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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Die Kindheit ist ein Land, ganz unabhängig von allem. Das einzige Land, in dem es Könige gibt. Warum in die Verbannung gehen? Warum nicht älter und reifer werden in diesem Lande?
Rainer Maria Rilke
 
 
 
 
 
 
 
Die Fähigkeit, freiwillig die umherschweifende Aufmerksamkeit immer wieder zurückzubringen, das ist die eigentliche Grundlage für Urteil, Charakter und Willen... Eine Bildung, die diese Fähigkeit verbessern könnte, wäre Bildung schlechthin.
William James

Vorwort
Als Menschen befinden wir uns in einem fortwährenden Lernprozess. Es mag daher eine der wichtigsten Aufgaben in unserem Leben sein, eine freudvolle Einstellung zum Lernen und Heranwachsen zu fördern. Achtsames Verhalten kann das erleichtern. Deshalb ist es mir eine große Freude, das Buch von Nils Altner zu unterstützen, den ich sehr schätze.
Die Einführung von Achtsamkeit in den pädagogischen Kontext gewinnt gegenwärtig in Nordamerika zunehmend an Bedeutung. Umso wichtiger ist dieses Buch, das so präzise und seelenvoll die Argumente und Methoden für die Etablierung einer achtsamen Pädagogik in Deutschland artikuliert, wo die Achtsamkeitspraxis bereits Eingang in Gesundheitswesen und Medizin gefunden hat. Inzwischen ist in Fachkreisen der Wert einer achtsamen Haltung für die Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden bei Menschen aller Altersgruppen anerkannt. Dieser Wert kann zum Teil auf die Wirkungen zurückgeführt werden, die sich in den Hirnarealen nachweisen lassen, die mit der Kultivierung von Aufmerksamkeit sowie mit der Regulation der Gefühle, vor allem auch in Stresszuständen, assoziiert sind. Kaum jemand ist heute mehr Stress ausgesetzt als die Kinder. Und es liegt zunehmende Evidenz dafür vor, dass sich die systematische Kultivierung von Achtsamkeit sehr positiv gerade auch auf die kindliche Entwicklung auswirken kann.
Im Grunde fördert der Weg Achtsamkeit den Aufbau eines freundschaftlichen Verhältnisses mit der eigenen Person. Daraus kann dann das Gefühl einer sicheren Verbundenheit mit anderen und mit der Lebenswelt erwachsen. In allen Phasen der Entwicklung ist es für Kinder, Jugendliche und Erwachsene von enormer Bedeutung, dass sie lernen, ihre eigenen inneren Dimensionen wahrnehmen, anerkennen und würdigen zu können. Das daraus entstehende Selbstvertrauen setzt jedoch direktes, unvermitteltes inneres Erleben voraus. Auf der Basis des Vertrauens in das eigene innere Erleben können Menschen jeden Alters Wege finden, sich mit Enthusiasmus und Zuversicht den sozialen, emotionalen und kognitiven Herausforderungen zu stellen, die mit dem Heranwachsen und dem Lernen in einer zunehmend stressvollen und sich beschleunigenden Gesellschaft einhergehen.
Für LehrerInnen und alle, die mit Kindern, Heranwachsenden oder in der Erwachsenenbildung arbeiten, stellt Nils Altner in diesem Buch vor, wie sie Achtsamkeit in ihrem eigenen Leben kultivieren und effektiv in pädagogischen Kontexten anwenden können. Möge das Buch seinen Weg in die Hände und Herzen all derer finden, denen authentisches Arbeiten mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ein Anliegen ist. Möge es dazu beitragen, dass sie selbst die Freude am Lernen wiederentdecken, denn eine achtsame und herzlichere Erziehung kommt Schülern, Lehrern und Eltern gleichermaßen zugute.
 
 
Professor emer. Dr. Jon Kabat-Zinn
University of Massachusetts Medical School

Immer ist jetzt
Ist es nicht ein unglaubliches Wunder, wie jeden Morgen ein neuer Tag beginnt? Im Weltraum dreht sich unser Erdteil ins Sonnenlicht und der Morgen begrüßt sich selbst mit Vogelgezwitscher und frischem, taunassen Gras. Die tagaktiven Lebewesen regen sich und die Nachtschwärmer legen sich zur Ruhe. Seit unbegreiflich langer Zeit ist das so.
Kleine Kinder staunen oft über die Welt. Sie erleben jeden Tag Neues, begegnen Dingen, Tieren und Menschen, die sie nie zuvor gesehen haben. Die Frische dieser Erstbegegnungen macht den Zauber der Kindheit aus. Und diese Frische überträgt sich auf uns Erwachsene, wenn wir uns vom Staunen berühren lassen. Jeder Moment kann dann frisch und prall und voller Wunder sein. Wer mit Kindern lebt und arbeitet, hat täglich Möglichkeiten, diese Qualität zu genießen.
Zugleich wissen wir aber auch, dass für die meisten von uns mit zunehmendem Alter die Entzauberung der Welt voranschreitet. Jede Erscheinung scheint irgendwann nur noch eine Wiederholung von oft schon Dagewesenem zu sein. Dann verliert auch der tägliche Morgen seinen Reiz und Zauber und verblasst zum Beginn einer weiteren Wiederholung langweiliger Routine und lästiger Pflichten. Langeweile, Ödnis und niedergedrückte Stimmung breiten sich da aus, wo vorher lebendige Begeisterung jeden neuen Tag zum Entdeckungsfest machten.
Dabei ist die Fähigkeit zur Gegenwärtigkeit ein Geschenk der Kinderzeit, das wir uns bis ins hohe Erwachsenenalter erhalten können. Das Geheimnis der Beibehaltung dieses Schatzes liegt in der Kultivierung unserer Fähigkeit zur Anwesenheit im gegenwärtigen Moment. Wer seine Aufmerksamkeit auf diesen Moment jetzt und hier richtet und die Sinne hier und jetzt der Welt öffnet, wird vom Zauber der Gegenwärtigkeit so erfüllt, dass kaum Kapazität für Langweile oder schlechte Laune übrig bleiben wird. Dieses Im-Moment-anwesend-sein-Können birgt den Schlüssel zum Glück und ist die Basis für lebenslanges freudvolles Lernen und schöpferisches Tun.
 
Im Text werde ich immer wieder zu Experimenten mit dem gegenwärtigen Moment einladen und dabei die direkte Du-Ansprache verwenden. Diese Experimente sind grafisch abgehoben. Damit möchte ich zum spielerischen Ausprobieren und Erleben einladen. Auf diesem Weg gründen wir unser gemeinsames Lernabenteuer nicht nur auf Worte und Konzepte, sondern auch auf persönliche Erlebnisse und Erfahrungen. Einige dieser Experimente eignen sich zum direkten Einbeziehen in den Unterricht oder in das Spiel mit Kindern. Andere sind Einladungen, bestimmte Aspekte unseres Lebens in den Fokus der Aufmerksamkeit zu nehmen, vor allem unsere Beziehungen zu den Kindern und die Art und Weise, wie wir Lernsituationen für und mit Kindern gestalten. Die Einladung dabei ist, zu erleben, wie aus einer achtsamen Präsenz heraus die Fähigkeit erwachsen kann, selbst Freude an lebendigem und bedeutsamem Lernen und Lehren zu kultivieren und freudvolles Lernen zu ermöglichen.
Nils Altner

DAS GANZE
Lernen, Achtsamkeit und die Kreise des Lebens
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Die verlorene Freude am Lernen

Wie kommt es, dass aus neugierigen, offenen Kindern, die voller Lust am Entdecken und Lernen sind, gelangweilte und missmutige SchülerInnen werden? Wie kann es sein, dass in unserem Land jedes Jahr an die 80.000 Jugendliche die Schulen ohne Abschluss verlassen und dass etwa 140.000 Schülerinnen und Schüler zwar Abschlüsse erhalten, aber nur unzureichend lesen und schreiben können?1 Warum sind »unsere Universitäten und Schulen... zutiefst bedroht von der Gleichgültigkeit gegenüber den dort behandelten Inhalten«?2 Was bleibt uns zu tun, wenn folgende Aussage des Freiburger Psychiaters Joachim Bauer stimmt: »Das Problem der Schule liegt... in der Unmöglichkeit, im Unterricht eine Situation herzustellen, die Lernen möglich macht und begünstigt«?3 Welche Hoffnung können wir haben, wenn sich, wie Bauer in seiner Freiburger Schulstudie feststellte, ein Großteil der »Lehrerinnen und Lehrer... in einer durch hohe Verausgabung, Erschöpfung und Resignation gekennzeichneten Situation, d.h. in einer Burnout-Konstellation« befinden? Wie ist es zu erklären, dass viele Eltern kaum Zeit mit ihren Kindern verbringen und oft nur für wenige Minuten am Tag mit ihnen sprechen?4 Haben wir uns nichts zu sagen? Warum wollen wir nicht herausfinden, wie unsere Kinder die Welt erleben? Warum haben wir Erwachsenen so wenig Interesse an unseren Kindern und warum verlieren so viele Kinder im Laufe ihrer Schulzeit das Interesse am Fragen und Lernen?
 
 
Interesse und Lernfreude wachsen, wenn wir als Lernende in die Auswahl der Themen einbezogen werden und wenn Lernen mit konkret-sinnlichen Erfahrungen verbunden ist. Das wissen wir aus eigener Erfahrung. Auch die pädagogische Forschung weiß seit wenigstens 100 Jahren darum und dennoch folgt die Unterrichtspraxis der meisten Regelschulen noch immer den restriktiven Grundsätzen des 19. Jahrhunderts. Um freudvoll zu lernen, möchten wir spannende Projekte verfolgen, verschiedene Lösungswege ausprobieren, die auch einmal nicht zum vorher bestimmten Ziel führen dürfen. Dabei ist es schön und bereichernd, gemeinsam mit anderen auf Entdeckung zu gehen. Wenn wir ein spannendes Projekt verfolgen, vergessen wir dabei die Zeit, so begeistert sind wir von unserem Tun. Diesen Prozess nach einer dreiviertel Stunde auf ein Klingelzeichen hin zu unterbrechen, um kurz darauf mit einem neuen Thema von vorn zu beginnen, scheint absolut widersinnig.
Interesse an der Welt zu wecken und zu fördern, gehört zu den wichtigsten Aufgaben von Lehrern und Eltern. Doch besonders in Deutschland scheinen die Lerninstitutionen wider besseres Wissen oft genau vom Gegenteil geprägt zu sein. So werden Kinder weiterhin jahrelang mit Themen konfrontiert, ohne dass Verbindungen zu ihrem eigenen Leben und ihren Interessen geschaffen werden. Lehren und Lernen beschränkt sich dabei fast ausschließlich auf sprachlich rationale und logisch mathematische Fähigkeiten. Die anderen Fähigkeiten, wie die musikalisch rhythmische, die bildlich räumliche, die auf Körpergefühl und Bewegung bezogene oder auch emotionale und zwischenmenschliche Fähigkeit, werden nicht oder kaum angesprochen und geschult. Spätestens seit Howard Gardner, der Psychologie an der Harvard University lehrt, seine Untersuchungen zur Vielfalt der menschlichen Intelligenzen und Begabungen veröffentlichte, wissen wir, dass eine solch einseitig sprachlichrationale Bildung vielen Menschen nicht entspricht.5 Doch selbst bei den Fähigkeiten, die in der Schule angesprochen und entwickelt werden, scheint die Struktur des Unterrichts darauf angelegt, die eigenen Interessen und die Kreativität der Lernenden und auch die der Lehrenden zu beschneiden oder ganz zu verhindern. Dabei kommt keine Freude auf. Der entstehende Frust muss sich entweder in dauernden gegenseitigen Sticheleien äußern, in Aggressivität entladen oder zu Rückzug und Depression führen. Und das trifft sowohl auf die Schüler als auch auf die Lehrer zu. Wer die oft unerfreuliche Stimmung in den Lehrerzimmern kennt, wird das bestätigen können.
Zu erklären ist dieser Missstand wirklich nur mit Kalkül. Was steckt dahinter, dass die Schulen so offensichtlich das Gegenteil von dem tun, was sie vorgeben erreichen, zu wollen? In der Vergangenheit war das durchaus sinnvoll. Im 17., 18. und 19. Jahrhundert und auch noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden von der Mehrzahl der Bevölkerung genau die Fähigkeiten erwartet, die unsere Schulen heute noch heimlich fördern: beschränkte eigene Interessen, geistige Abhängigkeit von vorgegebenen Meinungen und geringe Ambitionen für die Umsetzung eigener Ideen. Nur so »funktionierten« die Millionen von ArbeiterInnen und Angestellten in Industrie, Landwirtschaft, Verwaltung und Behörden. Sie taten, was sie sollten, ohne die ihnen vorgegebenen Arbeitsabläufe durch allzu viele eigene Ideen und Impulse zu stören.
Die Aufgabe der Schulen war es, diese bestehende »Ordnung« zu sichern. Nur ist diese von außen vorgegebene Ordnung im 21. Jahrhundert immer weniger vorhanden und gefragt. Die Arbeiterinnen und Arbeiter an den Fließbändern in den Fabriken werden zunehmend von automatisierten Fertigungsanlagen oder von KollegInnen in Asien und Osteuropa ersetzt, die sich zurzeit noch mit einem Bruchteil des hiesigen Lohnes zufriedengeben. Auch Verwaltungsaufgaben werden zunehmend computerisiert. Ob wir wollen oder nicht, das Arbeitsbild, das durch möglichst fehlerfreies Abarbeiten vorgegebener Routinen bestimmt ist, stirbt aus. Und das ist auch gut so, weil wir damit alle herausgefordert sind, schöpferisch tätig zu werden. Der Philosoph Frithjof Bergmann gründet seine visionäre Vorstellung von der »Neuen Arbeit« ganz in diesem Sinne auf der Befähigung der Menschen zu wissen und umzusetzen, was sie im Leben »wirklich, wirklich wollen«.6 Problematisch ist, dass wir aber in unseren Schulen noch immer versuchen, junge Menschen auf jenes beinahe ausgestorbene Arbeitsleben vorzubereiten, indem wir ihre Kreativität und ihre eigenen Impulse einschränken oder ganz zu unterdrücken versuchen. Es spricht für die Lebendigkeit der Kinder und Jugendlichen und für ihr gutes Gespür für die Wirklichkeit, wenn sie sich das nicht gefallen lassen.
Die im 45-Minutentakt mit Klingelzeichen unterbrochene Vermittlung von Lerninhalten, das rein sprachlich-kognitiv angelegte Pauken ohne Bezug zu Neugier, den Interessen und Fähigkeiten der Kinder und Lehrer verhindern selbstbestimmtes Lernen.
Es ist traurig, aber wahr: Die Erfahrungen während der Schulzeit haben bei vielen Erwachsenen ihr natürliches Interesse an der Welt und aneinander begraben und die Freude am Lernen verschüttet. Dazu beigetragen haben verletzte, verhärtete oder erschöpfte Lehrer, die uns abwerteten und blamierten; Lehrpläne, in denen kein Raum war für Bezüge des Lernstoffs zu unserem wirklichen Leben taten ihr Übriges ebenso wie Lehrmethoden, die darauf abzielten, unsere Interessen, Ideen und Bedürfnisse klein zu halten. Die gute Nachricht lautet jedoch, dass wir jederzeit die Möglichkeit haben, in unserem Inneren zu Archäologen in eigener Sache zu werden, um das Begrabene und Verschüttete wieder ans Licht zu bringen. Unser Leben mit Kindern kann dafür wichtige Impulse geben.
Mit jedem Kind, das in unser Leben tritt, erhalten wir eine neue wunderbare Chance zum Wiederentdecken unserer verlorenen Freude am Lernen. Und wenn wir diese Freude für uns selbst kultivieren, wird es uns ein Bedürfnis sein, für unsere Kinder zu Hause, im Kindergarten und in der Schule Lernbedingungen zu gestalten, die ihre Freude am Lernen respektieren, erhalten und fördern.
Dabei können wir uns an den Menschen orientieren, die uns selbst beim freudvollen Lernen unterstützt haben.
MENSCHEN,DIE GUTTUN
Vielleicht magst du in einem Gedankenexperiment im Schatz deiner Erinnerungen nachschauen, ob du in deiner Kindheit das Glück hattest, Erwachsene um dich zu haben, die dich in deiner Entdeckerfreude und deinem Lernen bestätigt und gefördert haben.
 
 
Wer hat dir das Gefühl vermittelt, dass deine Interessen wichtig und spannend waren?
Wer hat mit dir die Welt entdeckt?
Wer hat deine Fragen ernst genommen und beantwortet?
Wer hat dir als Kind ehrlich und von Herzen Fragen gestellt?
Wie hieß diese Person? Welche Eigenschaften hatte sie?
Was an ihr hat dir gefallen und gutgetan?
Wie hat sie deine Interessen unterstützt und gefördert?
Kannst du sagen, warum dies so positiv für dich war?
 
 
Vielleicht hast du Mittel und Wege, wie du heute diesen Schatz an Kinder in deinem Leben weitergeben kannst?
Viele Lehrer, Lehrerinnen und Eltern engagieren sich bereits für fördernde Lernbedingungen. Vielleicht ist unsere Zeit heute die Phase in der Menschheitsgeschichte, in der der Anteil von Erwachsenen, die den Kindern wirklich zugewandt sind, am größten ist. Wir verfügen über einen kostbaren Schatz an persönlichen und kollektiven Erfahrungen und an wissenschaftlichen Erkenntnissen darüber, was freudvolles und bedeutsames Lernen ermöglicht. Wir wissen, dass vor allem die Fähigkeit zur Gestaltung herzlicher, verantwortlicher und bedeutsamer Beziehungen zu unseren wichtigsten Fähigkeiten gehört, wenn es darum geht, Kinder bei einem Leben und Lernen zu unterstützen, das ihre Anlagen fördert und entwickeln hilft.
Auch wenn wir selbst als Kinder wenig Herzlichkeit und Zuwendung erfahren haben, können wir die Fähigkeit erlernen, unsere Beziehungen zu Kindern so zu gestalten, wie sie uns als Kindern gutgetan hätten.

Selbstfürsorge und die Kraft der Gestaltung

Gerade in pädagogischen Berufen entstehen im Spannungsfeld aus persönlichem Engagement, den oft restriktiven und veralteten Strukturen und den herausfordernden zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen gesundheitsschädigende Belastungen. Um trotzdem über Jahrzehnte freudvoll, leistungsfähig und gesund zu bleiben, bedarf es der Fähigkeiten von Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge. Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, aber auch alle anderen, die mit Kindern leben und arbeiten, sind eingeladen, für sich zu entdecken und auszuprobieren, wie sie den Alltag mit den Heranwachsenden zum Wohle der Kinder und auch zum eigenen Wohl gestalten können. Um wissen zu können, welche Entscheidungen dabei allen Beteiligten helfen und welche nicht, ist unsere Fähigkeit zur Einfühlung gefragt; Einfühlung in uns selbst und in die Menschen um uns. Die Grundlage des Einfühlungsvermögens bildet das achtsame Gewahrsein, bei dem wir unsere Aufmerksamkeit ganz dem gegenwärtigen Moment widmen.
Die Beschäftigung mit Achtsamkeit erfreut sich seit einigen Jahren wachsenden Interesses in der Verhaltensmedizin sowie bei PsychologInnen und PädagogInnen. Damit geht auch eine zunehmende Beschäftigung mit buddhistischem Gedankengut einher. In buddhistischen Traditionen wird die Kultivierung einer achtsamen Haltung als wichtige Voraussetzung für die spirituelle Entwicklung gelehrt. Zu diesem Zweck wurde über die Jahrhunderte eine Vielzahl von inneren Übungen und Wegen entwickelt, die uns heute zum Teil auch als Nicht-Buddhisten zur Verfügung stehen und die bereits in vielen therapeutischen Kontexten unterrichtet werden, z.B. für Menschen mit chronischen Schmerzen, mit Angst- und Panikstörungen oder mit Depressionen.7 Das Wiedererlernen einer kindlichen Offenheit und freundlichen Zugewandtheit zu sich selbst und zur Welt steht dabei im Mittelpunkt des therapeutischen Interesses.
 
 
Buddhistische Lehrer weisen gern auf die Bedeutsamkeit des »Anfängergeistes« hin. Aus buddhistischer Sicht hält dieser mehr Möglichkeiten des Erlebens, Begreifens und Handelns offen als der spezialisierte Geist des Experten, der so festgelegt und ver-schult ist, dass er nur einige wenige Optionen kennt.8 Auch in der christlichen Tradition finden sich Hinweise auf die Bedeutsamkeit einer Haltung, die der kindlich offenen Unbeschwertheit ähnelt. So sagt Jesus bekanntlich zu seinen Jüngern: »Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr das Himmelreich nicht empfangen.« (Matth. 18, 3). Doch ist ein Zurück im Prozess der persönlichen Entwicklung wirklich möglich und wünschenswert? Wollen wir als Erwachsene wirklich wieder wie Kinder werden? Oder geht es in diesem Gleichnis vielleicht vielmehr um die bewusste Wiedererweckung wichtiger, aber vergessener oder verlernter Haltungen und Fähigkeiten, die uns als Kindern natürlicherweise zur Verfügung gestanden haben? Welche Haltungen und Fähigkeiten könnten das sein? Nach welchem Bild können wir uns richten? Bleiben wir bei der Bibel. In der Schöpfungsgeschichte (Gen. 1, 27) heißt es: »Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn«. Was kann dieses »Schöpfen nach seinem Bilde« für uns heute bedeuten? Die zentrale Qualität Gottes in dieser Geschichte ist seine Schöpferkraft. Die Aussage lässt sich also so verstehen, dass es die kreativen und gestaltenden Kräfte sind, die wir mit dem Göttlichen gemein haben. Und vielleicht sind es auch genau diese Schöpferkräfte, die wir in uns wecken, wenn wir auf neuer, weil bewusster Stufe kindliche Qualitäten in uns wachrufen und kultivieren.

Achtsamkeit

Von Achtsamkeit ist schon die Rede gewesen. Was aber beinhaltet dieser Begriff genau?
Eine zentrale Qualität der achtsamen Haltung spüren wir, wenn wir heraustreten aus unseren gewohnten Mustern des Wahrnehmens, Fühlens, Denkens und Handelns. So kann z.B. das Reisen in unbekannte Gegenden Anlass für solch ein frisches, weil ungewohntes Erleben sein.
FRISCHE MOMENTE
Vielleicht kennst du eine solche Erfahrung von Frische und vertrauter Neuheit von eigenen Reisen oder auch von dem Moment, wenn du deine Wohnung nach einer längeren Reise wieder betrittst.
Wie erlebst du solche Momente?
Was genau unterscheidet sie von anderen Erlebnissen?
Gegenwärtigkeit ist ein Wort, das die besondere Qualität solcher Momente ausdrückt. Das Konzept der Achtsamkeit beinhaltet aber noch mehr. Eine Geschichte kann uns weitere Aspekte erschließen helfen. Stellen wir uns folgende Situation vor:
Ein Samurai begegnet einem alten, leicht gebeugten und etwas abgerissen aussehenden buddhistischen Mönch. Der Samurai ist ein stolzer und selbstbewusster Krieger, der im Dienste des Kaisers von Japan steht. Der Mönch ist ein betagter weiser Mann, der jedoch als Bettler lebt, alte, geflickte Kleider trägt und von außen betrachtet weit weniger stolz daherkommt als der tapfere Krieger. Nun fordert der Samurai den Alten mit lauter Stimme auf, ihm den Unterschied zwischen Himmel und Hölle zu erklären. Der angesprochene Mönch erwidert: »Du bist nichts als ein Flegel. Mit Leuten wie dir vergeude ich nicht meine Zeit.« Erbost und ohne Zögern zieht der gekränkte Samurai mit sicherer Hand sein sehr scharfes und kampferprobtes Schwert, um den frechen Bettler auf der Stelle zu enthaupten. »Das«, sagt der Mönch ruhig, »ist die Hölle«. Verblüfft ob der tiefen Erkenntnis über die Kraft der Wut, die ihn soeben übermannt hatte, steckt der Samurai sein Schwert mit oft geübtem Handgriff in die Scheide und dankt dem Meister mit einer Verbeugung für die erlangte Einsicht. »Und das, mein Lieber«, sagt dieser darauf, »ist der Himmel«.
RESONANZ-RAUM
Wenn es für dich passt, nimm dir einen Moment Zeit, um diese Geschichte in dir nachklingen zu lassen.
Vielleicht schließt du die Augen und lauschst dieser Begegnung nach.
Wie fühlt sich dein Körper an?
Empfindest du ein Gefühl oder eine Stimmung, die du beschreiben kannst?
Kommen dir Gedanken oder Fragen, die sich formulieren lassen?
Mach dir Notizen, wenn du willst.
Für mich wird in dieser Episode der Kern des Konzeptes der Achtsamkeit deutlich. Es geht dabei um das Gewahrwerden des eigenen Da-Seins im gegenwärtigen Moment. Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken treten in den Fokus der Aufmerksamkeit. Der Samurai spürt seine momentane Wut und die damit verbundene Körperspannung. Dank der Unterstützung durch den Lehrer nimmt er bewusst seine Gefühle, Gedanken und seine automatische aggressive Reaktion im Moment ihres Entstehens wahr. Was geschieht damit? Im Moment, da er sie wahrnimmt, verändern sie sich. Das Bewusstsein dessen, was sonst zwar nicht unbemerkt, aber doch ohne bewusste, vom Handeln losgelöste Betrachtung geschieht, dieses Bewusstsein hat transformierende Kraft und kann im Handumdrehen die Hölle in den Himmel verwandeln.
 
 
Wie kann das sein? Ist es wirklich nur das reine Gewahrsein, das todbringende Aggression in hochachtungsvolle Dankbarkeit verwandelt? Sicher nicht. Es ist die Haltung, aus der heraus wir uns der aktuellen Wirklichkeit gewahr sind, die das Potenzial für die Verwandlung weckt. Ist diese geistige Haltung, in der unser Bewusstsein alle Wahrnehmungen empfängt, von nicht abwertender, liebevoll-begleitender Zuwendung und Achtung bestimmt, kann alles, was in den Raum der Aufmerksamkeit tritt, mit Offenheit und freundlich-interessierter Gelassenheit akzeptiert werden. So empfehlen es die Weisheitslehrer.
Alle Körperempfindungen, Sinneseindrücke, Gefühle und Gedanken mögen wir, so lautet ihre Empfehlung weiter, als sich ständig wandelnde Erscheinungen der Wirklichkeit begrüßen. Das ist das Ziel, der Weg und in gewisser Weise auch die Voraussetzung für achtsames Gewahrsein. Auch die eigenen Gefühls-, Denk- und Handlungsgewohnheiten werden dann mit dieser Offenheit wahrgenommen, jedoch ohne dass dabei dem Impuls zur konditionierten, quasi automatischen Reaktion nachgegeben wird. Der Mönch verspürt vermutlich den instinktiven Impuls, sich abzuwenden oder sich zu ducken, als er die Hand des Samurai zum Schwert greifen sieht. Da er seine Aufmerksamkeit, Selbstwahrnehmung und Reaktionsweise in Jahren der Schulung kultiviert hat, kann er sich in diesem für die Weitergabe der Lehre so günstigen Moment aber anders entscheiden. Er lässt einen Raum zwischen der Wahrnehmung der Gefahr und seiner Reaktion entstehen. In diesem Raum trifft der Mönch eine bewusste Entscheidung. Er schlüpft nicht in die Rolle des Opfers, sondern er bleibt in der Rolle des Lehrers. »Das ist die Hölle«, sagt er. Der beleidigte Samurai, der bislang nicht anders konnte, als seine gekränkte Ehre automatisch und blitzschnell mit einem Gegenangriff zu verteidigen, wird sich dadurch seiner Abhängigkeit von diesem gewohnten, destruktiven und zuweilen unsinnigen Reaktionsmuster bewusst. Dabei ist es die achtsame Haltung des Mönchs, die dem Krieger diese Befreiung ermöglicht. Der Erkenntnisraum öffnet sich für ihn dadurch, dass der Mönch selbst nicht auf die Bedrohung reagiert. Er zieht sich weder zurück, noch verteidigt er sich, sondern er begleitet und reflektiert diese für ihn potenziell tödliche Situation achtsam. Das heißt, er bleibt gelassen, zugewandt und kommuniziert das, was geschieht, obwohl er dabei gut und gerne seinen Kopf verlieren könnte und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Doch damit nicht genug, als sich der Samurai, von der Erkenntnis ergriffen, dankbar verneigt, bestätigt und bekräftigt der Lehrer diesen Entwicklungsschritt seines Schülers. »Und das, mein Lieber ist der Himmel«.
In der Haltung der Achtsamkeit richtet sich der Fokus unserer Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment. Unser Bewusstsein wird der Empfindungen aus der Umgebung sowie der eigenen Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken gewahr. Gelassen und freundlich akzeptierend schenken wir diesen Wahrnehmungen Aufmerksamkeit und lassen sie dann sein, indem wir den Fokus der Aufmerksamkeit sich wieder öffnen lassen für das Erleben des nächsten Moments.

Wege in die achtsame Gegenwär tigkeit

Verschiedene Schulen der Persönlichkeitsentwicklung haben Methoden erarbeitet, die helfen, eine achtsame Haltung gezielt zu entwickeln. Zu den überlieferten zählen buddhistische Meditationsformen, aber auch der hinduistische Yoga, das daoistische Qigong sowie Formen der muslimischen, kabbalistischen und der christlichen Meditation und Kontemplation. Jede der großen Religionen hat ihre Methode beigesteuert. Allen ist die Fokussierung der Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Moment, das Halten der Konzentration über eine gewisse Zeit und eine nicht abwertende, wahrnehmende und offen-akzeptierende Geisteshaltung gemein. Achtsamkeit wird dabei oft in Verbindung mit regelhaften Bewegungen praktiziert wie beim Tanz der Sufis, bei rituellen Verbeugungen oder im Qigong und Taijiquan. Alle Achtsamkeitsmethoden führen das Bewusstsein in den Zustand der Gegenwärtigkeit, in dem die Sinneseindrücke, die Emotionen und Gedanken bewusst wahrgenommen und akzeptiert werden können.
Achtsame Gegenwärtigkeit lässt sich aber auch in alltäglichen Handlungen wie beim Gehen, Zähneputzen, Duschen oder beim Warten an der Verkehrsampel praktizieren. Werden die Qualitäten dieser Haltung in den Alltag integriert, haben sie das Potenzial, das Verhältnis einer Person zu sich selbst, zu ihren Mitmenschen und zu ihrer Lebenswelt zu formen. Unabhängig von Methode und Ort – immer schließt die Praxis der Achtsamkeit die Anwesenheit der Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Augenblick ein. Das Erleben im Hier und Jetzt ist entscheidend. Dabei ist das direkt sinnliche Wahrnehmen, das unmittelbare Er-Leben gefragt. Erinnerungen, Vorstellungen, Konzepte, Gefühle, Werturteile und Meinungen werden dabei als mentale Erscheinungen zur Kenntnis genommen, die zwar Interpretationen der Wirklichkeit darstellen, jedoch nicht mit ihr identisch sind. Wird dabei das Abschweifen der Aufmerksamkeit vom gegenwärtigen Augenblick in Gedanken und Vorstellungen hinein bemerkt, können Atem und Körper, die immer im Jetzt existieren, als Fokus der Aufmerksamkeit dienen. Diese Zentrierung nach innen ist allerdings nicht als Flucht vor der Welt gemeint. Achtsames Selbstgewahrsein ist vielmehr als Voraussetzung für und zugleich als Ausübung von Selbstwertschätzung und Verantwortlichkeit zu verstehen. Und wer Verantwortung für sich selbst übernimmt, wird wahrscheinlich auch nach außen in einer verantwortlichen Art und Weise handeln können.
NEUE WEGE GEHEN
Eine einfache und wirkungsvolle Methode, um die eigene Aufmerksamkeit aus Routineabläufen zu befreien und frisch zu halten, besteht darin, öfter, wenigstens einmal im Monat, einen ungewohnten Weg zu gehen oder zu fahren.
Aus Gewohnheit tendieren wir dazu, im Alltag immer die gleichen Wege zu benutzen.
Dabei reduziert sich unsere Wahrnehmung auf die gröbsten Reize.
Wir bewegen uns dann wie von einem Autopiloten gesteuert.
Unbekannte Wege dagegen regen unsere Aufmerksamkeit zu einer wachen und frischen Wahrnehmung an.
 
 
Was begegnet dir, wenn du neue Wege gehst?
Was nimmst du auf dem Weg wahr? Welche Details fallen dir auf?
Hast du ein Gefühl für die andere Qualität deiner Wahrnehmung?
Wie bewegst du dich in dem neuen Umfeld?
Spürst du Unterschiede?
Wenn ja, welche nimmst du wahr und wo?
Fühlt sich dein Körper anders an? Wo und Wie?
Gibt es neue Empfindungen und Gedanken?
Spüre genauso wach und interessiert, wie du nach außen schaust, in dich und deinen Körper hinein.
Sammle deine Erfahrungen von frischer Wahrnehmung auf diesen neuen Wegen und experimentiere dann damit, wie du sie auch auf bekannten Wegen erwecken kannst.
Schau, ob du Unterschiede feststellst, wenn du dich in einer Stadtumgebung oder in der Natur bewegst.
Kleine Kinder entdecken ihre Welt mit der gleichen frischen und in der Gegenwart präsenten Aufmerksamkeit, wie wir sie in unbekannten Gefilden erleben. Dabei erweitern sie den Radius ihrer Entdeckungen Schritt für Schritt. Wir Erwachsenen können die Kinder dabei begleiten und ihnen Entdeckungsräume eröffnen. Wenn wir unser Leben mit den Kindern als eine Entdeckungsreise verstehen und uns dabei vom kindlichen Entdeckergeist inspirieren lassen, kann das dazu beitragen, dass wir unser ganzes Leben wie eine wundersame Reise leben, auf der es unendlich viel zu erleben und entdecken gibt.
Eine der schönsten Möglichkeiten zur achtsamen Entdeckung der Wunder des Lebens ist das Sitzen in Stille. Dabei begibt man sich auf anfangs bekannt erscheinende Wege, die, je genauer wir sie spüren und wahrnehmen, immer interessanter und voller Entdeckungsmöglichkeiten werden. Wenn Sie das Experiment interessiert, dann planen Sie am besten für drei Tage hintereinander jeweils 20 Minuten Zeit dafür ein: