren sie Waffen, die sich ihrem Träger anpassten und seine Fähigkeiten besonders zur Geltung brachten.

Er fertigte Lanzen so spitz wie Stacheln und so scharf wie Rasierklingen, verziert mit herrlich gewundenen Ornamenten, die aber die Waffen nicht mit unnötigen Schnörkeln überluden, sondern die Linienführung harmonisch unterstrichen. Livon war es gegeben, höchste Funktionalität mit betörender Eleganz zu verschmelzen. Seine Waffen waren wie Kinder für ihn, er betrachtete sie als seine Geschöpfe und schloss sie als solche ins Herz. Er liebte seine Arbeit, erlaubte sie es ihm doch, seine schier unerschöpfliche Kreativität ganz auszuleben und gleichzeitig seine handwerklichen Fertigkeiten immer wieder aufs Neue unter Beweis zu stellen.

Jede Waffe, die er begann, empfand er als neue Herausforderung, und so experimentierte er viel, verwendete neue Materialien, suchte nach immer raffinierteren Formen und verband sie mit immer komplizierteren technischen Eigenschaften. Mit den Jahren hatte sich Livons Ruf derart verbreitet, dass es ihm nie an Arbeit mangelte, und seit jeher schon ließ er sich, sowohl aus Notwendigkeit als auch aus reiner Freude, von Nihal dabei helfen. Und während sie ihm den Hammer reichte oder den Blasebalg trat, machte er sie gerne mit Weisheiten aus der Welt der Krieger vertraut. So auch heute wieder.

»Eine Waffe ist kein bloßer Gebrauchsgegenstand«, sagte er. »Für einen Krieger ist sein Schwert wie ein Glied seines Körpers, wie ein treuer Gefährte, von dem er sich niemals trennen würde. Es ist allein sein Schwert, es ist ihm unersetzlich, und niemals würde er es gegen ein anderes eintauschen. Und für den Schmied ist es ähnlich. Ein Schwert, das er geschmiedet hat, bedeutet ihm soviel wie ein eigenes Kind. So wie die Natur den Geschöpfen dieser Welt Leben schenkt, so bringt der Schmied aus Eisen und Feuer das Schwert hervor«, erklärte Livon feierlich, um gleich darauf in schallendes Gelächter auszubrechen.

So war es nicht verwunderlich, dass aus Nihal mit diesem Vater, der für seine Schwerter lebte und Soldaten, Ritter und Abenteurer zu seinen Kunden zählte, ein solch wildes, wenig weibliches Mädchen geworden war.

Während sie so bei der Arbeit waren, rückte Nihal plötzlich mit einer schon oft gestellten Frage heraus. »Alter?«

»Hmm …«

Livon ließ den Hammer auf die Klinge niederfahren.

»Sag mal …«

Ein weiterer Schlag.

Nihal bemühte sich um eine unschuldige, möglichst gleichgültige Miene. »Wann bekomme ich eigentlich ein echtes Schwert?«

Livon hielt kurz in der Bewegung inne, seufzte einmal tief und machte sich dann wieder daran, auf das Eisen einzuhämmern. »Halt doch mal die Zange ruhig.«

»Ich habe dich was gefragt«, ließ Nihal nicht locker.

»Du bist noch zu jung.«

»Ach ja? Aber um mir einen Ehemann zu suchen, bin ich alt genug!«

Livon legte den Hammer beiseite und ließ sich resigniert auf einen Stuhl sinken. »Ach Nihal, darüber haben wir doch schon oft gesprochen. Ein Schwert ist nun mal kein Spielzeug. «

»Das weiß ich nur zu gut, aber ich weiß auch, wie man damit umgeht, und das besser als alle Jungen dieser Stadt!«

Livon seufzte. Schon oft hatte er daran gedacht, Nihal eins seiner Schwerter zu schenken, sich aber immer wieder von der Sorge, sie könne sich damit wehtun, zurückhalten lassen. Andererseits verstand es Nihal, wie er wusste, mit ihrem Holzschwert meisterlich zu kämpfen. Zudem hatte sie auch bereits mehr als einmal ein echtes Schwert zur Hand genommen und dabei immer gezeigt, dass sie sich sowohl über dessen Möglichkeiten als auch dessen Risiken im Klaren war.

Nihal spürte, dass ihr Vater schwankte, und bohrte noch einmal nach: »Nun, Alter, was ist?«

Livon blickte sich um. »Mal sehen«, sagte er geheimnisvoll, stand dann auf und trat auf das Regal zu, in dem er seine besten Arbeiten aufbewahrte, jene also, die er ohne Auftrag, nur für sich selbst, geschaffen hatte. Er nahm einen Dolch zur Hand und zeigte ihn Nihal. »Schau mal, den habe ich vor ein paar Monaten erst fertig gestellt …«

Es war eine wunderschöne Waffe, deren Griff wie ein Baumstamm geformt war, mit dem Wurzelwerk am unteren und zwei gewundenen, sich nach außen hin verbreiternden Ästen am oberen Ende. Zwischen diesen sprossen wiederum andere Zweige hervor, die sich noch ein Stückchen umschlangen und schließlich in die Klinge übergingen.

Nihals Augen glänzten. »Ist der für mich?«

»Ja, wenn du mich im Kampf besiegst. Aber wenn ich gewinne, wirst du einen Monat lang jeden Tag brav kochen und aufräumen.«

»Einverstanden. Aber du bist groß und stark, und ich noch ein Kind. Jedenfalls sagst du das immer. Und um einen Ausgleich dafür zu schaffen, solltest du dich nur im Bereich von drei Bodenbrettern bewegen dürfen.«

Livon kicherte. »Das scheint mir nur gerecht.«

»Gut, dann gib mir ein Schwert«, forderte Nihal ihn auf, voller Vorfreude, das Eisen in die Hände nehmen zu können.

»Nicht mal im Traum, Nihal! Und auch ich werde natürlich nur mit einem Holz kämpfen.«

So nahmen sie in der Mitte des weitläufigen Raumes Aufstellung, Nihal ihr Holzschwert umklammernd, Livon mit einem Stock in der Hand.

»Bist du bereit?«

»Gewiss.«

 

Und der Kampf begann.

Nihal verfügte über keine große Ausdauer, und ihre Technik war alles andere als untadelig, aber mit Instinkt und Phantasie glich sie diese Mängel aus. So parierte sie jeden Hieb, wählte selbst stets den richtigen Zeitpunkt zum Angriff und sprang äußerst flink hin und her. Nur darin war sie ihm überlegen, und das wusste sie.

Mit einem Male fühlte sich Livon richtig stolz auf dieses burschikose Mädchen mit den blauen Zöpfen. Und schon entglitt der Stock seinen Händen und flog krachend gegen einige Lanzen in der Ecke.

Nihal setzte ihm die Schwertspitze an den Hals. »Was ist los mit dir, Alter? Fällst du jetzt schon auf die einfachsten Tricks herein? Lässt dich von einem kleinen Mädchen entwaffnen …«

Livon schob das Holzschwert zur Seite, nahm den Dolch zur Hand und reichte ihn seiner Tochter. »Nimm. Den hast du dir verdient.«

Lange drehte Nihal den Dolch in ihren Händen hin und her, wog ihn, prüfte mit dem Finger den Schliff und überspielte so ihre unbändige Freude. Ihre erste Waffe!

»Aber denk immer daran: Spiel dich nie vor einem geschlagenen Gegner auf. Das zeugt von schlechtem Stil.«

Nihal blinzelte den Waffenschmied an. »Danke, Vater.«

Sie war schon gewitzt genug, um zu erkennen, wann man sie gewinnen ließ.

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2

Sennar

Schon von Kindesbeinen an gehörte Nihal zu der Jungenbande, mit der sie so gerne durch Salazar streifte und allen nur denkbaren Unsinn anstellte. Anfangs war man ihr mit einem gewissen Misstrauen begegnet, nicht nur, weil sie ein Mädchen war, sondern auch ihres eigenartigen Aussehens wegen, aber sie hatte nicht lange gebraucht, um sich unter den Jungen Respekt zu verschaffen.

Schon nach einigen Zweikämpfen hatte sie gespürt, dass sie auch als Mädchen den anderen Mitgliedern der Bande an Verwegenheit keineswegs nachstand.

Und so gehörte sie bald immer selbstverständlicher dazu. Als sie eines Tages dann auch noch Barod im Schwertkampf besiegte, machten die anderen sie zu ihrem Anführer und vergötterten sie geradezu.

Obwohl es ihr also nicht an Gesellschaft mangelte, fühlte sich Nihal in manchen Stunden richtig einsam. Dann stieg sie hinauf zum höchsten Punkt der Stadt und genoss von der breiten Terrasse aus den Ausblick über die Steppenlandschaft: Grenzenlos glitt der Blick über die Ebene, aus der sich nur die allgegenwärtige Feste des Tyrannen mit dem mächtigen Turm und die verschleierten Umrisse anderer Städte im Dunst abhoben.

Mit diesem Bild vor Augen kam Nihal innerlich zur Ruhe, und auch ihr kriegerisches Wesen schwieg für eine Weile. Es war eigenartig: Wenn in der untergehenden Sonne Himmel und Steppe zu einem einzigen großen Feuer aufloderten, schaffte sie es, an nichts zu denken. Dann hörte sie nur ein Murmeln aus den Tiefen ihrer Seele, wie ein Flüstern in einer Sprache, die sie nicht verstand.

Seit Nihal sich Livons Dolch erkämpft hatte, schlug ihr noch größere Bewunderung von Seiten der anderen entgegen, und wenn sie mit der Waffe gut sichtbar an ihrem Gürtel durch die Straßen lief, kam sie sich so stark wie ein Ritter vor. Schon manches Mal hatte sie ihren Dolch in irgendeiner Rauferei als Siegprämie ausgesetzt, und sie konnte sich rühmen, nie einen Kampf verloren zu haben.

An einem Herbstmorgen ihres dreizehnten Lebensjahres hörte sie Barod eben aus diesem Grund von der Straße her nach ihr rufen: Ein Junge, den man noch nie in ihrem Kreis gesehen hatte, forderte sie zu einem Zweikampf um den Dolch heraus. Nihal ließ sich nicht lange bitten und lief übermütig hinauf zur Terrasse, jenem Ort, wo alle ihre Duelle stattfanden.

Als sie ihren Gegner sah, hätte sie fast laut losgelacht: Er war groß und hager und mochte einige Jahre älter sein als sie, aber besonders auffällig war seine furchtbar strubbelige rote Mähne. Auf den ersten Blick erkannte sie, dass die Stärke ihres Gegners nicht in seiner Körperkraft bestehen konnte. Und weniger noch in seiner Wendigkeit, angesichts der Tatsache, dass er ein unförmiges Gewand trug, eine Art Kittel, der ihm bis zu den Füßen reichte und auf der Brust mit einem geometrischen Muster bestickt war. Wie wollte er in einem solchen Aufzug kämpfen?

Die beste Waffe dieses Burschen konnte nur eine gewisse Verschlagenheit sein, die Nihal in seinen auffallend hellen blauen Augen zu erkennen glaubte. Aber das sorgte sie nicht: Feinde, die mit unerlaubten Mittel kämpften, hatte sie schon zuhauf niedergerungen.

»Hast du mich rufen lassen?«

»Ja, das habe ich.«

»Und du willst mich zum Kampf herausfordern?«

»Ganz recht.«

»Gesprächig bist du ja nicht gerade. Ich habe dich noch nie hier gesehen. Woher kommst du?«

»Ich lebe in der Nähe des Bannwaldes, doch meine eigentliche Heimat ist das Land des Meeres. Und ich heiße Sennar, um gleich schon deine nächste Frage zu beantworten.«

Nihal rätselte, wieso dieser Kerl so selbstsicher auftrat: Er musste doch ihren Ruf kennen, sonst hätte er sie nicht herausgefordert, konnte sie also nicht unterschätzen.

»Woher weißt du von mir, und wieso forderst du mich zum Kampf?«

»Ach, man hört doch überall von diesem Teufelsweib mit den spitzen Ohren und den blauen Haaren, das wie ein Schmied zuschlägt. Sag mal, hast du ganz vergessen, dass du ein Mädchen bist?«

Nihal ballte die Fäuste: Sie wusste, dass es von Nachteil war, schon vor dem Kampf die Beherrschung zu verlieren, doch eben darauf legte es Sennar mit seinem spöttischen Gerede und seinem höhnischen Lächeln gerade an.

»Was ich tue, kann dir doch gleich sein. Und außerdem hast du mir noch nicht geantwortet. Warum forderst du mich heraus? «

»Nun, an solchen Nichtigkeiten wie Ruhm und Ehre, die durch die Köpfe jener Bübchen geistern mögen, die sich sonst mit dir schlagen, bin ich absolut nicht interessiert. Was ich will, ist dein Dolch. Weil er so wunderschön ist und von Livon geschaffen wurde, dem besten Waffenschmied der Aufgetauchten Welt. Und wenn ich, um ihn zu bekommen, eben mit dir spielen muss, so sei es mir recht.«

Obwohl es Nihal in den Fingern juckte, ging sie nicht auf die Provokationen ein. Stattdessen verständigte sie sich mit Sennar auf die Regeln des Kampfes. Sobald es losging, konnte sie ihm jede Frechheit heimzahlen.

Sie kamen überein, mit Stöcken zu fechten: Wer zuerst seine Waffe verlor oder zu Boden ging, war besiegt. Der Dolch, die Siegestrophäe, wurde feierlich dem Jüngsten aus der Bande, die sie umstand, übergeben.

»Deinen Kittel wirst du wohl noch ausziehen?«

»Nein, nein, darin kämpfe ich gern. Hoffentlich macht es dir nichts aus, von jemandem in einer solchen Aufmachung besiegt zu werden?«

Nihal schluckte auch noch diese Kröte. Und der Kampf begann.

Wie erwartet, war Sennar nicht besonders stark, auch wenig geschickt, und seine Technik konnte sich mit der ihren nicht messen. Was zum Teufel machte ihn bloß so siegesgewiss?

Bald schon war Nihal klar im Vorteil: Sie nutzte ihre Schnelligkeit, bewegte sich ohne Unterlass und verwirrte so ihren Gegner. Die Jungen im Kreis um sie herum feuerten sie mit Rufen und Pfiffen an. Nihal spürte, wie der Kampf sie mehr und mehr erregte und die Leidenschaft sie schier übermannte: Sie bewegte sich noch rasanter, parierte einen Schlag, drehte sich blitzartig, traf Sennar selbst in der Seite und schickte sich an, den Stock hinwegzufegen, den der Junge vor sich hielt, um sich vor ihrem nächsten Hieb zu schützen.

Geschafft!, sagte sie sich triumphierend.

Dieser Augenblick der Gewissheit genügte, um ihr den Sieg zu entreißen.

Mit einem kalten Blick sah ihr Sennar in die Augen, deutete ein Lächeln an und murmelte etwas, was Nihal nicht verstand.

Gerade als sie sich anschickte, ihre Waffe auf Sennar niedersausen zu lassen, spürte sie, wie der Stock in ihren Händen erschlaffte, schlüpfrig wurde und sich zu schlängeln begann. Sie hob den Blick: Anstelle des Stockes wand sich eine dicke, zischende Schlange in ihrer Hand.

Nihal schrie auf und ließ das Reptil los. Es war nur ein kurzer Augenblick der Unaufmerksamkeit, aber den ließ sich Sennar nicht entgehen: Eine Beinsichel, und zum ersten Mal in ihrem Leben besiegt, fand sich das Mädchen am Boden wieder.

»Damit dürfte der Sieger feststehen.«

Und schon griff sich Sennar den Dolch aus den Händen des Jungen, der auf ihn aufgepasst hatte.

Eine Weile lag Nihal wie versteinert da. Dann schüttelte sie sich und blickte sich um. Von einer Schlange keine Spur.

»Verfluchter Betrüger. So bist du ein Magier! Das hattest du mir nicht gesagt. Das ist unredlich. Gib mir sofort meinen Dolch zurück!«

Sie sprang auf und wollte sich auf ihn stürzen. Doch Sennar hielt sie mit einer Hand zurück. »Spiel dich nicht so auf. Anstatt hier herumzuschreien, solltest du mir lieber für die Lektion danken. Hast du mich vielleicht gefragt, ob ich ein Magier bin? Nein. Hast du vielleicht gesagt: ›Gegen Magier kämpfe ich nicht‹? Nein. Hast du vielleicht zur Bedingung gemacht, dass sich niemand magischer Fähigkeiten bedienen darf? Nein? Also ist es allein deine Schuld, dass du verloren hast. Heute hast du gelernt, wie wichtig es ist, seinen Feind gut zu kennen, bevor man den Kampf aufnimmt. Und dass Eifer ohne Klugheit wenig bringt. Und nun hör auf zu jammern: Livon wird dir doch mit Sicherheit einen neuen Dolch schmieden.«

Während er sich schon entfernte, fügte er noch hinzu: »Dennoch, kämpfen kannst du, da gibt es nichts.« Und so ging er davon, genauso träge, wie er gekommen war.

Reglos sah Nihal ihm nach. Irgendwann erhob sich aus dem betretenen Schweigen ihrer Bande Barods Stimme: »Tut mir Leid für dich, Nihal, aber Recht hat er schon, dieser Kerl.«

Anstelle einer Antwort verpasste sie ihm einen mächtigen Schlag auf die Nase und lief in Tränen aufgelöst davon.

So schnell die Beine sie trugen, stürmte sie den Turm hinunter, stieß gegen Passanten, umkurvte die Stände vor den Läden und warf einen Krug mit Öl vor einem Wirtshaus um. Das einzige, wonach sie sich jetzt sehnte, war, sich in Livons tröstende Arme zu werfen: Er würde sie verstehen und in Schutz nehmen, würde mit ihr übereinstimmen, dass dieser Kerl ein feiger Betrüger war, und einen neuen Dolch für sie fertigen, der tausend Mal schöner war als der, den sie verloren hatte.

 

Schweigend hörte Livon zu, bis Nihal unter Tränen und Schluchzen die ganze Geschichte heruntergerasselt hatte, und sagte dann nur: »Und worüber beschwerst du dich nun?«

Es dauerte eine Weile, bis Nihal den Schlag verdaut hatte: »Das fragst du noch? Er hat mich doch betrogen.«

»Das sehe ich nicht so. Ich würde eher sagen, er war schlau, und du naiv.«

Empört riss Nihal die Augen auf.

»Heute hast du zwei Dinge gelernt. Erstens, wenn dir wirklich etwas an einer Sache liegt, musst du gut auf sie aufpassen.«

»Aber …«

»Zweitens, wenn du in einen Zweikampf gehst, musst du einen klaren Kopf haben und deinen Feind kennen.«

Es waren genau jene Worte, die sie von diesem verschlagenen Betrüger gehört hatte.

»Verlieren gehört zum Leben, Nihal, daran musst du dich so früh wie möglich gewöhnen. Auch Niederlagen muss man akzeptieren.«

Schmollend ließ sich Nihal auf einen Stuhl fallen. »Dann gibt mir wenigstens ein Schwert …«

»Ein Schwert? Ist es denn meine Schuld, dass du den Dolch verloren hast, den ich dir gab? Das nächste Mal wirst du besser auf deine Geschenke achten.«

»Aber es war doch schon so mühsam, ihn überhaupt zu bekommen! Außerdem besitzt du so viele Schwerter, dass …«

Mit einer Handbewegung gebot ihr Livon zu schweigen. Seine Miene war ernst.

»Jetzt ist Schluss. Von dieser Geschichte will ich nichts mehr hören, verstanden?«

Und Nihal verfiel in ein abweisendes Schweigen, während ihr erneut Tränen der Wut über die Wangen rannen.

 

Die ganze Nacht lag sie grübelnd wach. Auch wenn die Niederlage noch so schmerzte, konnte sie sich vor allem nicht verzeihen, dass sie in Tränen ausgebrochen war. Unruhig warf sie sich in ihrem Bett hin und her. Das Verlangen, diese Schmach zu tilgen, ließ ihr keine Ruhe. Am liebsten wäre sie aus dem Bett gesprungen, um sich auf die Fersen dieses Burschen zu heften. Sie hätte ihn aufgespürt, wo auch immer er sich verkriechen mochte, und wenn sie dazu bis ans Ende der Welt hätte gehen müssen.

Während sie noch im Geiste die verschiedensten Rachepläne durchspielte, kam ihr ein Gedanke: Letztendlich zeigte diese ganze unselige Geschichte doch nur, dass sich ein Krieger, zumindest ein wenig, auch in den magischen Künsten auskennen sollte. Daher wäre es wohl ratsam, so überlegte sie, sich auch einmal mit Zauberei zu beschäftigen.

Eigentlich hatte die Magie noch nie Nihals Interesse wecken können. Die Faszination, die von einem Schwert ausging, war für sie immer weitaus fesselnder als jene schwer fassbare eines gelungenen Zaubers. Nun aber hatte sie erleben müssen, dass solche Fähigkeiten durchaus von Nutzen sein konnten. Zudem wäre es ihr eine ganz besondere Genugtuung gewesen, diesen Schuft mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.

Nihal hatte die Szene bereits vor Augen: Sennar, wie er sich in den Fesseln irgendeines von ihr herbeigeführten Zaubers wand, wie er sie um Gnade anflehte und ihr reumütig den ergaunerten Dolch reichte …

Ja, so würde sie es machen. Mochte es vielleicht auch Jahre dauern, bis sie zaubern konnte, darauf kam es ja nicht an. Selbst nach einem Jahrhundert würde es sich noch lohnen, diesen Burschen aufzuspüren und ihm alles heimzuzahlen.

Jetzt galt es nur, einen Magier zu finden, der bereit wäre, sie als Schülerin aufzunehmen. Sie selbst kannte keinen, aber bei all den Leuten, die in der Werkstatt ein und aus gingen, musste Livon doch jemanden kennen, der es übernehmen würde, sie in diese Künste einzuweihen.

 

Am folgenden Morgen teilte Nihal diesen Entschluss ihrem Vater mit. Der zeigte sich keineswegs begeistert.

»Warum entfachst du solch einen Wirbel wegen dieser Lausbubengeschichte? Ich habe dir doch gesagt, man muss auch mal verlieren können, und je eher du das lernst, desto besser für dich.«

»Hier geht es um keine Lausbubengeschichte«, erwiderte Nihal gekränkt. »Ich möchte doch wirklich ein Krieger werden, ein großer Krieger, und dazu muss man offenbar auch zaubern können. Was kostet es dich, mir jemanden zu nennen, der mich darin unterrichten könnte?«

»Ich kenne eben niemanden«, versetzte Livon ungeduldig und hoffte, dass die Sache damit aus der Welt sei.

Aber so leicht gab sich Nihal nicht geschlagen. »Das glaube ich nicht. Ich weiß doch, dass du hin und wieder auch Waffen mit magischen Eigenschaften verkaufst. Von irgendjemandem müssen diese Zauber ja kommen.«

Auf diese Weise mit unleugbaren Tatsachen konfrontiert, wurde Livon noch zorniger; er schlug mit der Faust auf die Tischplatte und schrie:

»Verdammt, mir passt es eben nicht, dass du dich mit Zauberei befasst!«

»Aber warum denn?«

»Darüber bin ich dir keine Erklärung schuldig«, versetzte er knapp und verfiel in ein mürrisches Schweigen.

»Wenn du mir nicht helfen willst, so suche ich mir eben selbst jemanden.«

»Da wirst du in Salazar kein Glück haben.«

»Dann suche ich eben in einer anderen Turmstadt. Es schreckt mich nicht, auf Reisen zu gehen.«

»Ach, mach doch, was du willst. Geh nur!«, schrie Livon wieder.

Nihal spürte, wie ihr die Tränen in die Augen traten. Nicht nur, weil sie nach jahrelangem friedlichem, ja glücklichem Zusammenleben nun zum ersten Mal wirklich in Streit geraten waren. Nein, es war ebenso die Enttäuschung, nicht verstanden zu werden, und das ausgerechnet von Livon, von dem sie immer angenommen hatte, dass er in der Lage wäre, alle ihre Gefühle und Empfindungen zu teilen. Und jetzt behandelte er sie wie ein aufsässiges Kind.

Sie schluckte die Tränen hinunter und blickte auf den mächtigen, durch die Jahre gebeugten Rücken ihres Vaters.

»Umso besser«, sagte sie zornig.

Doch als sie Anstalten machte, den Raum zu verlassen, hielt sie Livons tiefe Stimme zurück. »Warte …«, brummte er, indem er sich zu ihr umdrehte. »Nihal, es tut mir Leid. Aber ich hab einfach Angst, Angst, dass du von mir gehst. Solange du eine Kriegerin werden willst, kann ich für dich da sein. Aber Zauberei zu erlernen …«

Ein Kloß im Hals erstickte seine Worte.

»Aber was redest du denn da? Zu wem sollte ich denn gehen? Ich habe doch nur dich auf der Welt!«

Nihal umarmte ihn. »Ach, Väterchen, du wirst immer mein Zuhause sein.«

Livon war gerührt, und dennoch vermochten es diese Worte nicht, ihn gänzlich aufzuheitern. Noch einige Augenblicke hielt er Nihal fest in den Armen, dann löste er sich von ihr und sagte zögerlich: »Ich wüsste da eine Zauberin …«

»Na bitte. Ich hab’s doch gewusst. Phantastisch!« Nihal erfasste eine unbändige Freude. »Und wo finde ich sie?«

»Dort, wo der Bannwald beginnt.«

»Ach so …«

Der Bannwald war das einzige Waldgebiet in Nihals Heimat, und in einem Land der Steppen und offenen Weiten musste so ein düsteres Gehölz etwas Unheimliches haben: Kein Bewohner Salazars, der ihn nicht fürchtete, und Nihal war da keine Ausnahme.

»Dort findest du ein Haus, und darin wohnt deine Tante.«

Nihal war sprachlos. In ihren dreizehn Lebensjahren hatte sie ihren Vater nie von irgendwelchen Verwandten reden hören.

»Sie heißt Soana und ist meine Schwester. Und sie ist eine sehr mächtige Zauberin.«

»Ich kann es nicht glauben. Da verfügen wir über eine solch interessante Verwandtschaft, und du verschweigst sie mir. Warum dieses Geheimnis?«

Instinktiv senkte Livon die Stimme. »Der Tyrann sieht es nicht gern, wenn in seinem Reich oder in verbündeten Ländern Magier wirken. Deshalb war deine Tante gezwungen, Salazar zu verlassen. Sie ist nun, wie soll ich sagen …, hmm, sehr eng mit den Feinden des Tyrannen befreundet.«

Nihal merkte, dass sie vor Aufregung zitterte: eine Verschwörerin!

»Alle Achtung!«

»Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, dass du dich damit nicht vor anderen brüsten solltest. Vor niemandem. Verstanden? «

»Für wen hältst du mich?«

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