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R. L. LaFevers

Benjamin Wood Beastologe

Der Schatz der Drachen

Aus dem Amerikanischen
von
Tanja Ohlsen

Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Ver­lags­grup­pe Ran­dom House

1. Auflage 2015

© 2015 der deutschsprachigen Ausgabe: cbj Kinder- und
Jugendbuchverlag in der Verlagsgruppe Random House, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

© 2010 R. L. LaFevers

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel:

»Nathaniel Fludd: Beastologist. Book Three. The Wyverns’ Treasure«

bei Houghton Mifflin Books for Children,

einem Imprint der Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company.

Übersetzung: Tanja Ohlsen

Lektorat: Christina Neiske

Umschlagabbildung: Nina Dulleck

Umschlagkonzeption: Atelier Gute Gründe

Innenillustrationen: Kelly Murphy

SaS · Herstellung: AJ

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-14712-9

www.cbj-verlag.de

Für Caleb Arce,
den jüngsten Schatz der Familie.
R. L. L.

Für Fred, Mentor und Freund

K. M.

Eins

Ende September 1928

Gelegentlich fragte sich Benjamin Wood, ob er das Zusammenleben mit Tante Phil wohl überleben würde.

»Festhalten!«, rief sie. »Das Feld ist ein bisschen holperig!«

Heute war einer dieser Tage. Benjamin stemmte die Füße gegen den Wieselkäfig und hielt sich am Cockpitrand fest. Er hatte keine Ahnung, ob alle Piloten so schlecht landeten oder nur Tante Phil.

Die Nase des Flugzeuges senkte sich. Sie flogen noch ganz schön schnell, fand Ben. Und tief, fügte er hinzu, als sie einen Baum streiften und gut einen Meter Laub davon abrasierten. Er hielt es nicht aus, er musste die Augen schließen.

Sie kamen mit einem Ruck auf, der ihm die Knie gegen das Kinn schlagen ließ. Während sie holpernd und ratternd zum Stehen kamen, schmeckte er Blut, weil er sich auf die Zunge gebissen hatte. Sobald Tante Phil den Motor ausgeschaltet hatte, streckte Smieri, Bens kleiner Gremlin, den Kopf aus seinem Rucksack.

»Hoppla – endlich fertig mit dem Geholpere?«

»Wenn du wissen willst, ob wir gelandet sind, ja«, erwiderte Ben.

Tante Phil sprang hinaus und kam zu Ben.

»Gibst du mir bitte die Kiste?«

»Gerne.« Ben packte den Kasten seitlich und hievte ihn über den Rand des Cockpits, wo Tante Phil ihn ächzend in Empfang nahm. Dann setzte sich Ben seinen Rucksack auf, mitsamt dem Gremlin darin, und stieg aus dem Flugzeug. Am liebsten hätte er vor Freude gelacht, als er festen Boden unter den Füßen spürte.

Tante Phil stellte die Kiste ins Gras und machte sie auf. Roland und Sallie schossen hinaus, froh, nach einer so langen Reise wieder frei zu sein. Ben sah den Wieseln nach, die zum Wald rannten.

»Was glaubst du? Werden sie zurückkommen?«, fragte er.

»Natürlich werden sie das, in ein oder zwei Tagen. Das ist schließlich ihr Zuhause. Und da wir gerade von zu Hause sprechen«, fuhr sie fort, »jetzt, wo wir hier sind, müssen wir etwas wegen deines Gremlins unternehmen.«

Bei diesen Worten tauchte Smieri sofort wieder in den Tiefen von Bens Rucksack unter.

Tante Phil mochte keine Gremlins. Sie hielt sie für eine Plage und war nicht gerade erfreut gewesen, als Ben Smieri gerettet hatte. Aber sie war seine beste Freundin geworden und er konnte sich ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen. Dennoch hielt er lieber den Mund. Zumindest vorerst. Später, wenn Tante Phil eine ordentliche Mahlzeit und ein heißes Bad hinter sich hatte, würde er versuchen, sie zu überreden, dass er Smieri behalten durfte.

Tante Phil, die von seinem Plan nichts ahnte, stemmte die Hände in die Hüften und sah zum Haus.

»Ich frage mich, wo Cornelius wohl ist? Normalerweise begrüßt er mich, wenn ich nach Hause komme.«

»Vielleicht schmollt er irgendwo, weil wir es tatsächlich nach Hause geschafft haben. Er war sich so sicher, dass ich alles vermasseln würde.«

»Ach, das hast du gehört? Das hatte ich befürchtet, aber nimm es dem alten Corny nicht übel. Er hat so viele Generationen von Woods überlebt, da ist er ein wenig überfürsorglich geworden.« Sie nahm die letzte Tasche und sagte: »Komm, lass uns hineingehen. Ich könnte jetzt eine schöne Tasse starken Tee vertragen.«

Ben folgte Tante Phil zur Hintertür und lief fast in sie hinein, weil sie abrupt stehen blieb.

»Das ist ja merkwürdig«, stellte sie fest.

»Was ist merkwürdig?«

»Die Tür ist aus den Angeln gerissen.« Stirnrunzelnd legte Tante Phil einen Finger an die Lippen und stieß die Tür vorsichtig weiter auf.

Ben brauchte einen Moment, um zu begreifen, was er vor sich sah. Das Haus war noch nie sonderlich ordentlich gewesen, aber jetzt herrschte das totale Chaos. Tische waren umgeworfen und die Schubladen aus den Kommoden herausgerissen worden. Einige Karten waren von der Wand gerissen, andere fehlten ganz. Von den Regalen waren sämtliche Navigationsgeräte heruntergeworfen worden.

»Corny?«, flüsterte Tante Phil. Und etwas lauter: »Cornelius?« Der Anflug von Panik in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Sie rannte in die Küche, wo sämtliche Kochtöpfe am Boden lagen und überall zerbrochenes Geschirr lag.

»Cornelius?«, rief Tante Phil wieder. »Bist du da?«

Eine Weile standen sie still und lauschten, konnten aber nichts als das Echo der Stille hören. Tante Phil ließ die Schultern hängen.

Plötzlich raschelte es leise hinter ihnen.

»Philomena? Bist du das wirklich?«

»Cornelius!«, rief Tante Phil und wirbelte herum. Sie strahlte erleichtert, als der Dodo unter der Küchenspüle hervorkam. »Du bist unverletzt!«

»Hrmpf«, machte der Dodo. »Wenn man Demütigung und Angst nicht zu den Verletzungen zählt, könnte man das so sagen.«

Tatsächlich waren die Federn des Vogels völlig verstrubbelt.

»Armer Corny«, sagte Tante Phil und kniete sich vor ihm hin. »Lass dich einmal ansehen.«

Ben kam es vor, als versuche der Dodo absichtlich, so jämmerlich wie möglich auszusehen.

»Wie ich sehe, hat es der Junge lebendig zurückgeschafft«, stellte Cornelius fest.

Natürlich habe ich es geschafft!, wollte Ben am liebsten schreien, doch stattdessen trat er nur gegen eine am Boden liegende Dose und sagte: »Du hast da Müll an den Schwanzfedern hängen.«

Cornelius quakte verärgert auf und fragte: »Wo?«

Er verdrehte den Hals, um seine Rückseite betrachten zu können.

Ben grinste befriedigt, doch Tante Phil warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

»Ben hat seine Sache sehr gut gemacht, Cornelius. Ich habe ja gesagt, er schafft es.« Dann wechselte sie das Thema. »Kannst du uns erzählen, was passiert ist?« Während sie sprach, untersuchte sie Cornelius vorsichtig auf Verletzungen.

»Vor zwei Tagen ist ein Flugzeug im Garten gelandet. Zuerst dachte ich, du seiest zurück – schließlich wart ihr schon ziemlich spät dran …«, fügte Cornelius vorwurfsvoll hinzu.

»Ich weiß. Wir hatten einen Notfall in Afrika. Der Basilisk ist entkommen. Besser gesagt, er wurde freigelassen. Erzähl du erst deine Geschichte, dann erzählen wir unsere.«

»Als ich gerade an der Hintertür war, um dich zu begrüßen, flog sie auf. Sie wurde regelrecht aus den Angeln gerissen und hat mich voll getroffen. Ich hatte Glück, dass sie mich nicht getötet hat.«

»Gott sei Dank!«, rief Tante Phil bestürzt.

»Der Schlag warf mich zu Boden und betäubte mich. Doch das war eigentlich ganz gut so, denn dadurch bemerkte mich der Eindringling zuerst gar nicht, und dann hielt er mich für ausgestopft. Ich bin sicher, das hat mir das Leben gerettet.«

Der Dodo hielt inne, um eine weitere Dosis Mitleid von Tante Phil in Empfang zu nehmen.

»Dann hat der Schuft das ganze Haus von oben bis unten durchsucht. Hat das Innerste nach außen gekehrt, und wie ihr sehen könnt, hat er dabei keinen Gedanken daran verschwendet, was für eine Unordnung er hinterließ oder was er kaputt machte.«

In Bens Rucksack raschelte es, und er spürte, wie Smieri den Kopf herausstreckte, um besser sehen zu können.

»War er allein?«, fragte Tante Phil.

»Ja. Und nachdem er das ganze Haus durchsucht hatte, ging er wieder. Mit leeren Händen, darf ich hinzufügen. Was auch immer er gesucht hat, er hat es nicht gefunden. Dann habe ich mich ins nächstbeste Versteck geschleppt und gewartet, bis es sicher genug war, um herauszukommen.«

»Zwei ganze Tage?«, hakte Ben nach.

Der Dodo sah ihn missbilligend an. »Man sagt, dass Kriminelle immer an den Ort des Verbrechens zurückkehren. Ich wollte lieber auf Nummer sicher … Was«, fragte er plötzlich, als er Smieri bemerkte, »ist das

Tante Phil machte eine abwehrende Handbewegung. »Ein Gremlin. Das erkläre ich dir später. Hast du den Eindringling gesehen?«

»Das kann man wohl sagen. Drei Stunden lang, während er das Haus durchsuchte, habe ich nichts anderes getan, als ihn anzusehen. Ich habe kaum gewagt zu blinzeln, damit er nicht merkt, dass ich nicht ausgestopft bin.« Wieder schniefte er. »Als ob ein Beastologe irgendein ausgestopftes Tier haben wollte.«

»Und wie hat er denn nun ausgesehen?«, fragte Tante Phil ein ganz klein wenig ungeduldig.

Cornelius blinzelte sie mit seinen großen gelben Augen an.

»Wie du«, sagte er.