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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Wer sich zur Bejahung bekennt und nichts von der Verneinung weiß, wer sich zur Ordnung bekennt und nichts von der Verwirrung weiß, der hat noch nicht die Gesetze des Himmels und der Erde und die Verhältnisse der Welt durchschaut.
Chuang Tzu

Für Erika, Stephan, Oliver
und meine Mutter

Prolog
Als ich den Rohentwurf dieses Buches abgeschlossen hatte, berichtete mir eine Analyse-Patientin, selbst Psychologin, im zweiten Jahr der Therapie folgende Begebenheit:
»Ich bekam im Alter von 24 Jahren nach einer überstandenen lebensbedrohlichen Erkrankung eine akute Leukämie. Nach Stammzellentransplantation und Hochdosis-Chemotherapie war ich sehr infektanfällig und bekam eine Bauchfellentzündung mit furchtbaren Schmerzen, gegen die selbst starke, morphinhaltige Infusionen wenig ausrichteten.
Als der Dienstarzt eines Abends keinerlei Darmgeräusche hörte, ließ er mich in die Chirurgische Klinik bringen, wo ich von Assistenzärzten untersucht wurde. Als sie laut über eine Not-OP sprachen, bekam ich Angst und spürte die Gewissheit, dass ich eine solche OP nicht überleben würde. Ich hoffte inständig, dass sie sich dagegen entscheiden würden. Dann blieb ich mit dieser schrecklichen Angst allein. Stunde um Stunde verging, niemand kümmerte sich um mich. Meine Schmerzen waren kaum auszuhalten – ich versuchte zu rufen – niemand reagierte. Als ich so allein und verzweifelt dalag, tauchten plötzlich an der Zimmerdecke große Buchstaben auf. Ich war nicht sicher, ob sie nur vor meinem inneren Auge waren, aber dann las ich langsam ein Wort: Vertrauen.
Im gleichen Moment hatte ich das Gefühl, als verstünde ich dies mit jeder Zelle meines Körpers. Meine Schmerzen und meine Angst verschwanden völlig, ich wusste, dass ich wirklich darauf vertrauen durfte, dass alles einen Sinn hat. Ich weinte lange, fühlte mich demütig und klein, aber aufgehoben. Am nächsten Tag wurden alle Medikamente abgesetzt, ich brauchte nur noch ein einfaches Kopfschmerzmittel.
Als ich am Nachmittag meiner Mutter unter Tränen berichtete, was geschehen war, sagte sie mir, dass dies eine tiefe spirituelle Erfahrung gewesen sei.«

Vorwort
Der wahre Zweck eines Buches ist, uns hinterrücks zum eigenen Denken zu verleiten.
Marie von Ebner-Eschenbach
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Viele Fragen:
Warum leiden immer mehr Menschen an Depressionen und Ängsten?
Warum streben so viele nach Sozialprestige und nach Reichtum?
Warum laufen sie jeder Mode nach und suchen ihr Glück bloß noch im Konsum?
Warum lassen sie sich laufend durch Medien und Unterhaltungselektronik berieseln?
Warum haben so wenig Menschen Mut zu einem echten Nonkonformismus?
Warum haben sie so wenig Geduld, z. B. bei der Partnersuche und in Partnerschaften? Und warum bekommen sie so wenig Kinder?
Warum wird die Liebe mit Erlösungssehnsucht überladen – und oft enttäuscht?
Warum streben die meisten nach Sicherheit und Macht?
Warum haben viele Menschen so wenig Vertrauen in das Unvorhersehbare?
Warum haben »Wellness« und »Fitness« eine solche Konjunktur?
Warum fällt es arbeitslos gewordenen Menschen so schwer, sich zu solidarisieren?
Warum können viele Menschen immer weniger Spannungen aushalten?
Warum halten wir heutzutage fast alles für machbar und wollen es auch umsetzen?
Wir stehen zu Beginn dieses Jahrtausends vor etlichen schweren Problemen: der einsetzende Klimawandel, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich innerhalb der Nationen und zwischen der nördlichen und südlichen Hemisphäre, die (meist der Globalisierung angelasteten) Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt, die die Zahl sicherer Arbeitsplätze schrumpfen lassen und bei den (noch) Arbeitenden die Arbeitsüberlastung und die Angst um den Arbeitsplatz steigern, die Verschuldung von Staaten und Haushalten und vieles mehr. Wenn man dies alles betrachtet, möchte man fast resigniert aufgeben – oder auf eine gute Fee hoffen, die alles richtet. Aber die Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, sind ja vorbei, oder? Menschen, die etwas hinter die Kulissen des oberflächlichen Wachstums-Fetischismus, des Medien-, Konsum- und Polit-Spektakels sehen, erkennen mehr und mehr, dass es sich dabei weniger um einzelne ökologische, soziale oder wirtschaftliche Krisen handelt, sondern um eine einzige Krise, ja wahrscheinlich Sackgasse des abendländischen Geistes, in der viele Aspekte, Lebensbereiche und Dimensionen miteinander verwoben sind.
Aus meiner Sicht ist es vor allem eine Krise des Vertrauens – in Staat, Wirtschaft, in uns selbst, in unsere Fähigkeiten, unsere Kreativität, unsere sinnstiftenden Institutionen und Werte – unseres Vertrauens auf Werte, die nicht auf unserem Besitz, unserer Leistung und der Anerkennung durch andere beruhen.
Bei der Annäherung an existentielle Themen wie Liebe, Glaube und Vertrauen stellt man fest, wie sehr individuelle und kollektive bzw. gesellschaftliche Faktoren ineinandergreifen. Wenn man nicht an der Oberfläche bleiben will, kann man deshalb Verständnis für Hintergründe und Zusammenhänge sicher nicht gewinnen, ohne das komplexe Wechselspiel zwischen »innen« und »außen« im Blick zu haben – aber das ist eine große Herausforderung für Autor und Leser. Deshalb muss ich – auch als Psychoanalytiker, der immer mehr mit Depressionen und Ängsten seiner Patienten konfrontiert ist – in diesem Buch neben den individuellen auch etwas auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge eingehen.
Wie wir also – notfalls auch gegen den Strom des »Zeitgeistes« – wieder ein Stück Boden gewinnen und uns, wie Picasso sagt, »im Ungeborgenen geborgen fühlen« könnten, wie wir mit Gegensätzen, Spannungen und Enttäuschungen leben und gleichzeitig etwas von dem wiederfinden können, was wir im Zuge von Aufklärung, Technisierung und Globalisierung verloren haben, wie wir wieder mehr Zuversicht und Vertrauen in die Selbstheilungskräfte in uns, in die Natur und vielleicht auch in eine tiefere, uns alle tragende Dimension wiedergewinnen könnten, davon soll dieses Buch handeln.

1
Annäh Annäherungen
Vertrauensbildende Maßnahmen und Brückenbau

Vertraue auf Allah und binde dein Kamel an.
Arabisches Sprichwort

Gedanken über das Vertrauen

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Manche meinen, Lenin habe es umgekehrt gesagt. Fest steht: Je weniger Vertrauen, desto mehr Kontrolle. Und wir ahnen alle, dass Kontrolle kein gleichwertiger Ersatz für Vertrauen ist. Wenn zwei heiraten, sagt man, »sie trauen sich« – ein Begriff, der in diesem Zusammenhang einen dreifachen Sinn hat: Neben der »Trauung« als Synonym für Hochzeit heißt das auch, »sie vertrauen einander« und »sie haben den Mut dazu«.
Zum Ver-Trauen, zum »Sich-etwas-Trauen« braucht man also Mut, denn ebenso wie »De-Mut« (»Mut zu dienen«), An-Mut und Weh-Mut hat auch Vertrauen etwas mit Unsicherheit zu tun. Wenn alles sicher ist, brauchen wir kein Vertrauen. Ver trauen hängt also nur zum Teil von äußeren Bedingungen ab, von anderen Menschen, Partnern, Gruppen oder Institutionen. Der andere Teil besteht aus einer inneren Haltung, die kein Gegenüber braucht, ähnlich wie die Dankbarkeit.
Vielleicht haben Sie auch gelegentlich solche Momente: Manchmal schaue ich aus meinem Gaupen-Fenster und lasse den Tag oder die letzten Jahre an mir vorüberziehen. Dabei überkommt mich oft ein Gefühl der Dankbarkeit – einfach so, ohne konkreten Adressaten. Und so wie sich die Dankbarkeit aufs Vergangene richtet und keine Begründung braucht, richtet sich das Vertrauen in die Zukunft – es schließt die Ungewissheit mit ein. So erging es mir auch, als ich mit dem Schreiben an diesem Buch anfing: Parallel dazu stellte sich heraus, dass ich mich einer größeren Operation unterziehen musste – und schon war ich mitten im Thema »Vertrauen«. Wenngleich mir als Jung’schem Therapeuten solche »sinnvollen Zufälle« vertraut sind, so hat es mich doch berührt, wie auch hier Schreiben und (Er-)Leben ineinandergreifen – wie bei der Erzählung meiner Patientin im Prolog.
Fast alle Patienten, die zu mir in Therapie kommen, haben zu wenig Vertrauen: in ihren Partner, ihren Arbeitsplatz, ihren Chef – und vor allem in sich selbst und in ihre Zukunft. Und hinter vielen ihrer Symptome, vor allem natürlich hinter Angststörungen und Depressionen, aber auch hinter Zwängen und körperlichen Beschwerden, lauert ein Mangel an Selbstsicherheit. Und wenn sie Opfer widriger Umstände und Schicksalsschläge sind, ist ihr Misstrauen ja verständlich.
Auch in meinen Therapiegruppen sammeln sich viele gebrannte Kinder. Und alle haben, oft in vielen Jahren, Strategien entwickelt, wie sie ihre Unsicherheiten und Ängste überdecken, »kompensieren«. Sie haben oft schon als Kinder Abwehrmechanismen entwickelt, um in einer unfreundlichen Umgebung, bei abwesenden oder abweisenden Eltern, gewalttätigen Vätern oder überforderten Müttern körperlich und seelisch zu überleben. Viele haben die »Flucht nach vorn« angetreten, in Anpassung, in beruflichen Ehrgeiz – und viele suchen ihr Heil in der Liebe, das heißt: Der Partner soll ihnen die Geborgenheit geben, an denen es ihnen selbst mangelt. Doch in diesem blinden »Vertrauen« ist die Ent-Täuschung schon vorprogrammiert – und dann fühlen sie ihr heimliches Misstrauen in sich und die Menschen wieder bestätigt. Und es fällt ihnen von Mal zu Mal schwerer, wieder neu das notwendige Vertrauen in einen Partner zu finden.
Vielleicht haben Sie Lust, hier innezuhalten und sich an derartige Enttäuschungen in Ihrem Leben zu erinnern. Kennen Sie das grimmige Gefühl, wieder einmal ausgenutzt worden zu sein, wieder einmal den Kürzeren gezogen zu haben? Und passiert es Ihnen auch hin und wieder, dass sie denken: »Ja – wieder typisch, dass das mir passiert!«, und gleichzeitig ahnen Sie, dass Sie so das Pech vielleicht selbst heraufbeschwören?

Die Schwierigkeit des Brückenbauens

Viele Gründe, warum den Menschen heute das Vertrauen ins Leben abhanden kommt, liegen tatsächlich auch in vorgegebenen Bedingungen: Die Unsicherheit des Arbeitsplatzes, die zunehmende Auflösung von Bindungen, die Schwierigkeit, langfristige Beziehungen zu pflegen, die ökologische Bedrohung, die »Schatten der Globalisierung« (Stiglitz) und viele weitere Außenfaktoren tragen zu dieser Verunsicherung bei. Und hier steht man vor einem riesigen »Knäuel« an Einflüssen, an sichtbaren und unsichtbaren Kräften, die alle ineinandergreifen und miteinander in Wechselwirkung stehen. Leider können wir – wie auch in der Medizin und Ökologie – fast nie einen einzelnen »Schuldigen« finden, weder ein Bakterium noch einen Politiker. In einem Netzwerk kann man jeden Knoten hochheben und rufen: »Seht, von diesem Knoten hängt alles ab!« Wenn man sich aber mit Hintergründen befasst, wird man feststellen, dass nicht nur viele verschiedene Ursachen und Bedingungen, sondern auch viele Blickwinkel bzw. Dimensionen beteiligt sind – und man wird in und zwischen diesen Dimensionen Ungereimtheiten und Widersprüche erkennen. So wird ein Ökonom das übertriebene Kaufverhalten einer Hausfrau vielleicht eher mit einem Überangebot erklären, ein Tiefenpsychologe eher mit ungestillten kindlichen Bedürfnissen.
Wir sehen also schon jetzt, dass bei der Frage nach dem Vertrauensverlust mit einfachen Antworten und Lösungsstrategien nicht zu rechnen ist, auch wenn Heilsbringer aller Schattierungen, ob Politiker, Wirtschaftsbosse oder Gewerkschafter, immer noch den Eindruck erwecken, es könne schon eine gute Lösung geben, man müsse sie nur finden (wie z. B. beim Jahrtausendwerk der Gesundheitsreform oder beim Mindestlohn). Das Problem ist, dass man mit der Darstellung von komplexen Zusammenhängen keine Wählerstimmen gewinnen kann.
Dass uns kaum jemand auf die Widersprüche, auf die Vernetztheit unserer weltweiten ökonomisch-ökologisch-soziopsychologischen Sackgasse hinweist, liegt natürlich nicht nur am kurzfristigen Denken vieler Politiker und deren Sucht nach Machterhalt, sondern an dem grundsätzlichen Dilemma, dass man dazu Informationen aus mehreren Sachgebieten, zwischen denen man Brücken bauen will, dem Wähler, Leser oder Zuhörer erst einmal nahe bringen muss. Wenn wir uns also auf der Suche nach »vertrauensbildenden Maßnahmen« auf eine Rundreise begeben, müssen wir behutsam mit den Begriffen umgehen – und vorher einige Verständnis-Brückenpfeiler aufstellen.
Dieses Einleitungskapitel vermittelt schon eine erste Ahnung davon, dass das Problem, warum immer mehr Menschen heutzutage Zukunftsängste haben, nach äußeren Sicherheiten suchen, dabei aber weder einander noch sich selbst genug ver- trauen können, äußerst vielschichtig ist. Ich werde also im Folgenden immer wieder einmal zwischen der individuellen und der kollektiven Sichtweise hin und her pendeln müssen. Der Leser möge das Ganze wie einen Stoff im Webrahmen sehen: Der Faden der Sprache ist zwar linear, aber das, was daraus entsteht bzw. dargestellt wird, ist ein mehrdimensionales »Gewebe«. Deshalb erscheint es manchmal so, als würde ich mich wiederholen. Das geschieht immer dann, wenn wir an einer bekannten Stelle wieder vorbeikommen – jetzt allerdings auf einem anderen »Kettfaden«.
 
Deshalb vorab ein kurzer »Reiseführer« durch dieses Buch:
Im 2. Kapitel beleuchte ich einige Aspekte der Entstehungsgeschichte von Vertrauen, v. a. evolutionär, biologisch, psychologisch. Die Fehlentwicklungen, also die Ersatz-Konstruktionen für Vertrauensverlust, die individuell und kollektiv gebildet werden, stelle ich unter den Oberbegriff »Fort-Schritt«.
Im 3. Kapitel sind meine Wegweiser langjährige Erfahrungen mit Analyse-Patienten in Einzel- und Gruppentherapie, die das Vertrauen in sich und die Welt verloren haben oder glauben, es nie gehabt zu haben. Da dies für mich »täglich Brot« ist, werden die Beschreibungen und Bilder von meinem tiefenpsychologischen Hintergrund geprägt und etwas ausführlicher sein.
Das 4. Kapitel soll vorwiegend der kollektiven Dimension, der Gesellschaft und Wirtschaft gewidmet sein – aber auch den psychologischen Mechanismen, die aus meiner Sicht hier vor allem am Werke sind und zum Teil so eng ineinandergreifen, dass die dadurch ausgelösten Prozesse (Wachstum, Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Zunahme von Angstsyndromen etc.) eskalieren.
Dann, im 5. Kapitel, sind wir hoffentlich »reif« für den Versuch einer ganzheitlichen Sichtweise. Hier bemühe ich mich, dem Leser kurze Einblicke in die Komplexitäts- und Chaosforschung zu geben, die aus meiner Sicht einen übergeordneten Bezugsrahmen ermöglichen. Wem hier manches tatsächlich zu »komplex« werden sollte, derjenige kann getrost etwas überspringen – im Vertrauen darauf, das Wichtigste auch im späteren Verlauf noch verstehen zu können (oder dann nochmals zurückzublättern).
So gerüstet können wir uns in den Kapiteln 6 und 7 an die beiden wichtigsten Erfahrungsbereiche des Menschen wagen und sehen, wie sie mit unserem Thema des Vertrauens in Zusammenhang stehen: Im Kapitel 6 geht es um die Liebe und Partnerschaft, die »Bühne«, auf der viele Dramen des Vertrauensverlustes und der neuen Hoffnungen gespielt werden. Und im 7. Kapitel nähern wir uns den Tiefendimensionen, d. h. emotionalen und spirituellen Werten und Sinnerleben – Fähigkeiten und Sehnsüchten, die wir besonders heute angesichts der rasanten kulturellen und technologischen Entwicklungen in unserer beschleunigten, »flexiblen« Gesellschaft aus den Augen zu verlieren drohen: Da die Narkotisierung durch die Medien nicht mehr lückenlos funktioniert, meldet sich das geistig-emotionale Defizit in Form von Körpersymptomen, Depressionen, Ängsten, Drogen, Gewaltdurchbrüchen und Scheidungsraten. Es geht also um die Suche nach Inhalten und nach einem tragenden Bezugsrahmen, also letztlich um Sinn und Spiritualität – was auch immer sich der Einzelne bewusst darunter vorstellt.

2
Fort-Sc Fort-Schritt?
Der Vertrauens-Trieb und seine Gegenspieler
Wenn ihr aufhören könntet zu siegen...
Christa Wolf, »Kassandra«
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Nachdem gegen Ende des 21. Jahrhunderts die Nationen Mitteleuropas wegen der Klimakatastrophe verwüstet und wegen des Bevölkerungsschwundes vergreist waren, hatten sie ihr zivilisatorisches Niveau verloren. Nur Finnland und Ungarn hatten Bevölkerungsstruktur und Kultur noch mühsam aufrechterhalten. Kurz vor der Wende zum 22. Jahrhundert startete ein Team von Anthropologen, Historikern, Philosophen und Soziologen der Universitäten Helsinki und Budapest ein Projekt mit dem Titel »Europäischer Zeitgeist zu Beginn des 21. Jahrhunderts«. Sie gaben sich große Mühe, sich aus den noch vorhandenen Zeit-Dokumenten ein Bild zu machen über Lebensgefühl, wichtige Themen, Wertvorstellungen und Visionen der damaligen Bevölkerung, der Intellektuellen, Wissenschaftler und Politiker der zugrunde gegangenen Kulturen Europas. Hier einige ihrer Fundstücke:
»Europaweite wochenlange Trauer und Verzweiflung über den Unfalltod der ehemaligen Frau eines britischen Thronfolgers.
»Jahrelange hitzige Debatten über eine sogenannte (oder »so genannte«?) Rechtschreib-Reform, deren verwirrender Ausgang nicht mehr zu rekonstruieren ist, und über ein »Dosenpfand«, das den Forschern Rätsel aufgab.
»Versuche, in der Bevölkerung das Bedürfnis nach kleinen audiovisuellen »Entertainment-Happen« in ihren Funktelefonen zu wecken.
»Einerseits zeugen Dokumente vom damaligen Ruf nach mehr Arbeitsplätzen, auf der anderen Seite schien man sich ebenso hartnäckig bemüht zu haben, durch Abbau von Arbeitsplätzen Geld zu sparen.

Wenn der Deckel nicht mehr hält
Dass wir in unserem näheren oder weiteren Umfeld von dem Umsichgreifen von Depressionen und Ängsten zunächst nicht viel wahrnehmen, liegt vor allem an den so genannten »Abwehrmechanismen« (Anna Freud 1980). Der wichtigste ist die hervorragend eintrainierte Fähigkeit des Homo sapiens, die er zusammen mit dem Bewusstsein ebenfalls entwickeln musste: die Verdrängung, die eine Erfahrung bzw. ein Gefühl vom Bewusstsein wieder ins Unbewusste schiebt. Ein weiterer ist die Verleugnung, die einen Inhalt gar nicht ins Bewusstsein gelangen lässt, so dass er gar nicht erst »wahr-genommen« werden kann. Manchmal muss ein unerträgliches Gefühl auch in den Körper verschoben werden, wo es Symptome oder Krankheiten hervorruft (z. B. die »Depressive Somatisierung«).
Ohne diese Strategien hätten wir – angesichts früherer oder aktueller Traumata, Verluste, Beeinträchtigungen und Bedrohungen – kaum eine Chance, ein normales Leben zu führen. Die Abwehrmechanismen sind also zunächst keine krankhaften Vorgänge – es geht um die Dosis und um den Preis, den man dafür bezahlt. Damit meine ich einerseits die Lebensenergien, die man dafür aufwendet, den »Deckel« über diesen Schattenseiten zuzuhalten, andererseits geht es mir um die Schäden, die solche destruktiven Energien anrichten, die man nicht ganz unterdrücken kann – vor allem, wenn sie sich andere Wege suchen: Dies sind die erwähnten Körpersymptome, »Missgeschicke« oder – aber das ist ein heikles Thema – die Projektion auf andere, insbesondere mit Feindbildern.
Als Psychoanalytiker habe ich naturgemäß vor allem mit denen zu tun, bei denen Abwehrstrategien wie Anpassung und Karriere oder potentielle »Drogen« wie Konsum, Alkohol, Medien und »Events« nicht mehr erfolgreich genug sind. Diese Menschen haben deshalb in irgendeiner Form einen »Leidensdruck« entwickelt und sich zu einer Therapie entschlossen. Schicksalsschläge wie Krankheiten, Trennungen, Unfälle oder Arbeitsplatzverlust haben sie auf sich selbst zurückgeworfen. Beim Betrachten ihrer brüchigen Überlebensstrategien werden die bisherigen »Fortschritte« demaskiert als »Schritte fort«. Aber fort wovon? Vielleicht von der eigenen Natur?
Es lohnt sich also, sich zunächst etwas genauer mit dieser »Natur« zu beschäftigen, also mit dem Boden, in dem – wenn überhaupt – Vertrauen entsteht.

Ur-Vertrauen ist wie ein »Trieb«
Wir von der Gattung Homo sapiens haben, wie unsere tierischen Verwandten, alle nicht nur die angeborene Fähigkeit zu vertrauen, sondern so etwas Ähnliches wie einen »Trieb«, jemandem, unserer Umgebung, der »Welt« zu vertrauen. Dies kann man mittlerweile recht gut begründen, u. a. durch Evolutionsbiologie, Tiefenpsychologie, Gynäkologie, Soziologie und Säuglingsforschung.1
Die Schutzbedürftigkeit des kleinen Menschen hatte nachhaltige Folgen: Es war schon bei den Jägern für das Überleben günstiger, wenn es um das Neugeborene herum außer der Mutter noch andere Bezugspersonen gab, am besten eine ganze Sippe, einen Clan, später einen Stamm. Für alle war das Wichtigste Zusammenhalt und Solidarität, vor allem mit den Kleinen.
Tilmann Moser weist in seinem Lehr-Videofilm Vaterkörper darauf hin, dass unser Gefühl für den »Boden«, auf dem wir stehen, seinen Ursprung nicht im Fußboden hat, sondern in unserem Stand auf dem Bauch und den Oberschenkeln von Mutter oder Vater. Wenn man einen Säugling beobachtet, der auf den Beinen eines Elternteils steht, fest an den Händen gefasst, dann kann man sehen, wie lust- und vertrauensvoll er immer wieder in die Knie geht, sich hochdrückt und die Festigkeit des Bodens unter sich testet. So entsteht das Körpergefühl des Vertrauens in den Boden, auf dem wir stehen – unser »Standpunkt« und unsere »Standfestigkeit«.
Nun kann man sich leicht vorstellen, dass dies alles einen großen Einfluss auf die unbewussten Seelenstrukturen des Kindes hat: Aufgrund des genetischen Programms des Vertrauens »weiß« es, dass es in eine sichere Umgebung hineingeboren wird. Natürlich bauen sich im Lauf der Zeit auf diesem Grundprogramm dann die verschiedensten Erfahrungen und Gefühle auf, je nach der Grund-Sicherheit, die die Eltern dem Kind vermittelt haben, und je nach der konkreten Ausgestaltung der Familie, Sippe und Umgebung, in die das Kind aktiv eingreift (siehe Dornes 1994). Aber generell gilt: Wer bis jetzt am Leben geblieben ist, hat das überlebensnotwendige Maß dieses Urvertrauens, gleichsam in allen Organen seines Körpers.
Es muss also in der heutigen Zeit in einer kollektiven Dimension etwas geschehen sein, das immer mehr Menschen diesen natürlichen Schutz- und Haltemechanismen entfremdet hat, so dass weder ihr Körpergefühl noch ihre emotionale Hintergrundstimmung ausreichen, sich im Leben zu Hause zu fühlen. Dadurch laufen sie Gefahr, immer mehr den äußeren Schein-Helfern und Schein-Stabilisatoren zu vertrauen, die uns der Fortschritt in jeder Form verheißt.
 
Bevor ich diesem Entfremdungsprozess weiter nachgehe, muss ich auch einmal eine Lanze für den Fortschritt brechen: Es ist unbestritten, dass uns die technische und kulturelle Weiterentwicklung viele Vorteile verschafft hat. Niemand, auch nicht ein »fundamentalistischer« Naturschützer, wird kritisieren, dass wir heute besser auf Hygiene achten und für menschenunwürdige Arbeit Maschinen haben oder mehr medizinisches Wissen. Ich selbst stehe der so genannten »Schulmedizin« aus persönlichen Gründen durchaus positiv gegenüber, u. a. seit ich in der Studentenzeit in den Genuss einer lebensverlängernden Herz-Operation kam.
Es geht also – auch individuell – wieder einmal um die rechte Balance: Für den einen ist es wichtig, aus einer Erstarrung endlich in Neuland voranzuschreiten, für einen anderen, die ewige Flucht nach vorn zu beenden und innezuhalten, um mal bei einer Sache, einem Entschluss zu bleiben. Statt »hektischer Stagnation« also »flexible Festigkeit«. Leicht gesagt, aber als Zielvorstellung sicher hilfreich.
Immer wieder sage ich zu meinen Patienten, wenn sie mich fragen, ob sie dies oder das tun oder unterlassen sollten: Es kommt weniger darauf an, was man tut, sondern warum man es tut – und was man damit vermeidet!
Schauen Sie an dieser Stelle einmal in Ihrem Leben zurück, wenn Sie mögen, und überprüfen Sie bisherige Ent scheidungen danach, was Ihre Motivationen waren: Warum haben Sie Ihren Beruf gewählt? War das Ihre eigene Entscheidung oder eine von den Eltern vorgebahnte? Wollten Sie es ihnen recht machen oder eher mit Ihrem Beruf Abstand von »daheim« gewinnen – also vom Elternhaus fort-schreiten? Was motivierte Sie bei der Suche nach einem Partner? Und wenn Sie einen gefunden haben: War es auch, damit Sie nicht allein waren – also als ein »Schritt fort« aus der Einsamkeit?
Nach diesem Exkurs wieder zurück zum kollektiven Fort schritt:
Wenn also der technische Fortschritt dazu dient, den Mangel an Vertrauen in die Natur, das verlorene Wissen um ihre Abläufe und Selbstheilungspotentiale einfach zu überdecken, wenn die Maschinen lediglich Prothesen sind – dann besteht die Gefahr, dass wir den Zugang zu unseren natürlichen Ressourcen, Fähigkeiten und Bedürfnissen mit der Zeit verlieren und von Ersatzobjekten und Ersatzbefriedigungen, von künstlichen Leit-Bildern und Helfern abhängig werden. Die hektische Beschleunigung der »Innovationen« in Wirtschaft und Gesellschaft überdeckt die zugrunde liegenden Ängste ja bei vielen immer weniger. Äußerlich Amok, innerlich Koma – ein tiefsinniges Buchstabenspiel!
Leider kann man aus der »Fortschritts-Falle« nur schwer aussteigen, denn, wie Ronald Wright in seinem Buch Eine kurze Geschichte des Fortschritts betont: Sie hält sich selbst in Gang. So haben die Industrienationen z. B. durch die Entwicklungshilfe versucht, einen Teil der Schäden, die sie in der Kolonialzeit verursacht haben, auszugleichen – aber dabei haben sie oft in diesen Ländern den Fortschritt so beschleunigt, dass deren Völker zerrissen sind zwischen dem schwindenden Vertrauen in ihre eigenen Stammestraditionen und dem noch nicht etablierten Vertrauen in Technik, Wissenschaft und Demokratie. Aber es gibt keinen Weg zurück mehr – nur nach vorn, gemeinsam.
Um aber eine Umgestaltung der Entwicklungshilfe und der Politik von WTO, IWF und Weltbank in Gang zu setzen, wäre nicht nur ein Umdenken und ein Verzicht auf einige Vorteile der Reichen auf dem Globus nötig, sondern Vertrauen auf die Selbstheilungskräfte dieser Länder und deren Menschen. Wegweisend dafür sind aus meiner Sicht die Vergabe von Kleinkrediten durch den philippinischen Sozialreformer Nicanor Perlas (2000) und die von Muhammad Yunus (Friedensnobelpreisträger des Jahres 2006), gegründete Bank. Besonders wirkungsvoll ist hier die »Global Marshall Plan Initiative« für eine ökosoziale Marktwirtschaft, die inzwischen vom Club of Rome, zahlreichen Nichtregierungs-Organisationen und vielen Politikern und Institutionen unterstützt wird (s. Radermacher 2007).

Vertreibung oder Verlockung?
Das Neue lockt, daher der Begriff Neu-Gier. Allerdings bezieht das »Erobern« neuer Möglichkeiten, Fähigkeiten und »Territorien« oft seine Energie auch aus dem Konkurrenzverhalten (das leider in unseren Breiten meist schon in der Schule gefördert wird): Wenn das Übertrumpfen der anderen mit den Noten nicht gelingt, dann wenigstens durch Belästigung, Bedrohung und Beschämung schwächerer Mitschüler, bis hin zur Körperverletzung. Oft ist der Nährboden für Fremdenhass Fremdenangst – und deren Ursache ist im Grunde immer ein Mangel an echtem Vertrauen in den eigenen Wert, in die eigene Geschichte. Wenn dieses Vertrauen aber gesichert ist, kann die andere Seite die Oberhand gewinnen – die Neugier: ein natürlicher Trieb, den man schon beim Säugling beobachten kann, der nach Gegenständen greift, sie in den Mund nimmt usw. Kalkuliertes Risiko.
Auch an unseren Söhnen haben wir die Neugier und Experimentierfreude oft mit gemischten Gefühlen beobachtet: Sie wollten immer irgendwo hinaufklettern, Gegenstände »umfunktionieren«, mit Werkzeugen hantieren, bis hin zum Raketen- und Waldhüttenbau. Mich packt immer noch das Grausen, wenn ich an die Kartoffel-Kanone denke oder gar an die »Wachsbomben«, die als riesige Feuerpilze vom Grillplatz hochstiegen. Jedoch sind meine Frau und ich durch unser wachsames Auge (und durch meine aktive Teilnahme) zu der Überzeugung gelangt, dass die beiden im Grunde immer ganz gut wussten, wo sie sich festhalten mussten, wie eine Strickleiter zu befestigen ist, wie lang und hoch die selbst gebastelte »Seilbahn« sein durfte, usw. Ich glaube, dass uns allen (wie allen höheren Tieren) eine gesunde Balance zwischen Neu-Gier und Neu-Angst in die Wiege gelegt ist. Das Problem ist für die meisten Eltern unter uns eher, ob wir dieser Balance vertrauen.
Auf der geschilderten Neugier bauen auch die verschiedenen Ansätze der Reformpädagogik auf, die leider an unseren »normalen« Schulen immer noch viel zu wenig aufgegriffen und oft Privatschulen überlassen werden. Die Oberschulämter sind dabei meist weniger ein Hindernis als die Trägheit vieler Kollegien.
Die wahrscheinlich stärkste Verlockung zum Fort-Schreiten ist die Freiheit, aber leider erwächst damit auch die Mühsal der Eigenverantwortung. Dieses vertrauensvolle Fortschreiten aus dem »Paradies« des Gewohnten betrifft unser aller Bewusstseinsentwicklung. Darum nähere ich mich dieser Thematik erst einmal mit einer komödiantischen Geschichte aus dem Garten Eden:

Die Neugierigen

Nachdem Adam und Eva viele gute Früchte gegessen, den Garten erforscht und den Tieren Namen gegeben haben, liegen sie faul und etwas unschlüssig unter einem Baum, als Gott Vater bei seinem Abendspaziergang vorbeikommt.
Adam: »Guten Abend, Vater.«
Gott: »Guten Abend. Fühlt ihr euch wohl, meine Kinder?« Adam: »Och ja, doch …«
Gott: »Was heißt das, och ja, doch …?«
Eva: »Wir haben alles erforscht – und jetzt ist uns ein bisschen langweilig.«
Gott: »Langweilig ist euch? Dabei ist der Garten so schön!«
Eva: »Hm-m. – Und was gibt es noch auf der Welt?«
Gott: »Was soll diese Frage? Das hier ist doch die Welt!«
Adam: »Und die hört dort hinten bei dem stacheligen Gebüsch auf?«
Gott: »Nnnnein, nicht ganz.«
Eva: »Aha – es gibt also noch was dahinter?«
Gott: »Ach, das ist nicht so wichtig. Gefällt es euch denn nicht hier?«
Eva: »Doch, schon. Es war schön, die ganzen Früchte zu essen und den Tieren Namen zu geben. Aber irgendwie macht das jetzt keinen Spaß mehr.«
Adam: »Genau! Wir haben uns gerade gedacht: Es kann doch nicht der Sinn unseres Daseins sein, weiter hier herumzuhängen und Obst zu essen. Deshalb würden wir gern mal nachschauen, ob es noch was anderes gibt.«
Gott: »Ja, wenn ihr so genau nachfragt, dann will ich euch natürlich nicht belügen. Also: Da gäbe es schon noch einiges.«
Adam und Eva (unisono): »Jaaaaa?«
Gott: »... aber die Gegend außerhalb des Gartens ist längst nicht so schön wie hier.«
Adam: »Was ist da anders?«
Gott: »Ja, also … da gibt es auch hässliche Pflanzen, das Wetter ist nicht immer so gut, da wächst nicht alles von selber – kurzum: Man kann dem Wetter und dem Wachstum der Pflanzen einfach nicht so vertrauen wie hier!«
Adam: »Warum nicht?«
Gott: »Es wächst schon alles Mögliche – aber das, was ihr zum Essen braucht, das wächst da fast überhaupt nicht. Das müsstet ihr erst mal züchten.
Adam: »Was ist ›züchten‹?«
Gott: »Seht ihr, da geht’s schon los! Vergesst es! Hier habt ihr ja alles!«
Eva (nach kurzem Schweigen): »Vater?«
Gott: »Hmm?«
Eva: »Hättest du was dagegen, wenn wir uns da draußen mal umschauen?«
Gott: »Ich? Äh – dagegen? Also, im Grunde nicht – das heißt … Es wäre für euch schon sehr gefährlich, und ihr seid es ja nicht gewohnt, für euch zu sorgen. Aber hier braucht ihr euch um nichts zu kümmern. Das könnte ich nicht verantworten.«
Adam: »Könntest du uns denn beibringen, was wir da draußen können müssten – zum Beispiel dieses ›Züchtigen‹?«
Gott (genervt): »Züchten! Im Prinzip schon, aber da ist eine Schwierigkeit … Um das alles zu lernen, zu verstehen und vor allem, um selbst das Wichtigste herauszufinden, müsstet ihr von dem verbotenen Baum essen … von dem da hinter dem Hügel, den ich den Baum der Erkenntnis genannt habe.«
Adam (perplex): »Ja, aber das hast du uns doch verboten, obwohl wir große Lust auf diesen Baum haben! Warum hast du ihn uns eigentlich verboten?«
Gott: »Um ehrlich zu sein: Weil ich Angst um euch hatte.« Eva: »Waas? Du hast Angst um uns? Wir haben keine Angst!« Gott (mit einem ahnungsvollen Nicken): »Kein Wunder – ihr habt ja noch nichts Schlimmes erlebt! Also, das wäre schon gefährlich, weil – eben, weil ihr noch so jung und unerfahren seid.«
Adam: »Na, das ließe sich ja ändern, so nach und nach.« (Und nach einer kurzen Pause:) »War das der einzige Grund?«
Gott (nach längerem Schweigen): »Nein. Es gab noch einen Grund.«
Adam und Eva (unisono): »Jaa-a?«
Gott (kratzt sich am Kopf): »Also – äh – ich hatte euch ja gerade erst gemacht. Das war viel Arbeit gewesen und ich war so stolz auf euch.«
Eva: »Wunderbar! Wir sind ja auch stolz auf uns! Aber das ist doch noch kein Grund …«
Gott: »Doch! Ich wollte doch nicht, dass ihr mir zu schnell aus meinem Garten verschwindet und euch selbständig macht. Ich habe euch doch nach meinem Bilde gemacht, damit ich nicht mehr so allein bin – und dann wäre ich ja wieder allein gewesen. Und deshalb wollte ich nicht, dass ihr durch den Baum der Erkenntnis auf dumme Gedanken kommt. – Übrigens: Wie seid ihr denn auf diese Gedanken gekommen? Hat euch etwa die Schlange …« Eva: »Keine Sorge – die hat zwar mit mir geredet, und ich hab dann mit Adam gesprochen. Aber eigentlich war die Schlange gar nicht mehr nötig.«
Gott (irritiert): »Wofür war die nicht mehr nötig – und warum?« Adam: »Die Erklärung ist ganz einfach, du hast sie vorhin selbst gegeben: Du hast uns nach deinem Bilde geformt, also sind auch wir selbstbewusst und neugierig – und wollen die Welt erforschen und Neues schaffen, so ähnlich wie du.«
Gott (in einer Mischung aus Skepsis und Bewunderung): »Da ist vielleicht tatsächlich etwas Wahres dran.« (Und nach einer weiteren spannungsgeladenen Pause:) »Also gut, holt euch einen Apfel!« (Adam und Eva springen vor Freude auf und umarmen sich)
Gott (jetzt in schärferem Tonfall): »Aber eins sage ich euch …« Adam und Eva (bewusst unschuldig): »Ja, Vater?«
Gott: »Ich will nachher kein Jammern hören, wenn ihr Angst vor der Zukunft kriegt, wenn euch der Acker Dornen und Disteln trägt, wenn ihr im Schweiß eures Angesichts euer Brot verdient und vielleicht mit Schmerzen Kinder auf die Welt bringt und dann mit großer Mühe großzieht – bitte macht dann nicht mich verantwortlich. Das habt ihr euch dann alles selber zuzuschreiben!« Adam und Eva (zögern kurz, aber dann hellen sich ihre Gesichtszüge wieder auf)
Eva: »Na, das werden wir schon hinkriegen – und du bist ja auch noch da.«
Gott: »Ach ja? Na gut, ich werde nicht in Pension gehen … Aber: Ich bin nicht der Ausputzer, der immer alles wieder in Ordnung bringt, was ihr verbockt habt. Entweder bleibt ihr hier und ich kann mich mit euch freuen, oder ihr übernehmt die Verantwortung für euch selbst, für das, was ihr anbaut und anstellt. Kurzum: Entweder paradiesische Geborgenheit hier – oder Freiheit mit Verantwortung dort draußen!«
Adam und Eva (nach einigem Grübeln): »Können wir das jetzt doch noch mal kurz mit der Schlange besprechen?«
Ob Gottes Vertrauen in die sich so emanzipierende Menschheit berechtigt war, darüber zerbrechen sich wohl bis heute Theologen, Pädagogen und Psychologen den Kopf. Aber geschehen ist geschehen, die Bewusstseinsentwicklung der Menschheit ist nicht mehr rückgängig zu machen. Immerhin haben Adam und Eva uns jetzt zu einem wichtigen Dilemma geführt:
Die Freiheit und der Reiz des Neuen sind auch immer mit Verantwortung verbunden, die uns später noch öfter begegnen wird. Die zweite bittere Konsequenz ist das Herausfallen aus der unbewussten, selbstverständlichen Geborgenheit – und die Quintessenz dieses »Sturzes« ist letztlich die Einsamkeit, die viele Philosophen, vor allem die Existenzphilosophen, zu einem zentralen Thema ihres Denkens gemacht haben: das »Geworfensein« des Menschen, wie es Martin Heidegger und Rudolf Bultmann nennen.
Zu der Frage, wie es zu dem ungesunden, blinden Vorwärtsdrängen kommen könnte, das schon so viele Paradiese zerstört hat, gibt es eine geradezu beklemmend exemplarische Geschichte: den Niedergang der Osterinsel – eine etwas andere »Paradies-Geschichte«! Man weiß nämlich inzwischen ziemlich sicher, dass die berühmten Statuen, die »Moai«, auf Grund von Geltungssucht und Rivalität von Clanchefs immer größer gebaut wurden, bis fast alle Ressourcen der Insel aufgebraucht waren und um die letzten Vorräte gekämpft wurde. Die Parallelen zu unserer selbstzerstörerischen Innovationswut und künstlicher Bedürfnisweckung sind erschreckend. Aber was schließen wir daraus?
Offenbar reichte den Osterinsulanern, besonders ihren Clanchefs, nicht die Freude an ihrer Natur, auch nicht das Ver trauen in den Reichtum der Insel, in die Loyalität ihrer Untertanen, in die Fairness und Solidarität der anderen Clans. Es gibt offenbar eine Tendenz im Menschen, die das Vertrauen in die naturhaften Abläufe in ihm und um ihn herum (mitsamt der Fähigkeit, sich ihrer maßvoll zu bedienen) schwächt und ersetzt durch einen geradezu blinden Aktionismus, der ihm wie ein Rausch seine eigenen Kräfte, seine Größe immer aufs neue beweist. Aber wie bei jeder Sucht führen Gewöhnungseffekte zu einer Dosis-Steigerung, was zwar nicht zu mehr Selbstvertrauen führt, aber den Konkurrenzkampf weiter verschärft. Anerkennung, narzisstische Bestätigung, Macht über andere – all das verringert wohl die Fähigkeit, die Konsequenzen des eigenen Handelns rechtzeitig wahrzunehmen. Es hat aber offenbar in der Evolution so oft zu einem Erfolg geführt, dass es sich – neben allen anderen Errungenschaften im Sinne von Kultur und Sozialleben – ebenfalls durchgesetzt hat.
Einer der wesentlichsten Gründe für das Misstrauen in die Natur und die »Untertanen«, das alle Häuptlinge dieser Welt, alle Diktatoren und Konzernchefs beherrscht, besteht in einem Teufelskreis: Durch ihr Misstrauen werden sie streng, diktatorisch, manchmal brutal bis zum Genozid (siehe Hitler, Stalin, Pol Pot, Saddam Hussein u. a.), aber dadurch müssen sie auch immer mehr Gegner fürchten, was die Notwendigkeit von Kontrollen wieder erhöht. Etwas Ähnliches widerfährt uns allen mit der Kontrolle der Natur, z. B. in der Medizin: Je mehr wir kontrollieren und eingreifen, desto schwächer werden die Selbstheilungskräfte des Körpers. Wenn wir uns denen überlassen, befürchten wir, sie würden versagen – wieder ein Grund mehr, der »Chemie« zu vertrauen!

Die Vertrauenskrise des Abendlandes
Der »Fortschritt« des Homo sapiens begann, als er aufrecht gehen lernte und sein Großhirn wuchs. Aber in dem Maße, in dem er mit den Händen handelte, musste er auch lernen, vor der Aktion eine virtuelle Probehandlung durchzuführen: das Denken. Leider entfernte er sich durch diesen Abstraktionsvorgang aber von seinen Instinkten, also der unbewussten Steuerung seines Handelns.
Tiere müssen nicht in unserem Sinne »denken«, sie sind geleitet von ihren Trieben und Instinkten. Wie Säuglinge brauchen sie kein Vertrauen in ihre Naturkräfte und Steuerungen, denn sie sind eingebettet in diese unbewussten Prozesse.
Vertrauen ist erst nötig in dem Umfang, wo man sich gerade von diesen Prozessen durch die Bewusstseinsentwicklung entfernt und »herausfällt« – bzw. sich (wie Adam und Eva) herauswagt aus der natürlichen Ordnung, um Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Mit dieser kollektiven und individuellen »Vertreibung aus dem Paradies« ist natürlich auch eine neue Art von Angst verknüpft: Vor Versagen, vor den Konsequenzen einer Fehlentscheidung, vor Zurückweisung und/ oder Strafe. Wir können also konstatieren:
Vertrauen ist eine Fähigkeit, die uns für den Verlust unserer unbewussten Unbefangenheit entschädigt. Ver trauen ist also die legitime Nachfolgerin unseres ursprünglichen Eingebettetseins in Natur, Gott, Liebe – in einen größeren Zusammenhang.
Unsere riesengroße Aufgabe ist es also, trotz des »Fort-Schritts« weg von der Natur mit ihren unbewussten Selbstregulationen, diesen ursprünglichen Zusammenhang zu bewahren, die Verbindung nicht abreißen zu lassen, auch wenn in den »aufgeklärten« Ländern, die gleichzeitig auch die industrialisierten sind, das Vertrauen in die Natur und ihre Weisheit oft ersetzt wird durch die »Vermessung der Welt« (Kehlmann 2006), durch Prognostizieren, Organisieren und vor allem durch ein sich immer mehr beschleunigendes Tempo des technischen Fort schritts. Und wie auf der Osterinsel kann bei dieser Jagd niemand ganz zurückbleiben. Wir alle können uns an schnellen E-Mails, selbst gemachten Farbdrucken und gebrannten CDs freuen – aber wir (leider vor allem die ärmeren Länder!) haben auch unter den Folgen zu leiden: plötzliche Hochwasser, Hitzewellen und Stürme, Umweltzerstörung und Arbeitslosigkeit wegen der Produktivitätssteigerung, Automatisierung und Globalisierung. Und genau wie bei den Osterinsulanern scheint es bislang kein wirksames Gegenmittel zu geben. Dass unser Globus genauso begrenzt ist wie die Osterinsel, scheinen viele Global Player noch nicht begriffen zu haben – und vielleicht wir »Normalbürger« auch nicht?
Wir sind immer noch zu tüchtig, süchtig und flüchtig.
 
Tüchtig – ja, diese Diagnose wird wohl jeder von uns sofort akzeptieren.
Süchtig? Einige Komponenten haben wir schon angedeutet, wie die Ersatzfunktion, die Dosis-Steigerung, die Abhängigkeit von Institutionen, Energie und Stoffen – wie z. B. Erdöl (weshalb inzwischen sogar Politiker schon den Begriff »Sucht« für unsere Abhängigkeit von Erdöl gebrauchen!)
Und flüchtig? Vielleicht haben wir ja doch intuitiv eine Ahnung, dass wir oft vor etwas fliehen, einer »unangenehmen Wahrheit« (siehe den Oscar-gekrönten Film von Al Gore) aus dem Weg gehen. Wenn das stimmt: Wovor fliehen viele, oder wovor sind sie (oft jahrzehntelang) geflohen? Und was holt uns jetzt nach und nach ein, in Form von zunehmenden Ängsten, Depression und vielem mehr?
Die Angst hat als Gegenspieler der Neugier und des Fortschrittsglaubens auch ihre evolutionären Ursachen. Man kann sogar behaupten, sie habe gegenüber dem Optimismus einen gewissen evolutionären Vorteil: Etwas zu viel Angst zu haben kann das Leben besser bewahren als auch nur einmal zu wenig Angst zu haben. Die Ängstlichen hatten also etwas bessere Überlebenschancen! Aber da man mit ständiger Ängstlichkeit wenig Neues wagt und den anderen den Vortritt lässt, hatten auch die Wagemutigen eine Chance. Wenn ihr Wagemut belohnt wurde, konnten sie so weitermachen, wenn nicht, haben sie es oft nicht überlebt. Aber mittlerweile überstürzen die Innovationen in Technik und Chemie sich so, dass Gegenregulationen meist zu spät kommen – da wäre etwas mehr Angst vor unabsehbaren Folgen bzw. weniger Vertrauen in die Technik hilfreich.
Generell sind inzwischen etliche unangenehme Wahrheiten auf kollektiver Ebene durchaus bekannt, und nach den Klimaberichten 2006 und 2007 zweifelt kein ernstzunehmender Experte mehr daran, dass sie Folgen unseres Handelns sind. Das erklärt aber noch nicht ausreichend, wie dieses Handeln zustande kam. Al Gore (1992) hat in seinem Buch Wege zum Gleichgewicht die Auffassung vertreten, dass es sich dabei nicht nur um eine ökonomische oder politische Krise handelt, sondern um eine geistige Krise des Abendlandes. (Eindringlich beschreibt das auch Werner Mittelstaedt (1997) in seinem Buch Der Chaos-Schock und die Zukunft der Menschheit.)
Zum Abschluss dieses Kapitels lade ich Sie nochmals zu einer Selbstreflexion ein: Blicken Sie zurück in Ihre Vergangenheit und versuchen Sie, sich »Schwellensituationen« in Ihrem Leben zu vergegenwärtigen:
Sind Sie eher ein Typ, der am Bekannten festhält, der das Neue mehrmals prüft, bevor er sich darauf einlässt, der Umzüge, Arbeitsplatzwechsel, Urlaube usw. so genau wie möglich plant, um allen Eventualitäten vorzubeugen? Oder sind Sie eher wie Adam und Eva in unserem Sketch, die die Neugier in einen neuen Lebensbereich treibt, also jemand, der sich sagt, »no risk, no fun«? Oder wurden Sie in Ihrem bisherigen Leben meistens eher aus echten oder scheinbaren Paradiesen vertrieben – vielleicht, weil es dort nicht mehr auszuhalten war? Oder brauchten Sie für wichtige Veränderungen »Geburtshelfer«, z. B. einen »Ritter« oder eine »Fee«, die Sie aus einem überlebten und engen (Familien-)System herausholten? Oder sind Sie bis heute meistens hin und her gerissen zwischen der Sehnsucht nach dem Neuen und der Angst davor?

3
»Werd »Werde ich wieder gesund, Herr Doktor?«
Wie aus Angst und Depression wieder Zuversicht wachsen kann
Wer von Anfang an genau weiß, wohin sein Weg ihn führt, wird es nie weit bringen.
Napoleon Bonaparte

Gerade und krumme Wege
In diesem Kapitel widme ich mich vor allem den Fragen, die mir von Patienten vor und während der Therapie, aber auch von Kollegen und interessierten Freunden immer wieder gestellt werden. Es soll hier also keineswegs nur um therapiespezifische Themen gehen, sondern – gemäß dem Titel dieses Buches – allgemein um das Vertrauen. Und es wird sich zeigen, dass die »Therapie« bloß ein Spezialfall des allgemeinen Seelenlebens und Umgangs mit Problemen ist, nur vielleicht etwas mehr reflektiert.
»»Wie ist es möglich, dass ein Mensch«nur»durch regelmäßige Treffen mit einem Therapeuten oder einer Therapiegruppe ein verlorenes Selbstvertrauen wiedergewinnen oder gar neues Ver trauen ins Leben aufbauen kann, das er (zumindest nach seiner Erinnerung!) noch nie hatte?«
»»Wie kann man durch eine Freundschaft, durch die endlich gefundene Liebesbeziehung, durch eine neue Gruppenzugehörigkeit, durch Selbstreflexion oder einfach durchs Älterwerden einen inneren Boden gewinnen, den man vorher noch nicht oder nicht mehr hatte?«
»»Was nützt das Herumwühlen in der Kindheit? Das Vergangene kann man ja ohnehin nicht mehr ändern!«
Der »Kampf um die Erinnerung« (Mitscherlich 1966), das Aufdecken von Verlusten, Enttäuschungen und Kränkungen, das »Nachreifen« von unterentwickelten Fähigkeiten und Erlebensweisen oder das Betrauern von nicht gelebtem Leben ist natürlich ein unendliches Thema. Deshalb will ich mich auf einige wesentliche Aspekte beschränken. Dabei werde ich dem Leser (ähnlich wie so manchem Patienten) auch manch Schwerverdauliches zumuten müssen. Zum Beispiel, dass ehrlicherweise der Weg aus einem tiefen Tal in die »Höhe«, zu Gesundheit, Glück und Vertrauen, selten geradlinig ist – auch wenn das zahlreiche Heilsbringer immer wieder versprechen, um die Erlösungssehnsüchte vieler Menschen zu befriedigen. Natürlich erlebe ich bei Freunden und Patienten immer wieder auch einmal echte »Durchbrüche« und Befreiungsschläge; aber die sind, rückblickend betrachtet, meist das Ergebnis bewusster und/ oder unbewusster tieferer Wandlungsvorgänge. Heilung verläuft meist in einem Auf und Ab, einschließlich vermeintlicher »Rückschläge«.
Deshalb werde ich mich – nach einer kurzen Betrachtung der »Widerstandskräfte« der Seele gegen zu schwere Beeinträchtigungen – einigen Stolpersteinen und Hürden zuwenden, die einem Menschen den Weg zu mehr Vertrauen und Selbst vertrauen schwer machen. Dann versuche ich, Hilfestellungen zu deren Überwindung zu beschreiben oder Möglichkeiten, sich mit ihnen zu arrangieren.

Resilienz: Widerstandskräfte der Seele
Ja, braucht denn jeder Zeitgenosse, der das Vertrauen in sich und das Leben verloren oder noch nicht gefunden hat, Psychotherapie?
Schon lange hat die Psychologie sich mit der Frage beschäftigt, warum manche Menschen durch Schicksalsschläge dauerhaft beschädigt werden, während andere sie überwinden bzw. sogar gestärkt aus ihnen hervorgehen. Warum kommt es beispielsweise nur bei ca. zwanzig Prozent der Opfer von Unfällen, Katastrophen und anderen Traumen zu einer so genannten »posttraumatischen Belastungsstörung«, die professionell behandelt werden muss? Warum entwickeln manche Menschen mit einer furchtbaren Kindheit keine Neurosen, während andere, die wohlbehütet aufwuchsen, depressiv, drogensüchtig oder straffällig werden?
Erst in den letzten Jahrzehnten hat man sich außer mit den schädigenden jetzt auch mit den stabilisierenden Umweltfaktoren befasst, allen voran der israelisch-amerikanische Wissenschaftler Aaron Antonovsky (bzw. Aharon Antonovsqi, 1923-1994) mit seinen Forschungen über die »Salutogenese« (1997), also über die Entstehung von Gesundheit. Eine sehr bedeutsame Studie, die Kauai-Studie, bringt interessante Einblicke. In ihr haben die Entwicklungspsychologinnen Emily Werner und Ruth Smith ca. 700 Kinder, die 1955 in schwierigen Verhältnissen auf der Hawaii-Insel Kauai geboren wurden, vierzig Jahre lang begleitet und immer wieder untersucht. Die Schlüsselfragen waren: Welche Ereignisse und Faktoren in der Kindheit machen ein Leben stabil, und welche prädestinieren zu körperlichen oder seelischen Krankheiten? Dabei ergab sich als ein entscheidender Faktor für die »Resilienz«, also die Kraft, den Wechselfällen des Schicksals zu widerstehen, die tragende Beziehung zu wenigstens einem Menschen, vorzugsweise in der Kindheit, aber auch noch später, im Sinne einer Nachreifung. Umgekehrt führte der frühe Verlust wichtiger Bezugspersonen mit einer größeren Wahrscheinlichkeit zu körperlichen oder seelischen Störungen. Die wichtigsten fördernden und belastenden Außenfaktoren der Kauai-Studie sind in Anm. 2 nachzulesen.2