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Bio boomt
Bio-Kost ist in. Mehr als 32 000 Produkte tragen inzwischen das staatliche grüne Bio-Siegel. Täglich gelangen rund 20 neue Bio-Produkte in die Regale der Geschäfte. Bei Ikea Deutschland kommen jährlich rund 1,5 Millionen Bio-Essen auf den Tisch.
Nicht nur Naturkostfachgeschäfte und Bio-Discounter, auch herkömmliche Supermärkte und Discounter wie Aldi, Penny und Lidl bieten die grüne Kost inzwischen wie selbstverständlich an. Hier gibt es nicht nur Bio-Basics wie Kartoffeln, Müslis und Öko-Möhren, auch Tiefkühlkost und andere Fertigprodukte für die schnelle Welle, verschiedene Tees und Kaffees, Weine und Säfte mit Bio-Labels stehen in den Regalen. Die klassischen Bio-Läden von heute erinnern in nichts mehr an die verstaubten Öko-Buden von früher, in denen das Müsli nicht selten neben dem Waschmittel platziert war – und manchmal auch ein bisschen danach schmeckte. Klassische Bio-Läden sind zu Fachgeschäften geworden, in denen man feinste Speisen, erlesene Bio-Weine oder auch das eine oder andere Fläschchen Öko-Schampus findet. Kostprobe und gute Beratung inklusive.
Zehn Prozent der Verbraucher zählen zu den »Intensivkäufern« von Bio-Kost. Bei ihnen landen also fast ausschließlich Bio-Produkte im Einkaufswagen. Jeder zweite Verbraucher kauft zumindest hin und wieder Bio-Essen. Noch gibt jeder Verbraucher im Schnitt zwar nur knapp 50 Euro im Jahr für Bio-Kost aus, das entspricht, gemessen in Lebensmitteln, einem zu zwei Drittel gefüllten Einkaufswagen. Doch der Umsatz mit der grünen Nahrung steigt ständig: Im vergangenen Jahr konnte die Bio-Branche ein Umsatzplus von 15 Prozent verbuchen. Rund vier Millionen Euro werden derzeit für Bio-Kost ausgegeben. Damit sei Bio nicht nur aus der Nische herausgetreten, sondern ein echter Markt geworden, stellt das »Ökomarkt Jahrbuch 2006« klar.

Bio statt Antibiotika

Bio-Kost ist dem Müsliimage entwachsen. Raffinierte Rezepturen, ansprechende Verpackungen und stimmige Läden machen immer mehr Menschen Appetit auf Bio-Kost. Bio-Kampagnen in Betrieben, an Schulen und in Kindergärten haben das gesunde Essen weiter ins Bewusstsein gerückt. Und das ist gut so. Denn Lebensmittelskandale wie die Rinderseuche BSE, Antibiotika im Schweinefleisch, umdeklariertes und auf frisch gepepptes Hackfleisch, Nitrat im Salat und auch die Diskussion um Gentechnik haben vielen den Appetit auf die übliche Nahrung gründlich verdorben. Doch auch das generell gestiegene Gesundheitsbewusstsein und der Trend zu Wellness führen dazu, dass immer mehr Menschen die Qualität der Nahrung hinterfragen.
Zwölf Prozent der Deutschen sagen, das grüne Essen sei besser für die Umwelt. Ein Drittel nennt als Gründe für den Einkauf von Bio-Fleisch, dass die Erzeugung »besser für die Tiere« sei. Das ergab eine weltweite Onlinestudie des Marktforschungsunternehmens ACNielsen in Frankfurt 2005. Schon prognostizieren Fachleute wie der prominente Trendforscher Matthias Horx, dass der Lebensmittelmarkt in Zukunft vor allem durch ökologisch und ethisch überzeugende Innovationen geprägt sein wird – Aspekte, denen Bio-Kost perfekt gerecht wird.

Leckerschmecker

Doch das gesündeste Essen wird nur dauerhaft gekauft, wenn es schmeckt. Trockene, krümelige Kekse und zuckerarmer Kuchen sind inzwischen eher die Ausnahme. Bio-Bäckereien haben längst bewiesen, dass Bio-Gebackenes köstlich sein kann. Sie zeigen, dass man aus Bio-Zutaten dreistöckige Torten, duftiges Gebäck, sahnige Pralinen und sogar Schokoküsse herstellen kann. Bio-Metzgereien bieten saftige Steaks und Braten an und präsentieren ein umfassendes Aufschnittssortiment, Roastbeef und Parmaschinken inklusive. Und im Bio-Wein liegt nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Zukunft. So arbeiten viele der weltbesten Weingüter inzwischen nach den Prinzipien des ökologischen Landbaus, egal ob im Burgund, im Elsass oder an der Rhône. Bei uns in Deutsch-land bauen fast 350 Winzer Bio-Trauben an und keltern daraus feinste Tropfen. Im aktuellen »Gault-Millau-Weinführer« haben wie auch in den Jahren zuvor wieder mehrere Bio-Weinbaubetriebe eine Auszeichnung bekommen. »Es ist an der Zeit, dass die Spötter das Maul halten und die Zweifler bereuen. Bio-Wein ist nicht nur gesund, er schmeckt auch«, stellt der Gourmetkritiker Wolfram Siebeck klar.
Argumente zum Kauf von Bio-Kost
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Alles Bio, oder was?

Doch ist wirklich überall Bio drin, wo es draufsteht? Kann die Kartoffel aus dem Discounter Bio sein und auch die Öko-Milch? Besteht nicht die Gefahr, dass schwarze Schafe sich einen Teil des Bio-Kuchens sichern wollen? Knapp 20 Prozent der Kunden sind nicht davon überzeugt, dass »Bio« drin ist, wo es draufsteht. Angesichts von 60 Cent für ein Kilo Bio-Kartoffeln im Discounter oder einen Becher Bio-Fruchtjoghurt für 39 Cent scheint das Misstrauen gerechtfertigt.
Dieser Ratgeber hilft durch den Öko-Dschungel. Er dient als Werkzeug, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Er erklärt, wie sich echte Öko-Kost von Pseudo-Bio unterscheidet, er zeigt die wichtigsten Bio-Labels, die bei der Identifizierung echter Bio-Kost helfen. Er benennt auch die versteckten Öko-Fallen, in die Verbraucherinnen und Verbraucher tappen können. Und er blickt über den Tellerrand hinaus. Denn Bio-Kost boomt nicht nur hierzulande, man kann sie auch über die Grenzen hinaus in vielen Ländern genießen.
Guten Appetit!
 
Annette Sabersky

Einmaleins der Bio-Landwirtschaft
Ackern im Einklang mit der Natur ist nicht neu. Ökologische Landwirtschaft wird bereits seit über 80 Jahren betrieben. Hier darf das Schwein die Sau rauslassen, und Grünzeug und Getreide können ohne Turbohilfsmittel wachsen und gedeihen.

Wo alles im Kreis läuft

Immer mehr Landwirte steigen auf Öko-Anbau um. Die Zahl der Bauern, die nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus ihre Felder beackern und Tiere halten, nimmt stetig zu. Die Anbaufläche wuchs im Jahr 2005 um gut fünf Prozent. Das ist nicht viel, setzt aber Zeichen. Denn viele konventionelle Höfe sind vom Sterben bedroht, geben auf oder werden nur noch im Nebenerwerb betrieben.So wurden 2005 genau 417 Öko-Betriebe ins Leben gerufen, insgesamt sind es gut 17 000 Öko-Bauernhöfe.Fast fünf Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche wird derzeit nach Öko-Vorgaben bewirtschaftet.
Öko – das ist nicht nur ein Schlagwort, sondern ein handfestes landwirtschaftliches Konzept, das bereits seit 1924 vom Anbauverband Demeter praktiziert wird. Grundgedanke war und ist auch heute noch das Wirtschaften im Einklang mit der Natur. Der Öko-Betrieb gilt als ganzheitliches System, zu dem die Pflanze, der Boden, das Tier und der Mensch gehören. Das Miteinander ist von Respekt geprägt. Nicht die Aufzucht von Tieren in Massen, sondern die artgerechte Tierhaltung steht im Mittelpunkt. Aus dem Boden wird nicht das Äußerste herausgeholt, sondern er wird umweltschonend bearbeitet, gehegt und gepflegt. Alle »Teilnehmer« sollen möglichst in einer Kreislaufwirtschaft funktionieren. Das heißt, es wird kein Dünger oder Futter von außen zugekauft, sondern auf dem Hof so viel davon produziert, wie benötigt wird. Statt synthetischem Stickstoffdünger aus der Tüte werden Pflanzen angebaut, die – wie Klee, Erbsen, Lupinen und Bohnen – dem Boden Stickstoff spenden und sich gleichzeitig als Futter für die Tiere eignen. Auch die Gülle aus dem Stall und Mist sind genehmigt, sofern sie in solchen Maßen eingesetzt werden, dass sie nicht aus dem Boden ins Grundwasser ausgewaschen werden und sich dann der erhöhte Nitratgehalt im Gemüse wieder findet. Darum sollten immer nur so viele Tiere auf einem Hof gehalten werden, wie an Gülle genutzt werden kann.

Ackern ohne Giftspritze

Der Einsatz von synthetisch-chemischen Pflanzenschutzmitteln ist im Öko-Landbau ebenfalls tabu. Denn neben der Giftwirkung für Mensch und Natur schaden chemische Mittel auch kleinsten Lebewesen, die in Wiesen und Feldern eine wichtige Rolle spielen. Darum beugt der Landwirt vor. Er sorgt dafür, dass die Pflanzen gesund bleiben. Dazu gehört – anders als im konventionellen Landbau, wo auf einem Feld meist nur eine Getreideoder Rübensorte angebaut wird-, dass sich die Fruchtfolge jährlich ändert. Es werden besonders robuste und auf die Region abgestimmte Pflanzen (und Tiere) eingesetzt, die wenig anfällig für Umwelteinflüsse sind.
Sollten Schädlinge doch einmal überhand nehmen, etwa weil eine ungewöhnliche Witterung die Verbreitung begünstigt, sind Naturmittel wie Pflanzenbrühen oder Schmierseife zum Entfernen angesagt. Nur im äußersten Notfall darf der Öko-Landwirt auch zu stärkeren Pflanzenschutzmitteln, auf natürlicher Basis, greifen.

Tierisch gut

Anders als in der konventionellen Tiermast, die von Leid, Tempo und Enge im Stall geprägt ist, gilt in der Öko-Tierhaltung der Respekt vor dem Tier als oberstes Gebot. Das bedeutet: Die Lebensbedingungen von Schwein und Rind sind artgerecht. Die Tiere haben Ausgang ins Freie, und auch im Stall verfügen sie über genügend Bewegungsspielraum. Die Tiere stehen auf Einstreu statt auf betonierten Vollspaltenböden, die den Gelenken schaden und unbequem sind. Schweine, von Natur aus neugierig, haben genügend Raum zum Erkunden ihrer Umwelt. In den Ställen gibt es Bürsten, an denen sich die Tiere scheuern und kratzen und somit einem natürlichen Bedürfnis nachgehen können. Werden auf einem Hof Hühner gehalten, dürfen sie im Mist oder zumindest im Sand kratzen. In den Ställen gibt es Sitzstangen, auf denen das Federvieh ruhen und schlafen kann. Die Ställe werden durch Tageslicht erhellt, es gibt genügend Wasser, Futter und Frischluft. Ist nicht gerade Stallpflicht angezeigt (wie in Zeiten der Vogelgrippe), hat das Federvieh auch Ausgang ins Freie. Dort picken sie Futter (möglichst) vom eigenen Hof aus kontrolliert biologischem Anbau.

Homöopathie im Kuhstall

Eine routinemäßige und vorbeugende Behandlung mit Medikamenten ist untersagt. Vielmehr ist eine natürliche, artgerechte Lebensweise der beste Schutz vor Erkrankungen. Sollte es doch einmal ein Tier erwischen, kommen homöopathische oder pflanzliche Präparate zum Einsatz. Reichen sie nicht aus, beispielsweise bei massiven Eutererkrankungen, dürfen auch konventionelle Medikamente eingesetzt werden. Schließlich soll kein Tier unnötig leiden. Setzen Öko-Bauern Antibiotika ein, darf das Tier später nur unter bestimmten Bedingungen unters Messer kommen. Nämlich dann, wenn die Arzneien komplett abgebaut sind und somit den Schnitzel- und Steakessern nicht mehr schaden.
Bio-Bauer wird man nicht von heute auf morgen
Zum Öko-Betrieb wird ein Hof nicht von einem Tag auf den anderen. Es genügt schließlich nicht, konventionelles Futter durch Bio-Futter zu ersetzen oder ökologisch gezogenes Saatgut zu verwenden. In den Tierställen sind meist größere Umbauten erforderlich, damit die Tiere genügend Bewegungsfreiraum haben. Die Weiden müssen schadstofffrei sein, und auch die zum Acker- und Pflanzenbau genutzten Böden benötigen eine gewisse Zeit, um sich zu regenerieren, weil sie beispielsweise jahrelang mit synthetischen Düngeund Pflanzenschutzmitteln verunreinigt wurden. In der Zeit der Umstellung darf ein Landwirt seine Produkte darum nicht als »Bio« anbieten. Dennoch können Produkte aus einem so genannten Umstellungsbetrieb verkauft werden. Sie müssen den Hinweis »hergestellt im Rahmen der Umstellung auf die biologische Landwirtschaft« tragen.J

Qualität: Bio ist besser
Öko-Produkte schmecken aromatischer, enthalten weniger Zusätze und haben so gut wie keine Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in sich. Weiteres Plus über den Tellerrand hinaus: In der Bio-Branche entstehen ständig neue Arbeitsplätze.

Voller Geschmack