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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

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Und was am schönsten ist an der Hypnose, ist,
dass Sie im Trancezustand es wagen können,
Dinge anzuschauen,
zu überdenken, zu sehen und zu fühlen,
was Sie im gewohnten Wachzustand nicht tun würden.
 
Milton Erickson

Vorwort
Ein Mann hält seine Hand in einen Eimer Wasser. Das Wasser ist kalt. Eiskalt. Es vergehen zehn Sekunden. Zwanzig Sekunden. Eine Minute. Eine weitere Minute. Der Mann scheint die Eiseskälte nicht zu spüren. Er liegt völlig entspannt auf einer Liege und schaut seelenruhig auf seine Hand. Er würde noch minutenlang weiter seine Hand ins Eiswasser halten, wenn der neben ihm sitzende Arzt das Experiment nicht beenden und ihn aus der Hypnose zurückführen würde.
Ja sicher habe er das Wasser mit den Eiswürfeln an seiner Hand gespürt, berichtet der Mann anschließend, aber Kälte? Nein, die habe er nicht wahrgenommen. Der Arzt bestätigt, dass auch der Blutdruck, der Herzschlag und die Atemfrequenz des Mannes während der Hypnose weiterhin auf Normalniveau geblieben sind.
Ohne Hypnose dagegen vermochte der Mann die Kälte des Eiswassers nur dreißig Sekunden lang zu ertragen, und sein Blutdruck, sein Herzschlag und die Atemfrequenz reagierten auf diesen körperlichen Stress deutlich erhöht.
 
Anfang 2006 zeigte das MDR-Fernsehen in seinem Wissenschaftsmagazin »Echt!« dieses Hypnose-Experiment. Mittlerweile vergeht kaum eine Woche, in der nicht über die hilfreiche Wirkung der Klinischen Hypnose in seriösen Medien berichtet wird.
Vom wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP), dem Gutachtergremium von Bundesärztekammer und Bundespsychotherapeutenkammer für die wissenschaftliche Anerkennung von Psychotherapieverfahren, wurde die Hypnotherapie im März 2006 als psychotherapeutische Methode für die Behandlung einer Vielzahl von Schmerzproblemen und von Suchtverhalten (insbesondere zur Raucherentwöhnung) wissenschaftlich anerkannt.
Als ich Mitte der 1990er-Jahre zu meiner verhaltenstherapeutischen Ausbildung auch noch eine hypnotherapeutische Ausbildung absolvierte, wurde die Hypnose im öffentlichen Bewusstsein noch sehr stark mit Esoterik, Zauberei und Magie in Verbindung gebracht. Der »Normalbürger« erlebte die Hypnose mehr als Bühnenvorstellung in Fernsehshows, Diskotheken, Freizeitparks usw. denn als seriöses klinisches Verfahren zur Überwindung von körperlichen oder psychischen Problemen. Das hat sich in den vergangenen Jahren deutlich geändert. Immer mehr Ärzte, Zahnärzte und Psychologen erlernen hypnosetherapeutische Techniken und setzen sie in ihren Berufsfeldern mit zunehmendem Erfolg ein.
Mit diesem Buch möchte ich einen Einblick in die hypnotherapeutische Arbeit in einer psychotherapeutischen Praxis geben. Wie ich persönlich als Verhaltenstherapeutin zu dieser besonderen Therapieform kam, wie sich Hypnose und Hypnotherapie (auch Hypnose-Therapie genannt) theoretisch erklären und welche grundlegenden Verfahren die Therapie bestimmen, erfahren Sie in den ersten drei Kapiteln dieses Buches. Die nachfolgenden Kapitel bilden den Hauptteil des Buches. Darin beschreibe und erkläre ich anhand konkreter Fälle aus der Praxis die therapeutische Arbeit mit Hypnose bei Angst, Panik, Depression, psychisch bedingtem Schmerz und Stimmverlust, Erektionsstörungen und Übergewicht. Eine Extrastellung nimmt die hypnotherapeutische Unterstützung einer an Krebs erkrankten Patientin ein.
Auch wenn die Fallgeschichten jeweils in sich abgeschlossen sind, bauen die einzelnen Kapitel insofern aufeinander auf, als ich die verschiedenen hypnotherapeutischen Techniken nur jeweils einmal ausführlich beschreibe. Die kursiv gesetzten Textpassagen sind die von mir gesprochenen Hypnosetexte.
Hypnotherapie ist kein Wundermittel, das von heute auf morgen jahrelang bestehende psychische Probleme heilt. Aber sie ist ein effizientes psychotherapeutisches Verfahren mit einer relativ hohen Erfolgsquote, was ich mit den beschriebenen Fällen darlegen möchte.
Natürlich sind die Daten und bestimmte Fallumstände der Patienten so verändert, dass von Dritten keine Rückschlüsse auf konkrete Personen gezogen werden können. Den betroffenen Patientinnen und Patienten danke ich sehr für ihre Bereitschaft, ihre Fallgeschichten veröffentlicht zu sehen. Ohne sie hätte dieses Buch nie entstehen können. Sie sind die Hauptpersonen.
Irina Schlicht

Kapitel 1
Warum Hypnose?
 
 
Das Telefon klingelte. Als ich abnahm und meinen Namen sagte, hörte ich nur ein Knacken und Rauschen in der Leitung, so als würde jemand irgendwo ganz weit entfernt eine Verbindung zu mir aufbauen wollen. Ich rief ein lautes Hallo in den Apparat, hörte aber nur mein Echo. Es knackte und rauschte weiter. Eine Stimme vernahm ich nicht. Ich rief noch mehrere Male »Hallo?« in den Apparat, und gerade als ich auflegen wollte, hörte ich die Stimme meiner Tochter: »Mama, die Verbindung ist so schlecht, ich hör dich kaum. Kannst du mich verstehen?« Sie wartete meine Antwort gar nicht ab und sprach einfach weiter, als ob sie befürchtete, dass die Leitung gleich zusammenbrechen werde. »Mama, ist das okay, wenn ich ein Kätzchen mitbringe?« Ich schluckte. »Ja, Mama, ich weiß, du magst Katzen nicht wirklich, aber Rocío hat mir eine zum Abschied geschenkt, damit ich immer eine Erinnerung behalte, und die ist auch ganz niedlich, noch ganz klein, erst vier Wochen alt, also eigentlich ist es ein Kater, und sie haben auch schon alle Impfungen mit ihm gemacht, damit er mit nach Deutschland kann, und du weißt doch, wie teuer das für sie hier ist. Bitte Mama, sag jetzt nicht nein.« Es knackte ganz laut in der Leitung, und bevor ich eine Antwort geben konnte, brach die Verbindung ab.
Ein Kätzchen wollte meine 16-jährige Tochter von ihrem einjährigen Austauschjahr in Ecuador mitbringen. Ein Kätzchen. Ein Kätzchen, das dann irgendwann richtig groß sein würde, eine ausgewachsene Katze, mit der ich zusammenleben sollte – ich musste mich setzen und tief durchatmen. Denn seit ich zurückdenken konnte, litt ich unter einer Katzenphobie. Katzen machten mir Angst, dass mir der Schweiß in den Achseln ausbrach, das Herz wild klopfte und der Magen sich verkrampfte. Strichen sie um meine Beine, weil ich sie nicht rechtzeitig bemerkt und mich nicht vor ihnen in Sicherheit gebracht hatte, ergriff mich Panik. Sprangen sie gar an meinem Bein hoch oder versuchten, es sich auf meinem Schoß gemütlich zu machen, konnte ich nicht anders als laut schreien und wegrennen, als würde ich gerade von einem wilden Raubtier angegriffen.
Schon in meinem ersten Lebensjahr – so wurde mir von meiner alten Tante Urschi berichtet – hätte ich wie am Spieß geschrien, nachdem sie mir ein samtig weiches Fellstofftierchen in die Hand gegeben hatte. Ich hätte das Stofftierchen sofort fallen gelassen und es weiter schreiend mit aufgerissenen Augen unentwegt angeschaut, so als erwartete ich, dass es mich gleich anspringen würde. Beruhigt hätte ich mich erst, als das Stofftierchen außer Sichtweite war.
Tante Urschi ging der Sache auf den Grund und fand mein Trauma heraus. In meinen ersten drei Lebensmonaten hatte sich Senta, während ich draußen im Garten schlief, häufig mit ihren Vorderpfoten auf den Rand meines Körbchens gestützt und mit ihrem klobigen Kopf zu mir hineingeglotzt, so dass ich mitsamt dem Körbchen umgefallen war. Nun lag ich auf dem frühlingsfeuchten Rasen im Garten und schrie, bis mich meine Mutter hörte und rettete. Nein – Senta war keine Katze. Senta war eine ausgewachsene Schäferhündin, die schließlich weggegeben wurde, damit ich nicht noch mehr blaue Flecken davontrug, während ich die frische Luft im Garten atmete. Die blauen Flecken heilten schnell ab, meine Haut wurde wieder babyhaft rosa, aber das Erschrecken in der Seele blieb. Jede dem Schäferhund auch nur annähernd ähnliche Fellstruktur löste Angst in mir aus.
Was war passiert?
Sie haben vielleicht schon einmal etwas von den Experimenten des russischen Physiologen Iwan Pawlow gehört, »die Geschichte mit den Hunden, der Wurst, der Glocke und dem Speichelfluss«, wie eine meiner Patientinnen einmal bündig das Ergebnis zusammenfasste. Pawlow (1849-1936) interessierte sich intensiv für die Physiologie der Verdauung und forschte dazu Anfang des 20. Jahrhunderts über den Speichelfluss bei Hunden. Dabei entdeckte er eher zufällig, dass den Hunden der Speichel nicht nur beim Geruch einer Salamiwurst im Maul zusammenlief, sondern dass auch ein ganz neutraler Glockenton den Speichelfluss erzeugen konnte, vorausgesetzt, der Glockenton war den Hunden vorher mehrere Male gemeinsam mit der Wurst präsentiert worden. Der Glockenton wurde also zum Auslöser, zum sogenannten konditionierten Reiz, für eine ursprünglich natürliche, reflexartige Reaktion. Damit hatte der Physiologe Pawlow das klassische Konditionieren entdeckt, eine der drei wesentlichen Formen des Lernens.
Was haben nun Pawlows Hunde-Experimente mit Sentas ungestümen Bewegungen an meinem Babykorb zu tun?
Nun – ein Baby, das friedlich schlummernd oder ruhend plötzlich aus seinem Körbchen herausfällt, erschrickt natürlich. Diese Schreckreaktion ist eine natürliche, reflexartige Reaktion auf eine plötzliche Bewegung von außen oder das Erleben von Schmerz. Der Körper hat Gefahr wahrgenommen, und sofort wird dieser Wahrnehmungsimpuls an das Zwischenhirn geleitet und löst dort Angst aus, was wiederum ein menschheitsgeschichtlich uraltes Programm im Körper in Bewegung setzt, das sogenannte allgemeine Anpassungssyndrom: Über die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin erhöht sich der Herzschlag, und die Blutfett- und Blutzuckerwerte steigen. Die roten Blutkörperchen, die den Sauerstoff im Blut transportieren, vermehren sich. Die Atmung wird schneller, damit mehr Sauerstoff aufgenommen werden kann. Der erhöhte Herzschlag transportiert das sauerstoffangereicherte Blut schneller in alle Bereiche des Körpers. Hydrocortison unterbindet die Energie verbrauchenden Eigenaktivitäten des Körpers wie zum Beispiel die Verdauung und die Sexualfunktionen. Der gesamte Körper stellt in Bruchteilen von Sekunden maximale Energie für eine extreme Muskelleistung bereit, um der Gefahr mit Flucht oder Kampf adäquat zu begegnen.
Ganz sicher werde ich damals von Angst getrieben mit meinen Ärmchen wild in der Luft herumgefuchtelt haben und dabei mit Sentas Fell in Berührung gekommen sein. Dieses dichte, kurze Fell wurde dann durch die wiederholten Begegnungen zum konditionierten Reiz, das heißt, ich brauchte gar nicht mehr plötzlich aus dem Körbchen zu fallen, allein die Berührung von Fell bedeutete Gefahr und löste Angst und damit den physiologischen Alarmzustand aus.
Über die Jahre hatte ich ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten entwickelt. Pelzmäntel fasste ich nicht an. Sah ich Hunde mit dichtem Fell, wechselte ich die Straßenseite. Freunde, die Katzen besaßen, traf ich im Lokal.
Micifus – in der Indio-Sprache Quechua steht dieser Name für »Kätzchen« – war ein rötlich gestreiftes, quirliges Wollknäuel, das mühelos auf einer Handfläche Platz fand und ohne Zweifel niedlich war. Von fern. Sobald er sich mir näherte, um meine Beine strich, auf meinen Schoß sprang oder gar an meinen Hosenbeinen bis zum Bund hochsauste, litt ich Qualen. Ein Teil meines Gehirns konnte mir noch so vernünftig zureden, dass dies nur ein kleines, harmloses, verspieltes Kätzchen und ich natürlich stärker und jeder Auseinandersetzung mühelos gewachsen sei, der andere Teil meines Gehirns war völlig davon überzeugt, dass es mir gleich an den Kragen gehen würde, und entsprechend war mein Körper auf Hochtouren geschaltet. Zwei Wochen hatte ich mir als Frist gesetzt, diese in der Verhaltenstherapie für begrenzte Phobien durchaus erfolgreiche Form der Expositionstherapie auszuhalten.
Die Verhaltenstherapie geht von der Grundidee aus, dass alles Verhalten gelernt sei. Egal ob wir eine Fremdsprache beherrschen, beim Autofahren bei Rot auf die Bremse treten, uns selber für hoffnungslose Versager halten und deswegen nur noch depressiv den Kopf in den Sand stecken oder ob wir Angst vor Katzen haben, jede dieser Verhaltensweisen ist gelernt. Wenn nun alles gelernt ist, dann – so sagen die Verhaltenstherapeuten – kann das Problemverhalten auch wieder verlernt werden. Der Depressive kann also lernen, eine andere Meinung von sich zu haben, und aus der inaktiven Opferhaltung herauskommen. Der Phobiker kann lernen, dass das Objekt, vor dem er Angst hat (Katzen, Spinnen, Mäuse usw.), oder die Situation, die ihn in Schrecken versetzt (im Flugzeug fliegen, mit dem ICE fahren, eine Rede halten usw.), gar nicht so schlimm und die Angst völlig irrational ist.
Die Expositionstherapie setzt den Patienten dem angsterregenden Reiz aus; entweder in der Vorstellung (= in sensu) oder in der Realität (= in vivo). So stellt sich der Höhenängstliche zum Beispiel vor, dass er einen Turm besteigt, oder der Spinnenphobiker erlebt die Spinnen live usw. Dabei kann man in unterschiedlichen Dosierungen vorgehen.
Bei der systematischen Desensibilisierung wird dem Patienten so lange der Angst auslösende Reiz in kleinen Dosierungen »verabreicht«, bis er diesem angstfrei begegnen kann. Derjenige, der Panikattacken beim U-Bahn-Fahren erlebt, wird also beispielsweise erst einmal bis zum Bahnhof gehen, dann auf den Bahnsteigen die einfahrenden und abfahrenden Züge beobachten, eine, zwei, drei Stationen fahren und erst, wenn er diese verschiedenen Stufen ohne Angst beherrscht, eine längere U-Bahn-Fahrt unternehmen.
Bei der Reizüberflutung (auch flooding genannt, vom englischen Wort für überfluten) wird der Patient sofort dem bedrohlichen Reiz in höchster Dosierung ausgesetzt. Der Mäusephobiker wird in einen kleinen, völlig kahlen Raum gesperrt, in dem ein halbes Dutzend oder mehr Mäuse herumflitzen, und da es noch nicht einmal einen Stuhl gibt, auf den er steigen könnte, um sich in Sicherheit zu bringen, muss er es auch ertragen, dass die Mäuse über seine Füße rennen oder vielleicht gar an seinen Beinen hochlaufen. Hinter dieser brachialen Methode steht die Erkenntnis, dass der menschliche Körper im Allgemeinen nicht länger als eine halbe Stunde die Symptome äußerster Erregung produzieren kann. Das heißt, der Patient erlebt eine halbe Stunde extreme Panik, und dann schaltet sein Alarmsystem plötzlich ab, weil der Körper dieses hohe Energieniveau nicht mehr halten kann. In diesem Moment ist der Patient angstfrei, auch wenn sich vielleicht gerade eine Maus an seiner Hosentasche festkrallt, und so erlebt er das erste Mal relative Ruhe, obwohl er mit seinem bisherigen Angstobjekt auf engstem Raum eingesperrt ist. Diese Erfahrung ist so eindringlich, dass der Phobiker dadurch seine Angst überwindet – sagen die Therapeuten dieser Schule.
 
Die ersten Tage lebte ich in höchster Alarmbereitschaft, wenn ich mit Micifus im selben Raum war. So reizend es hätte sein können, ihm zuzusehen, wie er mit seinen kleinen Pfötchen einen Tischtennisball vor sich hertreibend durch die Wohnung raste – ich schwitzte, wurde kurzatmig und hatte starkes Herzklopfen, als ob ich pausenlos durch die Wohnung rennen würde.
Aber allmählich ließ die Angst nach, und nach zwei Wochen konnte ich sogar schon kurz mit dem Zeigefinger über sein Fell streichen, ohne in Panik auszubrechen. Ich gewöhnte mich an ihn, vermied zwar weiterhin, dass er sich auf meinem Schoß einrollte oder um meine nackten Beine strich, hatte aber ganz offenbar mit dieser längeren Expositionsphase die schlimmsten Ausprägungen meiner Katzenphobie überwunden – glaubte ich zumindest.
Drei Wochen Urlaub im sonnigen Süden, drei Wochen Urlaub von Micifus – und das Angstdrama wiederholte sich. Kaum sah ich ihn wieder, litt ich erneut unter all den schon überwunden geglaubten Angstsymptomen. Der Anpassungsprozess dauerte dieses Mal nur drei Tage, aber ich wusste nun, geheilt war ich nicht, vielmehr hatte ich die Angst nur durch Gewöhnung unter Kontrolle. Die Verbindung zur Amygdala, dem Angstzentrum im Gehirn, war augenscheinlich durch die Expositionstherapie nicht verändert worden. Einen weiteren Beweis lieferten der Besuch bei meiner Freundin Kathrin und die Begegnung mit ihren beiden wilden Lieblingen Simba und Samba, zwei ausgewachsenen Siamkatzen. Kathrin nahm es mir Gott sei Dank nicht übel, als ich nach wenigen Minuten fluchtartig ihre Wohnung verließ.
Ganz offenbar hatte mich die verhaltenstherapeutisch orientierte Exposition nicht von meiner Katzenphobie befreien können. Gegenüber Micifus blieb ich nur angstfrei, wenn ich ihn täglich erlebte, und andere Katzen jagten mir immer noch wie zuvor den gleichen tiefen Schrecken ein und lösten Panik bei mir aus.
Erst durch eine Hypnose-Sitzung bei einer Kollegin vollzog sich die grundlegende Veränderung, die Veränderung auf der tieferen Ebene, die mich von da an gegenüber allen Katzen und sonstigen Felltieren und -objekten ruhig bleiben ließ.
Ich lag tief entspannt auf einer Liege, mir war angenehm warm, mein Körper fühlte sich ganz leicht an, meine Arme spürte ich schon gar nicht mehr, mein Kopf war licht und klar, Gedanken waren ganz unwichtig geworden. Meine Kollegin hatte mich mit ihrer warmen, ruhigen Stimme in einen wohltuenden Trancezustand geleitet. Mich erreichten ihre Worte, ohne dass ich mich auf sie konzentrieren musste, und so segelte ich ganz gelöst und frei auf einer weißen Wolke ruhig dahin und schaute von oben im milden Sonnenschein auf eine Lichtung, wo unter einer Birke ein weißes Kätzchen im grünen Gras ruhte. Während ich auf der Wolke ganz langsam und in gebührender Entfernung niederschwebte, betrachtete ich das Kätzchen voll innerer Ruhe. Es schien mir zuzublinzeln, aber vielleicht war das auch nur eine Einbildung. Jedenfalls erlebte ich mich, geführt von den behutsamen Worten meiner Kollegin, wie ich am Boden angekommen von meiner kleinen Wolke abstieg und ganz langsam und entspannt, mit tiefer innerer Gelassenheit auf das weiße Kätzchen zuging und mich direkt neben ihm hinsetzte. Ich fühlte mich immer noch ganz leicht, war sicher und ruhig, und so saßen wir beide da und genossen in trauter Gemeinsamkeit die Sonne, die Luft, die Natur. Es war wie selbstverständlich, dass das Kätzchen sich erhob, sich dehnte und streckte, wie Katzen es so gerne tun, zart und samtig ihre Vorderpfötchen auf meinem Bein abstützte, um dann mit einem kleinen Satz auf meinen Schoß zu springen und sich einzukuscheln. Ich empfand nur wohlige Wärme, Entspannung und Gelassenheit und spürte, wie meine Hand ganz friedlich über das seidige Fell strich. Die Suggestionen, die mir meine Kollegin noch auf den Weg mitgab, nahm ich nicht bewusst wahr, doch nachdem sie mich wieder aus dem Trancezustand herausgeleitet hatte, blieb in mir dieses friedliche Bild eines Kätzchens auf meinem Schoß, was mich mit Ruhe und Gelassenheit erfüllte.
 
Nichts ist überzeugender als die persönliche Erfahrung. Sie ermutigt uns, den Sprung in einen völlig neuen Bereich zu wagen. War ich bis dahin eine brave Verhaltenstherapeutin gewesen, machte ich nun mit Enthusiasmus eine Ausbildung in klassischer Hypnose und erlernte anschließend die Hypnotherapie nach Milton Erickson.
Seitdem arbeite ich in meiner Praxis mit hypnotherapeutischen Methoden. Mich begeistert nicht nur die Vielfalt an psychotherapeutischen Vorgehensweisen, die mir die Hypnotherapie bietet. Vor allen Dingen berührt mich immer wieder aufs Neue, welche tiefen emotionalen Erfahrungen dem Patienten unter Hypnose möglich sind, die ich als Therapeutin unterstützend begleiten darf.

Kapitel 2
Hypnose und Hypnotherapie –
was ist das überhaupt?
 
 
Hypnose ist eines der ältesten Heilverfahren in der Medizin, Psychosomatik und Psychotherapie. Schon im alten Ägypten wurden Patienten mit Hypnosetechniken in Form des Heilschlafes, im antiken Griechenland in Form des Tempelschlafes, behandelt. Im Römischen Reich des 2. Jahrhunderts n. Chr. arbeitete Galen mit Hypnose, wenn er seinen Patienten spezielle Suggestionen für ihre Träume gab. Auch indigene Völker kennen hypnoseähnliche Rituale, um Stress abzubauen und zu gesunden.
Im 18. Jahrhundert magnetisierte (was später auch mesmerisieren genannt wurde) der süddeutsche Arzt und Theologe Franz Anton Mesmer (1734-1815) seine Patienten, und obwohl seine Theorie der magnetischen Energie wissenschaftlich verworfen wurde, wird Mesmers Arbeit heute als der Beginn der Hypnose in der Neuzeit bewertet. Seine in ganz Europa bestaunten Heilungserfolge beruhten letztendlich auf der suggestiven Kraft seiner Methode, was auch heute noch ein tragendes Element der Hypnose ist.
Der Begriff Hypnose wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts von James Braid (1795-1860), einem schottischen Augenchirurgen, eingeführt, der damit den Zustand als Schlaf charakterisierte (Hypnos ist der griechische Gott des Schlafes). Dies ließ sich zwar wissenschaftlich nicht halten, aber der Name ist geblieben.
Im ausgehenden 19. Jahrhundert genoss die Hypnose nicht nur in Frankreich und England, sondern auch im deutschsprachigen Raum durchaus wissenschaftliche Anerkennung und wurde an vielen Hochschulen gelehrt und erforscht, wenn ihr auch von den Psychiaterkreisen, die psychische Erkrankungen als ausschließlich körperlich verursacht ansahen, immer wieder Skepsis und Widerstand entgegengebracht wurde.
An sich hätte man erwarten können, dass Sigmund Freud (1856-1939), der Begründer der Psychoanalyse, der »Entdecker« des Unbewussten, die Hypnose voranbringen und weiterentwickeln würde. Tatsächlich ließ er sich auch bei der Entwicklung seiner Theorie maßgeblich von dem Bericht einer erfolgreich angewandten Hypnosebehandlung bei einer hysterischen Patientin beeinflussen, lehnte aber im weiteren Verlauf die Hypnose als therapeutische Technik ab. Ganz entscheidend dürfte dazu beigetragen haben, dass sich Freud selber als schlechten Hypnotiseur einschätzte und er nur wenige Erfolge mit dieser Behandlung erzielte. So wurden Generationen von Psychoanalytikern gegen die Hypnose eingenommen, und sie führte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Nischendasein.
Erst Milton H. Erickson (1901-1980), ein amerikanischer Psychotherapeut, gab der Hypnose völlig neue Impulse und begründete damit in den USA ab den 50er-Jahren die Neubelebung und Weiterentwicklung der Hypnose, was in Deutschland ungefähr Mitte der 70er-Jahre einsetzte. Mit 17 Jahren war Erickson an Kinderlähmung erkrankt und konnte nur noch seine Augen bewegen. Im Laufe seiner Krankheit entdeckte er, dass er unwillkürlich hervorgerufene motorische Bewegungen erzeugte, wenn er sich ganz genau vorstellte, wie er einzelne Muskelpartien bewegte. So trainierte er über präzise Vorstellungsbilder die einzelnen Muskelgruppen, bis er schließlich nach einem knappen Jahr wieder mit Krücken laufen konnte. Geprägt von dieser persönlichen Erfahrung, beschäftigte sich Erickson im Laufe seines Psychologie- und Medizinstudiums mit Hypnose und entwickelte hierzu die Grundannahme, dass jeder Mensch über latente, also auf der Bewusstseinsebene verborgene Fähigkeiten und Ressourcen verfüge, die unter Hypnose leichter aktiviert und mobilisiert werden könnten, so dass darüber der Patient zur Problemlösung bzw. Heilung gelange.
Erickson schuf im eigentlichen Sinne keine neue Theorie der Hypnose, sondern erweiterte ihr Repertoire um viele kreative Methoden und Techniken und veränderte den bis dahin üblichen autoritären Sprach- und Beziehungsstil des Therapeuten gegenüber dem Patienten zu einem kooperativen Arbeitsbündnis.
Wenn wir heute von Hypnotherapie oder Hypnosetherapie sprechen (beide Begriffe meinen dasselbe), beziehen wir uns auf die Hypnoseprinzipien Milton H. Ericksons und meinen damit das psychotherapeutische Verfahren, das die hypnotische Trance nutzt, um Veränderungen auf der psychischen wie auch auf der physiologischen/biochemischen Ebene mit dem Ziel der Heilung zu bewirken. Ohne Erickson und seinen Ideenreichtum hätte die Hypnose als Heilverfahren ganz sicherlich nicht ihren heutigen Stellenwert erreicht. Nicht zu Unrecht wird er daher als der »Hypnosepapst« des 20. Jahrhunderts bezeichnet.
 
In der Hypnose befindet sich der Patient in einem anderen Bewusstseinszustand, den wir auch Trance nennen. Äußerlich gesehen mag dieser Zustand wie Schlaf aussehen, tatsächlich aber unterscheidet sich die Trance vom Wachbewusstsein einerseits und vom Schlaf andererseits.
Das entscheidende Merkmal ist die Einengung der Aufmerksamkeit. Und wir kennen diesen Zustand der eingeengten Aufmerksamkeit durchaus aus dem Alltag, wenn wir beispielsweise »wie in Trance« Auto gefahren sind, während wir uns gedanklich intensiv mit einem (meist emotionalen) Thema beschäftigt haben und bei der Ankunft beim besten Willen nicht beschreiben könnten, wo wir unterwegs vorbeigefahren sind. Oder wenn wir in die spannende Handlung eines Buches so vertieft sind, dass wir Außenreize wie etwa ein Klingeln an der Haustür erst dann wahrnehmen, wenn es wirklich intensiv ist.
In der Hypnotherapie wird der Patient durch die Formulierungen des Therapeuten angeregt, die ihn umgebenden Reize immer mehr auszublenden und seine Konzentration auf das innere Erleben zu lenken. Dadurch gewinnt er Zugang zu seinen inneren Prozessen auf der körperlichen wie auf der emotionalen Ebene, oder, anders ausgedrückt, eine Form der Kommunikation mit dem Unbewussten ist möglich. Die Fähigkeit zur Imagination verstärkt sich, so dass Vorstellungsbilder oder Erinnerungen, die auf der bewussten Ebene in Vergessenheit geraten sind, wieder plastisch erlebt und empfunden werden können. Verloren geglaubte Fertigkeiten und inneres Wissen werden aktiviert.
Das Unbewusste wird so verstanden, dass in ihm die gesammelten Erfahrungen und das gesamte Wissen unseres Lebens gespeichert sind, die uns auf der bewussten Ebene in vollem Umfang gar nicht (mehr) alle zugänglich sind.
Wir wären völlig überlastet, wenn wir auf der Bewusstseinsebene auch noch präsent haben müssten, wie beispielsweise unser Körpergefühl als dreijähriges Kind war oder in welcher Tonfolge der Kanarienvogel unserer Großmutter gezwitschert hat oder was das genau für ein Gefühl war, als wir das Freischwimmerzeugnis ausgehändigt bekamen. Das Wachbewusstsein ist dafür zuständig, den aktuellen Alltag zu bewältigen, und muss dafür schon sehr viele Informationen parat haben, so dass alles Überflüssige »abtauchen« kann.
Auch nicht verarbeitete emotionale Belastungen, innere Konflikte, Traumata können so »abtauchen« oder, wie die Psychoanalyse es nennt, verdrängt werden. Nicht verarbeitet heißt dabei, dass die mit dem belastenden Ereignis einhergehenden Gefühle bisher innerlich abgewehrt und nicht in das Gesamterleben integriert worden sind. Es kann aber unter bestimmten Konstellationen passieren, dass ein aktuelles Ereignis die alten, belastenden Gefühle wieder auslöst und diese so stark werden oder man selber aufgrund der aktuellen Lebenssituation gerade so schwach ist, dass sie nicht wieder verdrängt werden können, sondern nun das aktuelle Leben völlig vereinnahmen.
Jeder, der einmal eine Angsterkrankung durchgemacht hat oder an Depressionen leidet, weiß um diese Intensität von Gefühlen, die irrational, also dem realen Geschehen in keiner Weise angemessen, sind und trotzdem während der Krankheitsphase das Lebensgefühl ausschließlich bestimmen.
Die Hypnotherapie wie auch jede andere Form der Psychotherapie versucht, die das aktuelle Leben überschattenden Gefühle und die daraus entstehenden gedanklichen und verhaltensmäßigen Probleme zu verändern, zu reduzieren, zu überwinden, so dass das Leben wieder lebenswert wird.
Der Unterschied der Hypnotherapie zu anderen psychotherapeutischen Verfahren ist, dass hier im Zustand der hypnotischen Trance die emotional belastenden Ereignisse mit den entsprechenden Empfindungen aufgesucht, nachempfunden und restrukturiert werden und über die Aktivierung der inneren Stärken und Ressourcen die Belastungen dann verarbeitet werden können. Das heißt nach erfolgreicher hypnotherapeutischer Bearbeitung erinnert sich zum Beispiel ein Patient dann durchaus noch an die Angst, die er vor den Schlägen seiner herrschsüchtigen Mutter gehabt hat, doch er fühlt diese Angst nicht mehr derartig intensiv, dass sie sein aktuelles Verhalten gegenüber der Mutter oder anderen weiblichen Autoritätspersonen bestimmt. Er ist der Angst also nicht mehr ausgeliefert, sondern hat sie in sein Gesamterleben als eine autobiografische Erinnerung integriert so wie beispielsweise seine Erinnerung, Messdiener in der Kirche gewesen zu sein, und so kann er nun im aktuellen Lebenskontext seiner immer noch despotisch auftretenden Mutter oder seiner Chefin angstfrei und selbstsicher entgegentreten.
Ein entscheidender Motor für diese Veränderung ist die Vorstellungskraft, die in der Hypnose um ein Vielfaches erhöht ist. Indem sich der Patient, vom Therapeuten geleitet, den erwünschten Zustand vorstellt, erfährt er ihn direkt körperlich und seelisch, so dass dadurch die angestrebte Veränderung in Gang gesetzt wird. Der Veränderungsmechanismus kann aber auch allein über die unbewusste Ebene wirken, ohne dass der Patient ein konkretes Vorstellungsbild dazu erlebt. Vielmehr können vom Therapeuten auch über ausschließlich implizit wirkende Metaphern, Anekdoten u.Ä. oder auch über die Arbeit mit ideomotorischen Signalen (kleine, unwillkürliche motorische Bewegungen, die ich im weiteren Verlauf noch detailliert erklären werde) innere Veränderungsprozesse angestoßen werden, deren Wirkung der Patient dann an der Veränderung bzw. Lösung seines Problems erkennt.
Patient und Therapeut sind während der Hypnose miteinander über den sogenannten Rapport in Kontakt, das heißt, der Patient nimmt die Stimme des Therapeuten wahr und reagiert darauf, und der Therapeut geht wiederum genau auf die Reaktionen des Patienten ein.
So könnte beispielsweise der Therapeut ein wohliges, tiefes Ausatmen des Patienten mit den Worten widerspiegeln: »Wie angenehm das ist, so tief auszuatmen und einfach loszulassen!« Der Patient dürfte sich mit diesem Satz einerseits sehr verstanden fühlen, und andererseits wäre er darüber hinaus durch die in den Worten »einfach loszulassen« ausgesprochene Suggestion angeregt, die Entspannung in sich zu verstärken. Suggestionen sind therapeutische Anregungen und bilden den wesentlichen Bestandteil der Hypnotherapie. Der Begriff kommt vom lateinischen sub-gerere oder suggerere, was wörtlich übersetzt »unterschieben« heißt und somit eher einen negativen Beigeschmack auslöst, den wir auch im Deutschen kennen, wenn wir »suggerieren« mit »jemandem etwas einreden« oder »einflüstern« übersetzen. Und manchmal habe ich das schon erlebt, dass ein Patient genau diese Formulierung mir gegenüber benutzte, nachdem er ganz begeistert von dem durchschlagenden Erfolg der letzten Hypnosesitzung berichtete: »Da haben Sie mir wirklich was Gutes eingeredet, Frau Schlicht!«
Dass dem Patienten etwas eingeredet wird und er gar keine andere Wahl mehr hat, als sich danach zu richten, ist aber gerade nicht das Konzept der Suggestion in der Hypnotherapie. Vielmehr ist die Suggestion im hypnotherapeutischen Prozess ein Angebot zur inneren Lösung des Problems und knüpft damit sprachlich eher an das englische to suggest oder an das spanische sugerir an, was mit »empfehlen« oder »anregen« übersetzt wird.
Eine Empfehlung oder eine Anregung ist aber nur eine von mehreren Möglichkeiten zur Problemlösung und lässt auch andere Lösungsvarianten zu. Suggestionen werden während der Hypnose zur Vertiefung des Trancezustandes und zur Anregung innerer Such- und Lösungsprozesse eingesetzt. Sie können auch als posthypnotische Suggestionen (post aus dem Lateinischen = nach oder nachfolgend) formuliert werden, so dass die gegebene therapeutische Anregung erst nach der Hypnose ihre Wirkung entfaltet – wenn überhaupt. Denn ob ein Patient eine Suggestion übernimmt und umsetzt, wird auf der Ebene seines Unbewussten entschieden, das heißt, wenn die vom Therapeuten ausgesprochene Suggestion nicht passend oder nicht stimmig ist, wird sie keine Wirkung haben oder wird innerlich so umgedeutet, dass sie passend gemacht wird. Insofern ist es entscheidend, dass der Therapeut spürt, was der Patient auf der unbewussten Ebene an Unterstützung braucht, und dieses auch in eine Sprache fasst, die das Unbewusste gut versteht.
Das Unbewusste verarbeitet Informationen anders als das Bewusstsein, was wir beispielsweise anhand unserer Träume, die ja ein Ausdruck des Unbewussten sind, leicht nachvollziehen können. Wenn zum Beispiel einer Sekretärin ein Kritikgespräch mit ihrem cholerischen Chef bevorsteht, wird sie auf der bewussten Ebene ganz knapp formulieren: »Mir graut vor diesem Gespräch.« Wenn sie dann aber nachts davon träumt, könnten ihr Bilder erscheinen, in denen der Chef zu einem Riesen mutiert ist, der in einem Wald die Bäume einfach nur so umhaut, und sie als Zwergin ständig auf der Hut sein muss, dass sie nicht von irgendeinem dieser Riesenstämme erschlagen wird.
Das Unbewusste bedient sich also eher einer bildhaften, symbolischen Sprache, und so ist es für den hypnotherapeutischen Prozess hilfreich, wenn der Therapeut seine Suggestionen in Bildern, Metaphern, Anekdoten oder kleinen Geschichten transportiert. Wenn es bezogen auf das vorstehend genannte Beispiel darum ginge, diese Sekretärin mittels Hypnose für das Gespräch mit ihrem Chef zu stärken, würde das Unbewusste eine direkt formulierte Suggestion wie »Sie werden morgen mit Selbstsicherheit Ihrem Chef gegenübertreten« viel weniger annehmen können, als wenn der Therapeut ein Bild entwirft, in dem die Patientin beispielsweise selber eine Riesin geworden ist, während der Chef ihr kleinwüchsig und kleinlaut gegenübersitzt.
Auf der geistig-seelischen Ebene ist der Patient in der Hypnose hellwach, während der Körper völlig auf Entspannung umgestellt hat, so dass beispielsweise Pulsfrequenz, Atemgeschwindigkeit, Blutdruck und die Muskelspannung sinken und gleichzeitig Stresshormone reduziert bzw. gar nicht mehr ausgeschüttet werden. In der rechten Hirnhälfte treten verstärkt Alphawellen auf, die typisch für Entspannungszustände sind. Die für die Immunabwehr wichtigen Blutkörperchen nehmen zu. Der hypnotische Zustand ist eine Phase tiefer Erholung und entkrampft körperlich und seelisch.
Wie Hypnose überhaupt möglich ist und wie die einzelnen Trancephänomene entstehen, ist bis heute in keiner Weise eindeutig wissenschaftlich geklärt. Vielmehr gibt es abhängig von der jeweiligen theoretischen Orientierung unterschiedliche Grundannahmen, die sich teilweise widersprechen, teilweise ergänzen.
So meint beispielsweise die Psychoanalyse, dass der Patient während der Hypnose auf eine kindlichere Bewusstseinsstufe zurückfällt, so dass er die Anregungen des Therapeuten mit weniger Widerstand aufnehmen kann.
Dahingegen wird in der Verhaltenstheorie die Hypnose, angelehnt an das klassische Konditionieren, als Lernvorgang beschrieben. Der Therapeut löst beim Patienten zum Beispiel durch seine monotone Stimme Schläfrigkeit aus und benennt das mit den Worten »Du spürst eine wohltuende Müdigkeit in dir«, was wiederum die ursprünglich nur durch das monotone Sprechen ausgelöste Entspannung vertieft.
Andere Wissenschaftler begründen die Entstehung des Trancezustandes durch die veränderte Aufmerksamkeitsverteilung. Sobald unsere Aufmerksamkeit auf etwas zugespitzt oder aber auch erweitert wird, verändert sich der sonst übliche Bewusstseinszustand zur Trance.
Weitere Wissenschaftler erklären die Trance als Dissoziation (= Abspaltung) und gehen davon aus, dass es unterschiedliche kognitive (geistige) Verarbeitungssysteme im Menschen gibt, die normalerweise aufeinander bezogen wirken, aber während der Hypnose voneinander getrennt oder abgespalten, eben dissoziiert sind, so dass sie isoliert angesprochen werden können.
Wiederum andere Wissenschaftler betonen die kognitiv-sozialpsychologische Komponente in ihrer Theorie, dass nämlich der Hypnotisand (die Person, die hypnotisiert wird) bestimmte Vorstellungen von der Hypnose hat, der er auch gerecht werden will, um den Hypnotiseur oder den Therapeuten nicht zu enttäuschen.
So verwirrend und vielfältig die unterschiedlichen Erklärungsmodelle sein mögen – und ich habe hier nur einen kurzen Ausschnitt der Theoriediskussion wiedergegeben -, so einhellig und einmütig bestätigen alle Forscher die besonderen Phänomene der Hypnose. Und wahrscheinlich sind genau diese besonderen Phänomene dafür verantwortlich, dass die Hypnose nicht nur als Heilmethode bekannt geworden ist, sondern auch mit Budenzauber und Magie assoziiert wurde und in Kriminalromanen als Erklärungsmuster für kriminelle Handlungen oder in Showhypnosen zur Belustigung des Publikums noch heute herhalten muss. Denn wenn der Hypnotisand beispielsweise körperlich starr geworden ist (Katalepsie) oder unwillkürlich seine Hand oder seinen Arm hebt (Levitation) oder keinen Schmerz verspürt, obwohl ihm eine Nadel in die Hand gestochen wird (Analgesie), oder auf bestimmte Fragen über unwillkürlich gesteuerte Fingerzeichen (Ideomotorik) Antworten gibt, dann wirkt das auf den ersten Blick so befremdlich, dass es sicherlich schwerfällt, damit eine seriöse Heilbehandlung in Verbindung zu bringen.
Aber tatsächlich werden diese Trancephänomene in der hypnotherapeutischen Behandlung erfolgreich genutzt, was ich bei der Beschreibung der einzelnen Therapiefälle genauer darlegen werde.

Kapitel 3
Die ersten Schritte im Therapieprozess
 
 
Am Anfang steht das Erstgespräch, in dem der Patient und ich uns kennenlernen. Er bekommt einen ersten Eindruck von mir, so dass er feststellen kann, ob er sich mit mir menschlich wohlfühlt und sich die therapeutische Arbeit mit mir überhaupt vorstellen kann.
Tatsächlich spielt die Qualität der Therapeut-Patient-Beziehung eine nicht zu unterschätzende Rolle für den Verlauf jeder Psychotherapie. Wie durch viele wissenschaftliche Studien belegt wurde, ist ein Therapieerfolg erheblich wahrscheinlicher, wenn Patient und Therapeut ihre Beziehung als positiv einschätzen, als wenn die therapeutische Beziehung als negativ erlebt wird, ganz unabhängig vom jeweiligen Therapieverfahren.
Ich bekomme im Vorgespräch eine erste Idee vom Problem des Patienten, so dass ich entscheiden kann, ob ich mit meinem psychotherapeutischen Wissen geeignet bin, ihn bei der Überwindung seines Problems unterstützen zu können.
Natürlich stelle ich einige Fragen zur Entstehung des Problems: Seit wann existiert es? In welcher Situation ist es das erste Mal aufgetreten? Was hat der Patient bisher schon dagegen unternommen? Gibt es auch problemfreie Phasen? Inwiefern unterscheiden sich diese Phasen von den Problemphasen? Warum kommt der Patient gerade jetzt in die Therapie? Und sofern es für mein Verständnis des Problems wichtig ist, frage ich auch nach der aktuellen Lebenssituation und der lebensgeschichtlichen Entwicklung. Allerdings halte ich mich hier am Anfang bewusst zurück, um dem Patienten, der mich ja bisher kaum kennt, erst einmal Vertrauen in die therapeutische Situation gewinnen zu lassen, bevor er mir seine Lebensgeschichte mit all ihren Belastungsthemen anvertraut.
Aufgrund der Schilderungen des Patienten entwickle ich einen vorläufigen Therapieplan, den ich ihm erkläre. Und da kommt dann die Hypnose ins Spiel, die ich in den allermeisten Fällen als therapeutische Methode erster Wahl in meiner Praxis anwende. Fast immer hat mich der Patient gezielt wegen dieser speziellen Therapierichtung ausgesucht und ist nun schon ganz gespannt auf sein erstes Hypnoseerleben.
Das findet in der Regel in der folgenden Stunde statt, wenn wir die sogenannte Ruhehypnose durchführen, in der der Patient die Hypnose erst einmal kennenlernt und für sich einen inneren Ort der Ruhe und Sicherheit, den »safe place« (sicheren Platz), wie Erickson ihn nannte, imaginieren kann, an dem er sich rundherum wohl und geborgen fühlt.
Doch führe ich in den meisten Fällen vorher noch eine Prüfung zur Hypnotisierbarkeit durch, also zu der Frage, ob und in welchem Maße der Patient überhaupt die Fähigkeit besitzt, auf hypnotische Suggestionen zu reagieren und sie zu übernehmen.
Die Hypnose steht damit neben anderen Psychotherapieformen als einzigartig da, denn weder in der Verhaltenstherapie noch in der Psychoanalyse oder der Gesprächspsychotherapie gibt es Testmöglichkeiten, die prüfen können, ob und wie der spezielle Patient für die entsprechende Therapieform empfänglich ist, so dass sich das dann erst am Ende einer Therapie erkennen lässt. In der Hypnoseforschung wird die Hypnotisierbarkeit der untersuchten Personen durch sogenannte Suggestibilitätsskalen gemessen, die aber in der klinischen Praxis so gut wie gar nicht angewandt werden. So arbeite ich auch in meiner Praxis nur mit einfachen Vorbereitungstests zur Hypnose, durch die ich die Empfänglichkeit des Patienten für hypnotische Suggestionen leicht erkennen kann.
Bei bestimmten psychischen Störungen, wie zum Beispiel bei akuten Psychosen, bei Schizophrenie und bei einigen Formen von Persönlichkeitsstörungen, ist Hypnose kontraindiziert, das heißt, hier ist sie nicht nur nicht angezeigt, sondern kann sogar zu unerwünschten Wirkungen führen.
Es sind circa 90 Prozent der Bevölkerung für Hypnose empfänglich, die einen stärker, die dann als hochsuggestibel, die anderen schwächer, die als niedrigsuggestibel bezeichnet werden. Ganz offenbar gibt es Zusammenhänge zwischen der Fähigkeit zur Imagination und einer hohen Suggestibilität, was auch erklärt, dass Kinder im Allgemeinen eine hohe Hypnotisierbarkeit aufweisen.
Und wie kommt der Patient dann in Hypnose? Es gibt die verschiedensten Hypnose-Induktionen (Einleitungstechniken in die Hypnose), wobei ich ein sanftes Hineingleiten in den Trancezustand bevorzuge, indem ich den Patienten gedanklich durch seinen Körper führe und immer wieder entspannungsinduzierende Suggestionen mit entsprechenden Bildern und Metaphern formuliere.
Doch im Einzelfall sind auch andere Hypnose-Induktionen angebracht, wie zum Beispiel die in der klassischen Hypnose meist angewandte Augenfixationsmethode, bei der der Patient ein paar Minuten einen bestimmten Gegenstand fixiert, also seine Augenmuskulatur hochgradig anspannt; wenn er seine angestrengten und müden Augen endlich schließen darf, erlebt er eine wohltuende Erholung und Entspannung. Diese Methode nutzt das Spannungsgefälle zwischen Anspannung und Entspannung, denn Entspannung wird umso intensiver erlebt, je mehr Anspannung vorher aufgebaut wurde.
Auch die fraktionierte Hypnose bedient sich des Prinzips Anspannung-Entspannung und ist eine hilfreiche Methode, um den Tranceprozess zu vertiefen. Dabei wird der Patient, der nun schon in Hypnose ist, gebeten, dem Therapeuten auf Fragen zu antworten. Wenn der Patient recht tief entspannt ist und nun plötzlich mit dem Kopf nicken oder den Kopf schütteln oder ein Ja oder Nein sagen soll, muss er dafür wieder ein gewisses Spannungspotenzial aufbauen, was dann, wenn das Befragen vorbei ist, wieder ein Zurücksinken in die Entspannung gestattet, die nun noch tiefer als vorher erlebt wird. Darüber hinaus werden die jeweiligen Antworten des Patienten vom Therapeuten zurückgemeldet und damit verstärkt, so dass sich auch über diesen Mechanismus der Tranceprozess noch zusätzlich vertieft.
Wenngleich sich auch nach dem Erstgespräch und der ersten Ruhehypnose die weitere Vorgehensweise in den jeweiligen Therapien sehr unterscheiden kann, so rate ich fast jedem Patienten, die Hypnose auch zu Hause zu machen – nach Möglichkeit täglich. Hierfür gebe ich individuell für ihn erstellte Hypnose-CDs mit, die auf Aufnahmen aus bestimmten Therapiesitzungen basieren. Zwar hat die über ein Wiedergabegerät gehörte Hypnose nicht die gleich starke Wirkung wie die direkt erlebte Hypnose in der Therapie, sie ist aber trotzdem eine wichtige und hilfreiche Unterstützung, um weiter an der Überwindung des Problems zu arbeiten. Dies gilt insbesondere für Probleme, die mehr oder weniger selbstverständlicher Bestandteil des eigenen Verhaltens und Erlebens geworden sind, was ja leider für die meisten Problemfelder zutrifft. Das Minderwertigkeitsgefühl, sobald man eine hübsche Frau sieht, die Angst, wenn man nur daran denkt, mit der U-Bahn zu fahren, oder die körperliche Erregung, wenn man sich überfordert fühlt, sind alles Verhaltens- und Erlebensmuster, die über einen längeren Zeitraum »eingeübt« und dadurch im Gehirn durch entsprechende Zellnetzwerk-Strukturen verankert worden sind.
Eine einmalige Hypnose-Sitzung reicht nicht aus, um diese durch Wiederholung entstandene Verankerung zu löschen. Vielmehr bedarf es hier wiederholter Hypnosen, um eine neue Struktur im Gehirn zu bahnen, so dass die alten Bahnungen überlagert werden, dass man eben Stärke spürt, wenn man eine hübsche Frau sieht, oder innere Sicherheit erlebt, wenn man ans U-Bahn-Fahren denkt, oder Gelassenheit empfindet, auch wenn sich die Aufgaben vor einem auftürmen.