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Inhaltsverzeichnis
 
Vorwort
 
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
 
Danksagung
Copyright

Vorwort
Lebe deinen Traum – das klingt mittlerweile wie ein Werbespruch für irgendein Diätprodukt, ein schnittiges Auto oder eine Fernreise. All inclusive, versteht sich. Das Motto könnte viel besser auf die Lebensgeschichte von Arno Stocker passen, aber ich bin mir nicht sicher, seit wann ihm selber klar war, wie sein Lebenstraum aussieht. Nur eines muss schon dem kleinen, schwer behinderten Jungen bewusst gewesen sein: Musik sollte sein Leben bestimmen.
Seit nunmehr über 15 Jahren bin ich als »Talkmasterin« für den WDR auf Menschensuche. Meine Redaktion und ich stellen Woche für Woche Gesprächsrunden zusammen, von denen wir meinen, dass das Fernsehpublikum sie spannend findet. Und – ganz egoistisch – ich möchte auch interessante Persönlichkeiten kennenlernen, prominente, aber auch nicht prominente.
Als mein Redakteur Ingo Fulfs in der Redaktionskonferenz des Kölner Treff von Arno Stocker erzählte, fragte ich mehrfach nach. Es klang alles unglaublich. Dieser Mann war mit einer schweren Behinderung auf die Welt gekommen, konnte Arme und Beine nicht koordiniert bewegen und hat dann Klavier spielen gelernt? Er konnte nicht einmal sprechen, hat aber durch Enrico Carusos Schallplatten die Sprache gefunden? Maria Callas, die »Göttliche«, hat ihn nach New York eingeladen, nachdem sie Briefe von ihm gelesen hatte?
Auch schien dieser Mann verwegen zu sein, hatte er doch erst vor kurzem eine ungewöhnliche Neuerscheinung auf den Markt gebracht. Farinetti meets Caruso, so der Titel seiner CD, konnte für sich in Anspruch nehmen, eine Revolution der Tonträgergeschichte einzuläuten. Alte Tondokumente des bedeutendsten Sängers aller Zeiten hat Arno Stocker digital neu bearbeitet und damit authentisch erlebbar gemacht! Eine Innovation, mehr noch: eine Provokation für Klassik-Gralshüter!
Mehr als gespannt war ich auf diesen außergewöhnlichen Menschen, der sämtliche schicksalsbedingte Einschränkungen außer Kraft zu setzen schien.
Ich traf auf einen freundlichen, zugewandten, aufmerksamen Mann, dem ich nicht einmal anmerkte, dass auch sein Sehvermögen stark eingeschränkt ist. Ich ertappe mich dabei, dass ich hier gleich etwas erwähne, was in Arnos Leben untergeordnet ist. Er erfasst die Welt und damit auch seine Mitmenschen durch sein Gehör.
Im Gespräch mit ihm fächert sich nach und nach eine beeindruckende, aber auch bedrückende Biografie voller Irrungen und Wirrungen auf. Der kleine, spastisch behinderte Junge überwindet sein enges, kleingeistiges Umfeld. Er wird nicht etwa böse oder zynisch, sondern über Phasen der Verzweiflung hinweg immer mehr zu einem Mann mit menschlicher Güte und Weitsicht.
Ganz allein hat er dies sicher nicht schaffen können. Aus Arnos Umfeld ragt eine Lichtgestalt heraus: sein Großvater mütterlicherseits, ein Werftarbeiter, der seine musikalische Phantasie in einer Parallelwelt auslebt, in die er seinen Enkel mitnimmt.
In was für einer Zeit leben wir? Im »Kommunikationszeitalter«! Alles scheint möglich, jeder ist jederzeit erreichbar, zumindest virtuell. Und vor nicht allzu langer Zeit: Es klingt fast wie im Märchen, dass der Großvater seinen Lieblingsenkel im wahrsten Sinne des Wortes huckepack nimmt und nach Hamburg schleppt, wo Maria Callas singt. Die Eintrittskarten sind unerschwinglich, aber sehen soll der Kleine sie, ihre Aura spüren, von ihr inspiriert werden. Mehr von diesem Lebensabenteuer im Buch!
Von manchen ihm nahestehenden Menschen musste er enttäuscht gewesen sein, sicher auch von den verunsicherten Eltern, die so gar nicht wussten, was aus dieser vermeintlich armen Kreatur einmal werden sollte.
Aber es gab doch Leben, wahres Leben in der Welt der Musik, und seine Lieblingsinstrumente, die Klaviere, hatten sie nicht auch eine Seele? Waren sie es nicht wert, lebenslange Wegbegleiter zu werden, regelrechte Familienmitglieder?
»Enrico Caruso Agentur« steht auf dem Schild des Wohn-und Arbeitshauses in Bernau. 150 Meter über dem Chiemsee, zwischen einem Schloss und Streuwiesen gelegen, pure ländliche Idylle. Hier restauriert Arno Stocker Klaviere, im ganzen Haus hängen Bilder mit christlichen Motiven, daneben viele Portraits von Maria Callas und Enrico Caruso.
In meiner Fernseh-Gäste-Runde sitzt der Klavierstimmer und Lebensmeisterer Arno Stocker neben dem Schauspieler Christian Berkel und der Star-Köchin Cornelia Poletto. Katerina Jacob strahlt vor guter Laune, Rolf Eden, lebendes Symbol für Jahrzehnte des mondänen Berliner Nachtlebens, blickt selbstsicher auf sein potentes Nachtleben in früheren Zeiten zurück.
Arno Stocker wirkt in der Runde verbindlich und freundlich. Und selbstbewusst. Er erzählt von seinem Leben, auf dessen Verlauf viele Menschen in seinen ersten Jahren nicht viel gewettet hätten.
Es bleibt mir ein Rätsel, woher er die Kraft nahm, seinen Traum immer wieder neu zu definieren und dafür zu kämpfen. So viele Niederlagen! So viel Neubeginn!
Er erweckt nicht nur Klaviere wieder zum Leben.
Nach der Live-Sendung kam ich ins Gespräch mit seiner Ehefrau Karin, die von umwerfender Freundlichkeit und Lebenslust ist.
Welch eine Begegnung mit den beiden!
Und dann denke ich: Wir sind nicht in der Werbung. Den eigenen Traum leben können wir trotzdem. Auch wenn es manchmal ganz schön anstrengend ist! Aber lesen Sie selbst …
 
Bettina Böttinger
Moderatorin der WDR-Talkshow Kölner Treff

Erstes Kapitel
Der Klavierflüsterer wartet darauf, dass die Talkshow beginnt. Was wird er berichten? Dass er das erstaunlichste Klavier der Welt gebaut hat? Keine schlechte Idee. Aber erst einmal ist für jeden offensichtlich, dass der Klavierflüsterer ein spastisch Behinderter ist. Muss er also genau darüber Auskunft geben? Oder hängt am Ende alles zusammen? Klavier, Behinderung, all das …?
 
 
 
 
 
Ich werde also dasitzen in einem Fernsehstudio des Westdeutschen Rundfunks in Köln und über mein Leben sprechen. Ich werde am Abend in Anzug und Krawatte zwischen prominenten Schauspielern, Musikern, Starköchinnen und der schönsten Bundestagsabgeordneten sitzen. Ich werde einer jener Auserwählten sein, deren Geschichten und Meinungen so interessant sind, dass sie live in Millionen Wohnzimmer übertragen werden. Ich bin Arno, der Klavierflüsterer. Ich werde in heißem Scheinwerferlicht in einem Sessel sitzen und wissen, dass elektronische Augen auf mich gerichtet sind. Und auf Karin, die im Studiopublikum an einem Bistrotisch Platz nehmen wird. Ich werde weder meine Gesprächspartner noch Karin deutlich erkennen. Ich werde dasitzen und den anderen zuhören und versuchen, Karin irgendwo vor mir im Schemenhaften zu erkennen. Noch im Hotel sagte sie: »Arno, die rote Klavierkrawatte steht dir ausgezeichnet, mit der kommst du perfekt rüber.«
Ich werde fast blind der Unterhaltung von Menschen lauschen, die jeder schon einmal irgendwo gesehen hat, und warten, bis Bettina Böttinger mir das Wort erteilt.
Frau Böttinger wird fragen: »Herr Stocker, Enrico Caruso ist der bedeutendste aller Tenöre. Was hat Caruso für Sie in Ihrem Leben bedeutet?«
Und ich werde antworten: »Enrico Caruso hat mir die Sprache und er hat mir die Stimme gegeben.«
Wie viele Menschen werden in diesem Moment diesen Satz gehört haben? Die Einschaltquoten kommen erst morgen Vormittag hereingeflattert, wenn Karin und ich längst wieder daheim sind in Bernau am Chiemsee. Stimmt diese Aussage überhaupt? Müsste ich nicht viel deutlicher sagen: Enrico Caruso, obwohl schon lange zuvor gestorben, hat mir, dem spastisch gelähmten Jungen, das Sprechen überhaupt erst beigebracht? Muss ichnichtsagen: Caruso war mein Musiktherapeut? Denn so war es: Frühgeburt, Sauerstoffmangel im Gehirn, Fehlbildungen aller vier Gliedmaßen, extreme Sehschwäche, Zungenblockade. Bis zu meinem fünften Lebensjahr brachte ich fast kein Wort unfallfrei heraus, bis dahin vermochte mein von Geburt an geschädigter Sprechapparat nur die wenigsten Konsonanten überhaupt zu bilden. Und dann schenkte mir Großvater wunderbarerweise diese Schellackplatte mit der Stimme Enrico Carusos, die ich mir monatelang immer wieder anhörte und dabei das Sprechen lernte. Ich bin Arno der Klavierflüsterer und lernte das Sprechen als Technik in nur ein paar Monaten von einer Schallplatte, indem ich den faszinierenden Gesang, den sie abspielte, nachahmte. Und ich lernte, meine spastischen Finger in den Griff zu bekommen, indem ich das Klavierspielen lernte. Und umgekehrt. Fortan bestimmten Musik und alles rund ums Klavier mein Leben.
Heute bin ich Klavierstimmer, Klavierdesigner und -restaurator von Beruf. Ich baue Klaviere aus Berufung – und wie andere Menschen immer ein Taschenmesser oder das Handy griffbereit bei sich haben, so habe ich immer ein Werkzeug in der Tasche: den Stimmschlüssel. Wenn ich irgendwo einen Flügel sehe, möchte ich am liebsten gleich seinen Deckel anheben, den Stimmschlüssel herausholen, so wie ein Arzt sein Stethoskop, um erst einmal nachzusehen, wie es mit der Gesundheit des »Patienten« bestellt ist. Klaviere haben eine Seele, jedes einzelne, davon bin ich überzeugt. Und ich bin der Klavierflüsterer, der Mann, der aufgrund seiner Lebensgeschichte die Seele der Instrumente erreicht und eigenhändig zur Tat schreitet, sollte ein Ton nicht mehr recht passen. Als fast Blinder orientiere ich mich über mein Gehör.
Karin sagte, ich könne den Stimmschlüssel heute Abend im Hotel lassen, weil ich dort im Fernsehstudio wohl eh kein Instrument vorfände, und falls doch, wäre es vielleicht unpassend, wenn ich mich direkt an die Arbeit machte. Um 19.30 Uhr hatte uns ein Wagen des rundfunkeigenen Shuttle-Service vom Hotel abgeholt und zum Westdeutschen Rundfunk gefahren. Das Fernsehstudio, in dem der Kölner Treff produziert wird: nüchterne Formen, viel Glas, Schranken und Metalltüren. Am Eingang hatte uns soeben eine junge Dame empfangen, die sich als Regieassistentin vorstellte. Sie führt uns nun in die Räumlichkeiten des Studios, damit wir uns fürs Erste vertraut machen. Ich versuche mich zu orientieren, halte nach möglichen Stolperfallen Ausschau, teste Laufwege, frage Karin: »Wie komme ich am sichersten von hier nach da?« Reine Routine für einen stark Seh- und Gehbehinderten. Rund um die Sitzgelegenheiten, auf denen die Gesprächspartner von Frau Böttinger nachher Platz nehmen werden, bemerke ich eine hölzerne Abstufung und präge mir diese mögliche Stolperfalle fest ein. Eine Fahrbahn für die Kameras, sagt man mir, damit sie während der Sendung geräuschlos um uns Plaudernde herumgeführt werden können. Dann: Metallgerüste, die als Versatzteile in den Studiohimmel ragen – Attrappen, die sich nicht eignen, mich im Falle eines Sturzes zu halten. Fragen der Sicherheit sind für mich wichtiger als die Sitzordnung für die Sendung. Links von Ihnen sitzt Katerina Jacob, rechts Agnes Krumwiede, sagt die Regieassistentin, Frau Böttinger sitzt zwischen Frau Jacob und Christian Berkel. Ihnen gegenüber sitzen Frau Poletto und Rolf Eden. Gut. Agnes Krumwiede, erfahre ich, ist nicht nur frischgebackene Bundestagsabgeordnete, sie ist auch Konzertpianistin.
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Bin ich wichtig, weil ich in einer Talkshow auftreten werde? Muss ich mich selbst deshalb wichtig nehmen? Gibt es etwas an mir, das mich exemplarisch macht, das mein Leben oder meine Arbeit mit Musikinstrumenten so sonderlich heraushebt aus den Leben und Leidenschaften all der anderen Menschen? Und falls ja, worin läge diese Besonderheit begründet? Bin ich ein Vorzeigebehinderter? Ist es das, was die Öffentlichkeit interessieren könnte? Soll ich nachher vor einem Millionenpublikum die Mitleidsschiene fahren? Das kann ich perfekt, wenn es sein muss. Aber ich hasse diese allzu einfache Tour. Bin ich denn einer, der mitten in der Sendung aufsteht, blind losläuft, über tausend Kabel stolpert, sich den Kopf dabei blutig schlägt und dann sagt: Seht her! So ergeht es Leuten wie mir jeden Tag!? Nein, ich werde mich nicht in aller Öffentlichkeit über irgendetwas beklagen. Das bin ich nicht. Aber was würde geschehen, wenn mich Frau Böttinger nach meinem Vater fragt? Käme ich dann nicht zwangsläufig in dieses Fahrwasser? Nichts ist in dieser Sendung abgesprochen, aber den Helden mag ich auch nicht spielen.
Ich bin heute weder bewundernswürdiger Held noch mitleidheischender Krüppel. Und wenn es irgendetwas über mich zu sagen gäbe, dann der Umstand, dass mich als zeitlebens Behinderter das Unmögliche immer herausgefordert hat. Dass ich heute der bin, der ich eben bin, verdanke ich dem Glauben an das Unmögliche, dem Festhalten an Zielen, für die viele Menschen lediglich ein resigniertes Kopfschütteln übrig haben. Heute ist es mir möglich, Dinge, die meiner Umgebung früher als Luftschlösser und Hirngespinste erschienen, in die Tat umzusetzen. Vielleicht ist dies das Interessante an mir: Ein behindertes Kind, das schon sehr früh Musik als einzigen sinnvollen Lebensinhalt für sich begreift, zumal die Welt der Klänge das Einzige gewesen war, das man ihm nicht streitig zu machen versuchte oder wegnahm, weil man es naiverweise für harmlosen Kinderkram hielt, genau dieses Kind hatte eine Vision, und die lautete: durch die Musik die Kraft zu finden, die alle Fesseln und Blockaden sprengt! Genau so möchte ich meine Geschichte verstanden wissen. 2009 drehte die Regisseurin Carla Kilian mit Karin und mir ein Filmportrait mit dem Titel »Der Klavierflüsterer«, das der Bayerische Rundfunk im dritten Programm ausstrahlte. Damals wunderte ich mich über all das künstlich Inszenatorische und beklagte mich insgeheim, wie viele Details meines Lebens, die mir persönlich ganz besonders wichtig gewesen wären, Carla einfach unter den Tisch fallen ließ. Heute weiß ich, dass Carla genau das Richtige machte; sie arbeitete die Essenz meines Lebens heraus, die zentrale Aussage: Egal, wo du herkommst oder unter welchen Voraussetzungen du antrittst – bleib dran und gib nicht auf! Du wirst deinen Lohn erhalten! Das mag banal klingen angesichts tausender Ratgeber, die man für zwei neunundneunzig an jedem Bahnhofskiosk kaufen kann und die genau das behaupten, aber die Kernaussage stimmt, das bezeuge ich mit meiner Geschichte, und genau aus diesem Grund werde ich nachher Bettina Böttinger Rede und Antwort stehen. Du kannst auch hundertmal hinfallen, es kommt nur darauf an, immer wieder aufzustehen und weiterzumachen. Und ist dies nicht auch die Botschaft der Eltern an ihre kleinen Kinder, wenn diese gestürzt sind, liegen bleiben und heulen, statt aufzustehen?
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Die Studiobegehung ist beendet, und wir werden eine Etage höher in eine Warte-Lounge mit Häppchen und Getränken geführt. Die Studioassistentinnen dort begrüßen uns, als würden sie uns schon seit Ewigkeiten kennen. Sie wollen uns beruhigen, das Lampenfieber nehmen. Leider sehe ich sie kaum, weil das Licht hier heruntergedimmt ist. Meine Augen sind nach wie vor unberechenbar und spielen mir so manchen Streich. So kann es passieren, dass ich einen Gegenstand, den ich unmittelbar vor meiner Nase habe, komplett aus dem Gesichtsfeld verliere und ihn nicht wiederfinde. Nur die trainierte Fähigkeit, etwas über mein Gehör zu identifizieren, lässt andere kaum merken, dass ich so gut wie gar nichts sehe. Es gibt aber Tage, an denen sehe ich gut, und besser sogar ohne Brille. Und dann gibt es Tage, an denen sehe ich so gut wie gar nichts. Auf meine Ohren dagegen kann ich mich immer verlassen. Sie zeigen mir den Weg und helfen mir, Räume zu vermessen oder Gefahrenquellen zu bemerken. Die Freude der Menschen oder die Trauer, die sich in ihrer Stimme niederschlägt, lässt sich vor mir nur schwer verbergen. Auch ich kann meine Freude schwer zurückhalten und trage meine Gefühle oft auf der Zunge. Obwohl diese Zunge mir in jungen Jahren lange nicht gehorchte und erst durch die Musik gefügig wurde, hat sie mir bis heute Türen geöffnet, die in die Konzertsäle und Opernhäuser der Welt führen.
Die Atmosphäre ist sehr angenehm in dieser Lounge, und uns Talkgästen bleibt genug Zeit, um uns mit den Gegebenheiten vertraut zu machen und das Lampenfieber abzulegen. Einer nach dem anderen werden wir verkabelt und in die Maske gerufen. Es folgt ein fünfminütiges Einzelgespräch mit Bettina Böttinger, ich bin als Vorletzter an der Reihe. In natura macht sie einen noch sympathischeren Eindruck auf mich als in den Shows, die ich im Fernsehen mit ihr gesehen hatte, nein, die ich gehört hatte. Ihr Händedruck ist herzlich und kraftvoll. Sie bedankt sich für die von mir produzierte Caruso-CD, die ich ihr zum Anhören geschickt hatte, und sagt mir zu, auf diese während der Sendung gesondert hinzuweisen. Ansonsten verabreden wir für die Sendung: Sollte ich ihre Mimik nicht erkennen, wird mir Frau Böttinger verbal in die Parade fahren. Sie ist die Chefin, und ich bin froh drum, weil ich dieser Frau vertraue. Carla Kilians Film »Der Klavierflüsterer« machte Ingo Fulfs, einen der Redakteure von Frau Böttingers Sendung Kölner Treff Anfang November 2009 auf mich aufmerksam, und nur wenige Zeit später besuchte er Karin und mich in unserem Haus am bayerischen Chiemsee zu einem Recherchegespräch. Gewissermaßen kam Ingo jedoch auch aus einem anderen Grund wie gerufen: Genau zum Zeitpunkt seines Eintreffens wurde mir ein Konzertflügel zur Reparatur angeliefert, und Ingo packte beim Abladen des riesigen Instruments kurz entschlossen und herzhaft mit an. Dass ich mit Klavieren arbeite, sie repariere, restauriere und baue, war der Grund, mich nach Köln einzuladen. Einerseits gebauchpinselt, aber doch auch mit gemischten Gefühlen ließ ich mich darauf ein, im Kölner Treff aufzutreten.
Aber würde es mir dort gestattet sein, über die Verwirklichung meines größten Lebenstraumes zu berichten? Interessiert es die Nation, dass ich 2009 einen Konzertflügel konstruierte und selbst baute, der in seiner Art einmalig auf der Welt ist? Dass er um ein Drittel kürzer und komfortabler ist als herkömmliche Instrumente der Industrie und dennoch die klanglichen Anforderungen der Konzertpianisten in den Musiktempeln dieser Welt erfüllt? Dass dieser von mir erfundene und gebaute Flügel nach den klanglichen Vorbildern der Stimmen von Maria Callas und Enrico Caruso konzipiert ist und gerade aufgrund dieser Besonderheit so brillant und durchdringend klingt, dass ein Platzanweiser draußen selbst die zartesten Modulationen klar und deutlich wahrnehmen kann? Dass ich, um dieses Resultat zu erreichen, praktisch jeden einzelnen Ton, den Caruso und die Callas auf Schallplatten sangen, stundenlang hörte, analysierte und bewertete im Sinne einer perfekten Vorlage für ein perfektes Klangbild?
Sicher, auf diese Idee hätte jeder kommen können. Und jeder hätte diese Idee auch verwirklichen können, wenn er sich an die Arbeit gemacht hätte. Aber nur ich machte mich an die Arbeit, weil allein für mich der Bau eines solchen Konzertflügels die Verwirklichung meines ureigenen Lebenstraumes darstellte. Eines Traumes, der tatsächlich in jenem Moment in meiner Seele eingepflanzt wurde, als ich anhand von Carusos Schallplatte das Sprechen lernte. Ein Traum, der eine weitere Ausprägung erfuhr, als mich Maria Callas’ Stimme in Hamburg bis tief ins Mark traf. Mit dem Bau dieses Konzertflügels schloss sich also ein Kreis.
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Ich habe meinen Flügel »Maria« getauft.
Mit der Planung und dem Bau »Marias«, den mir als nicht zertifiziertem Klavierbauer niemand zugetraut hat, konnte ich beweisen: All das, was ich erlernt und in jahrelangen Eigenversuchen herausgefunden hatte, mit den Erfahrungen der alten Meister zu mischen, war richtig. Eine solche Freiheit wäre mir, hätte ich meinen Beruf auf normalem Wege erlernt, nie möglich gewesen. Für mich als Überzeugungstäter galt nie »business as usual«.
In Deutschland war mein Weg vorgezeichnet. Zumindest als Klavierstimmer wird es mir auch weiterhin erlaubt sein, hier zu arbeiten. Grund dafür ist der nicht vorhandene offizielle Abschluss einer Ausbildung als Klavierbauer. Nur über den Handel mit Musikinstrumenten habe ich die Möglichkeit, die scharfen und für mich unsinnigen Vorgaben der Handwerksordnung zu umgehen. Das habe ich mir nicht ausgesucht, sondern es ist das Ergebnis langer Erfahrungen, die dem Kampf gegen Windmühlen gleichen. Deutschland tut sich seit jeher und auch heute noch schwer mit Außenseitern und Quereinsteigern. Alle Versuche, auf dem normalen Weg eine Ausbildung zu erhalten, schlugen aufgrund meiner Behinderung fehl. Es blieb mir nichts anderes übrig, als meinen eigenen Weg zu suchen. Nach Jahren, in denen ich nach fachlicher Anerkennung hungerte, verließ ich dieses Land in Richtung USA, um später, reich an guten Erfahrungen und im Glauben an einen Neuanfang in Deutschland, zurückzukehren. Eins hatte mich die Fremde gelehrt: Deine Heimat ist dort, wo auch dein Herz ist. Aber mein Herz hatte seine Heimat in der Zwischenzeit verloren. Die Rückkehr nach Deutschland war keine freie berufliche Option, nein, mir kam einfach das Leben mit all seinen Zufälligkeiten und Unbegreiflichkeiten dazwischen.
Wieder fing ich von vorne an, aber mein Wissen konnte mir niemand nehmen. Die Faszination des historischen Instruments in Verbindung mit dem Komponisten und den Meistern, die es gebaut haben, hat mich im Ausland lernen lassen, den Respekt vor dem Können und Wissen der Alten zu bewahren. Angst ist die Schwester des Mutes. Dieses alte Sprichwort aus dem Griechischen lehrte mich außerdem, mich mit Mut meiner Angst zu stellen und sie nicht als Gegner zu sehen, sondern als warnende Botin. Obwohl ich ohne Furcht in ein neues Leben gegangen war und erst Ende 2001 zurückkehrte, ging es mir fortan wie dem Emigranten, der nun, da er zwei Welten kennt, in keiner von beiden zu Hause ist.
Ein Klavier steht, wie ein spastisch behinderter Mensch, unter Dauerspannung. Die Saitenbelastung meines Maria-Flügels beträgt mindestens 28 000 Kilo. Widerstand, Zug und Druck, vereinigt in einer erzwungenen Form, sind für die reine Tongebung des Instruments verantwortlich. Die messbare Körperspannung einer Spastik kann zeitweise mehrere hundert Kilo betragen. Die Funktion der Mechanik eines Flügels hängt in erster Linie von den Reibungspunkten in der Klaviatur im Verhältnis zur Mechanik ab. Jeder Schritt, der die Reibung verringert, ist ein guter Schritt. Genauso verhält es sich bei mir. Jeder Schritt will gut geplant sein, um möglichst wenig Reibung, besonders mit dem Bodenbelag, zu haben. Das Klavier ist das Instrument, mit dem es mir als Heimkind möglich war, meine spastischen Finger zu koordinierbaren Werkzeugen auszubilden, um sie später in meinem Beruf anwenden zu können. Und die Liebe zur Musik ersetzte mir früh die fehlende Mutterliebe. Das Öffnen des Tastendeckels war wie freies Atmen für mich. Die Stimme des Instruments konnte sich frei entfalten und wurde nun durch die Kraft meiner Hände geführt. Die Tasten der Klaviatur waren wie die goldenen Schlüssel zu den Türen einer Welt, die von Schönheit, Anmut und Harmonie bestimmt ist. Auf diese Weise begriff ich, dass der Sinn einer körperlichen Gefangenschaft nur darin bestehen kann, den Weg zur eigenen inneren Freiheit zu finden.
Der Blick aus dem Jetzt in die Vergangenheit meines Lebens zeigt, dass es ohne Einsatz aller zur Verfügung stehenden Mittel nicht möglich ist, Grenzen zu überschreiten. Das war aber immer mein Ziel. Ich wollte dem Gefängnis der Festlegung entfliehen und beweisen, dass es möglich ist, gegen den Strom zu schwimmen, und dass es sich am Ende lohnt. Das Restaurieren von Instrumenten hat mich immer auch zu mir selbst geführt. In der Ruhe liegt die Kraft! Das ist das Motto, das ich über mein Verhältnis zur Arbeit stellen kann. Nur mit dieser Ruhe kann ich Einfluss auf die körperlichen Blockaden meiner Behinderung nehmen.
Vorgestern telefonierte ich noch einmal lange mit Ingo, dem sympathischen Redakteur vom Kölner Treff. Ich gab ihm einen ausführlichen Abriss meines bewegten Lebens, und nun werden wir alle sehen, was im Studio passiert. Ich glaube, es geht jetzt los, sagt Karin. In die Talk-Gesellschaft kommt Bewegung. Wir streben auf eine Metalltür zu. Sie schließt sich hinter uns. Karin wird an ihren Platz im Zuschauerbereich geführt, ich und die anderen der Talkrunde zu unseren Sesseln. Vorher gebe ich Karin noch einen Kuss, denn ich denke, sie ist vor diesem Fernsehauftritt nervöser als ich selbst.

Zweites Kapitel
Der Klavierflüsterer kommt als Spastiker auf die Welt. In Kliniken versuchen Ärzte, ihm die verrenkten Gliedmaßen gerade zu biegen, und schließlich besucht er eine Heimsonderschule für behinderte Kinder. Das Schicksal will es, dass er eine Frau trifft, die ihm das Klavierspielen beibringt. Klavierspielen mit verrenkten Fingern? O ja!
 
 
 
 
 
Der 11. Oktober des Jahres 1956 ist ein regnerischer und viel zu kalter Donnerstag im hessischen Offenbach am Main. Gegen 20 Uhr schieben Pfleger meine Mutter in den Kreißsaal der Klinik. Mit ihrer Rhesusfaktorkonstellation hätte sie niemals Kinder bekommen dürfen, doch meinen älteren Bruder brachte sie zwei Jahre zuvor kerngesund zur Welt.
Mit mir selbst schlägt das Pendel nun in die Gegenrichtung aus. Denn kaum erblicke ich das Licht der Welt, die Nabelschnur um den Hals, deutet alles, was Ärzte und Hebammen an mir zu sehen bekommen, darauf hin, dass ich nicht dazu geschaffen bin, länger als ein paar Minuten zu leben. Sie sehen, dass ich selbst für einen Neugeborenen, der vier Wochen zu früh auf die Welt kommt, viel zu klein geraten bin und gerade einmal 1250 Gramm auf die Waage bringe. Ich atme sehr flach. Kein Schrei. Meine Zunge scheint wie gelähmt. Aber das Auffälligste an mir sind die verrenkten Gliedmaßen. So werde ich noch in der Geburtsklinik notgetauft. Meine Eltern geben mir den Namen Arno und erfahren in der Folgezeit die medizinischen Tatsachen über ihren zweiten Sohn: Ihr Kind ist mit einer zerebralen Schädigung seines Gehirns geboren worden. Sauerstoffmangel zerstörte während des Geburtsvorgangs wichtige Nervenbahnen. Die Folge ist eine starke Deformation seiner Beine und Finger. Auch vermag er lediglich zwischen hell und dunkel zu unterscheiden, auf visuelle Reize reagiert er so gut wie überhaupt nicht. Der Junge würde dauerhaft gehbehindert sein und seine Umwelt in erster Linie über das Gehör wahrnehmen. Arno ist Spastiker, der ganze Körper ist davon betroffen. Im Alter von zweieinhalb Jahren würde er gerade einmal seinen Namen sehr langsam aussprechen können.
Entgegen allen Befürchtungen und Prognosen überlebe ich die mir medizinisch eingeräumten ersten elf Minuten und beziehe einen Brutkasten. Ich will leben und kämpfe verzweifelt darum in diesem summenden Kasten.
005
Mein Vater Fritz ist Polizist, Hauptwachtmeister in Offenbach. Kliniken und Krankenhäusern seit jeher abgeneigt, macht er um diese Einrichtungen gerne einen großen Bogen. Noch ein zweites Kind zu haben, hatte er sich vermutlich nie vorstellen können, ich hatte den Eindruck, dass schon sein erster Sohn, mein Bruder, als »Betriebsunfall« angesehen wurde und für Vater mit ein Grund war, Mutter zu heiraten.
Vater reagiert fassungslos, als man ihm sagt, dass sein zweiter Sohn ein behindertes Kind sein würde: »Behindert? Unmöglich! Das darf doch nicht wahr sein?«
Die Frage, ob Mutter wohlauf ist, scheint Vater zweitrangig. Er ist es gewohnt, Befehle zu erteilen und zu empfangen.
Vater wuchs in jener Zeit auf, die wir heute als das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte betrachten und in der man besser keine unnötigen Fragen stellte. Strenge und Lieblosigkeit prägten Vaters Jugend. Rudolf, mein Großvater und das Oberhaupt der Familie, transportierte als Kraftfahrer Milch zwischen Frankfurt und dem Vogelsberg; er war ein kleiner, aber gleichwohl stämmiger Mann und aufgrund seines Berufes selten zu Hause. In Vaters Elternhaus galt das Gesetz des Stärkeren, und Großmutter, eine große, robuste Frau, brachte es wohl fertig, offensichtliche Mängel im Familienleben mit bauernschlauer Tatkraft auszugleichen. Härte und Gewusst-wie hatte sie in der Zeit, als ihr Mann fernab von zu Hause Krieg und Gefangenschaft durchstand, gelernt. Und nun, in der unmittelbaren Nachkriegszeit, galt es, alle Kraft dafür einzusetzen, einen bescheidenen Wohlstand zu begründen und besser zu leben als in den vergangenen Jahren der kriegsbedingten Not.
Wünsche und Belange einer Frau spielen in den fünfziger Jahren eine untergeordnete Rolle. Mutter ist mit 24 Jahren alleingelassen mit der Situation, mich, ein behindertes Kind, aufzuziehen. Das Gefühl, schuldig zu sein, oder in den Augen ihrer Schwiegereltern versagt zu haben, setzen Mutter zu: »Was habe ich nur falsch gemacht?« Von Vater kommt kaum Unterstützung.
Anfangs passe ich in keine handelsübliche Babykleidung. Mutter strickt Wollsachen für mich in Minipuppengröße. Und ich verweigere Nahrung, das ist das Bedrückendste. »Lassen Sie ihn doch liegen, bis er schreit«, rät die Nachbarin, »wenn er Hunger hat, wird er sich schon melden.«
Aber ich schreie nicht, weder nach Nahrung noch nach sonst etwas. Die ersten Wochen müssen eine Qual für Mutter gewesen sein. Wenn ich einmal mehr als zehn Gramm pro Mahlzeit zu mir nehme, ist dies ein guter Tag. Guter Rat ist nicht nur teuer, sondern auch kaum zu bekommen. Ärzte zucken mit den Schultern, denn behinderte Kinder werden in diesen Jahren selbst von Medizinern bereitwillig als Strafe Gottes für ein womöglich »sündiges Leben« angesehen.
006
Ich bin ein hoffnungsloser Fall, und deshalb wird von Seiten der Ärzte ausprobiert. Zu Fuß schleppt mich Mutter ratsuchend von Pontius zu Pilatus. Das erste Spastiker-Zentrum der Stadt Frankfurt ist noch nicht gegründet. Krankengymnastik heißt bald das Zauberwort – und dann rät einer: »Wir können es ja mal mit einem Spreizgips versuchen, um die Beine und die Sehnen zu strecken!« Gesagt, getan: Als man mich narkotisiert, die Beine auseinanderzieht, lang streckt und zum Spagat eingipst, bin ich etwa ein Jahr alt. Es müssen wahnsinnige Schmerzen gewesen sein, die ich in diesem Gefängnis, dieser Streckbank aus Gips, aushalten musste. Gott sei Dank fehlt mir heute jede Erinnerung an diese schmerzvolle Situation, aber alte Fotos erzählen davon. Gefangen in mir selbst, in einem Körper, der bald wahnwitzige Muskelkräfte entwickelt, um seine ursprüngliche Form gegen die Gewalt des erbarmungslosen Gipskorsetts zurückzuerlangen, bin ich darauf angewiesen, von Krankenschwestern auf den Bauch oder auf den Rücken gelegt zu werden, in einem Turnus von vier Stunden, dazwischen bin ich allein. Aber das Schlimmste ist die Regelung der Besuchszeiten. Nur samstags und sonntags eine Stunde von drei bis vier Uhr nachmittags sehe ich Mutters Gesicht verschwommen zu mir ins Gitterbett herabblicken. Ich studiere dieses Gesicht, das von einer freien Bewegungswelt da draußen kündet. An die Besuche meines Vaters kann ich mich nur dunkel erinnern. Er kam selten.
Jeder, der auch nur kurzzeitig das Vergnügen hatte, eine Gipsschale zur Korrektur seiner Wirbelsäule zu erdulden, kann sich vorstellen, wie das für ein Kind ist, dem außer Weinen und Schreien keine anderen Möglichkeiten gegeben sind, seinen Schmerz mitzuteilen. Die Unnachgiebigkeit des Gipses verstärkt meinen Widerstand.
007
Die Kräfte, die ein spastischer, unter erheblicher Spannung stehender Körper entwickelt, sind enorm. So zerbreche ich, ohne es bewusst zu steuern, in regelmäßigen Abständen den in mühevoller Arbeit angebrachten Gips. Nach zwei Monaten der Quälerei, die nichts gebracht hat, darf ich wieder nach Hause. Jede Methode ist recht, um meine Muskeln gefügig zu machen, um mir das Schicksal, ein behindertes Kind zu sein, zu erleichtern. Schicksal sagt man damals. Krüppel aber sehr viel öfter.
»Wer kümmert sich um das Kind? Wir haben eine Existenz aufzubauen!« Mutter verdient für die Familie in dieser Zeit etwas Geld mit privaten Näharbeiten hinzu. Sie ist sehr geschickt darin, über das Nötigste hinaus noch für ein Zubrot zu sorgen, doch bald schon müssen die Großeltern in die Bresche springen und mithelfen.
Die Eltern meiner Mutter leben in einer Wohnung auf einem Bauernhof in der Nähe von Kassel, etwa 200 Kilometer von Mühlheim bei Offenbach entfernt. Dort würde ich die nächsten Jahre gut aufgehoben und versorgt sein, begründen die Eltern ihren Entschluss, mich dorthin in Pflege zu geben. Das Bauernhaus, in dem ich bei meinen Großeltern leben soll, begrüßt den Dreijährigen, der getragen werden muss, mit bleikalter Düsternis. Eine steile Steintreppe führt zu den eigentlichen, beheizten Wohnräumen hinauf, ein Hindernis, das mir jedes Entrinnen für die nächste Zukunft unmöglich machen sollte.
Großvater verdingt sich als Gehilfe beim Straßenbau, Großmutter besorgt den Haushalt. Immer schon rundlich, aber nicht so gütig, wie man sich Großmütter vorstellt, übernimmt sie die Verantwortung meiner Pflege.
In der großen Wohnküche wird mir ein Liegeplatz eingerichtet, und, eingesperrt in einem viel zu klein gewordenen Laufstall, friste ich fortan mein Dasein. Mit den Toilettengängen klappt es nicht, wie es soll, weil ich viel zu langsam darin bin, meine Notdurft mitzuteilen. Das stille Örtchen liegt parterre und ist nur über die steile Treppe erreichbar, ein Weg, der mir versperrt ist. Großmutter ist zu unbeweglich, um mich rechtzeitig huckepack dorthin befördern zu können. Meist nässe ich mich ein, bevor wir unten ankommen, und Großmutters ganze Hilflosigkeit angesichts dieser vergeblichen Wettläufe gegen meinen Harndrang bringt mir mehr als einmal einen gut durchbluteten Hintern ein.
Oben in der Wohnküche begehre ich mit der Zeit gegen mein Gefängnis auf. Ich akzeptiere es nicht mehr, weder das Gefängnis meines Körpers noch das des Laufstalls. Ich entdecke, dass ich dessen Gitter verschieben kann, wenn ich mich mit ausreichend Kraft und Ausdauer dagegen stemme. Eines einsamen Tages schiebe ich das Gitter quer durch die Wohnküche bis unter den Spülstein. Dort verkeilt es. Kein Rückweg möglich: An den Gitterstäben ziehe ich mich empor, erklimme den Spülstein und rutsche in das Becken. Faszination Wasser! Den tropfenden Wasserhahn drehe ich mit Müh und Not auf, aber nicht wieder zu. Als Großmutter später nach dem Rechten sieht, steht bereits die ganze Wohnküche unter Wasser. Es gelingt der armen Frau nur unter tatkräftiger Mithilfe eines eiligst herbeigerufenen Nachbarn, mich aus dem überlaufenden Becken wieder herauszufischen. Und danach steht die Frage im Raum: Wie kann ein dreijähriger Junge mit spastisch verdrehten Händen und Beinen, der zudem noch über die Maßen schlecht sieht, ohne Hilfe seinen Laufstall verlassen? Eine Unmöglichkeit eigentlich, völlig unbegreiflich. Ich selbst habe bis zum heutigen Tage keine in allen Einzelheiten befriedigende Antwort auf dieses Rätsel gefunden. Klar ist jedoch, dass die spastische Behinderung schon bei betroffenen Kleinkindern ungeahnte Kräfte ausprägt und freisetzt: körperliche Kräfte, die recht früh schon die Fähigkeiten gesunder Gleichaltriger übertreffen, und mentale Kräfte des nackten Willens, die bald ganz zielorientiert darauf gerichtet sind, die nächste Hürde und wieder die nächste Schwierigkeit zu überwinden, die der ganz normale Alltag für einen körperlich Behinderten immer und überall bereithält.
Für einen Spastiker ist jedes noch so unmöglich scheinende Ziel erreichbar, es ist nur eine Frage der Zeit!
008
Noch daheim in Mühlheim, ich dürfte nicht älter als zwei gewesen sein, ereignete sich ein ähnlicher Vorfall. Die Ärzte hatten meinen Eltern empfohlen, mich morgens in den Betten turnen zu lassen. Für mich bedeutete das krabbeln und mich am Bettzeug hochziehen. Mutter hatte wie so oft die Federbetten zum Lüften nach draußen auf die Fensterläden gelegt. Der Abstand zwischen Matratze und Bettdeckenzipfel betrug nur wenige Zentimeter. Ich ergreife also fest die Zipfel und ziehe mich langsam aufwärts ins Helle. Die Sonne scheint wohlig warm auf mich herab, als ich aus dem Fenster krabble, und ich liebe die Wärme. Ich weiß schon: Alles geht leichter, wenn es warm ist. Da will ich hin, ins Warme. Was ich nicht einmal ahne: Wir wohnen im sechsten Stock! Mutter ist zu dieser Zeit im Badezimmer beschäftigt und sieht mehr oder weniger zufällig aus dem Fenster. Sie wundert sich, dass Menschen auf dem Gehweg aufgeregt Matratzen aufeinanderstapeln. Dann wandert ihr Blick zum schräg gegenüber liegenden Schlafzimmerfenster, und was sie da erblickt, kann sie nicht fassen. Sie gerät in Panik: Ihr behindertes Kind, das sich sonst kaum rühren kann, schwingt fröhlich über Mühlheims Dächern. Mal hält es sich mit beiden Händen an den Oberbetten fest, um es dann nur mit einer Hand zu versuchen. Wenige Augenblicke später, eine Zeitspanne, die Mutter wie eine Ewigkeit erlebt haben muss, steht sie bereits an meinem Fenster und fasst nach mir. Genau in dem Moment, als ich die Hand öffne, das Bett in den Wolken loslasse, bekommt sie meinen Arm zu packen. Sie zieht mich mit einem Ruck ins Zimmer zurück und sinkt ohnmächtig zu Boden. Später verabreicht mir Mutter für meine luftigen Kunststückchen die erste Tracht Prügel meines noch so jungen Lebens.
Keiner rechnete damals mit meiner Geschicklichkeit und Beweglichkeit, am wenigsten traute ich mir diese selbst zu! Bis zu diesem Zeitpunkt, als ich 30 Meter über der Erde durch das Schlafzimmerfenster unserer Mietwohnung turnte, erlebte ich die Außenwelt als ein Territorium in ungeahnter Ferne. Doch nun erfuhr ich mit einem Mal, dass diese ferne Welt auch für mich erreichbar war, wenn auch die äußeren Umstände dies begünstigen mussten. Ich erfuhr, dass diese Welt womöglich nur darauf wartete, von mir, dem Spastiker, erschlossen zu werden, wenn ich den Mut, die Kraft und den Willen dazu aufbrächte.
Aber oftmals machte ich mich ganz klein und verschwand für einige Zeit unter dem Wohnzimmersofa, einem Erbstück vom Urgroßvater, unter das mein Körper wie maßgeschneidert passte. Auf dem kalten Fußboden verkrampfte und versteifte ich mich wie ein Brett. Der Vorteil: Antworten konnte ich in dieser Lage meist gar nicht, und wenn meine Mutter wirklich etwas von mir wollte, musste sie das Sofa auf einer Seite über mir hochheben, um mich an einer meiner Gliedmaßen, egal ob Arm oder Bein, herauszuziehen. Das konnte sie nur mit einer Hand machen, weil sie mit der anderen das Sofa halten musste – und das bedeutete Schwerstarbeit für sie. Hatte Mutter es geschafft, mich aus meinem selbst gewählten Gefängnis zu befreien, so reichten manchmal einige Wärmflaschen, um mich wieder weich zu bekommen. Mein Körper glich dem eines Leguans: Sobald er Kälte ausgesetzt war, wurde er stocksteif und fast bewegungsunfähig. Dauerte diese Gefangenschaft unter dem Erbsofa länger als eine halbe Stunde an, half nur noch ein heißes Vollbad. Der Anlass, weshalb ich mich unter das Sofa verkrochen hatte, um nicht gefunden zu werden, war dann meist bereits vergessen.
Da meine Augen außer groben Helldunkel-Kontrasten kaum etwas sehen, trainiere ich automatisch mein Gehör. Großmutters Klappern mit Küchengeräten und Kochtöpfen, ihre sonderbaren Küchenlieder, die sie tagein, tagaus in meiner Gegenwart singt, schulen anfangs meine Fähigkeit, Klänge und Geräusche genau zu differenzieren. Bald bin ich in der Lage, selbst die Tiere im entfernten Stall, die sonst niemand hört, akustisch zu unterscheiden. Das gleichmäßige, niemals endende Ticken der Wanduhr, ihr majestätisch ertönendes Schlagen zur vollen Stunde in die Stille der Wohnstube hinein: Dieser Klangwelt lausche ich konzentriert und lange nach, liegend oder sitzend, abgeschnitten vom Rest der Welt durch Gitterlaufstall und Steintreppe. Mit einem Topf und einem Deckel kann man mich eine ganze Zeit beschäftigen. Der Topf ist groß genug, dass er stehen bleibt, und den Deckel kann ich mit meinen Händen gut halten. Krach, wie ihn Kinder normalerweise machen, ohne jeden Sinn, ist mir zuwider. Lärm erschreckt mich, da mein Gehör außerordentlich gut funktioniert. Deshalb finde ich es besonders schön, wenn der Topfdeckel in verschiedenen Tönen erklingt.
Das kleinkindliche, aber früh geschulte Wahrnehmen, Unterscheiden und Klassifizieren von Klängen und Geräuschen in der Umgebung dient als Kompensation von nicht vorhandener oder kaum nennenswerter Sehkraft. Aber welch erschütternde Kraft die Musik wirklich hat und was sie aus mir machen kann, sollte ich erst später erfahren.
009
Mein Leben findet vollkommen ebenerdig statt. Sicher bewege ich mich nur auf allen vieren, auch im Alter von dreieinhalb Jahren ist an Gehen und Stehen nicht zu denken. Ich rutsche den ganzen Tag von A nach B oder beschäftige mich mit meinen spastischen Fingern, die nur sehr schwer etwas festhalten können und ständig schmerzen. Spielzeug gibt es für mich nur aus Stoff. Holz oder andere Materialien seien für mich zu gefährlich, beschließen die Eltern und alle anderen, die mit mir zu tun haben. Aber Kinderspielzeug interessiert mich auch gar nicht sonderlich. Dafür liebe ich Schubladengriffe, an denen ich mich emporziehe, um wie ein Faultier daran zu baumeln. Gegenstände, die ich in die Hand bekomme, halte ich fest wie ein Schraubstock und lasse so schnell nicht mehr los.
Anders als gleichaltrige Kinder mache ich auf meine Mitmenschen einen gleichmütigen und interesselosen Eindruck. Aber der Schein trügt: Was die Welt im Innersten zusammenhält, versuche ich herauszufinden, indem ich die Dinge ganz genau unter die Lupe nehme. Meine Lupe ist allerdings der Tastsinn. Hartes und Eckiges verweigere ich, Rundes, Weiches und Warmes nehme ich an.
1960 übersiedeln meine Eltern von Mühlheim am Main nach Neuhof bei Fulda, weil Vater nach seinem Abschied vom Polizeidienst dort die Möglichkeit bekommt, eine eigene Fahrschule zu eröffnen.
Wir beziehen die obere Wohnung im Haus der Familie Kress, die als Vertriebene nach Neuhof gekommen war, um sich mit Fleiß und Zielstrebigkeit eine neue Existenz aufzubauen. Unsere Dachgeschosswohnung verfügt über eine steile Zugangstreppe, ein für mich unüberwindliches Hindernis. Ich muss also aufs Neue, wie schon im Bauernhaus der Großeltern, hinauf- und hinuntergeschleppt werden. Mein Bruder Udo, frischgebackener Erstklässler, bekommt den Auftrag, auf mich aufzupassen. Draußen setzt er mich in einen Sandkasten und verschwindet für einige Zeit, um mit anderen Kindern zu spielen, und schaut nur ab und zu nach mir. Wenn dann Mutter aus dem geöffneten Küchenfenster ein scharfes »Udo!« ruft, weiß er, dass es Zeit ist, mich wieder aufzusammeln und mit nach Hause zu bringen. Dass ich in der Zwischenzeit im Sandkasten gefroren habe wie ein Schneider, kann er nicht wissen. Aber die Rolle des »großen Bruders« gefällt Udo. Und besonders, wenn es darum geht, mich zu beschützen, ist auf ihn Verlass.
»Ab morgen gehst du in den Kindergarten«, verkündet Mutter eines Tages, was ich stumm zur Kenntnis nehme. Aber ich bin neugierig auf diese neue Herausforderung. Morgens um sieben Uhr liefert mich Mutter im Kindergarten der evangelischen Kirche ab, nachmittags um fünf Uhr muss ich spätestens wieder abgeholt sein.
Doch bald schon schieben sich wieder Klinikaufenthalte in mein Leben, die das eingependelte Hin und Her zwischen Großeltern in Baunatal und Familie in Neuhof unterbrechen. Aber sämtliche Methoden und Hilfsmittel, die dort an mir erprobt werden, um mich endlich auf die Füße zu stellen, misslingen: Schuhe mit unförmigen Absätzen, die mir das Stehen ermöglichen sollen, werden angefertigt, Gewichte, Schienen und andere Gerätschaften an mir befestigt. Erfolglos. Für mich ist das Leben aus der Froschperspektive weitaus ungefährlicher, als es mit Stehen und Gehen zu versuchen. Ich entwickle aus eigenen Kräften meine ganz ureigene Technik der Fortbewegung: Gestützt auf Handrücken und Arme, die ich wie Stelzen weit von mir gestreckt halte, baue ich wie bei einem Schwungradantrieb eine Körperspannung auf, die es mir ermöglicht, mit der Kraft meiner Rückenmuskulatur Beine und Po bis zu meiner Nasenspitze emporzuziehen. Auf diese Art vermag ich mich mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf glatten Flächen fortzubewegen.
Aber: »Aus dem wird wohl nie etwas!« Diesen Satz meines Vaters höre ich häufig, und zu diesem Zeitpunkt scheint er berechtigt zu sein. Ich entspreche in keiner Weise den Erwartungen meiner Umwelt, versage auf der ganzen Linie. Selbst Mutter findet sich allmählich mit der Tatsache ab, dass ihr zweites Kind für immer ein Sorgenkind bleiben würde. Aber die seltenen, ganz unbeschwerten Momente im Leben mit meiner Mutter bleiben mir bis heute ebenso unvergesslich wie ihre vielen verzweifelten Bemühungen, ihren Sohn auf den richtigen Weg zu bringen.
010
Die Tücken der Behinderung: Wenn ich mich nicht wenigstens mit einer Hand irgendwo festhalten kann, ist an Aufstehen nicht zu denken. Und um aufstehen zu können, muss ich sehr viel Muskelkraft aufbringen und auf eines vertrauen: dass der Gegenstand, an dem ich mich festhalte und emporziehe, nicht mit mir gemeinsam umfällt. Aus Sicherheitsgründen fehlen also in unserem Haushalt die Tischdecken, weil ich einmal versuchte, mich an einem Zipfel hochzuziehen, und dabei den kompletten Tisch abräumte. Begraben unter dem Tuch und allem, was darauf gestanden hatte, beiße ich, statt wie andere Kinder zu weinen, auf die Zähne, bis die erste Welle des Schmerzes abklingt, und versuche mich schließlich aus dem von mir angerichteten Schlamassel zu befreien.
011
Im Jahre 1962 werde ich eingeschult.
Die Heimschule in Arolsen, gegründet von Gräfin Bathildis, beherbergt Kinder aller nur denkbaren Behinderungen. Das Bundesland Hessen unterstützt Einrichtungen wie diese finanziell und erkennt auch den betroffenen Eltern der Behinderten ausreichende Geldbeträge zu. Anfang der sechziger Jahre ist es noch üblich, behinderte Kinder auszusondern und sie in ihrer eigenen Welt ausschließlich mit anderen behinderten Kindern zusammen aufwachsen zu lassen. Dabei werden geistig und körperlich Behinderte unterschiedslos gemeinsam unter einem Dach untergebracht. Doch nach einer gewissen Zeit der Eingewöhnung entwickeln sich durchaus Freundschaft und Solidarität unter den unterschiedlich behinderten Kindern, was heute aufgrund der strikten Trennung von körperlichen und geistigen Behinderungen nicht mehr möglich wäre. Und dass überhaupt Einrichtungen unterhalten werden, in denen behinderte Menschen leben und lernen können, bedeutet schon einen riesigen Fortschritt gegenüber den Gepflogenheiten 20 Jahre zuvor, als Menschen mit Handicap nur äußerst geringe Überlebenschancen besaßen.
Mein Name ist von nun an KI 62, denn in Arolsen ist die Karteinummer des Schülers zugleich auch sein Rufname. Schulbesuch war damals Nebensache, der Unterricht galt in diesen Jahren vornehmlich als Beschäftigungstherapie. Unsere Lehrer verfügten darüber hinaus nicht alle über eine Sonderschulausbildung, viele waren nach ihrem regulären Schuldienst freiwillig bei uns tätig.
Ich bin in einem Sechsbettzimmer untergebracht, und was ich dort innerhalb der hermetisch abgeschirmten Heimschulwelt erlebe, bleibt vor meinen Eltern völlig verborgen. Und sie hätten sich wohl auch kaum ausmalen können, dass ihr Sohn hier in ein Geflecht von Rivalitäten mit anderen Heimkindern eingebunden ist, die allesamt ihre Leiden wie Trophäen herausstellen und so über den Schweregrad der Behinderung ihren sozialen Status in der Gruppe definieren. Drei meiner Zimmergenossen sind bis zur Hälfte querschnittsgelähmt, ein anderer hat einen Wasserkopf, die Nummer fünf im Bunde ist eines der ersten Conterganopfer.
Bei 120 Kindern, 60 Mädchen und 60 Jungen im Alter zwischen fünf und 16 Jahren, kommt nach meiner Erinnerung auf zehn Kinder gerade einmal eine einzige Pflegeperson. Bald finde ich mich mit der Tatsache ab, dass es offenbar niemanden kümmert, wenn ich tagtäglich das Frühstück versäume, weil ich nicht rechtzeitig gewaschen und angezogen bin. Und so lerne ich, wie es sich anfühlt, in aller Herrgottsfrühe mit knurrendem Magen in der Schule zu sitzen. Nahrhaftes gibt es für mich erstmalig am Tag in der großen Schulpause um zehn Uhr. Eines Tages reißt mir vor Hunger der Geduldsfaden. Noch in der Früh sause ich in einem Rollstuhl, bekleidet nur mit einer Unterhose, in den Speisesaal. Dort schnappe ich mir kurzerhand den Topf mit Haferschleim, schließe mich im Badezimmer damit ein und schlinge das Zeug hinunter wie irre. Heute darf ich deshalb sagen, dass mir dieses hart erkämpfte erste überreichliche Frühstück meines Internataufenthaltes den weiteren Appetit auf Haferschleim für immer verdorben hat.
Zusehends isoliert von der Außenwelt, empfinde ich das Gefangensein in mir selbst jetzt noch stärker als je zuvor. Jedoch finde ich mit der Zeit ganz eigene Mittel und Wege der Verständigung mit meinen Zimmergenossen: Viele der Heimkinder