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Zur Unverträglichkeit von Milch
Theorie
Wer mit Bauchschmerzen auf den Verzehr von Milch reagiert, leidet meist an einer Milchunverträglichkeit, die im medizinischen Sprachgebrauch auch Laktoseintoleranz genannt wird. Da ist der Bedarf nach fachgerechten Informationen groß. Auf den folgenden Seiten werden Ursache, Bedeutung, Ausmaß, aber auch Grenzen der Milchunverträglichkeit aufgezeigt, Wissenswertes zu den Symptomen und den Diagnostikmöglichkeiten vermittelt sowie Therapien und Strategien zum Umgang mit den Beschwerden aufgeführt.

Wenn der Mensch keine Milch verträgt

Der Mensch und das Milchvieh haben in unseren Breiten eine gemeinsame Vergangenheit. Für die Milchwirtschaft hat der Mensch seine Landschaft verändert, Wälder gerodet, um Wiesen anzulegen und Flüsse umgeleitet, um diese zu bewässern. Bis auf 3000 Meter Höhe werden in den Alpen die Ziegen und Kühe geschickt, wo sie Terrassen getreten und das Wachstum der Pflanzen verändert haben. Milch, Butter, Sahne und Käse sind über Jahrhunderte wichtigster Lieferant von tierischem Eiweiß und Fett gewesen. Zweifelsfrei hat dieses Zusammenleben dem Menschen genutzt.
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Die Laktoseintoleranz ist die häufigste Ursache für das Nichtvertragen von Milch und Milchprodukten.

Des Säuglings Nahrung

Doch dass wir uns auch nach der frühkindlichen Phase mit Milch ernähren, ist eigentlich von der Natur nicht vorgesehen. Als Folge des natürlichen Verschwindens von Milch im Speiseplan des nicht mehr gestillten jungen Menschen können etwa 4 Milliarden Erwachsene auf unserer Erde den Milchzucker – das Hauptkohlenhydrat der Milch, auch Laktose genannt -, nicht mehr normal verdauen. In vielen Ländern, hauptsächlich in Asien und Afrika, spielte die Milch traditionell früher keine Rolle und hat erst mit der Kolonialzeit, wie z. B. in Indien, Einzug gefunden. In Europa vertragen die meisten Menschen die Milch sehr gut. Dennoch haben etwa 10 bis 20 Prozent der Europäer mit der Milch und manchen Milchprodukten Probleme und verzichten auf sie aufgrund einer erlernten Vermeidungsstrategie. Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall, Übelkeit und Unwohlsein sind die Haupterscheinungen dieses Phänomens, das durch das Fehlen eines Enzyms im Dünndarm zustande kommt. Die normale Kuhmilch enthält immerhin 45 bis 50 Gramm Milchzucker pro Liter Milch.

Informationen für den Alltag

Wer an einer Milchunverträglichkeit leidet, sollte auf seine Ernährung achten. Einerseits, um keine Bauchbeschwerden zu haben, andererseits um sich vor allem in Bezug auf die Versorgung mit Kalzium und Eiweiß (Protein) richtig zu ernähren. Meistens genügt es, auf den Milchzuckergehalt einer Speise zu achten und Milchprodukte zu wählen, die keine oder nur noch minimale Milchzuckeranteile haben. Und wer dennoch trotz Milchzuckerunverträglichkeit auf manche Milchprodukte nicht verzichten möchte, kann sich durch die Einnahme des Enzyms Laktase helfen, das es in Drogerien rezeptfrei gibt.

Seltene Ursachen sind hier kein Thema

Auf seltene Ursachen der Milchunverträglichkeit wie den angeborenen Laktasemangel, der extrem selten ist, sowie die Allergie gegen das Eiweiß der Kuhmilch wird in diesem Ratgeber nicht eingegangen. Die Kuhmilchallergie ist schlecht nachweisbar, da es keine wirklich verlässlichen Messmethoden gibt, obwohl einige Ärzte mit den so genannten Allergietests eine Sicherheit suggerieren wollen, die aber einer medizinisch-wissenschaftlichen Grundlage entbehren. Die Unverträglichkeit von Kuhmilcheiweiß ist äußerst selten und tritt meist nur bei Säuglingen auf.

Hilfe in der Not

Dass Milch einer der besten Grundlagen zur Wiederherstellung der körperlichen Gesundheit darstellt, davon zeugen Ernährungsprogramme der WHO und der UNICEF in Hungergebieten. So hilft z. B. die Milch – oft in Form von Trockenpulver – auch in vielen Entwicklungsländern, die Säuglingssterblichkeit zu verringern.
Dass man aber als Erwachsener auf Milch verzichten kann, wenn man sich anderweitig ausgewogen ernährt, beweisen drei Viertel der Erdbevölkerung.
Nicht zu verwechseln
Die Beschwerden nach dem Verzehr von Milch können verschiedene Ursachen haben. Zwei Komponenten der Milch sind dabei unabhängig voneinander zu betrachten: das Eiweiß (Protein) und die Kohlenhydrate (umgangssprachlich oft nur Zucker genannt).
■ Reagiert der Körper allergisch auf ein Eiweiß in der Milch (z. B. Lactalbumin, Lactoglobulin oder Kasein), liegt eine Kuhmilchallergie vor. Sie tritt meist bei Kindern im ersten Jahr nach der Zufütterung von Kuhmilchprodukten auf. Eine Kuhmilcheiweißallergie kommt bei Erwachsenen sehr selten vor.
■ Reagiert der Körper auf den Zucker (Laktose) der Milch, liegt eine Milchzuckerunverträglichkeit (Laktoseintoleranz) vor. Die Unverträglichkeit beruht darauf, dass das Enzym Laktase, welches den Milchzucker im Dünndarm während der Verdauung spaltet, fehlt oder nur in ungenügender Menge gebildet wird. Unverdauter Milchzucker gelangt in den Dickdarm und wird dort von Darmbakterien abgebaut. Dabei entstehen Gase, die zu unangenehmen Blähungen und Durchfällen führen können.

Rezepte, die geeignet sind

Schließlich gibt es allerorts wunderbare Gerichte ohne Milch, wie viele Rezepte unserer Nachbarn in Italien, Griechenland und Spanien zeigen. Dieses Buch zeigt zudem, wie selbst bekannte, ursprünglich milchenthaltende Gerichte ohne Laktose zubereitet werden können.

Die Rolle der Genetik

Warum vertragen die Skandinavier die Milchprodukte besser als die Chinesen? Können unsere Gene vorhersagen, ob wir Milch vertragen? Diesen Fragen ging eine finnische Forschergruppe Anfang dieses Jahrzehnts nach, als sie nach der genetischen Ursache für die Milchzuckerunverträglichkeit suchte.

Verschlüsselte Informationen

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass eine minimale Veränderung auf unserem zweiten Chromosomenpaar dafür verantwortlich ist, dass einige von uns den Zucker der Milch nicht vertragen. Andere, nämlich die Mehrheit der Mitteleuropäer, dagegen vertragen Laktose doch. Die Forscher fanden diese genetische Veränderung ganz in der Nähe derjenigen Stelle, die für die Bildung des Enzyms Laktase verantwortlich ist, das den Milchzucker spaltet.

Träger der Erbsubstanz

Die DNA-Ketten unserer 23 Chromosomenpaare haben unser Erbgut allein über die millionenfachen Kombinationsmöglichkeiten von vier informativen Bausteinen gespeichert. Diese heißen Adenin, Thymin,
Wichtige Begriffe kurz erklärt
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Guanin und Cytosin und werden mit ihren Anfangsbuchstaben A, T, G und C abgekürzt. Menschen, die den Milchzucker vertrugen, hatten auf ihrem Chromosomenpaar Nr. 2 an der Position -13910 entweder die Kombination T/C oder T/T. Erwachsene, die ihn nicht vertrugen, hatten die Kombination C/C. Diese Kombination führt dazu, dass Erwachsene das Enzym Laktase nicht mehr produzieren.

Relikt aus alten Zeiten

Darauf folgende Studien an sehr verschiedenen Bevölkerungen zeigten, dass diese Veränderungen mit der gleichen Häufigkeit auftraten, mit der auch die Laktoseintoleranz in diesen Ländern auftrat. Somit war klar, dass hier ein altes Gen gefunden wurde, das die Menschen mit Milchviehhaltung seit archaischen Zeiten begleitet hat. Menschen in unseren Breiten haben dieses Unverträglichkeitsgen, also die Kombination C/C nur in 15 Prozent bis 20 Prozent, und in Skandinavien, wo es traditionell viel Milchwirtschaft gibt, sogar nur in 2 Prozent der Fälle. Amerikaner haben dieses Gen nur in 8 Prozent, wenn sie europäischer Abstammung sind, aber in 80 Prozent, wenn sie afrikanischer Abstammung sind.

Anpassung an die Umwelt

Es erscheint im Sinne der Evolution möglich, dass sich dieses Gen bei den Menschen, die Milchwirtschaft betrieben hatten, nicht so durchsetzen konnte, weil es seinem Träger einen Nachteil verschaffte. Bevölkerungsgruppen, welche die Milch nicht vertragen hatten, hielten sich seltener Milchvieh als jene, welche die Milch vertrugen. Letztere hatten jedoch einen evolutionären Vorteil, da sie leichter an die wichtigen Zucker, Fette, Eiweiße, Vitamine und Mineralstoffe herankamen, die in der Milch enthalten sind. Das genetische Geheimnis ist zwar noch nicht ganz aufgeklärt, da es z. B. afrikanische Völker gibt, bei denen dieser Zusammenhang nicht nachvollziehbar ist; aber für den Mittel- und Nordeuropäer konnte dieser Zusammenhang klar und eindeutig hergestellt werden. So zeigte eine darauf folgende deutsche Studie, dass von 116 Patienten, die angaben, Milchzucker nicht zu vertragen, über 90 Prozent das Unverträglichkeitsgen aufwiesen. Das Wissen um die genetische Grundlage dieser Zusammenhänge hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Milchzuckerunverträglichkeit und die damit verbundenen Beschwerden aus dem Bereich des Spekulativen auf eine wissenschaftlich fundierte, biologische Grundlage gestellt wurden.
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Auf einer ganz bestimmten Stelle der DNA liegt das »Unverträglichkeitsgen« für Laktase.

Sinn und Natur des Milchzuckers

Nach der Geburt ist die Fähigkeit, den Milchzucker zu spalten, noch bei allen Menschen vorhanden. Es ist eine der Natur des durch die Muttermilch gestillten Kindes entsprechend sinnvolle Fähigkeit. Der Milchzucker deckt zu diesem Zeitpunkt fast die Hälfte des täglichen Kalorienbedarfs. Bald danach jedoch, bis etwa zum fünften Lebensjahr, verliert sich diese Fähigkeit bei drei Viertel der Weltbevölkerung.

Kohlenhydrate in der Kost

Im Erwachsenenalter nimmt der durchschnittliche Mensch dann täglich mit der Nahrung etwa 300 Gramm Kohlenhydrate auf, darunter aber nur noch etwa 15 Gramm Milchzucker. Über die Hälfte unserer Kohlenhydrate nehmen wir übrigens in Form von Stärke zu uns, meist als Kartoffeln und Getreide. Stärke wird erst im Laufe der Verdauung in ihre Einzelbausteine, die Einfachzucker, zerlegt und lässt dadurch den Blutzuckerspiegel nur langsam ansteigen. Ein Drittel der Kohlenhydrate nehmen wir in Form von Rohrzucker zu uns, der schnell ins Blut eintritt. Leider nimmt der Zuckeranteil in unserer Nahrung immer mehr zu und bereitet so Übergewicht und dem Diabetes mellitus, der »Zuckerkrankheit«, den Weg.

Zweifachzucker

Der Rohrzucker, der auch Saccharose genannt wird, ist ebenso wie der Milchzucker, die Laktose, ein Disaccharid, also
Bezeichnungen und Vorkommen der Kohlenhydrate in Lebensmitteln
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ein Molekül, das aus zwei Einzelzuckern besteht. Disaccharide muss der Körper erst durch eigene Enzyme spalten, bevor er sie aufnehmen kann. Im Falle des Rohrzuckers ist das bei allen gesunden Menschen ohne Problem ein Leben lang möglich, im Falle des Milchzuckers eben nicht.

Der Darm unter der Lupe

Der Ort, wo der Milchzucker gespalten wird, ist der Bürstensaum der Dünndarmzellen. Dort sitzt das Enzym Laktase, das die aufgenommene Laktose in die beiden Einzelzucker Galaktose und Glukose spaltet, die dann vom Dünndarm leicht aufgenommen werden können. Und genau an diesem
Ort liegt die Erklärung, warum manche Menschen den Milchzucker nicht vertragen. Bei ihnen fehlt an dieser Stelle das Enzym Laktase, so dass sich der unverdaute Milchzucker im Verdauungsstrom weiter bewegt und schnell, zum Teil schon nach 15 Minuten, den Dickdarm erreicht. Dort wird der Milchzucker durch die normalen Darmbakterien unter anderen in Wasserstoff, verschiedene Gase sowie kurzkettige Fettsäuren gespalten. Die Fettsäuren wiederum können im Gegensatz zum Milchzucker vom Dickdarm aufgenommen werden. Auf diesem Weg kann auch der erwachsene Mensch, der den Milchzucker nicht spalten kann, zumindest einen Teil des Milchzuckers für die Energiegewinnung nutzen.

Unangenehme Begleiterscheinungen

Der Nachteil dieser Art der Verwertung von Milchzucker ist, dass der Körper mit großen Mengen unnatürlicher Stoffwechselprodukte konfrontiert ist. Wasserstoff, der im Darm als Gas auftritt, sowie die anderen Gase stellen die Grundlage der Blähungen dar. Die hohen Mengen an Milchzucker ziehen wiederum Flüssigkeit an, was ebenfalls Durchfälle verursachen kann. Wahrscheinlich üben auch die Fettsäuren einen chemischen Reiz auf die Darmschleimhaut aus, die darauf, wie bei allen Darmentzündungen, mit der Abgabe von Körperwasser in den Stuhl antwortet.
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Unsere Darmflora ist ein wichtiger Teil unseres Abwehrsystemsgegen Krankheitserreger. Die Darmbakterien, von denen wir zahlenmäßig mehr als Körperzellen besitzen, helfen im Dickdarm bei der Verdauung.

Laktoseintoleranz genauer betrachtet

Als primären Laktasemangel bezeichnet man in der Medizin die im Erbgut verankerte Schwäche, das Enzym Laktase zu bilden. Daneben gibt es noch den erworbenen Enzymmangel, der auch sekundärer Laktasemangel genannt wird.

Die Ursache liegt im Darm

Im Gegensatz zum primären Laktasemangel, bei dem das Gen vorschreibt, dass keine Laktase mehr gebildet wird, ist der sekundäre Laktasemangel durch die Zerstörung von Zotten im Dünndarm bedingt. Diese Zotten enthalten im Bürstensaum die Zellen, die das Enzym produzieren. Wenn die Zotten z. B. im Rahmen eines bakteriellen Darminfektes entzündlich angegriffen werden, gehen sie zugrunde und können am
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In den Spitzen der Darmzotten wird das Enzym Laktase gebildet. Gehen sie ein, versiegt die Produktion.
Verdauungsprozess nicht mehr teilnehmen. Dabei fehlen nicht nur die Laktase, sondern auch viele andere Enzyme und Verdauungsvermittler, die für den Stoffwechsel wichtig wären. Der Patient leidet unter Blähungen, Schmerzen, Durchfällen und manchmal auch Fieber und schwerem Krankheitsgefühl. Der sekundäre Enzymmangel kann auch im Rahmen von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, wie dem Morbus Crohn oder der Sprue auftreten, die durch eine Allergie gegen das Gluten, den Getreidekleber, zustande kommt.

Langsame Genesung

Interessanterweise erholt sich nach so einer Entzündung die Fähigkeit der Dünndarmzellen, wieder Laktase zu bilden, am langsamsten von allen Verdauungsfunktionen. Die Patienten bemerken das an einer anhaltenden Laktoseintoleranz noch Monate nach Abklingen der Entzündung.

Die häufigsten Beschwerden