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Michael Kaufmann
& Stefan Piendl

DAS WUNDER
VON CARACAS

Wie José Antonio Abreu und
El Sistema die Welt begeistern

IRISIANA

© 2011 Irisiana Verlag, in der
Verlagsgruppe Random House GmbH München

Bildnachweis:
Andreas Knapp / Wiener Konzerthaus: 8 u. re.; Andreas Knapp Kulturservice, Berlin: 2 o. und Mitte, 6 Mitte; Beethovenfest Bonn /Danetzky&Weidner: 8 o.; Frank di Polo, Venezuela: 1 o. li.; Sandra Bracho/Fundamusical Bolivar: 8 u. li.; Peter Dammann/Agentur Focus: U1; picture-alliance, Frankfurt: 1 o. re. (Fotoreport); Rainer Maillard, Berlin: 3 Mitte (2), 4 Mitte re.; Reuters, Frankfurt: 1 u. (Carlos Garcia Rawlins), 2 u. (Jorge Silva); SIPA PRESS: U4; Stefan Piendl: 3 o. und u., 4 o. und Mitte li. und u., 5 (3), 6 o. und u., 7 (3)

Umschlaggestaltung und -konzeption:
Geviert – Büro für Kommunikationsdesign, München
Beratung: Stefan Linde
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN: 978-3-641-06121-0

817 2635 4453 6271

Die Kunst ist die Tochter der Freiheit.

Friedrich Schiller

Ursprünglich wurde Musik von einer Minderheit
für eine Minderheit gemacht. Dann wurde es zur
Kunst einer Minderheit für die Mehrheit, und jetzt
stehen wir am Anfang eines neuen Zeitalters,
in dem Musik das Vorhaben einer Mehrheit für die
Mehrheit ist.

José Antonio Abreu

Geleitwort von Daniel Barenboim

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie mir 1999 das Simón Bolívar Youth Orchestra mit dem damals gerade 18-jährigen Gustavo Dudamel Wagners Rienzi-Ouvertüre und den letzten Satz der 4. Sinfonie von Tschaikowski vorspielte. Ich war einfach sprachlos über das, was ich hörte, und darüber, was mir José Antonio Abreu über seine Arbeit in Venezuela erzählte. Seither bin ich ein großer Verehrer des Projekts und schätze Abreu wie nur wenige Menschen auf der Erde.

Bei der Arbeit von El Sistema wird deutlich, was Musik wirklich bewirken kann. Es ist erstaunlich, was in Venezuela auf dem sozialen Gebiet durch das gemeinsame Musizieren in der Entwicklung von vielen hunderttausend Kindern möglich ist. Dies ist allein der Inspiration von Abreu zu verdanken, der ein beeindruckendes, unkonventionelles Projekt zur Sozialisierung ganzer Generationen von insbesondere minderprivilegierten Kindern geschaffen hat.

Es freut mich, dass die beeindruckende Geschichte von José Antonio Abreu und seiner mehr als 35 Jahre währenden Arbeit nun in einem Buch gewürdigt und beschrieben wird.

Prolog

Der letzte Ton in der Aula Magna der Universidad Central de Venezuela ist noch nicht vollständig verklungen, als der tosende Beifall der Zuhörer einsetzt. José Antonio Abreu erhebt sich als einer der ersten von seinem Sitz. Der zierliche, ältere Mann steht applaudierend in der ersten Reihe und es hat fast den Anschein, als sei er der Anführer eines vor heller Begeisterung frenetisch jubelnden Publikums, das in den vorangegangenen zwei Stunden seinen Ohren nicht trauen wollte und kaum glauben konnte, was hier geschehen war.

Jedem einzelnen Musiker scheint José Antonio Abreu persönlich seinen Beifall auf die Bühne hinaufzuklatschen, scheint er seinen Respekt, aber auch seinen Stolz über diesen unvergesslichen Abend zum Ausdruck bringen zu wollen. Und natürlich gilt sein Applaus auch Simon Rattle, der soeben eine mehr als beeindruckende Aufführung der 1. Sinfonie von Gustav Mahler dirigiert hatte.

Wieder und wieder muss der Dirigent hinaus auf die von Kindern völlig überfüllte Bühne, muss sich einen Weg zwischen den vielen Musikern hindurch zu seinem Pult bahnen, um sich beglückt mitten in dieses außergewöhnliche Orchester zu stellen. Immer ausgelassener wird die Stimmung auf der Bühne, während die 2.500 jubelnden Konzertbesucher anhaltend lautstarken, von Bravorufen begleiteten Beifall spenden.

»Was hier passiert, ist ein Wunder!«, hatte Sir Simon schon vor diesem Konzert auf einer Pressekonferenz in Caracas in die Mikrofone der zahlreichen Journalisten gesagt, und anders als mit dem Wort Wunder kann man das gerade Erlebte auch kaum beschreiben. Denn der berühmte Dirigent sprach nicht über ein Gastspiel seiner Berliner Philharmoniker, sondern von der Sinfónica Nacional Infantil de Venezuela, dem Nationalen Kinderorchester Venezuelas mit 378 Kindern und Jugendlichen im Alter von gerade einmal sechs bis zwölf Jahren. Mit diesem nationalen Kinder-Sinfonieorchester Venezuelas hat er soeben Mahlers Sinfonie ebenso hinreißend wie bewegend zur Aufführung gebracht, nachdem im ersten Teil des Konzerts Werke von George Gershwin, Gabriel Fauré und Alberto Ginastera auf dem Programm standen. Insbesondere die im Saal anwesenden Gäste aus Europa werden auch lange nach diesem Konzert am 4. Juli 2010 nur schwer in Worte fassen können, was sie gerade erlebt haben.

Unmittelbar nach dem Konzert herrscht in der für einen solchen Anlass viel zu kleinen Künstlergarderobe von Simon Rattle ein fröhliches Gedränge, ein Stelldichein von Gästen aus aller Welt. Yasuhisa Toyota, der legendäre Akustiker aus Japan, ist ebenso unter den Anwesenden wie das hochkarätige Solistenensemble für eine Produktion von Bizets Carmen, die wenige Tage später im Teatro Teresa Carreño in Caracas der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Auch Simon Rattles Ehefrau, die berühmte Mezzosopranistin Magdalena Kožená, die hier in einigen Tagen ihr Rollendebüt als Carmen geben wird, befindet sich in der Runde.

Gustavo Dudamel, der direkt neben José Antonio Abreu steht, ist der internationale Shootingstar der jungen Dirigentengeneration. Noch vor wenigen Jahren spielte er selbst in einem der Kinder- und Jugendorchester doch durch die Förderung Abreus bot sich ihm eine internationale Karriere. Auch er hat es sich nicht nehmen lassen, dieses mitreißende Konzert zu besuchen, und erklärt nun mit leuchtenden Augen den immer noch staunenden Gästen, wie es möglich ist, dass ganze Hundertschaften halbwüchsiger Musiker auf derart eindrucksvollem Niveau große Werke der Klassik spielen: Es gebe eben nicht nur das weltweit gefeierte Simón Bolívar Youth Orchestra, mit dem er so gern auf Tournee gehe, sondern in Venezuela mehr als 300.000 Kinder und Jugendliche, die in den Musikschulen – den Núcleos – im Orchester- und Ensemblespiel unterrichtet würden. Wenn man daraus die Besten auswählen könne, dann seien eben auch solche Konzerte wie das gerade erlebte möglich. Die Idee und die ausdauernde Arbeit von José Antonio Abreu, aus Venezuela ein Land zu machen, das sich aus der Musik und durch die Musik verändere, führten schlicht dazu, dass schon in diesem jungen Alter hervorragende Musiker für die nationalen Auswahlorchester zur Verfügung stünden.

Doch Dudamel belässt es nicht bei der Eloge auf die wohlklingenden Orchester, sondern er stellt den im Ausland oft so wenig beachteten sozialen Aspekt der Arbeit Abreus in den Vordergrund. Er macht deutlich, dass Abreu mit der FESNOJIV – der Fundación del Estado para el Sistema Nacional de Orquesta Juveniles e Infantiles de Venezuela, der Nationalen Stiftung der Kinder- und Jugendorchester Venezuelas – die Grundlage dafür geschaffen habe, dass in den mehr als 200 Musikschulen des Landes Kinder und Jugendliche überhaupt erst die Chance erhielten, sich in einer Gemeinschaft eine bessere Zukunft zu erarbeiten. Das Besondere, das weltweit Einzigartige in Abreus System der Musikschulen, diesem El Sistema, sei es, dass die Klassische Musik nichts Elitäres, sondern etwas völlig Selbstverständliches sei.

José Antonio Abreu hört all dies mit stiller Freude und hat für jeden der Gäste in Simon Rattles Dirigentenzimmer ein freundliches Wort übrig. In Gedanken ist der Maestro – wie ihn Mitarbeiter, Musiker und lange Wegbegleiter nennen – jedoch längst bei der Überlegung, mit welcher Strategie er am besten in den nächsten Tagen die Gespräche über die weitere Finanzierung von El Sistema mit Regierungsvertretern führen könnte. Weitere Musikschulen sollen eröffnet und die bestehenden Núcleos weiter ausgebaut werden, die Zahl der benötigten Lehrer steigt ebenso wie sich auch der Bedarf an neuen Instrumenten von Jahr zu Jahr erhöht.

Wie stark die Arbeit der nationalen Stiftung der Kinder- und Jugendorchester Venezuelas in die Gesellschaft des lateinamerikanischen Landes eingreift, wie maßgeblich sie die Zukunftsfähigkeit Venezuelas verändert, ist an einem Sommerabend wie diesem allgegenwärtig: Viele der fast 400 musizierenden Kinder kommen aus den schwierigsten sozialen Verhältnissen. In ihren Stadtteilen, den Barrios, gehören Arbeitslosigkeit und Drogen, Gewalt und Verbrechen zum Alltag, und nicht selten bietet nur die geschützte Welt der Núcleos die Sicherheit, den Tag unbeschadet zu überstehen. Das gemeinsame Musizieren übernimmt eine Schlüsselfunktion im Überlebenskampf und öffnet die Perspektive einer grundsätzlich besseren Lebensentwicklung. Menschen zu treffen, die als Lehrer und Lebensbegleiter die eigene Entwicklung fördern und fordern, die vertrauen und beschützen, stärken bei den Kindern die aus dem gemeinsamen Musizieren sich eröffnenden Kräfte.

Seit mehr als 35 Jahren sorgt Abreu dafür, dass immer mehr Kinder eine Chance bei El Sistema erhalten und dafür, dass die immer größer werdende Organisation in sich auch stabil bleibt. Was 1975 mit elf jungen Musikern in einer Tiefgarage begann, ist nicht nur für die Musikwelt eine überaus beeindruckende Erfolgsgeschichte geworden: Es ist die Geschichte eines Mannes, der aus der Liebe zur Musik, aus sozialer Verantwortung und aus dem Bekenntnis, die gesellschaftlichen Grundlagen seines Landes nachhaltig verbessern zu wollen, bislang zwei Millionen Kindern die Chance auf eine angemessene Entwicklung und ein würdiges Leben eröffnete, indem er sie in die Gemeinschaft seiner jungen Orchester und Chöre aufnimmt, dort ausbilden und zusammen musizieren lässt.

Das Wunder von Caracas verändert schon längst nicht mehr nur Venezuela. Der Visionär und Musiker, der Ökonom und Politiker, der Erzieher und Idealist José Antonio Abreu verändert mit El Sistema die Welt.

Hineingeboren in die Kühle der Anden

1937. Es ist eine von Wechsel geprägte Zeit in Venezuela. Das Land zwischen dem Meer und den Bergen wird seit zwei Jahren von einem neuen Präsidenten gelenkt – nach der über 27 Jahre dauernden Präsidentschaft des Generals Juan Vicente Gómez. Der neue Präsident Eleazar López Contreras ist ebenfalls General und selbstverständlich durch eine Entscheidung der Militärs an die Macht gekommen. Contreras übernimmt ein schuldenfreies Venezuela, das durch die seit 1917 bestehende Erdölförderung zu einem der reichsten Länder Südamerikas aufgestiegen ist. Die wirtschaftliche Entwicklung eröffnet dem neuen Präsidenten Spielräume, auch für Veränderungen im politischen Bereich. Und so beginnt mit Eleazar López Contreras erstmals ein Präsident in Venezuela damit, demokratische Strukturen einzuführen, um seinem Land einen Entwicklungsprozess jenseits militärischer Macht zu eröffnen. Er verkündet das Inkrafttreten einer neuen Verfassung und wagt einen radikalen Schnitt: Die Amtszeiten der Präsidenten werden so begrenzt, dass eine direkte Wiederwahl ausgeschlossen ist, ein modernes Arbeitsrecht wird vorangebracht, Bundesstaaten werden geschaffen und Stadtverwaltungen entwickelt. In einem Dreijahresplan entstehen ein Landwirtschafts- und ein Kommunikationsministerium; das Nationale Pädagogische Institut, das Nationale Arbeitsbüro und ein venezolanischer Kinderrat werden ebenso gegründet wie 1940 schließlich die Nationalbank des Landes.

Als Contreras 1941 seine Präsidentschaft ganz in dem Sinn beendet, wie er sich dies in einer demokratischen Ordnung vorstellt – also zum Ende der vorgesehenen Amtszeit –, ist mit der sozialdemokratischen Acción Democrática zudem die erste venezolanische Partei entstanden.

Inmitten dieser Zeit des Aufbruchs wird am 7. Mai 1937 José Antonio Abreu geboren. José ist das erste Kind von Ailie Anselmi de Abreu, geborene Garbatti, und Melpómene Abreu, die sich in Valera niedergelassen haben. Die Stadt, die den poetischen Beinamen »Tor zu den Anden« trägt, ist Teil der großen Bergregion mit ihrer üppigen Vegetation, die sich von diesem nördlichen Ausläufer in Richtung Süden, in Richtung Kolumbien, zieht. Zwischen den Flüssen Mombay und Motatán gelegen, stellt die Stadt das kommerzielle Zentrum des jungen Bundesstaates Trujillo dar. Die Landwirtschaft, die vom Kakao-, Kaffee-, Früchte- und Kornanbau geprägt ist, gibt den Menschen Arbeit und trägt zur Sicherung der Nahrungsversorgung ganz Venezuelas bei: Fast ein Viertel der gesamten Weizenproduktion des Landes kommt aus der Region um Valera.

Für Melpómene und seine Frau Ailie mag noch ein anderer Grund für die Wahl des Wohnortes gesprochen haben: Ailie ist die Tochter italienischer Auswanderer, und Valera war für Mitglieder italienischer, portugiesischer, spanischer und kolumbianischer Gemeinschaften zur neuen Heimat geworden.

Auch zum Haus seiner Großeltern in Monte Caramelo ist es für den kleinen José Antonio nicht weit. José Antonio Abreu beschreibt den Wohnort seiner Großmutter Duilia Garbetti, den Geburtsort seiner Mutter, liebevoll als den Ort seiner Vorfahren und verbindet mit ihm die schönsten Erinnerungen. Erinnerungen, die auch heute noch durchscheinen, wenn er über seinen Weg zur Musik, über die Bedeutung kultureller Identität und die innige Beziehung zu seinem Land spricht.

Duilia Garbetti und ihr Mann Antonio Anselmi Berti sind 1897 mit elf Gleichgesinnten von der italienischen Insel Elba Richtung Venezuela aufgebrochen und begründeten in Monte Caramelo die erste italienische Kolonie. So groß die wirtschaftliche Not vor der Abreise auch gewesen sein mag, Antonio Anselmi Berti und seine Wegbegleiter nehmen 46 Blasinstrumente mit auf ihr Segelschiff und tragen die Musik ihres Heimatlandes Italien mit in ihre neue Heimat. Abreus Großvater, von allen liebevoll Don Tonino genannt, scheint der Anführer der kleinen Gruppe zu sein, und nicht nur im musikalischen Zusammenspiel ist er ihr Dirigent. So bodenständig die tägliche Arbeit der italienischen Neuankömmlinge in Landwirtschaft und Viehzucht auch sein mag, das gesellschaftliche Leben ist geprägt von Musik, Theater und Oper. Die Werke Rossinis und Verdis, die Klänge Italiens wehen seit der Ankunft von Don Tonino über den Monte Caramelo. Gleich welche religiöse Zeremonie oder welche weltliche Feier zu begleiten ist, die Banda Filharmónica de Monte Caramelo ist zur Stelle.

Auch Großmutter Duilia ist an den schönen Künsten interessiert und vor dem Abschied aus Europa beständiger Gast der Oper von Livorno, die sie von Elba aus leicht erreichen konnte. So ist es kein Wunder, dass sie das Erbe des Ehemannes, der seinen Enkel nicht mehr kennenlernt, an den kleinen José Antonio weitergibt: Der muss – die junge Familie ist mittlerweile von Valera in die 250 Kilometer entfernte Landeshaupt Barquisimeto umgezogen – als 6-Jähriger für längere Zeit zu Oma Duilia umziehen, da sein Bruder an Keuchhusten erkrankte, und findet im Haus der Großeltern ein Paradies vor.

Dort finden sich Büsten von Dante, Petrarca, Boccaccio und vielen weiteren Vertretern der schönen Künste. Dazu ist die Musikbibliothek von Duilia Garbetti, in der sich neben Büchern auch die Noten der großen italienischen Opern finden, ein wahrer Schatz für den neugierigen José. Angespornt von ihrem Enkel wird die geliebte Oma zur lebendigen Musikbox; Sie singt für ihn Verdis, Puccinis und Mascagnis Opernklassiker im italienischen Original und übersetzt anschließend die Inhalte ins Spanische, sodass auch der Junge verstehen kann, welche menschlichen Verstrickungen in den Dramen schlummern.

Auch im Umfeld der Großmutter finden sich Menschen, die den kleinen José prägen. Tante Alide zum Beispiel, die Direktorin der Schule von Monte Caramelo. Sie ergänzt Josés Ausbildungsprogramm durch Unterweisungen in der Liebe zum eigenen Land. Ob das Rezitieren von Gedichten, Gesang oder Theater – es werden große Anstrengungen unternommen, die Kinder möglichst umfassend zu bilden. Die Ausprägung einer eigenen Arithmetik zwischen rationalem Wissen und künstlerischer und kreativer Sensibilität ist bei Abreu wohl in dieser Zeit angelegt worden.

Nach einem Jahr geht die lehrreiche, faszinierende und glückliche Zeit bei der Großmutter zu Ende, José Antonio Abreu kehrt zu seiner Familie nach Barquisimeto zurück. In sich trägt er den unstillbaren Wunsch, das gerade Begonnene fortzusetzen; die Wissbegier für Musik und Literatur, die Liebe zu künstlerischer Beschäftigung muss weitergehen. Mutter und Vater, selbst der Musik nicht fern, fördern fortan auch das Selbstverständnis, klassische Musik und die Volksmusik Lateinamerikas nebeneinander wahrzunehmen und zu pflegen. Das Klavierspielen und Singen der Mutter Ailie, aber auch der Vater Melpómene, der zugleich Gitarre und das in Südamerika beheimatete, einer Gitarre ähnelnde Cuadro mit vier Saiten spielt, prägen den häuslichen Umgang mit der Musik. Die beiden vermitteln ihren sechs Kindern, dass es im Leben neben anderen Qualifikationen auch auf einen guten, aufrichtigen Umgang miteinander ankommt, dass man andere teilhaben lassen soll an dem, was man selbst empfangen und erarbeitet hat.

Diese in eine herzliche Gastfreundschaft mündende Überzeugung eröffnet auch immer wieder die Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu sein, die die Liebe zur Musik teilen: Bei Ailie und Melpómene befindet sich weit und breit das einzige Klavier, regelmäßig öffnen sie ihr Haus für eine große Schar von Musikinteressierten.

Als José Antonio Abreu neun Jahre alt ist, beginnt das, was er selbst als einen fliegenden Start in seine musikalische Karriere bezeichnet: Er bekommt die ersten Klavierstunden bei Doralisa Giménez de Medina, einer Klavierlehrerin, die ihn inspiriert und die Spielfreude in gleicher Weise vorlebt wie sie auch das beständige Üben und Arbeiten am Instrument auferlegt. Die Zahl ihrer Schüler ist groß und sie hat Erfolg, gesteht sie doch bei allem Anspruch jedem Kind die ihm eigene Entwicklungsgeschwindigkeit zu. Niemand ist unmusikalisch, jeder kann ein Instrument erlernen – es gibt keine Disqualifikation durch Unbegabtheit, sehr wohl aber ein Fördern und Fordern in unterschiedlicher Ausprägung. Eine substanzielle Grunderfahrung, die später im Leben José Antonio Abreus eine große Rolle spielen wird. Und eine weitere Erfahrung kann er bei Doralisa de Medina machen: Das Klavier ist kein isoliertes, allein auftretendes Instrument, ein Pianist kein Einzelgänger, sondern er kann sich integrieren in die Arbeit von Chören, kann Teil von Theateraufführungen werden, kann sich einbringen in eine gemeinschaftliche Mitwirkung an jeder Art künstlerischer Betätigung.

Leonor Giménez de Mendoza, die Nichte der Klavierlehrerin und spätere Präsidentin der Fondación Empresas Polar – der Stiftung des größten Nahrungsmittel- und Braukonzern Venezuelas und damit der wichtigsten Förderin von Abreus Orchesterbewegung – beschreibt die Klavierstunden von José Antonio als eindrucksvolle und unvergessliche Begegnungen mit einem begeisterten und hochbegabten Jungen. Auf der Stuhlkante sitzend, so berichtet sie, habe Abreu mit den angestrengt ausgestreckten Beinen versucht die Pedale zu erreichen und die kleinen Hände zum Spiel von Oktaven gespreizt. Unübersehbar seien Wille und Talent gewesen und schon in dieser frühen Phase habe sich gezeigt, welche Musikalität, welche Energie und welcher Wille in diesem Menschen wohne.

Aber nicht nur der junge José Antonio Abreu entwickelt sich weiter, nach wie vor ist auch sein Heimatland in Bewegung. Inzwischen – wir schreiben mittlerweile das Jahr 1945 – ist die 22. Verfassung Venezuelas seit der von Simón Bolívar errungenen Unabhängigkeit des Jahres 1831 in Kraft. In einem nur schwer zu durchschauenden Spiel der Gewalten bleibt das Militär des lateinamerikanischen Landes der eigentliche Herrscher, und wer nicht nach dessen Vorstellung agiert, kann kaum darauf hoffen, im Amt zu bleiben. So kommt es im Oktober 1945 – diesmal allerdings bereits mit der Unterstützung der Opposition – zu einem Putsch gegen die Regierung des Präsidenten Isaias Medina Angarita.

Als Präsident Venezuelas folgt ihm Rómulo Betancourt nach, einer der Mitbegründer der sozialdemokratischen Acción Democrática. Sein Wirken gestaltet sich erfolgreicher als das seines Vorgängers und so kommt es tatsächlich am 14. Dezember 1947 erstmals zu freien Wahlen: Der Schriftsteller Rómulo Gallegos wird zum ersten direkt vom Volk gewählten Präsidenten Venezuelas. Als er im Februar 1948 sein Amt antritt, bleiben ihm bis zur Entmachtung durch eine Militärjunta jedoch gerade einmal zehn Monate – allzu viel Zeit habe er auf das Schreiben seiner Romane verwandt, zu wenig Energie auf die Staatsgeschäfte gelenkt ist der Vorwurf, der ihn um sein Amt bringt. Die Militärs jedenfalls ziehen so die Macht wieder an sich, versprechen sogleich die nächsten freien Wahlen für 1952 – doch es soll noch bis 1958 dauern, ehe die Demokratie tatsächlich Einzug in das Land hält.

Außerhalb der Kapitale und der unmittelbaren Politik vollzieht sich die Wandlung Venezuelas weniger dramatisch. Bedeutender sind in Barquisimeto die Entwicklungen, die der Stadt durch eine prosperierende Wirtschaft erwachsen.

Barquisimeto, das sich im Jahr 2010 selbst als die musikalische Hauptstadt Venezuelas bezeichnet und deren Internetportal ein Foto des begnadeten, dort geborenen Gustavo Dudamel ziert, hat in dem permanenten Prozess wirtschaftlicher und politischer Entwicklungen ihre kulturellen Wurzeln nicht vergessen. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts, vor der Befreiung von den Spaniern, wuchs Barquisimeto zu einem Zentrum der traditionellen venezolanischen Kultur an. Der Stolz, den Tamanague – einen traditionellen Volkstanz – noch immer zu pflegen und damit an das Ineinanderwachsen der Kulturen der Indios, Spanier und Afrikaner zur Kolonialzeit zu erinnern, steht sinnbildlich für das Einswerden zu der emotionalen Gemeinschaft, die ein Nationalgefühl geprägt hat und letztlich die Befreiung von der spanischen Kolonialmacht ermöglichte. Noch heute lässt sich die landesweite Verehrung für Simón Bolívar als dem Anführer aller Venezolaner an der unermesslichen Zahl von Institutionen und Aktivitäten erkennen, die sich ihm als Namenspatron verpflichtet fühlen.

Im Bereich der Musik existiert in all der Zeit in Barquisimeto eine faszinierende Vielfalt und Pluralität. Durch die große Zahl an Bandas und Orquestas, durch die Kulturinstitutionen und Konzertangebote sind alle Facetten des traditionellen wie mitteleuropäisch geprägten Musikangebots abgedeckt. Kein Wunder, dass sich die viertgrößte Stadt Venezuelas durchaus auch als eines der bedeutendsten Zentren für das Cuatro Venezolano versteht, dem zur Gitarrenfamilie gehörenden Instrument, ohne das die lateinamerikanische Folklore unvorstellbar wäre. Und neben den Cuatro- beziehungsweise Gitarrenensembles bilden die Bandas auch in Barquisimeto einen festen Bestandteil des Musiklebens. Sie machen durch den Klangreichtum der Holz- und Blechblasinstrumente fast vergessen, dass in beiden Musiktraditionen die Streichinstrumente Geige, Bratsche und Cello fehlen. Fast scheint es, als hätten José Antonios Großvater und seine Banda Filharmónica de Monte Caramelo zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch hier gewirkt – und tatsächlich ist dies nicht ausgeschlossen, beschreibt José Antonio Abreu doch anschaulich, dass Don Tonino seine Musiker zu zahlreichen Tourneen quer durchs Land motivierte.

Wenn auch im Alltag des jungen José Antonio Abreu kaum ein Einfluss der politischen Entwicklungen der Hauptstadt Caracas erkennbar ist, so erwächst durch die Veränderungen dort für ihn die Chance zu einem Leben mit noch mehr Musik – mit noch besseren Lehrern für seine vielfältigen Ambitionen. Insbesondere der durch Erdöl entstandene Reichtum des Staates, aber auch das Wirken des geschassten Präsidenten Isaias Medina Angarita als Botschafter Venezuelas in den USA bewirken, dass Fachleute verschiedener Disziplinen ins Land kommen. Nicht nur Caracas profitiert von dieser Chance, auch die anderen großen Städte wie Maracaibo, Valencia, Barcelona, Merida oder eben Barquisimeto nehmen die Chancen wahr und laden die Neuankömmlinge zu sich ein. Die Landeshauptstadt des Bundesstaates Lara ist dabei aufgrund ihrer reichen kulturellen Tradition ein besonderer Anziehungspunkt, wovon ab 1949 auch der musikbegierige José Antonio profitiert.

Zwölf Jahre ist er alt, als auf Einladung der Academia de Música del Estado Lara, der Musikschule von Barquisimeto, Lehrer aus dem Ausland in das Institut kommen. Der Leiter der Einrichtung, ein Musiker mit dem wohlklingenden Namen Raúl Napoléon Sánchez Duque, war vor seinem Wechsel nach Barquisimeto Flötist im Orquesta Sinfónica Venezuela und daher auf das Beste mit den Mechanismen des Musiklebens auf nationaler Ebene vertraut. Ihm gelingt es, eine ganze Gruppe von Musikern aus dem Ausland für Lehrtätigkeiten zu gewinnen, und so wird der aus Riga stammende Geiger Olaf Ilzins der erste Violinlehrer von José Antonio Abreu.

Ilzins selbst gilt als Wunderkind auf der Geige; er kam auf Vermittlung des in Frankfurt ansässigen venezolanischen Konsuls zuerst nach Caracas und dann nach Barquisimeto. Auch er erinnert sich an den Schüler José Antonio, denn wie bereits zuvor im Klavierunterricht bei Doralisa Giménez de Medina tritt auch auf der Violine das große Talent von Abreu zutage. Mit einer gewissen Wehmut erinnert sich Olaf Ilzins an die erste Begegnung mit José Antonio Abreu, der ihm an einem seiner ersten Tage in Barquisimeto vorgestellt wurde: Ein großes geigerisches Talent sei dieser José Antonio gewesen, der dann aber eben einen anderen Weg zu gehen hatte; der tun musste, was er eben tun musste, und deshalb nicht zum Geigenvirtuosen wurde.

José Antonio Abreu selbst ist noch weit davon entfernt zu erkennen, welchen Weg er später einmal beschreiten wird. Er lebt in seinen musikalischen Betätigungen auf und wird bald Mitglied des Orchesters der Musikschule. Früh schon bekommt er die Chance, beim anerkannten Orquesta Filarmónica de Lara mitzuspielen und genießt das musikalische Wechselbad, mit dem Orchester die großen Sinfoniker Tschaikowsky, Mozart und Beethoven kennenzulernen und im Unterricht bei Doralisa Giménez de Medina die Klassiker der Klavierliteratur zu studieren. Dass er mit seinem noch nicht allzu professionellen Spiel im Orchester nicht die frustrierende Erfahrung macht, fehl am Platz zu sein, verdankt er einer Geigerin, die ihn unter ihre Fittiche nimmt und ihn bestmöglich integriert; ein Prinzip, das Abreu später beim Aufbau seiner Kinder- und Jugendorchester zur Methode erheben wird.

Immer neue Attraktionen bietet Barquisimeto, die seine Faszination für die Musik und die Künste immer mehr steigern: Eine Ballettschule aus Russland öffnet ihre Pforten und die Stadt will anlässlich ihrer Vierhundertjahrfeier ein neues Theater bauen. Dennoch kommt die Schule nicht zu kurz, und so ist es sicher kein Zufall, dass Abreu sich später besonders an einen Mathematiklehrer erinnert und mit ihm die Entdeckung der – wie er sagt – intimen Beziehung zwischen der mathematischen Wissenschaft und der Musik verbindet. So gegensätzlich vielen Menschen gerade diese Beziehung scheint, für ihn besteht darin schon zu Schulzeiten die perfekte Harmonie.

Doch so anregend die Erfahrungen in Barquisimeto aber auch sein mögen, für José Antonio Abreu sind dort die Möglichkeiten der eigenen Entwicklung doch irgendwann einmal erschöpft. Immer häufiger wandert sein Blick Richtung Caracas, immer klarer wird die Hauptstadt zum Ort seiner Sehnsucht. So gut die Lehrer in der Landeshauptstadt von Lara auch sein mögen, in Caracas befindet sich an der Escuela Superior de Música José Ángel Lamas, dem Musikkonservatorium von Caracas, mit Maestro Vicente Emilio Sojo ein Lehrer, zu dem es ihn zieht. 1957, im Alter von 20 Jahren, verlässt José Antonio Abreu seine Heimatstadt und zieht in die Hauptstadt.