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»Alles wirkliche Leben ist Begegnung«, heißt es in einer der wichtigsten Schriften des Religionsphilosophen Martin Buber. Der Mensch wird in erster Linie durch seine Umgebung und die Menschen, denen er begegnet, geprägt. Dieser Jüdische Almanach widmet sich einer Vielfalt von Begegnungen, im realen wie im übertragenen Sinn, seien sie nun menschlicher, existenzieller, historischer oder kultureller Art.

 

Mit Beiträgen von Shmuel Feiner, Amelie Fried, Verena Lenzen, Hanno Loewy, Martin Miller, Ellen Presser, Assaf Uni und vielen anderen.

 

 

JÜDISCHER
ALMANACH

der Leo Baeck Institute

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Begegnungen

Herausgegeben von Gisela Dachs
im Auftrag des
Leo Baeck Instituts Jerusalem

Jüdischer Verlag
im Suhrkamp Verlag

 

 

Gefördert durch:

Stiftung Irene Bollag-Herzheimer

Im Dialog. Evangelischer Arbeitskreis für das christlich-jüdische Gespräch
in Hessen und Nassau

Evangelische Kirche im Rheinland

 

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Redaktionelle Beratung: Naama Sheffi; Anja Siegemund

Umschlagabbildung: Vered Navon

 

Das Leo Baeck Institut (LBI) ist benannt nach der Symbolfigur der deutschen Judenheit im 20. Jahrhundert und besitzt Zentren in New York, London und Jerusalem sowie eine Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft in Deutschland. Es wurde 1955 in Jerusalem gegründet, um die Geschichte und Kultur des deutschen und zentraleuropäischen Judentums zu erforschen und zu dokumentieren.

 Seit 1993 gibt das Leo Baeck Institut Jerusalem den Jüdischen Almanach heraus. Dies knüpft an eine alte Tradition an, die durch den Nationalsozialismus gewaltsam abgeschnitten wurde. Erstmals erschien ein Jüdischer Almanach im Jahre 1902.

 

Leo Baeck Institute:

Jerusalem: 33 Bustenai Street, Jerusalem 93229, Israel; www.leobaeck.org

London: 2nd Floor, Arts Two Building, Queen Mary University of London, Mile end Road, London E1 4NS, UK; www.leobaeck.co.uk

New York: 15 West 16th Street, New York, NY 10011, USA; www.lbi.org

Freunde und Förderer des LBI: Liebigstraße 24, 60323 Frankfurt

 

eBook Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag Berlin 2014

© für diese Zusammenstellung Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag; für die einzelnen Beiträge bei den Autorinnen und Autoren

© für die Abbildungen Vered Navon

Berlin 2014

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

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Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

Umschlagfoto: Vered Navon

 

eISBN 978-3-633-73908-0

www.suhrkamp.de

INHALT

Zu diesem Almanach

Hanno Loewy Hohenemser Begegnungen
Eine Diaspora-Geschichte

Martin Miller Irenka

Amelie Fried Mein Onkel in Amerika

Edward Field Mark Twain und Scholem Alejchem

Shmuel FeinerMa'asse Tovia und die Begegnung zwischen Juden und dem wissenschaftlichen Ethos

Verena Lenzen »Hörst du?« – Paul Celan und Martin Buber. Literarische Begegnung und menschliche Vergegnung

P. ‌J. Blumenthal Berkowitz und ich

Noemi Staszewski Nathans zwei Minuten

Gabriele Fritsch-Vivié »Wir gehörten zusammen, im Kulturbund war noch Leben für uns« – Der Jüdische Kulturbund 1933-1941

Ayelet Gundar-Goshen Fluchthilfe

Mirjam Zadoff Von Visionären, Rückkehrern und Hooligans: Begegnungen im Wilden Osten

Ellen Presser Reise in die Vergangenheit

Gabriele Shenar Begegnungen mit Elias zwischen Khandala und dem Berg Karmel

Gisela Dachs Deutschland und Israel – sechzig Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen

Alexandra Nocke Deutsch-israelische Beziehungen vor ihrer Zeit: Begegnung mit Felix Burian und dem VW-Käfer

Assaf Uni Mein Nachbar in Berlin

Ofri Ilany Die neuen Ostjuden

Richard C. Schneider Grenzenlos

Sayed Kashua Saturday Night Fever

Zu den Autorinnen und Autoren

ZU DIESEM ALMANACH

»Alles wirkliche Leben ist Begegnung«, heißt es in einer der wichtigsten Schriften von Martin Buber, in Ich und Du (erschienen1923). Der in Wien geborene Religionsphilosoph verstarb 1965 in Jerusalem. Seinem Denken ist dieser Almanach zu seinem fünfzigsten Todestag gewidmet. Demnach werde der Mensch vornehmlich in Bezug zu dem ihn Umgebenden geprägt – seien es andere Menschen, die Natur, ein Kunstwerk oder eine Aufgabe. Nur müsse man konzentriert das Augenmerk darauf legen. »Begegnung ist der Moment, in dem ein Funke zwischen mir und der Welt überspringt.«

Dieser Almanach widmet sich einer breiten Palette an Begegnungen – im realen und im übertragenen Sinn. Oft finden solche gerade da statt, wo man sie am wenigsten erwarten würde. Hohenems ist so ein Ort. Wer ihn nicht kennt, muss auf der Karte erst mühsam suchen. Die winzige österreichische Stadt, ganz nahe an der Grenze zur Schweiz und zu Deutschland, beherbergt ein jüdisches Museum. Hanno Loewy ist vor zehn Jahren dorthin gezogen, um es zu leiten. In seinem Eröffnungsbeitrag erzählt er von den vielfältigen und oftmals überraschenden Begegnungen als Museumsdirektor in einem Haus, wo sich »der öffentliche Raum der kleinen Stadt verdichtet« – genauso wie der europäische Raum um den Bodensee, zwischen Zürich und Innsbruck, München und Mailand, Frankfurt, Wien und Triest – und der imaginäre Raum der Hohenemser Diaspora.

Nicht weit weg von Hohenems, in Zürich, kam 1950 Martin Miller zur Welt. Seine Mutter war niemand anderes als die Kindheitsforscherin Alice Miller, die sich – als Überlebende des Holocaust traumatisiert – mit ihrer privaten Erziehungsrolle allerdings sehr schwertat. Erst vor wenigen Jahren erfuhr er nun, dass er als Säugling bei einer Tante untergebracht gewesen war und sich deren Tochter Irenka mütterlich um ihn gekümmert hat. Miller spürte seiner verschütteten jüdischen Geschichte nach und traf sich schließlich mit Irenka, als diese schon achtzig war – in New Mexico. Hier beschreibt er den Weg zu dieser heilsamen Wiederbegegnung.

Von einer verwehrten Begegnung mit der eigenen Familiengeschichte handelt auch der Beitrag von Amelie Fried. Das Wissen über ihre Verwandten väterlicherseits hatte sich lange darauf beschränkt, dass ihr Großvater in Ulm Besitzer eines Schuhgeschäfts und Jude gewesen war und ihr Vater »Halbjude«, der sich bei Kriegsende 1945 an einem Ort befand, wo er nicht freiwillig war. Durch Zufall erfuhr sie erst vor wenigen Jahren von der Existenz eines Onkels in Amerika, den sie dann mit ihrer Familie aufsuchte.

Um diese beiden Welten im 19.Jahrhundert – Amerika und Europa – geht es in Edward Fields Gedicht. Scholem Aleichem und Mark Twain sitzen gemeinsam am Wasser und sinnieren über ihr unterschiedliches Dasein, Jude der eine, der andere nicht.

Zu dieser Zeit hatte sich das umfassende Schriftwerk des Arztes Tobias Cohen längst in seiner Vorreiterrolle bewiesen. Sein Buch Ma'asse Tovia (1707) entsprach eindeutig dem wissenschaftlichen Ethos der europäischen Gelehrten zu Beginn der Aufklärung, obwohl Juden damals der Zugang zu den Universitäten erst langsam eröffnet wurde. Shmuel Feiner schreibt über diese frühe jüdische Begegnung mit der Wissenschaft.

Martin Buber, der Schöpfer der dialogischen Philosophie, hat das Wort »Vergegnung« für eine missglückte Begegnung geprägt, wie sie ihm in seinem Leben nicht selten widerfuhr. Eine solche Vergegnung war das Treffen mit Paul Celan, der Buber tief verehrte, aber von ihm wohl kaum verstanden wurde. Verena Lenzen zeigt, wie sich Celans einziger Prosatext Gespräch im Gebirg als eine literarische Begegnung mit Bubers chassidischen Erzählungen lesen lässt.

Man kann also einander durchaus missverstehen, obwohl man dieselbe Sprache spricht. Für den amerikanischen Muttersprachler P. ‌J. Blumenthal gilt aber auch das Umgekehrte. Als er einst in Deutschland einem jugoslawischen Juden begegnete, der wie er nicht so ganz der deutschen Sprache mächtig war, zeigte sich: Es störte nicht, ob einer etwas falsch oder richtig formulierte: »Hauptsache wir verstanden uns.« Er schreibt über seine Begegnung mit (einer anderen) Sprache.

Verständnis füreinander ist auch die Grundlage des Frankfurter Treffpunkts für Holocaustüberlebende, der wöchentlich zu festen Zeiten aufgesucht wird, um sich auszutauschen, in frühere Welten einzutauchen oder sich über »Überlebensstrategien« zu unterhalten – all das bei Kaffee und Kuchen. Noemi Staszewski hat ihn aufgebaut und gewährt uns einen Einblick in ihre Erfahrungen.

Die Erinnerungen von Überlebenden, die einst dem Jüdischen Kulturbund (1933-1941) angehört haben, hat Gabriele Fritsch-Vivié aufgeschrieben. Dort waren Menschen, die einander vorher nie begegnet waren und vermutlich auch nie begegnet wären, aufeinandergetroffen, um gegen alle Widerstände ein eigenes Kulturleben aufzubauen.

Imaginär in diese Zeit zurückversetzt hat sich die israelische Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen mit ihrem preisgekrönten Erstlingsroman Eine Nacht, Markovitz. In dem Auszug, der hier abgedruckt ist, geht es um das Stiften von (fiktiven) Ehen zwischen Männern aus Eretz Israel und deutschen Jüdinnen, damit diese Nazideutschland verlassen durften.

Über Rückkehrer in ihre ehemalige Heimat Osteuropa schreibt Mirjam Zadoff. Am Beispiel der Reisen von Norman Manea, Jiři Langer und Reuben Brainin zeigt sie, wie die Begegnung mit den Orten und Menschen sie letztlich verwandelt hat.

In einer ganz persönlichen Geschichte erzählt Ellen Presser, wie sie vor ein paar Jahren im Rahmen einer Exkursion in die Ukraine auf sehr verschlungenen Wegen in Kosow landete, dem Geburtsort ihres Vaters. Daraus wurde eine Reise in die Vergangenheit ihrer Familiengeschichte mit durchaus skurrilen Elementen.

Pilgern, eine der grundlegendsten und vielleicht auch ältesten Formen der menschlichen Mobilität, spielt auch im Judentum eine wichtige Rolle. Die Begegnung mit heiligen Stätten kann viele Formen annehmen. Für die indischen Einwanderer in Israel gehört die jährliche Pilgerfahrt nach Galiläa mit der rituellen Gabe für den Propheten Elias zum Gemeindeleben. Gabriele Shenar erzählt von einer solchen Reise.

Einen langen Weg hat das deutsch-israelische Verhältnis hinter sich. 2015 werden es fünfzig Jahre, seitdem diplomatische Beziehungen zwischen beiden Ländern aufgenommen wurden. Gisela Dachs beschreibt die Ambivalenz, mit der Israelis der deutschen Sprache und Kultur immer schon begegnet sind.

Eine Pionierrolle bei der Annäherung beider Staaten spielte Felix Burian, ein gebürtiger Wiener, der in den 1960er Jahren Volkswagen nach Israel importierte. Alexandra Nocke porträtiert den 87-jährigen Autohändler, dessen Name »Felix« bis heute auf israelischen VWs steht.

Für die jüngere israelische Generation ist Berlin längst zum Sehnsuchtsort mutiert. Assaf Uni gehört zu jenen Kulturpendlern, die sowohl dort wie auch hier – in Tel Aviv – leben. Er beschreibt in seinem Beitrag Berliner Begegnungen durch die israelische Brille.

Ofri Ilany, ebenfalls ein zeitweiliger Berliner, sieht allerdings schon den nächsten Trend heraufziehen. In seinem Essay geht es um die »neuen Ostjuden« – gemeint sind jene Israelis, die in Deutschland leben und in der Begegnung mit dem Westen ihre Identität als Orientalen ganz neu erleben.

Vor Ort hingegen, in Israel, sind es die alten Muster des Nahost-Konflikts, die weiterhin das Leben stark mitprägen. Doch es gibt Begegnungen, die neue grenzübergreifende Horizonte eröffnen, wie ARD-Korrespondent Richard Schneider es mit seinem Kameramann aus Gaza persönlich erfahren hat.

Einen Begegnungsraum, der ebenfalls die üblichen Regeln des Zusammenlebens in Israel außer Kraft setzt, stellen die Krankenhäuser dar. Zum Abschluss beschreibt Sayed Kashua einen Abend im »bunten« Warterraum einer Notaufnahme, wo je nach Bedarf arabisch, russisch, jiddisch und hebräisch gesprochen wird.

 

Die Bilder stammen diesmal von der israelischen Fotografin und Grafikerin Vered Navon.

Gisela Dachs

Jerusalem/Tel Aviv