Clea Danaan

Das Lied der Erde

Clea Danaan

Vollständige E-Book-Ausgabe der bei

ISBN eBook 978-3-89901-560-7

© Aurum

Originalausgabe:

LLEWELLYN PUBLICATIONS,

Übersetzung: Frances Hoffmann

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Clea Danaan

DAS LIED DER ERDE

Mit der Kraft der Natur tanzen

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EINLEITUNG

Als meine Tochter erst wenige Tage alt war, nahm ich sie mit nach draußen und bettete sie nackt in den Schatten eines Hollerbusches. Ihr winzig kleiner Körper verschmolz mit der Erde, sie spürte die Sicherheit, die nur die Erde zu geben vermag.

„Das ist die Erde“, erzählte ich ihr. „Große Erde, dir überantworte ich meine Tochter. Ich danke dir für das Geschenk ihres Lebens.“

Sie strampelte zufrieden und blickte mich mit den stahlblauen Augen der Neugeborenen an. Das weiche Licht der Herbstsonne malte die Umrisse der Blätter auf ihre vollkommene Haut. Ich legte mich neben sie und stillte sie, unsere Wangen berührten sanft das Gras.

Bei ihrer Geburt hatte sie lautstark und ganz rot vor Zorn gegen die plötzliche Veränderung ihrer Welt protestiert. Sie hatte einen leichten Schlaf und schrie sehr viel. Manche nennen solche Babys Schreikinder; ich glaube einfach, dass sie noch nicht ganz bereit gewesen war, ihren kleinen Körper zu bewohnen. Doch als sie an jenem Tag dort im Gras lag und trank, den Blick über die Bäume gleiten ließ und sich an die feste Erde unter sich schmiegte, schmolzen aller Unwille und alle Enttäuschung hinweg. An diesem Nachmittag fand sie Frieden.

Die erste Beziehung, die wir Menschen eingehen, ist die zu unserer Mutter – zur Mutter, die uns zur Welt brachte, und zur Mutter Erde. Vor der Geburt kennen wir den Sog der Schwerkraft. Wir lernen, mit zwei Körpern zu tanzen: mit dem Mutterleib, der uns umgibt, und mit dem Planeten darunter. Sobald wir die salzigen Wasser der Empfängnis verlassen, werden wir zu atmenden Erdenbewohnern. Die Nabelschnur ist durchtrennt, doch der Plazenta der Erde bleiben wir verbunden bis zu unserem Tod. Babys scheinen instinktiv um diese Verbindung zu wissen. Trage ein schreiendes Baby ins Freie und es beruhigt sich in den meisten Fällen augenblicklich, wenn es nur satt und trocken ist und keine Schmerzen hat. Im Freien kann es atmen. Die Luft schmeichelt seiner Haut, es hört die Vögel zwitschern und kann mit seinem winzigen Körper die Erde berühren. Ganz instinktiv liebt es die Natur.

Unsere Körper und Seelen lieben die Natur. Erst seit Kurzem hat sich unser Geist von dem natürlichen Lauf des Lebens auf unserem Planeten abgetrennt. In unserer ungemein technischen, kapitalistischen Kultur haben wir den Bezug zum Wandel der Jahreszeiten, zur Herkunft unserer Nahrung und zur lebendigen Landschaft weitestgehend verloren. Diese Abspaltung ist eine Krankheit. Im Grunde ist nichts falsch an Geld und Technik, trennen wir jedoch unsere bewusste Wahrnehmung von unseren Wurzeln ab, dann werden wir zu lebenden Toten. Nur werden wir nicht von einem bösen Zauberer, sondern von unseren eigenen inneren Dämonen in Form von Gier, Angst und Narzissmus gelenkt.

Viele Menschen und Organisationen sind sich dieser Krankheit inzwischen bewusst geworden. Allmählich verstehen wir, dass wir die Erde nicht weiterhin schänden und plündern können, wie wir es bislang getan haben. Ökologisches Leben und Umweltschutzorganisationen sind in Mode. Wenn du über genügend Geld verfügst, kannst du alles „ökologisieren“: dein Haus, dein Auto, deine Nahrung, deine Kleidung, sogar deine Kapitalanlagen.

Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir ein höheres Umweltbewusstsein entwickeln, doch diese marktorientierten Lösungen sind unvollständig: Es braucht einen tieferen Aspekt, um mit der Erde in Harmonie leben zu können. Wenn wir eine gesunde Beziehung zur Natur – und zu uns selbst, die wir ja auch Teil der Natur sind – leben wollen, müssen wir lernen, uns auch spirituell mit ihr zu verbinden. Damit meine ich allerdings etwas mehr als einfach nur im Freien zu meditieren oder öfter einmal zu campen oder eigenes Gemüse anzubauen. Das alles ist durchaus wichtig, aber wir können noch tiefer gehen.

Ich bin eine Naturflüsterin. Durch meine Arbeit als Heilerin, Künstlerin und Naturliebhaberin habe ich gelernt, mit den Pflanzen zu sprechen, auch mit dem Wind, den Steinen und den Flüssen. Ich lehre meine Tochter nicht nur, dass man sich in der Natur wohlfühlt, sondern auch, wie man eine echte Beziehung zu ihr aufbaut. Auch dich kann ich das lehren. Durch die Fähigkeit, mit der Natur zu kommunizieren, wirst du ein wahrhaft ökologisches Leben führen. Dann kannst du mehr leisten als bloßen Umweltschutz. Du wirst zum echten Verbündeten der Erde, jemand, der oder die dem Planeten wieder zur Ganzheit führt. Ein tiefes Bewusstsein für die Erde und unsere eigenen Seelen ist die Grundlage eines kraftvollen spirituellen Weges. Dieses Buch kann dich dabei unterstützen, deinen ganz eigenen spirituellen Weg als Naturmystiker zu finden, indem du dich auf seelischer Ebene mit der Landschaft verbindest. Ich werde dir alle Aspekte des Lebens eines Naturflüsterers und einer Naturflüsterin vorstellen, angefangen bei der Gartenarbeit über die Arbeit mit Kräutern und Pflanzengeistern bis hin zu einem ganzheitlicheren Bewusstsein für deine Kleidung, dein Zuhause und die Nahrung, die du zu dir nimmst. Durch diese Arbeit werden deine übersinnlichen Kräfte sensibilisiert. Du wirst in der Lage sein, mit der Natur zu sprechen – und auch sie sprechen zu hören. Deine Fähigkeit, mit der Natur zu sprechen, wird weitreichende Folgen haben, denn du lernst dadurch, tiefer zu lieben. Wenn du dich für die Weisheit der Natur öffnest, dann kannst du Heilung und Erneuerung inmitten dieser verrückt gewordenen Welt finden. Durch tiefes Hinlauschen wirst du den Weg zu deiner eigenen Seele finden. Du wirst auch Hilfsmittel kennenlernen, die es dir ermöglichen, die unfassbare Herausforderung anzugehen, inmitten von Kriegen, allgemeiner Habgier, Angst, Einsamkeit und all der schwierigen Bedingungen, denen die Menschheit ausgesetzt ist, in einem sensiblen Körper zu leben.

Jeder kann lernen, die subtilen Energien der Bäume, Steine, Flüsse und des Windes wahrzunehmen. Das Lied der Erde ist ein Handbuch, das dich bei der Erweckung deines Bewusstseins unterstützen will. John Welwood schreibt: „Bewusstheit, geboren aus Liebe, ist die einzige Kraft, die Heilung und Erneuerung bringen kann.“ Mit diesem Bewusstsein geht auch ein erfüllteres Leben einher, das auf echten, zutiefst ökologischen Prinzipien gründet, die weit mehr sind als eine reine Modeerscheinung und die auch keinen Geldeinsatz erfordern. Dieses Bewusstsein geht über die Befolgung bestimmter Verhaltensweisen, wie zum Beispiel Recycling, weit hinaus und führt zu einem gänzlich verwandelten Leben, das von Ganzheit und tiefen Einsichten geprägt ist.

Fühlst du dich abgespalten von anderen Menschen? Von deinem eigenen Lebensweg? Hast du Schwierigkeiten, dich selbst zu lieben? Leidest du unter Ängsten, Depressionen oder alltäglichen Sorgen? Wenn du lernst, dein Bewusstsein auf die spirituellen Aspekte der Natur und des Universums auszuweiten, wirst auch du Ganzheit und Heilung erfahren. Du wirst deinen Weg und deine Lebensaufgabe finden. Du wirst eine tiefe Liebe spüren, die vom Universum und von diesem Planeten zu dir hin strömt. Du wirst diese Liebe annehmen und mit anderen teilen können. Du verfügst über Hilfsmittel, die es dir ermöglichen, auch in Zeiten von Angst und Chaos kraftvoll und eigenmächtig zu leben. Zu all diesen Gaben kannst du Zugang bekommen, wenn du dich auf eine tiefe, intuitive und seelische Beziehung zur Natur und zum Spirit einlässt.

In jedem Kapitel dieses Buches findest du Übungen und Meditationen, die dir helfen können, deine spirituelle Praxis mit der Natur zu vertiefen; Meditationen sind mit einem Sonderzeichen image markiert. Wer schon Erfahrung hat mit Ritualen und Meditationen, dem werden die Grundlagen der Übungen bekannt vorkommen – die meisten Übungen sind geführte Meditationen, die dir helfen sollen, deine Seele der Landschaft und anderen Kräften zu öffnen. Die geführten Meditationen beginnen jeweils mit einer Erdungs- und Zentrierungsübung. Dabei verbindest du deine eigene Energie mit der Energie der Erde und mit deinem inneren Kern. Eine sehr einfache Erdungsübung besteht darin, dir vorzustellen, wie aus deinem Basischakra (oder Sakralchakra am unteren Ende deiner Wirbelsäule) Energiewurzeln wachsen, die in die Erde dringen. Wenn du in der Hüfte eine gewisse Schwere spürst, so als ziehe dich ein Magnet zur Erde hinab, dann bist du „geerdet“. Nach dem Erden wirst du auch eine gesteigerte Klarheit und Konzentration an dir beobachten können. Um dich zu zentrieren, atme mehrmals tief durch und richte dabei deine Aufmerksamkeit auf die Luft, die in deine Lungen strömt, dann eine Atempause, dann strömt die Luft wieder aus dir; es folgt eine weitere Atempause. Das Zentrieren lenkt deine Aufmerksamkeit auf deinen Körper und den gegenwärtigen Augenblick. Das kannst du nutzen, wenn du ruhig werden willst, wenn du deine zerstreute Aufmerksamkeit bündeln willst oder als Vorbereitung auf eine Meditation oder ein Ritual. Während du dieses Buch liest, nutze deine Atmung, um dich zu zentrieren, zu erden und dich mit deinem Spirit zu verbinden.

Meditationen führen zu veränderten Bewusstseinszuständen oder Trancen. Eine Trance ist nichts anderes als ein verändertes Bewusstsein. Oft treten wir in Trancezustände ein, ohne dies überhaupt zu bemerken. Wenn du schon einmal mit dem Auto unterwegs warst und plötzlich gemerkt hast, dass du dich gar nicht mehr erinnern kannst, was während der letzten zehn Kilometer geschah, oder wenn du dich schon mal in einem Tagtraum verloren oder bei der Gartenarbeit, bei der Liebe oder beim Kochen zu einer tiefen Ruhe gefunden hast, dann weißt du bereits, wie sich eine leichte Trance anfühlt. Tiefere Trancezustände, wie sie von Schamanen genutzt oder durch bewusstseinsverändernde Substanzen herbeigeführt werden, benötigen wir für die Arbeit nicht, um die es in diesem Buch geht, und sie nutzen auch nur Praktizierenden mit sehr viel Erfahrung. Doch auch den leichten Trancezuständen, in die du durch die hier beschriebenen Meditationen eintrittst, solltest du nicht leichtfertig begegnen. Vergiss nie, nach einer Meditation wieder in die alltägliche Wirklichkeit zurückzukehren.

Eine Möglichkeit, wie man ganz allmählich wieder in den normalen Wachzustand zurückkehren kann, bietet die Kunst – Malen, Tanzen oder Schreiben. Zwar kann auch die Kunst dich in einen veränderten Bewusstseinszustand führen, doch sie kann ebenso eine Brücke schlagen zwischen der Spirit-Arbeit und deinen alltäglichen Aufgaben. Ich werde dich daran erinnern, nach jeder Meditation deine Gedanken in einem Tagebuch aufzuzeichnen, in dem du auch deine Fortschritte, deine Gedanken, Träume und Entdeckungen vermerkst. Wenn du in dein Tagebuch schreibst oder malst, halte darin auch deine Überlegungen zu der Übung fest und sämtliche Gefühle und Gedanken, die diesbezüglich in dir aufsteigen. Am Ende des Buches findest du eine Liste mit Tagebuch-Übungen, die du dir immer wieder anschauen kannst. Dein Tagebuch ist auch der rechte Platz für Freies Schreiben über deine Seelenreise. Lies immer wieder in deinem Tagebuch nach, denn es wird dir helfen, mit deiner Arbeit voranzukommen, und hält zudem deine Fortschritte fest.

Am Ende eines jeden Kapitels werde ich dir eine Übung anbieten, ein Kunstprojekt oder ein Tagebuchthema, das im Zusammenhang mit der Geschichte und den Erläuterungen des jeweiligen Kapitels steht. Beschäftige dich damit, wenn du spürst, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist und du dich davon angezogen fühlst. Eigentlich sind die Anregungen dazu gedacht, dass du allein mit ihnen arbeitest, du kannst sie aber auch zusammen mit einem Freund oder einer Freundin oder innerhalb einer Gruppe in Angriff nehmen. Einigen Aktivitäten fühlst du dich zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf deinem Weg der ökologischen Spiritualität vielleicht noch nicht gewachsen; dann machst du einfach die Teile der Übungen, denen du dich bereits gewachsen fühlst, ohne dich dabei schlecht zu fühlen. Andere Dinge erscheinen dir vielleicht auch zu einfach, auch das ist in Ordnung – suche dir das heraus, was für dich wichtig ist. Vielleicht beschäftigst du dich ja zu einem späteren Zeitpunkt mit den übrigen Themen.

Das Projekt Kunst als Meditation am Ende des Kapitels aktiviert deine rechte Gehirnhälfte, den Teil unseres Selbst, der für Bilder und unterbewusste Informationen empfänglich ist. Es geht nicht darum, perfekte Kunst zu schaffen (was immer das auch ist), sondern dein Herz mit einer kreativen Arbeit auszudrücken. Meine Anweisungen sind sehr einfach gehalten; du kannst deine Kunstwerke aber so raffiniert gestalten, wie es dir gefällt. Verwende ruhig viele Symbole, Farben und Materialien, mit denen du dich wohlfühlst, die sich sinnlich anfühlen und dir Freude machen. Feiere mit deinem Projekt deine Verbindung mit dem Spirit und der Natur. Matthew Fox sagt: „Kunst schafft man nicht um der Kunst willen, sondern um der Ekstase willen.“ Verwandle deine Kunst zu einem Geschenk an den Schöpfer, geschaffen vom Schöpfer in dir selbst.

Meine Tochter lernt gerade, aus einer richtigen Tasse zu trinken, und ich sage ihr sehr oft, sie solle langsam machen, langsam. Als ich die Kraniosakraltherapie erlernte (eine alternative Therapieform, bei der mit sanften Berührungen Fehlstellungen der Knochen korrigiert und eingeklemmte Nerven befreit werden), ermahnte uns unser Lehrer, wenn wir den unglaublich feinen Körperrhythmus nicht spürten, sollten wir die Berührung noch sanfter machen. Ein Kunstlehrer am College ermutigte uns immer, hinzuschauen und dann noch einmal hinzuschauen. Während du dieses Buch liest und deine Intuition, deine energetische Empfänglichkeit entdeckst, denke immer an diese Lehrsätze: Mach langsam, mach die Berührung noch sanfter und schau noch einmal hin. Eile und Zwang werden dir nicht helfen, wenn du als Initiant auf der Seelen- oder der spirituellen Ebene vorankommen möchtest. Hab Vertrauen. Öffne dich. Atme.

Ich wünsche dir für diese Arbeit die Freude, die es macht, an einem sonnigen Tag im Gras zu liegen und das aufregende Kribbeln einer weit und tief entwickelten Spiritualität zu spüren. Möge sie dich weit bringen, in der Seele, im Herzen und im Leben. Legen wir los!

Welwood, Durch Liebe reifen, S. 39

Fox, A Spirituality Named Compassion, S. 109.

image Kapitel eins

DAS GÖTTLICHE
IN UNS

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Ich brauchte frische Luft und wollte allein sein. Ich befand mich gerade auf einem Lehrgang für Kunsttherapie in einem Retreat-Zentrum in Redmond, Washington. Hinter mir lag ein intensives Wochenende der Selbstentdeckung und ich beschloss, den Rest der Mittagspause zu nutzen, um einmal richtig durchzuatmen. Das nahegelegene Sumpfgebiet lockte mich. Winterschilf durchbrach den Schlamm, welkes Erlenlaub bedeckte den sumpfigen Boden und obwohl es schon Nachmittag war, überzognoch Raureif die Ränder der Lichtung. Im Winter haben Brombeerbüsche einen ganz eigenen einzigartigen Geruch, sie duften süß und grasig, oft auch nach dem lehmigen Hauch der fruchtbaren Sumpferde. Mein Körper dehnte sich aus, in die Landschaft hinein, die mich umgab, und meine Muskeln entspannten sich. Ich fühlte mich frei und leicht, während meine Füße den federnden Boden berührten. Mein Geist war offen und weich.

Ich folgte dem Lauf des Bächleins, das sich durch gelbes Sumpfgras und winterkahle Erlen schlängelte, bis ich auf einen dünnen Baumstumpf stieß, auf dem sich deutlich die verräterischen Kerben von Biberzähnen abzeichneten. Erlenspäne übersäten den Boden. Ich fragte mich, wann dieser eifrige Biber wohl hier gewesen war, um sein Haus aus jungen Bäumen zu errichten.

In dem Geflecht aus Ästen vor mir versammelte sich zwitschernd und flatternd eine Schar kleiner Finken. Eine ganze Bande kleiner brauner Vögel hüpfte neugierig von Ast zu Ast, keinen Meter von meinem Gesicht entfernt. Ich fühlte mich wie Schneewittchen, eine Freundin der Waldwesen. Ich streckte meine Hand einladend in der Hoffnung aus, einer würde meinen Traum erfüllen und sich auf meinem Finger niederlassen. Sie lehnten ab, doch sie flatterten in einem Chor aus Gezwitscher um mich her, bis sie nach einer ganzen Weile in die Baumkronen davoneilten. Ich vermutete, dass irgendwer an genau dieser Stelle regelmäßig die Vögel fütterte.

Später fragte ich eine Frau, die im Retreat-Zentrum lebte, ob draußen an dem von Bibern angenagten Stumpf jemand öfter die Vögel füttere. Sie kannte den Platz und verdrehte die Augen (die Biber waren ihr lästig), doch sie meinte, dass soweit vom Haus entfernt niemand die Vögel füttere. Der kleine Vogelschwarm hatte mich also ganz einfach nur begrüßen wollen. Ich war eins mit der Landschaft, verbunden mit dem Spirit durch seine geflügelten kleinen Boten. Damals wusste ich allerdings noch nicht, welche Botschaft sie mir überbrachten.

Als ich ein Kind war, zogen wir oft um. Meine Familie war stets auf der Suche nach einer günstigeren Wohnung oder einem kürzeren Arbeitsweg. Von einem unserer Häuser hatten wir nach Westen hin einen Ausblick auf die Skagit Bay im Bundesstaat Washington. Unmengen von Brombeergestrüpp umgaben es. Unsere nächste Nachbarin wohnte zwei Parzellen weiter nördlich, zwischen ihrem und unserem kleinen Rasen wuchsen ein Wäldchen sowie ein Gewirr aus Brombeersträuchern.

Auf der anderen Straßenseite lag eine leere Parzelle, die zwar schon größtenteils gerodet, für ein abenteuerlustiges achtjähriges Mädchen aber immer noch recht verlockend war. Hier entdeckte ich meine ersten Spirit-Lehrer: ein Kreis aus Granitblöcken. Ich nannte sie Großmutter, Großvater, Tante und Onkel und spielte inmitten ihrer starken Energien unter einem Vorhang von Douglasienzweigen. Ich wusste damals noch nicht so recht, was heilig eigentlich bedeutete, aber in diesem Steinkreis nahm ich eine wohltuende und feierliche Kraft wahr. Die Nadeln, die den Boden innerhalb des Kreises bedeckten, waren für mich aus Zauberei gemacht. Ich lehnte mich gegen die rauen Steine und vertraute ihnen flüsternd meine Geheimnisse an, während ich mit den Fingernägeln kleine Stückchen der Flechten abschabte. Ich hatte das Gefühl, dass sie mir zuhörten, ich spürte das Brummen ihres Stein-Bewusstseins um mich herum vibrieren.

Diese Steine, die Brombeersträucher um unser Haus und die Bucht im Westen lehrten mich ganz langsam und auf subtile Weise, wie man der Erde lauscht. Von ihnen lernte ich, dass ein Stein eine Persönlichkeit haben konnte, dass die Gezeiten und das Wetter am Meer das Land beeinflussen und dass Brombeersträucher binden und beschützen. Der Wechsel von Regen und Sonnenschein, das Stechen der Brombeerdornen, das Quaken der Frösche im nahen Bach – sie alle unterwiesen mich darin, ganz aufmerksam zu sein und tiefe Wurzeln in die Sprache der Landschaft zu treiben. Damals merkte ich natürlich nicht, dass ich gerade zur Naturflüsterin ausgebildet wurde. Ich hatte eine ganz normale Kindheit, wurde erwachsen, heiratete und all das – die Lektionen der Natur trug ich dennoch in meinem Körper bei mir. Andere Ereignisse in meinem Leben bewirkten, dass sich diese Lektionen in die Gabe verwandelten, mit der Landschaft zu sprechen.

Als junge Frau begann ich, mich für Heil- und Energiearbeit zu interessieren, und erlernte Reiki und Meditation. Ich bildete meine Fähigkeit immer weiter aus, mich durch meine feine Wahrnehmung in andere Menschen und Situationen einzufühlen, und verwob meine starke energetische Sensibilität mit den Lehren der Natur über die Achtsamkeit. Allmählich verflochten sich meine Naturspiritualität und meine Heilarbeit wie die Brombeerbüsche meiner Kindheit.

Eines Nachmittags, viele Jahre nach meinem kindlichen Spiel im Schatten der Douglasien, erkundeten mein künftiger Ehemann und ich die Baumschule Washington Park Arboretum in Seattle und spielten mit den Energien der Bäume. Wir legten unsere Hände auf ihre Stämme und spürten, wie sich eine Energiespirale im Sonnenlauf dem Himmel entgegenschraubte. Wie Waldnymphen wanderten wir zwischen den Bäumen umher, bis wir uns inmitten eines Kreises von zehn Meter hohen Mammutbäumen wiederfanden. Als ich im Zentrum des Kreises stand, vibrierte mein ganzer Körper, als hätte ich ein bisschen zu viel Kaffee getrunken. Ich atmete tief ein und spürte die feuchte Erde unter meinen Füßen, die gen Himmel strebenden Äste und die unglaubliche Kraft und Vitalität dieser mächtigen Bäume. Die Mammutbäume teilen sich die Landschaft mit Rhododendren, Farnen und mit von Moos überzogenen, grasbewachsenen Hügeln. Steht man in ihrer Mitte, hört man zwar den Verkehrslärm, aber man kann ebenso gut in die uralte Stille der geduldigen Steine und des weitläufigen Grüns eintauchen. Die Landschaft, die sie umgibt, hat sich trotz ihrer Erschließung eine ganz eigene Wildheit bewahrt, die nach vielen Jahren nordwestpazifischer Regenfälle das Arboretum allmählich ganz in Besitz genommen hat.

Ohne Worte sprach der Baum zu mir: „Lasse dich tragen vom Fluss des Lebens. Die Erde unterstützt dich, sie wiegt dich in den Armen, so wie sie auch uns wiegt. Auch du bestehst aus Wasser. Auch du atmest Luft. Wir sind eine Erde, wenn auch verschiedene Organismen, und wir erfüllen unsere einzigartige Bestimmung als Menschen, als Bäume. Komm, verweile bei uns, lerne zu lauschen, und der Fluss des Lebens wird sich entfalten zum allerhöchsten Gut.“

Meine Begabung zu heilen, mit Energien zu arbeiten und der Landschaft zu lauschen, bildet die Grundlage meines Lebens auf der Erde. Als Gärtnerin, Mutter, Freundin und Autorin lasse ich mein tieferes Verständnis der Erde in alles einfließen, was ich tue. Vielleicht nehme ich das Leid der Erde stärker wahr als andere, aber ich verstehe auch das Gesamtbild. Es rückt das Leben ins rechte Licht, wenn man der Stimme der Bäume lauscht. Den Rhythmus eines Steins zu kennen, hilft mir, zu entschleunigen und mich auf eine tiefere Weisheit einzuschwingen, die mich durch mein Leben führt.

In welchen Hainen und Tälern hast du deine Lehrer gefunden? Die Bäume und Steine, die Flüsse und Vögel rufen uns zu: Lerne, hinzuhören! Noch pocht in unseren Adern die uralte Verbindung zu Pflanzen und Steinen, wie die Wildnis, die sich bebautes Land zurückerobert. Diese Verbindung kann neu belebt werden, selbst wenn du in einer Stadt oder Vorstadtsiedlung lebst. Wenn wir entschleunigen und uns auf unsere feinen Sinneswahrnehmungen einschwingen, dann lernen wir eine völlig neue Seinsebene kennen, auf der Pflanzen sprechen und Steine zu Gefährten werden. Die Welt um uns herum, gleich ob Großstadt oder ein Stück geschützte Wildnis, wird plötzlich auf eine völlig neuartige Weise lebendig. Wir finden Lehrer und Gefährten, die uns erlernen helfen, was es bedeutet, auf dem Planeten Erde zu leben.

Welche ist deine Aufgabe auf der Erde? Warum bist du hier, gerade jetzt? Wonach strebst du als Spirit in einem Körper? Die Antworten auf diese Fragen kannst du finden, wenn du in die Weisheit der Landschaft eintauchst. Beginnen wir damit, einige unserer vorgefassten Meinungen über die Natur loszulassen.

Tiefere Einsichten

Diese erste Übung kannst du immer wieder machen, wenn du eine neue Perspektive brauchst. Die Übung kann dich dabei unterstützen, deine eigenen Vorstellungen von dir, deinen Fähigkeiten und von der Natur zu erkennen. Halte dein Tagebuch und einen Stift bereit, ein paar Buntstifte und eine Lupe, falls du eine besitzt.

image Suche dir irgendwo im Freien einen Baum oder Busch oder setze dich zu Hause vor eine Zimmerpflanze. Zunächst betrachte die Pflanze einfach nur, ohne sie zu benennen oder zu analysieren. Versuche, einfach hinzusehen, dein Geist ist dabei völlig ruhig. Nimm die feinen Farbunterschiede wahr, die Umrisse und Schatten und Formen von Blättern, Stängeln, Rinde usw.

Nun öffne eine leere Seite in deinem Tagebuch und zeichne die Pflanze, ohne dabei auf die Seite zu blicken. Das nennt man „blind zeichnen“, du darfst währenddessen den Stift nicht vom Papier heben. Betrachte während des Zeichnens dein Werk nicht – halte den Blick auf die Pflanze gerichtet. Während dein Blick jedem Detail der Pflanze folgt, zieht der Stift seine Bahn auf dem Papier. Es geht nicht darum, ein perfektes oder auch nur erkennbares Bild zu zeichnen, sondern die Essenz des Objekts einzufangen, während du deine Beobachtungsgabe verfeinerst. Wenn du eine Pflanze gezeichnet hast, fertige ein paar weitere Blindzeichnungen von unterschiedlichen Dingen an, zum Beispiel von Steinen, Grashalmen oder einer Blüte.

Die nächste Aufgabe beansprucht einen anderen Teil deines Gehirns, um deine Beobachtungsgabe zu schärfen. Suche dir einen weiteren Gegenstand in der Natur, den du beobachten möchtest. Schreibe auf eine leere Seite jedes Wort, das dir in den Sinn kommt, während du den Gegenstand eingehend betrachtest. Schau immer wieder hin und schreibe alles auf. Vielleicht nimmst du die Lupe zu Hilfe, um einen noch genaueren Blick zu erhalten. Fülle die Seite mit Worten und Sätzen, die sich auf den Gegenstand beziehen. Damit du eine Vorstellung davon bekommst, was gemeint ist, hier meine Notizen zu einer Muschel:

Windung Abstufungen weiße Flecken auf sanftem Braun Spinile Lippe Glanz Streifen winziges Loch violettgrau scharf wellig bisschen Dreck rote Streifen Kratzer Riefen im Sonnenlauf Öffnung Tiefe Zuhause Ausdehnung Schnecke hohl kleine Spitze was ist dort passiert? verschlissen Anfang und Ende

Mach einfach weiter, schaue tiefer, berühre den Gegenstand, wenn es dir stimmig erscheint, beschnuppere ihn und schreibe weiter.

Eine weitere Aktivität, die dir dabei hilft, die Welt um dich herum noch tiefer zu betrachten, ist das Freie Schreiben. Es aktiviert die rechte Gehirnhälfte. Geh nach draußen und beginne, alle deine Beobachtungen zu deiner Umgebung aufzuschreiben (du kannst natürlich auch ganze Sätze verwenden). Was hörst du? Was riechst du? Was spürst du auf der Haut? Wie reagiert dein Körper? Schreibe alle Sinneswahrnehmungen und Gefühle nieder, die du während deiner Beobachtung empfindest. Halte deinen Stift immer in Bewegung. Wenn du spürst, dass du ruhiger wirst, wende den Blick in eine andere Richtung und schreibe weiter. Oder betrachte dieselbe Stelle aus einem anderen Blickwinkel. Schreibe so lange, bis du eine oder zwei Seiten gefüllt hast.

Jetzt mache genau das Gleiche, aber zeichnend. Dieses Mal kannst du beim Zeichnen gerne auf das Blatt schauen. Du hast keinen künstlerischen Anspruch, schau stattdessen immer noch tiefer. Ein wichtiger Aspekt beim Zeichnen liegt darin, zu sehen, was tatsächlich da ist, und nicht, was du zu sehen glaubst. Schau genau hin und zeichne, was du siehst.

Betrachte spielerisch die Welt, so lange du willst. Halte die Augen offen, schau tiefer und erlaube der Natur, mit dir zu sprechen. Die Landschaft lehrt uns durch das Erleben. Die wahre Magie der Landschaft erfahren wir also vor allem dann, wenn wir in der Natur verweilen und ihrer Gegenwart erlauben, durch unsere Sinne und unsere eigene Stille zu uns zu sprechen.

Von einer Freundin erfuhr ich, dass eine meiner Lieblingsautorinnen in der freien Buchhandlung unserer Stadt zu Gast sein würde. Sie war schon lange Zeit mein schriftstellerisches Vorbild. Damals war ich gerade Mutter geworden und hatte eben mein erstes Buch veröffentlicht. Ihre letzte Publikation beschäftigte sich damit, wie man sich von regional produzierten Lebensmitteln ernährt, darum hielt ich es für eine gute Idee, nicht einfach nur zu ihrem Vortrag zu gehen und mir mein Exemplar ihres neuesten Buches signieren zu lassen, sondern ihr bei dieser Gelegenheit auch ein Exemplar meines eigenen, gerade erst veröffentlichten Buches über Gartenbau, Sacred Land, zu überreichen. Den ganzen Tag lang hatte ich einen flauen Magen, wenn ich mir vorstellte, wie ich dieser angesehenen Autorin von fünf Romanen und vier Sachbüchern mein allererstes Buch überreichte. Ich war so aufgeregt, dass ich am Abend vor der Veranstaltung noch nicht einmal etwas zu Abend essen konnte.

Die Straße zum Buchladen säumten Ahornbäume. Während der Fahrt streckte ich energetisch die Hand nach den Bäumen aus. Wie Felsen in der Brandung standen sie, die Wurzeln auf der Suche nach Wasser tief in die lehmige Erde gegraben. Die ersten Frühlingsblätter tauschten ihre Baumgedanken mit dem Himmel aus. Tief verwurzelt, ohne sich dafür zu entschuldigen, standen sie nach Art der Bäume da. Die Stämme, das zarte Grün und das ausladende Geäst waren ein vollkommener Ausdruck des Baumseins schlechthin. Ihre Gegenwart beruhigte mich. Ich fuhr einen Block weit und mein Magen krampfte sich zusammen. Ich wartete an einer Ampel und unterhielt mich mit den Bäumen. Da beruhigte sich mein Magen, ich atmete tiefer und fuhr weiter.