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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

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Warum arbeiten Sie für Türken?
Eine Übung in Demut
»Warum arbeiten Sie denn für Türken?«, fragte mich ein deutscher Innenminister skeptisch und musterte mich dabei so genau, als wolle er herausfinden, ob ich vielleicht selbst türkische Wurzeln hätte. Ich hatte ihn um eine Audienz gebeten, um die Möglichkeiten für ein türkischsprachiges Radioprogramm in Deutschland auszuloten. Eine solche Frage kommt auf den ersten Blick vielleicht ganz harmlos daher, bei genauerer Betrachtung hat sie aber denselben Stellenwert wie die Ansicht, dass man mit Migranten lieber keine Geschäftsbeziehungen eingeht.
Eine entsprechende Antwort verkniff ich mir, schließlich wollte ich etwas mit diesem Gespräch erreichen. Also antwortete ich etwas lahm mit der Gegenfrage: »Wenn Sie ein Auto eines japanischen Herstellers kaufen wollen, erwarten Sie dann etwa, dass der Autoverkäufer immer ein Japaner ist?«
Leider hatte mein Gegenüber den Zusammenhang nicht begriffen. Immerhin ließ er seine und meine Gegenfrage erst einmal im Raum stehen. Trotz meiner freundlichen Zurückhaltung war der Minister nicht dafür zu begeistern, dass die Türken jetzt auch noch ein eigenes Radioprogramm hören sollten. »Die sollen Deutsch lernen«, gab er mir nach unserer kurzen Unterredung zum Abschied mit auf den Weg.
Das war übrigens nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, dass ich gefragt wurde, warum ich für Türken arbeite. Zu Beginn meiner Tätigkeit für die türkische Gemeinschaft hat mich diese Frage noch gewundert. Ich war davon ausgegangen, dass die Deutschen die Integration der Türken in die deutsche Gesellschaft befürworteten und froh wären, wenn auch einer von ihnen mal in die türkische Gesellschaft eintauchte.
»Die sollen Deutsch lernen.«
Eine ganz andere Frage stand am Beginn meiner Tätigkeit für das türkische Radio: Kennen Sie Türken? Nein, ich kannte keinen. Wahrscheinlich wollte man herausfinden, ob ich irgendwelche Vorbehalte gegen diese Volksgruppe hätte. Denn da sind Sie dann allein unter Türken, wurde mir gesagt. Das klang wie eine Drohung.
Vielleicht hatte man mich nur ausgewählt, weil ich zuvor drei Jahre in der größten Randgruppe der deutschen Gesellschaft gearbeitet hatte: in Ostdeutschland. Schon damals hatte man mir tröstend gesagt, die harten Jahre der Aufbauarbeit im Osten des Landes würden sich später für mich bezahlt machen. Das würde als zusätzliche Qualifikation gewertet werden. Welche das sein sollte, war mir zunächst nicht ganz klar geworden. Jetzt aber fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich hatte mit meinem Aufenthalt im Osten eine Ausbildung als Spezialist für Randgruppen in der deutschen Gesellschaft durchlaufen. Das war also der Grund, warum gerade ich angesprochen worden war, einen türkischsprachigen Radiosender in Berlin zu übernehmen. Ich hatte mich schon einmal in einer Parallelgesellschaft aufgehalten, aus der ich, nach meiner Meinung wenigstens, unbeschadet davongekommen war. Nun sollte ich in die zweitgrößte Randgruppe eintauchen.
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Ich bin in einer türkenfreien Provinz aufgewachsen. In den Siebzigerjahren, in einer Stadt mit Bischof und vielen Kirchtürmen, die lange Schatten warfen. Frauen unter 21 Jahren, die uneheliche Kinder hatten, nannte Mann noch »gefallene Mädchen«. Deren Kinder wurden in Heime gegeben, wo sie so erzogen wurden, dass sie bleibende Schäden an Leib und Seele davontrugen. Die frommen katholischen Frauen trugen beim Kirchgang ein Kopftuch, um ihr Haupthaar züchtig zu bedecken. Man lauschte andächtig den Predigten der Priester und betete für die amerikanischen Soldaten in Vietnam. Für die Vietnamesen betete man nicht. Es gab eine Fastenzeit, die man nicht Ramadan nannte, und wer sich nicht darin hielt, wurde schief angesehen. Die deutschen Väter bewachten ihre heranwachsenden Töchter und lasen heimlich den Playboy.
Ich hatte mit meinem Aufenthalt im Osten eine Ausbildung als Spezialist für Randgruppen in der deutschen Gesellschaft durchlaufen.
Die Schulen waren nach Geschlechtern getrennt. In ihnen unterrichteten Lehrer, die das Dritte Reich noch aktiv mitgestaltet hatten. Sie waren Autoritäten, weniger bei den Schülern, eher bei den Eltern. Die ersten Jungs, die sich mit langen Haaren in die Schule wagten, wurden einfach schlechter benotet, denn als frischer Demokrat durfte man sie nicht mehr züchtigen. Langhaarige waren Kommunisten oder Gammler oder beides. Das Aufbegehren in den Achtundsechzigern hatte in dieser Stadt nie stattgefunden. Hier war alles ordentlich geblieben. Das wichtigste Wort in diesem Jahrzehnt war die demokratische Grundordnung: Man hatte so viel Angst davor, dass die Demokratie wieder abhanden gehen könnte, dass man gar nicht dazu kam, sie zu leben.
Das ist alles noch keine vierzig Jahre her. Das sollte man sich gut in Erinnerung rufen, bevor man wieder diesen bei den Deutschen sehr beliebten Aber-Satz von sich gibt: »Ich habe ja nichts gegen diese fremden Kulturen und auch die Türken sind ja eine wahre Bereicherung für unser Land, aber …«
Der einzige Nicht-Deutsche, den ich kannte, war ein jugoslawischer Mitschüler. Dass es Jugoslawien gar nicht gab, wussten wir nicht. Das haben wir erst viel später erfahren, als die Jugoslawen versuchten, sich gegenseitig umzubringen.
Die Türken hatten die Provinz noch nicht erreicht, sie waren in den Industriezentren stecken geblieben. Aber die Italiener waren da. Sie waren ja schon früher zugewandert und in der Provinz bereits angekommen.
Ja, die Italiener, die mochte man, die besaßen Eisdielen und backten Pizzas. Die Liebe der Deutschen zu allem Italienischen war seit Winkelmann und Goethe nie erloschen. Außerdem war man ja vor nicht allzu langer Zeit als Waffenbrüder verbündet gewesen. Italienisch essen zu gehen war der Inbegriff des gehobenen Lebensstils. Man machte dort Urlaub und war mächtig stolz, wenn man einige Worte Italienisch sprach. Sie gingen in die gleichen Gotteshäuser wie die Deutschen. Der Papst wohnte in ihrem Land. Eigentlich waren sie sogar die Erfinder des Katholentums – und der Spaghetti.
Überhaupt waren die Italiener so richtig sympathisch. Sie aßen Schweinefleisch, welches in den Sechziger- und Siebzigerjahren eine existenzielle Bedeutung für die Deutschen hatte. Denn wer Schwein auf dem Teller hatte, der hatte es auch im Leben. Und eine Piccata milanese war nicht zu verachten. Italiener tranken auch Alkohol. Leute, die keinen Alkohol tranken, waren verdächtig. Wie ließ es sich denn überhaupt ohne Alkohol leben! Sie sprachen zwar nur gebrochen Deutsch, aber darüber hörte man großzügig hinweg. Ihre Kinder waren auf höheren Schulen nicht anzutreffen. Darüber wunderte man sich aber nicht. Vierzig Jahre später wundert man sich immer noch nicht.
»Ich habe ja nichts gegen diese fremden Kulturen und auch die Türken sind ja eine wahre Bereicherung für unser Land, aber …«
So war das in dieser Stadt und man glaubte, dass das überall so in Deutschland sei. Und diesen Glauben nahm man mit, wenn man wegzog und sich in anderen Städten niederließ. Dort stieß man dann auf Asiaten. Die sahen ein bisschen anders aus, aber die hatten auch leckeres Essen. Dass sie kein Deutsch sprachen, nahm ihnen niemand übel. Sie waren ja so freundlich. Und sie hatten nicht nur Schlitzaugen, sondern sie waren auch Schlitzohren und hatten einfach die Speisen auf ihrer Menüliste durchnummeriert. So nannte man einfach die Zahl für das Essen, das man haben wollte. Dummerweise konnten die asiatischen Kellner oft noch nicht einmal die deutschen Zahlwörter verstehen.
Freundlich reicht die junge Asiatin dem Gast die Speisekarte. »Ich hätte gern die Ente nach Kanton Art.« Sie lächelt. »Hä?« – »Ich hätte gerne Nummer 52.« – »Hä?« Sie lächelt noch immer. Der Gast zeigt mit dem Finger auf die Zahl in der Speisekarte. Sie lächelt begeistert: »Du tlinkel?« Jetzt sagte der Gast: »Hä?« – »Du tlinkel?« – »Ach so, ich hätte gern eine große Apfelsaftschorle.« Fünf Minuten später bringt sie ein kleines Wasser und Ente süßsauer. Reklamation zwecklos.
Leute, die keinen Alkohol tranken, waren verdächtig.
Solche Szenen fanden nicht nur zu Zeiten der Boatpeople, die in den Siebzigerjahren nach Deutschland gekommen sind, statt, sondern es gibt sie auch heute noch.
Asiaten essen ebenfalls Schweinefleisch. In allen erdenklichen Varianten, getreu dem Motto der asiatischen Küche: Man kann alles essen, es muss nur klein genug geschnitten sein. Nett, dass immer so kleine Hausaltärchen mit einem freundlich lächelnden Buddha in ihren Restaurants stehen. Wirklich niedlich anzuschauen, der dickliche Gott. Ihre Kinder waren auf höheren Schulen nicht anzutreffen. Vierzig Jahre später wundert man sich immer noch nicht.
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Mein bisheriges Leben hatte also ohne Kontakt zu Ausländern stattgefunden. Ich kannte keine Italiener und keine Asiaten, ich kannte keine Türken. Ergo hatte ich auch keine Erfahrungen mit Ausländern. Ich wurde trotzdem mit dem Aufbau des ersten türkischsprachigen Radioprogramms in Deutschland beauftragt.
Das Erste, was ich sofort merkte, war, dass dieses Radio nicht einfach ein Radioprogramm in türkischer Sprache und mit türkischer Musik ist, sondern ein gesellschaftliches Politikum. Die türkische Sprache des Radioprogramms war in den Ohren der deutschen Verantwortlichen ein Misston. Sie befürchteten schlimme Dinge. Kurdische Freiheitskämpfer könnten das Mikrofon erobern und Aufruhr unter den Türken anzetteln. Oder gar mit deutschlandfeindlichen Parolen die Hörer in Gegnerschaft zur deutschen Verfassung bringen. Die Hörer würden nur Informationen aus der Türkei erhalten und so noch mehr in eine von der deutschen abgespalteten Parallelgesellschaft driften. Über die Deutschen könnten böse Witze gerissen werden. Kurzum, so ein Programm hinderte die Integration der Türken in die deutsche Gesellschaft.
Kurdische Freiheitskämpfer könnten das Mikrofon erobern und Aufruhr unter den Türken anzetteln.
Nun muss man wissen, dass nicht irgendjemand in Deutschland einfach so ein Radioprogramm senden kann. Sei es auch nur ein Jazz-Radio. Um an die Erlaubnis zur Ausstrahlung zu gelangen, müssen Gremien durchlaufen werden, die sich aus relevanten Vertretern der deutschen Öffentlichkeit zusammensetzen. Dort wird dann mehrheitlich entschieden. Die Entscheidung für ein türkischsprachiges Radio war einige Jahre vor dem 11. September 2001 gefallen, als man die Türken noch als eine Bereicherung der deutschen Gesellschaft ansah.
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Ab dem 11. September 2001 wurde ich von den deutschen Journalisten als eine Art Fachmann für das Türkentum angesehen. »Stimmt es, dass die Türken in Kreuzberg Freudenfeste feiern?« Die Stimme der Anruferin war streng und ihre Frage eher eine Feststellung. Es war der 12. September 2001 und die Anruferin gab sich als Journalistin einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt aus. Ich fragte zurück: »Warum sollen die Türken Freudenfeste feiern?« Daraufhin meinte sie, weil Muslime in New York die Amerikaner angegriffen haben und die Türken ja auch Muslime seien.
Ich glaubte, ich hätte nicht richtig gehört. »Glauben Sie ernsthaft, dass Christen sich freuen, wenn irgendwelche selbst ernannten christlichen Befreiungskrieger in der Welt 3.000 Menschen zu Tode bringen? Die Türken sind genauso betroffen, wenn irgendwo auf der Welt Menschen aus solch niedrigen Beweggründen zu Schaden kommen.« Die Reporterin war enttäuscht, dass ich ihre irrsinnige Vermutung nicht bestätigt hatte.
Ab dem 11. September 2001 wurde ich von den deutschen Journalisten als eine Art Fachmann für das Türkentum angesehen.
Aber von der Paranoia, die nach diesem Tag ausbrach, wurden auch die Türken erfasst: Aufgeregt kam am Morgen des 14. September 2001 die Moderatorin Ayse S. in mein Büro gerannt. Der Busfahrer war, als er sie an der Haltestelle gesehen hatte, einfach weitergefahren. Ayse war sich sicher, dass er sie als Muslima und damit als mögliche Attentäterin stehen gelassen hatte. Ich fragte sie: »Woran soll er denn erkannt haben, dass du Muslima bist?« Ayse S. sah ganz und gar nicht aus, wie Deutsche sich Muslime vorstellen, schon allein weil sie kein Kopftuch trug. Ich beruhigte sie, dass er sie wohl einfach übersehen hätte. Außerdem sind Busfahrer in Berlin mit einiger Wahrscheinlichkeit selbst Muslime.
Die Zeit, in der Multikulti als eine Bereicherung empfunden wurde, war jedenfalls vorbei. Vorher war es eher kulinarisch verstanden worden. Restaurantvielfalt, fremdländische Spezialitäten, dazu Straßenkarneval mit Sambatänzern in farbenfrohen Kostümen. Die Welt der Kulturen in ihrer Fröhlichkeit. Für all die Redakteure, Pädagogen, Alternativen und weiteren Gutmenschen waren die ethnischen Gruppen Farbkleckse in ihrer eigenen grauen Alltagswelt. Ein bisschen Urlaub vor der eigenen Haustür. Dass die Türken bei dem Multikulti gar nicht mitmachten, fiel niemandem auf. Ihnen war gar nicht bewusst, dass auch sie damit gemeint waren. Sie dachten, dieser Zirkus gelte nur anderen ethnischen Gruppen. Ihre eigene Kultur sehen sie auch heute nicht als bunten Farbklecks im tristen Alltag. Wenn sie an den Straßenumzügen teilnahmen, dann nur, um dem deutschen Publikum am Straßenrand Döner und Tee zu verkaufen.
Gutmenschen erkannte man damals wie heute an ihren Autos. Der Aufkleber »Wir sind Ausländer – fast überall« hatte den Kleber »Atomkraft – nein danke« abgelöst oder ihn ergänzt. Mit dem »fast überall« dachten sie eher an ihren eigenen Urlaub im Hotel in Thailand oder an ihren Studienaufenthalt an der Universität Havanna. Sie dachten weniger daran, wie es sein könnte, wenn man als Deutscher nach Ankara auswandern muss, um dort die Arbeit eines Straßenreinigers zu erledigen. Und wie es wäre, wenn einen die Bevölkerung von Ankara auffordern würde, einmal im Jahr im Trachtenanzug durch die Straßen zu ziehen.
Die Zeit, in der Multikulti als eine Bereicherung empfunden wurde, war jedenfalls vorbei.
Als die Begeisterung für Multikulti vorüber war, wurden die Aufkleber an den Autos abgenippelt und die Gutmenschen wurden böse. Sie stellten mit Entsetzen fest, dass die Türken gar nicht so leben wie sie selbst. Die Toleranz und Philanthropie der Vergangenheit wurden nun als großer Irrtum gesehen. Alles, was man vierzig Jahre lang großzügig übersehen hatte, wurde nun scharf unter die Lupe genommen. Und da kam einiges zum Vorschein: Die türkischen Männer sind Machos, die ihre Frauen schlagen und sie zwingen, als Zeichen der Unterdrückung ein Kopftuch zu tragen. Türkische Jugendliche sind kriminell und verprügeln deutsche Rentner. Und sie alle beherrschen nicht die deutsche Sprache.
Die Türken wussten gar nicht, wie ihnen geschieht. Sie wurden von ihren treusten Freunden einfach verlassen. Anfangs verstanden sie gar nicht, warum. Sie fragten mich, was denn passiert sei, sie wären doch genauso wie vorher. Die Deutschen haben nur gemerkt, dass Türken Muslime sind, antwortete ich ihnen. Und ab jetzt steht ihr unter Beobachtung. Welche Kapriolen dieser Generalverdacht auslösen sollte, konnten weder sie noch ich damals ahnen.
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Helmut Schmidt beklagte im Jahr 2004, dass es ein großer Fehler gewesen sei, die Türken nach Deutschland geholt zu haben. Nicht beklagt hat er die Anwerbeabkommen mit Italien, Griechenland, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien. Auch die Vietnamesen blieben unerwähnt.
Die türkische Kultur passe nicht nach Deutschland und Multikulti würde nur in obrigkeitsgeprägten Staaten funktionieren. Der Beifall von rechts war Schmidt gewiss. Die Deutschtürken in der SPD schäumten. Schmidt hatte vergessen, dass es oft genug die türkischstämmigen Wähler gewesen waren, die die SPD bei so mancher Wahl vor dem Gang in die Opposition bewahrt hatten. Aber sprach er vielleicht nur das aus, was viele denken? Oder ist es nur dieses Unbehagen, welches viele Deutsche befällt, wenn sie sich mit dem türkischen oder eigentlich muslimischen Thema auseinandersetzen müssen? Der alte Konflikt Abendland gegen Morgenland und der Kampf der Religionen schimmert bei diesen Äußerungen immer durch.
Die Türken waren überwiegend aus den Bergen Anatoliens, die 2.500 Kilometer von Deutschland entfernt liegen, gekommen, um einfache Arbeiten in Deutschland zu erledigen. Als Bauern konnten sie als ungelernte Hilfskräfte Arbeit in der deutschen Schwerindustrie bekommen. Die Kommunen hatten ihnen Wohngebiete zugewiesen, damit sie schön unter sich blieben und nicht mit den deutschen Nachbarn in Berührung kamen. So haben die deutschen Behörden die heute noch bestehenden Gettos geschaffen. Deren Existenz wird heute den Türken als böse Absicht und Zeichen mangelnden Integrationswillens unterstellt. Ob Köln-Nippes, Berlin-Kreuzberg oder Hamburg-Altona, die Türken sollten unter sich bleiben. Wollten sie auch. Schnell stellten sie fest, dass die Deutschen oft nicht sonderlich freundlich sind und eher verbissen ihren Lebensplan abarbeiten. Türken sind sehr gastfreundliche und höfliche Menschen, in der Türkei und in Deutschland. Wenn sie spüren, dass man keinen Kontakt mit ihnen wünscht, sehen sie sich auch nicht veranlasst, den Kontakt zu Deutschen zu suchen.
Die türkische Kultur passt angeblich nicht nach Deutschland und Multikulti funktioniert nur in obrigkeitsgeprägten Staaten.
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Nie hätte ich gedacht, dass sich so viele deutsche Menschen und Behörden, und damit meine ich nicht nur die Ausländerbehörden, mit dem Thema Türken beschäftigen: Ausländerbeauftragte, Mitglieder von Kommissionen, Ausrichter von Preisen zur Integration, Stiftungen zur Förderung der Integration, Institute sowie Abgeordnete des Bundes- und Landtages und der kommunalen Versammlungen, die jeweils Ausschüsse zum Thema gebildet haben. Dann die Integrationsbeauftragten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, Industriestiftungen, Gesundheitsfürsorge für Türken, Podiumsteilnehmer zum Thema »deutsche Sprache, schwere Sprache«.
Alle diese guten Menschen verkaufen uns dann Lösungen für Probleme, die sie selbst in den oben genannten Kreisen herbeidiskutiert haben. Prügeln sich zwei Berliner Jugendliche mit Migrationshintergrund auf einem Berliner Schulhof, sehen sie sofort Zustände wie in brennenden Pariser Vorstädten auf uns zukommen. Das Kanzleramt ist alarmiert. Nach einer Krisensitzung kommt man zu dem Schluss, dass der Aufruhr nur zu verhindern sei, wenn ein millionenschweres Programm zur Prävention aufgelegt wird. Die beiden Kontrahenten sitzen dann schon längst gemeinsam an der Dönerbude und lachen sich halb krumm über die Betroffenheit der Deutschen.
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Aber das größte Problem ist und bleibt die rudimentäre bis fast gar nicht vorhandene Sprachkenntnis vieler Türken. Nun ist es absolut unstrittig, dass eine gute Kenntnis der deutschen Sprache für das wirtschaftliche und gesellschaftliche Fortkommen unerlässlich ist. Viele sind deshalb der Auffassung, dass mit dem Erlernen der Sprache alle Probleme gelöst seien. Viele Mittel werden dazu eingesetzt. Aber es will einfach nicht gelingen!
Die Gettos seien daran schuld, heißt es. Türken könnten in Deutschland leben, ohne ein Wort Deutsch sprechen zu müssen. Die türkischsprachigen Medien tragen ihren Teil dazu bei, heißt es. Manche verweigern schlicht die Angebote zum Erlernen der Sprache.
Nun benötigt man aber zum Lernen einige grundsätzliche Eigenschaften, damit es Früchte trägt: Zeit zu lernen und eine gewisse positive Einstellung zum Lernen. Mit der Zeit hat es bei der ersten und auch teilweise bei der zweiten Generation gehapert. Sie musste hart arbeiten, sich in einer völlig fremden Welt zurechtfinden, die Familie wirtschaftlich über Wasser halten und die Kinder großziehen. Außerdem hatten diese Menschen nie gelernt, wie man lernt. Dies hatte leider zur Folge, dass diese Fähigkeit oft auch nicht an die nächste Generation weitergegeben werden konnte.
Und wer hat schon Lust zu lernen, wenn erste Erfolge nicht gelobt, sondern nur belächelt werden? Wenn die anderen sich über die ersten Sprachversuche lustig machen, statt aufzumuntern?
Manche verweigern schlicht die Angebote zum Erlernen der Sprache.
Wenn kickende Millionäre nach Spielschluss vor die Kamera gezerrt werden und sagen: »Wir gut, Coach sagt Ball, ich lauf, bumm Tor, hab Vertrag ein Jahr, dann Geld mehr.« Dann runzeln wir Deutsche die Stirn. In anderen Ländern würde man dem jungen Mann gratulieren und sich über seinen Erfolg genauso freuen wie darüber, dass er die Landessprache überhaupt verwendet, egal wie, und damit sogar mühelos das Sprachniveau mancher einheimischer Politiker erreicht.
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Ich bin den umgekehrten Weg gegangen. Wenn ich unter Türken leben sollte, wollte ich auch Türkisch lernen. In Deutschland. Ich wollte auch wissen, wie sich das anfühlt, wenn alle Welt von einem Menschen fordert, er solle neben seinem Beruf und im fortgeschrittenen Alter einfach mal so eine neue Sprache erlernen. Viele Menschen, die diese Forderung an die Türken stellen, können selbst keine Fremdsprache. Darauf aufmerksam gemacht, führen sie meistens ihren anstrengenden Beruf als Entschuldigung an. Die türkische Sprache ist ein teuflisches Ding. Sie hört sich nicht nur schwer an, sie ist auch verdammt schwer. Kein Wort kann man irgendwie aus einer anderen Sprache erkennen. Und dann auch noch die große und kleine Lautlehre. Die Artikel werden an die Substantive angehängt, sowohl im Plural als auch im Singular. Kein Wunder, dass die Türken die Präpositionen im Deutschen ganz weglassen.
Meine Lernerfolge waren dann auch eher fragwürdig. Bir fiçi sirkeden ziyade bir damla bal ine sinek tutulur, dachte ich mir und warf mich todesmutig auf diese Aufgabe, denn »mit einem Tropfen Honig fängt man mehr Fliegen als mit einem Fass voll Essig«. Und ohne Fleiß kein Preis. Also lernte ich Vokabeln, konjugierte Verben und kämpfte mit den türkischen Substantiven, die sich zu elendigen Bandwürmern entwickeln können. Als ich dann so leidlich radebrechend Türkisch sprach, gab mir meine Türkischlehrerin mit auf den Weg, bloß nicht mit Türken in Deutschland Türkisch zu sprechen. Ich war irritiert – und hörte nicht auf sie.
»Na also, geht doch, hier spricht man Deutsch.«
Stolz marschierte ich in den nächsten türkischen Lebensmittelladen und bestellte an der Fleischtheke Kuzu (Lammfleisch) ve (und) tavuk (Huhn). Der Fleischer schaute mich an, als hätte ich ein halbes Dutzend Pickel im Gesicht: »Wat wolln Sie?« Ich wiederholte brav, aber etwas unsicher meine türkische Bestellung. »Könnse kein Deutsch?« Ich gab auf und sagte meine Wünsche in deutscher Sprache. »Na also, geht doch, hier spricht man Deutsch.« Demoralisiert verließ ich das Geschäft.
»Ich habe es Ihnen doch gesagt«, ließ meine Lehrerin am Telefon verlauten, ich hatte sie sofort nach dem Vorfall angerufen. »Die Türken in Deutschland wollen nicht, dass man mit ihnen Türkisch spricht. Das halten sie für ungehörig, da man ihnen beigebracht hat, dass sie Deutsch lernen sollen, und jetzt kommen Sie als Deutscher daher und sprechen in Deutschland Türkisch, das verstehen sie nicht.«
Der erste Versuch meiner Integration mittels Sprache in die türkische Gesellschaft war kläglich gescheitert. Ich war an die Demarkationslinie der deutsch-türkischen Integration geraten. Nicht nur der deutsche Innenminister hatte sich über mich gewundert, sondern auch der türkische Metzger. Ausnahmsweise waren beide einer Meinung. Eigentlich schade, dass sich die beiden nie begegnet sind und es auch niemals werden. Denn Minister wechseln in Deutschland, aber der türkische Metzger bleibt.
Eines Abends kam ich aus Wien eingeflogen. Es war ein schöner, warmer Sommerabend. Die Taxifahrer standen vor ihren Wagen und rauchten. Es waren Deutsch-Türken. Aus den Autoradios scholl die Musik des türkischsprachigen Radiosenders Radyo Metropol. Ich ging zum ersten Wagen und nickte dem Fahrer zu. Kaum war ich eingestiegen, drehte der Fahrer den türkischen Sender weg und stellte einen deutschen Sender ein. Türkische Taxifahrer überall in Deutschland glauben, sie würden ihre deutschen Fahrgäste mit ihrer türkischen Musik belästigen. Ich sagte ihm, er solle doch weiter Metropol hören. Erstaunt sah er mich durch den Rückspiegel an und fragte mich, woher ich denn diesen Sender kennen würde. In Türkisch antwortete ich ihm, dass ich der »genel müdür« (Geschäftsführer) dieser Radiostation sei. Ungläubig starrte er mich an. Dann schlug er sich vor Lachen mit der rechten Hand auf seinen Oberschenkel und sagte in Deutsch, wenn ich als Deutscher der Chef von einem türkischen Radiosender sei, dann wäre er Kaiser von China.
Türkische Taxifahrer überall in Deutschland glauben, sie würden ihre deutschen Fahrgäste mit ihrer türkischen Musik belästigen.
Während der Fahrt verfiel er in Schweigen und wir lauschten den traurigen Liedern von Sezen Aksu, Ibrahim Tatlises und Ebru Güneş. Als er mich an meiner Wohnung absetzte, wünschte ich ihm zum Abschied einen »iyi akşamlar« (schönen Abend), er dagegen wünschte mir gute Besserung. Er glaubte, er hätte gerade einen Irren in seinem Wagen befördert.
So scheiterte auch der zweite Versuch, den Türken dafür zu begeistern, dass ich nun als erster Deutscher in die türkische Gesellschaft eingewandert war. In meiner ersten Verzweiflung überlegte ich, ob ich dem Rat des guten Mannes folgen sollte, einen Arzt aufzusuchen.
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Der erste Eindruck ist der entscheidende, sagt man. Das ist vielleicht auch so. Doch das alte Motto »Kennste einen, kennste alle« wollte ich für mich nicht gelten lassen. Ich beschloss, dass es für mich keinen ersten Eindruck gibt, sondern dass ich so viele Eindrücke wie möglich sammeln wollte.
Allein unter Türken zu sein, bedeutet, komplette Denkmuster, die man sich jahrelang aufgebaut hat, einfach über Bord zu werfen. Wenn man ein berufliches Treffen mit einem Türken verabredetet hat, darf man sich nicht wundern, wenn auf einmal fünf Personen erscheinen, von denen vier einfach nur so mitgekommen sind und mit der Thematik des Gesprächs eigentlich nichts zu tun haben. Oder wenn der Gesprächspartner von heute auf morgen verschwindet. Er sei in der Türkei, heißt es dann nach schwierigen Nachforschungen über seinen Verbleib.
Damit ich nicht allein unter Türken blieb, startete ich den Versuch, meine anerzogenen deutschen Tugenden mit den Eigenschaften der türkischen Kultur wenigstens ansatzweise in Einklang zu bringen. Ein schwieriges Unterfangen. Im Bezug auf die Pünktlichkeit meiner neuen türkischen Freunde habe ich ganz schnell resigniert. Ich habe mir einfach ein Tässchen türkischen Tee eingeschenkt und in aller Demut abgewartet.

Der Arbeiter als Gast
Warum die Türken kamen und warum sie geblieben sind
In Deutschland leben 16 Millionen Menschen nicht-deutscher Herkunft. Tendenz steigend. Weniger weil immer mehr Leute hinzuziehen, sondern weil diejenigen, die hier im Land sind, viele Kinder bekommen.
Diese Menschen leben aus unterschiedlichen Gründen in Deutschland. Damit sie aber sofort erkannt werden, werden sie in bestimmte Kategorien eingeteilt. So kann eine Verwechslung mit den Deutschen erst gar nicht passieren. Ordnung muss sein. Dabei ist es gar nicht so einfach, am Ball zu bleiben. Denn die vielen Nicht-Deutschen entwickeln doch glatt immer neue Kategorien. Und immer neue Schubladen müssen her.
In Deutschland leben 16 Millionen Menschen nicht-deutscher Herkunft.
Was nur wenige wissen: Die Türken, die als Gäste in den Sechzigerjahren nach Deutschland kamen, waren beileibe nicht die Ersten. Vor ihnen waren schon die Beutetürken da gewesen. Das waren die Türken, die in den osmanischen Kriegen des 17. und 18. Jahrhunderts gefangen genommen und nach Deutschland und Österreich verschleppt worden waren. Es galt als wahnsinnig schick, seinen Hof mit einem exotisch aussehenden Türken zu schmücken.
Im Land regierte das Prinzip »cuius regio, eius religio«. Mit anderen Worten: Das, was der Chef glaubte, mussten auch die Untertanen glauben. Da noch keine Demokratie herrschte, wurden die Beutetürken zwangsweise einem intensiven Unterricht in deutscher Sprache und christlicher Religion unterzogen. Dann wurden sie getauft. Diese Türkentaufen sollen ein großer Spaß gewesen sein – für das Publikum. In ihrer Beliebtheit hatten sie einen ähnlichen Stellenwert wie die Vollstreckung von Todesstrafen und das Verbrennen von Hexen. Der Türke musste zwar vor seiner Taufe ausrufen, dass er ein »Türck« und ein verdammter Mensch sei, das war es dann aber auch schon, denn das christliche Weihwasser erlöste ihn später von seinem jämmerlichen türkischen Zustand. So einfach war das damals mit der Integration. Manch einer von ihnen machte Karriere und gelangte zu einem Adelstitel: Ludwig Maximilian Mehmet von Königstreu ist ein schönes Beispiel hierfür. Und irgendwann hatten sich die Beutetürken so assimiliert, dass sie in der deutschen Kultur regelrecht aufgingen. Insgesamt war dies also eine überaus positive Erfahrung mit der Integration.
Dann kamen die Gastarbeiter. Ein schöner Begriff für Leute, die man eigentlich gar nicht haben will. Der Arbeiter als Gast? Der Gast als Arbeiter? Wie soll das gehen? Ist die polnische Putzfrau, die bei uns zu Hause unterbezahlt die Wohnung säubert, unser Gast? Geht man mit Gästen nicht eigentlich ganz anders um? Bewirtet man sie nicht, ist höflich zu ihnen und schaut, dass es ihnen an keiner Bequemlichkeit fehlt? Korrekterweise hätte der Gastarbeiter als zeitlich begrenzte Arbeitskraft bezeichnet werden müssen oder so ähnlich. Zu einem Lebensabschnittspartner sagt man ja auch nicht Gastgatte. Und zu einem Leihwagen nicht Gastauto.
Geht man mit Gästen nicht eigentlich ganz anders um?
Ob die Gastarbeiter sich als Gäste gefühlt haben, ist nicht bekannt, sicher aber ist, dass sie nicht wie solche behandelt wurden. Denn unter Gastfreundschaft verstehen die Türken in ihrer eigenen Kultur etwas komplett anderes. Die Deutschen eigentlich auch. Mir persönlich allerdings gefällt das gut, wenn Gäste arbeiten müssen. Ich müsste mal wieder meinen Keller aufräumen. Da lade ich mir doch gern ein paar Gäste ein.
Nun, die Gäste aus der Türkei sperrte man in unwirtliche Wohnheime und gab ihnen die Arbeiten, die die Deutschen nun wirklich nicht mehr machen wollten. Man siedelte sie in Gettos an, damit sie ja nur unter sich blieben und damit die Deutschen nicht mit ihnen in Berührung kamen.
Gastarbeiter traf man oft auf deutschen Bahnhöfen. Nicht dass von Köln aus Züge nach Gaziantep oder Erzurum gefahren wären. Nein, der Gastarbeiter holte sich dort seine drei Tage alte türkische Tageszeitung und bei diesem Einkauf traf er seine Kollegen. Da ein deutscher Bahnhof, es ist kaum zu glauben, oft gemütlicher war als der Bretterverschlag, in dem sie untergebracht waren, blieben sie alle zusammen gleich für ein paar Stunden dort. Irgendwie musste ja der christliche Sonntag herumgebracht werden. Gott und Allah sei Dank wurde in den Sechzigerjahren in Deutschland noch richtig gearbeitet. Auch samstags wurde in die Hände gespuckt, so blieb nur wenig Zeit für Heimweh und Sehnsucht.
Der Gastarbeiter konnte sich seinen Wohnort nicht selbst aussuchen. Auch nicht die Art der Arbeit. Er wurde von einer beliebigen Firma in Deutschland angefordert. Es konnte ihn in eine Großstadt, in eine Kleinstadt oder auf das platte Land verschlagen. In einen Gelsenkirchener Kohleflöz 800 Meter unter der Erde oder ans Fließband in Sindelfingen.
Gott und Allah sei Dank wurde in den Sechzigerjahren in Deutschland noch richtig gearbeitet.
Besonders beliebt war es, die Gastarbeiter nach Berlin zu holen, denn da wollten nur die allerwenigsten Deutschen hin. Zumindest solange die Stadt wie eine Insel in der DDR lag. So wurde dann Berlin die größte türkische Stadt außerhalb der Türkei. Das machte die Stadt bei den Westdeutschen noch unbeliebter. Immerhin hielten diese Menschen die Stadt irgendwie auch am Leben. Trotzdem wurde in diesen Zeiten über die türkische Population gerne hinweggesehen.
Die Kommunisten im Osten nahmen die Türken in Westberlin natürlich auch wahr. Als natürliche Freunde! Denn da hatte sich doch die klassische Arbeiterklasse eingefunden, die nur mit den richtigen Parolen auf den richtigen sozialistischen Weg gebracht werden musste. Flugs stellten die Genossen im Osten einen Sendemasten auf und beschallten die Empfänger mit ihrer frohen Botschaft via Radioprogramm. Das war wohl der erste türkischsprachige Radiosender in Deutschland. Das hat aber nichts genutzt, denn die Gastarbeiter konnten mit den gott-losen Inhalten aus dem Osten nichts anfangen. Mit ihrer wertkonservativen Einstellung müssten die Türken in Deutschland eigentlich klassische Wähler der christlichen Parteien sein. Aber das ist eine andere Geschichte.
Weg kamen die Türken aus der Stadt so gut wie nicht mehr. Noch heute sind sie in Deutschland immobil. Wenn sie nicht gerade Verwandtschaft in einer anderen Stadt oder Region haben, bleiben sie lieber dort, wo sie zu Hause sind. Das führt dann dazu, dass sie ein sehr einseitiges Bild von Deutschland haben. Ein Berliner Türke kann sich nicht vorstellen, dass in Süddeutschland junge Deutsche in freiwilligen Feuerwehren, Trachtenvereinen oder traditionellen Musikgruppen aktiv sind. Für ihn sind alle deutschen Jugendlichen so, wie er sie aus Berlin Neukölln und Kreuzberg kennt. Für ihn ist schon Dahlem ein fremder Bezirk, den er nicht freiwillig betreten würde. Da hat der Türke leider die gleiche Sichtweise, die auch dem Deutschen und vielen Menschen auf der Welt zu eigen ist: Kennste einen, kennste alle!
Mit ihrer wertkonservativen Einstellung müssten die Türken in Deutschland eigentlich klassische Wähler der christlichen Parteien sein.
Aber zurück in die Sechziger- und Siebzigerjahre: Fliegen war unbezahlbar. Für einen Gastarbeiter erst recht. Für die meisten deutschen Westberliner war auch per Auto eine Reise nach Italien oder Spanien undenkbar. Sie machten ihren Urlaub höchstens in Osthessen oder Nordbayern. Nur die heimwehkranken Türken waren verrückt genug, mit dem Auto von Westberlin in die Türkei zu fahren. Drei Tage dauerte die Fahrt in die anatolische Heimat. Die Strapaze fing aber schon vorher an. Im Vorfeld mussten Visa beantragt werden, denn die Gastarbeiter und auch ihre Frauen und Kinder waren in dieser Zeit noch durchweg türkische Staatsbürger. Also hieß es für Österreich, Ungarn und Bulgarien ein Visum zu beantragen, eine zur damaligen Zeit äußerst langwierige bürokratische Angelegenheit. Dann ging es im überladenen Ford Transit erst mal auf dem Transitweg durch die DDR, dann quer durch den ganzen Balkan – eine quälende Angelegenheit. Und nach der Überquerung des Bosporus waren es dann noch einmal gute 1.000 Kilometer.
Wie war das eigentlich für einen Menschen aus Anatolien, genauer: aus Kurdistan, der sich in den Sechzigerjahren aufmachte, um den Deutschen bei ihrem Wirtschaftswunder zu helfen? Ein Bus fährt in einen kleinen Weiler in den kurdischen Bergen. In diesem Bus sitzen türkische Staatsbeamte, die die kurdischen Menschen auffordern, ihre Heimat zu verlassen. Darunter auch Mehmet. Er soll für einige Jahre in ein fremdes Land gehen, um dort viel Geld zu verdienen, und dann später wieder zu seiner Familie in die Heimat zurückkehren. Es war nicht so, dass Mehmet in seinen Bergen am Samstagmorgen die Stellenangebote der Frankfurter Allgemeine Zeitung las und sagte: Hey, tolles Stellenangebot, da geh ich jetzt mal hin! Nein, er wurde eingesammelt und nach Deutschland verfrachtet. Er wusste noch nicht einmal, in welche Stadt er kommen würde, als ihm gesagt wurde, er hätte jetzt eine Arbeit bei Ford oder Daimler. Woher sollte er auch den Unterschied zwischen Berlin, Bochum oder Sindelfingen kennen?
Mehmet. Er soll für einige Jahre in ein fremdes Land gehen, um dort viel Geld zu verdienen, und dann später wieder zu seiner Familie in die Heimat zurückkehren.
Und dann war Mehmet in Berlin, in einer Stadt, die er eigentlich so schnell wie möglich wieder verlassen wollte. Er war alleine und musste hart arbeiten und vermisste seine Familie. Aber mit der Zeit schmolz der Wille, in die Heimat zurückzukehren, dahin. Das hatte mehrere Gründe : erstens hatte er noch nicht genug Geld verdient und wollte noch mehr Geld verdienen. Außerdem stellte er bei seinen Heimatbesuchen schnell fest, dass es in seinem Heimatdorf an jeglicher Infrastruktur fehlte. Das war ihm vorher gar nicht aufgefallen. Mit all dem verdienten Geld konnte er dort gar nichts anfangen. Mit gesparten 25.000 DM ein Geschäft in der anatolischen Provinz aufzubauen, in der es noch nicht mal Strom und Wasseranschluss gab, das war offensichtlich Nonsens.
Also kehrte er nicht in die Heimat zurück, sondern holte sie sich nach Deutschland. Er ließ Schritt für Schritt seine Familie nachkommen. Bei Türken heißt das nicht nur die Frau und die Kinder, sondern auch die Brüder und Schwestern und deren Kinder usw. Wie Mehmet haben es viele Türken gemacht, so entstand dann in Köln, Stuttgart, Berlin und vielen anderen Städten Deutschlands ein Stück Türkei.
Also kehrte er nicht in die Heimat zurück, sondern holte sie sich nach Deutschland. Er ließ Schritt für Schritt seine Familie nachkommen.
In Berlin wurden mit der Zeit nicht mehr so viele Gastarbeiter benötigt. Im Gegenteil. Die großen Firmen der Stadt fingen an, ihr Personal abzubauen. Und davon war auch Mehmet betroffen. Er bekam eine Abfindung. Zusammen mit seinem Ersparten war eine recht große Summe zusammengekommen. Natürlich ging er auch jetzt nicht mit dem Geld zurück in seine Heimat. Mittlerweile war ja die ganze Familie in Berlin heimisch geworden. Sie entschlossen sich, dann lieber gleich ein kleines Gewerbe in Berlin zu eröffnen. Das war die Geburtsstunde der Dönerbude. Die ganze Familie arbeitete mit. Und die Berliner Boulette starb einen sanften Tod.