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Über den Autor
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Alois Prinz, geboren 1958, wuchs in einem kleinen Ort in Niederbayern auf. Er studierte Literaturwissenschaft und Philosophie und lebt in der Nähe von München.
Bei Beltz & Gelberg veröffentlichte er außerdem die Biografien über Hermann Hesse Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne (Auswahlliste Deutscher Jugendliteraturpreis), Ulrike Meinhof Lieber wütend als traurig (Deutscher Jugendliteraturpreis), Franz Kafka
Auf der Schwelle zum Glück, den Apostel Paulus Der erste Christ, die Anthologie Rebellische Söhne und zuletzt die Lebensgeschichte des Joseph Goebbels Der Brandstifter.
Impressum
Dieses E-Book ist auch als Printausgabe erhältlich
(ISBN 978-3-407-81128-8)
www.beltz.de
© 1998, 2012 Beltz & Gelberg
in der Verlagsgruppe Beltz · Weinheim Basel
Alle Rechte vorbehalten
Neue Rechtschreibung
Lektorat: Frank Griesheimer
Einbandbild: Doro Göbel
E-Book: Beltz GmbH Bad Langensalza, Bad Langensalza
ISBN 978-3-407-74443-2
Beruf Philosophin oder Die Liebe zur Welt
wurde mit dem Evangelischen Buchpreis ausgezeichnet
und für den UNESCO-Preis für Kinder- und
Jugendliteratur nominiert.

Inhalt

Prolog:
»Nur das ist wahr, dem wir bis zuletzt die Treue halten.«
I. Kindertagebuch
»Man muss an traurige Dinge so wenig wie möglich denken.«
II. Jüdin in Königsberg
»Dass ich Jüdin bin, erfuhr ich auf der Straße.«
III. Wissenshunger
»Ich war gewohnt, das Leben zu doppeln: in ein Hier und jetzt und Dann und Dort.«
IV. Hannah und der Zauberer
»Ich habe immer gewusst, &iss ich wirklich nur existieren kann in der Liebe.«
V. Hingabe und Vernunft
»Der Weg, den du mir zeigtest, verlangt ein ganzes Leben.
VI. Abschied von Deutschland
»Ich will mit dieser Gesellschaft nichts mehr zu tun haben.«
VII. Monsieur
»Nun weiß ich endlich auch, was Glück ist.«
VIII. Fluchtpunkt Marseille
»Es ist eine Lust zu leben, auch wenn die Weltlage beschissen ist.«
IX. Ein Zimmer in der 95. Straße
»Freiheit ist keine Prämie für ausgestandene Leiden.«
X. Die Schuldfrage
»Ein Chor von Spießern wird ausrufen: Dies haben wir nicht getan‹.«
XI. Das radikal Böse
»Die Deutschen leben von der Lebenslüge und der Dummheit.«
XII. Hexenjagd
»Ich leiste mir manchmal die unglaublichsten Eskapaden.
XIII. Jenseits der Arbeit
»Man muss immer von Zeit zu Zeit die Gebildeten sehen
XIV. Schöne Welt, düstere Weit
»Ich wusste nie, welche Seligkeit im Augen-Haben liegt.«
XV. Raubvogel oder Singvogel?
»Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk geliebt.«
XVI. Vorn Wunder des Anfangs
»Was wir tun, wenn wir tätig sind.«
XVII. Das Gespenst in der Glaskiste
»Ich weiß nicht, wie oft ich gelacht habe, aber laut!«
XVIII. Eichmann und kein Ende
»Das banale Böse kann die ganze Weh vernichten.«
XIX. Revolte in Amerika
»Das ist sehr gefährlich, weil es sich um etwas ganz Echtes handelt.«
XX. Abschiede
»Der Umgang mit den Toten – das will gelernt sein.«
XXI. Frei wie ein Blatt im Wind
»Ich will mich nur noch mit transpolitischen Dingen abgeben.«
XXII. Lichter über dem Fluss
»Ich habe immer geglaubt, dass man sein Leben ist.«
Zeittafel
Literatur zu Hannah Arendt
Quellenverzeichnis

Prolog
»Nur das ist wahr, dem wir bis zuletzt die Treue halten.«

Am 19. März 1962 ereignet sich auf einer Straße, die durch den New Yorker Central Park führt, ein Verkehrsunfall. Ein Taxi wird von einem Lastwagen gerammt. Auf dem Rücksitz des Taxis sitzt eine sechsundfünfzigjährige Frau, die bei dem Zusammenstoß schwer verletzt wird. Ihr Name ist Hannah Arendt, eine Jüdin mit amerikanischem Pass. Sie lehrt an verschiedenen amerikanischen Hochschulen Politik und Philosophie. Weit über die Grenzen Amerikas hinaus ist sie berühmt geworden durch ihre Artikel, Bücher und ihre öffentlichen Auftritte. Für viele gehört sie zu den bedeutendsten Frauen des Jahrhunderts.
Im Krankenwagen erwacht Hannah Arendt aus ihrer Ohnmacht. Ihr ist sofort klar, was passiert ist. Zuerst versucht sie, ihre Arme und Beine zu bewegen, um festzustellen, ob sie gelähmt ist. Dann überprüft sie ihr Gedächtnis, sehr sorgfältig, »ein Jahrzehnt nach dem anderen« ...
Sie denkt an ihre Kindheit und Jugend in Königsberg, an ihre Studienzeit in Marburg und Heidelberg, an die Lehrer, die ihr bis heute so viel bedeuten: an Martin Heidegger, mit dem sie eine Liebesaffäre hatte, und an Karl Jaspers, der sie zur Vernunft brachte. Sie erinnert sich an ihre Flucht aus Deutschland, an das Exil in Paris, wo sie ihren Mann Heinrich Blücher kennen lernte, an das Frauenlager im südfranzösischen Gurs und an die dramatische Flucht aus Europa, über Marseille nach Lissabon und von dort mit dem Schiff in die Neue Welt, nach Amerika. Sie denkt an ihr Engagement in der zionistischen Bewegung, an die vielen Freunde, die sie gewonnen, und an die vielen Feinde, die sie sich geschaffen hat. An die langen Jahre der Arbeit an ihrem Buch über den Totalitarismus, das sie weltberühmt gemacht hat. Und an den Nazi Adolf Eichmann, dem in Jerusalem der Prozess gemacht wurde und über den sie ein Buch schreiben möchte, das ihr am Herzen liegt.
Hannah Arendt ist beruhigt. Sie hat keine Gedächtnislücken und gelähmt ist sie auch nicht. Aber sie ist in einem merkwürdigen Zustand, als ob sie zwischen Tod und Leben schweben würde. Noch lange Zeit später denkt sie fasziniert an jene Momente zurück. Ihrer Freundin Mary McCarthy schildert sie diese Erfahrung so: »Das Wichtigste war, dass ich einen flüchtigen Augenblick lang das Gefühl hatte, ich hätte es selbst in der Hand, zu entscheiden, ob ich leben oder sterben wolle. Und obwohl ich nicht dachte, dass der Tod etwas Schreckliches sei, habe ich doch auch gedacht, dass das Leben ganz schön sei und ich mich lieber dafür entscheide.«
Hannah Arendt weiß aber inzwischen auch, dass sie sich nicht für jedes Leben entscheiden würde. Bereitwillig würde sie auf eine Existenz verzichten, die »weltlos« ist, in der sie keine Freunde hätte, keine Reisen machen könnte und sich nicht in die öffentlichen Angelegenheiten einmischen dürfte.
Sie hat nicht immer so gedacht. Als junges Mädchen war sie zwar hochintelligent, aber auch sehr einsam. Sie wollte alles über sich und die Welt wissen und vergrub sich dabei nur immer tiefer in die eigene »Besonderheit«. Es war nicht zuletzt die Affäre mit dem jungen Dozenten Martin Heidegger, die sie von diesem Weg abbrachte.
Hannah Arendt wollte »sichtbar« werden und sie machte die Entdeckung, dass dazu nicht nur Intelligenz und Tiefsinn gehören, sondern vor allem Mut. Und zwar der Mut, auf seine Besonderheit verzichten, sich aus der Hand geben zu können, zu lernen, »ein Mensch unter Menschen zu werden«. Ein Mensch unter anderen zu sein, heißt für Hannah Arendt auch, sich im Gespräch auseinanderzusetzen, um etwas über sich zu erfahren und mit anderen zusammen die gemeinsame Welt zu gestalten. Diese Einsicht war für sie wie eine Befreiung – die sie allerdings traf wie ein Schlag »mit dem Hammer auf dem Kopf«.
Mut und Dankbarkeit und Treue – diese drei scheinbar widersprüchlichen Tugenden gehören eng zusammen, schreibt Hannah Arendt in einem Aufsatz zum Geburtstag ihres verehrten Lehrers Karl Jaspers. Und sie fügt hinzu: »Am Ende unseres Lebens wissen wir, dass nur das wahr war, dem wir bis zuletzt die Treue halten konnten.«
Sie selbst hat vielem die Treue gehalten: ihren Wurzeln in der deutschen Sprache und Kultur, ihren alten Freunden in Europa und ihren neuen Freunden in Amerika. Sie hat aber auch immer wieder neu angefangen, und das macht es so schwer, sie einzuordnen. »Wer sind Sie?«, wurde sie auf einem Kongress gefragt. »Sind Sie eine Konservative? Gehören Sie zu den Liberalen? Wo stehen Sie im Rahmen der gegenwärtigen Möglichkeiten?« Und Hannah Arendt antwortete: »Ich weiß nicht. Ich weiß es wirklich nicht und habe es nie gewusst.«
Hanna Arendt wollte immer »ohne Geländer« denken. Das macht sie für viele »unentschuldbar unabhängig«. Und so ist es wirklich nicht leicht zu sagen, wer sie eigentlich war. Eine Dichterin? Eine Philosophin? Eine politische Denkerin? Sie selbst schreibt in einem Brief: »Ich fühle mich als das, was ich nun einmal bin, das Mädchen aus der Fremde.«*
* Die Formulierung »das Mädchen aus der Fremde« bezieht sich auf das gleichnamige Gedicht von Friedrich Schiller. Es ist als Selbstcharakterisierung von Hannah Arendt sehr bezeichnend. Deshalb ist es am Ende dieses Buches vollständig wiedergegeben.

I.  Kindertagebuch
»Man muss an traurige Dinge so wenig wie möglich denken.«

Eine glänzende Zukunft scheint zwei jungen Leuten bevorzustehen, die im Jahr 1902 heiraten. Paul Arendt und Martha Cohn stammen beide aus wohlhabenden jüdischen Familien, die schon seit Generationen in der ostpreußischen Stadt Königsberg ansässig sind. Paul Arendt ist neunundzwanzig und hat an der Königsberger Universität, der Albertina, ein Ingenieurstudium absolviert. Martha Cohn, achtundzwanzig, hat nach der Mädchenschule drei Jahre in Paris verbracht und dort Französisch und Musik studiert. Die Verbindung der beiden jungen Leute scheint ein Glücksfall zu sein. Nicht nur winkt ihnen ein finanziell sorgenfreies Leben, sie haben auch viele gemeinsame Interessen und teilen ihre Sympathie für sozialistische Ideen.
Dennoch liegt über der Ehe ein Schatten. Paul Arendt hatte sich in jungen Jahren an Syphilis infiziert. Das ist zu dieser Zeit eine weit verbreitete Geschlechtskrankheit. Fast 20 von 100 Männern sind in Preußen davon betroffen und das Mittel dagegen, das so genannte Salvarsan, wird der deutsche Mediziner Paul Ehrlich erst 1906 entdecken.
Paul Arendt musste sich noch nach herkömmlichen Methoden gegen seine Krankheit behandeln lassen, dabei verabreicht man dem Patienten Quecksilberpräparate oder man ruft ein Malariafieber bei ihm hervor. Aber Syphilis ist eine heimtückische Erkrankung. Sie kann nach einer ersten Phase über längere Zeit ruhen, um dann umso heftiger wieder auszubrechen, wobei schlimmstenfalls sogar Rückenmark und Gehirn zersetzt werden. Es kann aber auch sein, dass die Krankheit nach dem ersten Stadium von selbst und ohne Folgen wieder ausheilt.
Die Behandlung bei Paul Arendt zeigte Erfolg. Die Symptome der Krankheit verschwanden gänzlich. Paul Arendt hatte guten Grund zu glauben, wieder völlig gesund zu sein, als er um die Hand der schönen Martha Cohn anhielt.
Das junge Paar zieht zunächst nach Berlin und dann nach Hannover, wo Paul Arendt eine Stelle als Ingenieur bei einer Elektrizitätsgesellschaft gefunden hat. Sie beziehen ein geräumiges Haus im Vorort Linden. Martha Cohn, die nun Martha Arendt heißt, muss ihren Wunsch nach Kindern in den ersten Ehejahren noch zurückstellen. Zu groß scheint das Risiko, dass ihr Mann doch noch nicht gesund ist und ein Kind Schaden nehmen würde. Als sich bei Paul Arendt jedoch keinerlei Anzeichen der Krankheit mehr zeigen, fassen die beiden den Entschluss, eine Familie zu gründen.
Am 14. Oktober 1906 bringt Martha Arendt ein Mädchen zur Welt. Es wird Johanna genannt, nach ihrer Großmutter väterlicherseits. Später werden sie alle nur noch Hannah nennen.
Hannahs Mutter legt eine Art Tagebuch an, das sie mit Mein Kind überschreibt und in dem sie die Entwicklung ihrer Tochter sorgsam aufzeichnen will. Die erste Eintragung lautet: »Johanna Arendt wurde geboren am 14. Oktober 1906 um 9 1/4 Uhr abends, an einem Sonntage. Die Geburt hatte 22 Stunden gedauert und verlief normal. Das Kind wog 3695 gr.«1
Hannah Arendt wird in eine Zeit hineingeboren, die der Schriftsteller Stefan Zweig »das goldene Zeitalter der Sicherheit« nennt. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg und den Turbulenzen der Reichsgründung von 1870/71 sind in Deutschland ruhigere politische Verhältnisse eingekehrt. Die Ära Bismarck ist vorbei, der Eiserne Kanzler, wie man ihn genannt hat, ist 1898 gestorben. Kaiser ist jetzt Wilhelm II., der sich weniger durch seine politischen Fähigkeiten auszeichnet als durch seine Vorliebe für prahlerische militärische Auftritte. Dass die Menschen trotz einer gewissen Politikverdrossenheit von einer euphorischen Aufbruchstimmung erfasst sind, liegt an der ungeheuren Entwicklung der industriellen und wirtschaftlichen Kräfte.
Seit 1895 herrscht eine ständige Hochkonjunktur, was in erster Linie auf die vielen Erfindungen und Entdeckungen zurückzuführen ist. Deutsche Naturwissenschaftler erhalten doppelt so viele Nobelpreise wie jede andere Nation. Der Arzt Robert Koch findet den Erreger der Lungentuberkulose, bis dahin eine wahre Volksseuche. In den Laboratorien der Bayerwerke wird das schmerzstillende Mittel Aspirin entwickelt. Wilhelm Conrad Röntgen entdeckt die so genannten X-Strahlen, mit denen man in einen Menschen hineinsehen kann. Aber auch auf dem Gebiet der Künste, in Literatur, Malerei und Musik werden deutsche Namen wie Thomas Mann, Max Liebermann und Richard Wagner weltweit bekannt. Das Kennzeichen »Made in Germany«, 1887 von den Engländern verfügt, um die Marktchancen der deutschen Produkte zu verschlechtern, wird zum Gütesiegel für Qualität. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein neues Deutsches Reichspatent (D.R.P.) angemeldet wird.
Die Wunder der Technik verändern auch den normalen Alltag. In manchen Haushalten gibt es jetzt ein Telefon. In den Großstädten wie Berlin wird die Gasbeleuchtung zunehmend durch elektrisches Licht ersetzt. Ab 1905 fahren in Deutschlands Hauptstadt die ersten Kraftomnibusse, und die Herren Skladanowsky und Meßter zeigen in finsteren Räumen mit Hilfe eines Kinematographen einem amüsierten, aber skeptischen Publikum bewegliche Bilder. Man kann jetzt mit einem neuen Gerät den Staub aus seiner Wohnung saugen, zum Schreiben einen mit Tinte gefüllten Stift benutzen und sich mit einem Apparat des Mister Gilette aus Amerika das Gesicht rasieren.
Der Glaube an die eigene Stärke und an eine glorreiche Zukunft kennt in der Kaiserzeit keine Grenzen. Zugleich wächst das Bewusstsein, etwas Besonderes zu sein und aufgrund der wirtschaftlichen Potenz auch ein Recht auf eine gewichtige Stimme im Konzert der großen Nationen zu haben. Große Politik zu machen, das heißt um die Jahrhundertwende, Kolonialpolitik zu betreiben. Frankreich und England sind mit ihren gewaltigen Kolonialreichen in Asien und Afrika hier das Vorbild. Aber auch Russland, das sich nach Osten ausdehnt, und kleinere Staaten wie Belgien, Holland und Spanien haben ihre Territorien bereits erweitert. Wenn man in der Weltpolitik mitmischen will, so denkt man im wilhelminischen Deutschland, dann muss man Kolonien erwerben. Der Reichskanzler Bülow drückt das in einer Rede so aus: »Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir wollen auch einen Platz an der Sonne.«
Gleichzeitig versucht man, Verbündete und Gegner für einen möglichen Krieg auszumachen. Das ist ein gefährliches Spiel. Russland ist durch die Revolution von 1905 und einen Krieg mit Japan zwar geschwächt, aber unberechenbar. Österreich verfolgt mit der Annexion Bosniens und der Herzegowina eigene Interessen im Balkan, und wie England und Frankreich auf die neuen Großmachtansprüche Deutschlands reagieren werden, ist noch nicht absehbar.
Ungeachtet der großen Politik nimmt Martha Arendt in Hannover ihre Mutterrolle sehr ernst. In ihrem Tagebuch vermerkt sie alles, was mit der kleinen Hannah zusammenhängt. Penibel führt sie Buch darüber, wann und wie lange das Kind gestillt und gefüttert wird, welche kleineren Krankheiten auftreten, wie es auf Medikamente reagiert und wie sein körperliches Wachstum vorangeht. Schon sehr früh achtet sie darauf, ob sich bei dem Kind Persönlichkeitsmerkmale zeigen:
»Das Temperament ist ruhig, aber doch lebhaft. Gehörempfindungen glaubten wir schon in den ersten Wochen feststellen zu können; Gesichtsempfindungen, abgesehen von allgemeinen Lichtempfindungen, in der siebenten Woche, in welcher überhaupt ein inneres Erwachen von uns beobachtet wird. Das erste Strahlen beginnt mit der siebenten Woche.«
Die kleine Hannah ist das ganze Glück ihrer Eltern. Sie ist gesund, ist meistens zufrieden, zeigt ein lebhaftes Interesse an ihrer Umwelt und lacht viel, sie ist ein »richtiges Sonnenkind«.
Im zweiten Jahr in Hannover tauchen bei Paul Arendt wieder Symptome der überwunden geglaubten Krankheit auf. Sie deuten eindeutig darauf hin, dass mit dem schlimmsten Verlauf zu rechnen ist. Man muss sich nun mit der Tatsache abfinden, dass Paul Arendt als Ernährer seiner Familie ausfällt. Seinen Beruf kann er nicht mehr ausüben und es bleibt der jungen Familie nichts anderes übrig, als Hannover zu verlassen und nach Königsberg, in den Schutz der Familien Cohn und Arendt, zurückzukehren.
Die Cohns wie die Arendts sind russischstämmige Juden. Martha Cohns Vater, Jacob Cohn, floh 1852 vor der judenfeindlichen Politik des Zaren Nikolaus aus Russland nach Königsberg. Er gründete eine Firma für Teeimport, die mit den Jahren zu einem der größten Unternehmen in Königsberg wurde. Martha entstammt der zweiten Ehe Jacob Cohns mit Fanny Eva Spiro. Jacob Cohn starb 1906, in Hannahs Geburtsjahr.
Die Familie Arendt ist schon seit dem 18. Jahrhundert in Königsberg ansässig. Hannahs Großvater, Max Arendt, gilt in Königsberg als bedeutender und einflussreicher Mann. Er ist Vorsitzender sowohl der Stadtverordnetenversammlung als auch der liberalen jüdischen Gemeinde. Paul, sein Sohn, ist eines von zwei Kindern aus der Ehe mit Johanna Wohlgemuth. Als sie um 1880 starb, heiratete Max Arendt ihre Schwester, Klara Wohlgemuth.
Paul und Martha Arendt beziehen in Königsberg ein großes Haus im vornehmen Hufen-Viertel, in der Tiergartenstraße, wo die schönsten Villen der Stadt stehen. Martha Arendt führt weiter Tagebuch über ihr Kind, bei dem sie ab dem dritten Lebensjahr eine »starke« Entwicklung feststellt. Hannah kann schon fehlerfrei sprechen, allerdings tut sie das nur mit fern stehenden Erwachsenen; ist sie dagegen allein mit sich und ihren Puppen, fällt sie in eine Kindersprache zurück. Erstaunlich ist das Gedächtnis und die Neugier des Mädchens. Ohne dass sie von jemandem dazu angeleitet worden wäre, hat sie sich alle Buchstaben des Alphabets beigebracht. Sosehr sich die Mutter über diese »intellektuelle Frühreife« freut, ist sie doch auch enttäuscht, dass die Tochter offenbar keine musikalische Veranlagung zeigt. »Singt viel«, notiert sie in ihr Buch, »mit Leidenschaft geradezu u. durchaus falsch.«
In Martha Arendts Aufzeichnungen spürt man oft weniger den Stolz über die Fortschritte der Tochter als die Sorge darum, wie das Kind die Krankheit des Vaters verkraftet. Mit auffallender Erleichterung und Zufriedenheit vermerkt sie, wenn Hannah einen fröhlichen und geselligen Charakter an den Tag legt und »leicht zu lenken« ist. Das Kind sei »immer zufrieden und glücklich«, schreibt sie in ihr Tagebuch.
Diese Beobachtungen sagen mehr über die Mutter als über ihre Tochter. Martha Arendt muss selbst ein sehr verängstigtes und unsicheres Kind gewesen sein. Sie sieht sich im Vergleich zu ihrem Mann als viel zu sensibel und lebensuntüchtig. Und wenn sie an ihrer Tochter Hannah die gleiche Sensibilität beobachtet, dann wünscht sie, das Mädchen möge doch mehr von ihrem starken Vater haben: »Könnte sie nicht ihrem Vater ähneln! Die Arendts sind so viel robuster in ihren Gefühlen und können darum das Leben so viel besser meistern wie Menschen unsern Schlages.«
Die kleine Hannah spürt sicher etwas von diesem mangelnden Selbstbewusstsein ihrer Mutter – und auch von deren Erwartungen. Martha Arendt will, dass ihre Tochter trotz des schweren Schicksalsschlags in der Familie eine glückliche Kindheit hat. Ein Kindermädchen kümmert sich um Hannah, sie hat einen großen Garten zum Herumtoben und viele Spielsachen. Damit sie mit anderen Kindern zusammenkommt, schickt Martha Arendt sie in einen Kindergarten. Nach Hause darf Hannah keine Kinder einladen. Der sich rasch verschlechternde Zustand von Paul Arendt lässt das nicht zu.
Martha Arendt tut alles, damit Hannah ein unbeschwertes Leben hat. Aber es ist nicht möglich, die Krankheit des Vaters ganz vor dem Kind zu verbergen. Es kommt vor, dass Paul Arendt auf einem Spaziergang von einer Lähmung befallen wird und unvermittelt zu Boden stürzt. Hannah weiß nur, dass der Vater krank ist und mit aller Rücksicht behandelt werden muss. Oft spielt sie in seinem Zimmer mit ihm Karten. Oder sie spielt Krankenschwester, die den Vater pflegt. Aber Paul Arendt tut sich schwer, mit einer sensiblen Kinderseele umzugehen. Er war immer schon ein ernster, verschlossener Mensch, der auf andere unzugänglich wirkte. Das wird jetzt noch verstärkt durch eine Krankheit, die auch sein Selbstverständnis zerstört hat. Statt in Beruf und Gesellschaft seinen Mann zu stehen, ist er zum Nichtstun verdammt, auf andere angewiesen, ein Pflegefall. Wenn seine Tochter mehr Aufmerksamkeit für sich fordert, reagiert er eher hilflos und gereizt. In das Erziehungsbuch seiner Frau trägt er einmal ein: »Wird am Tag unbequem durch Wachliegen und das Verlangen, dass man sich mit ihm beschäftige.«
Martha Arendt wollte es so lange wie möglich vermeiden, ihren Mann in einem Krankenhaus unterzubringen. Aber Paul Arendts Zustand verschlimmert sich dramatisch. Im Sommer 1911 muss er in die psychiatrische Klinik von Königsberg eingeliefert werden. Hannah darf anfangs noch mitgehen, wenn Martha ihren Mann in der Klinik besucht. Aber bald erkennt Paul Arendt seine Tochter nicht mehr und Hannah werden diese Besuche erspart.
In dieser Zeit wird ihr Großvater Max Arendt für sie immer wichtiger. Er macht mit seiner kleinen Enkelin Spaziergänge in die »Glacis«, wie die Wäldchen vor den Wällen heißen. Und samstags nimmt er sie manchmal mit in die Synagoge. Auf diese Weise kommt Hannah Arendt zum ersten Mal in Berührung mit ihrer Religion.
Das Jahr 1913 bringt schwere Schicksalsschläge für das Haus Arendt. Im März stirbt Max Arendt. Obwohl Hannah ihn über alles geliebt hat, reagiert sie merkwürdig unberührt. Sie verfolgt den Leichenzug vom Fenster aus und ist stolz, dass so viele Leute ihren »Opi« zum Friedhof begleiten. In der darauf folgenden Zeit erwähnt sie den Großvater mit keinem Wort mehr und ist so unbeschwert, dass es selbst der Mutter nicht geheuer ist. Es scheint, als könne ihr heiteres Gemüt durch nichts getrübt werden. Aber dann lässt sie ganz unvermittelt wieder Bemerkungen fallen, die verraten, dass die Ereignisse sie doch beschäftigen. »Man muss an traurige Dinge so wenig wie möglich denken«, erklärt sie ihrer Mutter, »es hat doch keinen Sinn, dadurch traurig zu werden.«
Im Oktober stirbt Paul Arendt. Wiederum reagiert Hannah nach außen hin fast gleichgültig. Sie weint auf der Beerdigung, aber nur, »weil so schön gesungen wird«. Wieder ist es die kleine Hannah, die meint, ihre Mutter trösten zu müssen. »Denke daran, Mutti«, erklärt sie, »dass das noch vielen Frauen passiert.«
Für Hannah ist es eine gewisse Ablenkung von den traurigen Ereignissen, dass sie seit August 1913 in die Schule geht. Von offizieller Seite wird wenig für die Ausbildung von Mädchen getan. In Königsberg gibt es 1913 für Mädchen keine einzige staatliche Schule und nur eine städtische, die Luisenschule. Dagegen gibt es zehn höhere Knabenschulen, fünf davon sind Gymnasien. Die so genannten höheren Töchterschulen sind private Institute, die von engagierten Frauen eingerichtet werden. Sie dürfen sich zwar auch »Lyceum« nennen, stehen aber im Rang einer Mittelschule.
Hannah Arendt besucht die Schule der Elvira Szittnick, die aus einem Privatzirkel hervorgegangen ist. Das Gebäude steht in der Hindenburgstraße, einer Parallelstraße zur Tiergartenstraße. Hannah ist ihren Mitschülerinnen weit voraus, sie kann bereits fließend lesen und schreiben. An ihrer Lehrerin hängt sie sehr. Vielleicht auch deshalb, weil sie oft lange Zeit auf ihre Mutter verzichten muss. Martha Arendt unternimmt nach dem Tod ihres Mannes eine zehnwöchige Reise nach Paris. Um Hannah kümmern sich die beiden Großmütter, Fanny Spiro und Klara Arendt. Als Martha Arendt im Winter zurückkehrt, bleibt sie nur kurz. Bald reist sie wieder ab zur Kur nach Karlsbad und dann weiter nach Wien und London. Immer wenn sie nach Königsberg zurückkehrt, stellt sie die Reaktion ihrer Tochter vor Rätsel. Sie weiß nie, ob sich das Kind freut sie wieder zu sehen oder nicht. Wahrscheinlich weiß Hannah es selbst nicht.
Erst viele Jahre später ist Hannah Arendt fähig, etwas Licht in die dunkle Verwirrung ihrer Kinderjahre zu bringen. Als ihre Mutter im Juli 1948 stirbt, schreibt Hannah an ihren Mann Heinrich Blücher:
»Ich habe meine ganze Kindheit und halbe Jugend aber doch mehr oder weniger so getan, als ob es für mich das Leichteste und Selbstverständlichste auf der Welt sein würde, sozusagen das Natürliche, allen Erwartungen zu entsprechen. Vielleicht aus Schwäche, vielleicht aus Mitleid, aber ganz sicher, weil ich mir nicht zu helfen wusste.«2

II. Jüdin in Königsberg
»Dass ich Jüdin bin, erfuhr ich auf der Straße.«

In Königsberg, in der Münzstraße, ganz in der Nähe vom Schloss, wohnt die Familie Fürst mit ihren drei Kindern Lisbeth, Edith und Max. Julius Fürst, das Oberhaupt der Familie, hat ein Herrenartikelgeschäft nahe der Grünen Brücke. Max, das jüngste der Fürst-Kinder, ist kaum ein Jahr älter als Hannah Arendt. Als Max eines Tages durch die Stadt schlendert, sieht er folgende Warnung auf eine Mauer geschmiert: »Jude ohne Vorhaut, sei nicht mehr so vorlaut.«1 Max hat schon oft judenfeindliche Bemerkungen aufgeschnappt, aber was die Anspielung an der Wand bedeuten soll, versteht er nicht recht. Was soll ihm fehlen, was die anderen haben? Seine Eltern traut er sich nicht zu fragen, also sucht er Rat im Brockhaus. Dort entdeckt er eine Abbildung der Skulptur des nackten David von Michelangelo und jetzt weiß er, worin er sich von den anderen Jungen unterscheidet. Er ist Jude und als kleines Kind beschnitten worden. Aber wieso das so schlimm sein soll, bleibt ihm ein Rätsel.
Max hat einen reichen Onkel im vornehmen Hufen-Viertel. Wenn er zu Kindergeburtstagen in die Jugendstil-Villa in der Tiergartenstraße eingeladen ist, kommt er sich vor wie der arme Verwandte. Einmal begegnet ihm da ein kleines Mädchen, es ist Hannah Arendt. Sie war, wie er sich später erinnert, »schön und klug, für mich ein Kind aus einer ganz anderen Welt«.2 Dabei ist Hannah Arendt auch eine Jüdin. Und so lernt der junge Max Fürst, dass nicht alle Juden gleich sind. Es gibt solche und solche.
Anfang des 20. Jahrhunderts hat die Stadt Königsberg etwa 250 000 Einwohner, davon sind nur knapp 4500 Juden. Innerhalb der jüdischen Bevölkerung gibt es große Unterschiede, je nachdem, wie stark man die eigene Tradition und Religion pflegt oder sich an die deutsche Umgebung angepasst hat. In der Gegend zwischen dem Bahnhof und dem Fluss Pregel, wo auch die alte Synagoge steht, wohnen die orthodoxen osteuropäischen Juden. Dort wird Jiddisch gesprochen und man kann Männer sehen mit langen, geringelten Schläfenlocken, bekleidet mit einem Kaftan. Die alteingesessenen deutsch-jüdischen Familien der Mittelschicht wie die Fürsts wohnen »auf dem Tragheim«, im nördlichen Stadtzentrum. Und die wohlhabenden Juden wie die Arendts und die Cohns wohnen in den Vororten wie den Hufen und Amalienau.
Obwohl die Fürsts und die Arendts ganz anderen sozialen Schichten zugehören, ist ihnen doch gemeinsam, dass sie in kulturellen und religiösen Fragen eine liberale Einstellung einnehmen und sich so wenig wie möglich von ihren nicht-jüdischen Mitbürgern unterscheiden wollen. Für sie ist es selbstverständlich, dass sie auch deutsch sind, und es ist ihnen eher peinlich, mit den Glaubensgenossen in der Bahnhofsgegend in Zusammenhang gebracht zu werden. Deren Lebensform ist für sie überholt und von der höheren deutschen Kultur abgelöst worden. »Deutsche Ordnung, deutsche Sitte trat in Judas niedere Hütte«, steht in einem Gebetbuch der jüdischen Gemeinde3. Überhaupt hören es die liberalen Juden nicht gerne, wenn man sie Juden nennt, das ist in Deutschland schon in dieser Zeit ein Schimpfwort. Wenn man nach der eigenen Religion gefragt wird, sagt man lieber »mosaisch«.
In solchen Wortfeinheiten äußert sich der tiefe Zwiespalt, in dem sich die angepassten, die assimilierten Juden in Deutschland befinden. Einerseits wollen sie als normale Bürger der Gesellschaft anerkannt werden, andererseits können sie nicht einfach eine Tradition abschütteln, die ihre Identität ausmacht und sie von dieser Gesellschaft trennt. Jener Zwiespalt zeigt sich oft an merkwürdigen Verhaltensweisen. Es gibt den so genannten »Dreitagejuden«, der nur zu den drei hohen jüdischen Feiertagen in die Synagoge geht, bei dem aber zu Hause von jüdischem Gedankengut und Brauchtum nichts zu spüren ist. Und in vielen jüdischen Familien, auch bei den Arendts, ist es durchaus üblich, Weihnachten zu feiern, mit Christbaum, Liedern und Bescherung. Meistens ist die bewusste Übernahme christlicher Sitten mit einem schlechten Gewissen verbunden. So halten sich die Fürsts nicht an das Gebot, nur koscheres Fleisch zu essen. Es kommt auch Schweinefleisch und Schinken auf den Tisch. Dann wird allerdings ängstlich darauf geachtet, dass niemand diese Speisen beim Namen nennt.
Mit jener doppelten Moral wachsen schon die Kinder auf. So lernen sie zum Beispiel im jüdischen Glaubensunterricht, welche Strafen ihnen drohen, wenn sie das Gesetz nicht befolgen, am Schabbat zu ruhen. Jedoch werden nur die wenigsten jüdischen Schüler von ihren Eltern angewiesen, in der Schule am Schabbat nicht zu schreiben. Die meisten gehen über diese Ungereimtheit stillschweigend hinweg und nur einige Privilegierte können es sich leisten, diesen Konflikt elegant zu umgehen, wie die Söhne des Bankdirektors Marx etwa, die sich ihre Schultaschen am Schabbat von einem Diener tragen lassen.
Auch für das Kind Hannah Arendt wird die besondere Rolle der Juden zu einer persönlichen Erfahrung. Wie Max Fürst wird sie »auf der Straße«, durch Bemerkungen von Kindern, darüber aufgeklärt, dass sie Jüdin ist. Im Hause Arendt fällt nie das Wort »Jude«. Martha Arendt hat keinen Sinn für Religion, schon gar nicht für die jüdische. Sie interessiert sich für Musik, für sozialistische Ideen und die Frauenbewegung, sie legt Wert auf gepflegte Geselligkeit, sucht den Kontakt zu nicht-jüdischen Familien und hält ihre Tochter an, sich mit der klassischen deutschen Literatur und Musik zu beschäftigen. Wenn Hannah etwas über ihre Religion erfährt, dann nur durch den Religionsunterricht beim Rabbiner Vogelstein oder über ihre Großmütter.
Martha Arendt hat zwar keinen Bezug zu ihrer jüdischen Herkunft, es kommt ihr aber auch nicht in den Sinn, diese Herkunft zu verleugnen. Das ist für sie eine Frage des Stolzes. Und diese Einstellung erwartet sie auch von ihrer Tochter. »Ich nehme an«, erklärt Hannah in einem späteren Interview, »sie würde mich links und rechts geohrfeigt haben, wäre sie je dahinter gekommen, dass ich etwa verleugnet hätte, Jüdin zu sein.«4 Genauso entschlossen, wie Martha Arendt zu ihrem Jüdischsein steht, wehrt sie sich auch gegen jede Benachteiligung, die daraus entsteht. So hat Hannah klare Anweisungen für den Fall, dass ein Lehrer in der Schule antisemitische Bemerkungen fallen lässt, egal gegen wen. Sie muss dann sofort aufstehen, die Klasse verlassen und nach Hause kommen. Und zu Hause schreibt Martha Arendt dann einen ihrer vielen eingeschriebenen Briefe an die Schulleitung.
Hannah fühlt sich von ihrer Mutter »absolut geschützt«. Sie erlebt aber auch, dass andere Kinder diesen Schutz nicht erfahren und ihre »Seelen« durch den Antisemitismus »vergiftet« werden.5 Besonders in den gutbürgerlichen deutsch-jüdischen Familien wird das Erbe der Väter mitgeschleppt wie eine Auszeichnung, die man schlecht zurückweisen kann und die man doch am liebsten loswerden möchte. Und so hält man widerwillig, mit innerer »Verbissenheit« daran fest; und gleichzeitig ist aller sozialer Ehrgeiz darauf gerichtet, in einer nicht-jüdischen Gesellschaft anerkannt zu werden und es so weit wie möglich zu bringen. Diese Mischung aus »Verbissenheit im Innern« und »Selbstgefühl nach außen«, so sieht es Hannah Arendt später, macht blind für Tatsachen wie den Judenhass, wozu die Wohlhabenheit dieser Schichten noch beiträgt. Gerade für Kinder sei diese Atmosphäre der Unsicherheit und Befangenheit sehr bedrückend. Und zustimmend zitiert sie Franz Kafka, der über »die dumpfe, giftreiche, kinderauszehrende Luft des schön eingerichteten Familienzimmers« klagt.6
Am 1. August 1914 bricht der Erste Weltkrieg aus. Entzündet hat sich der militärische Flächenbrand an der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajewo. Österreich erklärte daraufhin Serbien den Krieg und brachte damit Russland gegen sich. Deutschland versicherte dem alten Verbündeten Österreich seinen Beistand, aber statt an der Ostfront aktiv zu werden, plante der deutsche Generalstab unter General Moltke einen Angriff im Westen, gegen den Erzfeind Frankreich. Gemäß dem berühmt-berüchtigten »Schlieffen-Plan« sollten die deutschen Truppen über Belgien angreifen, um den Aufmarsch der Franzosen an der Ostgrenze zu umgehen. Diese Strategie brachte England auf den Plan. Eine Besetzung Belgiens und damit eine Erweiterung des deutschen Machtbereichs bis zum Kanal konnte das Inselreich nicht hinnehmen.
In Königsberg verkünden rote Plakate an den Anschlagsäulen erst die Mobilmachung, dann die Kriegserklärungen. Es herrscht bei der ganzen Bevölkerung eine nie gekannte Kriegsbegeisterung. Die Kasernen werden überschwemmt von Kriegsfreiwilligen. Darunter ist auch der jüngste Freiwillige des deutschen Heeres, der 14jährige Obertertianer Scheyer vom Löbenichter Realgymnasium, das auch Max Fürst besucht.
Die Rolle der Juden im kriegsbegeisterten Deutschland entspricht ganz ihrer zwiespältigen Stellung in der Gesellschaft. Für viele eingesessene jüdische Mitbürger ist es selbstverständlich, für Deutschland ins Feld zu ziehen. In Königsberg werden bis Kriegsende 820 jüdische Bürger einberufen. Dagegen wird ein großer Teil der nicht eingebürgerten russischen Juden als Feind betrachtet, man verfrachtet sie in Eisenbahnwaggons und bringt sie ohne Angabe von Zielen aus der Stadt.7
Durch die Nähe zu Russland wird Ostpreußen schnell zum Kriegsschauplatz. In einer Offensive rücken russische Truppen Richtung Königsberg vor. Zehntausende fliehen aus den besetzten Gebieten. In der Stadt, die sich auf eine Belagerung vorbereitet, herrscht ein großes Flüchtlingselend und es geht die Angst um vor den Russen, die, wie man den Schülern versichert, keine Menschen seien. Die Schwestern von Max Fürst schleifen die großen Messer, um sich vor Vergewaltigung zu schützen. Viele Beamte werden mit ihren Familien evakuiert, und wer immer es sich leisten kann, setzt sich in den Westen ab.
Auch Martha und Hannah Arendt verlassen Königsberg. Sie fahren mit der Bahn nach Berlin, dort wohnt Marthas jüngere Schwester Margarete mit ihrem Mann und den drei Kindern. Hannah geht nicht gern fort aus Königsberg und in Berlin hat sie Heimweh. Martha rechnet anscheinend mit einem längeren Bleiben in Berlin, denn sie meldet Hannah an einer Schule im Stadtteil Charlottenburg an.
Unterdessen starten deutsche Truppen eine Gegenoffensive, um die Russen wieder aus Ostpreußen zurückzudrängen. Ende August kommt es zur Schlacht von Tannenberg, bei der die russische Narew-Armee vernichtend geschlagen wird. Nach einer weiteren Niederlage bei den masurischen Seen räumen die Russen Ostpreußen. Als Retter des Vaterlandes wird General von Hindenburg gefeiert. Zu Ehren des »eisernen« Generals und zur Aufbesserung der Kriegskasse hat man auf dem Königsberger Paradeplatz eine hölzerne Hindenburg-Statue aufgestellt. An einem Stand daneben kann man einen Nagel aus Eisen, Silber oder Gold kaufen, den man dann in das Denkmal hämmert. Der patriotische Eifer der Königsberger hält sich aber in Grenzen. Auch am Ende des Krieges wird das eiserne Kleid des Generals noch große freie Flecken aufweisen.
Nach nur zehn Wochen in Berlin können die Arendts wieder in ihre Heimatstadt zurückkehren. In Königsberg wimmelt es noch von Soldaten, viele Schulen sind zu Lazaretten und Truppenunterkünften umfunktioniert, dennoch kommt wieder ein halbwegs normales Leben in Gang. Nachdem man die Russen in die masurischen Sümpfe gejagt hat, ist man felsenfest davon überzeugt, dass der Krieg bald vorbei und Deutschland der Gewinner sein wird. Den Kindern in den Schulen wird eingebläut, dass es süß und ehrenvoll sei, für das Vaterland zu sterben, und Max Fürst am Löbenichter Gymnasium muss das Lied Auf der Ostwacht lernen, das sein Musiklehrer als Gegenstück zur Wacht am Rhein komponiert hat.
Mit zunehmender Dauer aber bekommt der Krieg ein härteres Gesicht. Lebensmittel werden knapp und für viele Firmen bedeutet es den Ruin, dass der wichtige Wirtschaftspartner Russland wegfällt und durch die englische Blockadepolitik der Handel über den Hafen fast zum Erliegen kommt.
Martha Arendt wird von den Kriegsnöten nur wenig getroffen, sie kann sich noch auf das große Vermögen ihrer Familie stützen. Was ihr mehr Sorgen bereitet, ist die Entwicklung ihrer Tochter. Hannah, so vermerkt sie in ihr Tagebuch, macht einen sehr nervösen Eindruck, sie hat »allerhand Ängste«, vor anstehenden Klassenarbeiten »schlottern ihr die Knie«. Auch ist sie häufig krank und Martha Arendt kann nicht übersehen, dass Hannah immer dann erkrankt, wenn Reisen geplant werden oder eine Trennung von der Mutter droht. Die Serie von Krankheiten reißt nicht mehr ab. Zuerst eine Grippe, dann Masern, dann Keuchhusten, dann eine doppelte Mittelohrentzündung, dann Diphterie. Zu allem Überfluss muss sich das Kind auch noch einer »peinigenden Zahnregulierung« unterziehen. Bedingt durch ihre Krankheiten kann Hannah oft die Schule nicht besuchen, einmal über zehn Wochen lang nicht. Trotzdem gehört sie immer zu den Besten in ihrer Klasse.
Wenn Hannah wieder einmal krank ist, verbringen Mutter und Tochter viel gemeinsame Zeit allein zu Hause. Martha genießt es, Hannah zu pflegen und mit ihr zu lernen. Aber mit zunehmendem Alter versucht Hannah auch, sich dieser schützenden Geborgenheit zu entziehen. Dann kann es sogar vorkommen, dass sie gegenüber ihrer Mutter »ungehorsam und rüpelhaft« ist. Martha Arendt, die manchmal fast zwanghaft darauf bedacht ist, in ihrer Erziehung alles richtig zu machen, fühlt sich nun oft überfordert und hilflos.
Ab Mitte 1917 führt sie ihr Erziehungsbuch nicht mehr weiter. Die letzte Eintragung zeigt, dass sich im Verhältnis von Mutter und Tochter etwas verändert hat. Hannah, so klagt Martha Arendt, fange an, »schwierig« und »undurchsichtig« zu werden.

III. Wissenshunger
»Ich war gewohnt, das Leben zu doppeln: in ein Hier und Jetzt und Dann und Dort.«

»Friede wird, wenn der Wilhelm in Zylinder geht und die Auguste nach Kartoffeln steht.« So kann man die Leute in Königsberg reden hören, wenn sie in langen Schlangen vor den Geschäften anstehen, weil die Lebensmittelmarken nicht ausreichen. Dass der gottgegebene Kaiser und seine Gattin Auguste einmal abdanken könnten, das ist genauso unvorstellbar wie eine Mahlzeit, bei der etwas anderes auf den Tisch kommt als immer nur die verhassten Steckrüben. Viele wünschen sich, dass der Krieg endlich ein Ende hat, aber wer wie die Sozialdemokraten öffentlich gegen den Krieg demonstriert oder daran zweifelt, dass die Deutschen letztendlich den Sieg davontragen, der gilt als »vaterlandsloser Geselle«.
Am 3. Oktober 1918 bietet die deutsche Regierung dem amerikanischen Präsidenten einen Waffenstillstand an. Für den Großteil der Bevölkerung ist diese Nachricht ein Schock, denn von der Front war immer nur von Siegen berichtet worden. Es verbreitet sich die Meinung, dass die neue sozialdemokratische Regierung einen billigen Verständigungsfrieden herbeiführen wolle und den tapferen Soldaten an der Front in den Rücken gefallen sei. Diese so genannte »Dolchstoßlegende« wird sich noch lange halten, obwohl die meisten Soldaten wirklich kriegsmüde sind und sich mit der drohenden Niederlage abgefunden haben. Der Konflikt zwischen jenen, die den Krieg nicht verloren geben, und jenen, die ihn beenden wollen, führt schließlich zu einer Revolution. Ausgelöst wird sie am 4. November durch meuternde Matrosen in Kiel, die sich weigern, noch einmal in eine Seeschlacht gegen die englische Flotte zu ziehen. Die Matrosen bilden nach russischem Vorbild so genannte Räte und in wenigen Wochen breitet sich die Revolution über das ganze Deutsche Reich aus. Der Kaiser flieht in der Nacht vom 9. auf den 10. November nach Holland ins Exil, nachdem am 3. November das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet worden ist.
Auf die Nachricht von den Aufständen in Kiel und anderen Städten finden in Königsberg spontane Versammlungen von Arbeitern und Studenten statt. Unter anderem wird die Freilassung von Gefangenen gefordert. Eine riesige Menschenmenge zieht in Richtung Militärgefängnis, aber es kommt zu keinen gewalttätigen Zusammenstößen. Eine Gruppe von Aufständischen dringt in die Wohnung des stellvertretenden Kommandierenden, General von Dickhut-Harrach, ein, der ohne Widerstand seinen Säbel aushändigt. Nachdem mehrere Kasernen aufgelöst worden sind, werden Soldatenräte gewählt, sie beziehen ihr Hauptquartier im Königsberger Schloss.
Martha Arendt nimmt mit Begeisterung an den Ereignissen teil. Sie hat das Gefühl, Zeugin historischer Vorgänge zu sein, und mit ihren gleich gesinnten Freunden führt sie hitzige Diskussionen, zu denen sie auch ihre Tochter Hannah mitnimmt. Martha Arendts Interesse gilt weniger konkreten politischen Fragen, sie ist fasziniert von der Persönlichkeit der Kommunistin Rosa Luxemburg, die sie zur lebenden Legende verklärt. Gerührt erzählt sie Hannah von der Vogel- und Blumenfreundin Luxemburg, von der sich nach einer Inhaftierung die Gefängniswärter unter Tränen verabschiedeten.1
Das Leben der Rosa Luxemburg nimmt kein romantisches Ende. Sie und ihr Gefährte Karl Liebknecht werden im Januar 1919 von Freikorpsangehörigen ermordet, und damit ist der Revolution in Deutschland das Rückgrat gebrochen. Auch in Königsberg wird dem revolutionären Spuk bald ein Ende gemacht. Am 4. März wird die Stadt vom »bolschewistischen Terror« befreit. Hunderte von Aufrührern werden verhaftet, und das Schloss, in dem sich die Anführer verschanzt haben, wird gestürmt, es gibt viele Tote und Verletzte.
Hannah nimmt diese geschichtlichen Ereignisse nur am Rande wahr. Sie ist zwar schon zwölf Jahre alt und geht auf die Königin-Louise-Schule, kurz Luisengymnasium genannt, das erste Mädchengymnasium in Ostpreußen, aber für die aktuelle Politik interessiert sie sich nicht. Ihr Wissensdurst geht in eine andere Richtung. Aus der umfangreichen Bibliothek ihres verstorbenen Vaters verschlingt sie alles, was ihr unter die Hände gerät: Romane, Gedichte, philosophische Werke, vieles davon lernt sie auswendig. Sie liest Die Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant und das Werk des deutschen Philosophen Karl Jaspers, die Psychologie der Weltanschauungen.
Hannah zeigt für eine Dreizehnjährige eine erstaunliche geistige Frühreife. Später wird sie diesen Wissensdrang eher als Ausdruck einer Not verstehen. In einem Text der neunzehnjährigen Hannah Arendt mit dem Titel Die Schatten2 versucht sie zu erklären, warum sie als Kind und Jugendliche trotz ihrer Begabung nie ein Gefühl der Unwirklichkeit verlassen hat. Ihr Wissen, so schreibt sie über sich in der dritten Person, blieb »isoliert und verkapselt«, ihr Leben war »in sich versunken« und die Gegenwart sei an ihr abgeprallt, weil sie einer inhaltslosen »Sehnsucht« nachhing.
Anfang 1919 entschließt sich Hannahs Mutter, wieder zu heiraten, und zwar den sechsundvierzigjährigen verwitweten Geschäftsmann Martin Beerwald. Offensichtlich möchte Martha Arendt, inzwischen einundfünfzig Jahre alt, durch eine erneute Ehe für sich und ihre Tochter gesicherte Verhältnisse schaffen und Hannah wieder eine Familie geben. Martin Beerwald hat zwei Töchter, Clara und Eva. Die eine ist sechs, die andere fünf Jahre älter als Hannah. Im Sommer 1920 findet die Hochzeit von Martha Arendt und Martin Beerwald statt und Hannah zieht mit ihrer Mutter in das Beere aldsche Haus in der Busoltstraße, nur zwei Straßen entfernt von der Tiergartenstraße.