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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Andreas Schreiber, Bernadette Inauen-Wehrmüller, Doris Hasenschwandtner, Wunibald Müller gewidmet, in herzlicher Verbundenheit.

Einstimmung
Die Stille fasziniert mich seit langem. Sie verheißt mir, einfach sein zu dürfen. Sie macht mir auch Angst, weil ich mir nicht ausweichen kann. Schon als Kind und Jugendlicher habe ich immer wieder die Stille gesucht. Ich bin gerne alleine durch die Wälder und Felder gezogen. Ich habe auch die bedrückende Seite der Stille erlebt, wenn Konflikte totgeschwiegen und Gefühle überspielt wurden. In meinem Theologiestudium habe ich erfahren, dass der Gründer des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola (1491- 1556), eine Wegbegleitung für eine dreißigtägige Schweigezeit geschrieben hat. Diese Entdeckung hat bei mir eine große Sehnsucht und Angst ausgelöst. Jene Sehnsucht, die mich zu mir selbst entlässt, zum Seindürfen vor aller Leistung. Jene Angst, die mich auf mich selbst zurückwirft, auf unangenehme Fragen wie: Was bleibt von mir, wenn ich nur noch bin und mich nicht mehr über Arbeit definieren kann? Was trägt, wenn von außen keine Anfragen und Echos eintreffen?
Sehnsucht nach und Angst vor der Stille haben mich über zwanzig Jahre lang begleitet. Mehrere Male habe ich während dieser Zeit versucht, mich in einem Bildungshaus der Jesuiten anzumelden. Wie erlöst und befreit war ich jedes Mal, wenn es nicht klappte, weil in meinem Terminkalender schon andere Verpflichtungen eingetragen waren. Irgendwann war die Sehnsucht größer als die Angst und so habe ich mich drei Jahre im Voraus angemeldet, um sicher im Sommer 1999 dreißig Tage schweigend in einer Gruppe verbringen zu können. Kurz vor Beginn dieser inneren Reise holten mich die Widerstände wieder ein, nicht nur von innen, sondern auch von außen. Ich hatte meine Abwesenheit gut geplant und organisiert, aber es wurden Mitarbeitende unerwartet krank und ich hätte gute Gründe gehabt, um mein Rendezvous mit der Stille abzusagen. Doch meine Sehnsucht ließ sich nicht mehr auf später vertrösten. Mit Hoffnung und Angst ging ich Mitte Juli 1999 nach Notre Dame de la Route in Fribourg. Ich nahm vor allem mich selbst mit und nur zwei Bücher – die Bibel und ein gebundenes Buch mit leeren Seiten. Falls es sich ergab, sollten diese leeren Seiten meine Gedanken, Gefühle, mein Auf und Ab aufnehmen, in Form von Tagebucheindrücken, die ich schreibend-betend vertiefen wollte.
Dann trat ich voller Hoffnung und Angst ein in das große Wagnis der Stille. Ich erlebte diese dreißig Tage als intensiven Sterbe- und Auferstehungsprozess. Die ersten zwei Wochen war ich auf »Entzug«. Der Übergang von höchster Aktivität in die lang ersehnte Ruhe, in der niemand etwas von mir erwartete, war brutal. Eine depressive Stimmung warf mich sehr schnell auf uralte Verwundungen und Lebensfragen zurück. Obwohl es sehr unangenehm war, wusste ich mit großer Klarheit, dass ich durch diesen Engpass hindurch wollte, um eine neue Weite im Leben entdecken zu können.
Das Schreiben von Tagebuchmediationen und das tägliche, kurze Einzelgespräch mit meinem spirituellen Begleiter waren mir auf dieser Gratwanderung eine große Lebenshilfe. Eine Fülle von Meditationstexten schrieb ich mir von der Seele, im Sinne einer regelmäßigen Standortbestimmung. Denn ein spiritueller Mensch ist für mich eine Frau, ein Mann, die oder der wahrnimmt, was ist, um darin die göttliche Spur zu erkennen. Wahrnehmen können, ohne zu bewerten und zu beurteilen, war für mich die große Herausforderung, die mich in eine neue Freiheit führte.
All die Meditationstexte, die sich in diesem Buch finden, habe ich im Sommer 1999 innerhalb von zwei bis drei Minuten geschrieben. Heute, sieben Jahre danach, wage ich diesen dynamischen Prozess der Selbstwerdung und des echten Mitgefühls als Mystik des Schreibens zu benennen. Er erinnert mich an eine eindrückliche Szene im Film »Finding Forrester« (Forrester gefunden) vom amerikanischen Kultfilmregisseur Gus van Sant. Sean Connery spielt darin einen berühmten Schriftsteller namens Forrester, der sich nach dem großen Erfolg seines ersten Romans zurückgezogen hat. Ein 16-jähriger Student dringt in seine Einsamkeit ein, um durch ihn ins Schreiben eingeführt zu werden. Trotz anfänglicher Widerstände lässt sich Forrester auf ihn ein. Er leiht dem jungen Jamal seine Schreibmaschine und fordert ihn auf, einfach zu schreiben. Der Student will sich Zeit nehmen zum Nachdenken, doch Forrester sagt ihm: »Schreiben, nicht denken! Der erste Schritt beim Schreiben besteht darin zu schreiben, nicht zu denken.« Trotz seiner großen Verwunderung lässt sich Jamal auf dieses Experiment ein und er schreibt und schreibt, bis es immer mehr schreibt in ihm und durch ihn.
Eine wohltuende Filmszene, durch die ich mein Schreiben während der Schweigetage noch besser verstand. Ein Schreiben, das mich übersteigt, weil Raum und Zeit mir wie aufgehoben erscheinen. Ein Schreiben, in dem das Auf und Ab der Gefühle nicht bewertet wird. Ein Schreiben, das meinen vielfältigen Stimmungen und meinem intensiven Innenleben einen Ausdruck verleiht. Meine Tagebuchmeditationen sind ein dialogisches Ereignis, ein Dialog mit dem Urgrund allen Lebens, dem ewigen Du (Martin Buber). Ich erahne im Du die Christuskraft in mir, die mich zu mir selbst führt, um die tiefere Verbundenheit mit allem zu erfahren. Mein dialogisches Schreiben lässt mich meine Beziehungs- und Liebesfähigkeit und mein Engagement für ein gerechteres Miteinander in einem größeren Ganzen erkennen.