cover
e9783641061470_cover.jpg

Inhaltsverzeichnis

Widmung
Vorwort
Danksagungen
Einführung
TEIL I - Ökonomische Rationalität
I.1 Was ist ökonomische Rationalität?
I.2 Optimierung
I.3 Grenzen der Optimierung
I.4 Jenseits der Optimierung
I.5 Kommunikation in der ökonomischen Praxis
I.6 Regeln
I.7 Kooperation und ökonomische Rationalität
I.8 Regeln und Optimierung
I.9 Kooperation und Konkurrenz
I.10 Eine kohärentistische Konzeption ökonomischer Rationalität
TEIL II - Ethik
II.1 Verlässlichkeit
II.2 Urteilskraft
II.3 Entscheidungsstärke
II.4 Besonnenheit
II.5 Autarkie und Empathie
II.6 Loyalität und Respekt
II.7 Gerechtigkeit und Charakter
II.8 Kardinaltugenden – modernisiert
II.9 Achtsamkeit
II.10 Persönliche Integrität
TEIL III - Praktische Vernunft
III.1 Präferenzen und Entscheidungen
III.2 Gründe für Handlungen
III.3 Jenseits des Egoismus
III.4 Begrenzung der Wünsche
III.5 Freiheit und Gleichheit
III.6 Gerechtigkeit und Effizienz
III.7 Nachhaltigkeit und Ökologie
III.8 Die Rolle des Staates
III.9 Die Rolle der Zivilgesellschaft
III.10 Resümee: Eine humane Ökonomie
Copyright

Danksagungen

Niina Zuber – für die sorgfältige Niederschrift und redaktionelle Bearbeitung des Manuskripts.

 

Birgit Schnell – für die Unterstützung der redaktionellen Bearbeitung.

 

Thomas Roth – für die Anfertigung der Abbildungen.

 

Dr. Ulrike Kretschmer – für die aufmerksame Lektorierung.

 

Karin Stuhldreier – von Random House – für die vertrauensvolle Aufnahme und engagierte Begleitung dieses Buchprojekts.

 

Stefan Linde – für die Vermittlung zwischen Autor und Verlag.

 

Colette und Juliette Nida-Rümelin – für die Geduld im August 2010.

 

Nathalie Weidenfeld – für ihre Toleranz und ihre Liebe.

 

Den Hörerinnen und Hörern meiner Vorträge in Unternehmen und auf Konferenzen – für ihre Diskussionsbeiträge und Anregungen.

 

Den Studierenden des exekutiven Studiengangs PPW, Philosophie – Politik – Wirtschaft, der Ludwig-Maximilians-Universität München, dessen Sprecher ich bin – für einen fruchtbaren Gedankenaustausch über viele Jahre.

Nicht euch wird der Dämon erlosen, sondern ihr werdet den Dämon wählen. Wer aber zuerst geloset hat, wähle zuerst die Lebensbahn, in welcher er dann notwendig verharren wird. Die Tugend ist herrenlos, von welcher, je nachdem jeglicher sie ehrt oder geringschätzt, er auch mehr oder minder haben wird. Die Schuld ist des Wählenden; Gott ist schuldlos.

Platon,
Mythos des Er, ca. 347 v. Chr.

I.1 Was ist ökonomische Rationalität?

By the principle of utility is meant that principle which approves or disapproves of every action whatsoever, according to the tendency which it appears to have to augment or diminish the happiness of the party whose interest is in question.

Jeremy Bentham, An Introduction to the Principles
of Morals and Legislation,
1789

 

 

Unter Ökonomie wird sowohl das Gesamt der wirtschaftlichen Praxis verstanden als auch die Wissenschaft, die sich mit dieser Praxis befasst. Wie jede menschliche Praxis folgt auch die wirtschaftliche einer bestimmten Rationalität. Worin aber besteht ökonomische Rationalität? Die Ökonomie als wissenschaftliche Disziplin gibt auf diese Frage unterschiedliche Antworten; und auch wenn heute eine dieser Antworten dominiert, so zeigt sich bei genauerer – eben philosophischer – Analyse, dass diese Antwort keineswegs so eindeutig ist, wie es scheinen mag.

Auch in diesem Kapitel werden wir uns auf eine erste Vorklärung beschränken müssen. Ein vollständiges Bild entsteht erst durch die Lektüre des ganzen Buches. Es handelt sich dabei nicht um ein populärwissenschaftliches Buch im üblichen Sinne. Ich berichte nicht über Forschungsergebnisse in popularisierter Form, sondern nehme Sie auf einen Gedankenausflug mit, der keine besonderen wissenschaftlichen Vorkenntnisse erfordert. Ich habe mich mit der Frage der Rationalität und besonders mit dem Verhältnis von ökonomischer Rationalität und praktischer Vernunft über viele Jahre intensiv beschäftigt. Da diese Themen nicht nur von akademischem, gar lediglich innerphilosophischem Interesse sind, sondern viele Menschen angehen, unternehme ich in diesem Buch den Versuch, meine Auffassungen so zu präsentieren, dass keine Abstriche an Seriosität nötig sind, aber auch aller entbehrlicher akademischer Ballast entsorgt ist.

Die Ökonomie als Praxis hat die menschlichen Lebensformen wohl von Anbeginn begleitet. Diese Praxis ist nicht das späte Begleitphänomen der Industrialisierung oder des Kapitalismus im 19. Jahrhundert. Märkte, auf denen Waren angeboten und gekauft wurden, gab es schon in der Antike. Auch damals, so können wir annehmen, waren diejenigen erfolgreich, die Waren zu einem guten Preis anbieten konnten: diejenigen also, die ökonomisch rational handelten, d. h. mit einem vergleichsweise geringen Aufwand einen hohen Ertrag erwirtschafteten.

Wenn man unter Kapitalismus eine Wirtschaftsform versteht, in der das Verfügen über Kapital und die Vergrößerung des Kapitals eine zentrale, steuernde Rolle spielen, dann waren die antiken Märkte nicht kapitalistisch. Insbesondere können wir annehmen, dass es keinen Markt für Kapitalien gab, keine Finanzmärkte, keine Banken etc. Aber es gab das Prinzip der Konkurrenz: In der Antike und besonders im europäischen Mittelalter handelte es sich um eine gebändigte, durch Zunftordnungen regulierte Konkurrenz. Konkurrenz um das bessere Produkt und den günstigeren Preis. Konkurrenz gab es aber auch in der Werbung von Käufern. Die sich an Lautstärke überbietenden Marktschreier, die es auch heute noch auf ländlichen Märkten gibt, stehen für eine archaische Form des Marketing. Ökonomische Rationalität ist also älter als die industriellen und kapitalistischen Wirtschaftsformen, die gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstehen.

Während sich der Charakter ökonomischer Rationalität über die Zeiten hinweg wenig verändert, transformiert sich jedoch ihre Rolle: Von der Ergänzung einer im Ganzen auf Subsistenz, auf die Selbsterhaltung ausgerichteten Lebensform wird ökonomische Rationalität für weite Bereiche menschlicher Praxis dominierend. Die Dynamik der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung, die in Europa in den ersten Dekaden des 19. Jahrhunderts einsetzt, hat kulturelle, technologische, politische und organisatorische Ursachen, ihr auffälligstes Merkmal ist jedoch die Dominanz ökonomischer Rationalität. Diese schwächt die alte Ständeordnung, marginalisiert die Rolle der Zünfte, etabliert eine neue Klasse, nämlich die des Besitzbürgertums, erschüttert die überkommene Staatenwelt und wird schließlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 zu einer Globalisierung der Finanzmärkte und des Warenhandels, die erst heute wieder erreicht wird.

Die Dominanz ökonomischer Rationalität ist aber nicht nur eine Erfolgsgeschichte: Konkurrenz und neue Technologien erhöhen die Arbeitsproduktivität und die Wirtschaftsleistung pro Kopf; innerhalb weniger Dekaden werden gewaltige Kapitalien akkumuliert und wieder investiert, große Stiftungen entstehen, auch die Gründung der US-amerikanischen privaten Spitzenuniversitäten etwa verdankt sich dieser Entwicklung. Doch zugleich brechen überkommene Solidaritätsbeziehungen auf, die Städte verslummen, die Agrarregionen verarmen, der neue Reichtum korrespondiert mit einer Verelendung großer Teile der Bevölkerung.

Die resultierenden kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Krisen, die politische Radikalisierung im 20. Jahrhundert, der Erste Weltkrieg 1914 bis 1918, die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-, Anfang der 1930er-Jahre, der Zweite Weltkrieg 1939 bis 1945, der daraus folgende Zusammenbruch der europäischen Staatenordnung – all das zwingt zu einer Bändigung ökonomischer Rationalität. Die Nachkriegsordnung ist nicht nur bipolar, sondern etabliert starke Nationalstaaten, die den internationalen Handel durch Zollschranken behindern, wirtschaftliche Schutzzonen schaffen, Konkurrenz eindämmen und eine sozialstaatliche Bändigung der kapitalistischen Dynamik vornehmen. Es gibt zunächst keine freien Wechselkurse, die oft weit divergierenden Wirtschaftspolitiken führen dementsprechend zu Spannungen auf den Finanzmärkten, die durch politische Anpassungen der Wechselkurse wieder ausgeglichen werden. Während zweier Jahrzehnte relativ kontinuierlichen Wachstums praktizieren alle westlichen Industrieländer die eine oder andere Form wirtschaftlicher Globalsteuerung, dämpfen die Konjunkturzyklen und versuchen, möglichst nahe an Vollbeschäftigung zu bleiben. Deutschland, dem Verursacher und Verlierer des Zweiten Weltkriegs, gelingt dies in Europa besonders gut. Erst mit den Ölpreiskrisen der 1970er-Jahre wird die prinzipielle Begrenztheit dieser politischen Bändigung ökonomischer Rationalität deutlich. Die weltwirtschaftlichen Verflechtungen nehmen wieder zu, und die wachsende Staatsverschuldung beschränkt die konjunkturpolitischen Möglichkeiten. Mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime im mittleren Osteuropa und mit dem Ende der Ost-West-Bipolarität beginnt die zweite Phase der Dominanz ökonomischer Rationalität. Insbesondere die Finanzmärkte globalisieren sich, der Abbau der Zollschranken vernetzt aber auch die internationalen Warenmärkte zunehmend. Die ökonomische Rationalität der globalen Märkte erringt wieder eine überragende Prägekraft, die nur mit derjenigen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vergleichbar ist. Marktradikale Theoretiker aus der Ökonomie und Philosophie legen die konzeptionellen Fundamente einer Politik, die in Europa meist als »neoliberal«, in den USA als »neokonservativ« bezeichnet wird. Demnach kommt dem Markt die Rolle des fundamentalen Ordnungsrahmens zu. Der Staat hat sich auf möglichst minimale Interventionen zu beschränken: Grenzen aller Art – für Waren, Personen und Kapitalien – sind abzubauen. Die ökonomische Rationalität soll alle anderen dominieren. Mit Margaret Thatcher in England und Ronald Reagan in den USA werden Teile dieses theoretischen Programms in die Realität umgesetzt. Staats- und Demokratieabbau, Deregulierung und Globalisierung prägen die Agenda.

Unterdessen schlägt das Pendel zurück. Nicht zum ersten Mal in der Wirtschaftsgeschichte. In der Krise der globalen Finanzmärkte 2008 ff. wird deutlich, dass es ein Irrtum ist anzunehmen, dass die notwendigen Regeln auf dem Markt selbst entstehen. Wir werden in Teil I Kapitel 3 sehen, dass diese Annahme der Marktradikalen auf einem fundamentalen Denkfehler beruht. Auch wenn die Einsicht wächst, dass ökonomische Rationalität sich nur dann gedeihlich auswirkt, wenn sie von vernünftigen Regeln begrenzt wird, bleibt die Ratlosigkeit, wer diese Regeln setzen soll. In der Weltfinanzkrise waren es die Nationalstaaten, die reagierten. Die internationalen Institutionen, etwa der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank, die Welthandelsorganisation (WHO), spielten – für viele überraschend – keine nennenswerte Rolle. Es waren die viel geschmähten Nationalstaaten – und zwar große wie die USA, aber auch kleine wie Island –, die versuchten zu retten, was zu retten war. Der Anfangsfehler von George W. Bush, Lehman Brothers nicht zu retten, führte zu einer Kettenreaktion, welche die Weltwirtschaft nach Einschätzung vieler Beobachter an den Abgrund führte. Der Grundfehler der Weltfinanzkrise 1929ff. wurde nicht wiederholt. Damals hatte die Sparpolitik der großen Industrienationen krisenverschärfend gewirkt, jetzt wurden unterschiedliche Maßnahmen ergriffen, um die Nachfrage zu stabilisieren. Allerdings um den Preis, die Staatsverschuldung massiv nach oben zu treiben. Die ökonomische Rationalität der Finanzmärkte hatte in die Krise geführt, die Bekämpfung ihrer Folgen orientierte sich an einer ganz anderen, nämlich der politischen Rationalität. Auch dieses Spannungsverhältnis wird uns noch beschäftigen.

Staatsverschuldung und Staatseinnahmen
Überschuss (+) / Defizit (-) als Prozent
am nominalen Bruttoinlandsprodukt

e9783641061470_i0002.jpg

Quelle: OECD4

Bevor wir uns mit der Frage beschäftigen können, in welchem Verhältnis ökonomische Rationalität zu anderen Rationalitäten steht – der politischen, der ethischen, der lebensweltlichen –, bedarf es einer ersten Klärung, was unter ökonomischer Rationalität eigentlich zu verstehen ist. Eine erste Charakterisierung könnte folgendermaßen lauten: Ökonomisch rational handelt jemand, wenn er seine Ziele mit einem minimalen Aufwand erreicht. Es geht um das Verhältnis von Aufwand und Ertrag. Ökonomisch handelt derjenige, der mit einem möglichst geringen Aufwand einen möglichst hohen Ertrag erwirtschaftet. Allgemeiner formuliert: Ökonomische Rationalität bemisst sich am Verhältnis von Nutzen und Kosten. Dieser Nutzen kann für ein Unternehmen als Gewinn definiert werden oder für einen Konsumenten als Gebrauchswert des jeweiligen Produkts. Ökonomische Rationalität lässt sich jedoch auch so weit fassen, dass es scheint, als könnte man so gut wie jede menschliche Praxis darunter subsumieren. Hat nicht jeder Mensch von jeder Handlung einen Nutzen bzw. Schaden? Ist nicht jede Handlung in der einen oder anderen Weise mit einem Aufwand (Kosten) verbunden?

Lassen Sie mich das am folgenden Beispiel illustrieren: Ich habe das Ziel, auf die andere Seite einer viel befahrenen Straße zu wechseln. Die Ampel ist 300 Meter entfernt. Bis zu dieser Ampel zu gehen, entspricht einem gewissen Aufwand, der sich allerdings monetär zunächst nicht leicht bewerten lässt. Andererseits garantiert mir die Fußgängerampel eine gefahrlose Überquerung, ich vermeide das Risiko eines Unfalls. Dies entspricht einem Nutzen. Ich muss also abwägen, ob mir die Kosten der zusätzlichen Wegstrecke durch den Nutzen der Risikovermeidung aufgewogen erscheinen.

Der Gedanke legt nahe, dass sich alle menschliche Praxis nach diesem Muster ökonomischer Rationalität bewerten lässt. In der Philosophie und in den Sozialwissenschaften hat sich dafür der Terminus homo oeconomicus eingebürgert. Der Mensch wird als ökonomisch rationales Wesen verstanden. Seine Praxis wird insgesamt nach den Kriterien ökonomischer Rationalität beurteilt. Bevor wir jedoch daran gehen können, die Tragweite, aber auch die Grenzen des homo oeconomicus zu bestimmen, müssen wir ihn präziser definieren. Dem dient das folgende Kapitel.

I.2 Optimierung

Then there is the will to conquer: the impuls to fight, to prove oneself superior to others, to succeed for the sake, not of the fruits of success, but of success itself.

Joseph A. Schumpeter,
The theory of Economic Development, 1934

 

The duty of »saving« became nine-tenths of virtue and the growth of the cake the object of true religion.

Maynard Keynes,
The Economic Consequences of the Peace, 1920

 

 

Nicht zufällig gibt es nur wenige Ausdrücke, die im modernen Wirtschaftsleben beliebter sind als »Optimierung«. Maximierung ist das Ziel, von etwas möglichst viel zu erhalten. Die Nutzenmaximierung wird in der Ökonomie durch eine konsistente Nutzenfunktion ausgedrückt. Sie ist das gängigste Modell der Darstellung der Präferenzen einzelner Wirtschaftssubjekte. Das Subjekt strebt danach, aus den ihm zur Verfügung stehenden Güterbündeln dasjenige auszuwählen, das den größten Nutzen besitzt. Optimierung dagegen hat das Verhältnis von Aufwand und Ertrag, von Kosten und Nutzen, im Blick. Man kann es auch so formulieren: Das Ziel der Optimierung ist Ausdruck einer Wertung. In der philosophischen Terminologie: Optimierung ist immer normativ.

Wir optimieren Tag für Tag. Optimierung ist Teil unserer Lebenswelt. Wenn Sie Ihr Kind jeden Morgen in den Kindergarten fahren, nehmen Sie den kürzesten Weg. Das ist allerdings doppeldeutig: Nehmen Sie den Weg, der am wenigsten Zeit in Anspruch nimmt, oder den, der in Metern am kürzesten ist? Wenn es Ihnen primär um den Benzinverbrauch geht, wählen Sie möglicherweise den kürzesten in Metern; wenn es Ihnen darum geht, möglichst früh im Büro zu sein, wählen Sie den »schnellsten« Weg. Da Ihr Auto bei kontinuierlicher Geschwindigkeit weniger Benzin verbraucht als bei häufigen Stopps, könnte es sich herausstellen, dass weder der kürzeste noch der schnellste Weg der benzinsparendste ist. Vielleicht ziehen Sie auf dieser Strecke wegen der schöneren Umgebung die Alleestraße der einbetonierten Schnellstraße vor und nehmen dafür in Kauf, dass Sie einige Minuten länger brauchen oder einige hundert Gramm Benzin mehr verbrauchen. Wenn Sie als Ausfahrer unterwegs sind und für Ihre Anlieferungen täglich eine Vielzahl von Zielen erreichen müssen, kann die Optimierung sich beispielsweise im Sinne des möglichst geringen Benzinverbrauchs oder der geringsten zeitlichen Ausdehnung zu einem komplexen mathematischen Problem auswachsen, das nur mit Gleichungssystemen zu bewältigen ist.

Für diese und andere Optimierungen verfügen wir allerdings über Heuristiken, die uns oft erstaunlich zuverlässig anleiten. 5 Ein schönes Beispiel ist die Strategie, die Geübte beim Volleyball, Baseball, Rugby oder auch bei hohen Bällen beim Fußballspielen anwenden: Der Ballfänger versucht, den Winkel zum Wurfobjekt, nachdem es seinen Zenit überschritten hat, laufend möglichst konstant zu halten. Die dabei zurückgelegte Laufstrecke ist in der Regel nicht optimal, d. h., sie weicht von der rechenbaren kürzesten Strecke ab. Aber diese Heuristik ist verlässlich. Sie lässt sich unter allen Bedingungen anwenden und erfordert keine Berechnungen.

Dieses Beispiel zeigt, dass Optimierung mit Kosten verbunden ist. In diesem Fall ginge kostbare Zeit verloren, wenn die Läufer erst Berechnungen oder wenigstens überschlägige Kalkulationen anstellten. Zum Optimierungsproblem gesellt sich also das, was wir als Meta-Optimierung bezeichnen wollen: Welches Maß an Optimierung ist optimal?

Die moderne Entscheidungs- und Spieltheorie, die zwar schon Vorläufer im 18. Jahrhundert hatte, jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg zur vollen Blüte reifte, steckt einen begrifflichen Rahmen ab, der es uns erlaubt zu analysieren, was unter Optimierung zu verstehen ist. Die Entscheidungs- und Spieltheorie entwickelt Kriterien rationaler Entscheidung. Damit werden Optimierung und Rationalität auf das Engste miteinander verbunden. In späteren Kapiteln werden wir die Problematik einer derart engen Verbindung von Rationalität und Optimierung diskutieren. Hier geht es zunächst nur um die Präzisierung unserer intuitiven Vorstellung von Optimierung.

Unsere Entscheidungen haben Konsequenzen. Welche Konsequenzen eine Entscheidung bzw. die Handlung, die auf dieser Entscheidung beruht, hat, hängt von Umständen ab, die wir oft nicht vollständig kontrollieren können. Nehmen wir an, Sie wollen in der nächsten Woche von München nach Frankfurt reisen, Sie müssen sich aber noch entscheiden, welches Verkehrsmittel Sie wählen: Kfz, Bahn, Flugzeug. Nehmen wir weiter an, dass die Kosten dieser drei Reisevarianten sich bestimmen lassen. Aber auch das Wetter am Tag der Reise kann ausschlaggebend sein, welches Verkehrsmittel optimal ist. Bei dichtem Nebel oder Schneetreiben in Frankfurt zum Zeitpunkt der vorgesehenen Landung Ihres Flugzeugs wäre es in jedem Falle besser, mit der Bahn zu fahren, wenn Sie denn pünktlich zu Ihrem Termin in Frankfurt sein wollen. Bei gutem, trockenem Wetter und wenig Straßenverkehr bevorzugen Sie das Kfz, um flexibler zu sein. Bei regennassen Straßen und dementsprechend reduzierter Geschwindigkeit bevorzugen Sie die Bahn. Um sich die möglichen Konsequenzen einer Handlung klarzumachen, muss man die Umstände bestimmen, die für diese Konsequenzen relevant sein können. Bei jeder Handlung können das andere Umstände sein. Für jeden dieser Umstände gilt, dass wir die Konsequenzen der Handlung bestimmen können, wenn dieser Umstand eintritt. Nehmen wir an, wir hätten einen vollständigen Überblick über die uns offenstehenden Handlungen. Darüber hinaus könnten wir alle für die Handlung relevanten Umstände in dem oben erläuterten Sinn angeben. Dann wäre es möglich, das aufzustellen, was in der Entscheidungstheorie als Konsequenzenmatrix bezeichnet wird. Die Zeilen dieser Konsequenzenmatrix symbolisieren die Handlungen, die in dieser Situation offenstehen (h1, h2, h3, hm), die Spalten symbolisieren die relevanten Umstände, d. h. alle Umstände, die für mindestens eine Handlung eine Rolle für die Konsequenzen dieser Handlung spielen.

e9783641061470_i0003.jpg

Beispiel: Bewertung der Handlungsalternativen, aufgrund der Dauer und der Transportkosten

 

h1 Mit dem Flugzeug nach Frankfurt

h2 Mit der Bahn nach Frankfurt

 

Bis hierhin scheint alles durchsichtig zu sein. Die Konsequenzen sind handfest, beispielsweise kann ich bei Schneetreiben nicht in Frankfurt landen und komme zu spät zu meiner Besprechung. Aber offensichtlich müssen wir eine Auswahl unter den Myriaden von Konsequenzen vornehmen, um überhaupt eine Entscheidung treffen zu können. Was ist der Maßstab dieser Auswahl? In ökonomischen Zusammenhängen könnten wir die Konsequenzen darauf beschränken, was sich in monetär-messbaren Vor- und Nachteilen niederschlägt. In unserem Beispiel müsste ich mir überlegen, welchem Geldwert diese Verspätung in Frankfurt wegen Schneetreibens entspräche. Möglicherweise käme auf diese Weise ein Vertrag nicht zustande, und das wiederum käme mich teuer zu stehen. Manche Menschen interessieren sich aber möglicherweise noch für andere Dinge als geldwerte Vor- und Nachteile. Ein bedeutender Statistiker – Leonard J. Savage – hat dem in folgender Weise Rechnung zu tragen versucht: Relevant ist, was meinen subjektiven Zustand (subjective state) beeinflusst. Manchmal fühle ich mich gut und manchmal schlecht. Wenn ich durch eine Handlung erreichen kann, dass ich mich besser fühle, dann spricht dies dafür, diese Handlung auszuführen. 6 Wenn wir Savage – und nicht nur ihm, sondern einem Großteil der Rationalitätstheoretiker in der Ökonomie und Philosophie – folgten, dann wäre eine rationale Handlung dadurch charakterisiert, dass sie auf die Verbesserung des eigenen Wohlergehens gerichtet ist. Der Altruist, der etwas tut, um das Wohlergehen einer anderen Person zu verbessern, müsste als irrational gelten. Wir werden erst in späteren Kapiteln die hier aufgeworfenen Fragen beantworten. Hier sollte lediglich deutlich werden, dass die so harmlos erscheinende Konsequenzenmatrix es in sich hat. Die Auswahl der Konsequenzen als relevant – und damit die Auswahl der relevanten Umstände für eine Entscheidung – beruht, in der Regel unausgesprochen, auf Wertungen. Sie beruht auch dann auf Wertungen, wenn dies der entscheidenden und räsonierenden Person nicht bewusst ist.

Nehmen wir an, eine Konsequenzenmatrix sei auf irgendeine Weise zustande gekommen. Wir wüssten also die relevanten Umstände und Konsequenzen der möglichen Handlungen in der konkreten Situation. Dies allein erlaubt es uns noch nicht, eine optimale Entscheidung zu treffen. Der nächste Schritt ist die Bewertung der Konsequenzen. Wir müssen wissen, welche Vor-und Nachteile die jeweiligen Konsequenzen haben. Nehmen wir wieder den einfachen, den ökonomischen Fall: Wir wissen, welche Kosten und welche monetären Vorteile mit der jeweiligen Konsequenz verbunden sind. In unserem Beispiel etwa die Kilometerkosten bei der Nutzung des eigenen Pkw, die Kosten der Bahnfahrkarte einschließlich der Reservierung, die Kosten des Flugtickets einschließlich des Transfers vom und zum Flughafen, anfallende Taxikosten etc. Die unterschiedliche Dauer der Reise müsste ebenfalls monetär bewertet werden, etwa durch den Verdienstausfall, der dadurch entsteht. Der Vorteil rechtzeitiger Anwesenheit im Falle eines erfolgreichen Vertragsabschlusses und im Falle, dass dieser Vertragsabschluss nicht zustande kommt. Dies sind die Kosten einer massiven Verspätung aufgrund von Schneetreiben und der Entscheidung, das Flugzeug zu nehmen. Diese Berechnungen können im Einzelfall kompliziert werden, begrifflich sind sie jedoch einfach. Wir bestimmen jeweils den Geldwert des Nutzens und des Schadens, den die jeweilige Konsequenz für uns hat. Entsprechend können wir jeder Konsequenz in der obigen Matrix einen Geldwert zuordnen. Aus der Konsequenzenmatrix wird eine Bewertungsmatrix.

e9783641061470_i0004.jpg

Beispiel: Bewertung durch Zuschreibung von Opportunitätskosten, Transportkosten und sonstigen zu erwartenden Kosten im Falle einer Verspätung

 

h1 Mit dem Flugzeug nach Frankfurt

h2 Mit der Bahn nach Frankfurt

 

Nun gibt es Menschen, die sich nicht nur für den geldwerten Vorteil interessieren. Gelegentlich sind wir an Dingen und Aktivitäten interessiert, die man sich mit Geld nicht kaufen kann, beispielsweise Freundschaft. Aber immer noch könnte Savage recht haben, wenn er meint, dass es uns ausschließlich um die Verbesserung des eigenen Wohls geht, dass es rational ist, den eigenen subjektiven Zustand zu optimieren. Die Bewertung wird also danach vorgenommen, welche Folgen eine Handlung für mein subjektives Wohlbefinden hat. Auch darin liegt eine Wertung, nämlich dass eine Handlung nur dann rational sein kann, wenn sie darauf gerichtet ist, das eigene Wohlbefinden zu verbessern oder, genauer, das eigene Wohlbefinden zu optimieren.

Man kann die Idee der Bewertungsmatrix auch so zusammenfassen: Mit unseren Handlungen legen wir fest, welche Auswirkungen bestimmte Ereignisse in der Welt (Umstände), von denen wir nicht wissen, ob sie eintreten werden, auf unser eigenes Wohl haben. Wir versuchen, uns vor den Unwägbarkeiten des Zufalls – manche werden sagen: des Schicksals – dadurch zu schützen, dass wir diesen Eventualitäten vorbeugen und unsere Handlungen so wählen, dass die zu erwartenden Folgen für unser eigenes Wohl möglichst günstig ausfallen. Das allgegenwärtige Risiko, das von Ereignissen ausgeht, die wir nicht kontrollieren können, versuchen wir zu mindern, indem wir so handeln, dass die zu erwarteten Folgen für uns günstig sind. Es liegt auf der Hand, dass wir Ereignisse, deren Eintreten wir für wahrscheinlich halten, bei unserer Entscheidungsfindung stärker berücksichtigen als Ereignisse, die wir für unwahrscheinlich halten. Wenn wir morgens das Haus verlassen, schauen wir in der Regel nicht nach oben, um sicherzustellen, dass uns kein Dachziegel auf den Kopf fällt. Wenn jedoch nach einem harten Winter im Frühling das Tauwetter einsetzt, werden wir möglicherweise Vorkehrungen treffen, um zu verhindern, dass ein großer Eiszapfen unserem Leben ein vorzeitiges Ende setzt. Wir berücksichtigen, wie wahrscheinlich Ereignisse sind, die unser eigenes Wohl beeinflussen können. Die Entscheidungstheorie schlägt vor, diese Gewichtung einfach proportional zu den Wahrscheinlichkeiten vorzunehmen. Wenn ein Ereignis doppelt so wahrscheinlich ist wie ein anderes, sollten die möglichen Folgen, die meine Handlung hat – vorausgesetzt, dieses Ereignis tritt ein –, eben doppelt so stark gewichtet werden wie die Konsequenzen, die meine Handlung hat, wenn das nur halbwahrscheinliche Ereignis eintritt. Jede Konsequenz muss also nicht nur bewertet werden, sondern es muss auch die Wahrscheinlichkeit geschätzt werden, mit der diese Konsequenz eintritt – vorausgesetzt, ich habe die betreffende Entscheidung getroffen. Manchmal sind die Wahrscheinlichkeiten der Handlungskonsequenzen wiederum davon abhängig, wie ich entschieden habe. Das muss ebenfalls berücksichtigt werden: Es geht dann um die Wahrscheinlichkeiten der Handlungskonsequenzen in Abhängigkeit von den eigenen Entscheidungen. Wie das Wetter morgen wird, hängt nicht davon ab, welches Verkehrsmittel ich wähle; die Kursbewegungen auf den Märkten sind in der Regel unabhängig davon, wie der einzelne Anleger entscheidet. Wenn es sich jedoch um sehr große Summen handelt, die ein Einzelner bewegt, beeinflusst das den Kurs – was Manipulationsmöglichkeiten schafft, wie man am Beispiel der VW-Aktie sehen konnte, die durch Entscheidungen des Porsche-Managements manipuliert wurde. Diesbezüglich wurde sogar ein Prozess geführt. Im einfachsten Fall hängt diese Wahrscheinlichkeit nur von Ereignissen ab, die ich nicht kontrollieren kann und die durch die Wahl meiner Handlung nicht beeinflusst werden. Die Wetterbedingungen auf meiner Reise von München nach Frankfurt sind dafür ein Beispiel. Es ist nicht anzunehmen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Schneetreibens über dem Frankfurter Flughafen am Reisetag davon abhängt, ob ich mich für den Flug oder die Bahn oder die Fahrt mit dem eigenen Kfz entscheide. Durch unsere individuellen Entscheidungen können wir die Wetterbedingungen nicht beeinflussen. Auf einem anderen Blatt steht, dass das Aggregat vieler individueller Entscheidungen durchaus Einfluss auf die Wetterbedingungen hat, obwohl dies lange Zeit von der Regierung des vormaligen US-Präsidenten George W. Bush bezweifelt wurde.

Wenn man den Unterschied zwischen einer Entscheidung, die auf die Wahrscheinlichkeit der Konsequenz Einfluss hat, und einer Entscheidung, die nicht auf die Ereigniswahrscheinlichkeit einwirkt, nicht beachtet, kann es zu gravierenden Fehlern in der Analyse kommen. Ein Regierungschef in einem Land im Nahen Osten, dessen Außenpolitik von zahlreichen Konflikten geprägt ist, könnte folgendermaßen räsonieren: Wenn es zum Krieg mit dem Nachbarstaat kommt, ist es besser, wir haben aufgerüstet und können den Krieg für uns entscheiden. Wenn es dagegen zu keinem Krieg kommt, ist es ebenfalls gut aufzurüsten, um in den Verhandlungen eine stärkere Position zu haben. Es ist somit immer besser aufzurüsten, also rüste ich auf.

Nun kann es aber sein, dass der Nachbarstaat, der die Aufrüstung dieses Landes beobachtet, zu dem Schluss kommt, dass ein Präventivkrieg erforderlich sei, um zu verhindern, dass dieses Land zur örtlichen Hegemonialmacht wird und den Nachbarstaaten seine Bedingungen diktieren kann. Wenn es auch nach wie vor stimmt, dass es in beiden Fällen vorteilhaft ist, aufgerüstet zu haben – sowohl wenn der Frieden erhalten bleibt als auch wenn es zum Krieg kommt –, muss also auch der Einfluss berücksichtigt werden, den die Entscheidung aufzurüsten auf die Wahrscheinlichkeit des Kriegsausbruchs hat. Wenn diese Wahrscheinlichkeit sinkt, wenn aufgerüstet wird, oder zumindest gleich bleibt, reicht es aus zu wissen, dass für beide möglichen Handlungsumstände – Krieg und Frieden – Aufrüstung günstiger ist, um die Entscheidung der Aufrüstung zu rechtfertigen.

Wenn die Wahrscheinlichkeit, dass es zum Krieg kommt, jedoch mit der Entscheidung zur Aufrüstung steigt, dann ist das sogenannte Dominanzprinzip unbrauchbar. Es auch in diesen Fällen anzuwenden, beruht auf einem Denkfehler. Wir müssen also immer sorgfältig unterscheiden zwischen Umständen, deren Wahrscheinlichkeit von menschlichem Handeln unabhängig ist, und Umständen, deren Wahrscheinlichkeit davon abhängt, was der Betreffende tut. Das Dominanzprinzip gilt nur für den ersten Fall.

Wir haben nun alles zusammengetragen, was nötig ist, um ein präzises Verständnis von ökonomischer Optimierung zu gewinnen. Entscheidungen sind genau dann optimal, wenn ihre zu erwartenden Folgen günstiger sind als bei jeder anderen Entscheidungsalternative. Das entscheidende Kriterium ist der Erwartungswert einer Entscheidung, d. h. die mit den betreffenden Wahrscheinlichkeiten gewichteten Werte (Nutzen-Schaden-Bilanz) der möglichen Folgen. Dieser Erwartungswert stellt eine quantitative Größe dar, da wir voraussetzen müssen, dass die Folgen quantitativ bewertet werden. Die Wahrscheinlichkeiten drücken wir in Prozentzahlen bzw. in reellen Zahlenwerten zwischen 0 und 1 aus. Auf unser Beispiel der Reise von München nach Frankfurt angewendet, könnten sich etwa folgende Erwartungswerte der drei möglichen Entscheidungen (Flug, Bahn, Kfz) ergeben:

Nehmen wir an, die Wahrscheinlichkeiten seien für Schneefall 0,01, für Regen 0,1 und für Sonne 0,89. Die Nutzenwerte bestimmen wir auf einer Skala von 0 bis 10, wobei 0 keinem Nutzenwert und 10 vollstem Nutzenwert entspricht.

e9783641061470_i0005.jpg

Beispiel: Kosten und Dauer (Nutzenwerte)

 

h1 Mit dem Flugzeug nach Frankfurt

h2 Mit der Bahn nach Frankfurt

 

Bei den hier angenommenen Wahrscheinlichkeiten der Wetterlagen und den monetär bewerteten Nutzen-Schaden-Bilanzen wäre das Flugzeug zu wählen ökonomisch optimal.

I.3 Grenzen der Optimierung

So, wie wir das Konzept der Optimierung, speziell der ökonomischen Optimierung, eingeführt haben, scheint es naheliegend zu sein, dieses für universell anwendbar zu halten. In der Tat sind dieser Auffassung zahlreiche, auch bedeutende Ökonomen wie etwa der Nobelpreisträger von 1992, Gary S. Becker .7 Das ist jedoch ein offenkundiger Irrtum, und die Tatsache, dass so viele diesem Irrtum verfallen sind, stimmt bedenklich. Wenn die Menschen überwiegend nach dieser Überzeugung handelten, würde dies in eine humane Katastrophe münden. Dies möchte ich im Folgenden deutlich machen. Beginnen wir mit einem einfachen Beispiel, das es aber in sich hat. Wer dieses Beispiel verstanden hat, sollte eigentlich immun gegenüber der zeitgenössischen Ideologie des homo oeconomicus sein.

Eine Freundin fragt Sie, was sie tun soll. Sie ist mit ihrer gegenwärtigen Lebenssituation nicht zufrieden. Sie schildert das Verhalten ihres Freundes und fragt sich, ob sie diese Beziehung beenden soll. Wir befinden uns in einer ganz normalen, alltäglichen Gesprächssituation. Die Freundinnen sind allein, und die Erwartungen sind die üblichen. D. h., Ihre Freundin erwartet von Ihnen, dass Sie ihr einen ehrlichen Rat geben. Sie erwartet, dass Sie sich Gedanken machen, was in dieser Situation für sie am besten wäre, was ihre Situation verändern könnte. Im Falle, dass Sie glauben, das nicht beurteilen zu können, erwartet sie, dass Sie Ihre Ratlosigkeit eingestehen. Während des Gesprächs denken Sie nach, was Sie ihr jeweils mitteilen. Sie wissen, dass Ihre Freundin – gerade jetzt – empfindsam ist, daher vermeiden Sie es, sie zu kränken oder zu verunsichern. Da Sie befreundet sind, haben Sie Vertrauen zueinander. Zu dieser Haltung des Vertrauens gehört, dass Ihre Freundin erwartet, dass Sie sie nicht anlügen, dass Sie ihr beispielsweise keinen Rat geben, von dem Sie selbst glauben, er sei der falsche. Ihre Freundin hat aber auch in dem Sinne Vertrauen zu Ihnen, als sie Ihren Rat ernst nehmen wird: Sie wird annehmen, dass wenn Sie überzeugt sind, dieses oder jenes sei das Beste für sie, damit eine gewisse Wahrscheinlichkeit einhergeht, dass dieses oder jenes tatsächlich das Beste für sie ist. Später werden wir diese beiden Dimensionen des Vertrauens unterscheiden (siehe I.5) – Vertrauen einmal im Sinne erwarteter Wahrhaftigkeit des Anderen und einmal im Sinne der erwarteten Verlässlichkeit. Mit anderen Worten: Sie werden Ihre Äußerungen bedacht wählen. Sie reden nicht einfach drauflos und wundern sich, was Sie mit Ihren Äußerungen anrichten. Das, was Sie sagen, ist in vielen Fällen Ergebnis einer Abwägung. Sie könnten dies oder auch jenes sagen, aber Sie entscheiden sich dafür, dieses zu sagen. Man erkennt solche Gespräche häufig daran, dass zwischen Fragen und Antworten einige Zeit vergeht, in denen der Gesprächspartner abwägt, wie er antworten soll. Sie treffen also während dieses Gesprächs immer wieder Entscheidungen darüber, was Sie sagen. Eine Reihe Ihrer Gedanken bleibt unausgesprochen. Sie könnten sie äußern, unterlassen es aber. Andere Gedanken, die Sie haben, müssen erst in eine sprachliche Form gebracht werden, die in dieser Situation angemessen ist.

Was ist eigentlich der Maßstab einer angemessenen Rede, der Maßstab angemessener oder unangemessener Antworten in einer solchen Gesprächssituation? Das ist nicht einfach zu beantworten. Jedenfalls verlangt eine solche Situation ein gewisses Maß an Empathie, d. h. die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich in die Lage der anderen Person hineinzuversetzen, deren Gefühle nachzuvollziehen oder sogar teilen zu können. Diese Empathie darf einerseits nicht dazu führen, dass Sie sich nichts mehr zu sagen trauen, was den Überzeugungen Ihres Gegenübers zuwiderläuft. Dies wäre ein Vertrauensbruch. Gute Freunde mögen sich darüber ärgern, wenn sie sich nicht einig sind, aber zugleich erwarten sie Wahrhaftigkeit, und diese hat im Zweifelsfall Vorrang. Urteile von Freunden sind uns oft wichtiger als die von Fernstehenden. Ein naheliegender Grund dafür ist, dass uns ihre Meinungen im höheren Maße interessieren. Dieses Interesse kann man als die banale Konsequenz regelmäßiger Begegnungen interpretieren. Es gibt aber auch einen weiteren, tiefer reichenden Aspekt: Urteile von Freunden sind verlässlicher. Sie können sich besser in die jeweilige Situation hineinversetzen, sie haben ein gewisses Maß an Empathie entwickelt, und von ihnen nehmen wir am ehesten an, dass es nicht ihr eigenes Wohl ist, das sie bei ihren Äußerungen anleitet. Damit sind wir am Kern meines Arguments: Ein solches Gespräch wäre im Vorhinein zum Scheitern verurteilt, wenn beide lediglich die Optimierung des eigenen Wohls vor Augen hätten. Nehmen wir an, die um Rat Gefragte – nennen wir sie im Folgenden Claudia – empfiehlt ihrer Freundin Susanne, ihren Lebensgefährten Franz zu verlassen. Das stellt sich – jedenfalls aus der Sicht Susannes – als Fehlentscheidung heraus. Einige Monate später fragt sie Claudia, wie sie denn zu dieser Überzeugung gekommen sei, und Claudia antwortet: »Ich wollte in Zukunft einfach mehr Zeit mit dir verbringen können.« Vermutlich wäre dies das Ende einer langjährigen Frauenfreundschaft.

Betrachten wir diesen Fall etwas genauer: Susanne erwartet von Claudia, dass sie ihr einen guten Rat gibt. Für diesen guten Rat sollte das Wohl Susannes durchaus, das Claudias keine Rolle spielen. Sie erwartet ein begründetes Urteil zu der Frage, ob es aus ihrer – Susannes – Perspektive sinnvoll ist, die Beziehung mit Franz fortzuführen. Claudias eigene Interessen mögen hier involviert sein, dürfen aber in dieser Gesprächssituation keine Rolle spielen, ansonsten wird das Vertrauen, das Susanne in Claudia setzt, enttäuscht. Ein zweiter Aspekt dieser Gesprächssituation sollte uns ebenfalls nicht entgehen: Susanne und mit ihr wir alle, die eine solche Gesprächssituation aus eigener Anschauung kennen, erwarten, dass der Rat begründet ist, dass Claudia nicht lediglich das äußert, was ihr gerade so in den Sinn kommt. Die von Susanne und uns allen erwartete deliberative Qualität eines solchen Gesprächs hat einen spezifischen Modus. Die Deliberation Claudias ist angeleitet von Urteilen – nach bestem Wissen Claudias – darüber, was für Susanne gut ist oder ihr schadet. Mir persönlich scheint dabei eine Reduktion von Susannes Wohl auf ihr Wohlbefinden, ihr Zufriedensein in der Zeit, unangemessen zu sein und mir scheint, dass wir in den meisten Gesprächssituationen eine weit komplexere Interpretation des guten Lebens zugrunde legen als diese hedonistische. Als gute Freundin wird Claudia Susanne vielleicht wünschen, dass sie sich in ihrer Persönlichkeit weiterentwickelt, dass sie nicht stehen bleibt, dass sie Anregungen empfängt, dass sie zusammen mit einem Mann neue und interessante Erfahrungen macht etc. Es mag sein, dass solche Erweiterungen ihres Erfahrungshorizonts für Susanne schmerzhaft sein werden, dass sie dadurch vieles infrage stellen wird, was ihr bislang vertraut erschienen ist und was sie nicht missen möchte. Aber vielleicht hat Claudia recht; dadurch würde sich die Persönlichkeit Susannes weiterentwickeln, und im Rückblick wird sie froh sein, dass es so gekommen ist. Rückblickend stellt sich möglicherweise gar nicht mehr die Frage, ob dies Susannes Zufriedenheitsniveau in der Zeit optimierte – mathematisch präzise: das zeitliche Integral des Zufriedenheitsniveaus im Laufe von Susannes gesamten Lebens maximierte bzw. ob angesichts der anzunehmenden Wahrscheinlichkeiten der Erwartungswert dieses Integrals maximal war. Im Nachhinein zeigt vielleicht das bloße Faktum der Ausbildung von Fähigkeiten und der Vergrößerung ihrer Seele Susanne, dass Claudias Rat der richtige war.

Es spricht vieles dafür, dass wir in unseren lebensweltlichen Deliberationen implizit einer Vorstellung vom guten Leben entsprechen, das aristotelische Züge trägt. Für Aristoteles ist das gute Leben nicht ein solches der maximalen Zufriedenheit, sondern zeichnet sich dadurch aus, dass es die spezifischen Fähigkeiten des Menschen als Gattungswesen und des jeweiligen Individuums zur vollen Entfaltung bringt. Das gute Leben ist die aktive Psyche im Sinne der spezifischen Fähigkeiten (aretai), die der Mensch (als Individuum wie als Gattungswesen) mitbringt. Nennen wir das den lebensweltlichen aristotelischen Perfektionismus.

Da Claudia und Susanne sich gut kennen, ist anzunehmen, dass ihre Vorstellungen von einem guten Leben – oder jedenfalls was das gute Leben Susannes angeht – nicht allzu stark divergieren. Das macht ja Claudias Rat so wertvoll für Susanne. Susannes Erwartungen an Claudia mögen vielfältig sein: Neben Rat mag sie auch Trost erwarten. Wenn die aktuellen Ratgeber zum Geschlechterverhältnis richtig liegen, geht es Susanne gar nicht in erster Linie um die Lösung eines Problems (wie Männer in solchen Situationen häufig fälschlicherweise anzunehmen scheinen), sondern um eine Aussprache, also darum, sich beklagen zu können, eine verständige Seele gefunden zu haben, die ihre Sorge zur Kenntnis nimmt und ihre Meinungen teilt. Es mag sein, dass sich Susanne in erster Linie selbst darüber klar werden möchte, was ihr wirklich wichtig ist, dass es weitgehend irrelevant ist, was die Freundin jeweils für richtig hält, dass dies Gespräch aus Susannes Sicht dazu dient, sich selbst über wichtige Fragen klar zu werden. Dieses Resümee wird sie dann ziehen, wenn sie allein zu Hause ist; vielleicht wird sie Claudia davon gar nicht mehr in Kenntnis setzen. Aber ganz unabhängig davon, wie komplex die Erwartungen, welche teilweise widerstreitenden Wünsche Susanne mit diesem Gespräch verbindet, eines ist offenkundig: Claudia wäre als Gesprächspartnerin von Anbeginn ein Fehlschlag, wenn sie jeweils das äußerte, von dem sie glaubt, dass es ihr eigenes – Claudias – Wohl optimierte. Man könnte auch hier an Aristoteles anlehnend hinzusetzen, dass Freundschaft eine Tugend, eine spezifische Einstellung ist und die Entwicklung von Fähigkeiten verlangt, zu denen gehört, dass man sich in eine andere Situation hineinversetzt und etwas tut, von dem man glaubt, dass es der anderen, nämlich der befreundeten Person, dienlich ist. Der sein eigenes Wohl optimierende Akteur scheitert schon an der lebensweltlichen Herausforderung, eine Freundschaft zu entwickeln und aufrechtzuerhalten. Freundschaft, so könnte man das Gesagte zusammenfassen, setzt ein gewisses Maß an altruistischer Motivation voraus. Den beliebten Einwand, dass derjenige, der befreundet ist, ja daraus auch einen Nutzen ziehe, stellen wir hier zurück. Wir werden sehen, dass er nicht trägt, obwohl er ganze Forschungsrichtungen der Ethnologie und der Tierethologie prägt.

Es lohnt sich, noch einen genaueren Blick auf das Phänomen Altruismus generell zu werfen. Altruismus ist keineswegs an enge Beziehungen wie Liebe, Elternschaft oder Freundschaft gebunden. Das Dogma, wonach Rationalität und Egoismus im Sinne der Optimierung des eigenen Wohls unauflöslich zusammenhängen, steht heute erschütterter da als noch vor Jahrzehnten. Die Grenzen ökonomischer Erklärungsmodelle sind seitdem innerhalb und außerhalb der Wissenschaft deutlicher geworden. Thomas Nagel, einer der bedeutendsten US-amerikanischen Philosophen der Gegenwart, sah sich 1970 gezwungen, ein ganzes Buch der Verteidigung des Altruismus zu widmen.8 Vieles hat sich seitdem geändert, doch die Grund-problematik blieb bestehen: Innerhalb und außerhalb der Wissenschaft gibt es allzu viele, die der Auffassung sind, dass es neben dem Modell rationaler Optimierung des eigenen Wohls keine attraktive Konzeption praktischer Vernunft gibt, die damit konkurrieren könnte. Dies allerdings hängt nicht damit zusammen, dass die Konzeption der Optimierung des eigenen Wohls so überzeugend ist, sondern damit, dass die Kriterien vernünftiger Praxis zu komplex sind, um sie in einem einfachen Modell zu erfassen. Um unser eigenes Ergebnis vorwegzunehmen: Diese hohe Komplexität der Kriterien vernünftiger Praxis lässt sich nicht auf ein einziges Prinzip reduzieren. Es gibt kein simples Rezeptbuch rationaler Praxis. Das Einzige, was uns bleibt, ist die Forderung nach Kohärenz. Unsere handlungsleitenden Gründe müssen in sich stimmig sein. Und es wird sich herausstellen, dass diese Forderung nach Kohärenz eine Brücke schlägt zur Ökonomie, zum ökonomischen Konzept rationalen Entscheidens. Dieser Brückenschlag erfordert Umbauten an beiden Ufern: an dem der lebensweltlichen Praxis und an dem der Ökonomie, wie wir noch sehen werden.

Wir beschränken uns zum Abschluss dieses Kapitels darauf, einen genaueren Blick auf das Phänomen altruistischer Motivation zu werfen. Der Streitpunkt lässt sich folgendermaßen fassen: Ist es nur dann rational, »altruistisch« zu handeln, wenn sich daraus ein Vorteil für mich selbst ergibt, oder ist das nicht der Fall? Zu Klärung dieser Frage wählen wir wieder ein einfaches, lebensweltliches Beispiel. Sie stehen in der überfüllten U-Bahn und bemerken, dass Sie im Gedränge einen anderen Fahrgast in eine unbequeme Lage gebracht haben. Es scheint uns allen selbstverständlich zu sein, dass Sie in einer solchen Situation zurückweichen, um den Fahrgast aus seiner Bedrängnis zu befreien. Die ethische Frage, die sich hier stellt, lautet: Ist die Erkenntnis, dass Sie jemanden in eine unangenehme Lage gebracht haben, ein ausreichender Grund, um Ihr Zurückweichen zu motivieren? Der Dogmatiker des Egoismus wird sagen: nur dann, wenn ich daraus einen Vorteil ziehe, z. B. den, dass ich nicht vor allen anderen Vorwürfe einstecken muss oder dass sich der bedrängte Fahrgast am Ende nicht gar gewalttätig aus seiner Lage befreit. Ich bin mir sicher, dass so gut wie alle darin übereinstimmen, dass es dieser zusätzlichen Bedingung nicht bedarf, dass allein die Feststellung, dass sich der Fahrgast in einer bedrängten Lage findet, einen hinreichenden Grund dafür gibt, mich entsprechend – d. h. hier rücksichtsvoll – zu verhalten. Jemand, der behauptet: »Du hattest doch keinen Grund zurückzuweichen, weil dieser Fahrgast so eingeschüchtert war, dass er sich sicher nicht zur Wehr gesetzt hätte«, würde bei den meisten von uns auf Unverständnis stoßen. Altruistische Motive können Handlungen rechtfertigen.

Das Ziel, jemanden aus seiner misslichen Lage zu befreien, kann einen guten Handlungsgrund darstellen, kann die betreffende Handlung wohlbegründet, d. h. rational machen. In vielen Situationen mögen andere Motivationen – auch die, das eigene Wohl zu befördern – der altruistischen entgegenstehen, sodass eine Abwägung erforderlich ist. Nicht immer sind altruistische Motive ausreichend, um eine Handlung zu rechtfertigen, um diese als rational auszuweisen. Für unsere Zwecke genügt es an dieser Stelle zu sehen, dass altruistische Motive eine Handlung rational machen können. Damit ist dem Dogma, wonach Rationalität als Optimierung des eigenen Wohls zu bestimmen sei, eine wichtige Säule weggebrochen: Handlungen können wohlbegründet, sprich rational sein, wenn sie anders, z. B. altruistisch motiviert sind. Der ökonomische Mensch, der ausschließlich die Optimierung des eigenen Wohls im Auge hat, ist nicht freundschaftsfähig, wie wir vorhin gesehen haben. Er fällt aus den sozialen Bezügen heraus, er vereinsamt. Ohne altruistische Motive keine Freundschaft, ohne Freundschaft keine soziale Gemeinschaft, ohne soziale Gemeinschaft kein gutes Leben.