Cover

titel.jpg
Maren Gottschalk, geboren 1962, studierte Geschichte und Politik in München; anschließend Promotion in Mittelalterlicher Geschichte. Heute lebt und arbeitet sie als freischaffende Autorin und Journalistin in Leverkusen; sie schreibt über die Themen Geschichte, Kultur und Wissenschaft.
Bei Beltz & Gelberg veröffentlichte sie drei weitere Biographien: Der geschärfte Blick. Sieben Journalistinnen und ihre Lebensgeschichte; »Es brennt das Leben«. Die Lebensgeschichte des Pablo Neruda und zuletzt Jenseits von Bullerbü. Die Lebensgeschichte der Astrid Lindgren.
Impressum
Dieses Buch ist erhältlich als:
ISBN 978-3-407-74872-0 Print
ISBN 978-3-407-74479-1 E-Book (EPUB)
© 2007, 2013, 2018 Gulliver
in der Verlagsgruppe Beltz · Weinheim Basel
Werderstraße 10, 69469 Weinheim
Alle Rechte vorbehalten
© 2002 Beltz & Gelberg
Für die vorliegende Ausgabe wurde das Nachwort aktualisiert
Lektorat: Susanne Härtel
Neue Rechtschreibung
Einbandgestaltung: Cornelia Niere, München,
unter Verwendung eines Motivs von
Dario Mitidieri/getty images
Gesamtherstellung: Beltz Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza
Printed in Germany
3 4 5 6 7 22 21 20 19 18
Weitere Informationen zu unseren Autor_innen und Titeln
finden Sie unter: www.beltz.de
Dank
  
Meiner Lektorin Susanne Härtel danke ich für ihren klaren, kritischen Blick, für Ermutigung und Inspiration. Für Hintergrundinformationen und spannende Gespräche möchte ich Herrn Dr. Albrecht Hagemann und Herrn Harald Ganns, dem »verrückten« Botschafter in Südafrika a.D. danken, und vor allem der besonderen Kennerin südafrikanischer Geschichte, Ruth Weiss, die sich auf alle meine Fragen mit viel Geduld einließ.
Für Manfred
»Wozu soll einem Bantu-Kind Mathematik gelehrt werden, wenn es das in der Praxis ohnehin nicht anwenden kann? Das ist doch absurd.«
Henrik Verwoerd, Minister für Eingeborenenangelegenheiten, 1950
»Weiße Vorherrschaft setzt schwarze Unterlegenheit voraus … Aufgrund dieser Einstellung neigen die Weißen dazu, Afrikaner als eine besondere Gattung Mensch zu betrachten. Sie sehen sie nicht als Menschen an, die ihre eigenen Familien zu versorgen haben; sie nehmen nicht zur Kenntnis, daß sie Gefühle haben – daß sie sich ebenso wie Weiße verlieben, daß sie ebenso wie die Weißen mit ihren Frauen und Kindern zusammenleben möchten; daß sie genug Geld verdienen möchten, um ihre Kinder anständig zu versorgen, zu ernähren, zu kleiden und zur Schule zu schicken.«
Nelson Mandela, 1964

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Ein Häuptlingssohn am Ende der Welt
Ein Blick zurück: Auftritt der Weißen Herren
Schwarz in der Stadt des Goldes
Keine Erleuchtung – nur Wut
Der weiße Würgegriff: Apartheid
Gebannte Kraft
Hochverrat und Liebe
Ich wurde ein Wesen der Nacht
Im Schatten des Galgens
Lebendig begraben
Wir werden die Apartheid zerschmettern
Auf der richtigen Seite der Geschichte
Lasst Freiheit herrschen
Der hellste Stern
»Lasst ihn endlich gehen!« – Ein Nachwort
Literatur- und Quellenverzeichnis

Vorwort

Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, geriet die Welt – nicht nur in Deutschland – in einen Taumel der Hoffnung. Die bestbewachte Grenze der Welt, die auf brutale und unmenschliche Weise ein Volk, ja fast die gesamte Welt in Ost und West getrennt hatte, war von friedlichen Menschen ohne Waffen überwunden worden. Von Menschen, die sich nicht abgefunden hatten, sondern Repressionen und Strafen auf sich nahmen, um ihren mutigen Kampf beharrlich weiterzuführen.
Während wir noch versuchten, dieses historische Ereignis und seine Folgen zu begreifen, da zeichnete sich im Süden Afrikas ein neues Wunder ab. Staatspräsident Frederik Willem de Klerk eröffnete das südafrikanische Parlament am 2. Februar 1990 mit einer sensationellen Erklärung: Er hob das Verbot der oppositionellen Parteien auf und kündigte die bedingungslose Freilassung von Nelson Mandela an. Das konnte nur eines bedeuten: Die Apartheid, das brutale System der Rassentrennung, stand nach 40 Jahren vor ihrem Ende. Aber konnte es wirklich sein, dass die Weißen ihre Macht freiwillig abgeben und sie mit den Schwarzen teilen würden?
Eine Woche später trat der berühmteste Gefangene der Welt, Nelson Mandela, nach 27 Jahren Gefängnis in die Freiheit. Vier Jahre später wurde er zum ersten schwarzen Staatspräsidenten Südafrikas gewählt. Und wieder jubelten die Menschen in aller Welt, sah es doch so aus, als würde menschlicher Fortschritt nicht mehr nur Utopie bleiben.
Das Wunder am Kap der Guten Hoffnung ist von anderer Beschaffenheit als das Wunder von Berlin, denn die Rassentrennung zerschneidet Köpfe und Herzen auf besonders schmerzhafte Weise. Die Mauer der Apartheid war nicht aus Beton gemacht, sondern aus Gesetzen, Verachtung und Gewalt. Sie ruhte auf einem Fundament aus Angst und Überheblichkeit und erzeugte einen unvorstellbaren Hass. Viel Blut ist unter den Apartheidregimen geflossen, und die Reihen der Gräber in Soweto, in Sharpville und den vielen anderen Schauplätzen des Terrors sind lang. Dennoch entstand das neue Südafrika nicht aus einem grausamen Bürgerkrieg, weil Einsicht, Versöhnungswillen und Menschlichkeit letztlich stärker waren als der Wunsch nach Rache. Dies ist das Verdienst vieler, unzähliger Menschen, die bereit gewesen sind, ihrem ärgsten Feind die Hand zu reichen. Einer hat es ihnen vorgemacht und ohne ihn wäre die Geschichte Südafrikas mit Sicherheit anders verlaufen: Nelson Mandela.
Jeder, der über die Geschichte Südafrikas schreibt, steht vor dem Problem: Darf man die Terminologie des rassistischen Apartheidregimes übernehmen und von Weißen und Schwarzen, Farbigen und Indern reden? Oder sollte man lieber Schwarze als Afrikaner und Weiße als Afrikaander bezeichnen?
Ich bin der Meinung, dass diese Terminologie nicht nur wegen der Ähnlichkeit der Begriffe verwirrend ist, sondern auch verschleiert, was über 40 Jahre lang der Grund für eines der grausamsten Unterdrückungssysteme auf dieser Welt gewesen war: die Hautfarbe.
Heute sind sie alle Afrikaner, die Weißen und Schwarzen, Farbigen und Inder. Aber tausende starben vor ihnen. Und sie starben wegen ihrer Hautfarbe.
Wir in Deutschland werfen uns heute oft vor, nicht früher, lauter, wirkungsvoller die Zustände im Apartheidstaat angeprangert zu haben. Wir haben uns sehr intensiv mit der eigenen Geschichte befasst, vor allem mit der Unmenschlichkeit der Nazi-Zeit, und darüber nicht immer vermocht, über unseren Horizont hinauszusehen. Es gab aber auch hierzulande schon immer Menschen, die den Befreiungskampf der Unterdrückten unterstützt haben. Es hätten viel mehr sein können. Es hätten viel mehr sein müssen.

Ein Häuptlingssohn am Ende der Welt

Gadla Henry Mandela ist ein Mann von aufrechter Haltung, unbeugsam und dickköpfig. Er kann zwar weder lesen noch schreiben, dafür aber wunderbare Reden halten. Gelegenheiten dazu hat er genug: Als hoch geachteter Thembu-Häuptling leitet er die wichtigsten Familienzeremonien im Dorf – Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen. Auch das Schlichten von Streitigkeiten gehört zu seinen Aufgaben. Ein reicher Mann ist Gadla Henry, vier Frauen kann er sich leisten. Jede Woche besucht er eine andere von ihnen und beaufsichtigt die Erziehung seiner 13 Kinder. Stolz blickt der Vater auf seine Nachkommen. Sie alle sind von königlichem Geblüt, denn Gadla Henry selbst stammt aus dem Haus der Thembu-Könige, wenn auch nur aus dem Zweig zur »linken Hand«, der nicht den König selbst stellt, sondern seine Berater.
Thembuland liegt an der östlichen Küste Südafrikas und ist Teil der Transkei, ein Gebiet etwa so groß wie die Schweiz.
Zu Beginn des letzten Jahrhunderts leben dort dreieinhalb Millionen Xhosa, zu deren Volk auch die Thembu im Norden gehören. Ihr König regiert das kleine Land mit Hilfe von vielen Häuptlingen, deren Ernennung er von seinem Kolonialherren, dem Magistrat, bestätigen lassen muss. Denn die schwarze Selbstverwaltung steht in allen Teilen Südafrikas unter weißer Oberaufsicht.
In Thembuland sind die Täler das ganze Jahr über grün, weil sie von unzähligen klaren Bächen und Flüssen durchzogen werden. Wie sanfte Wellen breiten sich die grasbewachsenen Hügel über das Land aus.
In dem kleinen Dorf Mvezo am Ufer des Mbashe-Flusses kommt Nelson Mandela zur Welt, am 18. Juli 1918. Gadla Henry nennt seinen Sohn Rolihlahla, was wörtlich übersetzt heißt: »Am Ast eines Baumes ziehen« oder sinngemäß: »Unruhestifter«.
Rolihlahla ist das älteste Kind von Gadlas dritter Frau, Nosekeni Fanny, und noch ein Kleinkind, als die Familie ihre Privilegien verliert. Ein Streit mit dem Magistrat kostet Gadla Henry die Häuptlingswürde und damit auch den größten Teil seines Vermögens – Land und Vieh. Nosekeni Fanny zieht mit ihren Kindern fort von Mvezo nach Qunu, 30 Kilometer von der Thembu-Hauptstadt Umtata entfernt. Dort lebt ihre Familie, die sie nach afrikanischer Sitte hilfsbereit in ihrer Mitte aufnimmt. Gadla Henry behält den Besucherrhythmus bei und wohnt einmal im Monat für eine Woche bei ihr und den Kindern.
In Qunu spielt sich das Leben seit Generationen nach demselben Muster ab. Die wenigen hundert Dorfbewohner leben in runden Lehmhütten, deren Grasdächer oben spitz zulaufen. Durch eine niedrige Öffnung gelangt man in die Hütte hinein und wird von Dunkelheit umfangen, denn Fenster gibt es nicht. Der Boden besteht aus zerstampfter Erde und wird regelmäßig mit frischen Kuhfladen geglättet. Rolihlahlas Familie besitzt drei Hütten, die von einem Zaun umschlossen einen Kraal, ein Gehöft, bilden. Die erste Hütte dient zum Lagern der Lebensmittel, in der zweiten wird gekocht und, wenn es draußen zu kalt ist, auch gegessen. Als Herd dient eine Feuerstelle in der Mitte der Hütte, darin steht ein dreibeiniger eiserner Topf. In der dritten Hütte legen sich die Familienmitglieder zum Schlafen auf dünne Matten nieder, die Köpfe betten sie auf ihre Ellenbogen.
Rolihlahla wächst in einer afrikanischen Großfamilie auf, in der keine Unterscheidung des Verwandtschaftsgrades gemacht wird, denn die Xhosa-Sprache kennt die Wörter »Tante«, »Onkel«, »Neffe« oder »Cousine« nicht. Alle Kinder aus einer Sippe sind Brüder und Schwestern und nennen die Erwachsenen Vater und Mutter.
Thembuland ist wunderschön, aber arm, der Boden karg und das Vieh mager. Auf den Weiden rings um das Dorf grasen Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde. Qunu besitzt zwei kleine Grundschulen mit je einem Klassenzimmer, einen Kaufladen und ein großes Tauchbecken, in dem das Vieh der Dorfgemeinde von Zecken und Krankheiten befreit wird.
Das Leben ist einfach. Die Jungen, in ockerfarbene Wolldecken gewickelt, hüten das Vieh, das den Menschen viel bedeutet: Sie nutzen es nicht nur als Fleisch- und Milchlieferanten, sondern auch als Tauschmittel für andere Waren. So lässt sich an der Größe einer Herde der Wohlstand einer Familie ablesen. Auch der traditionelle Brautpreis, die lobola, wird mit Vieh bezahlt, und nur ein Mann, der Tiere besitzt, kann überhaupt heiraten.
Die Frauen und Mädchen kümmern sich um das Essen, das aus Mais, Hirse, Bohnen oder Kürbissen besteht. Nur wenige können sich ab und zu den Genuss so exotischer Luxusgüter wie Zucker, Kaffee oder Tee leisten, und Rolihlahlas Familie gehört nicht mehr zu den Reichen. Für die Hauptmahlzeit, meistens ist es Maisgrütze, kommt die Familie am Abend vor der Hütte zusammen und isst gemeinsam aus einem Topf. Das Wasser zum Kochen und Waschen schleppen die Frauen und Kinder täglich aus dem Fluss zum Kraal.
Wo aber sind die Männer des Dorfes? Die meisten von ihnen arbeiten in den Minen bei Johannesburg, hoch im Norden Südafrikas. Dort holen sie unter unmenschlichen Bedingungen die Schätze des Landes, Kohle, Erze und Gold, ans Tageslicht und schlafen in den für Wanderarbeiter errichteten Baracken. Früher waren sie alle Bauern und Selbstversorger, doch dann haben die weißen Kolonialherren eine Kopf- und Hüttensteuer erfunden, die es nötig machte, woanders Geld zu verdienen. Manche der Arbeiter kommen nur zweimal im Jahr zurück ins Dorf, um ihre Felder zu pflügen.
Rolihlahla ist mit fünf Jahren alt genug, um wie seine Freunde auf die Schafe und Kälber aufzupassen. Das ist keine schwierige Aufgabe und die Jungen haben viel Zeit zum Spielen auf dem veld. Sie bringen sich gegenseitig bei, mit der Steinschleuder auf Vögel zu schießen oder in den Bächen zu schwimmen und Fische zu fangen. Wenn sie durstig sind, trinken sie die Milch direkt aus den Eutern der Kühe, und gegen den Hunger gibt es Wurzeln und wilden Honig. Meistens bleiben die Jungen für sich, aber manchmal kommen auch die Mädchen mit aufs veld, dann spielen sie zusammen Verstecken, Fangen oder kheta – »Wähle, wen du magst« –, wobei die Jungen um die Bewunderung der Mädchen ringen.
Das Lieblingsspiel der Jungen aber ist thinti, der Kampf mit dem Stock. Rolihlahla träumt wie jeder afrikanische Junge davon, ein großer Krieger zu sein, und übt jeden Tag das Parieren von Schlägen, das Täuschen des Gegners und das schnelle Zuschlagen. Die Mannschaften von zwei Dörfern treten gegeneinander an, um ihre Kräfte im Stockspiel zu messen. Wer sich hier auszeichnet, gilt als Held, als Nachfahre der berühmten Xhosa-Krieger.
Sitte, Ritual und Tabu weisen den Menschen im Dorf einen sicheren Weg durch den Alltag. Mädchen lernen von ihren Müttern, welchen Platz das Leben für sie vorgesehen hat, Jungen von ihren Vätern. »Wie alle Xhosa-Kinder eignete ich mir Wissen hauptsächlich durch Beobachtung an. Wir sollten durch Nachahmen lernen, nicht durch Fragerei. Als ich später die Häuser von Weißen besuchte, war ich anfangs verblüfft über die Anzahl und die Art der Fragen, die Kinder ihren Eltern stellten – und über die ausnahmslose Bereitschaft der Eltern, diese Fragen zu beantworten. Bei uns galten Fragen als lästig; Erwachsene gaben Kindern Erklärungen, die sie für notwendig hielten.«1
Wer die Grenzen nicht akzeptiert, muss mit dem Zorn der Ahnen rechnen. Um das schreckliche Leid abzuwenden, das die aufgescheuchten Geister anrichten, braucht es die Vermittlung der traditionellen Heiler oder der Stammesältesten. Besser ist es, so lernt Rolihlahla früh, sich streng an die Stammesregeln zu halten.
Vage sind seine Vorstellungen über die Weißen. Wer sind sie? Sind es Götter? Wenn nicht, warum haben sie so viel Macht? Ob es Ladenbesitzer sind, Magistrate, Polizisten oder die wenigen Reisenden, die sich in die Gegend verirren: Man schuldet ihnen Respekt, aber wer weiß schon, warum? Klarer erscheint ihm die Abgrenzung zu anderen Stämmen. Ein Xhosa heiratet zum Beispiel keine Sotho.
Im Dorf wohnen auch Angehörige der amaMfengu, die vor vielen Jahren als Flüchtlinge ins Land der Xhosa kamen und damals die Arbeiten verrichteten, die ein Xhosa verachtet hätte: Sie dienten den Weißen und wurden häufig zum Christentum bekehrt. Aus dem Kontakt zu den Missionsstationen aber erwuchs ihnen ein Bildungsvorsprung und zur Zeit von Rolihlahlas Kindheit verkörpern die amaMfengu den fortschrittlichen Teil der Gemeinde. Sie sind Geistliche, Dolmetscher, Lehrer, Beamte, Polizisten und sie tragen westliche Kleidung. Die Thembu beneiden sie ein wenig und halten sich von ihnen fern.
Gadla Henry, der sich wenig um Stammeszugehörigkeiten kümmert, hat zwei Freunde unter den amaMfengu, die Brüder Mbekela, von denen der eine Lehrer, der andere Polizist ist. Unter ihrem Einfluss lässt sich seine Frau Nosekeni Fanny zum Christentum bekehren. Auch Rolihlahlas Lebensweg wird von den beiden Männern beeinflusst, als sie Gadla Henry dazu raten, seinen aufgeweckten Sohn zur Schule zu schicken. Der Vater überlegt nicht lange. Warum sollte Rolihlahla eigentlich nicht lesen und schreiben lernen? Die Häuptlingswürde kann er zwar nicht erben, die geht an den ältesten Sohn seiner Hauptfrau. Aber vielleicht kann er ja später einmal Berater des Königs werden und dafür braucht er eine gute Ausbildung. Rolihlahla wird bei der Missionsschule der Methodisten angemeldet.
Am Abend vor dem ersten Schultag schenkt Gadla Henry seinem Sohn feierlich eine seiner eigenen Hosen. Er schneidet sie in Kniehöhe ab und zieht ein Stück Schnur durch die Schlaufen, damit sie nicht hinunterrutscht. »Ich muß einen komischen Anblick geboten haben, doch nie habe ich ein Kleidungsstück besessen, auf das ich stolzer gewesen wäre als auf meines Vaters abgeschnittene Hose.«2
Am ersten Schultag bekommt Rohlilahla von der Lehrerin einen neuen Namen: Nelson. Weil die Briten afrikanische Namen nicht aussprechen und schon gar nicht im Kopf behalten können, trägt in dieser Zeit jeder schwarze Afrikaner auch einen englischen Namen. Ziemlich willkürlich werden die Schulkinder nach englischen Helden oder Heldinnen benannt: Victoria, Wellington, Adelaide, Nelson. Vielleicht hätte sich die Lehrerin mehr Mühe gegeben, wenn sie geahnt hätte, dass ihr Schützling einmal zu den berühmtesten Menschen der Welt gehören würde. Doch wer sollte das damals schon ahnen?
Zwei Jahre später, 1927, kommt Gadla Henry eines Tages früher als gewöhnlich nach Qunu und legt sich zum Sterben nieder. Einen Arzt hat er nie besucht, aber er weiß auch so, dass sein Leben zu Ende geht. Nosekeni Fanny und Gadla Henrys jüngste Frau Nodayimani pflegen ihn bis zum Tod. Für den neunjährigen Nelson wird sich nun alles ändern. »Ich erinnere mich nicht daran, große Trauer empfunden zu haben, sondern vielmehr ein Gefühl des Abgeschnittenseins. Obwohl meine Mutter der Mittelpunkt meiner Existenz war, definierte ich mich über meinen Vater.«3 Nach einer kurzen Trauerzeit erklärt ihm die Mutter eines Tages, er müsse Qunu nun verlassen. Nelson fragt nicht, warum.
Mutter und Sohn packen seine wenigen Sachen und verlassen das Dorf am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang. Ein letzter Blick vom Hügel zurück ins Tal: Nelson betrachtet die Hütten, den Bach und die Felder, den Rauch, der aus den Hütten aufsteigt, hört das Blöken der Schafe. Er hat das Gefühl, seine Heimat für immer zu verlieren.
Nach einem langen, mühevollen Fußmarsch erreichen sie am späten Nachmittag einen Besitz, so schön und groß, wie Nelson noch nie einen gesehen hat. Zwei rechteckige Häuser und sieben Rundhütten, strahlend weiß getüncht, leuchten in der Sonne. Große Gärten mit Ostbäumen, Blumen und Gemüse umschließen das Gehöft und eine stattliche Schaf- und Rinderherde grast friedlich auf der Weide dahinter. Nicht weit davon die kleine weiße Dorfkirche. Alles sieht nach Reichtum und Wohlstand aus. Dies ist »Der große Platz«, Mqhekezweni, die königliche Residenz von Jongintaba Dalindyebo, dem amtierenden Regenten in Thembuland.
Während Nelson und seine Mutter scheu vor dem Anwesen warten, biegt ein mächtiger Ford in die Auffahrt ein. Nun springen die Männer, die bisher reglos im Schatten gesessen haben, auf und rufen: »Bayethe a-a-a-Jongintaba!« – Heil dir, Jongintaba! Aus dem Auto klettert ein selbstbewusster Mann im eleganten Anzug, klein und kräftig, mit entschiedenen Gesichtszügen. Man sieht ihm an, dass er daran gewöhnt ist, Macht auszuüben. Zum ersten Mal fühlt Nelson die Faszination von Ansehen und Ruhm. »Plötzlich tat sich vor mir eine neue Welt auf. Kinder aus armen Familien, die sich auf einmal einem für sie unvorstellbaren Wohlstand gegenübersehen, fühlen sich einer Menge neuer Versuchungen ausgesetzt. Ich war da keine Ausnahme. In diesem Augenblick spürte ich, wie viele meiner Überzeugungen und Ansichten gleichsam fortgespült wurden. Das schlanke, von meinen Eltern errichtete Fundament begann zu schwanken. In jenem Augenblick sah ich, daß das Leben für mich mehr bereithalten mochte als eine Meisterschaft im Stockkämpfen.«4
Jongintaba Dalindyebo regiert das Reich der Thembu schon seit mehreren Jahren für den noch unmündigen Thronfolger Sabata. Seine Ernennung hatte er nicht zuletzt der Fürsprache Gadla Henrys zu verdanken und deshalb will er der Familie des Verstorbenen nun helfen. Er bietet großzügig an, den neunjährigen Nelson bei sich aufzunehmen und ihn wie ein eigenes Kind zu erziehen. Nelsons Mutter bleibt nur zwei Tage, dann geht sie zurück nach Qunu. Nelson ist vom »Großen Platz« völlig verzaubert. Es gibt so viel Neues und Interessantes zu sehen. In den ersten Tagen wirkt er schüchtern und still, aber bald taut er auf. Alles ist wie ein Abenteuer, das Reiten und das Wagenlenken, aber auch der Gesang der schönen Thembu-Mädchen am Abend, selbst die Schule macht Spaß. Nelson lernt Englisch, Geschichte und Geographie. Ein begabter Schüler ist er nicht, dafür aber gewissenhaft und fleißig.
Als Mitglied der Regentenfamilie genießt Nelson in Mqhekezweni besonderes Ansehen. Er besitzt nun auch neue Kleidung, passende Hosen und Hemden im westlichen Stil. Die Männer tragen Anzüge, die Frauen lange Röcke, dazu Blusen, die bis zum Hals geschlossen sind, und um den Kopf ein elegant gewundenes Tuch.
Nelsons beste Freunde sind die Kinder des Regenten, Justice und Nomafu, später kommt noch Nxeko, der Bruder des Thronerben, hinzu. Der Regent behandelt jeden dieses »königlichen Quartetts« gleich und macht keine Rangunterschiede. Die Kinder bekommen das gleiche Essen, die gleiche Kleidung und jeder von ihnen muss Pflichten im Haushalt übernehmen. Nelson hat unter anderem die Aufgabe, die Anzüge des Regenten zu bügeln, was er mit großer Hingabe erledigt. Seine ganze Dankbarkeit bügelt er in die präzisen Falten hinein.
Justice, der einzige Sohn des Regenten, ist vier Jahre älter als Nelson und besucht bereits ein Internat in Clarkebury. In Mqhekezweni teilen sich die beiden Jungen eine eigene Hütte. Justice verkörpert all das, was Nelson auch sein möchte: Er ist ein ausgezeichneter Sportler, gut gebaut und hübsch, fröhlich und charmant, ein toller Typ eben. Nelson wirkt daneben noch ein wenig verschlossen und schwerfällig.
Das Leben am »Großen Platz« wird von zwei klaren Prinzipien bestimmt: Religion und Regentschaft. Eindrucksvoll ist die Persönlichkeit des Reverend Matyolo, der jeden Sonntag im voll besetzten Gotteshaus eine dramatische Predigt voller schrecklicher Drohungen hält. Von ihm lernt Nelson, dass der Herr nicht nur mächtig und weise, sondern auch zutiefst rachsüchtig sein kann. Die Prügel, die er fürs Schwänzen des Kirchgangs einsteckt, belegen dies ebenso unmissverständlich wie die Schläge, nachdem er aus des Pfarrers Garten Maiskolben geklaut hat. Täglich wird sein Leben mehr vom Geist der Methodistischen Kirche durchdrungen, und er bemüht sich ernsthaft darum, keine Sünden mehr zu begehen, aus Angst vor einer »kosmischen Maulschelle«5.
Die Regentschaft Jongintabas dagegen bildet den Rahmen für das politische Leben in Mqhekezweni. Alle wichtigen Probleme werden am »Großen Platz« verhandelt. Droht eine Dürre oder eine Epidemie, gibt es neue Verordnungen des Magistrats oder neue Gesetze der Kolonialregierung in Pretoria, so lädt Jongintaba die Häuptlinge zur Stammesversammlung ein. Jeder erwachsene, männliche Thembu kann ebenfalls daran teilnehmen, und nach und nach findet sich eine große Schar ein, die unter freiem Himmel tagt. Der Regent eröffnet die Versammlung und erklärt in wenigen Worten, was zur Debatte steht. Dann setzt er sich und sagt lange nichts mehr. Nun haben seine Untertanen das Wort und ein jeder darf sprechen, Häuptling, Krieger oder einfacher Farmer, Medizinmann oder Geistlicher.
Nelson lauscht aufmerksam und lernt dabei viel über die Technik des Vortrags. Manche Männer schwafeln drauflos, andere kommen direkt zum Punkt, die einen setzen Pausen oder emotionale Ausbrüche gezielt ein, wieder andere sprechen eher sachlich und nüchtern. Erst wenn alle sich ausgesprochen haben, ergreift der Regent erneut das Wort, fasst zusammen, wägt ab und formt – wenn es möglich ist – aus allen Beiträgen einen Kompromiss. Nelson selbst wird viele Jahre später das hier Erlernte meisterhaft anwenden und nie den weisen Ratschlag des Regenten vergessen: »Ein Führer, sagte er, ist wie ein Hirte. Er hält sich hinter der Herde und läßt die Flinksten vorweggehen, woraufhin die anderen folgen, ohne zu erkennen, daß sie die ganze Zeit von hinten gelenkt werden.«6
Wenn die Häuptlinge am Abend zusammensitzen, erzählen sie sich gegenseitig gern von den Heldentaten der großen afrikanischen Könige und Krieger. Den neugierigen Nelson scheuchen sie weg, er ist viel zu jung für diese Geschichten. Hartnäckig treibt er sich dennoch so lange in ihrer Nähe herum, bis sie es aufgeben, ihn zu verjagen. Die Geschichten von Zulu-König Dingane, von Moshoeshoe, dem König der Basotho, von berühmten Kriegern wie Makana, Montshiwa und Kgama verfolgen ihn bis in seine Träume. Zu dieser Zeit erfährt Nelson auch, dass Afrika einmal den schwarzen Menschen gehörte, bevor die Weißen von fernen Ländern übers Meer kamen, ihnen das Land fortnahmen und das Zusammengehörigkeitsgefühl der schwarzen Stämme zerstörten.
Der Junge von Qunu hat eine Menge neuer Erfahrungen zu verarbeiten. Oft fühlt er sich wie ein Tölpel vom Land. Als er sich in die Tochter von Reverend Matyolo verliebt, ruht deren Schwester nicht, bevor sie ihn bloßgestellt hat. Das ist gar nicht schwer: Sie lädt Nelson zu einem formellen Abendessen ein und serviert Hühnchenflügel, die mit Messer und Gabel gegessen werden müssen, was Nelson schlicht nicht kann. Eine Demütigung, die er nie vergessen hat.
Mit 16 Jahren ist Nelson Mandela alt genug, um ein Mann zu werden. In der Xhosa-Tradition bedeutet das die Beschneidung. Ohne diese sind die Jungen keine vollwertigen Mitglieder des Stammes, sie dürfen nicht heiraten, kein Erbe antreten, keine Stammesrituale leiten.
Nelson, Justice und 24 andere Jungen reisen nach Tyhalarha, ein Tal am Mbashe-Ufer, das als heiliger Beschneidungsort für Thembu-Könige gilt. Die Abgeschiedenheit des Ortes fördert die Konzentration auf das wichtige Ereignis. Als Erstes müssen die Jungen eine verwegene Tat vollbringen. Sie stehlen ein Schwein, schlachten und rösten es und verzehren es auf der Stelle. Das Ganze ist eher ein Streich als eine Mutprobe, aber die Aufgabe gilt als erfüllt.
Am Morgen der Beschneidung, noch vor der Dämmerung, reinigen die Jungen sich im kalten Fluss. Als die Trommeln beginnen, sitzen sie schon in Decken gewickelt auf dem Waldboden und warten, während ihre Eltern und Verwandten von ferne zuschauen. Die Jungen sind nervös. Sie dürfen kein Zeichen der Schwäche zeigen, weder zusammenzucken noch aufschreien, obwohl es keine Betäubung gibt.
Ein älterer Mann tritt aus einem Zelt. Er ist ein berühmter ingcibi, ein Beschneidungsexperte, der das Ritual mit seinem assegai, dem Speer, durchführt. Nur Sekunden nachdem er vor dem ersten Jungen niedergekniet ist, hört Nelson den gellenden Schrei: »Ndiyindoda!« – Ich bin ein Mann!
»Bevor ich mir dessen recht bewußt war, kniete der Alte vor mir. Ich blickte ihm direkt in die Augen. Er war blaß, und obwohl der Tag kalt war, glänzte sein Gesicht vor Schweiß. Seine Hände bewegten sich so schnell, daß sie von einer außerweltlichen Macht kontrolliert zu sein schienen. Stumm nahm er meine Vorhaut, zog sie nach vorn, und dann schwang in einer einzigen Bewegung sein ›Assegai‹ herab. Mir war, als ob Feuer durch meine Adern schoß; der Schmerz war so intensiv, daß ich mein Kinn gegen meine Brust preßte. Viele Sekunden schienen zu vergehen, bevor ich mich an den Ausruf erinnerte; dann war ich wieder bei mir und rief: ›Ndiyindoda!‹«7
In den Hütten brennt feuchtes Holz, dessen Rauch die Heilung fördert. Die jungen Männer legen sich auf den Boden und bedecken die Wunden mit Heilpflanzen. Später bemalen sie ihre nackten, rasierten Körper mit weißer Farbe, die ihre Reinheit symbolisiert. In der folgenden Nacht schleichen sie aus den Hütten, um ihre Vorhäute unter einem Ameisenhaufen zu vergraben. Sie beugen damit nicht nur einem bösen Zauber vor, sondern begraben so auch ihre Jugend.
Zwei Monate lang bleiben die jungen Männer in den Hütten am Fluss. Keine Frau darf sie in dieser Zeit erblicken. Nach Ablauf der Zeit verbrennen sie die Hütten und werden mit einem fröhlichen Fest wieder in die Stammesgemeinschaft aufgenommen. Nelson erhält von seinem Vormund vier Schafe und zwei junge Kühe als Grundstock für einen eigenen Hausstand. Der Regent gibt ihm auch einen neuen Namen, den Beschneidungsnamen: Dalibunga. Nelson ist überglücklich und sehr stolz. Jetzt erst hat er einen wirklich geachteten Platz in der Gemeinschaft. Er ist sicher, eines Tages Berater des Königs zu werden und es zu Rang und Reichtum zu bringen.
Doch mitten in der Feier passiert etwas Unerfreuliches: Häuptling Meligqili, der die Hauptrede hält, schlägt plötzlich erschreckende Töne an: »Dort sitzen unsere Söhne, jung, gesund und stattlich, die Blüte des Xhosa-Stammes, der Stolz unserer Nation. Wir haben sie gerade beschnitten in einem Ritual, das Mannbarkeit verheißt, aber ich bin hier, um euch zu sagen, daß das eine leere, illusorische Verheißung ist, ein Versprechen, das niemals erfüllt werden kann. Denn wir Xhosas und alle schwarzen Südafrikaner sind ein besiegtes Volk. Wir sind Sklaven in unserem eigenen Land. Wir sind Pächter auf unserer eigenen Erde. Wir haben keine Kraft, keine Macht, keine Kontrolle über unser eigenes Geschick im Land unserer Geburt. Für den Rest ihres Lebens werden sich diese jungen Männer die Lunge raushusten tief in den Eingeweiden der Minen des weißen Mannes, ihre Gesundheit zerstörend, niemals die Sonne sehend, damit der weiße Mann ein Leben in einzigartigem Wohlstand führen kann. Sie werden in große Städte ziehen, wo sie in Verschlägen hausen und billigen Alkohol trinken werden, und all dies, weil wir kein Land haben, das wir ihnen geben könnten, damit sie darauf gedeihen und sich vermehren.« Die Jünglinge sind entsetzt über diese Worte, sie wollen doch bei ihrem Fest daran glauben, dass ihnen alles Glück der Erde zu Füßen liegt, aber der Häuptling fährt grimmig fort: »Unter diesen jungen Männern sind Häuptlinge, die niemals herrschen werden, weil wir nicht die Macht haben, uns selbst zu regieren; Soldaten, die niemals kämpfen werden, weil es für uns nichts zu kämpfen gibt, und auch keine Waffen, um zu kämpfen; Gelehrte, die niemals lehren werden, weil wir für sie keinen Platz zum Studieren haben … Die Gaben von heute sind nichtig, denn wir können ihnen nicht die größte aller Gaben geben, Freiheit und Unabhängigkeit.«8
Die Zuhörer sind während der Rede immer stiller geworden, ängstlich und auch wütend. Nelson will diese Anklagen nicht hören, heute nicht und eigentlich überhaupt nicht. Haben die Weißen nicht auch viele gute Dinge ins Land gebracht? Sind sie nicht Wohltäter, die Schulen einrichten und große Fabriken bauen, in denen die Menschen Arbeit finden?
Die Worte des Häuptlings bleiben in Nelsons Seele liegen wie Samenkörner auf trockener Erde. Es sollte sehr lange dauern, bis die Saat aufgehen würde.
Der Regent zögert nicht, Nelson auf dieselbe teure Schule zu schicken, die auch sein Sohn Justice besucht. Er richtet daher eine große Abschiedsfeier aus, lässt ein Schaf schlachten und schenkt seinem Mündel das erste Paar Stiefel. Mit dem Auto bringt er ihn selbst in das Internat Clarkebury, die vornehmste und angesehenste Lehranstalt für Schwarze in Thembuland. 1825 von Methodisten gegründet, dient sie gleichzeitig als höhere Schule, als Lehrerseminar und als Ausbildungsstätte für verschiedene Handwerksberufe. Schuldirektor Reverend C. Harris ist der erste Weiße, dem Nelson Mandela die Hand schüttelt. Noch auf der Fahrt hatte Jongintaba ihn ermahnt, den Reverend mit großem Respekt zu behandeln, denn er sei ein großartiger Mensch, ein Mann, der die Schwarzen liebe, ein »weißer Thembu«. Harris heißt Nelson wohlwollend willkommen und verspricht dem Regenten, sich um den neuen Zögling zu kümmern.
Nelson weiß, dass das Schulgelände einst von einem seiner eigenen königlichen Vorfahren gestiftet wurde. Insgeheim hofft er, die anderen Schüler und Lehrer würden ihn als etwas Besonderes behandeln, doch muss der manchmal etwas hochnäsige Schüler Mandela nun lernen, einer unter vielen zu sein. Denn er ist nicht der Einzige im Internat, der eine vornehme Familie vorweisen kann. Außerdem zählen in Clarkebury die Leistungen mehr als der Stammbaum und Nelson schneidet bei den ersten Prüfungen nicht gerade erfolgreich ab. Auch seine Schwerfälligkeit hat er noch nicht abgelegt. Gleich am ersten Tag macht er eine komische Figur, als er in seinen neuen Stiefeln über den glatten Holzboden schlittert »wie ein frisch beschlagenes Pferd. Schon auf der Treppe hatte ich einen furchtbaren Lärm gemacht und war mehrmals um ein Haar ausgerutscht. Als ich ins Klassenzimmer trampelte, bemerkte ich, daß zwei Studentinnen in der ersten Reihe mein linkisches Auftreten mit großer Belustigung beobachteten. Die Hübschere der beiden beugte sich zu der anderen und sagte so laut, daß alle sie hören konnten: ›Der Landjunge ist nicht gewohnt, Schuhe zu tragen‹, woraufhin ihre Freundin lachte. Ich war blind vor Wut und Verlegenheit«9.
In Clarkebury unterrichten vorzüglich ausgebildete schwarze Lehrer, viele von ihnen besitzen akademische Grade. Nelson bewundert sie, begreift aber auch, dass ein Schwarzer immer unter einem Weißen steht, egal wie gebildet er ist. Er arbeitet hart und so schafft er das Junior Certificate in zwei statt in den üblichen drei Jahren.
Mit 19 Jahren folgt Nelson seinem Cousin Justice nach Healdtown, einem College etwa 250 Kilometer von Mqhekezweni entfernt. Healdtown, ebenfalls eine Einrichtung der Methodistischen Kirche, ist die größte afrikanische Oberschule südlich des Äquators und zählt damals schon mehr als 1000 Studentinnen und Studenten. Der weiße Direktor, Dr. Arthur Wellington, pflegt in der Schulversammlung regelmäßig darauf hinzuweisen, dass sein Namensgeber, der Herzog von Wellington, sich die Mühe gemacht habe, Europa vor Napoleon zu retten, um die Zivilisation nicht zuletzt auch für »euch, die Eingeborenen«, zu bewahren. »Daraufhin pflegten wir alle enthusiastisch zu applaudieren, jeder von uns außerordentlich dankbar dafür, daß ein Nachkomme des großen Herzogs von Wellington sich die Mühe machte, Eingeborene wie uns zu erziehen.«10 Das Ziel der meisten schwarzen Studenten in Healdtown ist es, black Englishmen zu werden. Die Überlegenheit der weißen Kultur, allen voran der englischen, ist ihnen seit Beginn ihrer Schulzeit eingeimpft worden und wird nicht in Frage gestellt.
Von außen betrachtet, wirken die hübschen Schulgebäude im Kolonialstil fast romantisch, doch die strenge Disziplin innerhalb der Mauern erinnert eher an eine Kaserne als an eine freie akademische Anstalt. Der Morgen beginnt mit dem Wecken um sechs Uhr und einem Frühstück, das aus trockenem Brot und Zuckerwasser besteht. Um acht versammeln sich die Studenten auf dem Hof, dann beginnt der Unterricht. Mittags gibt es Maisgrütze und Bohnen, nur selten Fleisch. Am Nachmittag folgt wieder Unterricht, später ist Zeit für Übungen. Nach dem Abendessen wird bis neun studiert, bevor um halb zehn das Licht ausgeht. Die Studenten schlafen in Sälen mit 40 Betten. Einmal in der Woche dürfen sie ihr Abendessen gemeinsam mit den Studentinnen einnehmen, ein Vorrecht, auf das Nelson lieber verzichten würde, denn er kann immer noch nicht souverän mit Besteck umgehen.
Die Angehörigen verschiedener Stämme bleiben in Healdtown meist unter sich. Nelson, als Thembu zum Stamme der Xhosa gehörend, verbringt seine Freizeit fast ausschließlich mit anderen Xhosa. Doch knüpft er zum ersten Mal auch eine Freundschaft mit einem Sotho, Zacharias Molete, und kommt sich recht verwegen dabei vor.
Sein Selbstverständnis bekommt die ersten feinen Risse, als eines Tages der Dichter Krune Mqhayi die Schule mit einem denkwürdigen Besuch beehrt.
Schon dessen Auftritt ist eine Provokation, denn Mqhayi schreitet durch die Tür der Aula, die ausschließlich dem weißen Direktor vorbehalten ist. Als wisse er nicht, dass er soeben eine heilige Regel gebrochen hat, beginnt Krune Mqhayi mit seiner leidenschaftlichen Ansprache: »Wir können nicht zulassen, daß diese Ausländer, denen unsere Kultur gleichgültig ist, unsere Nation übernehmen. Ich sage voraus, daß eines Tages die Kräfte der afrikanischen Gesellschaft einen bedeutenden Sieg über die Eindringlinge erringen werden. Zu lange haben wir uns den falschen Göttern des Westens gebeugt. Doch wir werden uns erheben und diese ausländischen Vorstellungen abwerfen.«11
Die meisten Anwesenden sind begeistert und auch bewegt von dem Mut des Dichters, in Anwesenheit des Direktors und anderer weißer Lehrer diese Worte auszusprechen. Nelson Mandela ist eher verwirrt. Ist er nicht vor allem ein Xhosa? Warum soll er sich nun plötzlich als Afrikaner fühlen?
Nach zwei Jahren College erlangt Nelson Mandela die Zulassung zur Universität von Fort Hare, 30 Kilometer südlich von Healdtown. Jongintaba ist stolz auf ihn, denn ein Studium in Fort Hare ist das ehrgeizige Ziel aller aufstrebenden Schwarzen in Südafrika und auch Justice studiert bereits dort. Der Regent lässt den beiden jungen Studenten graue Anzüge mit Westen anfertigen.
Mit 21 Jahren fühlt Nelson sich am Beginn einer großen Laufbahn und ist sich sicher, dass er alles erreichen kann, was er sich vorgenommen hat. Von den 150 Studenten und Studentinnen kennt er schon eine ganze Reihe aus Clarkebury und Healdtown. Da ist auch sein Neffe Kaizer Matanzima, der allerdings in Alter und Rang über ihm steht und schon im dritten Studienjahr ist, aber im selben Teil des Campus wohnt. Matanzima kümmert sich freundschaftlich um Nelson, vor allem leiht er ihm Geld, denn der Regent hält nichts davon, seinen Kindern über das Schulgeld hinaus etwas zuzustecken.
Nelson studiert im ersten Jahr Englisch, Anthropologie, Politik, römisch-holländisches Recht und Native Administration, die Gesetze und Verordnungen, die für Schwarze gelten. Er spielt mit dem Gedanken, eine andere Karriere als die des Beraters einzuschlagen. Er könnte zum Beispiel auch Dolmetscher oder Beamter im »Ministerium für Eingeborenen-Angelegenheiten« werden und damit in eine der glänzendsten Laufbahnen eintreten, die ein Schwarzer zu der Zeit überhaupt erreichen kann.
Erst ganz langsam entwickelt Nelson ein Bewusstsein für die eigenen Rechte. Auf dem Campus ist es üblich, dass die älteren Semester die jüngeren schikanieren, daher gründet Nelson ein Komitee von Universitätsanfängern, das sie vor den Übergriffen der älteren Semester schützen soll. Die Konfrontation bleibt nicht aus. Als der Fall vor den Direktor der Universität gebracht wird, kann Nelson zum ersten Mal erleben, wie gut es tut, in einem Streit standhaft zu bleiben, nicht nachzugeben, das Recht auf seiner Seite zu wissen und sich durchzusetzen.