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Inhaltsverzeichnis
 
 

Lea und Fritz – Eindrücke aus Hirzenach
Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.
Joseph von Eichendorff
Es ist einer dieser warmen Frühlingstage, die einen glauben machen, der Sommer hätte schon begonnen. Ich sitze im Regionalexpress von Koblenz nach Mainz. Neben mir hockt Manni, den ich am Gleis 5 Nord im Koblenzer Hauptbahnhof kennengelernt habe. Er sieht etwas abgewrackt aus. Unter seinem Schlapphut fällt in verfilzten Strähnen graues Haar bis auf die Schultern; seine Schuhe haben schon viele Wege beschritten; in einer Plastiktüte, die er außer einem schlaffen Rucksack als Reisegepäck mit sich führt, klirren Flaschen. Da er wie ich nach Hirzenach will, haben wir beschlossen, gemeinsam zu fahren.
»Ich bin ein Tippelbruder«, bekannte er freimütig, als wir es uns im Zug bequem gemacht hatten. »Einer von der aussterbenden Art«, fügte er hinzu: »Schon seit dreißig Jahren auf Achse. Von Nord nach Süd, von Ost nach West. Es gibt doch kaum noch echte Landstreicher! Die heutigen Penner hängen bloß in einer einzigen Stadt rum.«
Jetzt öffnet er eine Flasche Bier und bietet mir auch eine an.
»Ich trinke gerne Bier, aber nur abends«, lehne ich ab. Mit Mineralwasser kann Manni leider nicht dienen, aber er teilt brüderlich ein belegtes Brötchen mit mir, das er in einer Koblenzer Bäckerei »abgestaubt« hat.
»Besuchen Sie jemanden in Hirzenach?«, frage ich ihn.
»Ja, den Pater Köster, der ist ein Freund von mir! Den besuche ich einmal im Jahr.«
»Ich will auch zu Pater Köster. Und zu Schwester Lea. Wir drei schreiben ein Buch zusammen. Es soll zu Leas siebzigstem Geburtstag im Februar erscheinen.«
»Herzlichen Glückwunsch!«, gratuliert Manni schon mal und prostet mir zu.
Hirzenach bei Boppard am Mittelrhein liegt in einer so berückend schönen Landschaft mit Weinbergen, Schlössern und Burgen, dass die UNESCO sie 2002 zum Welterbe kürte. Touristen wussten dies schon vorher zu schätzen. Vor allem sogenannte Klubreisende, die sich auf Weinfesten betrinken und anschließend singend durch die romantischen Gassen von Boppard, Sankt Goar und Bingen wanken. Vom Tourismus bleibt Hirzenach weitgehend verschont, nicht nur vom lauten, auch vom leisen, weil über die Gleise auf dem Damm neben der Rheinstraße unentwegt Züge rattern. Was die Stille in diesem beschaulichen Ort – über tausend Jahre alt – empfindlich stört.
Manni und ich sind die einzigen Fahrgäste, die am Bahnhaltepunkt aussteigen. Hummeln summen in Hirzenach, Magnolien blühen, Hyazinthen duften. Die Sonne strahlt so hell an einem wolkenlosen Himmel, dass Männer in Unterhemden und Frauen in T-Shirts nach draußen geeilt sind, um Zäune zu streichen und Unkraut zu zupfen – durch und durch nassgeschwitzt. Dieses Jahr hat der Winter besonders lange gedauert; der Rhein führt noch Hochwasser; es hat den Betonpfad am Flusssaum überspült und schwappt durch die Fußgängertunnel unter dem Damm, der die Bahnschienen darauf und das Dorf dahinter vor Überflutung schützt.
Hirzenach ist ein kleines Dorf, an einen Hang gebaut, auf vulkanische Felsen. 361 Einwohner. Früher hätte man »Seelen« gesagt. Es ist ein alterndes Dorf, ein überaltertes, wie die meisten Dörfer heutzutage. Die Alten bleiben, die Jungen ziehen weg – wegen der Mobilität, die das moderne Berufsleben den Menschen abfordert. Und doch. Es ziehen auch wieder junge Leute zu, ganz junge. Kinder. Durch den Leerstand sind die Mieten hier niedrig, niedrig genug für kinderreiche Familien von außerhalb. 65 der 361 Einwohner im Ortsteil Hirzenach, das ist der Statistik der Stadt Boppard zu entnehmen, sind »unter zwanzig«.
Vier von ihnen – drei Mädchen, etwa zehn Jahre alt, und ein kleiner Junge, er sitzt noch im Buggy – wissen nichts mit sich anzufangen. Sie lungern auf der Rheinstraße herum, über die Manni, ganz Kavalier der alten Schule, meinen Rollkoffer zieht, während ich seine Plastiktüte mit dem flüssigen Reiseproviant trage.
»Willst du wieder zu Schwester Lea und Pater Köster?«, fragt mich eins der Mädchen. Ich habe ihren Namen vergessen, ziemlich beschämend, weil ich schon so oft hier war. Anscheinend nimmt sie mir meine Vergesslichkeit nicht übel.
»Was ist jetzt? Gehst du zu denen?«
»Ja.«
»Wir kommen mit!«
Oh je, das kenne ich schon. Wenn kleine oder große Bittsteller am Pfarrhaus klingeln, in dem Lea und Fritz wohnen, lassen die beiden alles liegen und stehen. Keine Chance für eine Journalistin mit engem Terminkalender! Dabei ist der von Schwester Lea viel praller gefüllt als meiner. Denn sie ist Gründerin und Managerin eines internationalen Hilfswerks gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution mit Zentrale in Boppard-Hirzenach: Solwodi (die Abkürzung von »Solidarity with Women in Distress« – Solidarität mit Frauen in Not).
Lea wurde am 2. Februar 1937 in dem saarländischen Dorf Klarenthal geboren, heute ein Stadtteil von Saarbrücken. Auf Wunsch ihres Vaters, einem Bauunternehmer, wurde sie Bankkauffrau; aber sie wäre lieber Lehrerin geworden. Das ermöglichten ihr die Missionsschwestern unserer lieben Frau von Afrika (Weiße Schwestern), in deren Gemeinschaft sie 1960 eintrat. Nach dem Lehramtsstudium in München unterrichtete sie von 1967 bis 1972 ruandische Mädchen. Danach studierte sie erneut in München. 1977 promovierte sie in Pädagogik mit einer Doktorarbeit über Erziehung und Bildung in Ruanda – Probleme und Möglichkeiten eines eigenständigen Weges.
1985 schickten sie die Weißen Schwestern nach Mombasa, Kenia, wo sie eigentlich einheimische Religionslehrer ausbilden sollte. Doch als Lea die Not der Frauen und Mädchen sah, die sich wegen ihrer Armut an Prostitutionstouristen aus den reichen Industrienationen verkauften, setzte sie alles daran, ihnen Alternativen zu bieten: durch Alphabetisierung und Qualifizierung. Das 1985 gegründete Hilfswerk Solwodi war zunächst nur ein Ausstiegsprojekt für Prostituierte in der kenianischen Hafenstadt Mombasa. Inzwischen ist Solwodi Kenia gewaltig gewachsen: drei Beratungsstellen in Mombasa, Mthuhapa/Kilifi und Malindi. 2002 gründete Lea auch noch Solgidi: »Solidarity with Girls in Distress« – Solidarität mit Mädchen in Not. Ein Projekt für Töchter, denen Schulbesuch und Berufsausbildung ermöglicht werden, damit sie nicht in der Prostitution landen wie ihre Mütter.
Nach ihrer Rückkehr in die Heimat musste Lea 1987 erkennen, dass Frauen und Mädchen aus den ärmsten Ländern dieser Erde von skrupellosen Menschen- und Heiratshändlern längst als »Ware« nach Deutschland und Europa importiert worden waren. Solwodi Deutschland entstand. Mittlerweile betreuen zehn Beratungsstellen und sieben Schutzhäuser überwiegend osteuropäische Opfer von Zwangsprostitution. Was Lea brandaktuell bewegt – jetzt, im April 2006 – ist die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft. Den Fans, die sich eigens für die WM nach Deutschland gelockte oder verschleppte Osteuropäerinnen kaufen, will sie die »Rote Karte gegen sexuelle Ausbeutung« zeigen.
Auch Pater Köster hat alle Hände voll zu tun, obwohl er zweiundsiebzig ist und zudem auch noch schwer krank. Als Theologe mit Vortragsterminen tritt er etwas kürzer, aber als Ersatzpastor (»Vicarius Substitutus«) auf der vakanten Pfarrstelle in Hirzenach ist er nach wie vor voll engagiert. Hier hat er eine lebendige Christengemeinde um sich geschart – eine Rarität in unserer säkularen Gesellschaft. Pater Köster ist Professor Doktor, dennoch spricht er eine Sprache, die jeder versteht. In seinen gut besuchten Gottesdiensten eröffnet er zeitgemäße Zugänge zum Evangelium. Er macht das Wort Gottes nachvollziehbar, indem er es auf die Nöte und Freuden heutiger Menschen bezieht.
»Ohne ihn«, schwärmen seine Hirzenacher Schäfchen, »wären wir bloß Karteileichen. Unser katholischer Glaube würde sich auf das Zahlen von Kirchensteuern beschränken.«
Pater Köster – 1934 als neuntes von elf Kindern im Sauerland geboren – trat 1956 in die Gesellschaft vom Katholischen Apostolat (Pallottiner) ein. Er war lange Missionar in Kamerun. Nach seiner Rückkehr promovierte er 1976 mit einer Dissertation über Afrikanisches Christsein als religionspädagogische Aufgabe. Auch seine Habilitationsschrift von 1984 hat ein internationales Thema: Religiöse Erziehung in den Weltreligionen. 1988 kam er in das beschauliche Hirzenach, weil ihn sein Orden an die Theologische Hochschule im nahen Vallendar berufen hatte. Fritz wollte unbedingt nebenberuflich praktische Seelsorgearbeit leisten, darum zog er als Vicarius Substitutus in das seit Jahren leer stehende Hirzenacher Pfarrhaus: eine barocke Propstei, früher ein Männerkloster – mit ausreichend Platz für Lea und ihre Solwodi-Frauen.
Als Fritz im März 1994 sechzig wurde, bat Lea seine Verwandten, Freunde und Bekannten, etwas über ihn zu schreiben. Daraus ist ein Buch entstanden, eine Art »Festschrift«. Den folgenden Text hat Pater Bernado Holewa verfasst – besser kann man Fritz nicht porträtieren.
An Herrn Pater Professor Doktor Fritz Köster
 
Die Gemeinde hat Gottesdienst gefeiert.
Eine junge Frau begleitet ihn bis zur Pfarrhaustür.
Sie erwartet ihr erstes Kind.
Sie schmiegt sich an ihn.
Er drückt sie unbefangen.
Sie geht leichten Schrittes heim.
Einen Herrn drückt man nicht.
Vor einem Herrn hat man die gebührende Distanz
zu wahren.
Einen Herrn darf man höchstens verehren.
Herren sind hochwürdig. -
 
 
 
 
An Pater Professor Doktor Fritz Köster
 
Pater, Vater...
Es gibt ehrwürdige, hochwürdige Väter...
Es gibt sogar Heilige Väter...
Es gibt sie in schwarzen Talaren, in lila Soutanen, mit
oder auch ohne Schärpe...
Es gibt sie im wallenden weißen Gewand...
Es gibt sie sogar als Prälaten...
Pater im blauen Pullover?...
Pater in Jeans?...
Ein Pater, der sich weigert, die Botschaft von
himmlischen Werten in hochwürdiger Kleidung
zu verkünden?...
 
 
 
 
An Professor Doktor Friedrich Köster
 
Professoren diktieren...
Professoren wissen alles...
Professoren reden von oben herab...
Professoren brauchen niemanden, mit dem sie gern mal
reden möchten...
Professoren haben keine Sehnsucht nach einem Spazier
gang mit kleinen Leuten, um durstig ihre Meinungen zu
trinken...
 
 
 
 
An Doktor Friedrich Köster
 
Doktoren schreiben schlaue Bücher,
Bücher, die sie nur selber verstehen...
Doktoren im Glauben besitzen die Wahrheit,
einfach so, von Amts wegen...
Doktoren dozieren...
Doktoren verkünden keine frohe Botschaft...
Doktoren sprechen aus dem Kopf heraus,
sie vertrauen der Ratio,
sie lassen sich nicht ein auf Gefühls
duseleien...
Doktoren halten hochhehre, theologische Predigten,
und um exakt zu sein und kein Konzept zu fälschen,
lesen sie ihre Vorträge ab...
Doktoren sind sehr ernste Menschen...
Sie »ringen« um die Wahrheit am grünen Tisch,
sie können sich doch nicht die Blöße geben,
in Anwesenheit der Menschen um die Wahrheit
zu ringen...
Sie vielleicht gar qualvoll zu suchen...
 
 
 
 
An Friedrich Köster
 
Friedrich Köster fährt spazieren...
Er schiebt einen Kinderwagen...
Wie kann man nur?
Aus der Toilette ruft das Kind: Fritz, abputzen!
Wie kann man nur?
Wie kann man nur, Herr Pater Professor Doktor
Friedrich Köster!
Fritz habe ich erst später kennengelernt, Lea bin ich erstmals 1993 in der SWR-Talkshow »Nachtcafé« begegnet. Damals hatte ich für das feministische Magazin EMMA eine Reportage über deutsche Sextouristen in Thailand gemacht; gemeinsam sollten wir, Lea und ich, Freiern und Zuhältern die Stirn bieten. Mit funkelnden Augen und hennaroten Haaren saß sie neben mir, wie die Oberhexe aus einem Bilderbuch für kleine Hexen. Eine Nonne wie sie hatte ich – eine Klosterschülerin aus Paderborn – noch nie getroffen.
Prostitution wäre so alt wie die Menschengesellschaft, behauptete der Moderator. »Es gibt Prostitution, weil wir in einer Männergesellschaft leben«, entgegnete Lea. Was ein als Talk-Gast eingeladener Touristikunternehmer, auf Sexreisen nach Pattaya in Thailand spezialisiert, zum Anlass nahm zu verkünden: »Ich leiste praktische Entwicklungshilfe. Die Mädels und ihre Familien da unten würden sonst verhungern.« Donnernder Applaus des mehrheitlich männlichen Publikums. Lea ereiferte sich: Neulich sei sie in Pattaya gewesen, »im sogenannten Bordell des Westens«. Eine Mitschwester, die sich dort für die Prostituierten einsetze, habe sie nachts herumgeführt. Und was musste Lea auf offener Straße sehen? »Heerscharen von ausgewachsenen Männern – erwachsen nenne ich die nicht – mit Kindern, die sie gekauft hatten!« Nun hielt es sie nicht mehr in ihrem Sessel, sie sprang auf und gestikulierte wild.
»Was mich so wahnsinnig stört, ja, was mich richtig auf die Palme bringt: Die haben gar kein Unrechtsbewusstsein! Auch nicht die Sextouristen und Reiseveranstalter, die hier sitzen. Wir sind im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, und es wird so darüber gesprochen, als wäre es das Normalste von der Welt, dass Frauen und Kinder wie Waren gehandelt und behandelt werden. Als junges Mädchen war ich entsetzt über den Sklavenhandel. Das Einzige, das mich damals getröstet hat, war der Gedanke: Den gibt’s nicht mehr. Aber leider musste ich erkennen: Es gibt ihn wieder!«
Der Kösel-Verlag hatte sich zu Leas Siebzigstem ein »geistiges Notizbuch« aus ihrer Feder vorgestellt: ein »sehr persönliches«, ein »zutiefst religiöses«, mit »Blick auf gelebtes Leben«. Eine »Nonne in Rage«, wie EMMA sie einmal nannte, eine kämpferische Weltverbesserin wie sie schreibt keine introvertierten Notizbücher. Darum hat Lea sich als Geburtstagsgeschenk vom Kösel-Verlag ein Buch mit »Gesprächen über Gott und die Welt« gewünscht, die sie mit Fritz am Küchentisch führt. Meine Rolle dabei ist die einer Moderatorin und Redakteurin.
Jetzt, im April 2006, sind die Nonne und der Pater seit 32 Jahren befreundet. Sie haben sich 1974 in der Theologischen Fakultät der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität kennengelernt. Wie, werden sie gleich selbst erzählen. Hoffentlich! Wegen Manni und der vier Kinder, die mich begleiten, bezweifle ich, dass ich es schaffe, Lea und Fritz an den Küchentisch zu kriegen, auf den ich mein Aufnahmegerät stellen will. Wie schon erwähnt: Bittsteller haben Priorität.
Die barocke Propstei, in der Pater Köster und Schwester Lea wohnen, wird von einer romanischen Kirche überragt. Ein Barockgarten, der sich in Terrassen bis zur Rheinstraße hinunterzieht, ergänzt das denkmalgeschützte Ensemble. Während wir den Hang zur Propstei hochsteigen, überholen uns die Kinder leichtfüßig – Manni und ich brauchen etwas länger. Als auch wir unser Ziel erreichen, ist Lea schon dabei, Kuchen an die Kinder zu verteilen. Fritz sonnt sich etwas abseits in einem Liegestuhl. Als er mich sieht, schaut er auf seine Armbanduhr.
»Die Klosterschülerin aus Paderborn kommt wie üblich zu spät.« Schmunzelnd fügt er hinzu: »Erfreulicherweise dieses Mal nur zwei Stunden und nicht zwei Tage.«
»Der Intercity von Köln nach Koblenz hatte Verspätung«, rechtfertige ich mich. Doch das überhört Pater Köster, denn nun hat er Manni entdeckt. Er springt auf und begrüßt ihn mit herzlichem Handschlag.
»Da sind Sie ja! Ich hab’ mir schon Sorgen gemacht. Sonst kommen Sie doch immer im März.«
»Das Wetter war zu schlecht zum Tippeln.«
Pater Köster bittet Manni, in einem zweiten Liegestuhl Platz zu nehmen, und macht es sich wieder in seinem bequem. Die Kuchenplatte ist leer, nun hat Lea Zeit, mich zu umarmen. »Schön, dass du da bist, Conni.«
In diesem Moment kommt die Solwodi-Sekretärin Andrea Adamczyk aus dem Haus. »Schwester Lea, die Telekom ist am Telefon! Wegen der WM-Hotline für Zwangsprostituierte!«
»Conni, setz dich doch schon mal in die Küche«, sagt Lea und eilt in ihr Büro.
Ich deponiere meinen Rollkoffer an der Garderobe des weitläufigen Entrees. Hinter den Türen ringsherum verbergen sich Solwodi-Büros, ein Konferenzzimmer, das Pater Köster und Schwester Lea abwechselnd nutzen, das Wohnzimmer, die Küche, der Vorratsraum, eine Toilette und der Keller. Der Pfarrsaal und die Pfarrbücherei haben einen eigenen Zugang an der Westseite. Durch ihn führt auch der offizielle Weg zu Solwodi. Aber in diesem »offenen Pfarrhaus« – so nennen Lea und Fritz ihr Zuhause – werden Öffentliches und Privates nie strikt getrennt. Bloß die Küche ist tabu. Sie ist der Familie vorbehalten.
Ja, der Familie!
Lea und Fritz haben sich zu einem zölibatären Leben verpflichtet, trotzdem sind sie Eltern. Soziale Eltern. Von zwei Pflegekindern, die bei ihnen aufgewachsen sind, seit sie Babys waren: ein Mädchen, Trixi, heute siebzehn, und ein Junge, Jojo, genauso alt. Vermutlich werde ich sie nicht antreffen, weil in Rheinland-Pfalz noch Osterferien sind. Einen Teil ihrer Ferien verbringen die beiden meist bei ihren leiblichen Müttern, die in der Nähe wohnen. Sonst sitzen Trixi und Jojo mit am Küchentisch: beim Frühstück, Mittagessen und Abendbrot. Auf geregelte Mahlzeiten legen Lea und Fritz großen Wert.
Fastfood aus Dosen oder aufgewärmte Tiefkühlkost kommen selten auf den Tisch. Lea bevorzugt gesunde Ernährung. So viel sie auch um die Ohren haben mag, sie kocht jeden Mittag. Wenn sie auf Reisen ist, kocht Pater Köster. Sie teilen sich auch die Einkäufe. Allerdings etwas ungleichgewichtig. Sie rast samstags in ihrem altersschwachen Ford durch die Gegend, um kurz vor Ladenschluss Gemüse, Obst, Brot, Käse, Aufschnitt und Fleisch zu besorgen, während er freitags in seinem relativ neuen A-Klasse-Mercedes gemütlich zum nächsten Getränkemarkt zockelt, um Mineralwasser, Saft und Weizenbier zu kaufen. Pater Köster, der lange in Bayern gelebt hat, liebt Weißbier. Obwohl er es wegen seiner Krankheit – eigentlich – gar nicht mehr trinken darf, ist immer ein Kasten im Haus, an dem ich mich gütlich tue, wenn ich zu Besuch bin. Auch die Kirchgänger, die sich zum Sonntagsfrühschoppen im Pfarrhaus einfinden, wissen das Weißbier zu schätzen. Lea trinkt lieber Wein, ab und zu ein Gläschen: »lieblich«. Sie achtet zwar auf ihre Figur, dennoch liebt sie Süßigkeiten. Noch mehr liebt sie »Lyoner«. So nennt sie jede Form von Fleischwurst, die sie mal brüht und mal brät: völlig ungesund. Sie sind eben ganz normale Menschen, diese beiden.
Säßen Trixi und Jojo jetzt mit mir hier am Küchentisch, widersprächen sie wahrscheinlich lauthals. »Die sind überhaupt nicht normal! Lea und Fritz sind viel strenger als andere Eltern!« Vielleicht ist das ja gar nicht mal so schlecht in einer Zeit wie heute, in der zunehmend viele Kinder wegen der Gleichgültigkeit ihrer Eltern verwahrlosen.
Nachdem ich eine Stunde vergeblich auf Lea und Fritz gewartet habe, steige ich vom Entree der barocken Propstei – an den Schlafzimmern in der ersten Etage vorbei – bis unters Dach. Es ist ein mächtiges Walmdach mit drei eigenen Geschossen. Von außen ist nur das untere zu erkennen, wegen seiner gemauerten Teile. Die beiden oberen, die sich komplett unterm Dach verstecken, sind durch schmale Stiegen verbundene Holzkonstruktionen. Früher dienten sie als Dormitorium von Mönchen, heute sind sie das Domizil von Fledermäusen. Die Luken, durch die diese vom Aussterben bedrohten Tiere ein- und ausfliegen, bieten dem sterblichen Menschen einen atemberaubenden Blick auf das Rheintal. Hier oben begreift man, was kontemplative Ordensleute meinen, wenn sie sagen: Die Horen, die sie täglich beten und die schon unzählige Mönche und Nonnen vor ihnen gebetet haben, seien das, was der Zeit Dauer verleiht. Auch das Rheintal ist zeitlos göttlich.
Meine Güte! Was habe ich denn da geschrieben? Das klingt ja fast fromm. Das bin ich doch schon lange nicht mehr, obwohl ich neun Jahre lang eine Klosterschule besucht habe. Aber das hat mir die Frömmigkeit verleidet. Der Paderborner Katholizismus, mit dem ich aufwuchs, war ein düsterer, engstirniger, sinnenfeindlicher – nicht hell, weit und heiter wie das göttliche Rheintal, auf das ich blicke.
Ich bin nie aus der katholischen Kirche ausgetreten. Sie ist immer noch Heimat für mich. Eine ungeliebte. Wie eine Familie, in der Papa die Kinder schlägt und Mama unterdrückt. Aber man kann sich seine Familie nicht aussuchen; man hat nur die, in die man hineingeboren wurde – dachte ich, bis ich Lea und Fritz kennenlernte. Auf einmal wurde mir klar: Menschen wie diese beiden sind ja auch die katholische Kirche, eine liebenswerte. Gewissermaßen verkörpern Schwester Lea und Pater Köster für mich die Tanten und Onkel, zu denen ein Kind fliehen kann, wenn zu Hause mal wieder Zoff angesagt ist.
Jetzt sehe ich durch die Dachluke, dass Manni über die Rheinstraße zurück zum Bahnhaltepunkt geht. Er reist schon wieder ab. »Keine Zeit, die Welt ist weit«, denkt er wahrscheinlich. Sein vorhin noch schlaffer Rucksack ist prall gefüllt. Er hat bei Lea und Fritz kräftig »abgestaubt«. »Conni, wo steckst du?«, ruft Lea von unten: »Wir warten auf dich!«
Also gut, endlich geht’s los – mit den Küchengesprächen über Gott und die Welt.
 
Cornelia Filter
Bielefeld, im Frühjahr 2006

Mit Streit fing alles an
Wer andere kennt, ist klug,
wer sich selber kennt, ist weise.
Wer andere besiegt, hat Kraft,
wer sich selber besiegt, ist stark.
Wer sich durchsetzt, hat Willen,
wer sich genügen lässt, ist reich.
Wer seinen Platz nicht verliert, hat Dauer,
wer auch im Tod nicht untergeht, der lebt.
Laotse
 
Schwester Lea: Fritz, mich würd’s mal interessieren, was du noch davon in Erinnerung hast, wie wir uns kennenlernten.
 
Pater Köster: Wir haben uns gestritten, wie üblich.
 
Schwester Lea: Spinnst du? Das klingt so, als ob wir uns dauernd in den Haaren lägen!
 
Pater Köster: Nicht dauernd, aber oft. Streiten gehört nun schon seit über dreißig Jahren zu unserem Leben. Die Streiterei begann 1974 in der Fakultät für katholische Theologie an der Münchner Maximilians-Universität. Du hast noch studiert, ich stand kurz vorm Abschluss meiner Promotion. Damals waren gruppendynamische Seminare in Mode, auch in Pastoraltheologie. Die durch Rollenspiele gewonnenen Erfahrungen sollten wir auf unsere Seelsorgearbeit übertragen. In einem dieser Seminare, das an mehreren Wochenenden angeboten wurde, hast du anscheinend sofort erkannt: »Das ist einer, mit dem ich streiten will.« (lacht)
 
Schwester Lea: Du unverschämter Kerl!
 
Pater Köster: Wieso unverschämt? Ich bin nicht streitlustig! Darum hab’ ich ja versucht, dir aus dem Weg zu gehen. Ich weiß noch, wir saßen in einem großen Kreis zusammen, als der Seminarleiter sagte, wir sollten uns für ein Rollenspiel zu zweit zusammentun – da bist du sofort auf mich losgestürzt...
 
Schwester Lea:... also, Fritz...
 
Pater Köster:... ich hab’ mich schnell umgedreht und mir eine andere Partnerin gesucht. Das hat dich wahnsinnig geärgert.
 
Schwester Lea: Ich hab’ daran aber eine vollkommen andere Erinnerung...
 
Pater Köster:... aber du hast mich doch nach meiner gefragt! Ich habe mich von dir abgewandt, weil du immer von vornherein genau wusstest, wie die Probleme zu lösen sind, über die wir in diesen Rollenspielen diskutieren sollten. Diskutieren! Das heißt: miteinander darüber nachdenken, gemeinsam das Für und Wider abwägen...
 
Schwester Lea:... bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag, wenn es nach dir gegangen wäre. (Sie rückt ihre Brille auf die Nasenspitze und schaut à la Fritz nachdenklich in eine imaginäre Ferne.) »Ja, das könnte so sein. Aber muss es das auch?«
 
Pater Köster: Willst du etwa damit andeuten, dass ich handlungsunfähig bin? Ein intellektueller Grübler, der nur denkt und nichts tut?
 
Schwester Lea: Nein, Fritz, wirklich nicht! Du handelst oft viel konsequenter als ich, ohne Rücksicht auf Autoritäten, die dich maßregeln wollen, weil du ein Quergeist bist. Das bist du! Darum mag ich dich ja so. Aber damals, in diesem gruppendynamischen Seminar, hätt’ ich dir ständig den Kümmel rösten können. Einmal mussten wir ein Team von Mitarbeitern spielen. Alle hatten Firmenwagen, nun sollte das Team einen nagelneuen bekommen. Größer, schöner, schneller. Wer aus der Gruppe soll ihn haben? Ich spielte die dienstälteste Mitarbeiterin mit dem ältesten Dienstwagen. Für mich war völlig klar, dass mir das neue Auto zustand. Wir diskutierten und diskutierten. Du hast mal dem einen ein bisschen recht gegeben, mal dem anderen ein wenig – nur in meinem Fall stand für dich eindeutig fest, dass ich keinen Anspruch auf das neue Auto habe.
 
Pater Köster: Mit gutem Grund. (lacht) Bei deinem Fahrstil wäre es unverantwortlich gewesen, dir einen so schnellen Wagen mit einem so starken Motor anzuvertrauen.
 
Schwester Lea: Ich bin eine gute Fahrerin! Ich kriege nie Knöllchen.
 
Pater Köster: Weil du die Polizisten immer mit deinem Nonnen-Charme bezirzt.
 
Schwester Lea: Du spinnst! Ich meine, damals hätte einer das neue Auto bekommen, der am meisten im Außendienst tätig war. Ich weiß es nicht mehr. Doch ich weiß noch genau, wie sehr ich mich darüber aufgeregt habe, dass ich das Auto nicht bekam. Es war nur ein Rollenspiel – aber so ungerecht! Am Mittagstisch habe ich zu dir gesagt: »Pater Köster, mal ehrlich, wenn Sie das objektiv betrachten, dann müssen Sie doch wohl zugeben, dass mir das Auto zugestanden hätte.« Du hast entgegnet: »Ja, das kann man so sehen.« Was war ich wütend! Jetzt stimmtest du mir zu, doch in dem Rollenspiel hattest du meine Argumente mit scheinbar tausend guten Gründen abgebügelt.
 
Pater Köster: Als pädagogische Maßnahme gewissermaßen. Diese Schwester Lea muss man verunsichern, habe ich gedacht: Die ist so selbstgewiss und sich ihrer Sache so sicher – zu sicher.
 
Schwester Lea: Wieso hast du dich denn dann mit mir angefreundet?
 
Pater Köster: Unter anderem auch, weil du so hilfsbereit bist. Man kann stets auf dich zählen. Erinnerst du dich? Meine Doktorarbeit musste abgetippt werden, möglichst schnell, weil der Abgabetermin drängte. Darum habe ich für viel Geld eine Schreibkraft engagiert, die angeblich auf Dissertationen spezialisiert war. Als sie 150 Seiten fertig hatte, habe ich mir die angeguckt und mich furchtbar erschrocken. Diese sogenannte Spezialistin hatte ganze Seiten weggelassen, Anmerkungen fehlten, Fehler über Fehler, total konfus. Ich war wie gelähmt. Da hast du die Sache in die Hand genommen, eine moderne Schreibmaschine gekauft, eine Missio-Sekretärin eingespannt, und dann habt ihr das runtergetippt, zwei Tage und zwei Nächte lang.
 
Schwester Lea: Da war keine Missio-Sekretärin dabei, das hab’ ich ganz allein getippt!
 
Pater Köster: Das weiß ich nicht mehr so genau.
 
Schwester Lea: Aber ich! Ich erinnere mich auch noch gut an deine Autopanne nach dem gruppendynamischen Seminar. Es regnete in Strömen, und dein Wagen sprang nicht an. Technischen Beistand konnte ich nicht leisten, aber ich hatte einen großen Regenschirm. Ein Kommilitone half dir mit einem Starterkabel. Als dein Motor lief, ist er weggefahren. Doch ich bin geblieben, weil ich dachte: »Pater Köster muss auch noch aus der engen Parklücke raus. Vielleicht geht der Motor beim Rangieren wieder aus.« Genau das geschah. Du bist ausgestiegen und hast zu mir gesagt: »Es ist nett, dass Sie mich nicht im Regen stehen lassen.« Nach der Panne fingen wir an, uns ausgiebig zu unterhalten. Bei diesen Gesprächen haben wir viele Gemeinsamkeiten entdeckt...
 
Pater Köster:... du warst lange in Ruanda gewesen und ich in Kamerun. Beide waren wir – und sind es noch – Anhänger der Theologie der Befreiung beziehungsweise eigenständiger Wege. Mit der herkömmlichen Theologie kommen wir ja auch für uns nicht weiter.
 
Schwester Lea: Die Basispädagogik des Brasilianers Paolo Freire, ein Christ und Humanist, hat uns beide fasziniert. Seine bedeutendste Schrift Pädagogik der Unterdrückten hat mich zu meiner Doktorarbeit über Möglichkeiten eines eigenständigen Bildungsweges in Ruanda inspiriert...
 
Pater Köster:... die ich dann für dich abgetippt habe.
 
Schwester Lea: Unsinn! Du hast sie redigiert. Du konntest doch gar nicht richtig tippen.
 
Pater Köster: Heute kann ich’s besser als du.
 
Schwester Lea: Mag ja sein. Aber was ich eigentlich sagen wollte: Die Panne ist für mich der Beginn unserer Freundschaft.
 
Pater Köster: Für mich auch! Allerdings war mir vorher schon positiv an dir aufgefallen, dass du in den Seminarpausen als Einzige mit mir vor und nach dem Essen gebetet hast.
 
Schwester Lea: Tischgebete waren damals total verpönt. Auch bei Theologiestudenten.