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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Vorwort
Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin
Bundesministerin der Justiz a. D.
 
 
Liebe Leserin und lieber Leser der Kieselschule!
 
Mancher von Ihnen wird sich jetzt die Augen reiben und fragen, warum ich zu diesem Buch ein Vorwort schreibe, in dem es um Kieselsteine, Musik und Pädagogik geht.
In der Tat bin ich ja bekannter als Politikerin, als Justizministerin, als jemand, die für Menschenrechte eintritt und sich um den Aufbau einer unabhängigen Internationalen Gerichtsbarkeit bemüht, damit gerade auch die politisch und militärisch Mächtigen zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie schwerste Menschheitsverbrechen befehlen.
Der Zusammenhang ist schnell erklärt: Wer gegen Menschenrechtsverletzungen kämpft, muss gegen Gewalt kämpfen. Und dafür eintreten, dass Kinder ohne Gewalt aufwachsen und lernen, Konflikte zu bewältigen und durchzustehen, ohne in den elenden Kreislauf von erlittener und später selbst ausgeübter Gewalt verstrickt zu werden.
Ja, wir sind heute in vielen Punkten weiter als vor Jahrzehnten: Gewalt als Erziehungsmittel auch der Eltern gegenüber ihren Kindern ist heute per Gesetz verboten; häusliche Gewalt wird als Gemeinheit von Stärkeren gegenüber den Hilflosen und Schwachen, als wesentlicher Teil des Kreislaufs der Gewalt und als wichtige Quelle von Kriminalität ernsthafter als früher bekämpft. Dennoch, das sehen wir alle an den Gewaltproblemen unserer Tage, ist Gewaltprävention als Erziehung zum Frieden und zum guten Miteinander notwendiger denn je: in Kindergärten, Schulen, Jugendzentren und -clubs, kurz: überall in unserer Gesellschaft. Es gibt viele Konflikte; man muss lernen, sie zu erkennen, mit ihnen umzugehen und sie ohne Gewalt zu bewältigen.
Dafür gibt es ganz unterschiedliche Wege und Zugangsmöglichkeiten. Viele wichtige Konzepte versuchen es über die Sprache und über den Kopf. Das hat in vielen Fällen Erfolge. Es gibt auch den Versuch, über Vorbilder und den Einfluss auf Verhalten, über das Hören und Erleben von Musik, über Tanzen und Mitmachen Zugang zu erhalten. Das ist da besonders wichtig, wo mit verbaler Kommunikation Schwierigkeiten verbunden sind.
Mich fasziniert an der Kieselschule die Kombination aus Steinen und Musik zu einem Konzept der Gewaltprävention in genau solchen Bereichen.
Ich habe Prof. Feßmann schon vor Jahren kennengelernt und in seinem Studio und in Konzerten mit immer größerer Faszination erfahren, wie er aus Steinen Klänge herausarbeitet und damit Musikerlebnisse schafft, die, allein oder in der Kombination mit menschlichen Stimmen oder mit anderen Instrumenten, in unserer Kultur und Musik-Tradition neu, im wahrsten Sinne unerhört sind.
Von ihm habe ich auch gelernt, dass solche Klänge Wirkungen darüber hinaus erzeugen können, dass sie dabei helfen können, Menschen neu zu orientieren. Daran arbeiten interessierte Forscher heute, die Möglichkeiten sind längst noch nicht alle bekannt oder gar bestimmt.
Zur Erarbeitung des vorliegenden Konzepts der Kieselschule zur Gewaltprävention hat sich ein innovatives Team aus Musikern, Medizinern und Psychologen zusammengefunden. Ihr Konzept ist faszinierend – ich habe mich mit großem Interesse in das Buch vertieft. Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, wünsche ich, dass Sie diese Faszination schon beim ersten Lesen, dann aber auch beim gründlichen Durcharbeiten der 26 Lektionen und bei der Anwendung des Konzepts in der Praxis spüren. Den Autoren, vor allem aber dem Konzept der Kieselschule zur Gewaltprävention, wünsche ich viel Erfolg.
 
Ihre
Herta Däubler-Gmelin

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Steine sind stumme Lehrer,
sie machen den Beobachter stumm,
und das Beste, was man von ihnen lernt,
ist nicht mitzuteilen.
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE

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OUVERTÜRE
Impressionen aus der Praxis

Die Erwachsenen
Schloss Freudenberg Wiesbaden, Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne nach Hugo Kükelhaus: Matthias Schenk, der Leiter der Einrichtung, mit seinen MitarbeiterInnen, ein sonniger Herbsttag, der vertraute Raum mit dem groben Holzboden, die Klinkerbögen vermitteln die bekannte warme Atmosphäre. Wie jedes Vierteljahr waren wir am Vormittag eines Samstags dorthin gereist, um mit Menschen zu arbeiten, die das »Mit Steinen Musikmachen« erlernen wollten. Menschen, die am Klang, an der Musik interessiert sind, die gespürt hatten, dass dies etwas mit ihnen anstellt, sie bewegt. Unter ihnen waren die beiden jungen Mitarbeiterinnen des Hauses, denen dieser Raum gefällt und denen sich der Klang der Steine in ihren Ohren festgesetzt hatte; die Ergotherapeutin aus Bonn, die davon gehört hatte, aber sich »das mit den Steinen« nicht vorstellen konnte; der Ingenieur aus Frankfurt, der in seiner Freizeit Instrumente baut und am Klang arbeitete; die Leiterin des Kölner Jugendtreffs, die die verschiedenen Nationen unter den berühmten Hut zu bringen hatte; die Erzieherin, die neugierig auf das Projekt war; die Grundschullehrerin aus Aachen, die fachfremd Musik zu unterrichten hatte und Konzepte benötigte, möglichst schnell und effektiv, denn der Druck ist groß; die Tagesstättenleiterin, die sich informieren wollte, was das mit den Steinen mit einem und den anderen so anstellt …
Insgesamt nehmen bei dieser Art von Fortbildung immer zwölf Interessenten teil und arbeiten vier Stunden am Nachmittag, immer von 14 bis 18 Uhr.
»Sie suchen sich bitte auf dem Tisch dort zwei Kieselsteine aus, einen größeren flachen und einen kleinen, eckig oder rund ist egal.«
Sie sind wunderschön, die Steinderln, wie wir in Österreich sagen, manchmal sind die Adern schön sichtbar, die Farben bewegen sich zwischen braun, grau und schwarz, die Formen so vielfältig wie die Schöpfung.
»Sie sollten einen kleineren für die flache Seite nehmen, meine Dame.
Und nun, meine Damen und Herren, schauen Sie sich einmal Ihre Hände an, stecken Sie erst einmal Ihre Kieselsteine in die Tasche, Ihre Hände sind jetzt bedeutungsvoll. Ihre Hände mit den vier abzuspreizenden Fingern, vom kleinen bis zum Zeigefinger, die vier, die aus fünf Teilen bestehen: zwei harten Gelenken und drei weichen, aus Sehnen, aus Muskeln und verschiedenen Hautschichten bestehenden Zwischenbereichen. Nur der Daumen gehört hier nicht dazu, steht ab und hat nur drei Teile: zwei weiche und ein Gelenk. Deshalb spielte man das Klavier vor Bach auch ohne denselben, da dieser so etwas von unnatürlich aussieht, dass man ihn nicht zum Musikmachen verwenden wollte.
Fahren Sie jetzt einmal mit dem kleinen Steinchen ganz langsam jeden der Finger immer von der Spitze ausgehend bis hin zur Brücke ab. Berg- und Talfahrt im Kleinen könnte man dazu sagen, die harten Knochen, die weichen Sehnen und Muskeln, deren Spannung man durch Dehnen, Strecken und Lockern verändern kann.«
»Was heißt das, die Brücke?« »Sie entschuldigen, ich hole nach, die Brücke ist der Innenteil der Handknöchel, der weichere Teil von beiden, die 50-prozentige Verbindung zwischen Knochen/Gelenken und Sehnen/Muskeln. Die Brücke brauchen wir später. Jetzt legen wir den flachen Kiesel in den Handteller, strecken die Finger aus, halten die Hand waagrecht und schauen uns dieses wunderbare Gebilde an. Dieses Handwerkszeug unseres Lebens, mit dem wir musikalische Werke erzeugen, entstehen lassen können. Was für ein Kunstwerk, unsere ganz individuelle Hand, jeder ganz individuelle Kieselstein, unser Klang-Kieselstein, den wir bei gestreckten Fingern auf dem Handteller balancieren und den wir, die Finger langsam beugend, fest umschließen. Aufmachen, schließen, aufmachen, schließen, eine Bewegungsübung für die Finger. Vorsicht, meine Damen und Herren, den Stein auf keinen Fall fallen lassen, wer würde schon eine Geige einfach fallen lassen, wenn er sie in der Hand hält? Ist Holz mehr wert als Stein? Auf keinen Fall. Öffnen, schließen, öffnen, schließen mit der linken Hand.
Und während die Linke dies übt, schauen wir nach der Rechten, die den kleinen Stein, den Spiel-Kiesel, mit dem Daumen und dem Zeige- und Ringfinger leicht in der Hand hält. Einmal die waagrechte linke Hand, die den flachen Klang-Kiesel hält, ihn tanzen lässt auf dem Handteller, ihn langsam bändigt und dann umschließt, um ihn anschließend, peu à peu, wieder frei zu geben. Und nun die rechte Hand mit dem kleinen Spiel-Kiesel, der von oben sich dem Klang-Kiesel nähert.« – Klopf, klopf, klopf, klopf -
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»Immer gleichmäßig im Puls bleiben, kein Rhythmus bitte, nur Puls, so wie der eigene Puls, die Pulsation des Herzschlags, des Blutkreislaufs, immer in Bewegung, immer im Puls, dem Puls der Zeit, dem Puls des Lebens, dem Puls des Klangs. Gleich-mäßig.
Und jetzt stehen wir uns nicht mehr die Beine in den Bauch, sondern nehmen die Füße mit: links, rechts, links, rechts, Puls, Puls, Klopf, Klopf, links, rechts...
Dabei öffnen wir langsam die Finger und strecken sie so, dass die Töne höher werden, nach oben steigen, und wenn wir die Finger langsam wieder beugen und den Klang-Kiesel umfassen und festhalten, werden die Klopf-Klopf-Klänge tiefer, wandern in den Keller der Töne. Am besten versucht jeder von Ihnen, seine Töne, die er oder sie hört, mitzusingen, gleichmäßig im Puls, links, rechts, höher, höher, klopf, klopf, da, do, la, la, Kie-sel, Stei-ne. Und weiter im Raum, hören Sie, was da alles klingt, an jeder Stelle tönt es anders, spielen Sie sich im Begegnen untereinander vor, genießen Sie die Bewegung, den Klang, die Füße, die Hände, die Musik …«
So gerieten alle TeilnehmerInnen, der Ingenieur, die Lehrerin, die Ergotherapeutin, die Erzieherin, nach und nach gleichmäßig in Bewegung, es tönte, pulste, vibrierte, begann zu dampfen, zu schwingen. Der Nachmittag wurde zu einer neuen Erfahrung, knüpfte an Altes, Bekanntes an, erweiterte den Horizont und die Sicherheit im musikalischen Tun. Welche Kraft und Macht hat die Musik, auch ganz ohne Orgel, Geige, Klavier. Nur mit zwei kleinen Kieselsteinchen!

Die Kinder
Was für ein Theater, welch ohrenbetäubender Lärm! Hier kämpften zwei Jungs miteinander.
»Gib mal die Kugeln«, rief Mark.
»Nein, kriegst du nicht«, kam von Yüha.
Dort klingelte das Handy, hinten schminkte sich eine sehr junge Schönheit.
»Ich will jetzt hier das Buch anschauen.«
»Ich les es gerade und geb es nicht mehr her.«
Der kleine Junge in der Ecke vertilgte gerade seinen Apfel. »Ich Chef und sag, was los ist!!« Der Größte der Klasse rief gerade alle Klingeltöne seines Handys ab. Überall war was los, Getöse, Pfiffe, Schreien, Wettrennen...
Niemand hatte bemerkt, dass die Tür aufgegangen war und zwei weitere Personen den Raum betreten hatten.
»Hallo Kinder«, rief der Gast Manfred Kniel vergeblich.
»Ruhe, ihr Lieben, Ruhe! Schaut mal her, wer zu uns gekommen ist. Wir haben Besuuuch!« Die Klassenlehrerin versuchte sich an einer Ordnung. »Nicht so einfach«, erklärte sie dem Gast.
»Ziemlicher Hühnerhaufen, die Kids«, meinte dieser. »Versuchen wir es doch einmal damit.« Er zog zwei Steinchen aus der Tasche.
Klack, klack, klack, klackklacklickklickklick, klack, klack
»Hey, was’n das?« Verwunderte Blick allseits.
Klack, klack, klack, klackklacklickklickklick, klack, klack
»Was machst du?« Plötzlich standen fast alle um den interessanten Herrn herum, der – »Was hast du da?« – Steine, Kieselsteine – klack, klack, klack – in seiner Hand hielt. – Klack, klack, klack – »Hänschen klein« – »Kenn ich das Lied«, flüsterte Flo. – »Hab auch schon gehört.« – Klack, klick, klack, klick »Klingt wie bei Madonna«, kam von Johnny aus Kansas. -»Schlagzeug, er hat n’ Schlagzeug in der Hand!«
»Quatsch, n’ Schlagzeug is zu groß für die Hand.«
»Was hast du« – Klickklack – »da in der Hand?«
»Steine«, sagte Manfred Kniel, »einfach Steine, Kieselsteine, Kiesel aus dem Fluss.«
»Wow, der Mann zaubert Musik aus Stein« – Klick, klack, klack – »Hey du, …«
»Kannst ruhig Manne zu mir sagen, wie Mann aber mit ›e‹, das ist die Abkürzung von Manfred.«
»Hey, du zauberst ja Musik aus Steinen!« »Voll cool!«
»Steine sind doch nicht für Musik, Steine sind zum Spielen oder zum Werfen oder zum Hausbauen oder für den Fluss!« – Klick, klack, klack
»Wollt ihr auch mal spielen?«
»Mit Stein? Kann ich nicht, is zu schwer, ich bin doch kein Zauberer!«
»Ich bring es euch bei, und wenn Ihr aufpasst und gut mitmacht, nehm ich euch in die Zaubergesellschaft auf.«
»Oooooooohhhhhhh, Zaubergesellschaft«, flüsterte Sabrin. »Ist das gefährlich? Flieg ich dann weg wie Harry Potter?«
»Mit Musik kann man fliegen lernen, klar.«
»Und auch wieder landen?«
»Immer. Du hast ja die Steine in der Hand, da kannst du dich festhalten.«
»Nehmt mal jeder zwei Steine von denen, die ich mitgebracht habe, einen großen für die linke und einen ganz kleinen für die rechte Hand und jetzt schaut ihr mir mal zu.«
Alle standen und jetzt war äußerste Konzentration angesagt. Ein Klingen und Flüstern, Tönen und dann Tappeln der Füße war noch hörbar, alles andere war weit weg.
»Hörst du, was ich spiele?«
»Klar, versteh ich gut« – »Mach ich heute Mittag« – »Ich erst morgen, heute geht nicht« – Klick, Klack, Klack, Klack – »Warum denkst du??»- Kling, klang – »Meine Hände machen Musik, hör mal« – »Meine ganz alleine« – »Ich singe mit Hand und Fuß« – klick, klick, klack, klack – »Mein Stein klingt« – klickklack – »Meine Hände machen Musik!!!!« – »Wie geht’s dir?« – »Gut, prima« – klick, klack, klack – »Drei verschiedene Töne: Mir geht’s gut« – klick, klack, klick – »Und schneller!« – klickklickklackklackklack – »Meine Hände fühlen sich ganz anders an, irgendwie verzaubert« – klick, klack – klickklick – »Jetzt sind wir auch Zauberer!« – »Richtige Klang-Musik-Zauberer« – »Ich hab aus dem Stein die Töne gezaubert. Hörst du?« Klick – Klack

Was ist die Kieselschule?
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Ein kurzer Überblick
Die Kieselschule ist ein innovatives Programm zur Förderung von Kompetenzen zur Gewaltprävention. In der Kieselschule gehen Stein und Musik eine Symbiose ein. Der Stein – mitunter auch Ausdruck von Aggression, Kampf und Gewalt – wird hier zu einem Instrument des Miteinanders, des Gefühlsausdrucks und der Kreativität.
 
Warum Kieselsteine? Wir verwenden sie als musikalisches Medium, weil sie für Kinder äußerst ansprechend und attraktiv sind und außerdem ein archaisches, intuitiv zu benutzendes Medium darstellen.
 
»Stein des Anstoßes« für die Entwicklung der Kieselschule war die zunehmende Gewalt und Aggressivität unter Kindern, die nach wirkungsvollen und früh ansetzenden Präventionsstrategien verlangt.
 
Mit Musik gegen Gewalt? Der musikalische Zugang wurde gewählt, weil die Kinder soziales Verhalten mit musikalischen Mitteln spielerisch lernen und problematisches Verhalten ebenso spielerisch verlernen können, ohne dass hierfür auf Sprache als Medium zurückgegriffen werden muss. Das ist gerade mit jungen Kindern und solchen, die vielleicht Schwierigkeiten mit der Sprache haben, ein enormer Vorteil. Zudem können durch das musikalische Spiel mit den Kieselsteinen äußerst wichtige sozial-emotionale Gewaltpräventions-Kompetenzen dauerhaft und im sozialen Gefüge der Gruppe bzw. Klasse geübt werden, ohne dass diese jeweils ausdrücklich thematisiert werden. Auf diese Weise kann die spielerische Auseinandersetzung mit zentralen gewaltpräventiven Themen in den Vordergrund rücken.
 
Wer steckt hinter der Kieselschule? Entwickelt wurde die Kieselschule von einem interdisziplinären Team aus Musikern, Medizinern und Psychologen, die von den positiven Erfahrungen und Befunden zum bestehenden Gewaltpräventions-Programm Faustlos inspiriert wurden (mehr dazu siehe Seite 64 ff.).
In die Entwicklung der Kieselschule flossen zudem psychologische und neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse ein, die zeigen, dass musikalische Erfahrungen in vielfältiger Weise emotionale, kognitive und soziale Kompetenzen in Bereichen fördern können, in denen Kinder mit aggressivem Verhalten Defizite aufweisen. Viele wissenschaftlich fundierte Gewaltpräventions-Programme setzen deshalb genau hier an und fördern zum Beispiel die Empathiefähigkeit, die Impulskontrolle und den konstruktiven Umgang mit Ärger und Wut – auch die Kieselschule. Unser Förderspektrum wird aber gezielt um die Facetten »Kreativität« und »Selbstbewusstsein« bzw. »Durchsetzungsfähigkeit unter Berücksichtigung der Bedürfnisse anderer« erweitert – Kompetenzen, die für den konstruktiven Umgang mit zwischenmenschlichen Konflikten entscheidend sind, die in den bisherigen Gewaltpräventions-Programmen aber meist zu wenig berücksichtigt wurden. (Siehe auch den Aufbau der Kieselschule ab Seite 75.)
 
Wie ist die Kieselschule aufgebaut? Die Kieselschule ist in 26 Lektionen unterteilt und wird von jedem Kind mit zwei Kieselsteinen umgesetzt. Ein Stein, der Klang-Kiesel, wird dabei so gehalten, dass in der hohlen Hand ein Resonanzraum entsteht. Mit dem zweiten Stein, dem Spiel-Kiesel, wird auf den Klang-Kiesel geklopft. Je nach Frequenz und Stärke des Schlags entstehen unterschiedliche Klangmuster. Indem der Resonanzraum geschlossen gehalten oder durch das Abspreizen von Fingern verändert wird, lässt sich auch die Tonhöhe variieren. Bereits in den ersten Lektionen werden die Kinder dazu angeleitet, vom Spielleiter vorgegebene Rhythmusstrukturen zu erkennen, sich in diese einzufühlen und sie zu imitieren. Die Empathiefähigkeit wird im Weiteren dadurch gefördert und gefordert, dass Rhythmen und Melodien allmählich komplexer variiert werden und die Kinder die Motive auch mit geschlossenen Augen erkennen und erspüren sollen.
Stein- und Handhaltungen beim Spiel mit den Kieselsteinen
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Hauptzugang zur Förderung der Impulskontrolle ist beispielsweise die Einübung und die spielerische Auseinandersetzung mit Rhythmen und Pulsationen. Um ein harmonisches, ästhetisches Gesamtbild zu erzielen, müssen die Kinder miteinander kooperieren, sich abstimmen, sich konzentrieren und den jeweiligen Rhythmus ausdauernd und gleichmäßig beibehalten. Die Übungen zur Impulskontrolle, zur Förderung der Kreativität und der Durchsetzungsfähigkeit unter Berücksichtigung der Bedürfnisse anderer sowie die Lektionen, die die Beruhigungsfähigkeit der Kinder verbessern, werden im Laufe des Curriculums immer weiter aufgebaut (siehe auch Übersicht der Lektionen auf S. 80 ff.).
Wie lernt man, die Kieselschule anzuwenden? Voraussetzung für die Durchführung der Kieselschule an einer Einrichtung ist die vorherige Teilnahme an der entsprechenden Fortbildung durch das Heidelberger Präventionszentrum (unabhängig von Grundausbildung oder Vorerfahrung; mehr dazu auch unter ). Der Fokus dieser fünfstündigen Fortbildung liegt auf der praktischen Auseinandersetzung mit den Übungen der Kieselschule. Auf diese Weise können auch musikalisch eher ungeübte Lehrpersonen einen direkten emotionalen Zugang zur Kieselstein-Methodik finden, die Kieselschule in ihrer Gruppe bzw. Klasse anwenden oder ihren (Fach-)Unterricht spielerisch, fundiert und sprach- und kulturübergreifend um gewaltpräventive Inhalte ergänzen. (Ansprechpartner siehe Seite 188.)
 
Zum Aufbau des Buches: In den folgenden Kapiteln werden wir näher auf die Kieselschule, ihre Hintergründe, wissenschaftliche Untersuchungen und das Thema Klang eingehen. Genau wie die jeweiligen Disziplinen, aus denen wir kommen, unterschiedlich sind, unterscheiden sich auch unsere Texte. Dies, so hoffen wir, ermöglicht Ihnen als Leser einen spannenden Zugang aus dem Blickwinkel von zwei verschiedenen Herangehensweisen. Die jeweiligen Symbole, Notenschlüssel oder der griechische Buchstabe ψ (Psi), Zeichen für die Psychologie, am Anfang eines Textes, weisen darauf hin, aus welcher Perspektive er verfasst wurde. Wir hoffen, Sie so nicht nur zu informieren, sondern auch ein wenig zu unterhalten! Immer wieder werden wir deshalb auch ein kleines musikalisches Zwischenstück, ein Interludium, einstreuen. Es handelt sich dabei um ein Interview, das der SWR-Moderator Reinold Hermanns mit uns vier »Kieselschule-Verantwortlichen« (Prof. Dr. Manfred Cierpka, Prof. Klaus Feßmann, Dr. Andreas Schick und Manfred Kniel) führte.

Auf die Steine gekommen? Die Entstehung der Kieselschule
Die Kieselschule entstand aus einem persönlichen Kontakt zwischen dem damaligen Leiter und Verantwortlichen des Gewaltpräventions-Projektes Faustlos, Professor Dr. Manfred Cierpka, und dem Komponisten Professor Klaus Feßmann. Ein Gespräch über die Beziehung und Notwendigkeit der adäquaten Entwicklung der menschlichen Sinne mündete in der Idee, gemeinsam ein Pendant zum sprachlich orientierten Faustlos-Konzept im Fachbereich der Musik zu entwerfen.
Die eigentliche Geburtsstunde der Kieselschule lag im Rahmen eines einwöchigen künstlerischen Seminars an der Evangelischen Akademie in Tutzing. Manfred Kniel, Schlagzeuger im Ensemble KlangStein arbeitete einen Vormittag mit 30 Personen mit Kieselsteinen – ein historischer Durchbruch auf dem Gebiet des Musizierens und musikalischen Kommunizierens hauptsächlich mit Laien. Einige Zeit später begannen Manfred Kniel und Klaus Feßmann in Heidelberg mit den Gesprächen mit dem Faustlos-Team: Manfred Cierpka, Andreas Schick und Axel Dewald. Nach und nach schälte sich der Kern der Arbeit heraus.
 
Das Gewaltpräventions-Programm Faustlos basiert auf drei Säulen:
■ der Empathie,
■ der Impulskontrolle und
■ dem konstruktiven Umgang mit Ärger und Wut.
Der erste Ansatz, die in Tutzing entstandenen Übungen einfach diesen Säulen zuzuordnen, misslang. Psychologie als sprachbasierte Wissenschaft und Musik als klangorientierte Kunst können nicht einfach transformiert werden. Musik ist verstehbar ohne sprachliche Übersetzung, Psychologie nutzt nur am Rande künstlerische und musikalische Gesetzmäßigkeiten. Das mag grob dargestellt sein, trifft aber im Wesentlichen den Kern.
 
Die Kieselschule hinsichtlich der Empathie-Schulung von Faustlos:
Empathie, kurz übersetzt die Fähigkeit, sich in Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen einzufühlen, ist besonders durch den Begriff der emotionalen Intelligenz berühmt geworden (siehe auch Seite 59). Als Musiker ist uns der Vorgang des Empathischen durchaus vertraut, auch als Defizit in unserer Gesellschaft und als Begründung für die Gewaltbereitschaft. Um mit jemand anderem zusammenspielen zu können, ist Empathie Voraussetzung, immer wenn Musiker zusammenspielen, sind sie gewissermaßen automatisch empathisch, andernfalls funktioniert keinerlei Form des Miteinander-Musizierens. Somit kann man anhand von Musik und Musizieren, also dem aktiven »Herstellen« der Musik, auch die Empathie schulen.
 
Die Kieselschule in Bezug auf die Impulskontrolle von Faustlos:
Impulskontrolle ist die Kontrolle über einen Impuls, der Gewalt auslöst. Musiker erkennen im Begriff Impulskontrolle den Begriff des Pulses wieder, den Grundlagenausdruck der musikalischen Zeitordnung, abgeleitet vom Pulsieren der Blutbahn. Es ist das Symbol und der Ausdruck für Gleichmäßigkeit und Regelmäßigkeit. In der täglichen Übung lernt man als Musiker nach und nach, Tempo, Gleichmäßigkeit und Genauigkeit des Pulses zu kontrollieren. Impulskontrolle im musikalischen Sinn bedeutet demnach: im Puls – kontrolliert zu spielen, zu leben, zu sein. Eine musikalische, künstlerische, mentale, kognitive, haptische, optische und den Hörsinn betätigende Dimension des Lebens!
 
Die Kieselschule und der konstruktive Umgang mit Ärger und Wut:
Diese Begriffe bezeichnen Vorgänge. Ärger und Wut entwickeln sich, bauen sich auf, stauen sich, erreichen ihren Höhepunkt, explodieren in einer Aktion, schwellen wieder ab, gehen zurück, verschwinden. In der Musik bezeichnen wir dies als Crescendo und Decrescendo im dynamischen Bereich, als accelerando und ritardando im Bereich des Tempos, in der Verbindung beider Parameter als Steigerung formaler Dichte, als Prozess, als durch Struktur definierter Vorgang. Auch das ist über langwierige Übungen zu erarbeiten, nicht umsonst üben wir täglich mehrere Stunden bis hinein ins hohe Alter.
 
Wir, Manfred Kniel und Klaus Feßmann, haben die drei Säulen des Faustlos-Konzeptes auf die Musik übertragen und den Klang des elementarsten Musikinstruments genutzt, welches es gibt, den Kiesel. Ihn (und seinen Klang) kann man überall finden, an allen Stellen der Welt, er ist leicht zu transportieren, liegt gut in der Hand und klingt auf der ganzen Welt ein wenig anders, da Steine immer unterschiedlich klingen. Wichtig ist, dass der Stein warm ist, niemand wirft einen warmen Stein weg, einen kalten und nassen Stein dagegen schon. Und so entstand die Kieselschule, die Empathie lehrt, den Puls verfolgt, Verhaltensweisen entwickelt und immer, wenn es um Musik und Kunst geht, diesen so problematischen Begriff der Kreativität mitdenkt, denn nur wer nicht kreativ ist, wer nur die Nützlichkeitslogik gelernt hat, der sollte, sagen wir, schleunigst Musik machen, am besten mit der Kieselschule.
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INTERLUDIUM
Ein Interview mit den Entwicklern der Kieselschule in fünf Teilen