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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 

Den
Freunden auf der Böhre
September 1947

EINFÜHRUNG
Zur Neuauflage von »Muße und Kult«
Kardinal Karl Lehmann
Josef Pieper
in Dankbarkeit und Verehrung
zehn Jahre nach seinem Tod

Ein wahrer Denker

Josef Piepers kleines Buch Muße und Kult gehört zu den ältesten und zugleich zu den erfolgreichsten Büchern dieses Autors. Im Jahr 1948 im Kösel-Verlag erschienen, erreichte es 1995 die 9. Auflage. Es spricht viel dafür, dieses Buch wieder zu lesen und für unsere Zeit ein wenig aufzuschließen.
Für dieses damals wie heute fremde Thema ist Josef Pieper der richtige Begleiter.1 Er ist nicht nur Philosoph. Er ist wirklich ein eigenständiger Denker. Er führt seine Leser dazu, sich selbst auf die Suche nach der Wirklichkeit des Lebens zu begeben. Dabei ist Josef Pieper immer im Kontakt mit der Erfahrung und ist so auch im Sinne von Meister Eckhart ein Lese- und Lebemeister. Immer wieder kämpfte er über Jahrzehnte um das, was »Muße« für den Menschen ist. Wäre sie nicht lebensnotwendig, hätte er diesem Buchstabieren nicht so viel Kraft und Zeit geschenkt. Man kann sich ihm wahrhaftig anvertrauen.2
Josef Pieper ist im strengen Sinn des Wortes Philosoph. Er wendet sich der Weltweisheit zu. Aber er nimmt die ganze Wirklichkeit ernst und stellt sich ihr. Deswegen klammert er die religiöse Erfahrung und ihre Welterschließung nicht einfach aus. In diesem Sinne denkt er immer auch bei aller Strenge der Philosophie in einem universalen Horizont.
Philosophie und Theologie richten ihren Blick und ihre Aufmerksamkeit auf die Gesamtheit dessen, was ist. Beide kümmern sich um die Frage, was es auf sich hat mit dem Ganzen. Das Wirkliche im Ganzen, der Gesamtzusammenhang von Welt und Existenz ist das unendliche, niemals rundum zu fassende Thema. Josef Pieper hat immer darauf hingewiesen, dass es die »Leistung« des echten Philosophen sei, den Blick für das Unbegreifliche dieser Ganzheit offenzuhalten, misstrauisch zu machen gegen alle »Weltformeln«, gegen die Schließung des Weltbildes durch eine voreilige Systematik, Widerstand zu leisten gegen jeden Versuch, irgendein Element der vollen, ungeschmälerten Realität zu unterschlagen oder zu vergessen. Was würde uns mehr Not tun als die Kraft, diesen unendlichen Weitblick auszuhalten! Wir wissen immer mehr von immer weniger, verlieren uns in vielen Subtilitäten und Spezialitäten. Sie sind wichtig, oft überlebenswichtig, aber sie dürfen uns nicht den Blick verstellen für dieses Ganze. Dafür steht vielleicht mehr das Philosophieren als die Philosophie.
Deswegen ist die Philosophie so wichtig und so wohltuend für die Theologie, denn auch die Theologie ist vor einem solchen einengenden Spezialistentum nicht gefeit. Das Denken Josef Piepers hilft uns, die Wege zum Ganzen, zu seinem Grund und Ziel, letztlich zum Geheimnis und Erfüllung in Gott offenzuhalten. Die Theologie braucht diese Hilfe, damit sie nicht die Ehrfurcht vor der Welt und erst recht vor Gott einbüßt. Hier trennen sich zwar Philosophie und Theologie, aber nicht endgültig. Beide fragen danach, was es mit dem Zusammenhang aller Dinge auf sich habe, was das denn sei: der Mensch selbst, Geist und Sinn, das Wirkliche überhaupt. Beide können, wenn sie sich recht verstehen, auch nicht davon absehen, dass sie nach einer letzten Bedeutung dieses Ganzen suchen. Wer denkt, geht der Sache ganz auf den Grund. Und gewiss ist die Philosophie mehr auf die beunruhigende Frage nach dem Ganzen hin orientiert, die Theologie aber will eine Antwort geben, eine positive und verlässliche Antwort, warum etwas ist und nicht nichts. Der Theologe ist überzeugt, dass er diese Antwort in der göttlichen Offenbarung findet, die es auszulegen gilt. Theologie gibt es allein auf Grund von Offenbarung. Josef Pieper wusste immer um die Zuordnung von Philosophie und Theologie, aber auch um die spannungsreiche Partnerschaft zwischen ihnen. Wer wirklich ernsthaft suchen will, kommt auf die Philosophie; wer eine Antwort finden will, kommt an Religion und Theologie nicht vorbei.
Das Denken Josef Piepers hilft dem Theologen auch noch in einer ganz besonderen Hinsicht, die man so bei ihm gar nicht sofort vermutet. Es geht darum, für alle Wahrnehmung Augen und Ohren, Herz und Geist offenzuhalten. Pieper ist ein Denker, der die Beziehung zur Erfahrung gründlich reflektiert. Er besteht darauf, dass der Philosoph den Zusammenhang mit der Erfahrung aufrechterhält. Freilich ist mit der Erfahrung nicht nur der
Bereich des empirisch Gegebenen gemeint. Für Pieper ist Erfahrung Erkenntnis auf Grund unmittelbarer Wirklichkeitsberührung. Der ganze leibhaftig-lebendige Mensch ist der sensible Spiegel solch unmittelbarer Wirklichkeitsberührung. In diesem Sinne ist für Josef Pieper nichts entbehrlich, alles gehört dazu: die Erfahrung des Wachenden wie des Schlafenden, des Trunkenen, des Sich-Ängstigenden, Erfahrung im Licht wie im Dunkel, im Schmerz und im Glück, religiöse und skeptische Erfahrung. Im Blick auf den Philosophen sagt Pieper, dass es ihm nicht erlaubt sei, auch nur eine einzige mögliche Auskunft über Realität formell aus der Erörterung auszuschließen. Sonst gibt er das Denken auf. Dieses besteht gerade darin, das Wirklichkeitsganze aufzuhellen, und dies unter jedem denkbaren Blickwinkel.
Ich denke, dass dies von unschätzbarem Wert für die Theologie ist, wenn sie die Nähe zur vielschichtigen und vieldimensionalen Realität nicht verlieren will. Nicht zuletzt dies ist der Grund, warum Josef Pieper von Anfang an so gut wie nichts aus seiner Weltweisheit ausklammert. Und so verhält er sich eben auch konsequent zur Theologie. Denn wenn er sie von vornherein eliminieren würde – etwas anderes sind methodische Unterscheidungen -, würde er sich unter Umständen auch ärmer machen. Josef Pieper unterscheidet mit Thomas von Aquin zwischen Philosophie und Theologie. Aber er unterscheidet, um zu verknüpfen, und nicht, um zu trennen. Es steckt eine riesige Herausforderung für die Theologie in dem kleinen Satz des hl. Thomas: »Die Erkenntnis des Glaubens setzt die natürliche Erkenntnis voraus.« Irrtümer in der Wahrnehmung der Schöpfung, so sagt Thomas nicht weniger deutlich, führen zuweilen auch von der Wahrheit des Glaubens ab.
Michael Pieper, der Sohn des Philosophen, und der Kösel-Verlag, der seit Jahrzehnten das Werk Josef Piepers betreut3, möchten – unabhängig vom Erscheinen der Gesammelten Werke – zum zehnten Todestag von Josef Pieper am 6. November 2007 Muße und Kult als eigene kleine Schrift wieder vorlegen.4 Sie ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel für Josef Piepers vortreffliche Kunst des Denkens. Auch sechzig Jahre nach der Entstehung dieser Schrift geht man gerne noch oder wieder bei ihm in die Schule des Nachdenkens über unsere tägliche Wirklichkeit. Dazu möchte ich hier die Entstehungsbedingungen und den Kontext von Muße und Kult darlegen. An einem Beispiel, nämlich dem Sonntag, soll die Bedeutung der Gedanken Josef Piepers für heute aufgezeigt werden. Dann wird – so hoffe ich – noch deutlicher werden, wie die Lektüre von Muße und Kult reich belohnt. Der Ertrag ist auch für den heutigen Leser groß, vielleicht noch größer als früher.5

Hintergründe, Entstehen und Fortwirken

Berthold Wald, Herausgeber der Gesammelten Werke Josef Piepers, macht in Band 6 in seinem Nachwort darauf aufmerksam, dass diese Schrift, auch in den Augen Piepers, einen grundlegenden Rang hatte und zu den wichtigen Versuchen nach 1945 gehörte, eine Antwort auf die geistige Situation der Zeit zu formulieren.6 Nicht zufällig nennt Wald im gleichen Atemzug die Dialektik der Aufklärung von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.7 Auch wenn die Positionen sehr verschieden sind, so gibt es doch eine wesentliche Gemeinsamkeit in der Prognose, dass nämlich die instrumentelle Vernunft der Neuzeit den »Lauf zur verwalteten Welt«8 eher noch beschleunigen wird und den Einzelnen in die Gefahr bringt, »ganz und gar Funktionär zu werden«.9 Auch bei Pieper wird auf die moderne Arbeitswelt hingewiesen, die vieles verdrängt habe. Ein bloßer Rückgriff auf Traditionspflege allein sei – so Pieper – wirkungslos, weil auf solche Weise »die eigentlichen geschichtlichen Fronten durch restaurative Vorläufigkeiten noch verdeckt und undeutlich bleiben«.10 Gewiss gibt es noch andere Gemeinsamkeiten mit der Zeitdiagnose bald nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich denke da auch an die Analysen und Betrachtungen von Romano Guardini, Karl Jaspers, José Ortega y Gasset oder Helmuth Plessner.
Josef Pieper hatte für Band 1 einer von ihm selbst geplanten achtbändigen Gesamtausgabe seiner Werke, die ab Frühjahr 1970 im Kösel-Verlag erscheinen sollte, bereits drei Schriften satzfertig vorbereitet, nämlich Muße und Kult, Glück und Kontemplation und Zustimmung zur Welt. Der Sache nach finden sich die Stichworte dieser Schriften schon in Aufzeichnungen des Jahres 1941. Berthold Wald zitiert dazu aus einer bisher unveröffentlichten Vorbemerkung Piepers zu dem 1970 geplanten Band 1: »Kennworte (zu diesen Themen) finden sich sämtlich schon 1941 in den Aufzeichnungen, durch die ich mir während des Krieges notdürftig eine gewisse Kontinuität des Denkens zu bewahren suchte: Kult und Feier, Muße, die Freistatt inmitten der Arbeitswelt, Entrückung aus dem Hier und Jetzt, Kontemplation.«11 Im Jahr 1942 schreibt Josef Pieper: »Zum Erscheinungsbild der Mußelosigkeit gehört auch, dass der Mensch nicht beten kann. Auch das Gebet schenkt Entrückung aus dem Gefüge des Alltäglichen und öffnet den Zugang zu den Ur-Wirklichkeiten. Die Erquickung dessen, der aus dem Gebet zurückkehrt, gleicht der des Erwachenden. Muße – Schlaf – Gebet – Kontemplation. Von hier aus gewinnt die Regel des täglichen Gebetes neues Gewicht.«12
Auf diese Weise erklärt sich auch, dass Josef Pieper sich damals zu diesen Themen intensiv Gedanken machte und im September 1947 in nur drei Wochen Muße und Kult niedergeschrieben hat. So liest sich auch heute noch das Buch wie aus einem Guss. Daran erinnert auch noch die sonst nicht erklärte Widmung »Den Freunden auf der Böhre«. In den späteren autobiografischen Aufzeichnungen der Jahre 1945 bis 1964 Noch nicht aller Tage Abend 13 weist Pieper selbst auf diese Zeit hin: »Die Familie eines uns befreundeten Kinderarztes, der ab und zu nach unseren Sprösslingen sah, hatte mir dafür (für die Niederschrift von Muße und Kult) in ihrem sauerländischen Ferienhaus ›Auf der Böhre‹ eine winzige Kammer überlassen. Zwar waren gleichzeitig die eigenen Kinder im Studentenalter und manchmal auch noch deren Freunde im überfüllten Haus; aber meine Klause lag etwas abseits im Obergeschoss eines hölzernen Schuppens. Es gab darin nur Bett, Stuhl und Tisch; und der war vor ein Fenster gerückt, durch das man, ohne eine einzige menschliche Siedlung zu erblicken, in die weite Hügellandschaft hinaussah.«14 Pieper begann früh am Morgen mit der Arbeit. Er lobte die »absolute Stille«. Der Abend war dann eher dem geselligen Gespräch und den vielfältigen musischen Unternehmungen gewidmet. »In diesen unvergesslichen drei Wochen, begünstigt durch den leuchtenden Spätsommer und die frische Kühle der Morgenstunden, vor allem aber gewürzt durch die Ingredienzien menschlicher Nähe und Freundschaft, wuchs das Manuskript rasch zum runden opusculum heran.«15 Auf diese Weise konnte Josef Pieper bereits Anfang Oktober 1947 das Manuskript an den Verlag schicken. So erklärt sich auch die Widmung an die gastlichen Freunde. »Im Frühjahr 1948 war auch sie (die Arbeit) bereits auf dem Büchermarkt. Keine meiner Schriften ist, meine ich, unter einem glücklicheren Stern geschrieben worden; vielleicht merkt man es ihr auch an.«16 In der Tat liest man diese bedächtig, konsequent und überzeugend geschriebene Besinnung mit einer ruhigen, geradezu meditativen Zustimmung. Die Schrift nimmt den Leser von innen her mit, lässt ihm im Nachvollzug eine große Freiheit und begeistert ihn dennoch tief. Dazu verhilft auch die schöne und gepflegte Sprache.
Es gibt im Werk Josef Piepers bereits kleine Vorarbeiten, die zeigen, wie tief das Grundthema ihn schon lange beschäftigte. Vieles findet sich offenbar schon in den Notizen zu Muße und Mußelosigkeit.17 Die Gedanken waren für Pieper so wichtig, dass er einiges davon bereits in die Antrittsvorlesung an der Universität Münster im Jahr 1946, Philosophische Bildung und geistige Arbeit, aufgenommen hat.18
Das Thema hat Josef Pieper auch später nie losgelassen. Man sieht dies an den schon genannten späteren Büchern Glück und Kontemplation (Vorlesung 1951/52, als Buch erschienen 1957) und Zustimmung zur Welt (Ersterscheinung 1963)19: Auch hier geht der Grundgedanke auf das Jahr 1941 zurück, lag also mehr als zwanzig Jahre vor der Buchveröffentlichung.20 Auch nach dem Erscheinen von Muße und Kult gibt es immer wieder Spuren der Kerngedanken, die weiterentwickelt worden sind, so in Arbeit – Freizeit – Muße aus dem Jahr 1953, einem Vortrag bei den Recklinghauser Ruhrfestspielen21, Muße und menschliche Existenz22 aus dem Jahr 1959 und Gottgeschenkte Atempause. Arbeit – Muße – Sonntag – Fest23 aus dem Jahr 1980. Noch viele andere Texte besonders zum Phänomen des Festes und zur Kontemplation wären zu nennen.24 Wie ein roter Faden zieht sich das Thema durch das Gesamtwerk Josef Piepers.

Inmitten der Diagnose der Zeit

Bei aller reflexiven Begabung ist Josef Pieper ein scharfsinniger Beobachter der Wirklichkeit. Für ihn ist darum auch das »Sehen« wichtig.25 Nicht selten bedient er sich dabei des wissenschaftlichen Expertenwissens, vor allem aber auch der Dichter und Künstler, um zu sehen, was ist.