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Diagnose: Empathie

Das Buch

Ärztinnen und Ärzte müssen adäquat handeln und neutral beobachten – egal, wie belastend eine Situation ist. Olga Kogan wagt es, Situationen zu schildern, die die Emotionen herausfordern. Als junge Ärztin erlebt sie immer wieder solche Momente: erschütternde Begegnungen mit Todkranken, lehrreiche Rückschläge und euphorisierende Therapieerfolge. Ihre Erzählungen sind persönlich, mitreißend und gefühlvoll.

Die Autorin

Dr. med. Olga Kogan arbeitet heute als Ärztin in der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Universitätsklinik der RWTH Aachen. Seit 2009 erscheinen ihre Erfahrungsberichte in der Zeitschrift „Dr. med. Mabuse“.

Im Blog www.olgakogan.de können Sie weitere Texte von Olga Kogan lesen.

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Olga Kogan

Diagnose: Empathie

Aus dem Alltag einer jungen Ärztin

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Elektronische Ausgabe 2015
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Covergestaltung: Tischewski & Tischewski, Marburg
Umschlagfoto: privat

eISBN: 978-3-86321-244-5
ISBN: 978-3-86321-231-5
Alle Rechte vorbehalten

Inhalt

Zimmer 19

Ein Idol

Erste Schritte

In der Psychiatrie

Michael

Zweierlei Tod

Mach doch was anderes!

Glossar

Zimmer 19

Wer mag schon am Samstag um sechs Uhr morgens arbeiten? Etwas unwillig verließ ich den Aufzug, trat auf den stillen Gang und lenkte meine Schritte Richtung Schwesternzimmer. Da zog plötzlich Zimmer 19 meine Aufmerksamkeit auf sich – beide Signallampen leuchteten, für die Schwesternwie für die Arztvisite. Ich zögerte für einen Moment. Ein unangenehmes, bitteres Gefühl, eine Vorahnung, breitete sich in meiner Magengegend aus. So früh konnte noch keine Visite stattfinden. Mir blieb jedoch keine Zeit, um weitere Überlegungen anzustellen, die Schwestern zählten jede Minute, die die Praktikantin auf sich warten ließ. Zuspätkommen war tabu. Ich verschwand rasch im Bad, kleidete mich um und betrat zwei Minuten später das Schwesternzimmer. Dienstübergabe: zwei Schwestern und der Nachtdienst. Alles wie immer, kein Wort über irgendwelche besonderen Vorfälle, eine einzige Informationsflut: Der Patient war unauffällig und hat geschlafen … Der Patient hat aufgefiebert … 20 Tropfen Novalgin; Morgen Entlassung.

Ich hörte nur mit einem Ohr zu. In Gedanken war ich noch bei Zimmer 19. Es war also niemand dort. Warum leuchteten dann die Signallampen? Ich traute mich nicht zu fragen, denn erstens mochten die Schwestern keine Unterbrechungen und zweitens wollte ich die Antwort nicht hören. Ich kannte sie bereits.

Zimmer 19 – Patient mit Colon-CA, Lebermetastasen.

Zimmer 19 – Patient häufig desorientiert, verwirrt, kann Diagnose nicht verarbeiten, Verdacht auf Hirnmetastasen. Der Doktor weigert sich zu operieren, wegen Angst vor Herzversagen. Die Ehefrau besteht darauf. Der Doktor ordnet Spontan-OP an, gibt an, die Lebermetastasen mit neuesten Lasertechniken ohne Probleme entfernen zu können. Der Patient versorgt sich selbst.

Zimmer 19 – OP, Intensivstation, der Bauch wurde geöffnet und wieder zugenäht, inoperabel. Der Patient kam zu spät, er sagte, er hätte keine Zeit gehabt, um sich untersuchen zu lassen. Keine Zeit für seine Gesundheit? Keine Zeit fürs Leben?

Zimmer 19 – Patient auffällig gelb, nicht ansprechbar, Atemnot, Herzversagen. Im Schwesternzimmer flüsterte man, es sei besser, wenn es endlich „vorbei“ wäre, er hätte sich genug gequält. Man beschuldigte im Stillen den voreiligen Arzt – er hatte eine erfolgreiche OP versprochen, er trug die Verantwortung. Am Tag zuvor hatte sich die Schwester noch Gedanken gemacht, ob man ein neues Stammblatt anfertigen sollte, ob sich das noch lohne.

Das alles ging mir durch den Kopf und es war klar, was passiert war. Ich hatte den Patienten in den letzten Tagen nur kurz gesehen. Ich hatte das Zimmer gemieden, denn schon die wenigen Male hatten gereicht – die dunkelgelbe Haut, die gelben Augäpfel, der weit aufgerissene Mund, der pfeifende Atem, die Bewusstlosigkeit. Jedes Mal etwas schlimmer, etwas weiter weg, in riesigen Schritten einem letzten Ziel entgegen. Doch bis jetzt hatte ich mir nicht vorstellen können, dass es wirklich passieren würde, denn in meiner Welt gab es noch keinen Platz für den Tod, zumindest nicht für den von Leuten, die ich kannte.

„Ich werde sie mitnehmen. Oder … nein, lieber doch nicht. Es ist nichts für sie“, meinte die Nachtschwester. Ich saß etwas abseits an der Wand und hatte von diesen Worten aufgeschreckt den Kopf gehoben, die Augen geweitet. Eine der beiden anderen Schwestern schaute mich an, ihre Gedanken standen ihr ins Gesicht geschrieben: „Was für ein Kind! Zuerst kippt sie bei der OP um und schiebt alles darauf, dass sie unter der Maske nicht atmen könne, und nun hat sie schon wieder Angst. Wie will die überhaupt Medizin studieren?“

„Klar nimmst du die mit“, sagte sie dann allerdings laut zu ihrer Kollegin gewandt, noch nicht einmal bemüht, ihrer Stimme einen neutralen Ton zu geben. „Sie ist 20 und in einem halben Jahr wird sie die eh aufschnippeln.“ Die Nachtschwester schien nicht ganz überzeugt und verließ zögernd das Zimmer.

„Ist Herr B. verstorben?“, fragte ich schließlich mit leiser Stimme. Die Schwester sah mir direkt in die Augen. „Ja“, antwortete sie mit Nachdruck. Sie war der Auffassung, dass ich das Leben kennenlernen musste und es falsch wäre, mich mit Samthandschuhen anzufassen. In ihrer Wahrnehmung war ich ein verstörtes Kind, dessen Blick bei der Todesnachricht tief wurde und traurig. Ich tat ihr leid. Ich blinzelte vor Anspannung und schaute zu Boden. Ob zu hören war, wie laut ich schluckte? Noch war die Schwester nicht bereit nachzugeben „Du gehst gleich mit, ihn ins Kühlfach bringen“, sagte sie bestimmt. „Mhhh …“, murmelte ich, bemüht um einen gefassten Eindruck.

Die Anordnung, eine Leiche ins Kühlfach zu bringen, eine Leiche überhaupt zu sehen, verursachte mir Gänsehaut. Alles in mir sträubte sich dagegen, mein junges Herz hüpfte vor Lust am Leben und aus Angst vor dem unmittelbaren Ende. Ich hatte meinen ganzen Mut zusammengenommen, um die Frage zu stellen, ob Herr B. verstorben sei, und dabei versucht, möglichst gelassen zu klingen. Die Reaktion der Schwester war hart. Warum war sie so zu mir, warum nahm sie keine Rücksicht? Anscheinend machte es ihr Spaß, mich zu schikanieren. Sie wusste wohl zu genau, wie schwer es mir fiel. Wollte die Schwester mir beweisen, dass mein Berufswunsch zu hoch gegriffen war, nichts für mein schwaches Nervensystem?

Ich ließ mich jedoch nicht beirren, ich wusste, was ich wollte und dass ich stark war und all das schaffen würde, was ich mir vorgenommen hatte. Ich wich dem Blick der Schwester aus, ich wollte nicht, dass sie meine Tränen sah. Auch als die Anordnung kam, den Toten ins Kühlfach zu bringen, wollte ich ihr den Triumph nicht gönnen und gab mich folgsam, obwohl alles in mir schrie: „Nein, geh doch allein! Ich will nicht!“

Einige Stunden vergingen, bevor die Schwester mich wieder zu sich rief. Ich hatte schon gehofft, die Anordnung vom Morgen hätte sich mittlerweile erledigt. Die Zeit war schnell vergangen während der Arbeit, aber jedes Mal, wenn ich an Zimmer 19 vorbeikam und die roten Lichter sah, trübte sich meine Stimmung. Etwas zog mich in das Zimmer, doch der Teil, der sich weigerte, dort hineinzugehen, blieb stärker. Nun rief die Schwester mich zu sich und fragte, zu meiner Überraschung sehr freundlich: „Warst du schon in dem Zimmer?“

Beschämt senkte ich den Blick und verneinte mit einem stummen Kopfschütteln. „Hast du schon mal einen Toten gesehen?“, fragte die Schwester vorsichtig weiter. Ich antwortete erneut mit einem Kopfschütteln. „Möchtest du hingehen und schauen? Du musst nicht, nur wenn du es dir zutraust. Ich komme auch mit. Danach kannst du mir sagen, ob du ihn mit wegbringen willst.“ Langsam hob ich den Blick und schaute der Schwester in die Augen. Die Sanftheit ihrer Stimme und ihre fast mütterliche Fürsorge nahmen mir etwas von meiner Verzagtheit und Angst – als ob ich überhaupt eine Wahl gehabt hätte.