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Paro Christine Bolam

LOVE TO CREATE

Befreie den Künstler in dir!

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Paro Christine Bolam

LOVE TO CREATE

Befreie den Künstler in dir

© 2014 Aurum

in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld

ISBN print 978-3-89901-802-8

ISBN eBook 978-3-89901-869-1

Lektorat: Viviane Korn

Gestaltung & Satz: Kerstin Fiebig, ad department, Bielefeld

Druck & Verarbeitung: Westermann Druck Zwickau

Zeichnungen: Paro Christine Bolam

Fotos im Innenteil: Paro Christine Bolam (Seite 16: Gabriele Leonardy)

(Mit freundlicher Genehmigung der abgebildeten Teilnehmer)

Foto der Autorin auf der Rückseite: Mathias Vietmeier

www.weltinnenraum.de

1. Auflage 2014

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Buch wurde auf 100% Altpapier gedruckt und ist alterungsbeständig. Weitere Informationen hierzu finden Sie unter www.weltinnenraum.de.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Allen Reisenden
im Land der Kreativität
.

Kunst ist zu wichtig,
um sie Professionellen zu überlassen
.

Michelle Shocked, Musikerin

Anmerkung: Den Untertitel „Befreie den Künstler in dir!“ habe ich nach langen Überlegungen gewählt, weil er so gut passt – obwohl von „dem Künstler“ und nicht von „der Künstlerin“ die Rede ist. Ich meine natürlich beides und wechsele im Rest des Buches locker zwischen der weiblichen und männlichen Form hin und her. Außerdem spreche ich die Leser und Leserinnen im Rest des Buches nicht mit „Du“, sondern mit „Sie“ an. Ich kenne Sie ja noch nicht. Das kann sich ändern, falls Sie zu einem meiner Kurse kommen – wo das „Du“ selbstverständlich ist.

Inhalt

Einführung

1. Ein Buch kreativ schreiben

2. Einladung zum Spielen

3. Praktische Hinweise

Ein Rückblick

1. Meine eigene Reise

2. Geschenke auf dem Weg

3. Jenseits von Richtig und Falsch

4. Weitergeben als kreativer Weg

Der schöpferische Weg

1. So-Sein

2. Zwiespalt

3. Von Anfang an kreativ

4. Kreativität freilegen

Die vierstufige Pyramide

1. Landkarten für die Reise

2. Vier Stufen – und die Null

Eine Stufe nach der anderen

Gegenwärtig sein

3. Teilnehmerinnen berichten

Stufe Null – ohne die es keine Pyramide gäbe

1. Null ist, wo der wahre Spaß beginnt

Alles und überall

2. Ein Loblied auf die Quelle

3. Lust

4. Sicherheit im Ungewissen

Loslassen

5. Kein „richtiger“ Weg

6. Zwei Übungen

7. Teilnehmerinnen berichten

Stufe Eins – Ich bin da

1. Ich bin da

Wirklich da sein

2. Segen und Fluch

3. Malen mit Wasserkopf

4. Das Jetzt einladen

5. Wild und gefährlich

6. Bekehrt und missioniert

7. Jäger mit Hund

8. Umschalten und neue Spuren legen

9. The Artist is present

You are present

10. Missverständnisse ausräumen

Einfach SEIN

11. Vier Übungen

12. Teilnehmerinnen berichten

Stufe Zwei – Ich drücke mich aus

1. Schöpfer sein

Spielen

2. Begegnung mit dem inneren Kind

Ihr inneres Sonnenkind

Eine innere Reise in das Wunderland der Kindheit

3. Was uns guttut, ist richtig

Unser inneres Wissen

4. Intuition

Frei

Eine Intuitionsübung

Immer nur der nächste Schritt

5. Love before Creating

Licht und Schatten

Ein Herz voller Liebe

6. Malen aus Liebe zu uns selbst

7. Vier Übungen

8. Teilnehmerinnen berichten

Stufe Drei – ich begegne mir selbst

1. Was soll ich malen?

2. Rebellen

3. Wir sind alle Genies

4. Grenzkontrolle

5. Blockaden erkennen und lösen

Fünf Schritte zum Umgang mit Blockaden

Der erste Schritt: Merken

Der zweite Schritt: Da-Sein

Der dritte Schritt: Spielen

Der vierte Schritt: Vertrauen

Der fünfte Schritt: Würdigen

6. Wirklich Künstler sein

7. Was ich beim Malen erlebte

8. Drei Übungen

9. Teilnehmerinnen berichten

Stufe Vier – überfließen & weitergeben

1. Die Gaben weitergeben

2. Was jetzt?

3. Achtsamkeit

4. Anfängergeist

5. Pyramide auf den Kopf gestellt

6. Aus dem Nähkästchen geplaudert

7. Wieder eine Illusion weniger

8. Vier Übungen

9. Teilnehmerinnen berichten

Anhang

Die Übungen im Überblick

Danksagungen

Weitermachen

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EINFÜHRUNG

1. Ein Buch kreativ schreiben

Mein erstes Buch über schöpferische Prozesse Kreativität – die Kunst, im Fluss zu sein schrieb ich vor fast zehn Jahren. Zehn Jahre, in denen ich mich von morgens bis abends mit Kreativität beschäftigt, unzählige Kurse geleitet, Artikel geschrieben, einen Film gemacht, Projekte anderer begleitet und immer mehr nach kreativen Prinzipien gelebt habe. Wenn ich mein altes Buch ansehe, gefällt es mir immer noch, aber inzwischen sind so viele Erkenntnisse, so viele Erfahrungen dazugekommen!

Die lebendigen kreativen Prozesse beim Malen, Schreiben, Unterrichten und im Leben haben mein Herz und meine Seele berührt. Sie haben mich geweckt, herausgefordert und berührt – so, wie sie das bei jedem tun. Und sie haben mir wie jedem, der sich auf sie einlässt, unendlich viel gegeben: neue Perspektiven und Erkenntnisse, Momente wahren Glücks, wachsende Freiheit und eine tiefe Annäherung an den eigenen Kern, die Quelle, aus der alles strömt.

Jetzt ist die letzte Auflage meines ersten Kreativitätsbuches ausverkauft, eine Neuauflage ist fällig. „Wie wäre es“, fragte der Verlag an, „die Chance zu nutzen und das Buch zu überarbeiten, ein paar Erweiterungen hinzuzufügen?“

Gute Idee! Ich las das Ganze noch einmal durch und begann, mir Notizen zu machen: Hier etwas streichen, dort etwas hinzufügen, und ich will unbedingt etwas über die vier Stufen und über Achtsamkeit sagen. Und einige Missverständnisse klären. Ein paar Skizzen müssten auch rein und ein paar Teilnehmerberichte und eine etwas andere Perspektive – eine, die meine Entwicklungen reflektiert. Die Ideen strömten, und fast alle erschienen erwägenswert. Eine Menge Stoff! Und wie bekomme ich das alles in das kleine Büchlein?

2. Einladung zum Spielen

Anfangs versuchte ich, wirklich „nur“ ein paar Erweiterungen einzufügen und mein erstes Buch möglichst intakt zu lassen. Ich hing an ihm, wie man oft an seinen Werken hängt. Man will sie schützen und erhalten. Man hat Angst, ein stimmiges Ergebnis aufzumischen, zu stören, zu erweitern. Das ist aber manchmal nötig – und kommt beim Malen und Schreiben ständig vor.

Immer wieder müssen wir uns von einer befriedigenden Vorstufe oder einem in sich stimmigen Endprodukt verabschieden und weitergehen – und dabei riskieren, alles Erreichte loszulassen, auf Sicherheiten zu verzichten, ins Nichts zu gehen.

Bei diesem Buch wollte ich das nicht so gerne tun. Ich schob die Entscheidung täglich vor mir her – bis ich eines Tages, als ich gerade in München einkaufen war, vor dieser Baustelle stand:

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Das Theater am Gärtnerplatz wird grundlegend saniert, links sind Reste der alten Fassade zu sehen, alles andere ist schon abgerissen. Ich stand davor, sah den Schutt und den entstandenen Freiraum. Sah die Leere hinter der Fassade, die Einladung, zu spielen und etwas völlig Neues zu erschaffen. Atmete einmal tief durch und spürte einen große Freude in mir. Mein Herz wurde weit und ich sah mich dasselbe mit meinem Buch tun.

Ja, so musste es gehen, dachte ich, so und nicht anders: Ich zupfe das alte Buch völlig auseinander und traue mich, in etwa vier Monaten (mehr Zeit hatte ich nicht mehr) eine völlig neue, aktuellere Konstruktion zu erschaffen. Ein, zwei alte Mauern dürfen vielleicht bleiben, doch der Bauplan ist neu und bietet Raum für neue Säle, Hallen, Spielbühnen, für verborgene Ebenen und Lagerhallen und für viele neue Stücke.

Ich war glücklich: Der Anblick einer Baustelle hatte den Mut und die Begeisterung in mir geweckt, über meine eng gesteckten Grenzen hinauszugehen und eine völlig neue Möglichkeit zuzulassen, eine, die ich vorher gar nicht erwogen hatte, weil sie noch nicht in meinem Blickfeld war.

Was mich ganz besonders anregte, war das Paradox: Ich hatte nur noch wenig Zeit, ein neues Manuskript abzuliefern, aber statt mich einzuschränken, nahm ich mir nun extra viel Raum für ein kreatives Abenteuer. Das „kreative Feld“ des neuen Buches hatte sich mir eröffnet und ich war eingetreten und fand es riesig, lebendig und mysteriös.

Und was das Wichtigste war: Es weckte in mir die tiefe Gewissheit, am richtigen Platz zu sein. Ich durfte einfach vertrauen. Kein Druck, keine Enge – nur Freude. Ich würde das Buch bis zum Abgabetermin fertig haben und auf dem Weg dorthin viele Abenteuer erleben. Meine Reiselust war geweckt und der schöpferische Prozess war zu einer Liebesbeziehung geworden, einer Verlockung, einem Geheimnis!

Was solche Momente so kostbar macht, ist das Gefühl, in etwas Wunderbares einbezogen zu sein, das sich wie ein erweiterter Teil von einem selbst anfühlt, wie ein offener und gleichzeitig geschützter Raum, ein Schwingungsfeld, das vor einer Minute noch nicht zu spüren war.

Dieser Raum, dieses Schwingungsfeld ist es, nach dem wir uns sehnen, wenn wir „endlich wieder kreativ sein“ wollen. Hier fühlen wir uns eins mit uns selbst und mit allem, was uns umgibt. Wir sind ganz und vollkommen, und alles, was sich durch uns ausdrückt, ist im Einklang mit unserem Fühlen und Sein. Ein Schritt entsteht aus dem anderen – ohne Zögern, ohne Kampf. Eine Äußerung folgt der anderen, durchströmt uns und findet ihre Form.

Auch „dunkle, schwere“ Inhalte und Gefühle, auch Freude, auch Begeisterung oder Angst – hier hat alles seinen Platz, in uns selbst und in unserem Ausdruck. Wer wir sind und was sich durch uns ausdrückt, ist Teil desselben Stroms. Es entstammt derselben Quelle.

Mit diesem Buch möchte ich Sie an diesen schöpferischen Raum erinnern und klarmachen, dass er schon immer Ihr Zuhause ist. Ich möchte aufzeigen, welche Missverständnisse und falschen Vorstellungen Sie davon abhalten, die Pforten und Tore zu nutzen, die Ihnen großzügig Zugang zu ihm gewähren, und welche Illusionen Sie davon abhalten zu erkennen, dass dieser Raum jetzt – in diesem Moment – auf Sie wartet. Und ich möchte Sie ermutigen, den kreativen Raum immer wieder bewusst zu betreten und sich selbst als den Schöpfer zu erleben, der Sie immer sind und immer waren.

3. Praktische Hinweise

Wundern Sie sich nicht, dass es in diesem Buch zuerst viele Seiten lang um die schöpferische Quelle, das Da-Sein und Ihre eigene Präsenz geht, bevor ich irgendwann Hinweise zum Malen und zum kreativen Tun überhaupt gebe. Aus meiner Sicht sind unsere Präsenz, unsere Achtsamkeit, unsere Abenteuerlust und unser Mut, ins Nichts zu gehen, beim Malen mindestens genauso wichtig wie Farbe, Pinsel, Papier – wahrscheinlich wichtiger. Sie sind die eigentliche Grundlage für wahre, echte Schöpfungen. Und weil genau diese Aspekte meistens zu kurz kommen – oder gar nicht beachtet werden –, erhalten sie hier besonders viel Raum. Das ist mir wichtig, und ich denke, Sie werden merken, warum!

Sollten Sie zwischendurch den Drang haben, zu Farbe und Pinsel zu greifen, blättern Sie einfach vor zum Ende des Buches: Dort gibt es eine ausführliche Liste aller Übungen, die in den verschiedenen Kapiteln vorkommen. Wählen Sie die Übung, die gerade für Sie passt – und dann legen Sie einfach los. Und wenn der Malfluss stoppt, lesen Sie, was ich über kreative Blockaden und den Umgang mit ihnen geschrieben habe. Nutzen Sie das Buch auf Ihre eigene, individuelle Weise, folgen Sie Ihrer Intuition, vertrauen Sie Ihrer Lust und beginnen Sie, Ihre eigene kreative Kompetenz wiederzugewinnen.

Beim Lesen werden Sie vielleicht merken, dass ich einige Kernthemen mehrmals anspreche. Ich wiederhole mich, komme an verschiedenen Stellen des Buches auf die gleichen Erkenntnisse zurück, betrachte sie mal aus dieser, mal aus jener Perspektive. Mir kommt meine Schreibweise vor wie ein spiralförmiger Tanz – wie das Leben, das uns auch dieselben Erkenntnisse immer wieder serviert, jedes Mal auf etwas andere Weise, bis wir sie verstanden haben. Sie können beim Lesen also einfach entspannen und darauf vertrauen, dass alles, was Sie nicht gleich verstehen, an anderer Stelle noch einmal aufgegriffen und auf andere Weise beschrieben und erklärt wird.

Außerdem verwende ich gerne Bilder, Modelle, Metaphern und Geschichten, die dazu beitragen können, das Erklärte plastisch und fühlbar zu machen. Und da fast alles, was ich erzähle, auf meinen eigenen Erfahrungen beruht, werde ich viele eigene Erlebnisse und Geschichten einbringen.

Am Ende eines jeden Kapitels (und manchmal auch zwischendurch) stelle ich ein paar Übungen1 vor, die Ihnen die Möglichkeit geben, eigene Erfahrungen zu machen und vielleicht ein Aha-Erlebnis zu haben: einen jener Momente, in dem alles in Ihnen in Resonanz fällt mit einer Bedeutung, die der Kopf nicht verstehen kann und muss, an der er sich aber erfreuen kann. Wie mein Moment vor der Baustelle in München.

1) Im Anhang finden Sie eine Liste aller Übungen.

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EIN RÜCKBLICK

1. Meine eigene Reise

Meine eigene kreative Reise hatte viele Gipfel und noch mehr dunkle Täler, sie begann mit Irrwegen, Umwegen, Abwegen und belohnte mich schließlich nach vielen Jahren mit überraschenden Erkenntnissen und heilenden Erfahrungen, die mein ganzes Leben umkrempelten. Hier ein Auszug aus meinem ersten Buch über Kreativität:

Schon als ich klein war, wollte ich Künstlerin werden. Keiner malte so schön wie ich, keiner erzählte spannendere Geschichten, entwarf lustigere Theateraufführungen und nähte ungewöhnlichere Puppenkleider. Eltern und Erwachsene lobten mich und stellten mich den anderen Kindern als Vorbild hin. In der Schule ging das so weiter.

Fast alle Lehrer sagten mir eine schöpferische Karriere voraus. Sie sahen mich schon als Malerin, Journalistin, Schriftstellerin oder am Theater und überzeugten mich, dass ich sehr begabt sei. Nach dem Abitur gab ich meine Mappe an einer Kunstschule ab, bestand die Prüfung mit Leichtigkeit und meinem weiteren Werdegang schien nichts mehr im Wege zu stehen.

Doch anstatt zu lernen und aufzublühen, wurde ich immer verwirrter. Die Dozenten schienen zu wissen, was wirklich Kunst war und was nicht. Sie beurteilten meine Werke anhand geheimer Maßstäbe von Gut oder Schlecht, Richtig oder Falsch, die ich nicht verstand. Ich bemühte mich, irgendeine Gesetzmäßigkeit hinter ihren Urteilen zu entdecken, um endlich alles richtig zu machen und eine gute Künstlerin zu werden. Wie ich es in der Schule gelernt hatte, arbeitete ich auch hier für gute Zensuren und entfernte mich immer weiter von mir selbst und meinem Zugang zur Quelle der Schöpfung.

Mir war nicht bewusst, dass ich meine Kreativität von Kindheit an den kritischen Augen der anderen geopfert hatte. Meine Bilder mussten aufgehängt und meine Gedichte gelobt werden. Meine Kreativität musste mir von anderen bestätigt werden. So kannte ich es und so brauchte ich es. Fremde Maßstäbe entschieden über den Wert meiner Schöpfungen. Ich war vollkommen abhängig vom Wohlwollen meines Publikums, und als mir dieses Wohlwollen an der Kunstschule nicht mehr automatisch zuflog, zweifelte ich an mir selbst, meiner Begabung, meiner Lernfähigkeit und meinem geplanten künstlerischen Lebensweg. Nach zwei Jahren packte ich meine Sachen, gab meine Wohnung auf und verließ die Schule, ohne mich zu verabschieden.

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Erst Jahre später wurde mir klar, dass all die offensichtlichen und – mehr noch – die verborgenen Ansprüche meiner Umwelt und meines eigenen Denkens meine schöpferische Natur so massiv unterdrückt hatten, dass ihr kein Spielraum mehr blieb. Mein Verständnis von Kreativität war mir zum Gefängnis geworden, und ich musste eine völlig neue Sicht erwerben, um wieder frei zu werden.2

2. Geschenke auf dem Weg

Die neue Sichtweise brauchte ein ganzes, buntes Leben, um sich zu bilden. Ich machte Umwege, die – im Rückblick – gar keine Umwege waren, sondern die richtigen Schritte, um mich selbst besser zu verstehen und mein Denken von alten Vorstellungen und Einschränkungen zu befreien.

Ich lernte bei Heilern und Weisen, entdeckte Meditation und Psychotherapie und arbeitete später mit beiden. Ich hatte eine Praxis, gab Kurse, ging meinen eigenen kreativen Weg der Heilung. Manchmal malte ich ein kleines Bild, schrieb ein kleines Gedicht, beglückte Freunde und Familie mit meinen Erzeugnissen. Doch jeder Versuch, länger dranzubleiben, mehr zu malen, ein Buch zu schreiben, scheiterte. Ich erlebte mich als immens kreativ – aber irgendwo war und blieb der Wurm drin.

Im Rückblick war die Schöpfungskraft auch in schwierigen Zeiten immer präsent. Sie verbarg sich in Hindernissen und schmerzhaften Krisen, die mich zwangen, mehr Freiheit in mein Leben zu lassen. Sie sprach zu mir aus Büchern und morgens, kurz vor dem Erwachen, aus Träumen. Sie schickte mir Erlebnisse, die plötzlich eine Tür öffneten, und sandte mir Boten, die in mein Leben schneiten und mich verwandelt zurückließen. Sie arrangierte Begegnungen wie im Winter des Jahres 2000, als ich auf einem Kongress im oberbayerischen Garmisch einen Vortrag der französischen Malerin Michele Cassou hörte.

Manchmal genügt ein einziges Puzzlestück, um eine beliebig erscheinende Sammlung von Informationen und Erfahrungen zu einem großen Ganzen zusammenzufügen. Der Vortrag war dieses Puzzlestück in Bezug auf mein Verständnis von Kreativität.

Schon bald übersetzte ich Micheles Cassous Buch, das sie in ihrem Vortrag vorgestellt hatte, und begann seit langem wieder, regelmäßig zu malen. Ich malte ein Bild, dann das nächste und noch eins. Oder richtiger: Ich malte einfach, und der schöpferische Strom trug mich von Bild zu Bild, von Ausdruck zu Ausdruck und immer weiter.

Ein Tor zum kreativen Raum hat sich geöffnet, vor dem ich viele hundert Male umkehren musste und vor dem ich auch meine Seminarteilnehmer immer wieder stehen sehe. Mein jahrelanges Ringen mit der schöpferischen Kraft, meine Frustrationen, meine Hilflosigkeit – all das fiel plötzlich in einen größeren Zusammenhang, und ich konnte das Weben der Schöpfung in allem erkennen. Ich spürte ihre Einladung, zu spielen, zu malen und zu schreiben, ohne gleich zu wissen, was am Ende herauskommen würde, ja, ohne dass es „Kunst“ werden musste.3

3. Jenseits von Richtig und Falsch

Die Erfahrung, was Kreativität wirklich bedeutet und wie schöpferische Prozesse funktionieren, gab meinem ganzen Leben einen tieferen Sinn. Endlich konnte ich erkennen, dass mein Scheitern in der Kunstwelt nicht auf mangelnder Begabung oder irgendeinem Makel beruhte, sondern nur auf lauter Missverständnissen. Und fast alles, was ich auch später über Kunst und Kreativität gelernt hatte, war nicht nur nutzlos und kompliziert – es hatte mich konkret daran gehindert, in Fluss zu kommen, Kreativität zu leben, die Künstlerin zu sein, die ich bin. Und ich war nicht die Einzige!

Plötzlich konnte ich sehen, wie stark die meisten Menschen – auch viele aktiv schaffende Künstlerinnen – von falschen Vorstellungen über das Wesen schöpferischer Prozesse eingeschränkt und behindert werden. Viele dieser Vorstellungen scheinen wie die Zehn Gebote in Stein gemeißelt zu sein, unumstößlich und absolut. Sie setzen der Kreativität feste Grenzen, bestimmen, was erlaubt ist und was nicht, was Kunst ist und was nicht, was richtig, schön, kreativ ist und was nicht.

Mein Versuch, mich mit diesen Regeln und Gesetzen zu arrangieren, war schon am Anfang meiner Künstlerlaufbahn fehlgeschlagen und ich sehnte mich seitdem danach, einen anderen Weg zu finden. Und nun war plötzlich klar: Ich musste die Gesetzestafeln sprengen und an den Trümmern vorbei ins Ungewisse gehen. Jenseits von Richtig und Falsch wartet das Ungewisse, das uns immer wieder Angst macht. Hier gibt es keine ehernen Gesetze – nur unsere Spielfreude, unsere schöpferische Neugier, unsere Intuition, unser tapferes Herz. Ihnen wieder vertrauen zu lernen, ist unsere wichtigste Aufgabe auf dem kreativen Weg; ohne sie fühlen wir uns allzu leicht vollkommen richtungslos und verloren, ohne jede Sicherheit – oder richtiger: ohne die übliche Scheinsicherheit.

Sicherheit ist größtenteils ein Aberglaube.
Es gibt keine Sicherheit in der Natur.