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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

In memoriam memoriae
Die Erinn’rung ist eine mysteriöse Macht
und bildet die Menschen um.
Wer das, was schön war, vergißt, wird böse.
Wer das, was schlimm war, vergißt, wird dumm.
 
Erich Kästner1

EIN ETWAS ANDERES VORWORT
»Mensch, Manon – schreib’ doch mal ein Buch!«
Hallo? Gibt es eigentlich irgendjemanden in diesem Lande, der noch kein Buch geschrieben hat? Ich war weder weniger als einen Monat mit Boris Becker zusammen noch habe ich Dieter Bohlen den Haushalt geführt. Auch Ratgeber wie »Wie tue ich so, als würden mir meine Pfunde nichts ausmachen«, »Alt sein leicht gemacht – eine kleine Lebenshilfe für die Frau ab 36«, »Männer und andere Trockengebiete« oder Kochbücher wie »Rund, aber gesund« oder »Mollig, aber drollig« sind nicht unbedingt mein Thema. Ich habe ja nicht einmal einen Hund (leider!), der mir turbulente Alltagsgeschichten liefert. Tja, wenn ich wenigstens »dann mal weg« wäre (übrigens ein herrliches Buch), aber nee: Auch wenn ich weg bin, bin ich da. Also worüber schreiben?! »Schreib’ von dir!«
Hä?
»Ja, schreib’ einfach deine Geschichte auf. Über Humor im Osten und im Westen …«
Moment mal, über Humor kann man nicht schreiben, das lässt sich nicht analysieren …
»Du hast die DDR als Kind, Jugendliche und als junge Frau erlebt, auch noch als Schauspielerin und Kabarettistin …«
Ja, ich weiß, wahnsinnig exotisch.
»Du bist 1989 in den Westen und lebst seit zwanzig Jahren im wiedervereinten Deutschland …«
Na und – das tun ja nun alle.
»Aber nicht alle schreiben es auf. Betrachte dich doch als Zeitzeugen.«
Danke. Klingt, als hätte ich den Untergang der Titanic überlebt. Obwohl … der Vergleich gefällt mir, nur dass beim Untergang der DDR keine Kapelle gespielt hat. Das kam erst nach dem 3. Oktober 1990. Dann aber dafür umso mehr. Na ja, gut. Meine Oma hat zwei Weltkriege und vier Systeme erlebt. Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich und die Diktatur des Proletariats. Also, wenn die erzählt hat, dann wurde Geschichte plötzlich lebendig, ja buchstäblich begreifbar. Das war schön! Schade, dass meine Oma die Wiedervereinigung nicht mehr erlebt hat, ich hätte ihr gern die Welt gezeigt, die auch schön sein kann.
Okay, dann versuch’ ich mal, MEINE GESCHICHTE DER GESCHICHTE zu erzählen. Vielleicht – und ich hab’ wirklich ein paar dolle Dinger erlebt – vielleicht ist es ja interessant für all die, die weder die DDR noch die BRD erlebt haben, weil sie noch nicht da oder zu klein waren. Vielleicht aber ist es auch für die Menschen interessant, die Deutschland vor der Mauer (ich bin übrigens Jahrgang 1960 – Mist, jetzt ist es raus!), mit der Mauer und nach der Mauer erlebt haben – auf beiden Seiten.
Aber am schönsten wäre es, wenn wir endlich sagen würden: Deutschland? Das ist Norden, Süden, Osten, Westen – und da wird viel gelacht!
 
Ihre Manon Straché

ÜBERALL IST OMILAND
Ich heiße Manon Straché und erblickte am 27. März 1960, an einem Sonntag, zwar nicht gerade das Licht der Welt, aber das der Landesfrauenklinik in Magdeburg – nun ja. Meine Mutter war Balletttänzerin am dortigen Theater und alleinstehend. Also wuchs ich zunächst bei meiner Großmutter in Naunhof, einer Kleinstadt in der Nähe von Leipzig, auf. Es war eine schöne Zeit, geprägt von dem einfachen Leben auf dem Land, abseits der Veränderungen, die die Errichtung der Mauer mit sich brachte.
 
Zu meinen frühesten Erinnerungen gehört es, dass ich dachte, die Menschen seien in drei Gruppen aufgeteilt. Die Welt besteht aus Kindern, Erwachsenen und alten Leuten. So ist es, und so bleibt es. Für immer. Alte Leute sterben – aber nur, wenn sie vom Auto überfahren werden oder es mit dem Herzen haben. Das war für mich die einzige Möglichkeit, dass sich die Zusammensetzung der Gruppen ändern konnte.
Die Erwachsenen sind die Bestimmer. Dummerweise gehörte ich zu der Gruppe der Nicht-Bestimmer, nämlich zu den Kindern. Und da hat es auch nichts genützt, wenn die Erwachsenen mir sagten: »Iss mal auf, damit du groß und stark wirst.« Damit habe ich nie assoziiert, dass es dabei ums Erwachsenwerden geht, sondern nur darum, ein großes, starkes Kind zu BLEIBEN. Und irgendwie ist es ja auch so gekommen.
Als ich etwa drei Jahre alt war, dachte ich auch, dass die Welt – bevor ich geboren wurde – schwarz-weiß war. Wahrscheinlich rührte diese Erkenntnis daher, dass es »vor meiner Zeit« nur Schwarz-Weiß-Fotos gab. Aber ICH habe die Welt ja bunt gesehen, und daraus habe ich messerscharf geschlossen: Gut, dass es mich gibt, denn ich habe Farbe in die Welt gebracht. Gott sei Dank bin ich jetzt da.
Ja, ja, ich weiß, das klingt nach einer (kleinen) ziemlich selbstbewussten Persönlichkeit, aber ganz so war es ja nicht. Schnell merkte ich, dass ich irgendwie anders war. Warum und wieso, sollte ich erst viele Jahre später erfahren. Zunächst machte ich das aber nur an Äußerlichkeiten fest, zum Beispiel an meinen schwarzen, lockigen Haaren und den großen Augen mit den langen Wimpern.
 
Ich verbrachte also die ersten drei Jahre meines Lebens bei meiner Großmutter Ella. In Naunhof wohnten wir zur Miete. Eine kleine Wohnung im ersten Stock war mein Zuhause. Das (Pumps-)Klo war im Hof, gebadet wurde in der Küche. Ja, Omas Küche war der Mittelpunkt meines Lebens. Hier wurde gelebt, hier hat sie mit mir geredet, hier habe ich mein erstes Lied gelernt und gesungen: »Alle Vögel sind schon da …«
Als ich noch ein Baby war, lebte mein Großvater Ernst noch. Er starb allerdings vor meinem ersten Geburtstag. Ich kann mich kaum an ihn erinnern und weiß nicht viel über ihn. Als Kind schnappte ich ein paar Bruchstücke aus den Erzählungen der Erwachsenen auf. Während der »Nazis«, wie meine Oma das Dritte Reich nannte, war er im Konzentrationslager. Im Krieg – ich weiß eigentlich gar nicht, ob er Soldat war – hörte er heimlich »Feindsender« (das deutsche Programm der BBC) und gab den Stand der Alliierten an russische Kriegsgefangene weiter, die in der Naunhofer Umgebung schufteten. Irgendjemand hatte ihn denunziert, und er wurde abgeholt.
Nach dem Krieg kam er zurück, mit kaputten Nieren und einem nicht mehr gut funktionierenden Herzen. Als VdN, »Verfolgter des Naziregimes«, hätte ihm eine Entschädigungsrente zugestanden, die er aber aus Stolz nicht beantragte – sehr zum Ärger meiner Großmutter. Sie verstand einfach nicht, dass man sich für eine Sache halb tot schlagen lässt und dann das Geld nicht nimmt. Aber das war eben mein Großvater.
Ich wollte natürlich alles über diese Zeit wissen und fragte später meine Oma aus. So zum Beispiel, in welchem KZ mein Großvater war. Sie sagte nur: »Er ging über die Elbe.« Und dass es »eine schlimme Zeit« war. Mehr nicht. »Mir reden nisch mehr davon, muss ja ooch geener wissen, falls es ma widder anderschtrum gommt.« Die Nachkriegszeit tat sie mit den Worten ab: »Bei den Amis haddn mirs gut. (Leipzig wurde ja zuerst von den Amerikanern befreit, die bei Torgau über die Elbe kamen.) Da gab’s zu essen.« Nach vier Wochen amerikanischer Besatzung kam dann die Rote Armee. »Beidn Russen ging’s uns dann widder schlescht, dr Russe hadde ja selber nischt.« Ansonsten habe ich meine Oma nie über Politik reden hören. Für sie waren »die da oben« überhaupt alle Gesocks, die zu faul waren, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen. Egal, in welchem »Reich« oder System.
Mit der Kirche hatte sie es allerdings auch nicht. Als wir meine Tante Lotte in Schneeberg besuchten, mussten wir vor dem Essen immer beten. Alle saßen also mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen vor ihrem Teller. So klein ich damals auch war, bereitete mir dieses – bis dahin unbekannte – Ritual irgendwie Unbehagen, ja, ich kam mir doof vor. Ich schielte zu meiner Oma hinüber und sah, wie sie sich das Lachen verkniff. Jetzt musste ich natürlich auch lachen. Es war eine furchtbare Situation, aber meiner Oma war eben nichts heilig. Ich fragte sie einmal, warum wir denn nicht in die Kirche gehen. Sie antwortete, sie hätte WEISS GOTT andere Sorgen, als den ganzen Tag auf den Knien in der Kirche rumzurutschen. Ich glaube, ihr war alles zuwider, was in irgendeiner Form auf Menschen Druck ausübte und dazu führte, dass sie sich klein und schlecht vorkamen.
Meine Großmutter war eine tolle Frau, klein und stämmig, mit großen Händen und zarter Haut. Dabei konnte sie zupacken. Sie drehte zum Beispiel die glühenden Kohlen mit den bloßen Händen im Ofen um, damit der gut durchbrannte und wir es warm hatten – unglaublich. Auch roch sie immer so gut nach Lavendel, obwohl sie sich nur mit Kernseife und Regenwasser wusch. Sie war zweiundsechzig Jahre alt (geboren 1898), als sie mich zu sich nahm. Sie hatte zwei Weltkriege und vier Systeme erlebt: Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich und die Diktatur des Proletariats. Meine Großmutter gehörte zu der Generation deutscher Frauen, die nicht still sitzen konnten. Ich glaube, ich habe sie nie mit einem Buch in der Hand gesehen, dafür hatte sie gar keine Zeit. Ständig hat sie gekocht, gebacken, gestrickt, geputzt oder ist mit mir im Sommer in den Garten gegangen, hat Unkraut gejätet, Gemüse gepflanzt, gegossen und geerntet. Im Wald hat sie Brennholz gesammelt und auf der Straße Pferdeäpfel als Dünger für die Erdbeeren.
Meine Oma hatte auch Einkellerungskartoffeln, und um die zu holen, gingen wir in den Keller. Aber nicht vom Haus aus, so wie heute – wir mussten ums Haus herum gehen und von außen über so eine Klappe in den Keller. Mein Gott, war das gruselig! Und die Kartoffeln hatten Keime, die aussahen wie weiße Würmer. Von denen habe ich dann nachts geträumt. In diesem Keller roch es auch so moderig. Meine Oma ging oft in den Keller. Dort hatte sie nämlich einen Rumtopf stehen und in den Regalen selbst gemachten Saft und eingewecktes Obst und Gemüse. Es wurde alles eingemacht, was der Garten hergab, in diese Weckgläser mit dem roten Gummi.
Geld hatte meine Großmutter nicht viel, aber es war immer genug – wenn auch »genug« anders definiert wurde, als das heute der Fall ist. Ich weiß noch, wie ich einmal in der Vorweihnachtszeit, als meine Großmutter aus dem Haus war, die ganze Wohnung mit meinem Kinder-Bohnerbesen und Butter gebohnert habe. Die hatte ich gefunden und natürlich nicht gewusst, dass meine Großmutter die Marken für rationierte Butter extra gehortet hatte, um einen Weihnachtsstollen backen zu können. Als sie nach Hause kam und die ganze Wohnung nach Butter roch, flippte sie aus und versohlte mir den Hintern. Dabei weinte sie heftig. Ich dachte, sie weint, weil sie mich haut – aber nein, sie weinte um ihre Butter und den Stollen, der nun nicht gebacken werden konnte.
Backen konnte meine Oma übrigens wie keine Zweite. Es war bei ihr immer Kuchen im Haus, das war für sie ein Ausdruck von Wohlstand. Meine Großmutter machte den besten Pflaumenkuchen, der war so saftig. (Ich spreche von echten Pflaumen, den kleinen blauen, nicht diesen Mutanten, die es heute zu kaufen gibt und die nach nichts mehr schmecken.)
Oder »Quarkkeulchen«. Das ist ein sächsisches Nationalgericht. Diese Quarkküchlein werden wie Kartoffelpuffer oder Pfannkuchen in der Pfanne gemacht, aber eben mit Quark und Rosinen und dann mit Puderzucker bestäubt. Später habe ich das Rezept für dieses Gericht in einem Gourmetheft gefunden, allerdings unter dem Begriff »Soul Food«.
 
Manchmal frage ich mich, warum meine Oma mich zu sich genommen hat. Meine Mutter war alleinerziehend (Anfang der Sechzigerjahre noch nicht alltäglich) und von Beruf Tänzerin in Magdeburg – sie hätte neben dem Beruf sicher zu wenig Zeit für mich gehabt. Ich war ein eher kränkliches Kind, vermutlich, weil ich zu früh auf die Welt gekommen war. Und weil Frühchen in der Krippe nicht aufgenommen wurden, kümmerte sich meine Großmutter um mich.
Achtmonatskinder haben bekanntlich einen ziemlich schlechten Start ins Leben – damals wie heute. So hatte ich beispielsweise Keuchhusten, und meine Großmutter zog jeden Tag stundenlang mit mir im Kinderwagen durch den Wald, nur damit ich ausreichend Luft bekam. Grundsätzlich kurierte sie Krankheiten mit bewährten Hausmitteln wie heißen Kartoffeln auf der Brust, Zwiebelsirup, Quark, Leinsamen oder Wadenwickeln. Schlussendlich halfen gegen den Keuchhusten aber nur Medikamente aus dem Westen, die meine Mutter besorgt hatte. Und vielleicht half auch, dass ich ein Sonntagskind bin. Sonst hätte ich es wohl nicht überlebt.
 
Meine Großmutter war eine rabiate Frau mit klaren Ansichten. Mit ihr konnte man nicht diskutieren – sie war halt der Bestimmer. Ich kann mich noch gut erinnern, wie sie mir meinen heiß geliebten Nuckel mit einem »Blubb« aus dem Mund zog und ins Feuer warf. Ich sehe ihn heute noch vor mir, wie er langsam in der Glut schmilzt: »So, Bubbi (sie nannte mich immer Bubbi, also hochdeutsch »Puppi«), den brauchst du nicht mehr, hier hast du eine Möhre.« Vielleicht bin ich deshalb bis heute nicht auf Süßigkeiten konditioniert. So rabiat meine Großmutter auch war, sie war ein warmherziger Mensch mit viel Humor. Meiner Mutter war das manchmal peinlich, aber Oma konnte sich totlachen, wenn irgendjemandem ein Missgeschick passierte. Vornehme Zurückhaltung kannte sie nicht, richtig kindisch konnte sie sein. Einmal waren wir zusammen im Kino, und nach der Vorstellung musste sie auf die Toilette. Als sie wieder rauskam, ging vor uns eine Frau, die sich den Rocksaum im Schlüpfer eingeklemmt hatte. Und was machte meine Großmutter? Lacht sich schlapp, anstatt die Frau auf das Missgeschick aufmerksam zu machen. Die rannte nun mit nacktem Hintern über den Marktplatz – und meine Großmutter fand das köstlich. Ein anderes Beispiel ist die Auseinandersetzung mit einer Nachbarin, mit Frau Kowalchik – oder besser: »de Kowalchiken«, wie meine Oma sie nannte. Als mein Cousin Ulrich geboren wurde, fragte jene Nachbarin: »Na, wie heißt denn Ihr Enkelkind?« – »Ulrich«, antwortete meine Oma. »De Kowalchiken« fing an zu spotten: »Ulrich – Bullrich.« Daraufhin meine Großmutter: »Ihrer heißt doch Jochen. Jochen – Knochen.«
 
Zwanzig Jahre später wollte ich ihr meinen ersten Mann Falk Rockstroh vorstellen. Falk hatte Blümchen besorgt und ein Päckchen Mona-Kaffee in der Hand. Wir klingelten, sie öffnete die Tür und ich sagte voller Stolz: »Tach Omi, da sind wir. Das ist der Falk, mein Mann.« Dazu lachte ich etwas dümmlich. Falk holte gerade Luft, um sich vorzustellen, da kam es von ihr wie aus der Pistole geschossen: »Or, Bubbi, där is abr hässlisch! Na ja, nu gomm’se erschdema rein.« Als würde er drinnen dann besser aussehen. Sie nahm den Kaffee und die Blümchen und ließ uns stehen.
 
Obwohl ich mit meiner Großmutter allein wohnte, war ich ständig mit Kindern zusammen. Da sie selbst fünf Kinder hatte und entsprechend viele Enkel, hatte ich immer jemanden zum Spielen. In Naunhof beispielsweise wohnte Onkel Günther, der zwei Töchter hatte – Christine und Annelies; in Leipzig lebte meine Tante Hilde, die drei bis vier Söhne hatte. Überhaupt waren wir eine richtig große Familie. Die anderen waren zwar weiter weg, kamen uns aber trotzdem immer wieder besuchen. Natürlich kam auch meine Mutter, wobei ich anfangs gar nicht wusste, wer diese schöne Frau war. Sie war so anders als die Menschen in Naunhof, immer ordentlich zurechtgemacht und geschminkt. Ich glaube, sie hat sich in Naunhof nicht so richtig wohlgefühlt. Und war froh, dieser Kleinstadt entflohen zu sein.
Dieses Über-den-Tellerrand-Gucken habe ich wahrscheinlich von meiner Mutter geerbt, so, wie ich den Humor von meiner Großmutter habe. Schon als kleines Kind wollte ich immer auf Reisen gehen. Das habe ich dann auch gemacht: habe meinen kleinen roten Koffer (mit den weißen Punkten drauf) gepackt und bin zum Bahnhof marschiert. Einmal mussten sie mich sogar aus dem Zug nach Leipzig holen. Aber weil in Naunhof jeder jeden kannte, kam ich zumeist nicht weit.
 
Als ich dann später einmal meine Oma besuchte und sie mittlerweile schon in ihrem Hexenhäuschen wohnte, fragte ich sie:
»Omi, warum bist du denn aus deiner Wohnung raus und in dieses Hutzelhaus gezogen?«
»Weesste, isch gann die Drebbe mit’n Gohleneimer nisch mehr hochloofen, und im Windor macht das geenen Spaß.« Dort jedenfalls haben wir im Sommer im Bett gelegen und Weihnachtslieder gesungen. Sie hatte schon ihre Zähne rausgenommen, und wir lagen da zusammen in ihrem großen Bett. Gemüüütlich. Meine Oma: Sie war immer da, sie war immer irgendwo. Ich hatte nie das Gefühl, ich bin allein.
 
Apropos Weihnachtslieder. Weihnachten war bei uns – also bei meinen Eltern (meine Mutter hatte inzwischen geheiratet und mich zu sich geholt), unserem Hund und mir – immer sehr schön traditionell. In der Adventszeit wurde gebacken, gebastelt und gemeinsam gesungen. Die Pyramide drehte sich. Das Räuchermännchen rauchte und verströmte einen geheimnisvollen Duft. Jeden Morgen machte ich ein Fenster in meinem Adventskalender auf. Da war keine Schokolade, so wie heute, drin, sondern nur ein kleines Bild mit Weihnachtsmotiv. Übrigens hießen die Pyramiden mit Engeln später in der DDR »Jahresendkarussell mit Flügelfiguren«, und Schokoladenweihnachtsmänner wurden als »Festtagstypische Hohlkörper« verkauft. Na, egal.
Das Schönste an Weihnachten war jedoch, wenn meine Oma kam. Für meine Mutter bedeutete das immer Stress, weil es stets einen Stollenvergleich gab. Welcher schmeckt besser? Der von meiner Oma oder der von meiner Mutter? Gott sei Dank waren auch mal die Brandenburger Großeltern, die Eltern meines Stiefvaters, da, und der Stollen dieser Oma war furztrocken, knochenhart und schmeckte nach gar nichts. Mein Vater musste ihn sogar mit der Axt zerteilen. Die gemeinsame Schadenfreude darüber vereinte meine Oma und meine Mutter in der Stollenfrage. Ja, ja – Weihnachten, das Fest des Friedens.
Da meine Mutter erzgebirgische Volksmusik hasste, wurde am Nachmittag des Heiligen Abends Westen geguckt: Wir warten auf’s Christkind. Unter dem »Christkind« konnte ich mir partout nichts vorstellen. Außer Jesus. Oh Gott – zu denen kommt Jesus! Wie der aussah, hatte ich schon mal in der Kirche gesehen. Zum Glück kamen zu uns der Weihnachtsmann und meine Oma.
In unserer Familie gab es Heiligabend immer eine Pute mit Rotkraut und selbst gemachten grünen Klößen (aus rohen Kartoffeln). Eine Heidenarbeit. Meine Oma konnte es sich allerdings nicht verkneifen, beim Essen zu erzählen, wie SIE die Klöße macht oder was noch so ans Rotkraut kommt. Und ich sah, wie bei meiner Mutter das Weiße an den Fingerknöcheln zum Vorschein kam. Mein Vater und der Hund nahmen es gelassen, während ich immer eine leichte Hochatmung bekam.
Endlich war Bescherung. Ich rannte über unseren langen Flur ins Wohnzimmer, wo man mich jedes Mal mit den Worten empfing: »Na, nu isser weg! Du warst wieder mal zu langsam.« Wurscht. Das Wohnzimmer erstrahlte in einem Glanz, der es zu verzaubern schien. Am Ofen brannten Wunderkerzen, und der Tannenbaum (übrigens war es jedes Mal ein Megastress für meinen Vater, einen gut gewachsenen Baum zu besorgen, der den Ansprüchen meiner Mutter genügte) funkelte und glitzerte. Wir hatten nämlich (woher auch immer) West-Lametta. Das war schwerer als das Ost-Lametta und wurde Faden für Faden einzeln aufgehängt. Vor dem Aufhängen wurde es allerdings noch gebügelt, damit man es wieder verwenden konnte. Die Geschenke durften auch nicht so einfach »aufgeruppt« werden: Das Geschenkband wurde wieder zusammengerollt, das Papier wurde schön gefaltet und weggepackt. Schließlich konnte man es ja noch gebrauchen. Aber das hatte wohl nichts mit Osten oder Westen zu tun; ich glaube, das machte man zu dieser Zeit in ganz Deutschland – und ich mache es heute noch so. Jedes Jahr bekam ich etwas Neues für mein Puppenhaus. Mal war es eine ganze neue Etage, mal elektrisches Licht oder einfach nur neue Bettdecken. Ich war zwar nie ein Puppenfan, aber in diesem Haus lebten alle zusammen – auch meine Oma.
Wie gesagt, meine Oma war nicht so eine typische Oma, um die sich sämtliche Enkelkinder scharten, die dann andächtig und mit leuchtenden Augen ihren Märchen und Geschichten lauschten. Dafür hatte sie gar keinen Nerv. Aber an eine ihrer Geschichten erinnere ich mich. Sie erzählte mir, wie die Pfeffer- oder Lebkuchen entstanden sind: In der Heiligen Nacht, als der Stern am Himmel leuchtete, sagte der Engel zu den Hirten und den anderen Leuten: »Fürchtet euch nicht, euch ist der Heiland geboren.« Darauf rannten alle zur Krippe, um das Kindlein zu sehen. Sie vergaßen aber das Brot im Ofen, und als sie zurückkamen, war es verbrannt. Sie aßen es trotzdem, und – welch ein Wunder! – das Brot schmeckte süß. Na gut, in der Bibel steht diese Geschichte sicher nicht.
Irgendwann kam der Tag, da meine Oma wieder nach Hause fahren musste. Und während meine Eltern aufatmeten, zerriss es mich fast vor Kummer. Auch der Hund war traurig, denn er spürte, dass ich traurig war. Wir standen am Bahnsteig, und meine Oma winkte mit einem umhäkelten Taschentuch aus dem davonfahrenden Zug. Ich winkte ihr wie blöde hinterher. Irgendwann sagte mein Vater ganz leise zu mir: »Kannst jetzt aufhören, sie ist weg.«
 
Als ich größer war, habe ich mich sehr oft mit meiner Oma über Abschied und später dann auch über den Tod unterhalten. Sie sagte, diese Dinge gehörten zum Leben, und pragmatisch, wie sie nun mal war, meinte sie: »Nach dem Tod ist Feierabend, da kommt nichts mehr.« Da das Leben kurz sei – das würde ich später schon noch sehen -, sollte ich versuchen, ein schönes Leben zu haben.
Meine Großmutter starb im Sommer 1984 mit sechsundachtzig Jahren. Einen Tag vor ihrem Tod strich sie noch ihr Ofenrohr. Sie war geistig fit, hatte eben nur ein bissel Probleme mit der Pumpe und dem Alterszucker. Deshalb trank sie vor jedem Arztbesuch auch immer einen Wodka – das drückt den Zucker, und so konnte der Arzt nicht meckern, weil sie sich wieder nicht an die Diät gehalten hatte. Ich wusste damals genau, woran sie gestorben ist: Sie hatte einfach keine Lust mehr. Als sie aufgebahrt in der Friedhofskapelle lag, dachte ich beim Abschied nur: Du hattest kein schönes Leben. Aber ich hatte eins, weil es dich gab. Und ja, vielleicht kommt ja wirklich nichts mehr. Aber es bleibt etwas: meine Erinnerung.
Zum Beispiel an dich, du, meine Omi, du!

HAT’S FEIN GEMACHT, ODER: »ICH WILL’NEN COWBOY ALS MANN«
Geschwister habe ich keine, aber wir hatten einen Hund. Ich ging in Magdeburg in den Kindergarten und hatte alle Hände voll zu tun, mir den sächsischen Dialekt abzugewöhnen, ohne mir den Magdeburger Dialekt anzugewöhnen. Da ich sehr klein war, durfte ich mit sechs Jahren noch nicht zur Schule gehen, der Kinderarzt hatte mich für ein Jahr zurückgestellt. Ich empfand das damals als persönliche Schmach und Versagen meinerseits.
 
Der Umzug von Naunhof nach Magdeburg fiel mir sehr schwer. Als ich von meiner Oma wieder zurück zu meiner Mutter kam, die ja nun meinen Stiefvater kennengelernt hatte und mit ihm verheiratet war, war die Familie komplett. Quasi zur Begrüßung bekam ich von meinem Vater seinen Teddybären geschenkt. Den nannte ich spontan Thaddeus. Ich hatte diesen Namen noch nie gehört. Thaddeus! Mit vier Jahren!
Gott sei Dank hatten wir einen Hund, einen Pudel mit dem Namen Alraune von Bartolo, genannt Raune. Trotzdem habe ich meine Großmutter sehr vermisst. Das Leben in Magdeburg war anders, ganz anders, als ich es gewohnt war. Und ich musste die Menschen, die meine Familie waren, auch erst einmal kennenlernen.
Meine Mutter beispielsweise. Sie war klein, drahtig und hatte – so dachte sie selbst – einen dicken Hintern. Für ihren Beruf als Tänzerin hat sie immer hart arbeiten müssen, weil sie nicht so gelenkig war wie manche, die das von Natur aus sind. Sie machte auf andere Menschen einen vornehmen, fast strengen Eindruck. Ihre Haare waren rötlich getönt, und sie trug immer einen Dutt. Nie verließ sie das Haus ungeschminkt. Immer mit Lidstrich, Schönheitsfleck und einem auffälligen Lippenstift. Oft band sie sich ein Kopftuch um, und zwar auf französische Art, die Enden einmal um den Hals geschlungen. Immer trug sie Handschuhe und immer Pumps. Sie selbst hat sich als hässlich empfunden, ich fand das nicht. Für ein Kind ist die Mutter schön. Es hat mir immer sehr wehgetan, wenn sie gesagt hat: »Mein Gott, bin ich ein hässlicher Vogel.« Denn daran habe ich mir die Schuld gegeben.
Was ich auch vermisst habe, waren die Mahlzeiten mit meiner Oma. Zwar konnte meine Mutter sehr gut kochen und tat das jeden Tag, aber essen mochte ich nicht, weil geregelte Mahlzeiten immer eine Pflichtveranstaltung waren.
Mein Stiefvater war ein gütiger und vor allem ein gebildeter Mann. Er trug eine Brille mit dunklem Rand und sah ein bisschen aus wie Woody Allen. Er war ruhig und unauffällig, das komplette Gegenteil zu meiner Mutter.
Für sie war es das Wichtigste, nach außen hin einen perfekten Eindruck zu hinterlassen. Das ging sogar so weit, dass ich extra für den Kindergarten Wechselklamotten eingepackt bekam, damit ich, wenn ich mit ihr später über die Straße ging, sauber und ordentlich aussah.
Auf dem Nachhauseweg fragte ich sie einmal in der voll besetzten Straßenbahn, natürlich schön laut und deutlich, ob Westdeutschland eigentlich den Krieg gewonnen hätte, weil die da so schöne Sachen haben, und wer gewinnt, kriegt ja bekanntlich was. Die Blicke meiner Mutter, ihre zusammengepressten Lippen und die Veränderung ihrer Hautfarbe fielen mir zunächst nicht auf; ich wunderte mich nur, dass wir jetzt schon ausstiegen.
Magdeburg war nicht Naunhof. Auch und vor allem, weil meine Oma nicht mehr da war und meine Mutter im Gegensatz zu ihr andere Grundsätze hatte. Zum Beispiel beim Bäcker: Dort gab es unter anderem Gebäcksorten wie Amerikaner, Mohrenköpfe und Negerküsse. Das war vielleicht politisch und ethisch nicht ganz korrekt, aber in den Sechzigern störte das noch niemanden. Später wurden ja für alles Mögliche DDR-spezifische Begriffe erfunden. Na, egal. Wir gingen immer zum Bäcker Höfer, um Brötchen zu holen, weil die besser schmeckten als beim Bäcker Hammer, und zum Bäcker Hammer, um Kuchen zu holen (wenn meine Mutter ausnahmsweise nicht selbst gebacken hatte), weil der besser schmeckte als beim Bäcker Höfer. Aber zu beiden Bäckern kamen immer die Kinder vom Spielen in den Laden, um »Kuchenränder zu betteln«. Das waren auch die Kinder, mit denen ich später für einen Fünfer Brühwürfel lutschte und Brausepulver aus der hohlen Hand leckte. (»Pulver rin, Spucke druff und ab in den Mund. Aber nich zu fülle, sonst explodiern de Backen.«)
»Kuchenränderbetteln« gehörte irgendwie zum Ehrenkodex der Straßenkinder. Ich hätte auch gern »Kuchenränder gebettelt«. Mir war das aber strengstens verboten, denn »wir haben ja alles, und wenn du Hunger hast, gehst du nach Hause und fragst, ob du was zu essen bekommen kannst«. Auf der Straße essen war für meine Mutter Horror, das war asozial. Die würde heute verrückt werden, wo doch alle auf der Straße essen. Jedenfalls wollte ich es so gern einmal wie andere Kinder machen und Kuchenränder betteln. Ich hatte Herzklopfen, als ich den Laden betrat. Die dicke Frau Höfer wusste genau, dass ich das nicht durfte, aber sie guckte mich nur an und machte mir wortlos eine Tüte voll. Ich komme also überglücklich mit dieser Tüte zur Bäckerei heraus und denke noch, nanu, ist jetzt so ein starker Wind? … Aber nein, da stand schon meine Mutter vor der Tür und hat mir die Tüte aus der Hand gehauen, noch bevor ich reingreifen konnte. Wumm, war die Tüte weg. Und es gab richtig Ärger. Ich durfte aber auf der Straße nicht heulen. Seinen Gefühlen in der Öffentlichkeit freien Lauf zu lassen, zeugte von mangelnder Selbstbeherrschung, und die brauchte man schließlich im Leben. Heute denke ich manchmal, meine Mutter hatte nicht ganz unrecht. Meine direkte und oft sehr emotionale Art – egal, ob positiv oder negativ -, Dinge zu benennen oder zu bewerten, irritiert viele Menschen. Wahrscheinlich heule ich heute so viel (sogar bei der Chappi-Reklame heule ich), weil ich das als Kind nicht durfte. Ich durfte aber auch zu Hause nicht heulen, außer in meinem Zimmer. Da habe ich eine Taktik entwickelt: Ich habe mit den Stimmen meiner Kuscheltiere gesprochen, um mich selbst zu trösten.
Brötchenholen war erst einmal gestrichen. Aber ich durfte zum Milchladen. Da ging ich gern hin, weil mich faszinierte, wie die Milch immer an diesem Messbecher herunterlief. Ich ging also mit meiner Milchkanne los und holte Milch. Die Kanne war aus Emaille, die aber schon ein bisschen abgeplatzt war, weil ich irgendwo dagegengekommen bin. Wahrscheinlich ist das passiert, als ich das Phänomen der Fliehkraft entdeckte. Ich konnte die volle Kanne um dreihundertsechzig Grad horizontal herumschleudern, ohne dass die Milch aus der Kanne lief. Dolles Ding! Eines Morgens kam ich mit meiner vollen Kanne aus dem Laden und wollte gerade zu besagtem Schleuderkunststück ansetzen, als plötzlich eine Frau um die Ecke bog und ich mitten in der Bewegung abbremsen musste. Ich hätte ihr die Kanne nämlich sonst (im wahrsten Sinn des Wortes »volle Kanne«) unters Kinn gedonnert. Die Frau ging unversehrt weiter, aber die ganze Milch floss auf die Straße. Dieses Bild werde ich nie vergessen: wie die Milch zwischen den Pflastersteinen in die Erde einsickerte – ein Bild des Schreckens. Die Milchverkäuferin sah das und machte mir noch mal die Kanne voll – Glück gehabt. Danke, liebe Milchfrau.
 
Fleisch holten wir immer auf der Freibank. Freibank kennt man heute gar nicht mehr. Dort wurde Fleisch von Tieren verkauft, die beispielsweise verletzt waren und notgeschlachtet werden mussten. Es war wesentlich billiger als bei einem normalen Fleischer. Die meisten Leute dachten deshalb, Freibankfleisch sei minderwertige Ware. Man ging dort einfach nicht hin – wir schon. Denn wir hatten ja glücklicherweise einen Hund. Für den wurde auch gekocht, denn Fertigfutter gab es noch nicht. Im Grunde bekam er das zu fressen, was wir auch aßen, nur ohne Salz. So schlecht kann das nicht gewesen sein, denn er ist immerhin sechzehn Jahre alt geworden. Einmal im Monat gingen mein Vater und ich frühmorgens um sechs zum Schlachthof, auf dessen Gelände sich der Freibankladen befand. Meine Güte, da standen aber schon viele Hundebesitzer! Keiner sah den anderen an, aber was die dann alles für ihren »Liebling« kauften, hätte selbst der verfressenste Hund nicht geschafft. Ja, den Hunden in Magdeburg ging es so richtig gut.
Mich faszinierten auf dem Gelände vor allem die riesigen Eisblöcke, die mit lautem Gebrüll der Kutscher und mithilfe von Haken auf Pferdewagen verladen wurden, um sie an Privathaushalte auszuliefern. Die meisten Leute hatten noch keinen Kühlschrank, sondern Eisschränke. Dampfende Haflinger setzen sich langsam in Bewegung und zogen den durch die Straße rumpelnden Eiswagen in den kalten Morgen hinaus. Nun aber waren wir in dem Freibankladen endlich dran, und mein Vater arbeitete unseren Einkaufszettel ab. Voller Ungeduld wartete ich auf seinen Satz: »So, ja, ich glaube, das war’s.« Denn jetzt kam der Moment, da die Verkäuferin sich über die Ladentheke beugte und mir, nein, nicht irgendeine Scheibe Wurst oder Wiener, sondern eine ganz dicke Scheibe (sie wäre sonst zerfallen) Corned Beef überreichte. Sie war noch warm. Dieser Geschmack ist einfach unbeschreiblich. Einmal im Monat zur Freibank – das waren Papa, ich und warmes Corned Beef.
 
Vielleicht war meiner Mutter deshalb so viel am perfekten Erscheinungsbild gelegen, weil sie von Beruf Tänzerin war. Da konnte man zehnmal am Theater sein und klassisches Ballett aufführen – der Beruf hatte einfach etwas Anrüchiges. »Die Eltern sind am Theater – oh, oh …« Deswegen war ich nach außen hin ein perfektes Kind. Ich hatte weiße Kniestrümpfe an, und die blieben auch weiß. Meine Schuhe waren nicht abgeschabt wie bei anderen Kindern, meine Zöpfe waren ordentlich geflochten – damit die Leute sagen konnten: »Guckt mal, das ist eine perfekte Familie.«
Wahnsinnig hat mich auch dieser Sauberkeitswahn gemacht, aber das haben die Tänzer ja häufig. Ständig wurde an mir rumgeschnuppert; es wurde überprüft, ob ich rieche, ob ich mich gewaschen hatte. Dann Halskontrolle (ob ich mir den Hals gewaschen hatte), Ohrenkontrolle, Nasenkontrolle, Fingerkontrolle – und spätestens da bin ich durchgefallen, weil ich an den Fingernägeln gekaut habe.
 
Wir wohnten in einem Haus oder besser gesagt in einer alten Villa. Die gehörte früher einmal einem Spediteur in Magdeburg, der aber mit seiner Familie in den Fünfzigerjahren in den Westen abgehauen war. Das Haus wurde dann in einzelne Wohnungen aufgeteilt. Und wir wohnten im ersten Stock. Das war eine richtig schöne Villa mit Bleiglasfenster im Flur und riesiger Freitreppe mit so einem Teppich, in dem Messingstangen drin sind. Die Treppe bin ich auch regelmäßig runtergeflogen, weil irgendwie immer eine Stange locker war. Dann kam man unten an und stand vor einem riesigen Spiegel. Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Einen großen Garten gab es natürlich auch. Doch der gehörte Tante Mimi, die in der Mansarde wohnte.
Tante Mimi war eine Art Zugehfrau beim alten Hausbesitzer gewesen. Ihr Mann hatte als Fahrer bei dem Spediteur gearbeitet und war bei einem Bombenangriff, während er für die Spedition fuhr, ums Leben gekommen. Aus Dankbarkeit für treue Dienste oder aus schlechtem Gewissen heraus hatte der Spediteur Tante Mimi »Bleiberecht« auf Lebenszeit in seinem Haus gewährt.
Tante Mimi war ziemlich einsam dort oben in ihrer Dachwohnung. Aber dann fuhr Tante Mimi zur Kur und lernte dort Onkel Willi kennen. Das war ein herrlicher Mann: rote Haare, wilde Locken und eine dicke Knubbelnase. Ein richtiger Haudegen, der früher im Stahlwerk gearbeitet hatte. Tante Mimi und Onkel Willi waren, wenn meine Eltern nicht da waren, eine Anlaufstelle für mich. Meine Eltern mussten abends sehr oft ins Theater zur Vorstellung, und ich schob die Frage »Müsst ihr heute zur ›Verstellung‹?« meist den ganzen Tag vor mir her, weil ich Angst vor der Antwort hatte. Sie durften ins Bunte, ins Fröhliche, und ich konnte nicht mit und verpasste wieder alles. Das war zwar nun einmal ihre Arbeit, doch ich wollte da auch hin, war aber eben nicht der Bestimmer.
»Wir sind so stolz auf dich, dass du abends alleine bleiben kannst. Andere brauchen dann immer noch jemanden, weil sie sich fürchten.« Ich war mit der Situation ziemlich überfordert, wollte meine Eltern aber nicht enttäuschen. Insgeheim habe ich mich in diesem großen Haus gefürchtet. Alles knackte und knarzte, jedes Stück Holz und auch das Parkett. Am schlimmsten war für mich die Maserung vom Klavier. Ich habe darin Gesichter gesehen, ganz wilde Fratzen. Füüürchterlich. Ich hatte so eine Angst, alleine zu bleiben.
Manchen Abend habe ich dann allein in meinem Zimmer verbracht und von der Zukunft geträumt. Was heißt geträumt, ich habe meine Zukunft GESPIELT. Ich hatte einen kleinen roten Koffer, eine Salzstange als Zigarette und ein Telefon am Ohr. (Im Grunde spielte ich das, was ich heute erlebe.) Ich bin von Hotelzimmer zu Hotelzimmer gereist, habe Anrufe bekommen mit Angeboten für Engagements, die ich ablehnen musste, weil ich gerade in New York war oder in London Theater spielte. Gut, heute ist es nicht London, aber es ist Berlin oder Hamburg, und ich muss einen Film in Neuseeland absagen, weil ich nicht an zwei Orten gleichzeitig sein kann.
Ich hatte trotzdem oft Angst und bin zu Tante Mimi in die Mansarde gegangen. Das war schön. Die hatte nur die Angewohnheit, immer alles falsch auszusprechen. Beispielsweise hat sie gesagt: »Komm’, Manon, wir gucken heute Abend die Fiktor-Organi-Schau.« Vico Torriani. Zu meiner Mutter hat sie einmal gesagt: »Frau Strache, ich hab’ mich jetzt’nen Staubsauger jekauft mit zwei Drüsen.« Dabei betonte sie unseren Familiennamen immer auf dem »a«, weshalb er sich ein bisschen wie »Drache« anhörte. Und weil Tante Mimi mit Onkel Willi ab und zu in den Westen gefahren ist (Onkel Willis Töchter lebten dort), hat sie auch öfter mal was mitgebracht, zum Beispiel »kokainfreien Kaffee« …
Onkel Willi hatte drei Töchter: Gisela, Lore und Traudl. Und Traudl hatte eine Tochter, das war Gabi. Die kam dann öfter in den Osten, um ihren Opa zu besuchen, und so haben wir uns angefreundet. Wir waren richtig gute Freundinnen. Ich habe mich immer gefreut, wenn sie gekommen ist. Gar nicht mal, weil sie mir auch Klamotten mitbrachte, sondern weil ich sie mochte. Und sie roch so gut. Gabi roch irgendwie anders als ich. Immer so nach Lenor …
Genau so roch es, wenn ein Paket aus dem Westen kam. Diesen Geruch gibt es einfach nicht mehr. Diesen Geruch gab es im Intershop in der DDR. Das waren die Läden, in denen man für West-Geld West-Produkte einkaufen konnte. Später nicht mehr. Dann musste das umgemodelt werden in Forum-Schecks. So hat man sofort gesehen: Das ist einer aus dem Osten, der West-Produkte einkauft. Die Besucher aus dem Westen konnten mit West-Geld bezahlen, aber natürlich nur gegen Vorlage des Passes. In diesen Läden roch es einzigartig, und so rochen die West-Pakete, und so roch Gabi. Das ist keine Einbildung. Alle, die im Osten aufgewachsen sind und West-Verwandtschaft hatten, haben mir das bestätigt. Diesen Geruch habe ich nie wieder gerochen. Wie kommt das? Ich nehme an, weil in diesen Läden und auch in den Paketen Lux-Seife und Schokolade drin waren. Das musste natürlich getrennt werden, mit Strumpfhosen, und die waren eigentlich von uns. Wir haben sie hergestellt, dann wurden sie in den Westen exportiert. Dort haben Gabis Eltern sie für 1,49 D-Mark bei C&A gekauft und als NUR DIE (für die die Kessler-Zwillinge Werbung machten) in einem Paket wieder in die DDR geschickt. Bei uns waren solche Strümpfe enorm teuer. Doch zurück zum Paket: Das wurde in der Mitte durch NUR-DIE-Strümpfe geteilt: Auf der einen Seite waren die ganzen Kosmetiksachen – Lux-Seife, Tosca, auch Waschpulver -, und auf der anderen Seite waren die Schokolade und die Bahlsen-Kekse und der Kaffee. Ja, ich glaube, es ist so: In diesem Paket war auf engstem Raum der ganze Westen komprimiert. Dadurch entstand dieser Geruch. Herrlich!
 
Tante Mimi hatte den Garten rund um unser Haus, konnte ihn aber nicht mehr so richtig bewirtschaften, weshalb sie ihn meiner Mutter abgetreten hat. In diesem wunderschönen Garten habe ich immer mit Gabi gespielt. Einmal kam Gabi mit ihrer Puppe, und die hieß Mrs. Beasley. Die sah genauso aus wie die Puppe aus der Fernsehserie Mein lieber Onkel Bill. Das war meine absolute Lieblingsserie. Mit Mister French als Butler und Judy und Buffy. Die Kleine hieß Buffy; sie hatte Rattenschwänze und eine Puppe: Mrs. Beasley. Ich hatte einen Teddybär, Thaddeus.
 
Als Onkel Willi gestorben ist, musste mein Vater (der Musiker ist) bei der Trauerfeier mit dem Akkordeon spielen. Onkel Willi war ein großer Fan von Freddy Quinn und liebte das Lied »Junge, komm’ bald wieder«. Wenn Onkel Willi einen zu viel hatte, sagte er immer zu meinem Vater: »Wenn ich mal dot bin, dann spielste mich schön das Lied von den Freddy ›Junge, komm’ bald wieder‹.« Und das hat mein Vater dann auch gemacht. Aber Onkel Willi kam leider nicht wieder.
 
Als ich von Naunhof nach Magdeburg kam, musste ich in den Kindergarten. Der Kindergarten lag in der Nähe des Theaters, war aber kein reiner Theaterkindergarten, es gingen auch »normale« Kinder hin. Morgens um sieben Uhr ging es los, da wurde gefrühstückt. Von neun bis zehn Uhr gab es »Beschäftigung«, da malten und bastelten wir. Danach wurde gespielt, bei schönem Wetter sind wir rausgegangen. Dann gab es Mittagessen, anschließend wurde geschlafen. Es war schon im Kindergarten immer ein Drama für mich, nachmittags ins Bett zu gehen und die Augen zumachen zu müssen. Heute wäre man über diese Möglichkeit manchmal froh. Aber damals fand ich es schrecklich, wenn draußen die Vögel zwitscherten oder die Schneeflocken tanzten und ich auf Kommando gemeinsam mit den anderen Kindern SCHLAFEN sollte.
Ich weiß bis heute nicht, wie die das alle gemacht haben – ich kriegte einfach die Knöpfe nicht zu und guckte die ganze Zeit in der abgedunkelten Gegend herum. Die Kindergärtnerin stand regelmäßig an meiner Liege und zischte mir zu: »Schlaf jetzt, sonst darfst du nachher nicht mitspielen.« Also tat ich wenigstens so.
Wenn meine Mutter mich dann abholte – ausnahmsweise mal nicht aus dem Krankenhaus, weil irgendeine Murmel in meinem Körper verschwunden war -, wurde sie regelmäßig mit den Worten, die ihr zwanzig Kinder entgegenriefen, empfangen: »Manon hat heute wieder nicht geschlafen!« Oder: »Manon war heute wieder Bummelletzte!« Oder: »Manon hat heute wieder nicht aufgegessen!« (Wie denn auch, wenn jede Mahlzeit so begann: »Piep, piep, Mäuschen, bleib in deinem Häuschen, frisst du mir mein Butterbrot, kommt die Katz’ und beißt dich tot. Piep, piep, piep, guten Appetit!«) Sie konnte es schon nicht mehr hören und schmiss mir der Form halber einen strengen Blick zu. Wenn mein Vater mich abholte, musste er sich bei der kollektiven Petzarie immer das Lachen verkneifen – das habe ich genau gesehen.
Da meine Eltern morgens immer erst später Probe hatten, gegen zehn Uhr, durfte ich auch später in den Kindergarten kommen – nämlich erst zur »Beschäftigung«. Mir war das peinlich: Da haben wir Beschäftigung, da muss ich hin. Durch das späte Kommen war ich PER SE schon ein Außenseiter. Ich kam exponiert, wenn sie alle schon bei der Beschäftigung saßen, mit der Zunge im rechten Mundwinkel, weil sie so konzentriert waren. »Manon ist da!« Wumm drehten sich die Köpfe, trafen mich die Blicke. Als Kind willst du nichts Besonderes sein, du willst nicht auffallen …
Einmal sollten wir einen Blumenstrauß malen. Der Blumenstrauß, den wir abmalen sollten, stand auf dem Tisch. Ich tauchte gerade den Pinsel in die grüne Farbe, um die Stiele zu malen, da rutschte mir doch der Pinsel aus der Hand, klatschte auf das weiße Blatt und ergab einen großen grünen Fleck. Ich guckte mir den an und dachte: Der sieht aus wie ein Frosch. Na, malst du eben keinen Blumenstrauß. Hast’n Frosch gemalt. Fertig! Die Kindergärtnerin ging herum und guckte sich das an:
»Was iss’n das?«
»Ich hab’ einen Frosch gemalt.«
»Aha.«
Die Bilder wurden dann im Flur des Kindergartens ausgestellt. Darüber stand geschrieben: »Alle Kinder malten einen Blumenstrauß! Außer Manon, sie zog es vor, einen Frosch zu malen.«
 
Wie oft wurde ich ausgelacht! Das ging schon mit meinem
Namen los.
»Wie heißt’n du?«
»Manon.«
»Nee, ich meine mit Vornamen!«
Oder die Kindergärtnerin sagte: »Sagt mal alle schön Guten Morgen zu unserer Marion.«
Darauf ich: »Nee, Manon. Ich heiße Manon!«
Und die Kinder brüllten: »Manon – Karton!« Oder: »Manon – Ballon!«
Geschrieben wurde ich noch abenteuerlicher: Manjon – Manong – Malong. Na ja, wie kann man in der DDR sein Kind auch Manon nennen. Eine von Puccinis Opernfiguren heißt Manon Lescaut, und meine Mutter liebte die Oper. Als ich noch Straché hieß, passte das ja noch irgendwie, da waren eben beide Namen merkwürdig. Aber mein Stiefvater hieß Stockmann, und ich dann also Manon Stockmann. Das ist so wie heute Chantal Kleinschmidt oder Kevin Klostermann.
Ich habe nicht gemerkt, dass mich die Kindergärtnerinnen verarscht haben. Wenn die zum Beispiel mal zu faul waren, etwas mit den Kindern zu unternehmen, sagten sie, ich solle eine Geschichte erzählen. Und ich dachte: Oh, das ist ja toll! ICH darf eine Geschichte erzählen! Und ich fing an: »Ich war im Theater, im Märchen.« Dann haben sich die Kindergärtnerinnen bequem zurückgelehnt, während ich den Kindern das Märchen vorspielte. Alle fünfunddreißig Figuren – und natürlich völlig durcheinander. So habe ich die Kinder über eine Stunde entertaint. Alle haben mir zugehört und sich gebogen vor Lachen. Ich kam mir großartig vor – sie aber lachten, weil ich damals noch ganz schwer gesächselt habe.