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Verhalten,
Emotionen,
Intelligenz

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Copyright © 2009 by

Gestaltung und Satz der Originalausgabe: Ravenstein + Partner, Verden

Titelfoto: Christiane Slawik

Fotos: Christiane Slawik

Zeichnungen: Maria Mähler

Lektorat: Anneke Bosse

E-Book:

 

Alle Rechte vorbehalten.

 

Abdruck oder Speicherung in elektronischen Medien nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung durch den Verlag.

 

Printed in Germany

 

ISBN 978-386127-457-5

 

eISBN 978-3-84046-020-3

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Entdeckungsreise in die Pferdepsyche

Entdeckungsreise in die Pferdepsyche

Wer von uns hat sich nicht schon einmal gewünscht, einen Tag die Welt mit den Augen eines anderen Menschen sehen zu können? Wie erlebt er seine Gefühle? Sieht er Farben so wie ich? Wie fühlt sich sein Lächeln an? Und wie müsste dann erst ein Tag im Gefühlsleben unseres Pferdes aussehen? Ein aufregendes Gedankenexperiment!

Natürlich kann man nur begrenzt die Erlebniswelt eines anderen ergründen, insbesondere die einer anderen Tierart. Dennoch gibt es inzwischen so viele Erkenntnisse zum Aufbau des Gehirns, zur hormonellen Steuerung, zum Lernverhalten und noch zu vielen anderen uns lange Zeit verschlossen gebliebenen Bereichen des Pferdelebens, dass wir zumindest einen ersten Einblick in diese fremde Welt erlangen können. Es verdichten sich die Hinweise, dass die Gehirne aller Säugetiere einander hinsichtlich ihres grundsätzlichen Aufbaus und ihrer Funktionen sehr stark ähneln. Unterschiede zwischen dem Pferdegehirn und dem menschlichen Gehirn sind sicher vorhanden, aber mehr gradueller als prinzipieller Natur. Dennoch sollten wir nicht den Fehler begehen, die Pferde zu vermenschlichen, sondern ihre einzigartigen charakterlichen und emotionalen Besonderheiten als Erbe ihrer wilden Vorfahren annehmen.

Darüber hinaus ist jedes Pferd eine eigenständige Persönlichkeit, ein wunderbares Geschöpf mit einer ganz eigenen Erlebniswelt. Wir werden sehen, wie facettenreich seine Gedanken und Gefühle sein müssen. Die Erklärungsmodelle der traditionellen Reitlehren können nicht ausreichen, um dem Wesen der Pferde auch nur annähernd gerecht zu werden.

Ich möchte als Pferdeliebhaberin und Verhaltensbiologin mit diesem Buch eine Brücke zwischen der Forschung und der Reiterwelt schlagen und die Impulse der Wissenschaft nutzen, um nach dem heutigen Erkenntnisstand die natürlichen Rechte und Bedürfnisse der Pferde zu vertreten. Die Verhaltensbiologie hilft mit aktuellen Forschungsergebnissen, Erklärungsmodelle für interessante Phänomene des Pferdelebens zu erschließen. An der Vielseitigkeit der Studien und an den Gedanken anderer Forscher möchte ich Sie teilhaben lassen und Ihnen einen ersten Einblick in die Psyche des Pferdes verschaffen.

Darüber hinaus gibt es noch unendlich viel mehr zu erfahren. Gehen Sie deshalb auf Entdeckungsreise! Lassen Sie sich von den Texten inspirieren, betrachten Sie die Fotos ganz genau und sammeln Sie möglichst viele Informationen. Abgesehen davon gibt es nur ein Wesen, das Ihnen dabei helfen kann, die Persönlichkeit der Pferde kennenzulernen: das Pferd selbst!

Lassen Sie uns nun in die faszinierende Welt der Pferde eintauchen – vielleicht sehen wir sie dann mit etwas anderen Augen.

 

Marlitt Wendt, im Februar 2009

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Ethologie und Evolution – eine Annäherung an das Phänomen Pferd

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Ethologie und Evolution – eine Annäherung an das Phänomen Pferd

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evor wir zu den individuellen Lern- und Lebenserfahrungen der Pferde kommen, möchte ich einen Überblick über die Natur des Pferdes und die Methoden der Verhaltensbiologen geben. Pferde verhalten sich auch heute noch im Großen und Ganzen so, wie es ihre Vorfahren schon immer getan haben und wie es sich in der Natur als sinnvoll erwiesen hat. Daran konnte auch die Domestikation durch den Menschen nichts ändern. Die Ethologie als die Lehre vom Verhalten kann helfen, die Bedürfnisse des Pferdes besser zu verstehen und an seiner Erlebniswelt teilzuhaben. Dazu müssen wir sowohl unsere Möglichkeiten der Einflussnahme auf das Pferd als auch sein naturgegebenes Potenzial bedenken: Jedes Pferd ist als ein einzigartiges Individuum ein Produkt sowohl seiner genetischen Ausstattung als auch seiner Umwelt. Ein gewisser Anteil des Pferdeverhaltens ist angeboren, ein anderer durch Lebenserfahrung erworben. Dieses Konstrukt wird in der Verhaltensforschung unter dem Begriff „nature und nurture“ (in etwa mit „Natur und Erfahrung“ zu übersetzen) zusammengefasst, um deutlich zu machen, dass beide Bereiche die Persönlichkeit des Pferdes entscheidend beeinflussen.

Was ist eigentlich Verhalten?

Was ist eigentlich Verhalten?

Zunächst erscheint diese Frage banal – doch „Verhalten„ ist ein zentraler und letztlich schwer zu erfassender Begriff mit vielen Deutungsebenen. Ein grasendes Pferd zeigt ein ebenso vielschichtiges Verhaltensmuster wie ein galoppierendes, spielendes oder piaffierendes Tier. Immer setzen sich die Tätigkeiten aus einem Zusammenspiel verschiedener Mechanismen zusammen, und zur Beurteilung des Verhaltens müssen möglichst alle zu beobachtenden körperlichen Aktivitäten betrachtet werden. Je nach Komplexität der Verhaltensweise ergibt sich eine unglaubliche Vielzahl an körperlichen Merkmalen und Veränderungen. Versuchen Sie es einmal am Beispiel Schritt: Wie bewegen sich ganz genau die einzelnen Gliedmaßen? Was macht der Rest des Körpers? Haben Sie wirklich jeden Körperteil bedacht, sämtliche Muskeln und die Hautoberfläche? Welche Atemfrequenz ist zu beobachten? Wie ist der Augenausdruck? Daneben können wir auch noch das vermutliche Ziel der Handlungen des Pferdes beschreiben. Wohin geht es? Was drückt sein Gesicht aus? Hier kommen interpretierende Elemente ins Spiel. Doch gerade die Frage nach dem Warum ist eine der zentralen Fragen in der Verhaltensforschung, und sie lässt sich auf ganz verschiedenen Ebenen beantworten.

 

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Tinbergens Fragen nach dem Warum

Tinbergens Fragen nach dem Warum

Nikolaas Tinbergen gilt als einer der wichtigsten Verhaltensforscher des 20. Jahrhunderts und wurde 1973 zusammen mit Konrad Lorenz und Karl von Frisch mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Tinbergen entwickelte die maßgebliche Theorie der modernen Verhaltensbiologie, die unter der Bezeichnung „Tinbergens Fragen„ bekannt wurde und bei der es um die Fragen nach der Verursachung, der Funktion, der individuellen Entwicklung sowie der stammesgeschichtlichen Entwicklung eines bestimmten Verhaltens geht. Gemäß dieser elementaren Theorie gibt es für jede Frage, die wir an das Verhalten eines Pferdes stellen, vier grundsätzlich gleichwertige Antwortebenen.

Nehmen wir als Beispiel ein schreckhaftes Pferd und beantworten Tinbergens Fragen:

• Die Frage nach der Verursachung: Zunächst kann man diese Frage auf der Ebene der direkten, aktuellen Ursache beantworten. Ein Pferd erschreckt sich, weil es über sensible Sinnesorgane verfügt, die sehr schnell Nervenimpulse zum Gehirn schicken können und zu einer direkten Reaktion führen.

• Die Frage nach der Funktion: Das Erschrecken bringt unserem Pferd aktuell einen Überlebensvorteil. Es ist in der Lage, auf mögliche Gefahren sofort zu reagieren und durch Flucht das eigene Leben zu schützen. Das Erschrecken erfüllt somit eine überlebenswichtige Funktion in der ursprünglichen Umwelt des Pferdes.

• Die Frage nach der individuellen Entwicklung: Jedes Pferd hat die wichtige Fähigkeit des Erschreckens in seiner individuellen Entwicklungsgeschichte, also seiner Lebensgeschichte, bei der Mutter und anderen Herdenmitgliedern beobachtet und diese Verhaltensweise im sehr individuellen Umfang ausgeprägt.

• Die Frage nach der stammesgeschichtlichen Entwicklung: Darüber hinaus hat sich in der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Pferde das Erschrecken als elementare Verhaltensweise herausgestellt. In Millionen von Jahren haben sich die Vorfahren unserer heutigen Pferde durch dieses Verhaltensmuster erfolgreich gegen gefährliche Raubtiere behauptet. Unsere heutigen Pferde sind also die direkten Nachkommen von äußerst schreckhaften Vierbeinern, die aufgrund genau dieser Verhaltensstruktur ihren Fortbestand sichern konnten. Das sollten wir immer im Hinterkopf behalten, wenn wir uns über das übertriebene Scheuen unserer Pferde ärgern oder lustig machen.

Instinkte bei Pferden?

Instinkte bei Pferden?

Wörtlich übersetzen kann man den Begriff „Instinkt„ mit „Naturtrieb“. Ein Instinkt bezeichnet die inneren, unbekannten Antriebe des vom Beobachter wahrnehmbaren Verhaltens eines Tieres. Umgangssprachlich bezeichnen wir ein Verhalten als „instinktiv“, wenn wir spontan aus dem Bauch heraus, ohne bewusste Überlegungen, gehandelt haben. Viele Jahre gingen die Verhaltensforscher von der sogenannten Instinkttheorie aus: Eine Instinktbewegung sollte das Ergebnis einer spontan ansteigenden inneren Handlungsbereitschaft eines Tieres sein, die durch einen Schlüsselreiz ausgelöst wird, wenn sie eine spezifische Reizschwelle überwunden hat. Im weitesten Sinne versteht man unter Instinktverhalten das angeborene, pferdetypische Verhalten eines Pferdes. Nach heutigem Wissensstand gilt diese Sichtweise als überholt, da diese einfachen Grundannahmen den neuen neurobiologischen Erklärungsmodellen nicht mehr standhalten können. Ein Pferd handelt also wesentlich komplexer und kann nicht als „Instinktmaschine“, sondern muss als eine Persönlichkeit angesehen werden. Die Annahme, dass Pferde stets nach einem simplen Reiz-Reaktion-Prinzip handeln, vernachlässigt die Tatsache, dass sich jedes Verhalten aus dem Zusammenspiel von emotionalen Zuständen, individuellen Vorerfahrungen, bewussten Denkprozessen und der jeweiligen sehr spezifischen Situation zusammensetzt.

 

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Ethologie und Psychologie Hand in Hand

Ethologie und Psychologie Hand in Hand

Für die klassischen Pferdeforscher war bis in die 1960er-Jahre hinein nur der „nature“-Aspekt aus dem oben erläuterten Verhaltensforschungsbegriff „nature und nurture“ von Bedeutung. Daher beschäftigten sie sich hauptsächlich mit den Pferden in ihrer natürlichen Umwelt und begründeten ihre Aussagen vornehmlich anhand der Evolutionsgeschichte. Erst durch den Einbezug des innovativen Ansatzes der Psychologie, die sich mehr mit der Entwicklung individuellen Verhaltens und den Lernprozessen beschäftigte, also den „nurture“-Aspekt in den Fokus rückte, kam eine neue Dynamik in die Ethologie des Pferdes.

In der modernen Verhaltensbiologie sind diese beiden Erklärungsmodelle mittlerweile untrennbar miteinander verbunden, um das Verhaltensrepertoire des Pferdes in seiner Ganzheit erfassen zu können. Jedes höhere Lebewesen entwickelt seine Persönlichkeit aus der Summe angeborener und erlernter Anteile, wobei diese Komponenten sich permanent gegenseitig beeinflussen. So ist zum Beispiel auf das angeborene Verhalten des Fohlens eine bestimmte Verhaltensantwort der Mutter abgestimmt, aus dem wiederum das Fohlen etwas lernt und sein zukünftiges Verhalten danach ausrichtet. Moderne Equidenforscher sprechen daher von dem Modell „nature via nurture“ („Die Natur mithilfe der Umwelt“). Es gibt Erbanlagen, die erst nach geeigneten Erfahrungen in Aktion treten. So ist uns Menschen und auch den Pferden die Fähigkeit zum Sehen mit der Anlage von Augen und dem dazu gehörigen Nervensystem angeboren. Fehlen jedoch die Außenreize, also würden wir beispielsweise in völliger Dunkelheit aufwachsen, würde sich die Sehfähigkeit nicht entwickeln. Wir würden funktionell blind bleiben, obwohl wir alle körperlichen Voraussetzungen für das Sehen mitbekommen haben.

Die moderne Equidenforschung untersucht die Interaktion der angeborenen und erlernten Verhaltensweisen. Dazu müssen möglichst viele, vergleichbare Daten zur statistischen Auswertung ermittelt werden. Die Einzelbeobachtung eines Pferdebesitzers kann, so interessant und ungewöhnlich sie auch sein mag, keine allgemeine Aussage über das Pferdeverhalten liefern. In der heutigen Ethologie rücken vor allem das bisherige Herden- und Rangordnungsverständnis, die Lernfähigkeit und die Freundschaftsverhältnisse in Pferdegruppen in den Mittelpunkt des Interesses, da sich hier viele gängige Vorstellungen über die Pferde als längst überholt erwiesen haben, wie wir im Verlauf des Buches noch sehen werden.

Ein kleiner Exkurs in die Evolutionsbiologie

Ein kleiner Exkurs in die Evolutionsbiologie

Wenn wir an den Begriff „Evolution„ denken, fällt uns meist die Lehre von den Verwandtschaftsverhältnissen der Arten untereinander ein. Die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Tier- und Pflanzenarten haben sich über Millionen von Jahren kontinuierlich herausgebildet. Zu den wichtigsten Aspekten der Evolutionstheorie, die zudem unter anderem auch erklären, wie das Verhalten eines Pferdes mit seiner Umwelt in Beziehung steht, gehören die Theorien zur Herkunft der Arten von Charles Darwin und Alfred Russel Wallace. Etwa zeitgleich belegten sie eindrucksvoll, dass sich die Individuen einer Population leicht voneinander unterscheiden und dass leichte Abweichungen, eine gewisse Variabilität in der Erscheinungsform an die Nachkommen weitergegeben werden. Heute wissen wir zudem um die Existenz der Gene als Träger der Erbinformationen. Erst sie machen die langen Prozesse der Entwicklungsgeschichte bis hin zu den Pferden und uns Menschen eindeutig erklärbar.

Es werden seit Anbeginn des Lebens immer mehr Einzellebewesen geboren, als letztlich auf der Welt existieren können. Daher stehen sie in Konkurrenz um die vorhandenen Ressourcen und die Weitergabe ihrer eigenen Gene. Die natürliche Auslese, also der Druck, den die Natur auf die einzelnen Individuen legt, führt zu einer Ausdünnung der Population. Wer diesem Selektionsdruck am erfolgreichsten begegnet, hinterlässt die meisten Nachkommen und schickt sein genetisches Material in die Zukunft. Über viele Generationen verändert sich eine Population nun so, dass sie ausschließlich die Eigenschaften derer aufweist, die am besten an die Umwelt angepasst waren. Bei Pferden kann ihre beeindruckende Fähigkeit, schnell und ausdauernd zu laufen, als ein Selektionsvorteil angesehen werden, denn die langsameren Exemplare wurden eher das Opfer von Raubtieren und ihr genetisches Material verschwand damit für immer.

Als ein Paradebeispiel der Evolutionstheorie gilt die Ahnenreihe der Pferde, die durch umfangreiche Fossilfunde sehr gut belegt werden konnte. Die Entwicklung des Pferdes vollzog sich über etwa 60 Millionen Jahre vom waldbewohnenden und eher antilopenähnlichen Eohippus über den Merychippus (ein Steppen- und Herdentier, das vor circa 20 bis 25 Millionen Jahren lebte) und den mit dem heutigen Pferd schon weitgehend baugleichen Pliohippus (vor sechs bis zwölf Millionen Jahren) bis hin zu unserem modernen Equus caballus.

Erst in den letzten 5000 Jahren hat der Mensch entscheidend in die Entwicklung des Pferdes eingegriffen. Diesen Prozess der Haustierwerdung nennt man Domestikation. Der Mensch hat bestimmte Merkmale aus den ursprünglichen Unterarten des Pferdes ausgewählt und je nach Verwendungszweck oder subjektivem Schönheitsempfinden verschiedene Rassen gezüchtet, indem er Elterntiere wählte, die den menschlichen Vorstellungen entsprachen und deren Gene an die folgenden Generationen weitergegeben wurden.

 

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