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Inhaltsverzeichnis
 
 

EINFÜHRUNG
Vielleicht sollten Sie wissen, was für eine Art Buch Sie in Händen haben. Ich hatte nicht vor, ein Buch zu schreiben. Eigentlich wollte ich nur mit einigen Menschen sprechen, die sich für die Arbeit an und mit der Seele interessieren, denn manchmal werden die Sachen erst im Gespräch klar. Wegen der Klarheit habe ich das Gespräch gebraucht und gesucht. Es hat mich danach gedrängt, mit Herz und Kopf manches zu verstehen.
Als Psychotherapeut habe ich viele Menschen dabei begleiten dürfen, als sie sehr persönliche, äußerst intime Themen erforscht und einen Weg durch die großen und kleinen Angelegenheiten des Lebens gesucht und gefunden haben. Ihre Freuden und Enttäuschungen, Liebschaften, Geburten und Tode, das Kommen und Gehen durfte ich miterleben. Ich habe oft über die Kreativität und den Mut nur staunen können, mit dem ganz normale, durchschnittliche Menschen dem Schicksalhaften begegnen. Das sind Beispiele für das wahre Heldentum des Alltags.
Als Amerikaner, der seit vielen Jahren in Deutschland lebt, bin ich oft zutiefst von meinen deutschen Klienten berührt und erschüttert worden. Durch sie habe ich langsam erfahren, was Krieg eigentlich bedeutet und was das Zusammenbrechen einer bekannten Welt in der Seele bewirkt. Ich bin vor allem durch diese Berührungen und Erschütterungen in gewisser Weise aufgeklärt worden – und wie jeder Schüler stehe ich bei allen meinen Lehrern in der Schuld. Die ehrliche Begegnung mit dem Alltag ist meine spirituelle Praxis geworden.
Die Themen, die in diesem Buch besprochen werden, sind die Themen des Lebens. Ich habe sie nicht ausgewählt, sie sind von den Klienten an mich herangetragen worden. Fragen nach Geburt und Tod, Beziehung und Einsamkeit, Krankheit und Hoffnung. Ich wollte helfen – aber was hilft wirklich?
Die Versuchung ist manchmal groß gewesen, mich hinter »Wissenschaftlichem« zu verstecken und Antworten und Empfehlungen weiterzugeben, die in den Büchern stehen, den Klienten also zu sagen, was sie tun sollen, als wüsste ich, was für sie gut oder möglich wäre. Dieser Weg war einige Jahre ein guter Weg für mich, und manche Klienten haben auch etwas davon gehabt, nur war ich auf Dauer nicht damit zufrieden. Ich merkte in mir eine innere Unehrlichkeit, eine Stelle der Hilflosigkeit und Verzweiflung, die von schnellen Antworten und Empfehlungen überdeckt wurde: Lieber eine Autorität sein als ein hilfloser Mitmensch. Ich merkte, ich hatte Scheu, mich der mir angetragenen Fragen wirklich zu stellen, sie ganz ernst zu nehmen. Ich wollte es vermeiden zu spüren, wie ernst das Leben eigentlich ist und wie wenig ich im Grunde dazu zu sagen hatte.
Eine Frau von über 70 Jahren kam zu mir und bat um Hilfe, den Tod ihres Mannes zu verarbeiten, mit dem sie 45 Jahre verheiratet war. Ich war voll von Überzeugungen und Ideen, was sie falsch macht und wie sie es »richtig« zu machen hat – ich, der mit 35 Jahren noch nie wirklich getrauert hatte. Die Frau war sehr geduldig mit mir, sie mochte mich auch. Nach und nach fing ich an, wirklich mitzuspüren was es innerlich bedeutet, einen Lebensgefährten nach 45 gemeinsamen Jahren zu verlieren und jetzt alleine auf den eigenen Tod hin zu leben. Als ich es mir mehr erlaubt habe, in mir zu spüren, was das wirklich bedeutet, merkte ich, wie oberflächlich und eigentlich »daneben« meine Vorschläge waren. Ich fühlte Scham und Reue und sagte ihr, dass ich nicht wüsste, ob und wie ich ihr helfen könne.
Ich müsse nichts tun, war die Antwort. Es würde sehr helfen, wenn ich präsent sein und mit einem offenen Herzen versuchen könne, zu verstehen, wie es ihr geht – ohne etwas dagegen zu unternehmen. Sie sagte, sie sei zuversichtlich, dass ihr Herz den Weg finden werde, sie brauche nur Beistand. Sie hat das Schwierigste von mir verlangt: dass ich mit einem offenen Herzen spüre, was sie spürt, und dabei auf ein eingreifendes Tun verzichte. Ihr würde es helfen, wenn ich bereit und dazu fähig wäre, mir meine eigene Hilflosigkeit einzugestehen.
Es hat viele Jahre gebraucht, bevor ich das einigerma ßen beherrscht habe. Als die Frau dann starb, musste ich nichts tun – nichts dafür und nichts dagegen -, um sie einfach und rein zu lieben.
Die Arbeit mit ihr und mit anderen Menschen ist wie eine Wasserscheide in meinem Leben. Nicht ein einmaliger Wendepunkt, sondern eine Linie, die durch mein ganzes Leben läuft und zwischen zwei Möglichkeiten unterscheidet – mich mit einem »als ob« zufriedenzugeben, oder mich dem, was wirklich wirkt, in einer seelischen Nacktheit echt zu stellen. Erst hierbei ist mir wirklich bewusst geworden, was ich früher öfter gesagt hatte: Wenn man mit anderen in der Tiefe arbeiten will, muss man den Zugang zur Tiefe in sich selbst öffnen.
Manche Menschen, die eine psychotherapeutische Begleitung suchen, brauchen klare Vorschläge, Methoden und Techniken, um ihre Anliegen zu bewältigen. Sie sollen genau das bekommen und bekommen dürfen, was sie brauchen. Für solche Menschen ist der Umweg über die Vergangenheit und über eine aufdeckende Psychotherapie unnötig. Für sie sind Techniken und Methoden wie zum Beispiel Verhaltenstherapie oder Hypnotherapie angemessen. Andere Menschen brauchen aber eine andere Begleitung. Für sie stehen Methoden und Techniken nicht im Mittelpunkt, auch wenn sie gelegentlich sehr geschätzt sind. Ihre Seelen wissen, wohin sie sich entfalten wollen, und sie brauchen »nur« einen Raum, in dem sie entdecken können, was die Seele schon weiß. So wie die Seele der Frau, von der ich erzählte. Meine Vorschläge waren für diese Frau eher lästig und wirkten wie ein Übergriff.
Wir werden alle von Ereignissen getroffen, die wir nicht gewählt haben und denen wir nicht ausweichen können. An diesen Stellen sind wir nicht frei zu entscheiden, ob uns etwas widerfährt oder nicht, wir können höchstens Einfluss darauf nehmen, wie wir damit umgehen.
Die folgenden in diesem Buch versammelten Vorträge dokumentieren in erster Linie Einsichten, die Menschen auf dem Weg gefunden haben. Ich verstehe meine Aufgabe diesbezüglich eher als die eines Chronisten, der so gut er kann beschreibt, was passiert ist. Gleichzeitig zeigen sie auch den inneren Weg, den ich gegangen bin: Wie ich langsam erkannt habe, wie der Begriff Seele verständlich wird, wie er die Arbeit öffnet und erweitert, wie die Beschäftigung mit der Seele meine eigene Weltanschauung und mein eigenes Leben verändert und mir erlaubt hat, die Klienten viel besser zu verstehen.
Mir ist klar, dass vieles von dem, was ich beschreibe, nicht wirklich neu ist. Mir sind vielleicht andere Ausdrucksformen für altes Wissen eingefallen – eine persönliche Art, Bekanntes zu wiederholen. Bei der Überarbeitung der Texte ist mir auch klar geworden, was fehlt. Es gibt keine Information darüber, wie die Arbeit mit der Seele passiert. Das ist Absicht, denn der Weg, den ich kenne, geht nur mit Begleitung in Selbsterforschungsgruppen. Begleitung und Gesellschaft sind unentbehrlich. Das Zweite das mir aufgefallen ist: Die Gedanken sind oft nicht zu Ende gedacht. Das ist keine Absicht. Es zeigt nur meine Grenzen. Ich habe es so weit gebracht, wie ich kann, und mit dieser Veröffentlichung übergebe ich die weitere Entwicklung an Sie, die Leser.
Da ich meistens nicht vor einem reinen Fachpublikum vorgetragen habe, verzichtete ich auf genaue Literaturhinweise, was aber nicht bedeuten soll, dass ich meine Lehrer nicht wertschätze. Am Ende des Buchs ist eine kleine, unvollständige Literaturliste von Autoren zu finden, die meinen Weg mit geprägt haben. Ich möchte auch hier an dieser Stelle die für mich wichtigsten erwähnen:
Ich lernte die Arbeit von C. G. Jung, James Hillman, Joseph Campbell und die anderer großer Jungianer durch meine Eltern kennen. Durch Jung wurde ich schon als Jugendlicher von der Möglichkeit ergriffen, dass Psychotherapie und Spiritualität sich ergänzen könnten, dass Religion neben den belastenden Wirkungen auf die Seele auch etwas Wesentliches ist. Erst in Deutschland habe ich die Arbeit von Wolfgang Giegerich und Jutta Voss kennengelernt. Beide haben mir viel gegeben. Die Gestalttherapie Fritz Perls, Robert Resnicks und Erv Polsters hatte großen Einfluss auf meine Arbeit, vor allem kam durch sie die Einsicht, dass das Leben immer in der Gegenwart stattfindet. Von der Psychoanalyse habe ich ebenfalls viel gelernt. Unter den Analytikern sind mir Margaret Mahler, Otto Kernberg, Heinz Kohut, Donald Winnicott, Mardi Horowitz mittlerweile wie gute innere Freunde geworden. Die Hypnotherapie Milton Ericksons und die Körperarbeit Wilhelm Reichs und Mosche Feldenkrais’ waren für mich entscheidend. Die Arbeit über Trauma von Peter Levine kennenzulernen war ein wichtiger Durchbruch. Alan Schore und Ernest Rossi zeigten, wie die Erkenntnisse aus Genforschung und Neurophysiologie mit psychotherapeutischer Praxis integriert werden können. Die phänomenologisch systemische Psychotherapie von Bert Hellinger und die intensive Zusammenarbeit mit ihm haben mich im guten Sinne geprägt, auch wenn unsere Wege uns auseinander geführt haben. A. H. Almaas, dem es gelungen ist, die psychotherapeutischen und die spirituellen Traditionen als Ganzheit zu sehen und einen dementsprechenden Ansatz zu entwickeln, hat großen Einfluss auf meine Arbeit und mein Leben. Gila Rogers ist eine wichtige Mitarbeiterin und Miterforscherin. Da ich einen ständigen inneren Dialog mit ihnen allen führe, begleiten sie sämtliche Vorträge.
Erhard und Anke Doubrawa haben mich dazu angeregt, einige der Vorträge zu sammeln und sie in diesem Buch zu veröffentlichen. Ich habe große Scheu gehabt, die Vorträge aus dem Kontext, in dem sie gehalten wurden, zu nehmen und das, was frei gesprochen wurde, in Schriftform zu fassen. Ich wurde von Menschen ermutigt, die mir gesagt haben, die Vorträge haben sie berührt. Erhard und Anke haben einen Vortrag überarbeitet, um mir zu zeigen, dass es gehen könnte.
Rosi Graßl hat die Bänder gewissenhaft transkribiert. Ursula Eibl hat die Aufgabe angenommen, mein gesprochenes und sehr »individuelles« Deutsch in eine verständliche Schriftform zu bringen, ohne die Spontaneität und Herzenswirkung des Ursprünglichen zu verstellen. Aber noch wichtiger und schwieriger war es, die Stellen zu bemerken, wo etwas gefehlt hat oder überflüssig war. Wir haben darauf verzichtet, manche fremd klingenden Formulierungen vollständig »einzudeutschen« – ich bitte den Leser diese Entscheidung nicht als Missachtung der deutschen Sprache zu verstehen, sondern als eine Art Liebeserklärung an sie. Christoph Wild hat seine große Fachkompetenz, Freundschaft und Leidenschaft der Arbeit äußerst großzügig zur Verfügung gestellt. Ohne seine Unterstützung wäre nichts aus dem Projekt geworden. Constanze Potschka-Lang hat das ganze Manuskript am Schluss noch mal mit mir zusammen Wort für Wort überarbeitet. Ohne ihre Hilfe hätte ich das Projekt nicht zu Ende führen können. Hartmut Bauer danke ich für die Überarbeitung des Kapitels »Hass und Spiritualität«. Dagmar Olzog vom Kösel-Verlag hat das gesamte Projekt hervorragend begleitet. Ich habe berechtigtes Vertrauen genießen dürfen.
Alle Vorträge sind frei gehalten worden, manche sogar ohne eine schriftliche Gliederung. Sehr oft, nachdem der Vortrag vorbei war, konnte ich mich nicht mehr genau erinnern, was ich gesagt habe. Es war, als ob die Vorträge für die Menschen gekommen sind, die gerade anwesend waren. Die Rückmeldungen waren sowohl positiv als auch negativ.
Ich wollte, dass dieses Buch eine Sammlung von Vorträgen bleibt. Für den Leser bedeutet das, dass es viele Wiederholungen gibt. Manche Anekdoten kommen öfters vor, die Beschreibung des Begriffs »Seele« wird auch in mehreren Kapiteln zu finden sein. Der Vorteil dieser Wiederholungen ist, dass jeder Vortrag für sich allein steht und unabhängig von den anderen gelesen werden kann.
Der Begriff »Familienaufstellung« kommt in den Vorträgen öfter vor, und ich möchte hierzu etwas anmerken. Aufstellungen werden in einer Gruppe gemacht. Teilnehmer werden als Vertreter für wichtige Personen in einer Art Familienskulptur im Raum positioniert. Manchmal, wenn sie sorgfältig aufgestellt werden, fangen ihre Körper und ihre Seelen spontan zu reagieren an. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich, einige Stellvertreter in Aufstellungen, die ich begleitet habe, sind in der Vertretung sogar bewusstlos geworden und auf den Boden gefallen. Wir wissen eigentlich überhaupt nicht, warum dies passiert. Aber die Erfahrung zeigt, wenn wir sorgfältig mit diesen Reaktionen umgehen, können sie wichtige Hinweise geben und zu verblüffenden Lösungen für die Betroffenen führen. Sie sind auch eine wichtige Quelle der Einsicht in die »Wirklichkeit« der Seele.
Meine Frau und meine Kinder haben diese Reise in die Wirklichkeit der Seele mitgetragen. Ohne sie hätte ich ein ganz anderes Leben gelebt, und aus mir wäre ein ganz anderer geworden. Und dies gilt auch für sie. In diesem Sinne sind wir untrennbar. In diesem Sinne sind sie Mitgestalter und Mitautoren.
Wenn Sie die Einsichten hilfreich finden, die ich hier zur Sprache zu bringen versuche, gestatten Sie den Klienten und mir damit, ein wenig von dem Kostbaren, das wir bekommen haben, weiterzugeben. Dafür wären wir sehr dankbar.
Hunter Beaumont
München im Frühjahr 2008

DIE ERLÖSUNG DER VÄTER
Wenn Kinder unter Druck geraten, ihre Eltern zu retten, kann es sowohl für die Kinder als auch für die Eltern negative Auswirkungen haben. Manche erwachsenen Kinder haben einen Ausweg gefunden. Hier ist ein Versuch, diesen Weg zu beschreiben, denn Kinder sind manchmal die einzigen, die den Eltern helfen können.
 
 
Dieser Vortrag ist den Vätern gewidmet. Zum einen, weil es in der psychotherapeutischen Literatur allgemein mehr um die Mütter geht, und zum anderen weil auch ich ein ganz persönliches Interesse an diesem Thema habe – als Vater und als Sohn.
Ein Mann besucht zusammen mit seiner Frau eine Gruppe für Paare. Er fühlte sich auf eine übertriebene und unpassende Weise für seine Frau verantwortlich, was zu Schwierigkeiten in der Beziehung führte. Im Lauf der Gruppe erzählt er von seiner Beziehung zu seiner Mutter. Die Mutter sei innerlich sehr bedürftig und in der Bedürftigkeit sehr anhänglich. Als junger Mann habe er sich für seine Mutter verantwortlich gefühlt und große Schwierigkeiten gehabt, sich von ihr zu trennen. Er ist jetzt etwa Ende vierzig.
Ein Sohn, dem die Aufgabe zufällt, sich um die Mutter zu kümmern, und der eine Verantwortung für ihre innere Zufriedenheit spürt, hat den Platz ihres Mannes übernommen. In einer »gesunden« Familie ist es die Aufgabe des Vaters und nicht des Kindes, sich um die Mutter zu kümmern. So fragt der Therapeut nach dem Vater, um zu erfahren, warum der Vater seine Aufgabe nicht wahrgenommen hat. »Ach«, sagt der Mann, »mein Vater war ein Schwächling, er dachte nur an sich selbst, er war für mich nie da. Meine Mutter hat ihn herumkommandiert, und er hat ihr keine Grenze setzen können.« Der Therapeut fragt nach, was der Satz »er war für mich nie da« bedeute. »Ach«, erzählt der Mann, »er war in Kriegsgefangenschaft und danach war er viel krank.« Der Therapeut fragt weiter. »Nach dem Krieg war mein Vater sieben Jahre in Russland in Gefangenschaft und hat sich dann auch noch freiwillig angeboten, sechs Monate länger zu bleiben.« Es stellt sich heraus, dass der Vater von Beruf Pfarrer war und dass er nach diesen langen Jahren der Gefangenschaft sogar weitere sechs Monate geblieben ist, um die seelische Betreuung der Mitinhaftierten zu Ende zu führen. Der Therapeut fragt nach der Krankheit des Vaters. Fünfzehn Jahre lang litt dieser Mann an Parkinson und an den Nachwirkungen des Kriegstraumas, bis er qualvoll starb. Im Laufe dieses langen Sterbens erlebte der Sohn, wie der Vater immer mehr regredierte, immer schwächer und immer kindlicher wurde. Seine abwertende Verachtung dem Vater gegenüber lässt im Lauf der Erzählung etwas nach.
Der Therapeut bietet ihm einen Satz als Experiment an. Er könne dem Vater sagen: »Ich bin froh, dass ich nicht erleben musste, was du erlebt hast.« Als der Mann dies sagt, wird er sichtlich weicher – der Gedanke stimmt für ihn, es öffnet sich etwas in seiner Brust. Die Arbeit geht weiter. An der Stelle, wo er den todkranken Vater in der Vorstellung nicht anschauen will, sagt er plötzlich: »Ich will ihm nicht zu nah sein, falls auch ich Parkinson bekomme.« Mit Hilfe der Gruppe und des Therapeuten gelingt es ihm, den kranken Vater zum ersten Mal in seinem Leben wirklich anzuschauen, auch wenn es nur in der Vorstellung ist. Dann kann er spontan sagen: »Ich hoffe sehr, dass ich nicht erleben muss, was du erlebt hast.« Es kommen ihm die Tränen, er fühlt seinen Körper weich und offen, dann sagt er: »Ich habe nie die Stärke meines Vaters gesehen. Ich glaube nicht, dass ich es so gut hätte machen können wie er.« An diesem Punkt ist die ganze Gruppe sehr präsent, manche Teilnehmer weinen mit.
Ich erzähle diese Geschichte als typisches Beispiel dafür, was passiert, wenn Menschen anfangen, den Vater nicht mehr durch die Augen eines Kindes, sondern durch die Augen eines Erwachsenen anzuschauen. Kinder sind nicht in der Lage, die existentielle Situation, das Schicksalhafte an den Eltern, zu verstehen. Ihnen fehlt die Lebenserfahrung, um das, was die Eltern tun, einordnen zu können. Aus diesem Grund beurteilen Kinder das, was die Eltern machen, falsch. Und manchmal leben sie ein Leben lang mit einem falschen oder mindestens mit einem unvollständigen Urteil und meinen, ihre Eltern wären tatsächlich so. Wie soll ein Kind überhaupt wissen können, was für eine seelische Belastung eine siebenjährige russische Gefangenschaft wirklich ist? Und wenn das Kind es nicht wissen kann, wie soll es den Vater als Mensch erkennen können?
Auch als Eltern sehen wir unsere Kinder oft nicht. Ähnlich wie dieser Vater, erfahren viele von uns, dass wir anders mit unseren Kindern umgehen, als wir es uns vorgenommen haben. Wir tun nicht das, was wir tun wollen. Wir tun sogar manchmal genau das, was wir nicht tun wollen. Dieses Phänomen ist bereits in der Bibel, im Brief von Paulus an die Römer, beschrieben. Wir nehmen uns vor, es viel besser zu machen als die eigenen Eltern, und dann merken wir, wenn wir mit uns selbst ehrlich sind, dass wir es doch manchmal nicht viel besser machen.
Ein Mann erzählt in einer Therapiestunde, dass er wütend werde, wenn sein Sohn schlechte Noten nach Hause bringe, und mit ihm schimpfe. Und während seines Schimpfens sage er genau die Dinge, die sein Vater damals zu ihm gesagt hat. Wobei er sich vorgenommen hatte, so etwas seinem eigenen Sohn nie zu sagen. Er könne sich in diesem Moment nicht bremsen. Er schaue sogar sein Kind manchmal mit Wut oder Hass an.
Wenn wir ehrlich sind, ist das wahrscheinlich eine Erfahrung, die wir alle mindestens einmal mit unseren Kindern gemacht haben. Ich bezweifle, dass es Eltern gibt, die ihre Kinder nie mit Hass angeschaut haben – was keineswegs bedeutet, dass sie die Kinder nicht lieben.
Meine berufliche Laufbahn begann damit, dass ich in Los Angeles als Sozialarbeiter arbeitete. Unsere Aufgabe war es unter anderem, Fälle zu untersuchen, die Nachbarn als Misshandlung oder Kindesmissbrauch meldeten. Wir hatten mit Kindern zu tun, die beispielsweise bei 45 Grad Wüstentemperatur an Bäumen im Garten angekettet waren. Damals war ich jung und naiv und spürte in mir Hass auf solche Eltern. Ich dachte: »Wie können Eltern so etwas mit einem Kind machen – ich werde das nie tun.« Später, als ich selbst Kinder hatte – man wird erschöpft, die langen schlaflosen Nächte häufen sich, und man hat schlimme Impulse -, da merkte ich, der Unterschied zwischen mir und diesen Eltern ist im Grunde nur, dass ich eine viel bessere Impulskontrolle habe.
Als Eltern tun wir unseren Kindern immer auch Leid an, auch dann, wenn wir es nicht wollen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen wollen wir eigentlich alle, dass es unseren Kindern gut geht. Und wir wissen, wie gut es uns tut, wenn wir sehen, dass es ihnen dann tatsächlich gut geht, und wie sehr wir mit ihnen leiden, wenn es ihnen schlecht geht. Wenn das für uns so ist, muss es für unsere Eltern auch so gewesen sein. Das bedeutet: Die Diskrepanz zwischen dem, was wir tun und dem, was wir im Herzen eigentlich lieber täten, bleibt eine wesentliche Quelle des Leids, sowohl für die Eltern als auch für die Kinder. Das Handeln hat für beide, Eltern und Kinder, mehr Wirkung als ihre Absicht.
Die Erfahrung in der Psychotherapie bestätigt, dass es manchen Menschen gelingt, sich von den Wirkungen der Kindheitserfahrungen zu befreien, während andere ungemildert weiter darunter leiden. Es kommt oft vor, dass wir, anstatt unser Leben wirklich in Ordnung zu bringen und es uns und unseren Eltern gut gehen zu lassen, von der Wut auf unsere Eltern oder auf die Gesellschaft nicht wegkommen. »Meine Eltern haben mir nicht das gegeben, was ich brauche. Mir geht es nicht gut, weil die Gesellschaft das eine gemacht oder das andere unterlassen hat.« Ein Teil des Problems scheint mir zu sein, dass Opfer und Täter einander brauchen. Sie bilden zusammen ein System. Es gibt kein Opfer ohne Täter, es gibt keinen Täter ohne Opfer. Opfer und Täter bilden zusammen eine systemische Einheit. Solange wir uns als Opfer verstehen, brauchen wir Täter. Wenn wir uns nicht mehr als Opfer verstehen wollen, müssen wir unsere Täter freigeben.
Wenn wir als Kind unter dem durch die Eltern verursachten Schmerz leiden, erleben wir unsere mächtigen Eltern als Täter und definieren uns als Opfer in einem Opfer-Täter-System. Später, wenn wir merken, dass das Leben aus der Position des Opfers nicht unbedingt optimal ist, stehen wir dann vor dem Problem, dass wir, um unser Opfersein aufzugeben, auch die Beschuldigung unserer Eltern aufgeben müssen.
Wenn wir die Täterschaft der Eltern aufgeben wollen, müssen wir fähig sein, unsere Identifikation mit uns als Opfer und mit unserem Leiden aufzugeben. Diesen Schritt zu tun, die Identifikation mit dem Opfersein aufzugeben, ist enorm schwierig. Es bedeutet, die alte Identität aufzugeben, um eine neue Identität zu gewinnen. Dafür brauchen wir Kraft. Woher kommt sie? Wir nennen die Kraft, die uns dabei unterstützt, uns in der Welt zurechtzufinden, die Kraft des Vaters.
Was aber, wenn die Kraft des Vaters nicht gut war? Wenn er verletzt, bedroht, missbraucht hat? Es gibt Väter, die tatsächlich nicht da waren, die geistig krank oder Alkoholiker waren. Es kommt auch vor, dass Väter viel geschlagen haben, die Kinder sexuell missbraucht oder den Müttern Gewalt angetan haben. In der Psychotherapie sagen Menschen aus solchen Familien: »Er war für mich nicht da, ich spüre nicht, dass er für mich da war.« Was können sie dann machen?
Sie erleben sich in einem Teufelskreis. Sie wollen nicht mehr leiden und sich nicht mehr als Opfer erleben. Das bedeutet, das alte Gefühl, Opfer zu sein, muss aufgegeben werden, um eine neue Identität zu gewinnen. Aber, solange sie sich als Opfer erleben, können sie sich nicht ändern, denn, wenn Opfer etwas anderes hätten machen können, wären sie nicht zu Opfern geworden. Ein Opfer meint, von der Kraft des Handelns und der Selbstbestimmung abgeschnitten zu sein. Nur Täter haben die Kraft des Handelns und Bestimmens. Sie sind Täter, weil sie Tatkraft haben. Opfer sind Opfer, weil sie das Geschehen nicht bestimmen konnten.
Wer nicht mehr Opfer sein will, muss Tatkraft finden, Selbstbestimmung, Handeln. Er muss an diesem Punkt, paradoxerweise, wie sein Vater werden. Menschen, die unter ihrem Vater gelitten haben, wollen selbstverständlich nicht so werden wie er. Wenn »nicht so werden wie er« bedeutet, keine Tatkraft zu haben, bleiben sie Opfer. Um die Tatkraft des Vaters in sein Herz zu schließen, muss er wiederum bereit sein, seine Opferidentität aufzugeben und sich der Täterschaft des Vaters anzunähern. Diese Identitäten aufzugeben, sich in das dadurch entstehende Chaos zu begeben und es auszuhalten, bis man eine neue Identität findet, ist hingegen nur möglich, wenn man als innere Präsenz die Liebe und die gute Kraft des Vaters spürt.
Wie soll das gehen? Wie soll ein Kind im Nachhinein Zugang zu der guten Kraft des »Tätervaters« finden? Wir können die Tatsachen der Vergangenheit nicht auslöschen. Manchmal haben wir jedoch eine gewisse Freiheit, die Wirkungen und die Bedeutung der Tatsachen für unser Leben zu ändern. Das geht nicht immer, aber wenn jemand unter den Nachwirkungen der Vergangenheit leidet, lohnt es sich fast immer, nach solchen Möglichkeiten zu suchen.
Das Ausmaß des Schlimmen, das die Eltern anrichten, bestimmen die Kinder mit, auch wenn sie es nicht freiwillig tun und keine richtige Alternative haben. Die Schuld und die Verantwortung dafür bleiben jedoch bei den Eltern. Wenn es zu einer liebevollen Beziehung zwischen Eltern und Kindern kommen soll, dürfen die Eltern keine Entlastung von den Kindern verlangen. Trotzdem sind es die Kinder, welche die langfristigen Auswirkungen dessen, was die Eltern getan haben, bestimmen. Dadurch haben sie eine enorme Macht über die Eltern.
Ich erzähle eine hypothetische Geschichte, um das zu verdeutlichen:
Zwei Menschen haben Väter, die depressive Alkoholiker und Kartenspieler waren, sich in ihrem Leben unverantwortlich verhielten und gewalttätig mit den Kindern umgegangen sind. Dem einen Sohn gelingt es, sein Schicksal zu meistern und etwas aus seinem Leben zu machen. Auch wenn es manchmal vielleicht in seinem Leben etwas problematisch zugeht, geht es ihm gut, er heiratet, hat eine relativ gute Beziehung und bekommt selbst Kinder.
Dem anderen gelingt es nicht, im Leben zu bestehen. Er bringt es zu nichts, findet keinen Sinn im Leben und wird selbst zum Alkoholiker. Seine Kinder, wenn er überhaupt welche hat, behandelt er schlecht. Vielleicht lebt er sogar auf der Straße oder stirbt an Alkoholismus.
Der Vater des ersten Kindes hat sein Kind belastet, aber nicht beschädigt. Und wenn er sozusagen auf einer Wolke vom Jenseits auf sein Kind herunterschaut, geht es ihm vermutlich gut da oben. Der andere Vater schaut auf seiner Wolke nach unten, und es geht ihm nicht so gut, denn er merkt, dass sein Sohn und seine Enkelkinder genauso geworden sind wie er. Er hat Kind und Enkelkinder nicht nur belastet, sondern auch beschädigt. Die Nachwirkungen seines Handelns kennen kein Ende. Das aber bestimmt nicht der Vater allein, sondern auch das Kind. Der Vater trägt die Verantwortung für das, was er getan hat, und das Kind trägt die Verantwortung für das, was es daraus macht.
Dies bedeutet, Kinder haben eine gewisse Freiheit, die Väter aus deren Verstrickung zu erlösen und die Wirkung dessen, was die Väter von ihren Vätern und Großvätern übernommen und an die Kinder weitergegeben haben, zu mildern. Wenn es uns gelingt, das Negative, das zu unserer Familiensippe gehört, auf uns zu nehmen, dazu zu stehen und es vielleicht zehn Prozent zum Guten zu wenden, dann geht es uns besser. Dann geht es auch unseren Kindern besser und dann geht es unseren Eltern besser, selbst wenn sie nicht mehr leben.
In einer Gruppe erzählt eine Frau von Anfang 60, ihre Mutter sei während des Krieges von mehreren fremden Soldaten vergewaltigt worden, und sie selbst sei aus dieser Vergewaltigung entstanden. Der Mutter ging es das ganze Leben lang sehr schlecht, der Frau ebenfalls. Sie hat viel Therapie gemacht. Der Therapeut sagt zu ihr: »Wenn man dich anschaut, sieht man, dass mindestens einmal etwas Gutes aus der Triebhaftigkeit deines Vaters entstanden ist.« Der Satz ist ein indirekter Hinweis darauf, dass, wenn es diese Vergewaltigung nicht gegeben hätte, es diese Frau auch nicht gegeben hätte, unabhängig davon, wie schlimm es für die Mutter gewesen war. Die Frau hat diese Tatsache angenommen und sich etwas später innerhalb derselben Therapiewoche in einer Arbeit erneut ihrer Mutter zugewandt. Die längst verstorbene Mutter sagte in einem imaginären Gespräch sinngemäß zu ihr: »Dein Vater ist dein Vater. Es musste so geschehen. Ich würde es genauso noch einmal machen, damit es dich gibt.« So spricht das Herz von Eltern, die oft bereit sind, für ihre Kinder zu sterben. Das Herz der Frau ging kurz auf. Plötzlich wandte sich die Frau in der Vorstellung den Soldaten zu, und sie sprach ihren Vater an. »Was hat dich getrieben? Wie soll ich Freude an meinem Leben finden, wenn ich nicht in Liebe gezeugt bin, wenn meine Zeugung meiner Mutter so viel gekostet hat?« Das bittere Leid dieser Frau war so überwältigend, dass wir nach einer Lösung suchen mussten. Alle Teilnehmer der Gruppe konnten spüren, wie nötig ihre Seele es hatte, vom Vater geliebt zu werden, und wie erleichternd es für sie gewesen wäre, wenn er auch ihre Mutter geliebt hätte. Nach langem Innehalten bot ihr der Therapeut eine Übung an. Sie könne sich ihren Vater als neugeborenen Säugling vorstellen. Nach langem Zögern und nur mit Hilfe der Liebe der Mutter ist ihr dies gelungen. Völlig überrascht sagte sie: »Er ist so süß!«
Diese Frau hat letztlich zwischen zwei Begriffen von »Vater« differenzieren können: dem Zeugungsvater und dem Ziehvater. Auch wenn ihr Zeugungsvater seine Aufgabe erfüllt hat, ihr Ziehvater hat seine Aufgabe völlig versäumt. Sie hat auch entdeckt, dass lieben und geliebt werden eng miteinander verbunden sind. Wie ich später erfahren habe, ist es der Frau nach dieser Erfahrung etwas besser gegangen, aber ihr Leid war nicht ganz vorbei. Obwohl diese Arbeit keine »Wunderheilung« bewirkt hat, war sie trotzdem froh, ihren Vater für einen kurzen Moment geliebt zu haben. Sie hat auch in dem Augenblick zum ersten Mal erlebt, dass sie selbst liebesfähig ist.
Ein anderes Beispiel: In einer Therapiegruppe erzählte ein Vater von einem Gespräch mit seinem Sohn. Ihm sei klar geworden, was er seinem Sohn eigentlich angetan hat, und er wollte sich entschuldigen. Der Sohn ist der Entschuldigung ausgewichen. »Papa, schau mich doch mal an! Bin ich so ein schlechter Mensch?« »Nein, nein«, antwortet der Vater, »du bist wunderbar.« »Na ja, siehst du«, sagte der Sohn, »du kannst es doch nicht so schlecht gemacht haben, oder...?« Dem Vater fiel ein Stein vom Herzen, denn er musste zugeben, dass der Sohn recht hatte.
Manche Menschen finden, so wie dieser Sohn, diese seelische Bewegung, andere nicht. Wieso findet sie der eine und der andere nicht? Das können wir nicht genau sagen. Es bleibt weitgehend unvorhersehbar. Wir können aber beschreiben, wie die Menschen, die diese Bewegung finden, sie machen.
In der ersten Familie aus unserem hypothetischen Beispiel führt die Liebe den Sohn dazu, dass er sein Leben ganz anders als der Vater gestaltet. Der andere Sohn sagt innerlich: »Papa, ich bin wie du«, und lebt ein Leben, das dem des Vaters sehr ähnlich ist. Hier bindet die Liebe die Generationen an die Vergangenheit und schränkt ihre Entwicklungsfreiheit ein. Bei dem ersten Sohn befreit die Liebe das Potential zur Änderung und lässt die kreative Entfaltung zu. Sie verbindet die Menschen mit einer offenen Zukunft, statt mit der bleiernen Wiederholung der Vergangenheit. Sie belebt eine schöpferische Kraft, die nach Vollkommenheit strebt. Eine lösende seelische Bewegung orientiert sich an der Zukunft und wird nur bedingt durch die Vergangenheit bestimmt.
Wie die Tochter der vergewaltigten Mutter entdecken auch andere Menschen, was der Begriff »Vater« eigentlich bedeuten kann. Was unterscheidet einen Mann von einem Vater? Soweit ich es verstehen kann, bezieht sich das Wort »Vater« auf die Fortpflanzung und impliziert Kinder. Kinder machen einen Mann zum Vater. Mindestens aus biologischer Sicht ist das Wesen eines Vaters darauf ausgerichtet, dass es den Kindern gut geht. Er möchte, dass die Kinder nicht nur überleben, sondern auch gedeihen. Wenn das nicht geschieht, dann ist etwas dazwischengekommen. Manche sprechen hier von »Neurose« oder »Charakter«, aber ich finde »Verstrickung« passender, denn dieses Wort beinhaltet auch unsere sozialen und geschichtlichen Verbindungen und Verpflichtungen. Verstrickungen halten uns von unserem Wesen fern und liefern uns den schlimmen Nachwirkungen der Vergangenheit aus. Sie sorgen dafür, dass das Schlimme der Vergangenheit in der Gegenwart weiter destruktiv wirkt.
Wenn wir zwischen dem Wesen oder dem Herzen des Vaters und seiner Verstrickung unterscheiden, können wir auch zwischen unserem Vater, so wie er in seinem Schicksal geworden ist, und unserem Vater, so wie er lieber geworden wäre, wenn er ein anderes Schicksal gehabt hätte, unterscheiden. Gelingt das, können wir uns auch noch an das Wesen des Vaters wenden, wenn er schon vor längerer Zeit gestorben ist.
Die erste Geschichte, die ich erzählt habe, ist ein Beispiel dafür, wie das gehen kann. Sieben Jahre in der russischen Gefangenschaft. Dazu einige Jahre an der Front, mit allem, was dazu gehört an Schock, Auseinandersetzung mit Tod und Elend, Verlust der eigenen Unschuld. All das und noch viel mehr hat den Vater zu demjenigen gemacht, der er geworden ist. Und wer wäre er geworden, wenn er ein anderes Schicksal gehabt hätte? Und wer ist letztlich wirklich unser Vater? Nur der, der uns gezeugt hat? Nur der, der er geworden ist? Oder ist es nicht so, dass der Mensch, der er auch hätte werden können, wenn er ein anderes Leben hätte leben können, auch mein Vater ist? Denn habe ich nicht auch mein Potential zum Guten durch ihn bekommen? Und bleibt dieses Potential nicht letztlich zugänglich, auch wenn er selbst es nicht hat verwirklichen können? Diesen anderen Vater können wir finden, wenn wir ihn durch erwachsene Herzensaugen anschauen. Sobald es einem Kind gelingt, das Wesen des Vaters zu sehen, schaut es den Vater nicht mehr aus der Verstrickung, sondern aus seinem eigenen Wesen heraus an. Das Wesen des Kindes schaut das Wesen des Vaters an. Das Wesen des Einen erkennt sich im Wesen des Anderen.
In dem Moment, in dem der Mann angefangen hat zu verstehen, was »sieben Jahre in Gefangenschaft« wirklich bedeutet, ändert sich sein Bild von seinem Vater. Gleichzeitig aber ändert sich sein Selbstgefühl und auch seine Beziehung zu seinem verstorbenen Vater. Diese seelische Bewegung erlöst sowohl den Vater als auch den Mann selbst. Das können wir nachempfinden, wenn wir uns auf diesen Mann besinnen. Im Lauf der Arbeit hat sich etwas für ihn verändert. Wenn er am Ende den Vater anschaut und weinend sagt: »Ich glaube nicht, dass ich es so gut hätte machen können wie er«, hat er eine andere Beziehung zu seinem Vater als am Anfang, als er sagte: »Mein Vater war ein Schwächling.« Von diesem Moment an bestimmt nicht mehr ausschließlich die Verstrickung die Beziehung zwischen Vater und Sohn, sondern auch das, was beide lieber gelebt hätten. Darüber hinaus ändert sich das Bild der Mutter im selben Moment, denn der Mann fängt an zu ahnen, was es für eine Frau bedeutet, wenn der Ehemann, der aus dem Krieg wieder nach Hause zurückkehrt, nicht mehr der Mann ist, den sie geheiratet hat.
Woher kommt der Blick, der das Wesen eines Vaters wahrnimmt? Was erlaubt der Seele eines Kindes, die sich verschlossen hat, wieder aufzumachen?