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Inhaltsverzeichnis
 
 

Ein ungewöhnlicher Abend
Michael freute sich wie immer auf einen Abend mit seinen alten Schulfreunden. Zunächst schien auch alles beim Alten zu sein: Es war der erste Freitag des Monats und die gleiche Uhrzeit wie sonst, halb acht. Es war das gleiche Restaurant wie immer, der Italiener Da Giovanni, und natürlich war auch der Tisch der gleiche wie sonst, der runde in der Ecke. Michael und drei weitere Freunde, die sich seit der Schulzeit kannten, trafen sich hier monatlich zusammen mit ihren Partnerinnen. Außerdem waren Michael und seine Freundin Jule immer die Ersten, die im Restaurant eintrafen.
Eines jedoch war heute anders, als die beiden das Lokal betraten: Stefan saß bereits am Tisch und vor ihm stand ein Bier. Jule fragte Michael verwundert: »Was ist denn mit dem los?«, denn Stefan erschien normalerweise immer eher als Letzter. Michael zuckte die Achseln: »Was soll mit ihm los sein, er ist eben mal der Erste!«
Als Nächste kamen Ruth und Lars-Hendrik und setzten sich. Der italienische Wirt Giovanni begrüßte seine Stammgäste mit Handschlag und brachte kurz danach ungefragt ein Tablett mit Hefeweizen und stellte zwei davon auf die verbliebenen freien Plätze. Die Speisekarten legte er daneben.
Jule war schließlich diejenige, die es nicht mehr aushielt: »Was ist mit dir los, Stefan? Du siehst irgendwie übernächtigt aus.« Stefan schwieg und schien sich nur für sein Weizen zu interessieren. So kannten sie ihn nicht. Er war normalerweise immer gut gelaunt, schlagfertig und für jeden Spaß zu haben. Wenn Stefan schwieg, hieß das nichts Gutes.
»Wieder Ärger im Job?«, fragte Lars-Hendrik und Ruth fuhr dazwischen: »Wo hast du denn Nadine gelassen?« Jetzt schienen auch die Männer zu begreifen, dass irgendetwas nicht stimmte. Stefan schaute auf, dann sagte er, mehr ins Leere als an seine Freunde gerichtet: »Nadine hat mich verlassen.« »Wie? Verlassen?«, wollte Lars-Hendrik wissen. »Wie wohl, verlassen?«, fuhr ihn seine Freundin Ruth an und verdrehte dabei die Augen. »Kapierst du’s nicht? Verlassen – wie weg!« Lars-Hendrik war mal wieder schwer von Begriff.
In das darauffolgende zähe Schweigen platzten Regula und Thomas hinein. Wie meistens kamen sie zu spät. »Hallo, meine Süßen«, rief Regula in die Runde, »tut mir leid, aber ich musste mich nach dem Stresstag erst noch mal in die Badewanne legen und …«, »und sie konnte sich dann nicht entscheiden, was sie anziehen sollte«, setzte Thomas den Satz fort.
Die beiden nahmen am Tisch Platz und Regula fragte: »Was ist denn hier für eine Stimmung? Ist jemand gestorben?«
»Stefan wurde von Nadine verlassen«, erklärte Ruth. »Oh, Scheibenkleister«, entgegnete Regula und griff zu ihrem Weizen. Alle anderen erhoben auch ihre Gläser. »Na dann, auf dein neues Single-Leben!« Thomas prostete den anderen zu. »Du bist ein Idiot!« Dieser Seitenhieb kam von Regula. Stefan starrte immer noch Löcher in den Tisch. »Stefan, nun sag schon, was ist passiert? Hat sie einen Neuen?«, wollte Regula wissen.
»Ich glaube nicht«, Stefan schaute scheu in die Runde, »ich bin ja selbst schuld. Sie wollte, dass wir heiraten, oder, wie sie es ausdrückte, dass ich mich für sie entscheide. Sie wollte wissen, wohin sie gehört, und sie wollte Kinder mit mir haben.«
»Ja und, wo liegt das Problem?«, fragte Jule.
»Das kam für mich aus heiterem Himmel. Ich habe das zunächst gar nicht ernst genommen und dann konnte ich mich einfach nicht für sie entscheiden!«, antwortete Stefan.
»Nadine ist es bestimmt nicht leichtgefallen, dich vor diese Entscheidung zu stellen. Und wahrscheinlich leidet sie jetzt genauso wie du«, fuhr Jule fort.
»Das glaubst du ja wohl selbst nicht!«, fuhr ihr Michael ins Wort, »immerhin hat sie ihn verlassen. Und dazu noch wegen so einer Lappalie!«
»Lappalie nennst du das, wenn sich ein Mann nicht für seine Frau entscheiden kann?!«, fauchte Jule zurück.
»Ach, hört auf! Streitet euch nicht noch wegen mir!« Stefan sah seine Freunde traurig an.
Lars-Hendrik mischte sich ins Gespräch ein: »Also wenn ihr mich fragt, ist das doch so: Wenn ein Mann mit einer Frau zusammenlebt, dann hat er sich auch für sie entschieden, jedenfalls für den Moment, oder?«
Jetzt platzte seiner Freundin Ruth fast der Kragen: »Zum Glück fragt dich keiner! Außerdem finde ich es beruhigend zu hören, dass du dich für den Moment für mich entschieden hast! Ich bin ja gespannt, wie du dich dann im nächsten Moment entscheidest!«
»Jetzt mach nicht wieder ein Drama daraus!«, antwortete Lars-Hendrik und widmete sich der Speisekarte.
»Wie lange wart ihr denn zusammen?«, wollte Regula wissen.
»Fast sieben Jahre! Und alles war prima, solange sie mich nicht heiraten wollte!« Stefan war den Tränen nahe.
»Jetzt hat sie auch noch Schuld?«, versuchte Jule Stefan zu trösten, was ihr nicht recht gelang.
»Nein, eigentlich nicht. Aber ich verstehe nicht, warum ich mich nicht entscheiden konnte. Und plötzlich hatte sie sich entschieden und hat mich verlassen!«
»Dann ruf sie an und sag ihr, du hättest es dir anders überlegt«, schlug Thomas vor.
»Das kann ich nicht. Ich hab’s mir auch nicht anders überlegt. Ich kann mich immer noch nicht für eine Ehe mit ihr entscheiden. Dieses ganze Brimborium, wozu will sie das? Wozu braucht sie das? Es war so auch ganz gut. Warum wollen Frauen immer heiraten? Ich verstehe das nicht! Ich fühlte mich so unter Druck gesetzt. Und ich funktioniere nun mal schlecht unter Druck. Aber jetzt, wo sie weg ist, fehlt sie mir. Sie ist die tollste Frau unter dieser Sonne. Und nun ist sie weg.« Stefan fiel noch mehr in sich zusammen.
»Und warum wollen sich manche Männer nicht festlegen? Das verstehe ich nicht!«, wunderte sich Ruth, und Stefan fuhr fort: »So gemein das klingt: Nadine ist eine tolle Frau. Aber wenn ich mich allein für sie entscheide, habe ich das Gefühl, mich gegen alle anderen tollen Frauen da draußen zu entscheiden. Woher weiß ich denn, dass sie die Richtige ist? Es könnte ja sein, dass das Beste erst noch kommt.«
»Ja, träum schon mal weiter und werde dabei langsam alt und grau!« Regula ertrug die Diskussion kaum noch.
»Hast du dir mal eine Liste mit den Fürs und Widers gemacht? Das mache ich immer, wenn ich mich nicht entscheiden kann«, meinte Ruth. »Die Bankfrau spricht«, erklärte Lars-Hendrik, woraufhin Ruth ihn anfuhr: »Besser eine Liste als keine Entscheidung. Oder weißt du schon, was du heute isst? Deine Eltern konnten sich ja bereits bei deiner Namensgebung nicht entscheiden, ob es ein Lars oder ein Hendrik werden sollte, daher der Bindestrich. Ist anscheinend erblich!«
»Lasst uns erst mal das Essen bestellen, bevor wir weiterreden beziehungsweise weiterstreiten. Ich habe seit einem pappigen, belegten Brötchen heute Vormittag nichts mehr gehabt«, schlug Michael vor. Die anderen stimmten zu und die ganze Runde war sich heute zum ersten Mal einig.
Thomas kam plötzlich eine Idee: »Solange wir auf das Essen warten, erzähle ich euch eine Geschichte. Die Geschichte einer Rattenfamilie, einverstanden?«
»Igitt, diese schrecklichen Viecher! Mit ihrem ekligen nackten Schwanz. Was willst du uns von denen denn erzählen?« Regula schüttelte sich bereits beim Gedanken daran.
»Ich finde sie süß«, konterte Ruth, »als mein Bruder klein war, hatte er zwei Ratten als Haustiere. Die waren anhänglicher als Hunde und hörten aufs Wort. Eine davon hieß Erika.«
Thomas fuhr lächelnd fort: »Die Geschichte, die ich euch erzählen möchte, handelt von Freundschaft, neuen Herausforderungen, Tatkraft und Entscheidungsfreude. Und allen von euch, die Ratten nicht mögen, sei gesagt, dass sie dem Menschen sehr viel ähnlicher sind, als ihr ahnt: Sie sind Allesfresser, wie der Mensch. Sie sind extrem anpassungsfähig, das sind wir auch. Sie leben in einem sozialen System, so wie wir. Und sie sind schlau. Wenn eine Ratte lange überlegen würde, würde sie nicht überleben. Sie muss schnell handeln. Außerdem finde ich sie schön, sie sind weich und zart und sie sind sehr saubere Tiere. Und vielleicht fällt dir nach dieser Geschichte deine Entscheidung leichter, Stefan. Aber wenn ihr die Geschichte nicht hören wollt …«
»Doch, wir wollen sie hören …«, Ruth schlug sich auf seine Seite, »nachdem wir bestellt haben.« Nach weiteren zehn Minuten hatte Giovanni alle Bestellungen aufgenommen und Thomas konnte mit seiner Geschichte beginnen:

Racines Heimkehr
Im Schutz einer mit Graffiti besprühten Mauer, die Körper dicht an die Wand gepresst, huschten zwei Ratten. Eine der beiden Ratten hob ihren Kopf, als sie den Duft von Bratwurst schnupperte, der vom Imbisswagen auf der Brücke an ihrer Nase vorbeizog. Sie hieß Racine und war eine schlanke, überaus hübsche, hellbraune Rattendame mit einer weißen Brust. Ihr Fell glänzte samtig und unter ihren langen gebogenen Wimpern hielten zwei unternehmungslustige, schokoladenbraune Augen ständig nach neuen Abenteuern Ausschau. Im Schutz der Mauer blieb Racine kurz stehen, erstaunt, wie vertraut ihr der Geruch trotz der langen Abwesenheit von zu Hause war. Sie spürte ein gespanntes Kribbeln im Bauch und freute sich einmal mehr darüber, dass sie ihrem Gefühl gefolgt war und beschlossen hatte, ihrer alten Heimat und ihrer Familie einen Besuch abzustatten. Die Reise von Paris bis hierher war lang und gefährlich gewesen, daher war sie froh, dass sie ihren guten Freund Doc überredet hatte, sie zu begleiten. Doc war eine schwarz-weiß gefleckte, sehr männlich wirkende Ratte mit einigen Narben im Fell. Außerdem fehlte ihm das halbe rechte Ohr, sein Schwanz war an zwei Stellen abgeknickt und mit dem linken Hinterlauf hinkte er leicht. Die Kämpfe des Lebens, die ihre Spuren hinterlassen hatten, gaben ihm ein verwegenes Aussehen und ließen ihn auf Rattendamen durchaus attraktiv wirken.
Seit zwei Tagen hatten die beiden kaum geschlafen, und die Strecke vom Flughafen bis hierher waren sie fast ununterbrochen gerannt. An einem großen grauen Gittertor blieb Racine stehen. Vor dem Torpfosten stellte sie sich auf die Hinterbeine und lugte um die Ecke. Dann flüsterte sie ihrem Begleiter zu: »Hier ist der Schrottplatz. Wir haben es gleich geschafft!« Doc, der außer Atem war, keuchte als Antwort nur ein leises »Na endlich«.
Racine rannte zu einem Stapel alter Reifen und suchte dahinter Deckung. Sie orientierte sich. Es roch nach Menschen! Und da waren sie auch schon, sie strömten aus einem Gebäude, das es vor einem Jahr noch nicht gegeben hatte. Damals stand hier eine windschiefe Holzbaracke. So viele Menschen! Zum Glück liefen sie in die andere Richtung, hinaus zum Tor.
Racine schaute sich um: Der große Kran von früher stand noch da, hinter ihm stapelten sich bergeweise Schrottautos. Dahinter musste sie irgendwo sein: Ihre alte Heimat! Sie rannte weiter, zielgerichtet auf eine Gasse zu, in der rechts und links Autos standen. Sie hatten keine Räder mehr und die meisten auch keine Türen, waren verbeult oder bestanden nur noch aus dem Unterteil. Die ältesten Exemplare befanden sich ganz hinten.
Und dann, endlich, sah sie ihn, beige wie die Schale eines Hühnereis, rostig, eingestaubt und ohne Türen, aber es gab ihn noch: den alten Citroën DS. Sie kratzte zweimal kurz am vorderen Kotflügel und schon schauten zwei kleine braune Augen vom Sitz aus auf sie herab.
»Was sehen meine alten Augen? Racine, mein kleines Rattenmädchen! Das ist ja kaum zu glauben!«
»Papa«, rief Racine und umarmte ihren Vater, »geht es dir gut? Wo ist Mama?« »Wo soll sie schon sein? Im Salon, sie räumt auf, wie immer.«
»Raclette, komm her, wir haben Besuch. Du wirst nie erraten, wer da ist!«
»Ich hab’s schon lange gerochen. So gut riecht nur meine Tochter.« Raclette sprang über die Beifahrerlehne auf den Sitz. »Mein Kind, ich freue mich so! Lass dich anschauen. Du siehst fabelhaft aus. Wo kommst du denn her? Direkt aus Paris? Hast du die gefährliche Reise ganz alleine gemacht?«