Ruth Pfau

Leben ist anders

Lohnt es sich? Und wofür?
Bilanz eines abenteuerlichen Lebens

Herausgegeben von Rudolf Walter

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Impressum

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2014

Alle Rechte vorbehalten

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Umschlagfoto:© Rudolf Walter

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-421-80125-9

ISBN (Buch) 978-3-451-33289-0

Inhalt

1 Hat es sich gelohnt?

2 Jenseits des Banalen

3 Wirklich kein Warum?

4 Ruhestand, Unruhestand

5 Die Nachfolger

6 Ausgrenzung und Menschenwürde

7 Land auf dem Pulverfass

8 „Gott hat unser Land vergessen“

9 Leben ermöglichen

10 Stadt der Angst, Ort der Hoffnung

11 Selig, die am Frieden arbeiten

12 Islam, Islamismus und die Christen

13 Alte Wege, neue Wege

14 Heilig – mitten im Leben

15 Eine helle Traurigkeit

16 Große Klarheit, große Freiheit

17 Dunkelheit und Sinn

18 So einfach

Eine Brückenbauerin
von Mervyn Lobo

Dank

1
Hat es sich gelohnt?

Als ich am 8. März 1960 in Karachi landete, nach einem ernüchternden, endlosen Flug über Steppe und Wüste, wusste ich nicht, dass dieses Land mein Schicksal werden würde. Es sollte ein Zwischenstopp auf dem Wege nach Indien sein. Wenn ich heute nach über 53 Jahren die Bilder aus dieser Zeit vor mir sehe und auf mein Leben schaue – erkenne ich mich immer noch als die, die damals aus dem Flugzeug stieg. Dazwischen liegt ein verrücktes, ein abenteuerliches und immer wieder in Frage gestelltes Leben.

Hat sich der Einsatz gelohnt? Wofür lohnt sich der Einsatz des eigenen Lebens überhaupt? Diese Frage hätte ich in unterschiedlichen Phasen meines Lebens ganz unterschiedlich beantwortet. Da war immer genügend Grund, um das Leben aufs Spiel zu setzen: die Lust am noch nie Dagewesenen, am Ausprobieren von neuen Lebensmöglichkeiten, die Freude am Abenteuer, das glückliche Lächeln eines Patienten. Ich habe das ganze Leben genossen, intensiv genossen. Und wollte herausholen, was sich herausholen ließ, nicht nur für mich, sondern primär „für alle“. Mein Leben war bunt, reich und voll. Es war nie einfach, aber schön, weil es so unterschiedlich, vielseitig, überraschend war. Überdies hatte ich Glück, immer wieder. Ich habe mein Leben nie geplant und immer das Leben gelebt, das mich erwartet hat. Leben ist grundsätzlich Wandlung und Unsicherheit. Die Ahnung, dass hinter der nächsten Bergkette, hinter der nächsten Wegbiegung noch ein unbekanntes Land liegt, diese Lust am Abenteuer, dieses Wissen um die Offenheit, dieses Ja zum Risiko sind Bedingungen des Glücks.

Zumindest bis 1996, als wir die Lepra in den Griff bekamen, ist mein Leben recht eindeutig und geradlinig verlaufen, weil wir bis dahin ein klares Ziel vor Augen hatten. Ich kam nie auf den Gedanken, es sei nicht normal, was ich mache. So gesehen war alles ganz einfach. Ich hatte ein kindhaftes Vertrauen, dass nichts schiefgehen könnte. Und der Gedanke, dass ich aufs Ganze gesehen nicht erfolgreich sein könnte, ist mir nie gekommen. Warum hätte Er mich rufen sollen, wenn Er nicht wollte, dass ich das zu Ende bringe, wofür ich gekommen bin?

Ich gehöre zu der Generation, die nach der Erfahrung des Weltkriegs geschworen hat: So darf die Welt nicht weiterlaufen. Der Rest ergab sich von selbst und ungeplant. Ich war jung, und jung sein heißt ja: verändern wollen. Ein naiver Traum. Ob es immer mutig war, weiß ich nicht. Zum Mut gehört die volle Einsicht in die möglichen Konsequenzen.

Heute, im Alter, erwarte ich immer noch das Leben – ich erwarte andere Abenteuer, andere Herausforderungen. Wer alt ist, dem läuft die Sinnfrage schneller und unmittelbarer in die Arme: Einsamkeit, Behinderung, Krankheit, Tod. Erfahrungen, die mir teilweise noch fehlen, für die ich aber bereit bin. Heute bin ich froh, dass ich manches nicht mehr machen muss, dass ich den Indus nicht mehr auf schwankenden Brücken überqueren oder auf weglosen Bergstrecken unterwegs sein muss, wo für jeden Fußtritt eine Nische in den Felsen eingehauen wurde und wo man nicht nach unten schauen durfte.

Aber grundsätzlich – mit dem Wissen und der Erfahrung von heute – ich wüsste auch beim Projekt der Leprabekämpfung nicht, wie man es anders hätte machen können. Ich hatte nie ein Programm, das ich „abgearbeitet“ hätte. Ich habe mich immer nur an dem entlanggetastet, was gerade vorlag und anstand. Das tue ich heute noch.

Meine Überzeugung war immer: Ich bin geschickt, um die Lepra in den Griff zukriegen. Erst danach hat sich für mich die Frage gestellt: Was ist Sinn überhaupt? Man muss allerdings schon mit sehr großen Scheuklappen durch das Leben gehen, wenn man zeitlebens nur auf Effizienz, Leistung und Funktionieren aus ist und nicht sieht, dass – über den eigenen beruflichen Erfolg, über den Konsum und über die Bedürfnisbefriedigung hinaus – die Sinnfrage brennend ist. Es gibt zu viel Informationen über das, was an Problemen und Leid in der Welt ist, als dass man es übersehen könnte. Aber es ist natürlich ein Unterschied so groß wie der zwischen Himmel und Erde, ob man eine Information hat oder eine Erfahrung. Informationen kann man ausblenden. Aber keiner kann heute sagen, er hätte nichts gewusst über den wahren Zustand der Welt und des Lebens.

Lohnt es sich? Und wofür? Das sind die Fragen, die mich heute umtreiben. Simon Bolivar hat am Ende seines Lebens resigniert gesagt: „Ich habe nur das Meer gepflügt.“ Das trifft auf mein Leben nicht zu. Und auch im Alter habe ich Erwartungen an das Neue, Andere, Unbekannte, noch nie Erfahrene. Und vor allem: Ich habe Fragen. Viele Fragen. Und schmerzliche. Antworten habe ich nicht. Aber viele Geschichten.

Zum Beispiel die von Quayoom und Arif.

2
Jenseits des Banalen

Wenn es wenigstens noch ein besonderer Tag gewesen wäre, so wie damals in Azad Kashmir, nach dem Erdbeben. Wenn man morgens im Jeep aufwachte, war man schon darauf vorbereitet, dass etwas geschehen würde. Heute aber war ein ganz normaler Tag. Lobo sagte, Qayoom sei im Aga-Khan-Krankenhaus eingeliefert, und ob wir ihn heute gleich morgens besuchen könnten, sonst kämen wir doch nicht dazu. Er war angeschossen worden als er zum Helfen unterwegs war, in Gwadar, 16 Stunden Ambulanz-Fahrt von Karachi entfernt. Er liegt auf der Intensivstation. Schwer verletzt.

Er hat mich erkannt. Wenn er durchkommt, wird er wohl querschnittsgelähmt bleiben. Qayoom ist Lepraassistent in Baluchistan, im Südwesten Pakistans, dem Gebiet, das in diesem September 2013 von einem Erdbeben der Stärke 7,7 erschüttert worden war und das immer noch von Nachbeben bedroht ist.

Sie brachten mir eine zweite Nachricht, eine E-Mail aus Deutschland. Da stand, dass Arif, Lepraassistent aus Afghanistan, ins Leitungsteam von Lepco in Kabul aufgerückt sei. Lepco, die Abkürzung von „Leprosy Control“, ist das afghanische Programm, das jetzt gut 100 Mitarbeiter beschäftigt und bisher ausschließlich von europäischen Ärzten koordiniert wurde. 1984 waren wir, mit zwei afghanischen Leprahelfern, die selber Patienten gewesen waren, von Pakistan aus „undercover“ über die Grenze gegangen und hatten in Malestan ein Krankenhaus aufgemacht, die Keimzelle von Lepco … Ich kenne Arif, er hat Ideen, kann sie durchführen, ist selbstkritisch. Er hilft enorm.

Ich werde ihm gratulieren und noch schreiben, dass ich sehr froh bin über die Entwicklung.

Überall, vom Erdbebengebiet in Baluchistan bis zum Kampfgebiet in Afghanistan, sind unsere Lepraassistenten Hoffnungsträger. Eigentlich war ich daran gewöhnt, dass es immer wieder gut ausgeht.

1960 habe ich in einer Bretterhütte in einem Slumviertel in Karachi mit dem Team die Lepraarbeit begonnen.

1962 sind wir in ein 20-Betten-Krankenhaus umgezogen, im Zentrum von Karachi, das Marie Adelaide Leprosy Centre. Unser MALC.

1965 haben wir mit der Regierung ein Nationales Leprabekämpfungsprogramm vereinbart.

1971 war das Behandlungsnetz über Pakistan geknüpft.

1980 wurde ich zum Nationalen Lepraberater der Regierung ernannt.

1982 bekamen wir den Status des Nationalen Lepraausbildungsinstitutes von Pakistan.

1984 bauten wir das Lepraprogramm in Afghanistan auf.

1996 hatten wir die Lepra im Griff.

2001 begannen wir mit der systematischen Rehabilitierung aller Leprapatienten.

2012 hatte ich meinen Nachfolger, von dem ich immer geträumt hatte. 2013 fand ich einen jungen Arzt, der verstand, worum es geht. Und schon 2012 haben wir mit CBR begonnen: Community Based Rehabilitation, also Arbeit für Behinderte, die bei den Menschen und ihrer Umgebung ansetzt.

Ein neues Kapitel beginnt. Worüber also beklage ich mich?

Ich habe es schon immer gesagt: Ich vertreibe mir meine Zeit mit Lepraarbeit in Pakistan. Eigentlich, eigentlich warte ich auf Seine Wiederkunft. Ob andere es verstehen oder nicht. Ich verstehe es ja auch nicht. Da gibt es einen Psalm. Und da steht: „… was ist der Grund meiner Traurigkeit? That the ways of the Lord have changed. Dass die Wege des Herrn sich geändert haben.“ Genau das ist meine Erfahrung.

Früher spürte ich Seine Gegenwart. Er war mir ständig gegenwärtig. Ich brauchte nur die Augen zuzumachen, immer war da irgendwie das fraglose Gefühl emotionalen Gehaltenseins. Und jetzt? Es sind tiefe Zweifel. Es ist genug. Ich habe weiß der Himmel viel Leid erlebt, nicht persönliches. Und was jetzt noch und immer wieder an Sinnlosigkeit in mein Leben hineinschwappt, das ist zu viel. Zu viel, um es ertragen zu können.

Was wird uns eigentlich zugemutet? Dass wir das Rohmaterial für die Wege des Herrn abgeben? Wie Israel bis zum Holocaust? Mit dem einzigen Unterschied, dass Er das selbst durchgemacht hat? Auf Golgotha. Aber Er hat es freiwillig durchgemacht. Hat Er? Wir doch nicht?

Aber Er hat uns durch sein Dabeisein gezeigt, dass Er uns liebt. Mein Gott. Dass Er uns liebt. Er hat uns die Freiheit gelassen. Und dann haben wir alles vermasselt (schau Dir nur Pakistan an!), und dann ist Er auf unseren Wegen mitgegangen, Er hat uns Seine Liebe nicht anders zeigen können. Er, der Gott ist – und dann glaubt Er daran, dass wir das sehen und annehmen und glauben!

Natürlich war das Leben immer dasselbe. Es sind immer Busse in den Indus gestürzt. Und immer junge Menschen angeschossen worden, die dann ihr Leben lang schwerbehindert sind. Immer sind Frauen misshandelt worden und Kinder gestorben, weil keiner ihre Lungenentzündung behandelt hat. Irgendwie hat das aber in meinem Leben nicht die positiven Dinge überschatten können: die Vollmondnacht mit Arif – den Sonnenaufgang am Nanga Parbat – dass die Regierung Lepraabteilungen einrichtete – dass die Lepra zurückging und wir sie endlich im Griff hatten.

Jetzt weiß ich: Das Leben ist anders. Weil Er nicht eingegriffen hat, als es Seinem Sohn geschah. Und nicht eingreifen wird, auch wenn 280 Menschen bei einem Sonntaggottesdienst sterben, durch den Terrorangriff blindwütender Fanatiker, die sich auf Allah berufen. Und dann sitzt ein dreijähriges Mädchen zwischen seiner toten Mutter und seinem toten Vater und fleht, sagt doch etwas –.

Das wird nicht das letzte Mal sein. Und ich muss damit leben.

Wie? Mit der hilflosen Geste der Veronika, die Ihm auf dem Kreuzweg ein Schweißtuch reichte? Manchmal, selten komme ich überhaupt an den Betroffenen heran. Dann ist es ja noch in Ordnung. Manchmal komme ich aber nur an die Statistiken.

Ich muss dann mit Krankenhausstatistiken leben lernen.

Nur: Wie? Leben ist nicht banal. Natürlich kann man sich ablenken. Man kann vieles zudecken und betäuben. Auch Leben in der Oberflächlichkeit ist eine Möglichkeit des Aushaltens. Eine sehr reduzierte allerdings. Leben ist anders.

Dass Leben wirklich anders ist – wie kann man das klarmachen? Wie kann man es vermitteln? Christen sollte das umtreiben. Durch Gerede geht das bestimmt nicht und nicht durch Missionierung. Nur durch Zeugen, durch Menschen, die etwas erfahren haben und durchsichtig sind. Und die mit anderen gemeinsam etwas tun.

Wir wissen es doch im Innersten: Das Leben ist eigentlich nicht zu verstehen. Ich selber bin fromm geworden über die Naturwissenschaften, und da bin ich sicher nicht die einzige. Alles, was wir heute etwa in der Genetik wissen, unser rudimentäres Wissen etwa um den Aufbau einer DNA-Kette, ja schon eine ganz „normale“ Anatomie, kann einem den Atem verschlagen. Oder die Schönheit einer Blume.

Die Tür in eine andere Dimension ist offen. Oder zumindest angelehnt. Gleichgültig, womit man anfängt: Fragen, Staunen, mutig etwas riskieren – das ist der Weg heraus aus dem Kerker der Banalität und der in sich selbst verschlossenen Zweckbestimmungen, heraus aus dem Gefängnis der Gleichgültigkeit, der Weg ins Offene.

Staunen – über sich, über die Welt, über die anderen. Darüber, wie Menschen miteinander umgehen. Über Vertrauen, so riskant es manchmal sein mag. Über Schmerz, über die Liebe, über die Bereitschaft zum Risiko: Vertrauen ist (ebenso wie die Liebe) immer ein Risiko, man gibt sich preis. Ich bin überzeugt, ohne das geschieht nichts, was über das Banale hinausgeht. Nichts Entscheidendes lässt sich planen, nichts einfordern. Man erfährt etwas, von dem man nicht weiß, ob oder wofür es gut ist – und es wird doch zu einem geheimen Schatz …

Wer mit dem Staunen anfängt, wird kein Ende finden. Er wird sehen, dass unser Leben durchsickert und durchsetzt ist von etwas, was nicht banal ist. Sich dem Staunen hingeben und das wirkliche Leben willkommen heißen, wie es auf einen zukommt. Sich überraschen lassen. Und bewusst den Schritt tun: Das Jenseits des Banalen ausloten, den Fuß in das andere Land setzen. Das wirkliche Leben.

Nicht, dass ich einer naiven Haltung das Wort reden möchte. Das Erschrecken gehört zum Staunen, als die andere Seite: Denn auch das Leiden ist eine durchgehende Realität. Warum frisst die Amsel den Regenwurm? Warum ist die Evolution auf Leiden, Untergang, Schmerz aufgebaut? Das sind Fragen, die weh tun.

Aber auch das Erschrecken darüber: Hatte Gott wirklich keine anderen Möglichkeiten, Seine Liebe kundzutun, außer Seinem Sohn dieses exzessive Leid zuzumuten? Warum das Kreuz? Ich halte es für eine Beleidigung, das Kreuz als normal anzusehen. Diese domestizierten Kruzifixe in all den Zimmern, in denen ich schlafe, wenn ich in frommen Häusern unterwegs bin! Wenn ich alleine irgendwo übernachte, habe ich sie prinzipiell ehrfürchtig von der Wand genommen und in den Schrank getan bis ich wieder auszog … Warum ist das Leben so? Er schweigt dazu. Ich könnte eine Liste machen, von all dem, wozu Er schweigt. Eine lange Liste.

Es hat einen galiläischen Frühling gegeben. (In dem unser Herr primär die Lilien auf dem Feld sah …) Den galiläischen Frühling. O Herr, den habe ich genossen. Den habe ich genossen! Aber das ist nicht die ganze Geschichte. Es gibt Golgatha. Es gibt Auschwitz.

Irgendwo muss ja auch Auferstehung sein.

Heute kam Fateh aus dem Erdbebengebiet bei Awaran zurück. Das Trinkwasser ist nicht verschüttet, sie können noch aus den Brunnen schöpfen, halleluja! Und die Strohhütten überstehen das Erdbeben überall und sie werden nicht so heiß wie die Zelte, in denen man es jetzt, bei über 40 Grad, einfach nicht mehr aushält. Kaum mal ein Todesfall. Weil die Dächer über den Hütten so leicht gebaut sind, dass sie keinen erschlagen, nicht mal die Babys.

Die Infrastruktur ist zusammengebrochen. Und wegen des Streites zwischen der Zentralregierung von Pakistan und der Provinzialregierung von Baluchistan lassen die bewaffneten Separisten die Armee nicht durch, aber den Edhi-Ambulanzdienst, eine muslimische Hilfsorganisation, damit die Schwerverletzten nach Karachi gebracht werden können. Und natürlich uns vom MALC.

Fateh sagt: „Ich habe nur gelacht, als die Armee mir jetzt sagte, ich sollte meiner eigenen Sicherheit wegen nur in ihrem Konvoi fahren, sie hätten strikte Anweisungen von Rawalpindi. Ich habe gesagt, aber das ist doch meine Heimat, ich bin hier geboren, wir haben seit 1971 hier gearbeitet, da waren Sie noch nicht geboren, ich gerade, und meine Doktorin hat schon um jene Zeit die Leprapatienten hier versorgt. Und dann haben sie uns fahren lassen … Jetzt können wir sie medizinisch versorgen und bringen ihnen Lebensmittel – es müsste noch viel mehr geschehen, aber wenigstens etwas Sinnvolles können wir doch tun …“

Und Lobo sagt: „Wir bleiben dran.“

Ist das Auferstehung? Dass bei uns im MALC Muslime, Hindus und Christen miteinander beten? Dass hier die Armen den ersten Platz einnehmen? Dass Lobo immer zuerst an die am geringsten Bezahlten unter den Angestellten denkt? Unser Herr hat ja auch nichts Auffallendes getan, außer in den letzten drei Jahren seines Lebens.

3
Wirklich kein Warum?

Als ich in Mainz studierte, noch in den vorklinischen Semestern, studierte da auch ein Student in meinem Alter, aus dem Iran, ein bildhübscher Junge mit einem schwarzen Lockenkopf. Er verstand noch kein Deutsch, radebrechte ein wenig, aber dass es so gar keine Geschlechtertrennung gab in Mainz, das faszinierte ihn offensichtlich. Und er faszinierte unter anderen auch mich, an Ausländer waren wir damals noch nicht gewöhnt. Ich versuchte also, etwas von seinem Leben daheim zu erfahren – z. B. warum ihm seine Eltern das Mädchen einmal aussuchen würden, das er dann heiraten werde. Karim Ali dachte nach, lange. Und dann, mit einem plötzlichen Entschluss, kam er zurück zu uns. „Hat keine Warum“, erklärte er kategorisch, und danach war das Gespräch beendet. „Hat keine Warum“, leuchtete mir als Argumentation ein. Wenn ich später über Liebe nachdachte, über Christentum und Glauben, fiel mir immer wieder Karim Ali ein. Hat keine Warum. Hat keine Warum. Schluss. Trotzdem bin ich nicht davon losgekommen, zu fragen. Daran ist „das Christentum“ schuld – ach nein, Er. Er. Mein Partner.

Ich wollte (und will auch nicht) den Eindruck erwecken, dass das, was mich durch ein abenteuerliches Leben, währenddessen wir die Lepra in Pakistan in den Griff bekommen haben, dass mich das auch durch die Probleme und Möglichkeiten des Alters brächte. Dass ich „Antworten“ gefunden und gegeben hätte. Das Leben ist anders. Wie? Ich wusste es natürlich, dass es „auch“ anders ist. Aber es war vorher nicht so verletzend, so bedrohlich, so unsinnig, so fordernd, so ganz und gar „ohne Warum“. Wie? Das lag, das liegt eben an IHM.

Kürzlich bekam ich den Brief einer Frau, die meine Bücher gelesen hatte. Diese Bücher handeln alle von der Liebe. Mit der Liebe hat es angefangen, und ich habe immer daran festgehalten: Das letzte Wort wird Liebe sein. „Hat diese Liebe durchgetragen?“, hat sie mich gefragt. Und als ich jetzt wieder gefragt worden bin, war mir klar: Ich habe etwas gesagt, was jetzt so nicht mehr stimmt und was andere vielleicht in ihrer Erfahrung allein lässt.

Was war passiert? Damals, als alles begann, habe ich nicht viel gefragt: Ich musste nur die Augen zumachen und dann war der Kontakt mit Ihm da. Davon habe ich gelebt. In all den Jahren, in allen Gefahren. Heute weiß ich, dass das ein Geschenk war. Sicher nicht nur für mich. Es war ja auch ein Geschenk für andere, weil die Lepra überwunden ist. Das ist vorbei. Wenn ich heute sagen sollte, warum ich noch Christin bin, dann ist es eben nicht mehr die fühlbare Liebesgeschichte. Aber ich kann Ihn doch jetzt nicht alleinlassen.

Ich hatte Momente der Erfahrung: ER ist da. Es geschah oftmals in Verbindung mit einer Landschaft. Es verbindet sich etwa mit den stundenlangen Fahrten durch die dürre Steppe in Baluchistan. Trockenes, dürres Gelände. Manchmal Stauden, Dornsträucher, Mimosen, deren gelbe Blüten wie Bällchen auf den Boden fallen, wie ein Teppich, sonst kaum eine blühende Pflanze. Eine Gegend, in der nichts ablenkt. Zeit zum Meditieren hatte ich vor allem im Jeep.

Und da war ein Hügel, auf den ich immer wieder stieg. Ich weiß nicht einmal mehr, mit wem ich unterwegs war. So konkret, so erfüllend, so stark war diese Erfahrung, dass sie alles andere auslöschte. Ich ging auf diesen Hügel, und ich wusste: ER würde kommen. Wir haben uns über das ausgetauscht, was in meinem Leben geschah. Und es geschah immer wieder, dass Er plötzlich wegging, ohne es mir zu erklären. Ich fragte immer wieder: „Warum kann ich da nicht mitkommen?“ Seine Antwort: „Das schaffst du noch nicht.“ Und meine Bitte war immer: „Dann versuche es doch wenigstens einmal.“ Ich hatte das Gefühl, Seine eigentliche Mission kommt erst „danach“. Das mochte ich nicht. Warum konnte ich nicht Seine eigentliche Mission teilen?

Was ist das Besondere an diesen Erfahrungen? Ich kann darüber nicht sprechen. Wie könnte ich auch davon reden? Von Gott zu reden ist kein Kinderspiel. Alle, die Erfahrungen mit Ihm gemacht haben und versucht haben, sie mitzuteilen, wissen das. Die Worte, mit denen man eine solche Erfahrung beschreiben könnte, sind zu abgenutzt, zu banal. Aber es folgt etwas aus dieser Erfahrung, sie bleibt nie folgenlos, das ist klar.

Es gibt weitverbreitete Bücher, in denen fromme Nonnen von ihren Privatoffenbarungen erzählen, in denen Jesus in der Sprache geistlicher Traktate zu ihnen spricht. Ich maße mir darüber kein Urteil an. Das ist aber nicht das Meine. Ich will auch gegenüber anderen keine Nonne sein, die außergewöhnliche, begnadete Erfahrungen gemacht oder gar Privatoffenbarungen erlebt hat. Ich bin eine normale Frau, eine Intellektuelle ohne mystizistische Neigungen oder besondere spirituelle Begabungen. Dass Er sich in mich verliebt hat, wie Er sich in den Stamm Israel verliebt hat: Das war nicht, weil dieser Stamm der größte, der intelligenteste ist. Sondern weil es Israel war.

Wen die Liebe erwählt, warum sie jemand vorzieht, das ist ein Geheimnis, und was da geschieht, ist nicht erklärbar. Es gehört in den Bereich einer Intimität, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Es bleibt ein Geheimnis.

Aber wie kann ich aufrichtig sein, wie kann ich ein Bild, das Menschen von mir haben, zurechtrücken? Ein Bild, das über weite Strecken meines Lebens von einer fraglosen Liebe erzählt hat. Einer Liebe, die nicht erloschen ist, aber die jetzt auch in tiefe Dunkelheiten getaucht ist. Ich habe mich nicht als „Israel“ profiliert. Ich bin erfolgreich gewesen, ich habe zugegriffen, die Männer sind mir nachgelaufen. Jetzt aber spüre ich die Leere.

Der „Erfolg“ verblasst hinter dem, was ich jetzt erfahre. Was im Moment spirituell bei mir geschieht, ist etwas, was ich nicht mag. Ich kann mich mit dem, was das Christentum uns zumutet, nicht abfinden. Das, was ich immer gesagt und gedacht habe: Gott hat die Menschen zum Glück geschaffen – das ist eine naive Aussage, die geschichtlich nicht trägt. Das ist die Erfahrung auf der Wegstrecke meines Lebens, die ich jetzt gehe. Der Austausch mit IHM, das Wissen, dass ich in Seiner Liebe bin, das war mein ganzes Leben. Und diese Erfahrung war so wichtig, dass sie mein geistliches Leben so geprägt hat, dass ich sagen kann: Das bin ich.

Wenn ich gefragt wurde, konnte ich nur sagen: „Davon lebe ich und darin lebe ich.“ Es war meine ureigene, meine ganz persönliche Erfahrung. Es ist eine Erfahrung dessen, was wir Liebe nennen und was ganz in dieses Bild von einer großen Liebe hereinpasst. Darüber hinaus habe ich nichts gebraucht.

Rückblickend denke ich heute oft: Ich habe die Menschen, mit denen ich unterwegs war, nur als Begleiter gebraucht, weil man in Pakistan als Frau nicht allein unterwegs sein kann. Aber was mich angeht, da wo ich wirklich ich war, habe ich keine anderen Menschen gebraucht. Ich habe mir auch oft überlegt, ob in dieser ersten Phase meines Lebens nicht die anderen Menschen zu kurz gekommen sind. Ich weiß kaum mehr, mit wem ich damals unterwegs war. Klar, da waren Abdullah, Lobo, Hamid. Aber da war vor allem eine Geschichte: Er und ich. Er, „My Lord“, war im Zentrum. Das ist heute anders. Jetzt brauche ich Menschen.

Ich hatte – gefühlsmäßig – keine Zweifel damals. Zu zweifeln wäre mir nur dumm vorgekommen. Manche Menschen haben mich damals um meine Sicherheit beneidet. Heute käme es mir naiv vor, nicht zu zweifeln. Und ich kann diesen Menschen heute nur sagen, dass diese Sicherheit auch nicht trägt.

Ich bin heute in einer Situation, in der bei mir etwas – wenn nicht ins Kippen kommt, so doch fragwürdig geworden ist. Sicher, wir haben die Lepra in den Griff bekommen. Aber die Genugtuung darüber hat nicht durchgehalten. Es war ja auch nur ein Teil der Wirklichkeit. Es ist heute die Gesamtsituation, die mich verzweifeln lässt. Nicht nur ein Einzelschicksal. Das Ganze kann einen verzweifeln lassen. Es kann einen ins Finstere versinken und an jeder Zukunft zweifeln lassen. Ich weiß nicht mehr, was Gottes Perspektive auf die Welt ist. Wie kann ich mich Ihm noch zugehörig fühlen? Wie kann ich das große Ja, das in der fraglosen Liebe ist, durchhalten?

Jemand hat mir erzählt von Janusz Korczak, dem polnischen Kinderarzt aus Warschau, der wusste, dass er seine Kinder ins Vernichtungslager führt. Er hat es getan, obwohl man ihm angeboten hatte, zu fliehen. Korczak hat versucht zu reagieren wie ein frommer Jude. Er sagte: „Ich habe versucht, die Welt zu segnen. Es ist mir nicht gelungen.“

Unsere Generation hat die Erfahrung der Vernichtung, den totalen Nihilismus erfahren. Es war eine schreckliche Erfahrung. Und wir haben versucht, nach dem Krieg, darauf zu reagieren und eine andere Welt aufzubauen. Aber ist die Welt wirklich anders und besser geworden? Es gelingt mir nicht mehr, meine Fragen, die ich immer hatte, auf die eschatologische Liste zu setzen und zu sagen: Ich werde Dich danach fragen. Die Liste ist zu lang, das Fass ist übergelaufen.

Die Situation in diesem Land hat sich dramatisch zugespitzt. In gewissen ländlichen Gebieten Pakistans mag es noch friedlich sein. Aber hier und jetzt in dieser Stadt … Karachi ist zu einer Stadt geworden, in der die Angst herrscht. Wir hatten nach einer offiziellen Statistik 2012 über 2100 Morde in dieser Stadt: Nur Menschen, die in Karachi umgebracht wurden. Einfach so. Häufig wurden sie vorher gefoltert, und die Leiche wurde in einen Sack eingenäht den Eltern zurückgeben. Seit 1995 gibt es diese Bestialität. Wer wen mordet, wer welche Folterzellen hat? Man weiß es nicht.

Terror, Erpressung sind an der Tagesordnung. Und das schwappt auch in unsere Welt des MALC. Wir haben kürzlich wieder einen Brief in unserer Außenstation in Manghopir bekommen: „Wenn Sie nicht in nächster Zeit alle Schiiten entlassen, werden sie sehen, was mit ihnen passiert.“ Möglich, dass es ein Brief war, der uns nur in Unruhe versetzen sollte. Doch dann wurden zwei Mitarbeiter erschossen. Beide Schiiten. Sie waren aber auch Afghanen. Auch die leben hier gefährlich. Man weiß wirklich nicht, wer hinter wem her ist.

Auch unser Behindertenheim wurde angegriffen. Glücklicherweise saß nur ein Patient draußen. Er ist leicht verletzt worden. Zwölf Einschüsse habe ich gezählt. Die Mitarbeiter haben neun Patronenhülsen gefunden. Es war wie in meiner Jugend, in Leipzig, als wir nach Luftangriffen die Bombensplitter suchten. Ich habe versprochen, wir würden die Einschüsse nicht reparieren. Damals, im Krieg in Deutschland, haben wir an den Häusern das Datum neben die Einschusslöcher geschrieben.

Dann kam noch ein Erpresserbrief hinterher. Sie wollten Geld. Nur Geld würde sie interessieren. Aber wir haben kein Budget für Erpressung, und werden auch keiner Erpresserforderung nachgeben.

Schon zum zweiten Mal haben sie jetzt auf der Straße von Gilgit und Skardu, dem einzigen Weg, auf dem man dahin kommt, einen Bus angehalten und die Schiiten von den Sunniten getrennt, ihre Ausweise geprüft, in denen auch die Religionszugehörigkeit verzeichnet ist. Alle Schiiten wurden erschossen. Die Sunniten ließen sie laufen. Einer der ermordeten Schiiten war der Mann einer unserer Angestellten, eben frisch verheiratet. Irgendwann ist es zu viel.

Es gab immer zu viel individuelles Leid. Schicksale, die kaum auszuhalten waren. Die zu viel waren für ein einziges Menschenleben. Ich bin natürlich hier und heute noch mit mehr Leid konfrontiert als ich das wäre, wenn ich mich mit 65 oder mit 75 in Deutschland zur Ruhe gesetzt hätte. Entweder lässt man es nicht an sich herankommen. Aber das ist auch nicht richtig. Oder man lässt es an sich herankommen.

Da ist eine katholische Familie, die ich kenne: Der Vater, Lastwagenfahrer, wurde bei einem dieser Mordanschläge verletzt und ist jetzt querschnittsgelähmt. Er kommt in dieser Statistik der über 2000 Mordopfer gar nicht vor. Aber da ist die Frau, die zwei minderjährige Kinder hat und jetzt auch ihren pflegebedürftigen Mann. Sie muss die Familie durchbringen. Diese Frau hat keinen Beruf gelernt, sie arbeitet den ganzen Tag in einem Haushalt, schafft das Essen für die Familie heran und will natürlich, dass die Kinder zur Schule gehen und eine bessere Zukunft haben. Wir haben den Buben dann in ein diözesanes Heim genommen. Das war dann zu teuer … Wir müssen nach einer anderen Lösung suchen. Das ist aber nur ein einziger Fall, den ich nun zufällig aus der Nähe verfolgt habe. Ist es nur menschliche Bosheit und Grausamkeit? Und mein Glaube? Damals, in dieser „Phase der Verliebtheit“, war sicher die Umwelt noch anders als heute. Aber schon damals war mir die Krise angekündigt. Mir war immer klar, dass das Christentum kein „Konservendosenglück“ anzubieten hatte. Dass es mehr und anderes bieten würde. Ich habe mich nie damit ausgesöhnt, dass das Leben so ist, wie es ist. Und ganz besonders jetzt nicht.

Ich konnte auch damals schon eine Liste machen, die bereits in der Bibel anfing: Der Völkermord, von dem im alten Testament die Rede ist, der ausgesprochene Befehl, alles umzubringen, damit Israels „gelobtes Land“ frei würde: Vieh und Mensch, Kinder und Frauen. Ja, Er hat sogar befohlen, auch die Bäume umzuhauen! Ich verstehe Menschen, die sagen: „Und Sein Sohn hat gesagt: Wenn ihr mich seht, seht ihr den Vater. Wer den Vater sieht, sieht den Sohn. Identifiziert Jesus sich denn mit diesem Gott?“

Die alttestamentarische Dokumentation dieses Gottes mag der geschichtlichen Entwicklung der Bibel geschuldet sein, die ja ein geschichtliches Buch ist und daher auch Ausdruck einer Entwicklung. Die dunkle Seite Gottes sehe ich aber auch heute noch in den Dunkelheiten des Lebens, in der schrecklichen geschichtlichen Wirklichkeit um mich herum. Das ist nichts von Ihm und Seiner Wirklichkeit Abgelöstes.

Es ist mir unverständlich, wie Er sich freiwillig in diese missratene Welt inkarniert hat. Hätte Er nicht erst die Welt ändern können, sie von Anfang an anders einrichten können? Sicher: „Wer mich sieht, sieht den Vater“ – das heißt auch, dass man in der Art, wie Jesus sein Leben geführt hat, wie Er Menschen begegnete, wie Er auf Leidende zuging, wie Er Unterdrückte aufgerichtet hat, Kranke geheilt hat, auch Gott sehen kann. Darin zeigt Er sich, wie Er ist.

Das stimmt. Aber Schwierigkeiten habe ich auch damit, dass Er einem Seiner Jünger erlaubt hat, Ihn zu verraten. Das muss doch eine Gruppe gewesen sein, wie ich sie mit meinen Jungs in der Lepraarbeit hatte …

Die Freiheit ist unter allen menschlichen Werten der wichtigste. Ohne Freiheit können wir nicht lieben. Aber musste der Preis so hoch sein? Freiheit ist eine gefährliche Größe, sie kann auch zum Bösen verwendet werden. Und sie ist ein gefährdeter Wert. Die Welt und die Freiheit scheinen nicht zusammenzupassen. Und ich halte es auch für absurd, vom Leiden als dem Preis der Freiheit zu sprechen.

Das alles gilt ja auch nicht nur für Pakistan. Es werden Kinder auch im Westen, auch in Deutschland missbraucht, misshandelt, umgebracht. Sie sind bloß wehrlose Opfer. Von Freiheit keine Spur. Warum hat Gott den Menschen geschaffen und ihn dann in eine Situation gesetzt, in der er seine Freiheit auf eine Weise ausüben kann, die dem anderen schadet? Ich kann Ihm das logischerweise nicht vorwerfen. Wer bin ich denn, dass ich das tun könnte? Aber ich erinnere Ihn regelmäßig daran, dass das Seine Entscheidung war, die Welt so einzurichten, dass wir in ihr und unter ihrer Wirklichkeit leiden. Es ist Seine Verantwortung. Nicht meine.

Ich bin nicht umgetrieben von der Notwendigkeit, die Theodizeefrage zu klären und gar schlüssig zu beantworten: Warum lässt der gute Gott uns leiden? Wenn ich den intellektuellen Schritt mache und die Definition zulasse, dass Gott unendlich ist – wie könnte ich endlicher Mensch den unendlichen Gott fragen, wieso machst Du, was Du machst? Er kann mich verstehen, ich kann Ihn nicht verstehen. Damit muss ich leben. Nicht, dass ich sagen würde, ich weiß, dass Er mich nicht mehr versteht. Ich spüre es nur nicht. Das ist nicht das Gleiche. Wieso geht Er aber die Beziehung mit uns ein? Ich verstehe es nicht. Aber es ist ja nicht mehr so lange: Dann werde ich Gelegenheit haben, all das zu fragen. Ich erfahre auch Seine Wirklichkeit jetzt anders: als Rätsel, als Geheimnis. Und bin damit der Wahrheit wohl näher als früher. Aber ich wollte früher auch nicht mehr Wahrheit. Ich wollte mehr Nähe. Doch das ist mein Problem. Nicht Seines. Ich bin froh, dass ich wieder etwas Sinnvolles zu tun habe. Damit ich nicht so viel nachdenken muss.

Ich kann auch die Psalmen nicht mehr beten. Nicht nur mit ihrem Schöpfungspreis. Auch die Klagepsalmen fallen mir schwer. Meine Frage bleibt: Wieso schafft Gott eine Welt, von der man sagen muss: Das ist schiefgegangen? Schafft man denn Menschen, damit sie unglücklich sind? Schön und gut, dass Er das Leiden der Welt am Ende selber durchlitten hat. Aber war das ganze Drama denn wirklich nötig?

Ich habe Ihm erklärt, dass ich Ihm unbedingt folgen werde, dass Er meine Wahl ist und bleibt. Egal was Er tut, ich bin nicht der Typ, der wegläuft und etwas anderes macht, wenn es schwierig wird. Und Seine Geschichte mit uns – die ist schon überwältigend … Nicht dass es mir selber schlecht ginge. Aber warum geht es mir gut, und den anderen nicht? Das Unglück der Menschen kann mich nicht kalt lassen. Es ist auch mein Unglück. Aber da gibt es noch einen entscheidenden Unterschied.

Ich bin gewohnt, dass auf mich Rücksicht genommen wird. Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn mich einmal jemand kidnappen und foltern würde – was gerade jetzt nicht unwahrscheinlich ist. Und auch für die Zukunft, und gerade in der Krise sage ich: Ich glaube nicht, dass ich ohne Seine Liebe auskomme. Und auch nicht, dass Er ohne meine Liebe auskommt. Und ich glaube, dass wir trotz alledem damit leben müssen, dass wir nicht verstehen. Wir müssen notwendigerweise aushalten, dass es kein letztes Verständnis des anderen gibt. Ob auch Er mich nicht versteht? Das muss ich offenlassen. Aber was ich nicht offenlasse: Er wird niemanden verraten. Er wird niemanden für „nicht interessant“ erklären. Das halte ich für unmöglich.

Aber gerade das lässt mich ja fragen: Wenn Du doch so viel für jeden von uns bezahlt hast, wenn Du Dein eigenes Leben, das Leben Deines eigenen Sohnes hingegeben hast, warum lässt Du ihn dann verrecken wie einen Hund? Und so viele andere auch? Ich verstehe es nicht. Und ich habe keine Antwort. Keine Antwort jedenfalls, die mich überzeugt. Ich glaube auch nicht, dass es eine Antwort gibt. Ich habe deshalb nur einen Überlebenstrick: Ich bin wieder in die Arbeit, den „Dienst“ zurückgegangen. Die Arbeit für diese Menschen, die leiden, hat mich wieder sinnvoll abgelenkt von dem Starren in dieses dunkle Loch.

Wenn Er sich verhüllt, übernehme ich selber wieder Verantwortung. Dann versuche ich durch meine sinnvolle Arbeit zu reagieren. Ich kann aber nicht sagen: Dadurch wird auch Dein Schweigen sinnvoll. Das Rätsel bleibt, und auch der Skandal.

Ich habe immer das Maximum gegeben. Aber was ich heute mache, hat mit „Arbeit“ nichts zu tun. Ich musste mich nur ablenken. Da war die Erfahrung einer Leere. Ich muss ja irgendetwas mit mir machen. Und wenn ich hier etwas tue, dann hilft das anderen. Was soll ich denn sonst tun? Ich kann doch nicht im Bett liegen und nichts tun. Ich kann doch nicht den ganzen Tag in der Kapelle sitzen.

Es gibt keine theoretische Antwort auf die Frage nach dem Leiden und dem Bösen. Die einzige Antwort ist die der Liebe, die möglichst versucht, Leid und Bosheit zu verhindern. In Widerstand und Ergebung. Sich zu engagieren und etwas zu tun gegen das Leid, ist eine sinnvolle Reaktion auf das Leiden. Selber aktiv Verantwortung zu übernehmen, ist ein konstruktiveres Umgehen mit der Frage nach dem Sinn als alle theoretischen Überlegungen und alle abstrakten Gedanken. Ergebung ist die andere Antwort. Es ist die Antwort Jesu in der letzten Verzweiflung: „Vater, es geschehe Dein Wille.“ Wenn ich sage: Du musst wissen, was Du machst! Du hast das Recht dazu. Und nicht: Ich steige aus! Dann ist es diese Haltung.