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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 

Für die Wiedergabe der Bibelstellen wurde, wo es vertretbar war, die Einheitsübersetzung herangezogen, wo nicht, auf die Zürcher Bibel zurückgegriffen, deren Übersetzung in vielem genauer ist. Wo es darüber hinaus notwendig erschien, haben wir eigene Übersetzungen verwendet. Um die Lesbarkeit des Textes zu erleichtern, haben wir auf eine durchgehende gendergerechte Ausdrucksweise verzichtet, jedoch an vielen wichtigen Stellen männliche und weibliche Formen nebeneinandergestellt.

ANKÜNDIGUNG
Was Sie in diesem Buch zu lesen bekommen
All diese unbeachteten Dinge, die ans Licht kommen, lassen mich glauben, dass auch unser Glück von einem Rätsel abhängt, mit dem der Mensch verknüpft ist, und dass unsere einzige Aufgabe in dem Versuch besteht, dieses Rätsel zu begreifen.1
René Magritte
 
 
 
Gebrauchsanweisungen sind eine besondere Art von Literatur. Sie müssen verständlich und unverständlich zugleich sein: Sie sollen aufklären, aber ebenso vermitteln, dass das Erzeugnis aufwendig, kompliziert, ja nahezu undurchschaubar und daher sein Geld wert ist. In einen Zwiespalt dieser Art haben sich Religionen mit großer Tradition manövrieren lassen. Sie neigen zur Verdichtung ihrer Aussagen in Formeln, die alles fassen wollen, obwohl sie nur aus ein paar Sätzen bestehen. Dadurch lesen sich Katechismen wie Lehrbücher der Mathematik: Alles ist klar, wer etwas anderes meint, hat sich verrechnet. Eingeweihte wissen sofort, was gemeint ist, aber andere Zeitgenossen mühen sich mit dem Kleingedruckten. Denn Formeln sind Konserven, sie sind lange haltbar, aber auch sie haben ein Ablaufdatum. Sie müssen aufgemacht, aufgekocht, umgefüllt werden, ihr Geschmack verändert sich im Lauf der Jahrhunderte und manche werden ungenießbar.
Die Religionen sind in einer Lage, die sie bisher nicht kannten. Die Globalisierung öffnet auch den Markt der Weltanschauungen, auf dem sich heute jedermann und jedefrau bedienen kann. Konkurrenz ist angesagt, die alles billiger macht. Die alten, klaren Formeln reden in einer Fremdsprache gegen leicht gängige Vereinfachungen. Bücher in verschiedener Tonlage versuchen, das Christentum dem säkularen Verständnis schmackhaft zu machen und ihm eine Stimme im Konzert des Weltethos zu geben. Gegen ein allseits kompatibles Christentum erhebt sich auf der anderen Seite fundamentalistischer Widerspruch. Dazwischen bleibt auf der Strecke, was das christliche Weltverständnis an Lebenskraft und Daseinsbewältigung leisten kann, wenn es nicht im Streit der Parteien verzerrt wird.
 
Was Sie in diesem Buch zu lesen bekommen, ist eine Wegbeschreibung in überschaubaren Etappen. Die Landschaft des Christentums ist reizvoll und abwechslungsreich, wir meiden die Direttissima, scheuen Umwege nicht und nehmen Steilstücke in Serpentinen. Für Proviant ist gesorgt, alte Vorräte werden frisch zubereitet. Die Etappengliederung erlaubt, Abkürzungen zu gehen, ein Wegstück auszulassen und später nachzuholen oder die umgekehrte Richtung einzuschlagen. Ein Sprachführer für Reiselustige in ein unbekanntes Land muss viele Details beschreiben, um Orientierung zu geben, sollte aber die Entdeckerfreude der Reisenden nicht behindern. Unterwegs können sich an jeder Ecke, hinter jedem Wort und jedem Bild überraschende Aussichten eröffnen, kann ein Stück der uns umgebenden unsichtbaren Welt, die so leicht übersehen wird, sichtbar werden.
 
Die Reise hält manches Abenteuer im Kopf bereit; wir treten sie ohne Denkverbote an und muten auch unseren Lesern und Leserinnen nicht zu, den Kopf in der Garderobe abzugeben. Wir erforschen die Welt im Ganzen, und das heißt: einschließlich jener Zonen, die sich der landläufigen Vermessung entziehen, aber dem genauen Nachdenken und der angemessenen Sprache zugänglich sind. Wir zeichnen eine Landkarte des Christentums und laden Sie ein, mit dieser Karte in der Hand auf Entdeckungsreise zu gehen, wenn Sie wissen wollen, wie das Christentum »tickt«.

Horizonterweiterung
Rehabilitation des Unsichtbaren
»Das Ganze ist das Unwahre«2 – der lapidare Satz des Theodor Adorno. Wo immer eine Idee, eine Politik, ein Lebenswerk ein Ganzes sein oder herstellen wollte, wurde dieses vermeintliche Ganze unwahr und schließlich überheblich und totalitär. Die sichtbare Welt ist ein Fragment; wenn sie ganz sein will, wird sie gefährlich. Die unsichtbare Welt geht ihr ab. Dagegen Goethe: »Glaube ist Liebe zum Unsichtbaren, Vertrauen aufs Unmögliche, Unwahrscheinliche« 3. Verbunden mit der unsichtbaren Welt wächst die sichtbare zu einem Ganzen zusammen. Erst dieses ungeteilte Ganze ist das Wahre.

WOZU RELIGION?
Eine Liste vorläufiger Antworten
Was haben die Religionen für eine Zukunft?
Ich glaube, Ihnen darauf antworten zu müssen,
dass es sich weniger
um eine Frage des Glaubens an Gott
als um den Glauben an den Menschen handelt.4
Kardinal Franz König
 
 
 
Wie kommen Menschen dazu, eine unsichtbare Welt mit mächtigen höheren Instanzen anzunehmen, von Göttern oder Gott zu reden? Darüber wurden zahllose Theorien entwickelt, die zwischen der Würdigung von Religion und ihrer Ablehnung schwanken, sie entweder als unerlässliches Element menschlichen Lebens ansehen oder für eine Krankheit halten. Nachdem der letzte Staatsatheismus mit dem Zerfall der Sowjetunion Schiffbruch erlitten hat, formiert sich gerade eine neue Spielart des Atheismus. Mehrere Bestseller enthüllen als neue Erkenntnis, was die Religionskritik seit eh und je vertreten hat: Sie bestehen auf der Unsinnigkeit und Vernunftwidrigkeit von Religion, sie bündeln die Schrecken und Grausamkeiten der Religionsgeschichte zu einer Beweiskette und kommen zum Schluss, es handle sich bei Religion um einen Gotteswahn 5, denn »die Religion vergiftet alles«6. Diese neue Religionskritik wird mit missionarischem Eifer vorgetragen. Könnte es sein, dass darin eine gewisse Hilflosigkeit zum Ausdruck kommt, weil sich Religion auch von allen bisherigen Angriffen immer wieder erholt hat, obwohl viele Vorwürfe keineswegs aus der Luft gegriffen sind? Die außerordentliche Beständigkeit des menschheitsgeschichtlichen »Unheils« Religion muss Ursachen haben, die von ihren Gegnern offenbar nicht beseitigt werden können.

Dank und Bitte

Eine der gängigsten Erklärungen dafür heißt im Fachjargon »Kontingenzbewältigung«: Der mit Bewusstsein begabte Mensch musste seit frühester Zeit einsehen, wie begrenzt seine Fähigkeiten waren. Alles schien kontingent, zufällig, nämlich auf unerklärliche Weise geschenkt oder genommen, und ist es bis heute: das eigene Leben, Herkunft, Familie und Sprache, die Kinder, die Natur, von der man lebt, Gesundheit, Krankheit und Tod. Das Verhältnis zwischen all dem, was man selbst gestalten kann, und dem, was einem ohne eigenes Zutun gegeben oder genommen wird, war nie eine Stütze des Selbstbewusstseins. Zwar sind wir inzwischen stolz auf die Errungenschaften der Zivilisation, aber Leben und Tod sind immer noch unverfügbar. Um damit zurechtzukommen und das Leben trotzdem zu bewältigen, sei Religion entstanden. Ein erster Schritt dazu ist der Umgang mit all dem, was nicht beeinflussbar ist, indem darum gebeten und dafür gedankt wird. Bitte und Dank richten sich an jene unbekannten, unsichtbaren, unbegreiflichen Instanzen, die das Unverfügbare geben und nehmen, weil es dem Menschen schwer erträglich ist, in einem Universum des blinden Zufalls zu leben. Um Zugänge zu diesen Instanzen zu finden, wurden Bitte und Dank zu Gebeten, Riten und Opfern. Frühe Adressaten der Verehrung waren die verstorbenen Mitglieder des Stammes, die Ahnen. Indem sie nicht einfach als ausgelöscht, sondern nur in eine andere Welt versetzt begriffen wurden, konnte man sich des Schutzes ihrer Solidarität versichern und die eigene kurze Existenz in die Abfolge der Generationen hinein verlängern. Nichts anderes tun übrigens bis heute Aristokraten, die auf ihre langen Stammbäume stolz sind.

Projektion nach oben

Nun können Hypothesen aufgestellt werden, wie spätere Gottesvorstellungen entstanden sind und ob es darin eine erklärbare Entwicklung gibt. Es ist naheliegend, Projektionen vom Sichtbaren ins Unsichtbare, von der sozialen Ordnung auf die Ordnung des Himmels anzunehmen. Schon in den alten Kulturen Ägyptens und Mesopotamiens bevölkern Götter und Göttinnen den vorgestellten Himmel und sind für bestimmte Ereignisse, Begabungen und Bedürfnisse zuständig. Ebenso zeichnen die griechischen, römischen oder germanischen Mythologien das jenseitige Universum; die Namen wechseln, aber Struktur und Aufgabengebiete entsprechen überall den Knotenpunkten menschlicher Lebenserfahrung. Daher werden auch die unerklärlichen Widersprüche und Konflikte des Lebens den Kompetenzstreitigkeiten in der Götterwelt angelastet und erfordern gemäß der ordnenden Vernunft des Menschen eine himmlische Hierarchie.
 
Dabei könnten politische Entwicklungen eine Rolle spielen. Familien und Stämme wurden zu größeren Einheiten zusammengeschlossen, die ersten Großreiche entstanden; analog zu den sich organisierenden Gesellschaften werden nun untere und obere, Halb- und Ganzgötter einer höchsten Gottheit zugeordnet und familiäre Stammbäume geschaffen, mythische Eifersuchts- und Liebesszenen erdacht. So weit kann Religion als Abbild irdischer Zustände verstanden werden. Nicht anders als im wirklichen Leben geht es nach diesen Vorstellungen im Himmel zu, nur dass den unsichtbaren Protagonisten dieses Theaters Unsterblichkeit zugeschrieben wird.

Frühe Religionskritik

Gegen allzu menschliche Projektionen »nach oben« wandte sich schon eine antike Religionskritik. Kritias, einer der missratenen Schüler des Sokrates, meinte, dass ein kluger Mann die allwissenden Götter erfunden habe, die die geheimsten Gedanken der Menschen durchschauen, ihnen Angst machen und sie damit bei der Stange des Gehorsams gegenüber der Obrigkeit halten. Kritias hatte keine Skrupel, eine Gewaltherrschaft über Athen aufzurichten, die allerdings nur ein Jahr dauerte. Ganz anders sein Lehrer Sokrates. Auch ihm bedeuteten die Staatsgötter Athens nicht mehr viel, obwohl er sich an den üblichen Riten beteiligte. Wichtiger als die Religion war ihm die Rechtsstaatlichkeit: Er forderte, dass unter jeder Regierungsform das Recht gewahrt bleiben muss. Für seine Verurteilung waren daher politische Motive ausschlaggebend, angeklagt und zum Tod verurteilt wurde er jedoch als Atheist, der die Jugend verdirbt. In seiner Verteidigungsrede wies er den Vorwurf zurück und erklärte, dass er stets auf sein »Daimonion« höre, eine innere Stimme, die Stimme des Gottes gegen Übergriffe des Staates, eines Gottes, den er jeweils in der Einzahl apostrophiert. Auch das ist eine Form der Religionskritik, da mit dem nach innen verlagerten Gott der Mensch im Mittelpunkt steht. Im Jahre 399 v.Chr. musste Sokrates den Becher mit giftigem Schierlingssaft trinken.
 
Schon zwei Jahrhunderte früher hatte sich in Israel ein anderes Paradigma durchgesetzt: Den Glauben der Israeliten an den einen einzigen Gott Jahwe verlegt das Alte Testament zwar schon in früheste Zeiten; aber es berichtet zugleich, wie lange sich die Vorstellung von vielerlei Göttern gehalten hat. Die Einflüsse der Umwelt waren nicht auszuschalten, die ausländischen Frauen in den Harems der Könige brachten fremde Götter und Riten ins Land. Die großen Propheten, darunter Elija, Jesaja und Jeremia, waren die biblischen Religionskritiker, die den Götterhimmel entvölkerten und den Glauben an den einen Gott propagierten, der sich klar von all den Himmlischen unterschied, die ansonsten die antike Vorstellungswelt besetzt hielten.
 
Erst als die Israeliten keinen eigenen Staat mehr hatten und ihre Oberschicht 586 v.Chr. ins babylonische Exil verschleppt worden war, hatte der Eingottglaube seinen definitiven Durchbruch. Der Gott Israels war ein unsichtbarer Gott, der nicht abgebildet werden durfte. Daher ist es zweifelhaft, ob sich frühere Ansätze eines Eingottglaubens mit der Entwicklung in Israel vergleichen lassen. Im 14. Jahrhundert v.Chr. konzentrierte der ägyptische Pharao Amenophis IV. (Echnaton) den Kult auf die Verehrung des Sonnengottes Aton, was aber mit dem Tod des Pharaos schon wieder zu Ende ging. Viel später vertrat der persische Priester Zarathustra den Glauben an den einen Gott Ahura Mazda, aber diese Art von Monotheismus unterscheidet sich ebenfalls in vielem von dem einen Gott, von dem geglaubt wurde, dass er die Geschichte Israels lenke.

Tausch der Inhalte

Somit stellt sich Religion in der Außensicht als Mittel für vielfältige Zwecke dar, die in den Hauptzweck münden, das individuelle Leben sowie das gesellschaftliche System trotz unverfügbarer Erschütterungen stabil zu halten. Geht man mit dem Soziologen Niklas Luhmann davon aus, dass es sich dabei um eine spezifische Funktion handelt, dann ergibt sich, dass Religion durch nichts anderes als wieder durch Religion ersetzt werden kann, also durch etwas, das Merkmale des Religiösen trägt.7 Dazu gehört als entscheidendes Element die Annahme einer unsichtbaren Welt, die die sichtbare umfasst und in der selbsttätige Kräfte am Werk sind. Das ist eine formale, inhaltsfreie Bestimmung, die sich dann mit ganz verschiedenen Inhalten füllen lässt. Läuft sich der eine Inhalt tot, wird er durch einen anderen ersetzt. Seit dem 18. Jahrhundert ist dieser wiederholte Wechsel ein Element jener Verwirrungen, die die europäische Geschichte bestimmen.
 
Ab der Zeit des nachexilischen Judentums gegen Ende des sechsten Jahrhunderts v.Chr. war die Karriere des Eingottglaubens im Kulturkreis des Nahen Ostens und Europas nicht mehr aufzuhalten. Er setzte sich im Christentum und im Islam durch und wurde erst in der europäischen Aufklärung des 18. und 19. Jahrhunderts mit einer neuen radikalen Religionskritik konfrontiert. Die religiösen Institutionen und ihre Vertreter lieferten dafür ausreichende Anlässe. Verwicklungen der Kirchen in die feudalistische Politik Europas und das Jahrhunderte währende Bildungsmonopol des Klerus hatten zu einer unerträglichen Bevormundung und Ausbeutung der Menschen geführt. Die Reformation des 16. Jahrhunderts hatte durch die Schwerfälligkeit der römischen Kirche eine Spaltung zur Folge, die von den Reformatoren zunächst nicht beabsichtigt war. Die darauf folgenden Kriege, mit denen Machtansprüche unter den Fahnen der gegnerischen Konfessionen ausgetragen wurden, haben Europa für Jahrhunderte in ein blutiges Schlachtfeld verwandelt. Der Osten Europas war schon seit dem Schisma von 1054 ein entfremdeter Erdteil.
 
Der Tausch der Inhalte hatte zunächst im Wechsel der Konfessionen bestanden. Das änderte sich nun. Die Religionskriege seit der Reformation, schon früher die Kreuzzüge (11.-14. Jh.) und die immer wieder aufflammenden Auseinandersetzungen mit dem Islam legten den Gedanken nahe, dass Friede und Menschenwürde nur ohne und gegen die Religionen garantiert werden können. Die europäische Aufklärung (anders als die amerikanische) musste daher aus politisch-historischen Gründen religionsfeindlich sein. Die Französische Revolution erhob die Vernunft zu göttlichen Ehren und feierte sie mit Riten, die der christlichen Liturgie entlehnt waren. Dieser Kritik an Religion überhaupt stand eine innerreligiöse Kritik gegenüber, die zu schweren Verwerfungen innerhalb der etablierten Kirchen, insbesondere der römisch-katholischen führte. In das landläufige Gottesbild des einen und einzigen Gottes waren längst wieder allzu menschliche Züge eingetragen worden, die den einen Gott zwar nicht mit Göttern, aber mit zahllosen Heiligen umgaben, die für verschiedene Anliegen zuständig waren und von denen manche, insbesondere Maria, die Mutter Jesu, bis heute fast göttliche Verehrung genießen. Man könnte von einer heimlichen Rückkehr des alten Polytheismus sprechen, der sich in Elementen und Denkweisen – mindestens des Volksglaubens – in den christlichen Monotheismus eingeschlichen hatte.
So waren wie schon in der Antike unterschiedliche Motive für eine grundsätzliche Religionskritik zusammengekommen. Wieder wurde Religion als menschliche Projektion entlarvt. Ludwig Feuerbach rechnete damit ab, Sigmund Freud erklärte das zur Illusion. Friedrich Nietzsche stellte Gott den Totenschein aus. In einem späten Nachklang folgte auch die innerreligiöse Kritik mit einer »Gott ist tot«-Theologie des 20. Jahrhunderts, die die Stellvertretung Gottes durch den Menschen verlangt. Von Gott sei lange genug erwartet worden, etwas für uns zu tun; nun sei es an der Zeit, etwas für Gott zu tun.8
 
Die traditionellen Religionen haben politisch abgedankt und eine Leerstelle hinterlassen, die von den Ideologien des 20. Jahrhunderts ausgefüllt wurde. Das war der gefährlichste und im großen Stil Menschen mordende Inhaltstausch. Die vorgeblich religionslosen Systeme statteten sich ihrerseits mit religiösen Allüren aus, verehrten ihre Diktatoren – von Hitler über Stalin und Mao Tsetung bis Pol Poth – wie gottgleiche Heroen und waren alles andere als Verteidiger des Friedens und der Menschenwürde. Aufklärung und Religionskritik hatten das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und ausgeblendet, dass zwar Missbräuche unübersehbar waren, sich Religion aber nicht einfach beseitigen lässt. Heute verlieren die Kirchen nach und nach ihre Mitglieder; aber das religiöse Interesse verschwindet nicht, sondern kleidet sich neu ein. Den großen religionsfeindlichen säkularen Entwürfen stehen viele ebenso skeptisch gegenüber wie den überlieferten religiösen Systemen. Wieder werden die Inhalte getauscht, diesmal durch das Interesse für östliche Weisheit und die freien Formen der Esoterik, individuell gelebt oder in unabhängigen Gemeinschaften ohne verbindliche institutionelle Organisation.
Nicht einmal die hohe technische Zivilisation samt erfolgreicher Medizin und sozialer Fürsorge – wie es sie ohnedies nur in einem kleinen Teil der Welt gibt – ist imstande, eine so endgültige Sicherheit zu bieten, dass man die Unverfügbarkeiten des Daseins vergessen könnte. Leben, Liebe und Tod entziehen sich der Planung, und die alte religiöse Reaktion auf diese schwer erträgliche Tatsache äußert sich immer noch in Bitte und Dank. An wen freilich, ist fraglich geworden. »Woran du nun dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist dein Gott«, sagte Martin Luther.9 Der Adressat hat sein scheinbar eindeutiges Gesicht verloren, verbirgt sich hinter vielen Masken und bleibt dennoch ein anscheinend unverzichtbares Gegenüber.

Quälgeist Bewusstsein

Der Weg vom Polytheismus zum Monotheismus wird durchaus verschieden beurteilt – als Aufstieg und Fortschritt oder als bedauerlicher Verlust von Vielfalt und Toleranz. Tatsächlich gibt es Gründe, den Monotheismus, wo er sich mit politischer Macht verbündet hat, für Intoleranz und Gewalttätigkeit verantwortlich zu machen. Ein Monotheismus, der ein autokratisches Gottesbild pflegt und davon kurzschlüssig die Legitimation monokratischer politischer Systeme ableitet, verliert schnell sein menschenfreundliches Gesicht. Und obwohl auch das Christentum im Laufe seiner Geschichte immer wieder in diese Falle gegangen ist, widerspricht ein solcher Kurzschluss dem christlichen Bild des dreieinigen Gottes.
 
Damit ist noch einmal das Grundproblem genannt. Wozu Religion gut ist, entscheidet sich an der Frage, wieweit sie den Menschen vor Gewalt und Intoleranz schützt oder ihn im Gegenteil entmündigt und einem autoritären System unterwirft; wieweit sie eine konstruktive Hilfe für ein gelingendes Leben darstellt oder nur ein Narkotikum, um zu ertragen, was nicht zu ändern ist: der religiöse Mensch ein Drogensüchtiger, der – so Karl Marx – vom »Opium des Volkes« entwöhnt werden sollte. Da aber Religion sich nicht vertreiben lässt, sondern immer nur durch andere Inhalte gefüllt wird, kann die Frage nach ihrer Herkunft nicht nur historisch und soziologisch gestellt werden; auch die Psychologie ist zuständig. Die Entstehung und Veränderung von religiösen Vorstellungen schlägt sich in den Schriften und Traditionen der Religionen nieder; immer ist es aber auch eine individuelle Seelengeschichte, die solche Vorstellungen in den Menschen hervorbringt.
 
Das Bewusstsein als Fähigkeit des Menschen, seine Lage zu überblicken und sie anders zu wünschen, macht seine erschreckende Situation klar: Drastisch schildert der amerikanische Psychologe Ernest Becker das menschliche Dasein aus biologischer Perspektive: »Das Leben auf diesem Planeten ist ein blutrünstiges Spektakel, ein Science-Fiction-Albtraum, in dem Verdauungsorgane, an einem Ende mit Zähnen ausgestattet, jedes Fleisch wegreißen, dessen sie habhaft werden können, und die am anderen Ende aggressive exkrementale Abgänge auftürmen.« Aber der Mensch »ist ein Organismus, der weiß« und dadurch vor allem weiß, dass er sterben wird.10 Für Becker bedeutet es einen Angriff auf die Selbstachtung, von der Natur nicht als einmaliges Individuum wahrgenommen zu werden und schließlich in einem Nichts verloren zu gehen. Um angesichts dieser natürlichen Schieflage zu einer Selbstachtung zu kommen, würde die Sehnsucht danach entstehen, etwas zu zählen, nicht ohne Sinn auf diesem Planeten gelebt, gearbeitet, gelitten zu haben und gestorben zu sein.
 
In einer Geschichte der Chassidim wird der Umgang mit diesem Zwiespalt handgreiflich. Da rät ein Rabbi seinem Schüler, in einer Rocktasche einen Zettel mitzuführen, auf dem steht: »Meinetwegen wurde die Welt erschaffen«, und in der anderen Tasche einen mit dem Text: »Ich bin nur Staub und Asche«; weise sein heißt, im rechten Augenblick den einen oder den anderen Zettel hervorzuzie hen.11

Beziehungswesen Mensch

Von ihrem ersten Atemzug an sind Menschen darauf angewiesen, irgendeine Bedeutung zu haben. Sie leben davon, dass sie wahrgenommen werden, dass sie einander etwas bedeuten, und dass das Dasein in dieser Welt ihnen etwas bedeutet. Lange bevor ein Kind sprechen kann, erfährt es aus der Zuwendung der Erwachsenen, ob es willkommen ist oder als Zufall oder gar als Unfall betrachtet wird, es erfährt sich geborgen oder ausgesetzt und knüpft an diese emotionale Befindlichkeit Wünsche und Fantasien. So werden Selbstverständnis und Identität des Menschen geprägt, sein Gefühl dafür, was er in der Welt bedeutet und welche Haltung die Welt ihm entgegenbringt – eine liebevolle oder feindliche, eine bergende oder mahnende, eine lobende oder strafende. Aus diesem Grundgefühl des In-der-Welt-Seins wächst die Beziehung des Kindes zuerst zu seiner Umwelt, dann zum Weltganzen. Wenn es so weit ist, stehen wir an der Schwelle von Religion, denn Religionen sind holistische Vorstellungswelten und bieten für das Sinnbedürfnis und den Wunsch nach einer umfassenden Weltsicht ihre Inhalte an. Hier ist auch psychologisch gesehen der Ort der Entstehung von Gottesbildern, weil sich das Weltganze – so wenigstens in den monotheistischen Religionen – in der Gestalt eines handelnden Gottes personifiziert.
 
Die argentinische Religionspsychologin Ana-Maria Rizzuto hat sich mit der Frage der Gottesbilder in der Seele des Menschen beschäftigt. Es ist übrigens bemerkenswert, wie sie auf ihr Thema gestoßen ist. Zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils 1963 bat sie der Dekan des päpstlichen Seminars von Cordoba in Argentinien, den Priesterstudenten Möglichkeiten einer persönlichen Gottesbeziehung zu eröffnen, weil dafür das traditionelle Studium der Dogmatik nutzlos sei.12
 
Rizzuto zeigt, wie die Gestalt späterer Gottesbilder in der frühen Kindheit vorbereitet wird: Wie eindringlich eine Religion auch durch die verschiedenen religiösen Institutionen gelehrt wird, ohne die Grundlage von Beziehungserfahrungen bleibt sie angelernt. Das Angelernte lässt einen Menschen so lange innerlich kalt, als es nicht mit Gefühlen, Erinnerungen und inneren Bildern aus der Kindheitsgeschichte verbunden wird. Wer tief genug in sich selbst hineinschaut, weiß sehr gut, dass das persönliche Gottesbild die Farbe der eigenen emotionalen Herkunft trägt. Angst oder Liebe oder die Blässe unerreichbarer Distanz führen den Pinsel der Erfahrungen und malen die innere Ikone Gottes. Die Seele ist zwar beharrend, aber zugleich lebendig. Um sie zu verändern, braucht es neue Begegnungen, die imstande sind, frühere Beziehungserfahrungen zu löschen oder zu transformieren. Denn der Mensch ist ein Beziehungswesen.

Wozu Religion?

Alle Antworten auf diese Frage bleiben zwiespältig. Denn im Grunde beziehen sich alle historischen, soziologischen und psychologischen Erklärungsversuche auf den Menschen als ein mangelhaftes Wesen, auf Schwäche und Begrenztheit, die mit Fantasien und Projektionen erträglich gemacht werden. Sogar die Einsicht, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist, kann als Mangel an Autonomie ausgelegt werden. Offenbar ist der Mensch allein nicht lebensfähig, schon von Anfang an als »physiologische Frühgeburt«, später bei erwachender Sexualität und überhaupt im Bedürfnis nach Beheimatung in Gemeinschaft. Geht man von einem Idealbild des in jeder Hinsicht unabhängigen Menschen aus, dann muss das alles als bedauerliche Schwäche erscheinen. Ein solches Idealbild ist aber leicht als unrealistisches und unmenschliches Traumbild zu entlarven. Religion nimmt den Menschen wahr, wie er ist, und verlangt nicht, dass er sein Bedürfnis nach Verbundenheit mit anderen in einer heroischen Geste über Bord wirft. Dass der Mensch ein Beziehungswesen ist, sagt die Religion, bedeutet keine Schwäche, sondern eine Chance.
 
Aber der unaufgebbare Wunsch nach Gemeinsamkeit findet in allen Lebenserfahrungen nur bruchstückhaft und vorübergehend Erfüllung. Über die Würdigung dieses Wunsches hinaus geben Religionen je nach ihrem besonderen Inhalt konkrete Antworten. Wer oder was tritt der Beziehungsbedürftigkeit des Menschen gegenüber? Was bleibt, wenn Menschen tatsächlich allein sind? Gibt es eine Instanz, die noch ansprechbar ist, wenn alles andere versagt? Ist da jemand, wenn niemand mehr da ist? Religion mag so oder so entstanden sein, historisch, gesellschaftlich, oder in der Seele diese oder jene Gestalt annehmen; wozu sie gut ist, wird sich an ihrer wirksamen Gegenwart entscheiden. Damit kommt aber eine andere Ebene der Wahrnehmung ins Spiel. Nur in der Beziehung zu bestimmten religiösen Inhalten kann sich erweisen, was Religion für den Menschen bringt. Einer davon, dem Christentum, gilt die Entdeckungsreise dieses Buches.

DIE CHRISTLICHE MATRIX
Existenz ohne Zufall
Mir haben sich die Geheimnisse des Glaubens zu einer erhabenen Allegorie verdichtet, die über den Feldern meines Lebens steht wie ein leuchtender Regenbogen.13
Hugo von Hofmannsthal
 
 
 
Was immer eine Reise an Überraschungen bereithält, so tritt man sie doch nicht planlos an. Ein Überblick ist nötig, ein Entwurf für den Ablauf, in den die wichtigsten Routen und Stationen eingezeichnet sind. Was im Einzelnen Schritt für Schritt erobert wird, folgt einer Skizze, die zusammenfasst, was bevorsteht. Wir nennen sie Matrix. Das kann vielerlei bedeuten und hat doch einen gemeinsamen Nenner.
 
»Matrix« – so heißt eine Firma, die Produkte für Haarpflege verkauft. Die Matrix der Finger- und Fußnägel sitzt oberhalb des Nagelmondes und bildet die Zellen, aus denen die Nägel nachwachsen. Auch das Material von Verbundwerkstoffen, in das andere Stoffe eingebettet sind, wird Matrix genannt. In der Chemie meint Matrix diejenigen Bestandteile einer Probe, die nicht analysiert werden. In allen Fällen handelt es sich um eine Grundsubstanz, um etwas Grundlegendes, Ursprüngliches; im Wort Matrix versteckt sich nicht zufällig das lateinische Wort für Mutter (mater). Wenn sich eine Firma den Namen Matrix gibt, will sie damit wohl signalisieren, dass ihre Produkte gegenüber allen anderen grundlegend und unverzichtbar sind.
»Matrix« heißt auch eine Disco in Berlin, wohl in Anspielung an den gleichnamigen Kultfilm, der in das Netzuniversum, in die unsichtbaren Interaktionen im Internet entführt, aber auch in die Welt von Mythologie und Religion. Hier ist die Matrix eine geheimnisvolle Aktivität, die Menschen als Energielieferanten für eine künstliche Intelligenz benutzt, ohne dass sie es wissen. Aber es gibt eine Widerstandsbewegung unter der Leitung eines gewissen Morpheus, der sich den Helden Neo engagiert: »Ich will dir sagen, wieso du hier bist. Du bist hier, weil du etwas weißt. Etwas, das du nicht erklären kannst. Aber du fühlst es. Du fühlst es schon dein ganzes Leben lang, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. Du weißt nicht was, aber es ist da.« Diese Matrix ist das Gesetz der Welt, eine gefährliche unsichtbare Struktur hinter den sichtbaren Dingen, die abgewehrt werden muss. Dagegen steht die verborgene Logik der christlichen Matrix, die einen anderen Zusammenhang schafft: Sie ist »ein helles Gitter der Logik«, das sich über der wirren Vielfalt des Lebens ausbreitet. 14
 
Hinter allen Religionen steht eine Matrix, eine unsichtbare Struktur, in die die sichtbaren Dinge wie in ein Netz eingehängt sind; und alle haben ihre jeweilige Logik. Sie sind holistische Systeme, weil sie die Welt im Ganzen umfassen, und zum Ganzen gehört auch das Unsichtbare. Religionen geben sich nicht mit Tatsachen zufrieden, weil auch die Menschen sich damit nicht zufriedengeben, auch wenn sie nur fühlen, was sie nicht erklären können, wie Morpheus sagt. So ist es kein Wunder, dass im Rücken einer von Naturwissenschaft und Technik dominierten Welt, in der Fakten und Beweise zählen, Science-Fiction-Szenarien blühen.
Jede Religion bildet eine Welt von Bedeutsamkeit, die ihren Anker dort auswirft, wo Menschen als bewusste Lebewesen vor drei wesentlichen Rätseln stehen: Wenn die Welt, wie wir sie kennen, nicht im leeren Raum schwebt, worin ist sie dann eingebettet? Wenn diese Welt von so viel Leid durchzogen ist, was kann helfen, es zu überwinden? Und wenn der Tod die Welt regiert, wofür können wir dann leben? Solche Fragen stellen sich nicht jeden Tag, der seine Routine verlangt, aber manchmal in nachdenklicher Stimmung oder im Halbschlaf oder dann, wenn wir mit schicksalhaften persönlichen oder politischen Ereignissen konfrontiert werden.
 
Was freilich solche Ereignisse für uns bedeuten, wie wir sie verstehen können, das wird von den Ereignissen selbst nicht mitgeliefert und muss anderswo gesucht und gefunden werden. Die religiöse Matrix fügt diese Rätsel in ein »helles Gitter« ein, das in den verschiedenen Religionen jeweils eine andere innerreligiöse Logik aufweist. Als eine eigene Welt von Bildern und Symbolen voll existenzieller Bedeutsamkeit, die keinen Zufall kennt, verstehen sich Religionen nicht als Abbild realer Dinge und Geschehnisse. Für sie gilt, was der Poet Peter Hacks über die Kunst sagt: »Sie ist keine Nachricht über die Wirklichkeit, sondern Nachricht über eine Haltung, die man der Wirklichkeit gegenüber einnehmen kann.«15

Du bist gewollt

Die christliche Matrix hat eine »kosmische« Dimension; sie geht vom Unsichtbaren aus und führt in das Unsichtbare zurück; das Unsichtbare ist Herkunft und Ziel, die uns bekannte Welt mit ihrer Fülle von »Dingen« ist in das Unsichtbare eingebettet. Dieses Unsichtbare ist für die christliche Matrix nicht bloß eine alles hervorbringende kosmische Energie des Universums, sondern es hat einen Namen: Gott, der die Welt mit ihren Menschen will, der Schöpfer, der im Buch Genesis sagt: »Es werde«, und es ist. Die Menschen sind keine winzigen unscheinbaren Pünktchen, die auf der Erde herumkrabbeln. Sie sind kein Nichts, dem natürlichen Werden und Vergehen ausgeliefert, das nicht danach fragt, ob die Exemplare einer Gattung leiden, sich freuen oder wissen, wofür sie leben. Im Gegenteil: Dieser Gott – so sieht es die christliche Matrix – ist von sich aus aktiv und tritt damit in eine Beziehung zu seinen Geschöpfen, die ihm etwas bedeuten. Dem Beziehungswillen Gottes entspricht, dass auch die Menschen Beziehungswesen sind, die davon leben, dass sie einander etwas bedeuten, dass ihnen das gesamte Dasein etwas bedeutet und der Tod ihre unverwechselbare Bedeutung nicht auslöscht.
 
Daher umfasst die christliche Matrix beides, Großes und Kleines: die Welt im Ganzen, einschließlich des Unsichtbaren und jedes einzelnen Menschen, ob er noch lebt oder schon gestorben ist. Dieser Gott kennt sie alle, nimmt sie wahr und beachtet sie: »Die Haare eures Hauptes sind alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht«, heißt es im Matthäusevangelium.16 Jeder einzelne Mensch unter Abermilliarden zählt, weil jedes Individuum einmalig ist. Der das sagt, ist keine unpersönliche kosmische Energie, sondern jemand, dem an den Menschen liegt, ein Gott als personales Gegenüber, der in Beziehung zu ihnen treten will und sie anspricht. Im hellen Gitternetz der christlichen Matrix zeigt sich ein Gott, der die Menschen nach seinem Bild geschaffen hat, damit sie antworten können, weil sie auf ein Du bezogen sind, Beziehungswesen, die – in den Grenzen ihrer Möglichkeiten – frei sind, Ja und Nein zu sagen.
 
Für diesen Gott ist niemand Zufall, vielmehr ist jeder und jede gewollt. Die Dramaturgie der Matrix beginnt damit, dass der Mensch aus den Kulissen einer unsichtbaren Welt auf die Bühne tritt. Zwar gibt es viele Gründe, warum ein Kind gezeugt wird: aus Trieb und Lust, um einen Erben zu haben oder eine Familie zu gründen, weil sich das so gehört; auch »Betriebsunfälle« kommen vor, willkommene und unwillkommene, erst geliebte, dann verworfene Kinder. Der christlichen Matrix zufolge mag der Auftritt eines Menschen so zufällig scheinen, wie er will, – er folgt einer Absicht: Du kommst nicht aus der mehr oder weniger beiläufigen Verschmelzung von Keimzellen, sondern aus einer anderen Quelle, die gerade dich ausgedacht und ins Dasein geführt hat und dich deshalb willkommen heißt.

Die erste Krise

Das Dasein ist freilich kein Honiglecken, und jeder Schritt auf der Bühne des Lebens kann gefährlich sein. Kaum angekommen, wird der Mensch mit dem unerfreulichen Zustand der Welt konfrontiert: Er entdeckt, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. Armut und Bosheit, Grausamkeiten, Krankheit und Tod lauern hinter jeder Ecke. Die Bibel weiß, dass das so ist, und unterstellt diesem Wissen eine bedeutungsschwere Erzählung. Einstmals, noch bevor mit der Zeit die Geschichte beginnt, lebten die Menschen im Garten Eden, vereint mit Gott. Beide hatten ihre Bereiche, den Menschen stand alles zur Verfügung bis auf zwei Bäume, die zum Bereich Gottes gehörten: der Baum der Erkenntnis und der Baum des Lebens; von diesen Bäumen sollten sie nicht essen. Darin bestand die Ordnung. Aber die Menschen haben sich nicht an diese Ordnung gehalten; sie wurden »übergriffig«.17
 
Ordnung bedeutet, jedem das Seine zu geben und zu lassen. Das fängt klein an: Wer sich fremden Besitz aneignet, ungefragt die Post der anderen öffnet, in die Intimsphäre von Mitmenschen eindringt, wer Geschichten anderer als eigene erzählt und als etwas gelten möchte, was er nicht ist, der leistet sich Übergriffe, begeht Diebstahl und Plagiat. Und es endet bei Mord und Krieg, wenn nicht gefragt oder verhandelt wird. Das Gegenüber zu missachten, an sich zu reißen, was einem nicht gehört, zerstört die Ordnung und trennt Menschen und Völker voneinander.
 
Nach der Geschichte vom Garten Eden trennen solche Übergriffe die Menschen auch von Gott. Das ist kein historischer Bericht, sondern eine Ursprungsgeschichte. Sie wird nicht erzählt, um Adam und Eva als die Schuldigen hinzustellen, als käme die Misere der Welt davon, dass sie verbotene Früchte gegessen haben, während wir später Geborene nichts dafürkönnen. Adam und Eva sind wir alle. Die Geschichte wird erzählt, weil es hier und heute so ist und leider immer so war: Menschen hören nicht auf, sich Übergriffe zuschulden kommen zu lassen, und wie Adam und Eva streiten sie, als wären sie Kinder in der Sandkiste: Wer hat angefangen, wer ist schuld? So sind die Menschen, das ist ihre conditio humana, die sie sich ungern eingestehen.
 
Indem sie vom Baum der Erkenntnis essen, verletzen sie die Ordnung und verlassen die fraglose Unmittelbarkeit ihres Daseins. Im Sinne der christlichen Matrix sind die Menschen nach Gottes Bild geschaffen; aber durch den übergriffigen Gebrauch ihrer Freiheit liegt ein Schatten auf dem Entwurf, den der Schöpfer von ihnen gemacht hat.
 
In der Folge ist ihre Welt alles andere als eine Idylle. Wer die Bühne der Welt betritt, muss erleben, dass Kriege, Folter und Terror nicht aufhören, dass die Güter immer noch ungerecht verteilt sind und die halbe Welt hungert, dass viele Menschen arbeitslos oder auf der Flucht sind. Unzählbar sind auch die seelischen Verletzungen, die Menschen einander antun, »ohne es zu wollen oder zu merken, wohlmeinend vielleicht oder sich täuschend, in eigener Rechtfertigung sich beruhigend«18. Die christliche Matrix ist realistisch: Auch du bist in Selbsttäuschung verstrickt und der Unordnung der Welt ausgesetzt.

Du wirst begleitet

Damit ist allerdings nicht aufgehoben, dass Gott das Dasein jedes einzelnen Menschen will und ihn willkommen heißt. Zur christlichen Matrix gehört Gottes Liebe zu allen seinen Geschöpfen, auch zu denen, die verblendet und in Schuld verstrickt sind. Deshalb fragt dieser Gott den Kain: »Wo ist dein Bruder Abel?«19 Deshalb rufen seine Propheten: »Kommt zu mir zurück!«20 Er gibt den Menschen ethische Weisungen, er läuft ihnen nach und sucht sie, wie der Hirte einer großen Herde nach einem einzigen Schaf sucht, das sich verirrt hat.21 Wer liebt, ist verletzlich, und der liebende Gott leidet daher unter dem verzerrten Zustand seiner guten Schöpfung, leidet an den Verblendeten und fühlt mit den Leidenden.
 
Das Unverwechselbare der christlichen Matrix liegt nun darin, dass Gott nicht nur Weisungen gibt und auf den rechten Weg ruft, sondern dass ihn seine Liebe dazu treibt, den Menschen in einem menschlichen Schicksal nahe zu sein: Er bleibt nicht Zuschauer, er beschränkt sich auch nicht auf die Rolle des Regisseurs, der unsichtbar hinter den Kulissen die Fäden zieht, sondern er betritt die Bühne wie jeder andere Mensch, »geboren von einer Frau«22, und gibt sich in Jesus von Nazaret zu erkennen, der das unbeschädigte Bild des unsichtbaren Gottes ist. Er setzt sich dem durch Verblendung gezeichneten Dasein aus, ohne es freilich in sich zu tragen – der wahre Mensch, wie Gott ihn gedacht hat. Zugleich repräsentiert er den liebenden Gott, der auch den Abgründen des Daseins nicht ausweicht, indem er lieber selbst leidet, als anderen Schaden zuzufügen, indem er auf sich nimmt, was andere verdient hätten. In diesem einen Menschen ist die im Garten Eden verletzte Ordnung beispielhaft wiederhergestellt – durch Gott selbst, der seine Verantwortung nicht delegiert. So gewinnt das Wort Liebe leibliche Gestalt und werden Trennungen heilbar: zwischen Gott und Mensch und unter den Menschen. Durch Jesus, den Christus, wirst du im Auf und Ab des Lebens begleitet, weil Gott ein Bruder der Menschen geworden ist: Das signalisiert die christliche Matrix. Damit ist die Vollendung der beschädigten Schöpfung bereits in die Geschichte eingewoben.

Du bist nicht allein

Wenn Trennungen auch unter den Menschen heilbar werden, bedeutet das die Wiederherstellung menschlicher Beziehungsfähigkeit. Weil in der christlichen Matrix die unverwechselbare Würde jedes einzelnen Menschen Geltung hat, spielt niemand, der auf die Bühne des Lebens tritt, ein Einpersonenstück. Die Mitspieler in engeren und weiteren Kreisen sind zahlreich, und wenn sie begriffen haben, dass sie an einem gemeinsamen Projekt arbeiten, haben sie gut gespielt. Von der Wahrnehmung des Einzelnen durch den beziehungswilligen Gott geht der Anspruch auf gegenseitige Wahrnehmung und Würdigung untereinander aus. Da jeder und jede von der Kraft desselben Gottes gewollt ist und nicht zufällig oder irrtümlich ins Leben tritt, bestehen in der christlichen Matrix keine Unterschiede der Herkunft, des Standes oder des Geschlechts. Wenn es in diesem Sinn ein »Lernziel« des Lebens gibt, so ist es die Kunst der Liebe und die Praxis der Solidarität.
 
Die christliche Matrix greift dabei weiter aus und bezieht sich keineswegs nur auf Menschen gleicher Weltanschauung. Denn Gott »lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte«. Jesus betont das mit seiner provokanten Forderung, auch die Feinde zu lieben.23 Das bedeutet nicht, für sie zärtliche Gefühle zu hegen, sondern niemandem, auch ihnen nicht das Existenzrecht abzusprechen, denn auch sie sind gewollte Geschöpfe Gottes und Mitspieler auf der Bühne des Lebens. Sie verkörpern ein dramatisches, störendes, burleskes oder tragisches Element im Spielplan; sie sind eine Herausforderung zum Widerstand.
Nach dem Beispiel Gottes sollte Solidarität nicht an Vorbedingungen geknüpft sein. Im Matthäusevangelium wird von einem König erzählt, der sagt: »Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.« Aber die Angesprochenen wissen nicht, wovon die Rede ist, sie erinnern sich nicht, dem König jemals die aufgezählten Liebesdienste erwiesen zu haben. Und sie bekommen die klassische Antwort: »Was ihr für einen meiner geringsten Brüder [und Schwestern] getan habt, das habt ihr für mich getan.«24 Die sonderbare und lang ausgeführte Behauptung der Hilfe, das Missverständnis und seine Aufklärung bedeuten, dass – wenn es um Hilfe und Beziehung geht – jeder beliebige nackte, kranke, hungernde, gefangene Mensch mit dem König zu identifizieren ist. Dieser König tritt als Richter beim Weltgericht in die Szene und nennt somit die Regeln seines Urteils. Du bist nicht allein, also wird dir zugemutet, die Menschen um dich wahrzunehmen, wie auch du darauf angewiesen bist, wahrgenommen zu werden.

Die letzte Krise

Gottes Beziehungswille und Liebe zu den Menschen bedeutet keine Gnadendusche, die kriterienlos auf alle herabrieselt. Es ist nicht egal, wie ein Leben geführt und gestaltet wird. Aber alle moralischen Anstrengungen bleiben ambivalent und anfällig für Selbsttäuschungen. »Gut gemeint« ist noch nicht »gut gemacht«. Selbst große individuelle und politische Verbrechen werden oft aus der Überzeugung begangen, im Glauben, dazu mit guten Gründen berechtigt zu sein.