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Bildnachweis: Siehe Angaben unterhalb des Fotos.

In allen anderen Fällen: Privatarchiv Birgit Schrowange

Hinweis zu den Liedern
Interpretin: Birgit Schrowange

Text & Musik: Gerrit Winter, Sebastian Lang

Alle Titel aufgenommen und produziert von
Sebastian Lang und Gerrit Winter

© verlegt bei SMV Schacht Musikverlage GmbH & Co. KG/
Alana Publishing Ivo Moring und Copyright Control

Besuchen Sie uns im Internet unter

www.nymphenburger-verlag.de

© für die Originalausgabe und das eBook:

2014 nymphenburger in der

F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München.

Umschlaggestaltung: atelier-sanna.com

Umschlagfoto: MSC Promotion GmbH, Oberursel

Satz und eBook-Produktion:

Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

www.Buch-Werkstatt.de

ISBN 978-3-485-06101-8

Inhalt

Das gewisse Extra

Die Frotteeperücke

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Setzen Sie sich selbst in die erste Reihe!

The Oscar goes to …

Eine kleine Dosis Größenwahn schadet nie!

Aufnahme! Bitte nicht stören!

Neugier hält jung

Fremdsprache Hochdeutsch

Singen macht glücklich

Faul sein genießen

Es ist nie zu spät

Meine Parade zum Hit

Die Showtreppe

Endlich weg vom Zweiten

Ich will eine coole Alte werden

Ich bin eine Frauenfreundin

Mit allen Sinnen

Männer sind immer perfekt

Die Schönheitsfalle

Der strenge Blick der Kamera

Schönheitstipps für Faule

Licht und Reinigung

Kosmetik

Cleopatras süßes Geheimnis

Gesicht und Haut

Den Hals nicht vergessen!

Haare

Ernährung

Schlaf

Bewegung

Everybody’s Darling ist Everybody’s Depp

Die Praline Nein

Nein sagen schafft Harmonie

Unter ständiger Beobachtung

Der Stalker

Eine Trennung ist wie eine Diät:
Man wird leichter!

Kostbare Zeit

Zeiträuber entlarven

Alte Freunde müssen nicht die besten Freunde sein

Reset

Das Leben ist zu kostbar für negative
Gedanken und Gefühle

Älter werden heißt im Jetzt ankommen

Neid und Missgunst machen alt

Mode hält jung und macht alt

Kleider machen Frauen

Beste Freundinnen oder Mutter mit Tochter?

Modediktat

Das Damenprogramm

Ich heirate nie!

Liebe macht blind

Billig kommt teuer

Schecks sind schick

Kleider an die Macht

Die runden Geburtstage

Neustart mit vierzig

Insel-Hopping

Familie Schrowange-Lanz

Der Herzschlag der Wechseljahre

Rosen ja, Krieg nein

Fünfzig und Single

Warum Frauen sich jüngere Männer
suchen sollen

Der Lebensabend

Der ausgesourcte Tod

Das schönste Kompliment meines Lebens

Ich bin drin!

Zukunft für Kinder

Liebe im Blitzlichtgewitter

Ich kann auch ohne

Ich lebe in einer Beziehung mit mir selbst

Mehr Meer – ich nehm’ gern noch einen Nachschlag

Das gewisse Extra

Die Stimme meiner Mutter duldete keinen Widerspruch: »Frollein, so gehst du mir nicht aus dem Haus!« Sie griff nach meiner Hand.

Ich schüttelte sie ab: »Meine Freundinnen schminken sich auch!« Ich war dreizehn. Ich liebte diesen weißen Lippenstift, mit dem die Zähne so schön gelb aussahen. Der letzte Schrei!

Da kam schon das Geschirrtuch. Grob, rot-weiß kariert. Meine Mutter rubbelte über meinen Mund und wischte auch noch den hellblauen Lidschatten weg.

Jetzt hatte ich rosige Wangen. Und war ziemlich wütend. Doch ich gab mich nicht geschlagen. Als ich zum Schulbus lief, krempelte ich meinen Rock hoch, von knielang auf Mini.

Dabei darf es für mich normalerweise eher ein bisschen mehr sein. Aber bei Mini ist weniger natürlich mehr! Ich habe schon immer gern einen Nachschlag genommen und das ist bis heute so geblieben. Dazu möchte ich Sie mit diesem Buch auch ein wenig anstacheln: Ja zu sagen zum gewissen Extra, egal, wie alt Sie sind. Jetzt erst recht! Hätte ich mich mit dem begnügt, was meine Eltern für mich vorgesehen hatten, wäre ich womöglich in dem 400-Seelen-Dorf im Sauerland, in dem ich geboren wurde, »versauert«. Ich hätte einen Mann aus dem Ort geheiratet, wenn es nach meinen Eltern gegangen wäre, am liebsten einen Beamten. »Dann bist du gut versorgt.« Wir hätten eine Handvoll Kinder, ich wäre vielleicht schon Oma und würde ein paar Kilo mehr auf die Waage bringen. Ich könnte allerlei Orden vorweisen, auch in Disziplinen, die ich nicht ausstehen kann. Kochen und Hausarbeit zum Beispiel. Ich würde wesentlich älter aussehen, denn ich hätte kein eigenes Leben gelebt, vielmehr das, was meine Eltern für mich ausgesucht hätten. Was die Gesellschaft von mir erwartete. Und mein Mann, meine Nachbarn, der Postbote, Hinz und Kunz. Sie alle wären wichtiger für mich gewesen als ich selbst. Ich hätte mich verbogen, um ihnen zu genügen. Doch ich lüge nicht gern. Das ist die Wahrheit. Und die Wahrheit ist auch: dass man mit Lügen öfter besser durchkommt. Denn die Wahrheit ist ungeschminkt, und das sieht man in meinem Beruf gar nicht gern, je älter, desto weniger gern.

Womöglich wüsste ich, mit einem Beamten verheiratet, gar nicht, wie mein eigenes Leben aussehen könnte. Die Frage hätte sich vielleicht nicht mal gestellt, da andere immer schon gewusst hätten, was ich tun sollte, was gut für mich wäre. Und da das alle machten, hätte ich einfach mitgemacht. Ich hätte mich versorgen lassen, weil ich nicht selbst für mich hätte sorgen können. Aber damit hätte ich nicht ausgesorgt. Es hätte vielleicht in mir gegärt. Ich wäre neidisch geworden auf andere. Auf solche wie die Frau Schrowange zum Beispiel. Die redet sich leicht. Hat Geld, sieht gut aus, so ein Leben wünscht sich jeder.

Super! Dann fang damit an, dein eigenes Leben zu leben, deine Ideen zu verwirklichen! Es ist nie zu spät! Jeder Augenblick ist der richtige, etwas zu ändern, ein bisschen mehr zu beanspruchen. Jetzt! Los geht’s! Und schau nicht bei anderen. Schau bei dir selbst!

Petra Schürmann, die ich in meiner Jugend bewunderte und mit der ich mich später anfreundete, sagte einmal sinngemäß zu mir: »Ab einem gewissen Alter kann man das gelungene Leben eines Menschen an seinem Gesicht ablesen. Neid, Missgunst und Verbissenheit machen alt und faltig.«

Petra Schürmann, ich denke noch oft an sie, war eine großzügige, warmherzige Frau. Außen und innen schön – 1956 die erste deutsche Miss World. Sie achtete auf sich … und auf andere. Denn das eine schließt das andere nicht aus. Sogar der Egoist möchte, dass es den Menschen um ihn herum gut geht. Nur dann geht es nämlich auch ihm gut. Und: Nur wer gut für sich selbst sorgt, kann auch gut für andere sorgen. Wer sich aufgibt, hat nicht mehr viel zu geben.

Solche Ansichten durfte man in meiner Jugend höchstens sehr leise denken, auf keinen Fall äußern. Und selbst heute schreibt man sie besser nicht auch noch in ein Buch. Aber so bin ich eben. Und … was das wirklich Gute ist: Allmählich darf ich sogar so sein. Denn ich bin keine zwanzig oder dreißig mehr. Nicht dass ich behaupten würde, ich könnte schon Narrenfreiheit beanspruchen, auch wenn ich in Köln lebe. Doch ab fünfzig, meine ich, ist ein kritischer Blick auf die Welt gestattet.

Ich habe mich nicht verbiegen lassen. Oder nur ein kleines bisschen. Wäre ich keine TV-Frau, würde ich den Friseurbesuch mal ausfallen lassen. Ich würde die Haarfarbe einfach rauswachsen lassen. Was da wohl zum Vorschein käme? Vielleicht eine wallende weiße Mähne. Gern ein bisschen weise. Als TV-Frau lasse ich alle vierzehn Tage färben. Sonst würde ich meinen Chef ärgern. Gewisse Rücksichten muss man immer nehmen. Doch je älter ich werde, desto mehr passe ich auf, dass sie mir nicht schaden. Ich achte auf mich und stelle mit Freude fest, dass immer mehr Frauen in meinem Alter an sich denken. Auch solche, die bislang ganz brav waren und die obligatorischen Orden für Kochen-Bügeln-Zurückstecken kassierten. Das betrifft im Übrigen nicht nur Hausfrauen. Ich kenne viele beruflich hoch qualifizierte Frauen, die ihr Leben aufgegeben haben, sobald sie verheiratet waren. Seine Karriere ging vor. Ihm hielten sie den Rücken frei. Sie tippten seine Doktorarbeit und sorgten dafür, dass er sozial nicht ins Abseits geriet, indem sie Wochenendtermine für die Familie vereinbarten. Männer in gehobener Position laufen nie Gefahr, sozial isoliert zu sein oder als Karrieristen zu gelten. Ihre Frauen kümmern sich um das Drumherum, das letztlich über das Ansehen entscheidet. Doch der Dienst am Mann endet häufig vorzeitig: Kaum ist sie über vierzig oder gar fünfzig, tauscht er sie gegen eine Jüngere aus.

Jeder fängt mal klein an: Vor über fünfzig Jahren bei der Hochzeit meines Onkels Willi. Ich bin die Dunkelhaarige ganz rechts.

Und nicht zu vergessen: Frauen ohne Männer müssen alles selber machen und werden dann auch noch scheel angesehen.

So stellt sich die Frage: Wie weit kommt man mit der hochgelobten Bescheidenheit? Ich behaupte, nicht sehr weit, und Zier ist sie schon gar keine. Sie ist ein Fluch. Denn wir sind doch auf der Welt, um unsere Talente zu finden und auszuleben und damit Gutes zu tun! Aber wer weiß … vielleicht hat mir persönlich gerade die Kindheit in dem kleinen Dorf mit großen Vorurteilen gegen alles, was man dort nicht kannte, gutgetan? Sie hat mich zu rebellieren gelehrt. Verbote haben mich aufgestachelt, Mauern musste ich überklettern. Wozu standen sie sonst in der Landschaft? Ich wollte wissen, was sich dahinter verbirgt.

Als »Engelchen« bei der Kommunion der Tochter unserer Nachbarin

Ich komme aus sogenannten kleinen Verhältnissen. Mein Vater war Handwerker, meine Mutter Hausfrau. Beide strebten für mich etwas »Besseres« an, was damals den Besuch der katholischen Mädchen-Realschule »Schwestern der christlichen Liebe« bedeutete. Die meisten Nonnen waren nett. Ich erinnere mich besonders gern an die warmherzige Art von Schwester Xaveria und an die fröhliche Schwester Christhilde und gar nicht gern an Schwester Adalbertis, eine harte Frau, die ihren Frust an uns Schülerinnen ausließ. Überhaupt habe ich nicht immer gute Erfahrungen mit dem dörflichen, schein-heiligen Katholizismus gemacht. Die Westen waren zu weiß, darunter verbargen sich manchmal auch Abscheulichkeiten. Das einzige uneheliche Kind im Dorf wurde, oh wie christlich, als Bastard bezeichnet – auch von den Nonnen. Sie waren unantastbar und immer gut, im Gegensatz zu uns bösen Mädchen, die zurechtgeschnitzt werden mussten. Erst Jahrzehnte später wurden die Missbrauchsfälle aus Schulen und Kinderheimen bekannt, von denen einige in unserer Gegend lagen. Damals hätten die gequälten Kinder kein Gehör gefunden. Priester, Ärzte, Lehrer waren Respektspersonen, gegen die durfte niemand etwas sagen. Und wenn doch, zeigte er damit erst recht seinen schlechten Charakter.

Schon als Mädchen fand ich es ungerecht, dass der Pfarrer bei uns im Dorf eine Haushälterin hatte, obwohl er doch nur ein- oder zweimal am Tag eine Messe las. Eigentlich hätte er seinen Haushalt selbst führen können.

»Mama, warum macht der das nicht ohne Hilfe?«

»Bist du verrückt! Das ist der Herr Pfarrer! So was kann man dem nicht zumuten.«

»Aber das ist ungerecht!«

»So ist das eben, Birgit.«

In der katholischen Mädchen-Realschule »Schwestern der christlichen Liebe«. Rechts neben mir: Schwester Xaveria, die ich sehr mochte.

Ein Mädchen brauchte seinerzeit nicht aufs Gymnasium, das heiratete sowieso. Nach der Schule absolvierte ich eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notariatsgehilfin. Auch das war etwas »Besseres«, ähnlich wie eine Lehre bei der Bank. Meine Schulkameradinnen wurden außerdem Kindergärtnerinnen, Bürokauffrauen und Arzthelferinnen. Einige wenige, die studiert hatten, wurden Lehrerinnen. Dass es auch andere Möglichkeiten gegeben hätte, war mir nicht bewusst. Ich kannte keine beruflich erfolgreichen Frauen. Alle Mütter bei uns waren Hausfrauen, was bedeutete, sie arbeiteten rund um die Uhr, aber ohne Lohn. Unser Dorf war zu klein für Paradiesvögel. Die Rolle übernahm dann später ich.

Obwohl mir meine Ausbildung keinen Spaß machte, hielt ich sie durch. Mein einziger Lichtblick waren die Scheidungsakten. Die las ich mit Begeisterung und Hingabe. RTL gab es noch nicht, aber ich interessierte mich schon für Klatsch und Tratsch. Ich wusste, dass ich nicht für immer in der Rechtsanwaltskanzlei bleiben wollte, wie manche meiner Kolleginnen, für die eine Lebensstellung so unumstößlich war wie ihre Ehe, was seinerzeit nichts Ungewöhnliches war. Ungewöhnlich war meine Vorstellung von der Zukunft. Ich wollte ein Leben wie Elfie von Kalckreuth, Sonja Kurowsky und Petra Schürmann. Fernsehansagerin wollte ich werden. Das war mein Traum. Doch Träume waren seinerzeit nicht gefragt, im Gegenteil: »Komm du mal auf den Boden der Tatsachen«, predigte meine Mutter mir. Diesen Satz konnte ich noch nie ausstehen. Wer schafft denn Tatsachen? Wir selbst schaffen die Tatsachen für unser Leben. Jederzeit. Ob mit dreißig oder mit fünfzig. Und wenn Sie eines Tages beschließen, dass Sie nicht mehr täglich für Ihren Mann kochen wollen, dann haben Sie eine Tatsache geschaffen. Ich finde, dass man diese Tatsachen immer wieder neu definieren muss. Leben heißt Veränderungen. Und ja, es darf gern ein bisschen mehr sein.

Ich kenne Frauen, die sagen: Warum soll ich das plötzlich ändern? Das habe ich doch immer so gemacht. Und was sollen denn die anderen dann von mir denken? Für mich gibt es kein lauteres Alarmsignal. Alles, was man schon immer so gemacht hat, obwohl man es eigentlich anders machen möchte, sollte man abstellen. Besonders in der zweiten Lebenshälfte und erst recht im letzten Drittel. Denn: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Das fragte ich mich auch nach meiner Lehrzeit. Wenn ich es nicht jetzt beim Fernsehen versuchen würde, wann dann? In den 1970er-Jahren konnte ein Arbeiterkind Generaldirektor werden. Was mittlerweile nur noch in sehr seltenen Fällen klappt. Heute ist das Leben eines Kindes vorgezeichnet, da kann es noch so fleißig sein. Sag mir, woher du stammst, und ich sage dir, wohin du gelangst. Ich jedenfalls schickte einen Brief an den Westdeutschen Rundfunk (WDR). »Sehr geehrter Herr Personalchef«, schrieb ich. »Hiermit bewerbe ich mich bei Ihnen um eine Stelle. Ganz egal, wo, ganz egal, was. Hauptsache, Sie nehmen mich. Denn ich will unbedingt beim Fernsehen arbeiten. Anbei meine Zeugnisse.«

Die Dringlichkeit kam wohl an. Ich wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, bewies in einem Test, dass ich Stenografieren und Schreibmaschine schreiben konnte, und bekam eine Anstellung als Stenokontoristin.

So verließ ich mein kleines Dorf und zog in die große Stadt nach Köln. Von dort brachte ich bei meinen häufigen Besuchen jede Menge Aufregung mit. Einmal stieg ich mit pinken Haaren aus dem Zug, damit auch wirklich jeder Dorfbewohner kapierte, dass Birgit Schrowange jetzt nicht mehr hierher gehörte. Meine liebe Mutter hatte nach meinen Besuchen immer viel zu erklären. Bestimmt versuchte sie, mein Verhalten zu entschuldigen, so wie damals, als ich in der Schulzeit ihre Unterschrift gefälscht hatte und sie sich vor der Lehrerin empörte: »Wie können Sie so etwas behaupten! Das würde unsere Birgit nie tun! Ich selbst habe diese Schularbeit unterschrieben.« Zu Hause bekam ich meine Strafe natürlich trotzdem. Ich fand sie gerecht. Was Noten betraf, gab ich meinen Eltern, von kleinen Ausrutschern abgesehen, selten Grund zur Klage, ich hatte, ohne mich anstrengen zu müssen, immer gute. Das größere Problem stellte etwas dar, was gern als »überschüssige Energie« bezeichnet wurde. Mein Anderssein.

Mit meinem Bruder Thomas – Männer sollte man frühzeitig im Griff haben.

Meine Eltern wollten, dass es mir gut ging. Sie konnten sich ein glückliches Leben aber nur innerhalb ihrer eigenen Welt vorstellen, und da sah das Gutgehen deutlich anders aus als das, wovon ich träumte. Einmal davon abgesehen, dass meinen Eltern Zufriedenheit genügte. Ich wollte, ich war jung, das pure Glück – sehr unbescheiden wieder mal. Meine Eltern blieben immer in ihrem Dorf. Sie haben harte Zeiten erlebt, das Geld war manchmal knapp. Sie sparten eisern, bauten ein Haus und waren froh und dankbar um die Dinge, die sie sich erarbeiteten. Sie hatten den Krieg erlebt. Sicherheit war ihnen sehr wichtig und die wünschten sie sich auch für mich. Um mich vor allem Unheil zu beschützen, schickten sie mich mehrmals im Monat zur Beichte. Wo ich oft nicht ankam, da ich bei meiner Freundin Regina im Gasthaus ihrer Eltern hängen blieb und große Portionen Pommes frites mit Mayonnaise verdrückte. Zum Glück habe ich noch zwei Geschwister – Karin, neun Jahre jünger als ich, Angestellte, und Thomas, zwei Jahre jünger, Beamter. Die beiden hatten keine Flausen im Kopf. Bei zwei Kindern hat es für meine Eltern also geklappt. Heute sind sie auch auf mich stolz. Es hat allerdings eine Weile gedauert. Meine ersten Erfolge freuten sie zwar, aber sie befürchteten auch, diese würden mir noch mehr Flausen in den Kopf setzen. Ich erinnere mich gut an meinen ersten Fernsehauftritt, damals für das Schulfernsehen des WDR. Zu meiner großen Freude durfte ich bei meiner Premiere eine Dokumentation über »Unser schönes Sauerland«, meine Heimat, ansagen. Natürlich saßen alle, die in unserem Dorf einen Fernseher hatten, vor den Flimmerkästen und warteten. Würde sie sich einen Versprecher leisten? Nein, sie leistete sich keinen. Obwohl ich ziemlich aufgeregt war und es mich gleichzeitig sehr berührte, dass mein erster Fernsehauftritt sozusagen mit meiner Heimat begann.

Für diesen Job hatte ich hart gekämpft. Heute kommt man relativ leicht ins Fernsehen, zum Beispiel in eine Castingshow. Als ich anfing, gab es noch kein RTL & Co., sondern ARD, ZDF und die dritten Programme. Nach meinem ersten Auftritt schlenderte ich damals betont langsam durch die Kölner Fußgängerzone, sah wildfremden Leuten in die Augen und wartete darauf, dass mich jemand erkannte: »Habe ich Sie eben nicht im Fernsehen gesehen?«

Natürlich hatten die Menschen etwas Besseres zu tun, als Schulfernsehen zu kucken. Niemand bat mich um ein Autogramm. In Köln interessierten sich die Leute nicht für Birgit Schrowange, auch wenn sie in Nehden Dorfgespräch war. Langfristig wollte ich auf einen Sendeplatz kommen, wo mich nicht nur die Zuseher des Schulfernsehens wahrnehmen würden. Wenn ich mich mal in was verbissen habe, dann lasse ich nicht locker, bis ich mein Ziel erreiche. Und auch wenn ich seit einiger Zeit etwas kürzertrete, so gilt das noch immer. Was ich mir in den Kopf setze, das klappt. Und manchmal habe ich mir auch etwas auf den Kopf gesetzt:

Die Frotteeperücke

Ich wollte die Dorfbewohner nicht provozieren. Ich war einfach nur auf dem Weg zu mir selbst. Manche Frauen beginnen erst nach ihrem eigenen Weg zu suchen, wenn die Kinder das Haus verlassen haben. Da färben sie sich die Haare rot, machen den Motorradführerschein, lernen Bauchtanz, fliegen allein in den Urlaub und »flippen aus«, so die Meinung ihrer Männer und der Umwelt, die allesamt nichts mehr verstehen. Ja, sie haben viel nachzuholen, diese Frauen, die lebenslang gedient und an andere gedacht haben. Ich frage mich oft, wie unsere Gesellschaft funktionieren würde ohne diese hilfreichen Geister. Ganz einfach: gar nicht. Alles würde zusammenbrechen. Und genau deshalb finde ich es wichtig, dass diese Frauen erkennen, dass sie endlich mal selbst dran sind. Spätestens, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Spätestens, wenn der Mann sie hat sitzen lassen. Oder sie ihn. Weil jetzt endlich mal sie selbst dran sind. Ein schlechtes Gewissen wäre hier völlig unangebracht.

Wenn ich manchmal höre, dass es eine Frau nicht schafft, ihre eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, sich selbst ernst zu nehmen, rate ich ihr, sich genauso zu behandeln, wie sie andere behandelt: Sei mal so nett und zuvorkommend und hilfsbereit zu dir selbst, wie du es bislang aufopferungsvoll für deine Kinder und Familie gewesen bist. Sag mal zu dir selbst all die Komplimente, die du ständig an andere verschenkst. Behandle dich selbst mal wie eine Fremde, damit du dir endlich Gutes tust. Es macht mich traurig, dass manche Frauen so gar nichts für sich tun können, nicht für sich einstehen können, sich selbst so schlecht behandeln.

Meine Eltern mit Geschwistern und Trauzeugen bei ihrer Hochzeit im Jahr 1957. Aufgrund gewisser Umstände musste die Braut Schwarz tragen.

Ich kenne aber auch Frauen im »gefährlichen Alter«, die kündigten ihre feste Stellung, wurden Shiatsu-Therapeutin oder reisten mit dem Rucksack durch Indien. Andere wurden politisch aktiv. Kurz, die Frauen taten alles, was sie vielleicht schon immer mal tun wollten. Aber bisher ging es nicht. Wegen all der Verpflichtungen, wozu auch die Familie zählte, und das waren vier Fleischesser, sodass Mutti, Vegetarierin, fünfmal wöchentlich widerwillig Braten brutzelte. Ich kenne auch Frauen, die zwar spüren, dass die Zeichen auf Aufbruch stehen, doch nicht wissen, was sie tun sollen. Sie wollen etwas verändern, wissen aber nicht, wie. Und was? Was will ich? Manche fangen erst an, darüber nachzudenken, wenn der Mann sie verlassen hat. Oder sie machen den ersten Schritt in ihr neues Leben, indem sie ihn verlassen.

... und hier ganz entspannt ca. fünfzig Jahre später in Spitzbergen auf einer Kreuzfahrt – noch immer ein schönes Paar.

Es ist ein großes Privileg, wenn man schon früh weiß, wohin es einen zieht. Ich höre häufig von Eltern, dass sie sich Sorgen um ihre Kinder machen, weil der Nachwuchs keine Ahnung hat, was er mal werden soll. Vielleicht irgendwas mit Medien? Oder doch lieber ins Ausland. Erst mal ein soziales Jahr. Bei manchen dauert die Orientierungsphase bis zum dreißigsten Geburtstag, und so lange wird im Hotel Mama gewohnt. In solchen Fällen wären die Eltern froh, wenn die Kinder eine Vision hätten. So etwas hieß früher allerdings anders, nämlich Flausen. »Schlag dir die Flausen aus dem Kopf«, hörte ich fast täglich. Das ging bei mir rechts ins Ohr rein und links wieder raus. Ich hielt an meinen Träumen fest. Auch wenn ich nicht wusste, wie ich sie verwirklichen sollte. Ich fing mal klein an:

Mit acht oder neun Jahren legte ich mir ein Handtuch über den Kopf, befestigte es mit Haarklammern und kam so in den Genuss des herrlichen Gefühls, wenn langes Haar sanft über die Schultern schmeichelt. Ich musste natürlich einen praktischen Haarschnitt tragen. Für den sorgte mein Opa mit Hilfe eines Topfes. Was für eine Schmach für eine zukünftige Fernsehansagerin! Doch ich ließ mich nicht unterkriegen und schnitt mir aus Pappkarton einen Rahmen aus, setzte mich davor und kündigte das Fernsehprogramm an. »Guten Abend, sehr verehrte Damen und Herren.« Ich bewegte meinen Kopf, lächelte durch den Pappkartonrahmen und strich mir über mein langes glänzendes, seidiges Haar.

Wir hatten noch gar keinen Fernsehapparat, der kam erst, als ich zwölf war, aber bei einigen meiner Freundinnen durfte ich mitkucken. Und dann gab es da noch Elisabeth. Die wollte auch keinen normalen Beruf, sondern Sängerin werden. Wir taten uns zusammen und ich sagte sie an: »Guten Abend, meine Damen und Herren. Sehen Sie jetzt die deutsche Hitparade. Heute auf dem ersten Platz: Elisabeth. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.«

Meine Mutter verdrehte die Augen und seufzte: »Woher hat unsa Biagit das nur?«

Bereits mit sechs Jahren »ein erster Hauch von Extravaganz«. Gegen diesen Kopfschmuck war die Frotteeperücke nur eine müde Sache.

Tja, das wusste man nicht. Noch dazu war ich als sehr schwaches Kind auf die Welt gekommen. Niemand hätte mir solche Eskapaden zugetraut. Mein Überleben stand auf der Kippe. Heutzutage wäre ich vielleicht in die Klinik gekommen. Damals rettete mich die Musik:

Mein Vater war Fliesenleger, und in seiner Freizeit spielte er gern Trompete. Meine Eltern hatten geheiratet, weil etwas unterwegs war. Ich. Und weil das so pfui war, musste meine Mutter im schwarzen Kleid vor den Altar treten, damit alle sahen, dass sie gesündigt hatte. Die Sünde wuchs in ihrem Bauch und wurde dann auf den Namen »Birgit« getauft. Das Mädchen war kein schönes Kind. Viel zu viele Haare, und das auch noch in Schwarz. »Mein kleiner Rabe«, nannte meine Mutter mich und hatte große Angst, denn ich wollte nicht trinken und schrie Tag und Nacht, die kleinen Hände zu Fäusten geballt.

War das die Strafe Gottes?

Irgendwann griff mein Vater zur Trompete, um das Schreien zu überspielen, das die Nachbarn aufbrachte. Er setzte an, die ersten Töne erklangen, da öffnete das Baby, so wurde es mir erzählt, den Mund und gluckste fröhlich.

»Mach das noch mal, Anton!«, rief meine Mutter.

Papa spielte, Baby gluckste, öffnete den Mund und Mama träufelte Milch hinein. Nach ein paar Tagen war ich wohl auf den Geschmack gekommen und brauchte keine musikalische Unterstützung mehr. Doch ich liebe es bis heute, wenn mein Vater, das macht er nur noch selten in seinem hohen Alter, zur Trompete greift. Ein Saugreflex stellt sich dabei allerdings nicht bei mir ein.