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Der rote Ferrari und die Sinnfrage
Mit dem Sinn des Lebens ist es so eine Sache: Die einen denken ständig darüber nach, anderen ist das völlig wurscht. Und manchem taucht die Sinnfrage in einem Augenblick auf, der für Schicksalsangelegenheiten geradezu peinlich ist – wie bei jenem Fernsehzuschauer, der beim Zappen plötzlich in der Siegerehrung der Formel 1 gelandet war. Nach 67 Runden im roten Rennauto stand der breit grinsende Schumi auf dem Podest, dann wurde sein Gesicht ernst: »Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland...« Es folgte feierlich-flott »Il Canto degli Italiani«, die Hymne für den italienischen Ferrari. Die »Marsaillaise« ertönte nicht – vielleicht stammten die Reifen des Rennautos nicht aus Frankreich – und weitere Nationalhymnen wurden ebenfalls nicht abgespielt, was man als Missachtung der Länder werten könnte, aus denen Schrauben, Rohre und Plastikteile zugeliefert worden waren.
Nach den Hymnen dann nur noch Freude! Alle umarmten sich, und Schumi spritzte seine unterlegenen Konkurrenten aus einer riesigen Flasche von oben bis unten mit Champagner voll.
Das war der Moment, in dem sich der unbekannte Zapper daheim vor dem Bildschirm die Frage nach dem Sinn des Lebens stellte: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist meine Aufgabe in der Welt?

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Sehnsucht nach Lebenssinn
Der Weg der Menschheit ist stark geprägt von Erfolgen, Entdeckungen und Erfindungen. Auch das moderne Leben hat uns viel Gutes gebracht, aber einiges ist schiefgelaufen – zum Beispiel die Überbetonung des Rationalen und Materiellen. Dieses einseitige Streben nach dem »Paradies auf Erden« hat übersehen, dass der Mensch ein spirituelles Wesen ist. Das Begreifen der Welt allein mit dem Verstand, der Kampf für ein Leben ohne Not und ohne Entbehrungen – auf diesem Weg hat der Mensch weitgehend seine Spiritualität verloren. Sie entsteht, wenn der Mensch Beziehungen aufnimmt – zu sich selbst, zu anderen, zur Natur, zur Schöpfung und zu jener transzendenten Kraft, die wir Christen Gott nennen. Indem der Mensch seine verschiedenen Erfahrungen auf der körperlichen, sozialen, seelischen und geistigen Ebene zueinander in Beziehung bringt, erlebt er sich in seiner Ganzheitlichkeit – eine Erfahrung, die man mit Worten schwer beschreiben kann.
Der Mensch ist nicht nur ein psycho-biologisches Lebewesen, das wie eine Maschine funktioniert, sondern er besitzt eine unsterbliche Seele. In seinem tiefsten Inneren wirkt etwas Heiliges: das Unbeschreibliche, das Faszinierende, nicht messbar und nicht kalkulierbar. Es weitet den Blick und das Herz – und gibt dem Menschen die Gewissheit, dass er in ein großes, universales Beziehungsgeschehen eingebunden ist.
Das Heilige ist die mystische Erfahrung des Lebens. Ein Mystiker sieht den Baum – und erkennt darin den Schöpfer. Das Heilige drückt sich aus in großem Staunen, in der Erfahrung des Einsseins mit allem: Der Mensch fühlt, dass er nicht allein ist, sondern geborgen in der Schöpfung. Was er in solchen Augenblicken empfindet, ist eine Gotteserfahrung – er kann sie nicht machen und erwerben, sondern bekommt sie geschenkt.
In der Gegenwart kann man vor allem in den reichen Gesellschaften – aber nicht nur dort – beobachten, dass sich immer mehr Menschen nach dieser Erfahrung sehnen. Sie wollen die Wiederkehr des Heiligen erleben, um die Einheit mit sich und der Schöpfung zu spüren. In der Bibel, im Gilgamesch-Epos und in anderen spirituellen Quellen werden solche Zustände als »Paradies«-Schilderungen beschrieben, als eine Wirklichkeit, die nicht nur in der Sehnsucht existiert; denn zu allen Zeiten gab es Kinder, Männer und Frauen, die dieses Einssein, diese Beziehungserfahrung in der Realität ihres Lebens wahrgenommen haben.
In unseren Tagen verstärkt sich die Sehnsucht nach einem ganzheitlichen Leben. Immer häufiger wird die Frage gestellt: Woher kommt der Mensch, wohin geht er, was hat sein Leben für einen Sinn, gibt es einen Gott?
Wer noch vor Kurzem bekannt hat, dass er sich mit dem Leben nach dem Tod beschäftigt, mit verstorbenen Seelen, mit Gott und mit Engeln, wurde verlacht. Das ändert sich derzeit. Der große Streit in den USA, ob für die Erklärung des menschlichen Lebens die naturwissenschaftlichen Thesen von Darwin richtig sind oder ob eher die religiös orientierten Kreationisten recht haben, ist ein aktuelles Beispiel für das hohe Interesse an überzeugenden Antworten: Die Menschen suchen nach Wahrheit, auch über sich selbst. Viele misstrauen dem Darwin-Modell von der Macht des Stärkeren, weil es Schwachen, Alten, Behinderten oder Kindern keine Überlebenschance gibt – wie lässt sich das mit dem Sinn des Lebens vereinbaren? Darwins Erkenntnisse stehen zwar auf einer festen wissenschaftlichen Grundlage – und dennoch scheinen sie vielen Sinnsuchern nicht auszureichen für die Erklärung des Lebens.
Nicht nur bei Darwin fällt auf, dass zu den rationalen Entwicklungen eine Gegenbewegung entsteht, die das Leben – seine Herkunft wie auch seine konkrete Gestaltung im Hier und Jetzt – anders erklärt.
Es geht uns bei unseren Überlegungen weniger um Argumente für oder gegen eine bestimmte Denkrichtung, sondern um das Phänomen, dass einseitig logische und »wissenschaftliche« Welterklärungen dem Menschen nicht genügen, um Sinn in seinem Leben zu finden.
Die Sehnsucht nach Transzendenz ist so alt wie die Menschheit selbst; sie kann nicht allein durch rationale Erklärungsmodelle wegdiskutiert werden. Auch dann, wenn man glaubt, auf alle Fragen absolut schlüssige, logische Argumente als letzte Antworten gefunden zu haben, bleibt der Mensch doch ein Suchender.

Der verwirrende Wertewandel

Die Geschichte der Menschheit ist durchzogen von einem ununterbrochenen Wandel. Neue Erkenntnisse und Entdeckungen, Forschung und Fortschritt sind die Ursachen dafür, dass morgen nichts mehr so ist wie gestern oder heute. Das gilt auch für die Werte, die unser Leben bestimmen. Wandel ist also etwas ganz Normales und sollte uns nicht beunruhigen.
Trotzdem hat es Zeiten gegeben, da nahm der Wandel ein Ausmaß an, das zu erheblicher Verunsicherung führte. Die Veränderungen waren so massiv, dass die Menschen mit ihrer Lebenssituation kaum mehr zurechtkamen. Denn nicht jeder Wandel verändert das Leben zum Besseren. Manchmal führt der Weg auch zur Loslösung von guten Werten und Traditionen – hin zur Dekadenz, in Krisen und Kriege.
Wenn sich ein Wertesystem ändert oder ganz zusammenbricht und Platz macht für ein neues, werden die Menschen und ihre sozialen und politischen Systeme – das zeigt ein Blick in die Geschichte – häufig sogar krank. Ihr inneres Gleichgewicht, diese Balance zwischen Körper und Seele, kippt – mit der Folge, dass die Unausgewogenheit zu einer Krankheit wird, und zwar nicht nur im Organismus des Einzelnen, sondern in der ganzen Gesellschaft.
Auch in der Gegenwart finden wir solche Symptome des Wandels. Viele Menschen leben ohne Orientierung, sind einsam und haben Angst. Noch nie gab es – bei einem hohen Maß an Wohlstand – so viele Unzufriedene, so viele Alkoholkranke und Drogensüchtige, so viele, die von Medikamenten abhängig sind, so viele Stressgeplagte, so viele Selbstmorde und Selbstmordversuche, so viele Ehescheidungen, so wenig tiefe Freundschaften.
In den »reichen« Ländern haben sich in jüngster Vergangenheit die Werte besonders stark verändert – leider nicht immer zum Guten – oder sind verloren gegangen. Werte entstehen oder verfallen nicht zufällig, sondern aufgrund von Prozessen in einzelnen Menschen und in der Gesellschaft. Menschen, Vorbilder, Institutionen und der Staat beeinflussen das Wertesystem. Da stellt sich die Frage: In welchem Zustand befinden sich heute diese wertegebenden Gruppen – Familie und Schule, Kirche und Politik, Wirtschaft, Sport und Medien?

Familien in der Krise

Familien waren zu allen Zeiten die beste, intimste und wirkungsvollste Einrichtung, um vor allem den Kindern Werte und Sozialkompetenz fürs spätere Leben zu vermitteln: Selbstbewusstsein und Verantwortungsgefühl, Disziplin, Kreativität, Solidarität, Beziehungsfähigkeit, Ordnung, Höflichkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit – natürlich auch Sparsamkeit, Nächstenliebe, Ehrfurcht vor anderen und vor der Schöpfung. Wie ist der Zustand innerhalb der Familien heute? Werden dort den Kindern – und nicht nur denen! – wirklich die Werte vorgelebt, die ein zuverlässiges Fundament für ihr weiteres Leben sind?
Nicht nur Fachleute betrachten mit Sorge das gewandelte Bild der Frau in der Familie. Eine Mutter, die in erster Linie für ihre Kinder da ist, wird heute fast schon belächelt. Sie erfährt für ihre Aufgabe, die vor allem Hingabe ist, von der Gesellschaft und vom Staat kaum noch die Anerkennung, die ihr gebührt. Kinderlose Ehen, alleinerziehende Mütter, Adoptionen durch gleichgeschlechtliche Paare – diese Formen, so fortschrittlich sie auch sein können, genie ßen heute oft einen höheren Stellenwert als das klassische Familienmodell, in dem sich die Mutter und der Vater in unterschiedlicher Rollenverteilung um die Erziehung der Kinder kümmern.
Der Zusammenhalt in Familien funktioniert noch am ehesten auf dem Land, aber in den Städten löst sich der Familienverbund mehr und mehr auf. Das liegt vor allem an der hohen Mobilität der Menschen, die der Beruf in alle Himmelsrichtungen verstreut. Diese Berufsnomaden sind einfach nicht mehr in der Lage, der kranken Mutter oder der verunglückten Schwester zu helfen, wenn sie 500 Kilometer voneinander entfernt wohnen. Dann müssen Pflegedienste, Altenheime und Kliniken vieles ersetzen, was früher innerhalb der Familien mit menschlicher Wärme und Nähe gelöst werden konnte.
Hohe Scheidungsraten, Patchwork-Gemeinschaften, Familien voller finanzieller Sorgen, psychische und körperliche Gewalt zwischen Mann und Frau – wen wundert es, dass in vielen Familien die Kinder stundenlang unbeweglich und Chips knabbernd vor dem Fernseher sitzen und virtuelle Kriegsspiele austragen!
Kinder lernen das Leben vor allem beim Spielen kennen, und zwar in ihrer ganz konkreten Welt, nicht virtuell am Bildschirm. Radfahren, Nachbarschaftshilfe, ein Baumhaus bauen, dem enttäuschten Kumpel Trost spenden, mit Klötzchen einen Turm errichten – die beste Fernsehsendung kann nicht die lebendige Erfahrung ersetzen. Nur im eigenen, kreativen Spiel erfahren die Kinder das Leben: Freude und Frust, Trauer und Glück, Wut und Enttäuschung. Solche Lektionen sind hilfreicher als jede Computer-Anleitung. Und der von besonders schlauen Reformern geforderte Kindergarten-PC für Dreijährige wird das Bildungsniveau nicht verbessern, solange unsere Knirpse weiterhin ihre Kreativität vorm Bildschirm verlieren – bei Baller-Spielen und laut Statistik durchschnittlich 20 TV-Morden pro Woche.
Verhaltensforscher warnen schon lange: Die moderne, virtuelle Elektronik lässt Kinder und Jugendliche verblöden! Damit drücken sie aus, was auch seriöse Studien belegen: dass nämlich durch übermäßigen Medienkonsum die Bildung und die Kreativität der Kinder deutlich sinken und die Gewaltbereitschaft steigt. Killer-Spiele am Computer, der PC oder Fernseher im Kinderzimmer – in diese verhängnisvollen Fallen, in den eigenen vier Wänden aufgestellt von gutmeinenden Eltern, tappen unsere Kinder arglos hinein. Angeblich sitzt hierzulande ein Kind mehr als fünf Stunden am Tag vor einem Bildschirm und blockiert mit dieser passiven Tätigkeit die natürliche Entwicklung seines Gehirns. In den USA wurde vor Jahren der TV-Konsum von Kindern mit späteren Polizeiakten verglichen – und siehe da: Wer mehr fernsah, tauchte auch öfter in den Akten auf, sogar die ursprünglich ganz Friedlichen wurden durchs Fernsehen zu Gewaltausbrüchen getrieben.
Natürlich leben wir im Zeitalter der Kommunikation. Fernseher, Computer und PC gehören längst zu unserem Leben – auch privat. Aber Vorsicht, nicht nur bei Kindern, sonst verbauen wir uns selbst und der nachrückenden Generation die Zukunft.
Ein anderes Problem ist die zunehmende Vereinzelung, also das Leben als Single. Wenn sich viele Menschen – bewusst oder nach einem Schicksalsschlag, weil der Partner gestorben ist – in die Vereinzelung zurückziehen, dann entwickeln sich häufig egoistische Grundhaltungen, die dem Einzelnen wie der ganzen Gesellschaft nicht guttun. Denn für Menschen, die allein leben, ändern sich auch ihre Werte. Singles leben meist stärker auf sich bezogen als Menschen in Familien. Gleitende Arbeitszeiten, Schichtarbeit, die Auflösung des Sonntags, offene Geschäfte bis Mitternacht – sie stören den Single kaum, weil er beziehungslos ist und sich leicht von den Rhythmen lösen kann, in die eine Gesellschaft eingebunden ist. Aber für Menschen, die in einer Gemeinschaft leben, sind solche Entwicklungen gefährlich: Ordnung und Strukturen lösen sich auf, wenn jeder machen kann, was er will.
Die Vereinzelung der Menschen ist eine Folge ihrer Beziehungslosigkeit – und der Unfähigkeit, mit Schwierigkeiten fertig zu werden, die in Beziehungen auftreten, vor allem in der Zweier-Beziehung. Die Ansprüche an den Partner sind meist zu hoch, sodass selbst die einfachsten Alltagsprobleme schon größere Beziehungskrisen auslösen. Der abgetrennte Knopf im Abflussrohr der Waschmaschine, ein Bedienungsfehler am Espresso-Automaten, der vergessene TÜV-Termin beim Auto – wie oft verursachen lächerliche Fehler einen Streit, der in Zornausbrüchen und kaltherzigen Beleidigungen endet! Sogar Schwierigkeiten in der Sexualität wollen die Partner immer häufiger mit »technischen« Hilfsmitteln lösen: Mit »Viagra« stimuliert der Mann seine Einsatzbereitschaft beim Sex – statt die vielleicht vernachlässigte Beziehung zu sich selbst und zu seiner Frau wieder mit Liebe zu füllen.

Überforderte Lehrer

Eine bedeutende Institution, in der Werte vermittelt werden, ist die Schule. Doch immer mehr Lehrer scheinen zu resignieren: Mit der durchaus notwendigen Abschaffung eines früher viel zu autoritären Schulsystems ist man inzwischen jedoch weit übers Ziel hinausgeschossen. Wer hat heute Autorität in der Schule? Wer vermittelt Werte?
Das Klima in vielen Schulen wird zunehmend geprägt von Egoismus, Willkür und Gewaltbereitschaft. Dieses explosive Gemisch ist ungeeignet für die Vermittlung von Werten und sinnvollen Leitlinien für das künftige Leben der jungen Menschen. Oft sind gerade die engagiertesten Lehrer dem Schulstress nicht mehr gewachsen und scheitern. Aus Untersuchungen weiß man, dass vier von fünf Lehrkräften mehr oder weniger an Überforderung leiden. Das Hauptproblem – und da überschneiden sich Schule und Familie – scheint aber weniger an den Lehrmethoden oder an mangelnder Leistungsbereitschaft der Schüler zu liegen, sondern an der merkwürdig verbogenen Einstellung der Erwachsenen zu Kindern. Kinder brauchen von klein auf Liebe und Geborgenheit. Ihre emotionale Verankerung in der Familie, das bedingungslose Vertrauen in Vater und Mutter – auf diesem sicheren, stabilen Fundament können sich der Säugling, der heranwachsende Knirps, der Erstklässler, die pubertierende Vierzehnjährige, der Berufsschüler und der Abiturient entfalten. In der Geborgenheit der Familie lernen sie leichter – für die Noten und fürs Leben. Es klingt altmodisch, könnte aber den richtigen Weg weisen: Väter und Mütter, Nachbarn, Lehrer und Vereinsvorstände – wir Erwachsene müssen uns den Kindern mit den Herzen zuneigen. Dazu braucht man keine Bürokratie und keinen Psychologen, sondern Liebe. Die bestgemeinten Sozial- und Erziehungsprogramme werden erfolglos bleiben, wenn Kinder nicht das Urvertrauen erfahren, das sie im Elternhaus trägt, auch wenn es Krisen und Konflikte gibt. Diese emotionale Bindung in der Familie ist wichtiger als das ausgefeilteste Schulkonzept.
Die Bildungspolitik im Land der Dichter und Denker braucht eine grundlegende Reform, aber weniger eine methodisch-didaktische, sondern eine, die aus dem Herzen der Erwachsenen kommt.

Erreichen die Kirchen die Herzen der Menschen?

Auch in der werteprägenden Institution Kirche schaut es nicht besonders rosig aus, sie steckt selbst in der Krise. Kritiker werfen den christlichen Kirchen vor, dass sie nicht mehr »heiß« sind. Das betrifft weniger die Glaubenslehre selbst, sondern die Art und Weise, wie sie vermittelt wird: erkaltete Rituale und verwässerte Gottesdienste, von Verwaltungskram aufgefressene und genervte Pfarrer, ein ziemlich altbackener Religionsunterricht an den Schulen – und bei den Katholiken auch noch der Priestermangel und die Probleme mit Frauen und dem Zölibat.
Natürlich ist es wichtig, dass sich die großen Kirchen in unserer Ellenbogengesellschaft um Schwache, Kranke und Alte kümmern. Aber wenn sich die Kirchen überwiegend als verlängerter Arm des Unterrichts- oder Sozialministeriums verstehen, dann wächst die Gefahr, dass sie die Herzen der Menschen nicht mehr erreichen.
Dabei hat unsere Gesellschaft genügend Probleme, bei denen die moralische Instanz der Religion dringend gefragt ist – von der Gentechnik bis zu Drogen, beim Verstehen und Respektieren von Religionen in der Multikultur und bei der wachsenden Sehnsucht der Menschen nach Geborgenheit und Gefühlserlebnissen.
Die Kirchen haben heute die große Chance, die Menschen zurückzugewinnen. Meinungsforscher halten »Religion« sogar für einen »Megatrend«. Die seit Jahren wieder rückläufigen Kirchenaustritte sind vielleicht ein Indiz dafür, dass Junge und Alte für ihr Leben mehr suchen als nur Spaß, das Zweitauto, den Urlaub und Bungee-Jumping.
Obwohl die meisten Deutschen nur selten in die Kirche gehen, tragen sie eine tiefe Sehnsucht nach Spiritualität in sich. Selbst bei kirchenfernen Menschen findet man eine erstaunliche Frömmigkeit gegenüber den sogenannten Kasualien, vor allem zur Taufe, zur Hochzeit und zur Beerdigung. Diese Rituale sind keine christliche Erfindung, sondern ziehen sich durch alle Kulturen und Religionen der Welt: Wichtige Stationen des Lebens wie Geburt, Geschlechtsreife, Hochzeit und Tod werden durch Rituale bewusst gemacht und erhalten Sinn – das entspricht dem Wunsch der Menschen nach Lebenssinn, nach Unsterblichkeit und nach einer Beziehung zu einer geistigen Wirklichkeit, zu Gott.
Wie stark diese Sehnsucht in der Gegenwart ausgeprägt ist, lässt ein Blick auf scheinbar ganz banale Ereignisse erahnen: Bücher zu spirituellen und religiösen Themen sind gefragt wie nie, Unternehmen wollen ihre Firma nach der benediktinischen Ordensregel führen, der Esoterik-Markt boomt, Seminare zur eigenen Erleuchtung und Selbstfindung sind ausgebucht – und über 80 Prozent der Deutschen glauben an Schutzengel.

Staat und Politik: wenig Ansehen!

Auch die Politik prägt unsere Werte. Was geschieht in der EU und in den Ländern? Welches Ansehen genießt der Staat? Was halten die Bürger von Politikern, von ihren Volksvertretern?
Die großartige Idee der Europäischen Union, zum Beispiel, kommt immer mehr unter die Räder der nationalen Egoismen – alle feilschen nur ums Geld, um Subventionen, um Sonderrechte. Von einem Bewusstsein europäischer Zusammengehörigkeit ist nur selten die Rede.
Politiker haben in demokratischen Gesellschaften eine Vorbildfunktion. Sie machen in den Parlamenten die Gesetze, auf denen die Verfassung steht – mit all den Werten, die das Zusammenleben der Menschen, des ganzen Volkes regeln. Was wir in dieser Hinsicht gegenwärtig erleben, ist ziemlich entmutigend. Das Geschiebe und Gezerre bei dringenden Reformen entspricht nicht dem verantwortungsbewussten Handeln für eine Wertegemeinschaft. Bei vielen Bürgern wächst das Gefühl, der Staat sei eine Art Feind, der einem das Geld in Form von Steuern und immer neu erdachten Abgaben aus der Tasche zieht – und sie versuchen, ihn auszutricksen, wo immer es geht. Der alte Begriff vom »Vater Staat« scheint verschwunden zu sein – er drückte etwas ganz anderes aus als Feindschaft, nämlich Fürsorge für die Menschen, Schutz, Gerechtigkeit, Solidarität in Notfällen. Dieses Vertrauen in den Staat hat gelitten – die meisten Leute glauben, dass sie sich ihr Recht erkämpfen müssen, dass sie ausgebeutet werden, dass sie in ihrem Leben durch immer mehr Gesetze und Vorschriften reglementiert und in ihrer Freiheit eingeengt werden. Deshalb verlieren immer mehr Menschen das Vertrauen in den Staat, in die Politik und ihre Repräsentanten. Diese sinkende Wertschätzung drückt sich inzwischen in der Politikverdrossenheit und in katastrophalen Wahlbeteiligungen aus.

Wirtschaft: Ist Geiz wirklich geil?

Auch die Wirtschaft gehört zu den Institutionen, die auf die Entwicklung von Werten erheblichen Einfluss haben. Leider werden die anständigen Firmen und die verantwortungsbewussten Unternehmer in der Öffentlichkeit viel zu wenig wahrgenommen – sie sind ja Gott sei Dank noch in der Überzahl. Aber viel auffälliger gebärden sich in unserer Mediengesellschaft jene wenigen Manager, die gigantische Flops hinlegen – und dafür am Ende noch Millionen an Abfindungen kassieren. Wie soll man dem Sozialhilfeempfänger oder einem Azubi erklären, was im Arbeitsleben Solidarität bedeutet, Leistung, Verantwortungsbewusstsein, Gerechtigkeit?
Oder der Slogan »Geiz ist geil«. Wer eine solche Grundhaltung unter die Leute bringt, weiß wahrscheinlich nicht, was er – jenseits der kurzfristigen Umsatzsteigerung – einer Gesellschaft antut, oder er weiß es, aber die Folgen sind ihm egal. Der frühere deutsche Bundespräsident Roman Herzog sagte, dass der Slogan »Geiz ist geil« Ausdruck einer »heruntergekommenen Gesellschaft« ist. Aber auch Korruption, Bestechung und Schmiergeldaffären blockieren in der Wirtschaft einen Wertewandel zum Guten.

Außer Rand und Band: der Sport

Wenn früher vom »Sport« die Rede war, verstand man darunter jene Sportbewegung, die Turnvater Jahn gemeint hat. Das ist heute anders: Der ehemalige Volks- oder Breitensport hat sich inzwischen in mehrere Stränge aufgespalten, die miteinander nur noch wenig Gemeinsames haben. Im Verständnis der Menschen führt diese Fragmentierung zu heilloser Verwirrung, zumal der am häufigsten wahrgenommene Hochleistungssport total kommerzialisiert ist und mit anderen Disziplinen praktisch nichts mehr zu tun hat.
Im guten alten Breitensport – vom Kinderturnen bis hinauf zur Seniorengymnastik, von den Fußballbuben bis zum Altherren-Tennis – werden noch am ehesten die alten Tugenden vermittelt wie Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Gemeinsinn, Vorbildfunktion, Teamgeist und Toleranz. Die Menschen fördern mit ihrem Sport die Gesundheit, haben Freude am Spiel – und die Wettkämpfe sind bei allem Ehrgeiz ziemlich friedlich.
Aber diese Werte sind schon verändert, wenn man den »Erlebnis-Sport« betrachtet – Surfer, Skifahrer, Drachenflieger, Männer und Frauen im Fitness-Studio und bei der Aerobic-Gymnastik erwarten nämlich vom Sport etwas ganz anderes: Sie investieren ihren Schweiß in den Aufbau von Muskeln und wohlgeformten Körpern. Im Sport wollen sie sich selbst erleben oder ihre attraktive Figur den anderen vorführen – mit Vereinen, Jugendwarten, Jahreshauptversammlungen und Vorstandsverantwortung haben sie nichts am Hut. Ihr Sportfeld sind Steilhänge in den Bergen oder die windreiche Bucht in Mallorca und ihr Trainer braucht keine Lizenz vom Sportverband, sondern ist Animateur im Ferienclub. Was diese Gruppe macht, ist zwar auch Sport, hat aber herzlich wenig zu tun mit den Werten von Turnvater Jahn selig.
Ein eigenes Kapitel ist der instrumentelle Sport – mit »Trimm-dich«, Jogging, Nordic-Walking oder Skilanglauf. Die Menschen wollen mit diesen Aktivitäten einfach gesund werden oder gesund bleiben, und dafür strampeln sie sich ab.
Im erweiterten Sinn gilt das auch für den therapeutischen Sport. Er ist ein Segen für die vielen Reha-Patienten, die nach Unfällen oder Krankheiten schrittweise wieder ihre Bewegungskraft erlangen wollen. Auch der Behindertensport gehört dazu – ebenso wie der Sozialsport für Ausländer oder für Gefangene und für all jene, die über den Sport wieder in die Gesellschaft integriert werden können. In diesem Bereich hat der Sport klare therapeutische Ziele.
Und dann der Hochleistungssport! Er war ursprünglich einmal die Idee für die olympischen Spiele, hat aber inzwischen mit den alten Idealen nichts mehr zu tun. Wenn man in dieser Gruppe nach Werten fragt, dann sind höchstens die ständig kontrollierten Blut-, Muskel- und Ausdauerwerte gemeint – und vor allem der Marktwert des Sportlers. Da ist die Hauptmotivation das Geld – egal ob im Rennauto der Formel 1 oder im Boxring, in der Fußball-Champions-League oder bei der Tour de France, im Tennis-Zirkus oder beim Abfahrtsrennen in Kitzbühel. Für den Athleten und die Sportartikelindustrie sind nur Geld, Geschäft und Spitzenleistung entscheidend – und zur Optimierung der Leistung ist jedes Mittel recht, nicht selten sogar Doping. Wer zu diesen Hochleistungssportlern gehört, unterwirft sich den extremen Anforderungen, die heute für alle Eliten gelten – nicht nur im Sport, sondern genauso in der Wirtschaft und im Showbusiness. Ganze Stäbe sorgen dafür, dass permanent die Höchstleistung erbracht wird – vom Bodygard bis zum eigenen Arzt, vom Spezialtrainer bis zum persönlichen Physiotherapeuten und Manager. Es ist ein fast kriegerisches Geschäft, in dem nur der Erfolg zählt, sonst nichts. Wer die Höchstleistung nicht bringt, fliegt raus! Mit den ursprünglichen Idealen vom olympischen Sport hat das nichts mehr gemeinsam.
Diese Aufspaltung des Sports in verschiedene Segmente wäre ja nicht weiter schlimm – gefährlich und verwirrend ist es nur, wenn man die Grundsätze des einen Bereichs mit dem anderen vermischt. Dass zum Beispiel für einen hauptberuflichen Olympiasieger auch noch die Nationalhymne gespielt wird und dabei einer ganzen Nation vor Rührung die Tränen kommen, zeigt den Irrweg – konsequenterweise müsste dann die Nationalhymne auch für einen Topmanager gespielt werden, wenn er in Indien oder sonstwo einen tollen Geschäftsabschluss erzielt hat.
Die derzeitige Verwirrung liegt vor allem daran, dass die einzelnen Sportbereiche in den gleichen Topf geworfen werden. Bei den Profis wird nur die Leistung bezahlt, aber das gleiche Denken findet sich inzwischen auch im Breitensport. Da verlangt der Kreisliga-Fußballer beim Wechsel zum benachbarten Dorfverein ebenfalls Geld – in völliger Verkennung hält er sich für einen zwar kleinen, aber durchaus rechtmäßigen Nachfolger von Beckenbauer, und der betroffene Verein macht bei diesem Blödsinn meistens sogar mit.
Noch komplizierter wird das verschobene Wertesystem, wenn es um den Behindertensport geht. Bei allem Respekt vor jenen, die durch gezielte sportliche Übungen ihre Behinderung überwinden und im Sport für sich und gemeinsam mit anderen ihre schwierige Lebenssituation bewältigen: Wenn aber im therapeutischen Sport die Prinzipien des Berufssports übernommen werden und ein Beinamputierter mit einer Hochleistungs-Prothese bei den Paralympics einen mit viel Geld honorierten Weltrekord über 100 Meter läuft, dann macht sich ein ungutes Gefühl breit, ob das nicht ein Irrweg ist.

Bedenkliche Informationskultur

Im derzeitigen Informationszeitalter sind es vor allem die Medien, die das Wertesystem beeinflussen. Wie also steht es um unsere Informationskultur?
Natürlich gibt es genügend Medien, aus denen man sich bedenkenlos und ganz objektiv informieren lassen kann – die öffentlich-rechtlichen Funk- und Fernsehanstalten, auch die gute alte Tageszeitung sind dafür Beispiele. Aber das ist nur ein kleiner Teil der Massenmedien.
Private Rundfunksender, vor allem aber das kommerzielle Privatfernsehen, zunehmend auch das Internet, anonyme E-Mail-Versender und die ganze Handy-Welt haben eine im höchsten Maß bedenkliche Informationsflut geschaffen, die mit Kultur nichts mehr zu tun hat.
Im Fernsehen hat der »Götzen-Kult« um Einschaltquoten zur Folge, dass um jeden Preis Zuschauer angelockt werden müssen – und dies ist am ehesten möglich mit Gewalt, mit Sex und mit der öffentlichen Darstellung von Subkulturen, die – zum Beispiel in Talkshows – schon fast exhibitionistisch vorgeführt werden. Welche Auswirkungen das auf die nachwachsende Generation hat, darüber kann man nur spekulieren. In Krimis und »Action«-Filmen werden Gewalt, Drogenkonsum, Satanismus, Sexsucht und Selbstjustiz als scheinbar normales Leben vorgeführt. Damit kommt eine überwiegend virtuelle Welt ins Wohnzimmer, die mit unserer eigenen Tradition und der Förderung des Lebens so gut wie nichts gemeinsam hat.
Die ungeheure Fülle an Nachrichten, die uns täglich überflutet, kann man nicht mehr verarbeiten. Allein die Satellitenschüssel holt heute rund 1.000 TV-Programme aus aller Welt ins Haus herein – und wir arme »User« sitzen mittendrin mit unverändert zwei Augen, zwei Ohren und einem Hirn. Ob Fernsehen, Radio, Zeitungen, Handys, Internet oder Illustrierte: Um nicht verrückt zu werden, schalten viele Menschen einfach ab – mit dieser Reaktion wird das Gegenteil von dem erreicht, was ein Informationsangebot bewirken will. Die Flut an Informationen stumpft ab, macht müde und führt zu einer Verweigerungshaltung. Wir empfangen zwar tausend Nachrichten, können aber nicht mehr erkennen, was wichtig ist.

Der schwierige Umgang mit Gesundheit, Krankheit und Alter

Die meisten Menschen betrachten eine Krankheit nur als störenden, schmerzenden Zustand, den sie so schnell wie möglich wieder loswerden wollen. Genauso denkt die Schulmedizin. Nur selten beschäftigen sich Ärzte und Patienten mit der Frage: Welchen tieferen Sinn zeigt die Krankheit an – und welche Erfahrung kann durch sie gemacht werden?
In den modernen Gesellschaften hat der Mensch weitgehend verlernt, seiner Krankheit bewusst mit offenen Sinnen zu begegnen, sie wahrzunehmen und ihre Ursache zu erkennen – vielleicht war es eine Kränkung, die ihm vom Ehepartner zugefügt wurde, vielleicht Ärger im Büro, der sich zum Magengeschwür entwickelt hat, vielleicht waren es habsüchtige Börsengeschäfte, die ihn in den Herzinfarkt getrieben haben. Mag sein, dass ihm die Krankheit auch Klarheit verschafft über seine gescheiterten Beziehungen – zu anderen Menschen, zur Natur, zu Gott.
Viele Menschen werden krank, weil sie sich nur noch mit Götzen, den selbst gemachten Göttern, umgeben und ihr Leben nach ihnen ausrichten. Die Goldenen Kälber kommen heute ja in vielen »Verkleidungen« daher: als ein tolles elektronisches Gerät, als Geld oder Ruhm, nicht selten als berufliche Karriere oder als Villa im Grünen. Aber solche Götzen, heißt es schon in der Bibel, »haben Augen und sehen nicht, haben Ohren und hören nicht, kein Hauch kommt aus ihrem Mund«. Es sind leblose Wesen – das Nachsinnen über die eigene Krankheit und die daraus gewonnenen Erkenntnisse können sie entlarven. So wird die Krankheit zu einer Chance!

Die Veräußerlichung des Lebens

Die ganzheitliche Sicht der Heilung ist weitgehend verloren gegangen – und wird doch gesucht. Denn der Mensch ist und bleibt ein Wesen, in dem sich körperliche, seelische und geistige Zustände zu einem komplizierten Beziehungsgeflecht vernetzen. Zwischen allen drei Erfahrungsebenen gibt es – für uns oft undurchschaubare – Zusammenhänge. Wenn auf einer dieser drei Ebenen eine Störung, eine Krankheit auftritt, hat das sofort auch Folgen für die anderen Ebenen. Ursachen und Wirkungen bedingen sich ständig gegenseitig – und deshalb ist es nicht die intelligenteste Methode, wenn eine physische Krankheit bloß auf der körperlichen Ebene behandelt wird. Ein Medizinsystem, das nur auf dem eindimensionalen Denken von Ursache und Wirkung beruht, wird deshalb – trotz seiner unbestrittenen Erfolge auf vielen Gebieten – kritisiert, weil es bei der Behandlung von Krankheiten die seelische und die geistige Dimension des Menschen kaum berücksichtigt.
Die moderne Medizin kann trotz ihrer Forschungserfolge, trotz Zigtausend hochwirksamer Medikamente aus den pharmazeutischen Fabriken und trotz einer großartigen Operationstechnik den Menschen nicht vor Krankheiten, Altern und Siechtum bewahren – sie scheint in ihrem eigenen goldenen Käfig gefangen zu sein. Selbst bei den sogenannten Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden, Krebs, Diabetes, Allergien, Ernährungsstörungen, Bluthochdruck und Demenz sind echte Heilungen nur bedingt möglich. Auch den immer häufigeren psychischen Leiden wie Ängsten, Depressionen und Suchterkrankungen stehen die Ärzte ziemlich hilflos gegenüber. Sehr häufig verbinden sich die psychischen Krankheiten mit den körperlichen – und dieser gefährlichen Kombination ist allein mit Medikamenten fast nicht beizukommen.
Eine besonders weit verbreiteter Nährboden für Krankheiten ist Stress. In diesem Zustand hat der Mensch den Urrhythmus seines Lebens verloren. Er ist nicht mehr Herr seines Handelns, glaubt aber, dass am eigenen Stress immer andere schuld sind, weil sie von ihm zu viel fordern. Damit entzieht er sich der Verantwortung fürs eigene Leben. Mit Medikamenten, Alkohol und anderen Drogen versucht er dann häufig, sein Leben zu meistern. Was er dabei vorübergehend als Befreiung vom Stress empfindet, sind in Wahrheit nur Fesseln, die ihn immer stärker in diesem Teufelskreis festbinden.
Viele Patienten werden vollgepumpt mit Medikamenten, deren Nebenwirkungen oft mehr Angst auslösen als die Krankheit selbst. Es ist bekannt, dass einer der Gründe für das finanzielle Desaster unseres Gesundheitswesens der zu leichtfertige Umgang mit teuren Medikamenten ist, die der Patient daheim wegwirft, weil ihn die Nebenwirkungen, die er im Beipackzettel liest, abschrecken.
Die meisten Menschen verlassen sich zu sehr auf ihren Arzt, wenn sie krank sind. Sie vertrauen ihm und den verabreichten Tabletten völlig. Mehr noch: sie liefern sich ihnen aus – und tun selbst fast nichts dazu, um wieder gesund zu werden. Dabei vergessen sie, dass das wirksamste Heilmittel in der spirituellen Kraft des Menschen selbst liegt: in seinen Selbstheilungskräften. Die muss er stärken, weil sie oft besser wirken als jede Arznei. Diese Kräfte entwickeln sich dann am leichtesten, wenn der Mensch seine Beziehungsfähigkeit wieder neu entfaltet.
Die Veräußerlichung unseres Lebens hat auch dazu geführt, dass wir eine Erkrankung einseitig als körperliches Leid betrachten, als Wunde, als Schmerz oder Tumor. Wir glauben, dass die Behandlung umso erfolgreicher ist, je besser der Arzt und sein technisches Instrumentarium sind und je wirksamer das verabreichte Medikament ist. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, weil die Zusammenhänge von Seele und Geist unberücksichtigt bleiben.
Dieses Defizit wird vor allem bei älteren Menschen zum Problem. Sie gelten als unnütz, als lästiger Kostenfaktor für das Gesundheitssystem – kein Wunder, dass die Altersheime »Gnadenhöfen« ähneln, wo die Senioren, die jahrzehntelang hart gearbeitet haben und zum Wohlstand der Gesellschaft beitrugen, ein ziemlich unwürdiger Lebensabend erwartet. Auf einmal scheinen die Alten wertlos zu sein. Dass ein im Leben gereifter Mensch eine Bereicherung für andere sein kann, wird höchstens noch in der Rolle als Opa und Oma oder als neue, attraktive Konsumentengruppe akzeptiert – ansonsten aber erweist unsere Ellenbogengesellschaft den Älteren wenig Respekt. Diese kommerzialisierte Einstellung degradiert den betagten Menschen nur noch zum teuren Versorgungsfall, der für die Gesellschaft nutzlos ist. Dabei wird gerne vergessen, dass jeder selbst alt wird und auf diese künftige Lebenssituation zugeht.

Der Mensch muss funktionieren

Niemand scheint sich daran zu stoßen, dass die Pflege alter und kranker Menschen ziemlich »entmenschlicht« verrichtet wird. Statt wärmender Zuwendung läuft ein überbürokratisiertes Behandlungsschema ab, bei dem jeder Handgriff mit der Stoppuhr dokumentiert werden muss – fehlt nur noch, dass der Mensch aufgrund seines inneren und äußeren Zustands in seinen Ausweis ein Verfalldatum eingedruckt bekommt. In der derzeitigen Diskussion um Kostensenkungen im Gesundheitswesen wird schon laut darüber nachgedacht, bei Menschen über 75 nur noch Schmerzen zu behandeln und ihnen, zum Beispiel, Ersatzzähne oder die künstliche Hüfte zu verweigern. Bei solchen Überlegungen blitzt durch, dass der unvermeidliche Sparkurs nicht nur radikal sein wird, sondern auch Tabus bricht. Es ist sogar zu befürchten, dass dann die »aktive Sterbehilfe« nicht nur unter pseudoethischen Aspekten diskutiert wird, sondern um in den Kliniken und Pflegeheimen Kosten zu sparen.
Man hat den Eindruck, dass in unseren Wohlstandsgesellschaften nur eines wichtig ist: Der Mensch, nicht nur der alte, muss »funktionieren«! Krankheiten, Schwächen, Behinderungen – sie werden lediglich als Mangel, als Defizit wahrgenommen. Aber der Mensch ist keine Maschine, die ununterbrochen fehlerfrei läuft. Selbst ganz normale Zustände, die im Laufe des natürlichen Älterwerdens auftreten, werden inzwischen zu Krankheiten erklärt und mit Medikamenten behandelt: Falten, die Wechseljahre der Frau, die nachlassende Libido der Männer, das allmähliche Abnehmen der körperlichen Leistungsfähigkeit.
Schon die Kinder müssen »funktionieren«. Als Lohn für ihr Wohlverhalten werden sie von den Eltern oft reich beschenkt – mit elektronischem Zeitvertreib, mit Designer-Klamotten und Schokoriegeln. Die Kinder werden behandelt wie kleine Erwachsene, damit sie möglichst reibungslos und angepasst in die Gesellschaft hineinwachsen. Leider verkümmert dabei die Seele. Nicht einmal die Fantasie der Kinder kann sich entwickeln, weil vielen von ihnen kaum noch Geschichten erzählt werden. Das gut gemeinte Märchen-Video kann diesen Mangel nicht ausgleichen, sondern trägt eher dazu bei, dass die kindliche Kreativität behindert wird. Es fehlt die echte Auseinandersetzung, die lebendige Kommunikation.
Die Erziehung von Kindern ist keine leichte Aufgabe – viele Eltern sind damit überfordert, weil sie selbst unter einem hohen Leistungsdruck stehen. Vielleicht ist dieser Stress sogar einer der Hauptgründe dafür, dass immer mehr Paare keinen Kinderwunsch haben. Aus Angst vor den Belastungen, die bei der Erziehung entstehen, verzichten sie gleich ganz auf Kinder. Eine solche Entscheidung bedeutet aber auch, dass sich die Gesellschaft nicht mehr regenerieren kann. Das ist gefährlich für die seelische und geistige Entwicklung im ganzen Land. Aber unsere Politik sieht – typisch für unser einseitig materielles Denken – den Hauptnachteil dieses demografischen Irrwegs nur darin, dass die halbierte Zahl der nachrückenden Generation in Zukunft nicht mehr genügend Geld erwirtschaften kann, um die staatlichen Sozialsysteme zu finanzieren.

Die Lüge von den Lebens-Mitteln

Der falsche Weg zeigt sich in fast allen Bereichen des Lebens. Bei der Nahrung wird stoffliches, seelisches und geistiges Gift unter dem Einfluss der Lobbys »legitimiert«. Die Angebote für Essen und Trinken sind zwar verführerisch verpackt, aber ihr Inhalt liegt häufig nahe an den Grenzwerten, die der Gesundheit gerade noch zugemutet werden dürfen. Künstliche Aromen, Farbstoffe, Geschmacksverstärker, Konservierungsmittel, gespritztes Obst und Getreide, schnell hochgemästetes Fleisch – die Liste der »vergifteten« Nahrung ist lang. In mancher Hühnersuppe ist vom echten Huhn überhaupt nichts mehr drin! Die meisten Menschen ahnen diesen Unfug, aber sie sehen sich der Realität ohnmächtig ausgeliefert – was bleibt ihnen anderes übrig, als mit ihrem knappen Geld im Supermarkt billig einzukaufen!
Dabei ist wahrscheinlich nicht entscheidend, wie hoch die Belastung der Lebensmittel mit den jeweiligen Schadstoffen ist – viel negativer wirkt sich aus, dass die Herstellung ohne jeden menschlichen Bezug erfolgt. Ein Brot, das mit den Händen erzeugt wird, enthält mehr als »nur« die von Maschinen zusammengemischten Bestandteile. Beim frischen Brot vom Bäcker kann man die »geistigen Zutaten«, die der Mensch in Form von Sorgfalt und Aufmerksamkeit hinzugefügt hat, sogar riechen und schmecken – wie auch bei all den anderen Erzeugnissen, die mit Freude bei der Arbeit entstanden sind. Ob es der Anbau von Pflanzen und Kräutern ist oder der achtsame Umgang mit Tieren, die Herstellung, Verpackung und Lagerung der Waren oder der Verkauf durch Menschen: Lebensmittel aus einer solchen Nahrungskette sind etwas anderes als technisch hergestellte Massenprodukte, auch wenn Analysen und Messungen scheinbar keine Unterschiede feststellen. Intuitiv spüren viele Menschen, dass die Billigprodukte aus dem Supermarkt Mogelpackungen sind – doch was tun, wenn der Geldbeutel schmal ist?

Erfahrungen als geistige Lebens-Mittel

Es gibt Lebens-Mittel, die nicht in den Regalen der Kaufmärkte liegen, sondern nur durch permanentes Lernen erreichbar sind: geistige Lebens-Mittel, Erfahrungen. In unserer materiellen Welt sind sie knapper als mancher Luxusartikel – kein Wunder, dass der Zugang zu ihnen so schwierig ist. Dabei könnten sie dem Menschen helfen, seine Gefühle kennenzulernen und mit ihnen umzugehen, die goldene Lebensregel vom rechten Maß zu verstehen, den für ihn richtigen Lebensrhythmus zu finden und sein Denken und Handeln in eine heilsame Ordnung zu bringen. Wenn man diese selbst gemachten Erfahrungen mit denen anderer Menschen in Beziehung setzt, lassen sich sogar viele eigene Defizite aufarbeiten – ein gutes Beispiel dafür sind die Selbsthilfegruppen der Anonymen Alkoholiker, wo die Möglichkeit einer dauerhaften Befreiung von der Sucht besonders hoch ist.

Die Unfähigkeit, Konflikte und Krisen zu bewältigen