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Für Tina

Wie die Worte Jesu heute helfen können

52 Anleitungen für die wöchentliche Selbstbesinnung
Jesus hat seit nunmehr zwei Jahrtausenden immer wieder interessiert, polarisiert, vor allem aber fasziniert.
Zahlreiche, zum Teil äußerst kontroverse Bücher sind in der Vergangenheit über den geheimnisvollen Mann aus Nazaret mit seinen laut Bibel erstaunlichen Kräften erschienen, die sein Leben sowie seine Taten und Wirkungen in der Geschichte darstellen.
Das vorliegende Buch will weniger Jesus und sein Leben selbst in den Blick nehmen, obwohl er als Person natürlich immer wieder eine Rolle spielt und in einem eigenen Kapitel am Ende dieses Buches vorgestellt wird. Primäres Ziel ist es vielmehr, den Leserinnen und Lesern vorwiegend anhand ausgewählter Jesusworte Anleitung und Hilfe zur Selbstbesinnung zu geben.
Viele Aussprüche von Jesus, besonders die Bergpredigt verstehen sich aus der in der Antike verbreiteten weisheitlichen Literatur. Diese Literatur wollte nicht nur intelligente philosophische Einsichten vermitteln, sondern zugleich konkrete Lebenshilfe leisten. Doch nicht nur Jesus werden wir bemühen – wo es angebracht erscheint, machen wir auch immer wieder Anleihen bei anderen Schriften des Neuen Testaments, etwa den Briefen des Apostels Paulus, und werfen einen Blick in die »Hebräische Bibel«, die von Christen »Altes Testament« genannt wird. Es überliefert beispielsweise in den Psalmen einen reichhaltigen Schatz an weisheitlich geprägten Versen, die Jesus genauestens kannte. Aber auch andere Abschnitte in der »Hebräischen Bibel«, zum Beispiel Propheten oder Bücher der Weisheit (Sprüche, Prediger) werden konsultiert.

Zur Praxis dieses Buches
Es gibt viele Wege zur Erkenntnis seiner selbst, seiner Mitmenschen und nicht zuletzt von Gott. Doch im Alltag halten uns viele Dinge davon ab, uns mit dem zu beschäftigen, was wirklich wichtig für uns ist. Die Sorgen um Geld und Arbeit, die Verpflichtungen vom Einkauf bis zum Arztbesuch, »tausendundeine« Aufgaben, Pläne und Lasten hindern uns am intensiven Nachdenken über unseren Lebenszweck. Oder vielmehr hindern wir uns selbst oft genug daran, weil es leichter fällt, sich über den »Auftritt« bei einer Party oder den nächsten Kredit für den Autokauf Gedanken zu machen als über den Sinn unseres Lebens.
Deshalb hilft es, sich programmatisch, das heißt »vorsätzlich« und gezielt ans Werk zu machen und sich mit einem leicht umzusetzenden Plan die nötige Zeit zur Besinnung zu nehmen. Und zwar ohne dass dieses Vorhaben sehr viel zusätzliche Zeit kosten müsste, von der wir im Alltagsvollzug oft tatsächlich zu wenig übrig haben.
Aber gerade bei den genannten Alltagsverpflichtungen, bei unseren Sorgen und Plänen sind wir durchaus in der Lage, wie nebenbei Einsichten und Erkenntnisse zu sammeln. Ein kleiner Anstoß durch ein gezieltes Jesuswort etwa bringt uns dabei auf die richtige Spur. Prägnante Kommentare mit knappen Hintergrundinformationen sowie anregende Gedanken dazu prägen den jeweiligen Spruch ein und machen ihn zum wöchentlichen Begleiter. Dabei geht es häufig um direkte Handlungsvorschläge, wie wir für uns den Sinn und den persönlichen Nutzen eines Verses innerhalb einer Woche umsetzen können.
Manchmal reicht jedoch schon ein allgemeiner Anstoß, um über einen gegebenen Wochenvers einfach nur nachzusinnen, um ihn ohne jede weitere Anstrengung auf sich wirken zu lassen, ihn sich immer wieder in den unterschiedlichsten Situationen ins Gedächtnis zu rufen und dann gelassen zu verfolgen, wie er sich in uns fortpflanzt, welche Entwicklung er in uns nimmt. Wohlgemerkt gelassen – denn die bemühte Anstrengung ist der Feind jeden spirituellen Wachstums.
Sehr entscheidend für den persönlichen Fortschritt wird dabei die Konsequenz sein, mit der man Gedanken, Gefühle und Eindrücke einer jeweiligen Woche schriftlich festhält. Dieses Buch bietet dazu den passenden Rahmen, denn Sie finden durch das ganze Buch hindurch immer wieder Seiten mit »Raum für ihre Gedanken«, die Sie benutzen können, um Ihre Erkenntnisse festzuhalten.
Das ist besonders dann wichtig, wenn dieses Buch mit seinen 52 Wochen ein längerfristiger Begleiter sein soll, sodass wir auf frühere Einsichten immer wieder zurückkommen, gerade wenn diese in uns »gearbeitet« haben und mit einigem Abstand ein tieferes Verständnis zulassen. Sie werden dann froh sein, die ursprünglichen Gedanken noch schriftlich vor Augen zu haben.
Wenn Sie in der vorgeschlagenen Reihenfolge alle 52 Wochen durchlaufen, in die Sie unabhängig von der Jahreszeit beliebig »einsteigen« können, erhalten Sie am Ende sogar einen gewissen therapeutischen Effekt. Zumindest werden Sie damit eine interessante und tief gehende Selbsterfahrung machen. Es ist aber ebenso möglich, das Buch nach ganz eigenem Plan oder Geschmack zu verwenden und sich den Wochen unabhängig von der festgelegten Reihenfolge anzunähern.

Besinnung – und darüber hinaus
Man kann diese Übungen bei Bedarf weiter vertiefen. Dazu bieten sich zahlreiche Techniken zur Meditation, Kontemplation und Entspannung nach östlicher wie nach westlicher Tradition an. Wer zum Beispiel »Autogenes Training« beherrscht und damit einen guten Entspannungszustand erreicht, kann direkt im Anschluss an die Übung ein Jesuswort auf sich wirken lassen, indem er einfach seine Gedanken und Gefühle darauf konzentriert. Dies funktioniert auch mit jeder anderen Meditationsform bis hin zum Zen aus buddhistischer Tradition.
Doch die Hürde sollten Sie sich nicht zu hoch setzen. Besser ist es, einfach anzufangen und sich überraschen zu lassen, was passiert. Es genügt für den Anfang, sich jede Woche einen Satz aus diesem Buch vorzunehmen, ihn anhand der Kommentare und Assoziationen auf sich wirken zu lassen und während der Woche damit sozusagen »schwanger zu gehen«. Sie dürfen dann gespannt sein, welche Art von »Geburten« Sie in geistiger, seelischer wie emotionaler Hinsicht erleben. Vermutlich – bei konsequenter Anwendung – bemerken Sie schnell und mit der Zeit nachhaltig Veränderungen der persönlichen Einstellung zu Ereignissen und Vorkommnissen des alltäglichen Lebens, sodass Sie leichter, gelassener und letztlich auch erfolgreicher die Herausforderungen Woche für Woche und Tag für Tag bestehen.
So können sich die Leserinnen und Leser, die aktiv nach Erkenntnis suchen und sich von den jeweiligen Sprüchen und Sätzen jeweils eine Woche lang bewusst durch die Tage begleiten lassen, in bestimmten Situationen etwa fragen: »Was gibt mir dieser Satz jetzt in dieser Situation, wie fühle ich mich damit, wohin führt er mich, welche Entscheidungshilfen bietet er mir? Wie komme ich damit meinem eigenen Selbst, meinen Mitmenschen und Gott näher? Was ist mein persönlicher Erkenntnisgewinn aus diesem Satz in dieser Woche?« Im Rahmen der oben erwähnten Meditationsformen oder Entspannungspraktiken könnten Sie sich beispielsweise diese Fragen stellen. Gleichermaßen geeignet sind sie für eine kurze Besinnung im Auto (etwa im Stau oder an der roten Ampel), beim Einkauf im Supermarkt (in der Warteschlange an der Kasse), in der Schule sowohl als Lehrer als auch als Schüler, bei der Arbeit oder bei der Begegnung mit anderen Menschen auf der Straße, ebenso in schönen oder stressigen Situationen in Partnerschaft und Familie. Immer können die aktuellen Verse wie eine Art Filter in uns präsent sein und der jeweiligen Situation eine eigene Farbe und dadurch einen spezifischen Erkenntnisgewinn verleihen.
 
Jesus für den Alltag – in jeder Lage können wir uns durch die Wahrheit und Schönheit seiner Aussprüche anregen, inspirieren und helfen lassen.
Einen Versuch in der vorgeschlagenen Art und Weise zu unternehmen, ist es für alle wert, denen an Selbsterkenntnis und persönlichem Wachstum gelegen ist. Mit den Worten des Jesus von Nazaret und der biblischen Weisheit insgesamt kann man auch heute nichts verlieren, aber für sich persönlich viel gewinnen.

»Jesus für den Alltag«
Die 52 Wochen im Einzelnen

WOCHε 1
Keine unnötigen Sorgen!
Jesus sagt zu seinen Freunden: »Zerbrecht euch nicht den Kopf wegen morgen; der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Ihr habt genug zu tragen an der Last von heute.« Matthäus 6,34
Kommentar: Dieser Satz steht am Ende einer großen Rede von Jesus über die Sorgen, die wir täglich mit uns tragen. In idyllischen Naturbildern – etwa von den Vögeln am Himmel oder den Blumen auf dem Feld – zeigt Jesus, wie wenig Sinn es macht, sich um alles und jedes zu sorgen, was in der Zukunft liegt. Wir können es ohnehin kaum beeinflussen.
Wichtig dagegen ist es, den Augenblick zu erfassen und ganz im Hier und Jetzt zu leben. Nur in diesem schmalen Rahmen hat man die Möglichkeit, sein Leben zu überblicken und es wirksam zu gestalten. Der Nazarener macht dabei klar, dass letztlich nur Vertrauen durchs Leben trägt. Ein Vertrauen, das wir zum himmlischen Vater ebenso haben können wie die Vögel, für die gesorgt ist, ohne dass sie sich darüber Gedanken machen müssen. »Sind wir nicht viel mehr wert als alle Vögel?«, fragt Jesus.
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Anregungen: Sorge bestimmt unser Leben bis hinein in die zahlreichen Versicherungen, die wir »für alle Fälle« abschlie ßen wollen. Das kostet nicht nur Geld, sondern beeinflusst und belastet unsere Gedanken. Die innere Freiheit geht dabei verloren, wenn wir uns ständig um jedes Detail unseres Lebens kümmern und es beherrschen wollen.
Eine gewisse Vorsorge muss sein. Aber sie auf das Notwendigste zu beschränken, besonders in unseren Gedanken, macht uns freier für die positive Gestaltung unseres Lebens. Was morgen ist, wird sich von selbst ergeben. Heute haben wir genug zu tun – genießen wir den Augenblick und sehen wir zu, dass uns diese Augenblicke, die so wertvoll sind, nicht durch die Hände rieseln wie fein gemahlener Sand, der für immer verloren ist. Jede Minute unseres Lebens ist kostbar.

WOCHε 2
Auf Gewalt verzichten!
Freuen dürfen sich alle, die auf Gewalt verzichten;
denn Gott wird ihnen die ganze Erde
zum Besitz geben. Matthäus 5,5
Kommentar: Dieser Satz von Jesus ist Teil der »Seligpreisungen« am Anfang der Bergpredigt. Der Evangelist Matthäus hat diese Rede vermutlich aus einer Reihe überlieferter Aussagen von Jesus zusammengestellt (Matthäus 5-7). Wörtlich aus dem Griechischen würde man übersetzen: »Heil den Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.«
Das ist nicht nur einfach ein frommer Wunsch in Bezug auf Heil und Glück, sondern eine Zusage, ein Versprechen, dass es wirklich so sein wird. Das »Land« oder gar den »Erdkreis« erben, ist in diesem Zusammenhang ein Bild für das kommende Gottesreich und setzt die Vorstellung voraus, dass
Gott seine neue Welt tatsächlich auf dieser Erde verwirklichen will. Das Gottesreich ist aber auch immer zugleich Himmel reich und bedeutet hier, dass man für seine Sanftmut und den Verzicht auf Gewalt von Gott die ganze Anerkennung erhält – und »in sein Reich aufgenommen wird«.
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Anregungen: Gewalt ist nicht nur, wenn wir jemanden körperlich bedrängen, ihm wehtun oder ihn gar verletzen. Gewalt ist auch weit mehr als die oft diskutierte Darstellung von Mord und Totschlag im Kino oder in Computerspielen. Auch in den Krieg muss man dafür nicht erst ziehen. Oft sind unsere Herzen schon voller Gewalt, wenn wir anderen Böses wünschen, jemandem nicht verzeihen können oder mit uns selbst im Unfrieden leben.
Sanftmut ist für uns in dieser Woche das Motto. Wir nehmen uns damit vor – auch wenn es nicht immer leichtfällt oder gerade deswegen! -, uns von Zorn, Selbstvorwürfen und Rachegelüsten bewusst frei zu machen und es mit dem Satz zu versuchen: »Zahlt es ihnen mit Liebe heim.« Man wird bald merken, wie manches plötzlich leichter geht und wir mit freierem Herzen ein Stück vom Himmel erblicken.

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WOCHε 3
Licht empfangen!
Das Auge gibt dem Menschen Licht.
Wenn das Auge klar ist, dann ist der ganze Mensch
von Licht erfüllt. Matthäus 6,22
Kommentar: Wörtlich ist der erste Satz zu übersetzen: »Das Auge ist das Licht des Leibes.« Damit kann gemeint sein, dass man im Auge eines Menschen dessen Charakter erkennt, wie es in ihm aussieht. Oder aber, dass es das Auge ist, wodurch Licht in den Leib des Menschen einfällt. Mit dem griechischen soma (Leib) ist jedenfalls der ganze Mensch gemeint, nicht nur sein Körper.
In biblischer Denkweise steht immer der ungeteilte Mensch vor Gott, wenn auch in unterschiedlichen Aspekten. Daher hat auch das Auge hier einen mehr als nur organischen Sinn – es ist das Einfallstor sowohl zum Himmel wie auch zur Seele, im Auge des Menschen kreuzen sich göttliches und irdisches Licht. Nur wenn dieses Einfallstor »lauter« ist, in der Übersetzung der Guten Nachricht »klar«, ist der Mensch in seiner Gesamtheit von Gottes Licht sowohl von innen als von außen her durchdrungen.
Das Gegenteil, das Jesus im weiteren Verlauf des Verses anspricht, ist die Finsternis – diese droht, wenn das Auge »böse« ist, das heißt von Dunkelheit getrübt.
Anregungen: Schon der altgriechische Philosoph Platon lässt Sokrates sagen, das Auge sei »das Sonnenartigste von allen Organen der sinnlichen Wahrnehmung«, und der Neu-Platoniker Plotin bestätigt das in seiner Wendung vom »sonnenhaften Auge«. Aber erst Goethe hat dies mit Kenntnis unserer Bibelstelle so zusammengefasst:
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?
Nehmen wir uns für diese Woche vor, bewusst »auf Augen« – auf den Augen-Blick – zu achten. Wie etwa sehen wir uns selbst im Spiegel an?
Die Stimmung ist wohl im Verlauf des Tages unterschiedlich, je nachdem ob wir gerade aufgestanden sind oder uns am Nachmittag topfit fühlen. Wie viel Licht in unserer Seele nehmen wir durch das Auge wahr, wie viel Helligkeit lassen wir in uns hinein und wie viel kommt aus uns heraus? Auch die Augen anderer Menschen sprechen Bände – sehen wir ihnen daher gezielt, aber nicht aufdringlich in die Augen. Die Stimmung des anderen spiegelt sich darin wie in einem blanken Spiegel.
Doch es geht nicht nur um das Auge als Organ. Auch wenn wir die Augen schließen und beten oder meditieren, kann viel Licht durch uns hindurchgehen – im besten Fall das gleißende Licht des Himmels. Auch das in mystischer Sprechweise bekannte dritte Auge fällt einem dabei ein: Dieses öffnet sich und strahlt der Überlieferung nach hell auf im Moment von Erleuchtung und tiefer Erkenntnis.
Oft aber geht der Weg zum Licht durch Finsternis hindurch. Das ist die Erfahrung vieler Mystiker. Scheuen wir diese Möglichkeit nicht. Das Licht am Ende des Weges ist jeden scheinbaren »Umweg« wert.

Raum für meine Gedanken

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WOCHε 4
Auf Gegenseitigkeit!
Behandelt jeden so, wie ihr selbst von ihm behandelt
sein wollt. Lukas 6,31
Kommentar: Dieser Satz ist berühmt als eine Variante der »Goldenen Regel«. Diese stammt schon aus den Jahrhunderten vor Jesus, aus der griechischen Antike. »Worüber ihr euch erzürnt, wenn ihr es von anderen erleidet, das tut den anderen nicht an« (aus Athen). Der wesentliche Unterschied zur Version, die man beim Evangelisten Lukas wie auch bei Matthäus findet, ist, dass der zitierte Satz aus Athen negativ formuliert ist – nicht wollen, nicht tun -, wogegen Jesus die sonst nur selten anzutreffende positive Variante benutzt: Andere so behandeln, wie man es auf sich selbst gern angewandt hätte.
Die noch heute geläufige Variante in negativer Formulierung »Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu« geht vermutlich auf einen Ausspruch des chinesischen Meisters Konfuzius zurück und zeigt jedenfalls die Universalität dieser weisheitlichen Regel. Eine gerade Linie von der Goldenen Regel bei Jesus führt zum wirkmächtigen »kategorischen Imperativ« bei Immanuel Kant: »Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.«