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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 

Vorbemerkung
Ist das Christentum einladend? Um das zu beantworten, müsste man wohl erst fragen, wer oder was das Christentum genau ist. Schließlich gibt es, Gott sei’s geklagt, Hunderte von christlichen Glaubensgemeinschaften, Christentümern oder gar Christentümeleien.
Sind wenigstens wir Christen einladend? Um das zu beantworten, käme man um eine Einzelfallprüfung kaum herum. So gerne ich beide Fragen bejahen möchte, es beschleichen mich grundlegende Zweifel. Und die sollen in diesem Buch nicht klein- oder weggeredet werden.
Aber darin bin ich mir sicher: Christus ist einladend. Wie er sensibel auf Menschen zugeht, auch auf die abgeschobenen und missachteten, wie er souverän mit Menschen umgeht, auch mit den reichen und einflussreichen, wie er Gott den Menschen menschlich nahebringt und als Gott den Menschen menschlich nahe ist, das ist einladend.
Wo sich ein Mensch auf das Lebenskonzept Jesu Christi einlässt, da wird er zum Christen. Wo sich viele Menschen auf das Lebenskonzept Jesu Christi einlassen, da entsteht Christentum als Einheit auch über Konfessionsgrenzen hinweg. Und beide, Christen wie Christentum, sind dann und in dem Maße einladend, wie in ihnen der Geist Jesu Christi wirklich und wirksam wird. Am besten laden wir daher wohl ins Christsein und zum Christsein ein. Jesus selbst hat seine unschlüssigen, zweifelnden Jünger berufen mit den lapidaren Worten: »Kommt und seht!« (Joh 1,39). Damit begann für sie ein praxisorientierter Nachfolgeweg, ein Grundkurs des Glaubens im Mitgehen und Mitleben.
Christsein ist nicht erschütterungsresistent, garantiert nicht die stoische Gelassenheit und irritationsfreie Verblüffungsfestigkeit derer, die glauben, sie hätten die ganze Welt verstanden und im Griff, sondern es kommt von Herzen und geht zu Herzen.
Christsein ist ebenso wenig ein akademisch-intellektueller Grund- oder Leistungskurs, aber man kann den Verstand auch nicht beiseitelegen oder gleich unbenutzt links liegen lassen, man muss ihm schon etwas abverlangen, das Hirn ganz in Dienst nehmen.
Christsein ist auch nicht weltanschauungsneutrales, beanstandungsfreies Gutmenschentum in stromlinienförmiger Unanstößigkeit, sondern hat ein gelegentlich scharfkantiges Profil, hat praktische Konsequenzen und verlangt christliche Wert- und Handarbeit von dem, der es zu leben versucht. Kurzum, die Einladung zum Christsein betrifft Herz, Hirn und Hand.
Die meisten ins Christentum oder Christsein einführenden Bücher orientieren sich am Glaubensbekenntnis, um das Ganze zum Ausdruck zu bringen. Dieses Buch orientiert sich am Kirchenjahr, das im Jahreslauf die ganze Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk zu vergegenwärtigen versucht. Insofern enthält diese Einladung zum Christsein den Vorschlag, sich auf einen Glaubenslehrpfad zu begeben, einen praxisorientierten Grundkurs des Glaubens zu starten.
Die Feste des Kirchenjahres bringen das Wesentliche des Glaubens zu Bewusstsein, und sie tun es nicht nur intellektuell im Wort, sondern auch durch den Reichtum ihrer Symbole und Ausdruckshandlungen, durch die heilsame und einprägsame Wiederholung der Identität und Kontinuität stiftenden Erzählungen, durch ihre Trost- und Segensworte.
Man kann bei der Lektüre also dort einsteigen, wo das Kirchenjahr gerade angekommen ist, und das Buch zur Begleitlektüre durch die Zeit machen. Man kann sich vorbereitend in die bevorstehende Zeit des Kirchenjahres hineinlesen und hineinleben. Man kann die verflossene Zeit des Kirchenjahres nachbereitend verinnerlichen und vertiefen. Nicht nur in theologischer, sondern auch in spiritueller Absicht werden die drei großen Zeiten des Kirchenjahres wie in einem Grundkurs des Glaubens durchlaufen: die Advents- und Weihnachtszeit, die Fasten- und Osterzeit, die Zeit im Jahreskreis. Das Kapitel »Baustellen des Christlichen« greift abschließend unsere ethischen Halbheiten bzw. (Un-)Tugenden und unsere noch nicht bestandenen Kämpfe zwischen dem angeblich Nur-Natürlichen und dem Über-Natürlichen auf.
Vielleicht können viele der fragmentarischen Abschnitte wie die Teile eines Hologramms das Ganze des christlichen Glaubens aufscheinen lassen. Und hoffentlich sind, wenn schon nicht alle, so doch viele oder die meisten Beiträge ermutigende Einladungen zum Christsein.

VOR-WORT IN GOTTES NAMEN

Pi oder der Name Gottes

Es gibt kein Volk auf der ganzen Welt und in der ganzen Geschichte, das nicht eine Gottesvorstellung entwickelt hätte. Aber es hat in der Menschheitsgeschichte viele Namen für Gott gegeben. Jede Zeit und jede Kultur hat Gott einen Namen beigelegt: Manitu sagten einige der nordamerikanischen Indianer, Thor oder Wotan nannten ihn die Germanen, von Allah sprechen die Muslime, Zeus sagten die Griechen.
Einen sehr merkwürdigen, vielleicht den merk-würdigsten Namen für Gott bringt die Bibel im alttestamentlichen Buch Exodus 3,14: »Jahwe«. Dieser Name erinnert an eine der Sternstunden menschlicher Gotteserfahrung. Mose fragt den Gott, der ihm im brennenden Dornbusch begegnet, wie er heiße. Und Gott nennt sich Jahwe, das heißt übersetzt: Ich bin der »Ich-bin-da«. Wann immer nun Menschen ihren Gott mit diesem Namen Jahwe anrufen, hören sie schon zugleich seine Antwort mit: »Ich-bin-da«. Gott ist gegenwärtig; die Gegenwart ist von Gott erfüllt.
Wo ist das »da«? Wann ist das »da«? Der Gottesname »Ich-bin-da« gilt nicht nur räumlich. Es gibt keinen wirklich gottverlassenen Ort auf dieser Welt. Überall ist der »Ich-bin-da« gegenwärtig. Der Gottesname »Ich-bin-da« gilt auch zeitlich. Es gibt keine wirklich gottlose Zeit. Jederzeit ist er, der »Ich-bin-da«, nahe. Der von den Nationalsozialisten ermordete Jesuitenpater Alfred Delp (1907-1945) hat einmal so formuliert: »Man kann wohl gottlos werden, aber man kann nicht Gott loswerden.«
Nomen est omen, sagen wir, im Namen liegt eine Vorbedeutung. Und diese Vorbedeutung lässt sich in folgende Worte fassen: Ich, dein Gott, bin da, wo immer du bist, wo immer du mich brauchst. Wenn ich weit weg zu sein scheine, ich bin da. Wenn du dich einsam und von allen verlassen fühlst, ich bin da. Wenn du Gipfel deines Erfolgs und die Freude deines Lebens erfährst, ich bin da. Wenn du bei allen unten durch und am Ende bist, ich bin da. Wo und wann auch immer wir sind, er ist da. Wer oder was auch immer wir sind, er ist da. Zeit und Raum übergreifend ist er ohne Ansehen der Person für uns Menschen da, uns Menschen nah. Ob wir meditierend in uns hineinlauschen oder ob wir forschend die Welt durchspähen, er ist da, verborgen zwar, aber unendlich nah. Er ist das Sein schlechthin.
Manche Menschen stellen die etwas eindimensional geratene Frage: Was habe ich davon, dass Gott da ist, dass er mir nah ist? Bringt mich das der Erfüllung meiner Wünsche näher? Oder ist Gottes Dasein und Nahsein existenziell belanglos?
Die Erfahrung des Daseins und Nahseins Gottes befähigte den lange Jahre von den Nationalsozialisten inhaftierten und schließlich im KZ Flossenbürg ermordeten Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) zu dem bemerkenswerten Wort: »Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.« Und in dieser festen Überzeugung des Daseins und Nahseins Gottes konnte er auch den Tod bestehen.
Während Philosophen und Theologen des 20. Jahrhunderts definierten, Gott sei der Ganz-Andere, hat der Kardinal, Kirchenreformer und Philosoph Nikolaus von Kues (1401- 1464) schon im 15. Jahrhundert Gott als den Nicht-Anderen bezeichnet. Denn von den anderen können wir uns abgrenzen und absetzen, die anderen können wir uns von der Pelle halten. Der Nicht-Andere, der menschliche Gott, ist uns näher und innerlicher, als wir uns selbst sind. Der »Ich-bin-da« ist auch in mir und in den anderen da. In mir und in den anderen kann ich ihn finden. Gott handelt in mir, an mir und durch mich. Gott handelt im anderen, am anderen und durch andere. Wenn Gott so räumlich und zeitlich gegenwärtig ist, dann kann man sagen, was der zutiefst christlich inspirierte UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld (1905-1961) immer wieder in seinem Tagebuch notierte: »Numen semper adest.« Immer und in allem ist auch ein Wink des Himmels zu finden. Man muss ihn nur wahrnehmen und deuten.
Auf eine Merkwürdigkeit machte mich einer meiner Seniorenstudenten, ein ehemaliger Mathematiker und Physiker, aufmerksam. Der so merkwürdige Gottesname steht im Buch Exodus Kapitel 3, Vers 14. Mit der Ziffernfolge 3,14 beginnt auch Pi, die ludolphsche Zahl oder Kreiszahl: 3,141592653... Mathematiker sagen uns, das ist eine transzendente reelle Zahl, die das konstante Verhältnis des Umfangs eines Kreises (2πr) zu seinem Durchmesser (2r) angibt. Inzwischen wurde die Zahl π bis auf 1,241 Billionen Stellen hinter dem Komma berechnet. Und man ist auf keine Periode gestoßen und also mit ihr noch an kein Ende gekommen. Milliarden Menschen haben in drei Jahrtausenden über Jahwe, den Gottesnamen in Ex 3,14, nachgedacht und sind mit ihm noch an kein Ende gekommen.
Wenn die Christen über den »Ich-bin-da« nachdenken und vom dreifaltigen Gott sprechen, dann meinen sie keinen anderen Gott. Dann wissen sie: Dieser ist, als Vater verehrt, der Gott über uns, als Sohn verehrt, der Gott mit uns, als Geist verehrt, der Gott in uns. Und immer ist er der unbedingte, unverfügbare »Ich-bin-da« – die Existenz schlechthin, der Grund unseres Lebens und unserer Hoffnung.

Credo in- und auswendig

Auf der Rückfahrt aus meinem Urlaub, ich war zum Wandern und Bergsteigen in Südtirol, kam mir auf der Autobahn in Bayern ein Wegweiser in den Blick und mit ihm zwei alte Leute in den Sinn, die nicht weit von meiner Route wohnten. Ich beschloss spontan, einen Abstecher zu ihnen zu machen. Der alte Mann ist seit Jahren bettlägerig, manchmal auch geistig desorientiert und umfassend pflegebedürftig; die alte Frau, sie ist stark sehbehindert, pflegt ihn hingebungsvoll, obschon sie eigentlich völlig überfordert ist damit. Sie freuen sich riesig über mein Kommen. Wir erzählen einander, was uns so bewegt. Ich frage sie, was sie denn in den langen Stunden des Ans-Haus- oder Ans-Bett-Gefesseltseins so machen, da sie doch nicht mehr lesen können. Da erzählen die beiden, dass sie manchmal miteinander singen. Und auf meine weitere Frage, was sie denn singen, erfahre ich zu meiner Überraschung, dass sie das Gloria, das Sanctus und Benedictus, das Agnus Dei und das Credo, also lateinische Messgesänge, miteinander singen.
Wohlgemerkt, das ist kein Altphilologenehepaar mit einer Obsession für Latein und Griechisch. Keiner von ihnen hat das Gymnasium besucht oder gar studiert. Auf einem Kötterhof leben sie, haben sie ihre Kinder großgezogen, und er hat als kleiner Angestellter in der Kommunalverwaltung gearbeitet. Mit dem Traktor ist er zu den Bauern getuckert, um amtliche Bescheide u.Ä. herumzubringen und zu besprechen. Im nächsten Semester halte ich meine Vorlesung über das große Glaubensbekenntnis. Ich bin mir nicht sicher, ob das irgendeiner meiner Studierenden auswendig und auf Latein singen könnte, aber diese beiden alten Leute, die nie eine Lateinstunde in ihrem Leben besucht haben, können es. Und dann haben wir miteinander das große Credo gesungen.
Dieses große Glaubensbekenntnis ist in jahrhundertelangem theologischen Ringen und kirchlichen Streiten auf den Konzilien von Nizäa (325) und Konstantinopel (381) entstanden und zu einem wichtigen Dreh- und Angelpunkt der ganzen Christenheitsgeschichte geworden. Es ist bis heute die Grundlage und Ausgangsbasis für alle ökumenischen Gespräche. Zunächst einmal formuliert dieses Credo nur eine theologische Erkenntnis über Gott, die wir im Nachsprechen intellektuell nachvollziehen. Darüber hinaus aber formuliert das Credo ein existenzielles Bekenntnis zu Gott, dem wir uns im Leben und Sterben betend anvertrauen. Das Credo ist Erkenntnis und Bekenntnis zugleich.
Ein merkwürdiges Bild: ein alter, dementer, schwer pflegebedürftiger Mann und eine schwer sehbehinderte und von vielen Altersgebrechen gezeichnete Frau singen mit ihrem selten daherkommenden Besucher lateinische Messgesänge.
Aber ich merke, während wir singen, dass sich ein Raum der Geborgenheit auftut und ein umfassender Sinnhorizont aufspannt hinter all dem unübersehbaren Elend von Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Demenz, Hilflosigkeit, Schmerz und Traurigkeit. Angesichts der unübersehbaren Hinfälligkeit des eigenen Körpers davon zu singen, dass Gott in unfasslicher Solidarität uns körperlich nah selbst Mensch geworden ist: »et incarnatus est... et homo factus est – und er ist Fleisch... und er ist Mensch geworden«, das ist gelebte Weihnachtsbotschaft. Angesichts des eigenen Leidens zu sagen und zu singen: »crucifixus etiam pro nobis... passus et sepultus est – gekreuzigt wurde er für uns, hat gelitten und ist begraben worden«, das ist das trostvolle Wissen um die Leidens- und Sterbenssolidarität Gottes mit den Menschen. Die Sympathie (wörtlich übersetzt das Mitleiden) Gottes begleitet uns in und trägt uns durch die tiefsten Abgründe menschlicher Existenz, das ist die wohlverstandene Karfreitagsbotschaft. Angesichts des unübersehbar in die Nähe gerückten Todes die Auferstehung Jesu zu besingen: »Et resurrexit tertia die secundum scripturas – Er ist auferstanden am dritten Tag gemäß den Schriften«, das ist christliche Osterverkündigung noch vom Sterbebett aus.
Die beiden alten Leute haben angesichts der Tatsache, dass in diesem Leben nur noch das Ableben bevorsteht, der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass sich im Ableben das Aufleben vollzieht. Die alte Frau und der alte Mann, der aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen kann, erwarten die Auferstehung und das Leben im Namen und in der Kraft Gottes. »Et expecto resurrectionem mortuorum et vitam venturi saeculi. – Ich erwarte die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.«
Augustinus hat gesagt, dass wir das Credo auf dreifache Weise beten: Ich glaube den Gott, den mich Christus lehrt. Ich glaube dem Gott, der mir in Christus als Mensch nahe ist. Ich glaube an den Gott, der in Christus lebend und sterbend sein Heil schenkt. Das und nicht weniger ist es, was die beiden alten Menschen mit Leib und Seele erkennen, was sie mit Leib und Seele bekennen.
Das sagt mir: Es sind nicht nur die bekannten Zeugen aus der Vergangenheit wichtig, deren Knochen in Sarkophagen und Reliquiaren ruhen. Es sind auch die ganz unbekannten Zeugen der Gegenwart wichtig, die alltäglich ihre Knochen hinhalten. Es sind die unbekannten Zeugen wichtig, die heute Kopf und Kragen riskieren, sich das Fell über die Ohren ziehen lassen oder einander ganz selbstverständlich tragen und ertragen.
Von Amts wegen bin ich der theorieprüfende Lehrmeister meiner Studenten. In diesen beiden alten Leuten habe ich zwei praxiserprobte Lehrmeister für mich selbst gefunden.

Vitamin B wie Beten

Zwei Jesuiten sitzen beim Vesperbrot zusammen, als die Zeit des abendlichen Läutens beginnt und sie kommen überein, gemeinsam das Stundengebet zu beten. Da gießt sich der eine noch ein Bier ein. Der andere sagt: »Sag mal, spinnst du? Wir wollen doch beten. Ich habe als Student mal den Exerzitienmeister gefragt, ob man beim Beten rauchen darf. Der hätte mich fast gewürgt.«
Darauf der erste: »Du hast falsch gefragt. Du hättest nicht fragen sollen, ob man beim Beten rauchen darf, sondern ob man beim Rauchen beten darf. Dass man beim Biertrinken beten darf, wird dir kein noch so frommer Exerzitienmeister verwehren wollen.«
Diese Anekdote scheint zu besagen, dass da jemand das Gebet nicht ganz so ernst nimmt, wenn er glaubt, dabei ein Bier trinken zu dürfen. Aber man könnte sie auch so deuten: Es gibt keine Zeit, zu der man nicht beten kann und darf. Es gibt keinen Ort, an dem man nicht beten kann und darf. Es gibt kein Tun, das nicht durch das Gebet zu korrigieren und zu begleiten wäre.
Manchmal habe ich Zweifel, ob die liturgisch durchgestylten, immer gleichen Psalmgesänge mancher Ordenskonvente authentische Gebete sind. Beten heißt schließlich nicht, sich selbst genießen. Beten heißt manchmal eher, sich selbst disziplinieren, und zwar auf Gott hin. Dabei gilt aber: Beten ist nicht Leistungssport, sondern Beziehungspflege um Gottes und des Menschen willen.
Beten heißt manchmal auch, in Gottes Tiefe, Höhe und Weite zur Ruhe kommen und die eigene Tiefe, Höhe und Weite wiederfinden. Aber vielleicht geschieht beides ja auch in den Chorgebeten der Orden.
Was soll man beten? Der große evangelische Theologe Karl Barth (1886-1968) hat die Frage so beantwortet: »Wie man beten soll, das steht in der Bibel; und was man beten soll, das steht in der Zeitung.« Alles kann und soll man ins Gebet nehmen, auch sich selbst. Dass man Dinge durchdenken muss, ist uns geläufig. Dass man sie auch mit und vor Gott durchdenken, also durchbeten sollte, ist in Vergessenheit geraten. Durchbeten Sie also Ihren Alltag, Ihre Ängste und Nöte, Ihre Freuden und Hoffnungen.
Warum soll man beten? Der katholische Religionsphilosoph Romano Guardini (1885-1968) hat seine Einsichten zu dieser Frage so formuliert: »Wir beten nicht, um Gott wissen zu lassen, was wir wollen, denn er kennt unser Herz besser als wir selbst; sondern wer betet, lebt vor ihm, zu ihm hin, von ihm her, gibt Gott, was sein ist, und empfängt, was Er geben will.« Und: »Man kann auf Dauer kein guter Christ sein, ohne zu beten – sowenig man leben kann, ohne zu atmen.« Wenn ein Mensch betet, leistet er nicht Gott einen Dienst ab, sondern nimmt die lebenserhaltende und lebensspendende Dienstleistung Gottes am Menschen entgegen.
Soll man nicht besser handeln, anstatt zu beten?, wird manchmal gefragt. Man hat da einen merkwürdigen Gegensatz konstruiert, den zwischen Beten und Tun, zwischen Aktion und Kontemplation. Dagegen fällt mir meine Großmutter ein, eine Witwe auf einem kleinen Kötterhof von sieben Morgen, bettelarm, alleinerziehend mit vier eigenen Kindern und fünf aus der ersten Ehe ihres Mannes übernommenen Kindern. Sie betete noch beim Melken und bei der gemeinsamen Stallarbeit laut den Rosenkranz vor. Das Falten der Hände ist nicht die Kapitulation des Tatmenschen. Genau umgekehrt ist es: Nicht zu beten heißt, sich der Hilfe Gottes zu berauben. Das Gebet entlastet, denn es legt Gottes Werk in seine Hände und lässt es dort. Und genau das macht die eigenen Hände frei, das Werk zu tun, das mir aufgetragen ist. Und überdies: Das Gebet ist auch eine Tat, und zwar eine, die durch keine andere zu ersetzen ist. »Ein Christ, der aufhört zu beten, legt sich selbst das Handwerk«, sagt treffend Paul Deselaers.
Während in Zeiten, die weit ärmer waren als die unsere heute, Kirchen gebaut und eröffnet wurden, werden heute, also in einer Zeit, die so reich ist wie fast keine zuvor, viele Kirchen geschlossen und abgerissen. Ob die Krisen unserer Kirche – von der Krise der viel zu wenigen Priester- und Ordensberufungen bis hin zur Finanzkrise – nicht im Letzten aus einer Krise des Gebets, also aus der nicht mehr wahrgenommenen Gottesbeziehung erwachsen? Beten ist schließlich das Atemholen der Seele, Beten ist das Lebenszeichen der Christen und der Kirche.
Kurz vor seinem Tod drückte mir der frühere Stadtdechant von Recklinghausen, Alfons Hünting, einen Zettel mit einem Text des Schriftstellers Carlo Carretto (1910-1988) über das Beten in die Hand: »Wir sind das, was wir beten. Der Grad unseres Glaubens ist der Grad unseres Betens. Die Kraft unserer Hoffnung ist die Kraft unseres Betens. Die Glut unserer Liebe ist die Glut unseres Betens – nicht mehr und nicht weniger. Unser Gebet hat einen Anfang gehabt, weil wir einen Anfang hatten. Aber es wird kein Ende haben, es wird uns in Ewigkeit begleiten, es wird der Jubel unseres Glücks sein.«
So ähnlich sagt es auch Philipp Neri (1515-1595), der Gründer des Ordens der Oratorianer und tieffromme Witzbold unter den Heiligen: »Wie du betest, so bist du.«
Wer betet, merkt: Wir haben einen Gott, der mit sich reden lässt, einen Gott, bei dem, mit dem und durch den sich leben lässt. Beten erschafft und erhält eine Lebens- und eine Liebesbeziehung zwischen Gott und Mensch, die nicht ihresgleichen hat, weil Gott nicht seinesgleichen hat.

Das Gebet – vom und zum Herrn

Beten Sie? Manchmal, selten, nie oder doch regelmäßig? Es ist nicht so sehr von Bedeutung, was man oder wie man etwas sagt. Das viele Reden beim Gebet kann ja durchaus nichtssagend sein. Es ist nicht einmal von Bedeutung, ob man überhaupt etwas sagt; denn das Gebet kann völlig wortlos und doch vielsagend sein. Vielleicht muss das Gebet im Letzten sogar wortlos werden, um Gott ganz zu Worte kommen zu lassen und um dabei selbst ganz Ohr zu werden. Wichtig ist, jenseits aller Ausdrucks- und Vollzugsformen des Gebets, die im Gebet vollzogene existenzielle Hingabe des Beters, die Selbstüberantwortung an Gott als das tiefste und hoffnungsvolle Geheimnis der Welt.
Das Herrengebet, das Vaterunser, ist vielfach als Einübung in die Hoffnung oder als Auslegung der Hoffnung gedeutet worden. Gott, der Allmächtige, der Allwissende, der Allgegenwärtige und der Allgütige wird schon eingangs als »unser Vater« angerufen, und damit wird seine unendliche Erhabenheit in eine geradezu familiäre Nähe und menschliche Intimität überführt. Dieses exemplarische Gebet hat Jesus seinen Jüngern hinterlassen, mit ihm hat er sie in sein Gottesverhältnis eingeführt und mit ihm hat er sie beten gelehrt. Durch dieses Gebet hat er den Gott des Himmels hoffnungsvoll für den Menschen »geerdet«.
 
Das Vaterunser weist zwei Arten von Bitten auf. Die erste Gruppe umfasst die drei Du-Bitten: Hier geht es um das Verhältnis von Gott und Welt und um das allumfassende Ziel von Welt und Geschichte, um die heilshafte Ausrichtung des Ganzen durch Gott und auf Gott hin.
1. »GEHEILIGT WERDE DEIN NAME.« Nur im Anruf Gottes, im Namen Gottes vollzieht sich das Heil an der Welt. Darum soll sein Name heilig gehalten werden, weil Heilung und Heiligung an sein Dasein gebunden sind, weil er das umfassende Heil schenkt. Nicht in Drei-Teufels-Namen, sondern in Gottes Namen finden wir Heilung und Heil.
2. »DEIN REICH KOMME.« Gegen alle Reiche dieser Welt, gegen alle »Tausendjährigen Reiche«, gegen alle Kaiser- und Weltreiche, gegen alle Militär-, Wirtschafts- und Finanzimperien wird um das Reich gebetet, das nur Gott schenkt, indem er seine allumfassende Macht zur Entfaltung bringt. Erst Gottes Reich macht den Menschen wirklich und endgültig reich, nämlich himmelreich.
3. »DEIN WILLE GESCHEHE, WIE IM HIMMEL SO AUF ERDEN.« Indem der Wille Gottes geschieht, kann diese Erde dem Himmel ähnlich werden. Wo der Mensch seinen Willen absolutsetzt, wo andere ihm zu Willen sein müssen, macht er diese Erde zur Hölle. Die totalitären Systeme, ganz gleich ob es nationalsozialistische oder faschistische oder marxistisch-leninistische oder stalinistische oder maoistische Systeme waren, sie alle, und leider nicht nur sie, haben eine gewaltige Blutspur durch die Geschichte gezogen. »Des Menschen Wille ist sein Himmelreich«, sagen wir sprichwörtlich. Des Menschen Wille ist nicht sein Himmelreich, sondern eher seine Hölle. Gottes Wille ist des Menschen Himmelreich.
Gottes Name, Gottes Reich, Gottes Wille sind nur die Chiffren für Gott selbst. Sie verdeutlichen uns nur die Dimensionen seiner Präsenz in dieser Welt. Um Gottes allumfassende, um Gottes Raum-Zeit-umfassende Gegenwart beten wir.
Die zweite Gruppe von Bitten, die Wir-Bitten, richten sich auf das Verhältnis der Menschen untereinander, das Verhältnis von Mensch zu Mensch. Hier geht es um die alltäglichen, die sonn- und werktäglichen Hoffnungen.
4. »UNSER TÄGLICHES BROT GIB UNS HEUTE.« Diese Bitte umfasst mit dem Brot alles das, was wir zum biologischen Leben notwendig haben. Wenn wir Gott um dieses Brot bitten, machen wir deutlich, dass er der eigentliche Brotgeber, der Geber alles Lebensnotwendigen ist. Aber wir sollten uns auch bewusst sein, dass Gott dem Menschen das Brot durch Menschen gibt. Wer dem Mitmenschen das tägliche Brot vorenthält oder den Brotkorb hochhängt, wer sich im Angesicht der Hungerleider selbst Lachs und Kaviar aufs Brot legt, dem sollte diese Bitte im Halse stecken bleiben, denn sie ist dann blanker Hohn. Vor der Brotbrechung in jeder Eucharistie beten wir das Vaterunser, damit, wer das eucharistische Brot empfängt, das tägliche Brot teilt.
5. »UND VERGIB UNS UNSERE SCHULD, WIE AUCH WIR VERGEBEN UNSERN SCHULDIGERN.« Direkt nach dem täglichen Brot erwähnt Jesus in seinem Gebet die Schuld; denn sie ist so täglich wie das tägliche Brot. Und die tägliche wechselseitige
Vergebung ist so notwendig wie das tägliche Brot. Gottes Vergebungsbereitschaft soll der Maßstab für die Vergebungsbereitschaft des Menschen sein. Wo sich die Vergebungsbereitschaft des Menschen an der Menschlichkeit Gottes orientiert, wird etwas von der Göttlichkeit des Menschen erahnbar.
6. »UND FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG, SONDERN ER-LÖSE UNS VON DEM BÖSEN.« Gott ist der, der endgültig vom Bösen befreien kann. Diese Bitte umfasst personalisiert den Bösen und neutral das Böse. Fassungslos starren wir Menschen oft in die tödlichen Abgründe des Bösen. Alles, was nur irgendein krankes, abartig perverses, sadistisches Gehirn sich ausdenken kann, hat die Menschheit getan und tut sie noch immer in ihrer bestialischen Geschichte. Keine denkbare Bosheit hat sie ausgelassen. Nicht mehr in den Zwiespalt, zwischen Böse und Gut zu geraten, nicht mehr auf die Probe gestellt zu sein, sondern mit Entschiedenheit das Gute zu erkennen, zu wollen und zu tun, das ist Erlösung von dem Bösen.
Wo das Gebet zur vorbehaltlosen Hingabe, zur existenziellen Selbstübereignung an Gott wird, da fallen Lieben und Erkennen zusammen. Da werden wir Gott im Erkennen lieben und im Lieben erkennen und darin vollendet sein.

ADVENTS- UND WEIHNACHTSZEIT
Wenn eine Zeit des Kirchenjahres als einladend für den christlichen Glauben empfunden wird, dann ist es wohl an erster Stelle die Advents- und Weihnachtszeit. In keiner anderen Zeit lassen sich Menschen, auch die der Kirche und dem Glauben ansonsten fern oder kritisch gegenüberstehenden, so zahlreich zum Glauben und zum Gottesdienst einladen. Und in keiner Zeit des Kirchenjahres ist die auch in Cent und Euro messbare Solidarität der Menschen mit Not leidenden Mitmenschen größer als in der Advents- und Weihnachtszeit.
Da spielen eigene Kindheitserinnerungen eine Rolle, die lebenslängliche Sehnsucht und die immer wiederkehrende Suche nach Geborgenheit und Verstandenwerden in der Familie, das erwartungsvolle Kindsein und Kindbleiben mit seinem Schenken und Beschenktwerden. Da spielt eine manchmal ins Folkloristische ausgeweitete Liturgie eine Rolle, die die Grenze zwischen dem sakralen Tun in der festtäglichen Kirche und dem profanen Tun in der alltäglichen Lebenswelt fließend werden lässt. So wird beim sogenannten Frauentragen während des Advents in manchen Gegenden eine Marienfigur aus der Kirche von Haus zu Haus weitergegeben. Da wird die Herbergssuche der schwangeren Maria und ihres Mannes Josef erzählt, gespielt und besungen. Da ziehen die Kinder als Heilige Drei Könige verkleidet durch die Straßen, sammeln für Kinder in den Elendsgebieten dieser Erde und schreiben mit Kreide einen Segen an die Türen. Und da schreitet man in unseren Breiten über die lang und länger werdenden Nächte und durch die tiefste und längste Dunkelheit des Jahres an der Wintersonnenwende hinweg und hinein in die lang und länger werdenden Tage eines neuen Jahres.
All das ist ein sehr sinnlicher, anschaulicher, praktischer Grundkurs des Glaubens, konzentriert auf eines seiner Kernstücke, auf die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Die Feier der Geburt des rettenden, menschlichen Gottes und der Beginn eines neuen Jahres sind die Symbole für einen verheißungsvollen inneren und äußeren Neuanfang, eine Einladung zum Christsein.

Advent

Gott im Kommen?

Die Veranstalter der berühmten Salzburger Hochschulwochen haben sich vor einiger Zeit ein merkwürdiges Thema ausgedacht: Gott im Kommen. Ist Gott im Kommen, oder ist nicht eher die Gottvergessenheit, die Gottlosigkeit im Kommen? Sind die Häupter in den Gottesdiensten nicht eher grau oder kahl bzw. grau und kahl? Der dramatische Rückgang bei Trauungen, Taufen, kirchlichen Beerdigungen und Gottesdienstbesuchen ist doch unübersehbar.
Gott im Kommen? Ist Gott nicht vielmehr im Gehen? Sind unsere Gottesdienste so zum Weglaufen, oder laufen die Menschen vor der Konfrontation mit sich selbst davon? In diesem Tränental der kirchlichen Statistik sagen neue religionssoziologische Studien dagegen: Religion kehrt heute mit neuer Vitalität zurück. Religion wird in Europa wieder wichtig. Religiös-kirchliche Themen stehen in den Schlagzeilen der Presse und in den Programmen der Radio- und Fernsehsender. Millionen Menschen, die Anteil nahmen am Tod des Papstes Johannes Paul II., ein Weltjugendtag mit mehr als einer Million Jugendlicher, Hunderttausende beim letzten Papstbesuch selbst im papstkritischen Deutschland. Aber sind das nicht alles mediale Seifenblasen, die kurzzeitig hübsch anzusehen sind, doch bald wieder zerplatzen?
Gibt es noch andere Zeichen eines Aufbruchs, Hinweise auf einen Neuanfang, Gründe für Zuversicht? Bei einem Treffen der Institutsleiter aller theologischen Institute und Fakultäten in Nordrhein-Westfalen erfuhr ich, dass die Zahl der Theologiestudenten seit Jahren steigt, auch bei uns hat sie sich in fünf Jahren verdreifacht. Ist das (k)ein Lichtblick? Gott im Kommen? Gott im Gehen? Weder gesellschaftlich noch individuell betrachtet ist der Trend eindeutig.
Die frühen Christen haben zuerst in einer jüdischen und dann jahrhundertelang in einer römischen Christenverfolgung gelebt. Ihr Trost war der Blick auf den wiederkehrenden Christus. Und so beteten sie mit den letzten Worten der Heiligen Schrift: »Maranatha!« – komm, Herr Jesus! Sie waren im politischen, sozialen, religiösen Chaos ihrer Zeit getragen, gehalten, geleitet von einer adventlichen Hoffnung auf den kommenden Gott.
Die Evangelientexte am Ende des alten und am Beginn des neuen Kirchenjahres dekorieren den Horizont menschlicher Existenz nicht mit rosa Wölkchen und Silberstreifen. Sie sehen die Unwetterwolken am Horizont und das Sturmtief schwerer Verfolgung. Aber sie wissen: Unser Horizont ist nicht alles, und hinterm Horizont geht’s weiter, für die Christen und für alle Menschen.
»Wenn all das beginnt...«, wenn das Alter, die Krankheit zum Tode, wenn die Verzweiflung in Herz und Hirn eindringt, was dann? – Die Heilige Schrift sagt nicht: Dann backt kleine Brötchen, geht in Doppeldeckung, verschwindet in der Versenkung, taucht ab oder taucht unter, benachrichtigt die Hausrats- und die Lebensversicherung etc. Vielmehr steht da: »Wenn all das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe« (Lk 21,28).
Der kommende Gott ist der erlösende Gott. Er löst uns aus den Zwängen und Ängsten unserer Statistenrolle im Theater dieser Welt. Der kommende Gott ist der menschliche Gott. Er ermutigt uns zum Kontrastprogramm der Menschlichkeit gegen alle Unmenschlichkeit. Der kommende Gott ist der lebendige Gott. Er gibt Leben auch da, wo wir am toten Punkt sind, wo wir uns überlebt haben oder wo wir uns nicht wirklich zu leben trauen. Der kommende Gott ist der ewige Gott. Er befreit uns aus der Beengung und Befristung der Zeit zur Weite seiner Ewigkeit.
Gott ist im Kommen, und die uns Christen angemessene Haltung ist: »Wir sind in Erwartung.« (Das gilt auch für Männer. Manchen sieht man es sogar schon an.) Wir sind »in guter Hoffnung«.
Wir müssen uns nicht ins kleine private Glück und so notdürftig über die Runden retten. Wir müssen nicht in verwegenem Titanismus die ganze Welt retten. Die Selbst- und Welterlösungshektik ist ein Zerrbild christlicher Zuversicht.
Der Theologe Eberhard Jüngel (*1934) meint: Der sich »in der Pose des revolutionären Titanen« gefallende Mensch und der die »von Menschen gesetzten Grenzen für ewige Begrenzungen ausgebende Reaktionär«, beide seien sie »hoffnungslose Gestalten«. Auch in unserer Kirche gibt es diese hoffnungslosen Gestalten, die reaktionären Museumswächter und Denkmalpfleger ebenso wie die revolutionären (Um-)Baulöwen. Aber worauf kann man berechtigterweise hoffen? Der Philosoph Robert Spaemann (*1927) schreibt: »Der Gedanke, die irdische Geschichte werde so etwas wie ein Äquivalent des Himmelreiches hervorbringen, war schon immer gegen jede gesunde Vernunft. (...) Der Preis, der schon bezahlt wurde, ist längst zu hoch für alles, was unter Bedingungen der Endlichkeit dafür geboten werden kann. Niemals können die verbesserten Lebensumstände der Nachgeborenen so sein, dass sie die Leiden der Geschichte kompensieren.« Die selbst ernannten Welterlöser und Weltuntergangspropheten sind selbst hoffnungslose Gestalten. Wer wirklich auf den kommenden Gott setzt, kann, wenn er das Seine getan hat, sich gehen und der Welt ihren Lauf lassen – eben dem kommenden Gott entgegen.
Die Bibel degradiert unsere Hoffnung und Erwartung nicht zu einem konservativen oder progressiven Wunschkatalog, sondern sagt: »Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gedrungen ist, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben« (1 Kor 2,9).
Wer auf den kommenden Gott setzt, der kann über die eigenen Pläne hinaus weiter ausschauen nach dem, »was kein Auge gesehen hat«, weiter hinhorchen auf das, »was kein Ohr gehört hat«, der kann etwas erahnen von dem, was »noch in keines Menschen Herz gedrungen ist«. So können wir, Männer wie Frauen, in Erwartung und guter Hoffnung sein, denn Gott ist im Kommen. Er kommt im Großen wie im Kleinen, im Öffentlichen wie Privaten. Vor allem, er kommt in Menschlichkeit zu uns und durch uns zur Welt.

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