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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Wie bitte?
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Wie bitte??

Keine Sorge!
Es gibt zwar viele Leute, die immer wieder erzählen, alles, was mit Geld zu tun hat, sei eine Geheimwissenschaft. Diese Wissenschaft hat auch einen geheimnisvollen Namen: Ökonomie. Doch wer seinen Kopf einschaltet, kann so manches Geheimnis der Ökonomen lüften. Das ist die gute Nachricht.
 
Die schlechte Nachricht: Mit ihrer Grundbehauptung haben die Ökonomen leider recht. Wir leben in einer Welt knapper Güter. Will heißen: Es gibt kein Schlaraffenland. Es steht nicht alles für alle unbegrenzt zur Verfügung. Es wachsen weder Brot noch Kuchen auf Bäumen und auch keine Handys. Und: Die knappen Güter müssen verteilt werden. Es geht also jeden Tag aufs Neue um die Frage, wie der Kuchen gebacken wird. Und wie er aufgeteilt wird. Und noch eine schlechte Nachricht: Aus dem Spiel mit dem Namen »Knappe-Güter-Verteilen« kann sich niemand ausklinken. Wer sich nicht darum kümmert, welchen Platz im Wirtschafts- und Arbeitsleben er ergattert, bekommt einen zugewiesen. Das ist oft nicht gerade der beste Platz.
Ein paar Hinweise dazu, wie der Kuchen gebacken und verteilt wird, gibt es auf den nächsten Seiten. Und vielleicht auch ein paar Ideen, was jeder selbst tun kann, damit beim Backen und Verteilen nicht endgültig der Wahnsinn ausbricht.
Und noch etwas: Das Thema Geld wird oft ausschließlich mit (meist eher trockenen) Worten erklärt. Dieses Buch will das etwas anders machen. Es enthält einige nie da gewesene Erklärungen zur Wirtschaft in Bildform. Die stehen unter dem Motto:
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Statt eines Inhaltsverzeichnisses – Erster Anlauf:
Sieben Wege, reich zu werden:
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Sieben Wege, arm zu werden:
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Sieben Wege, wie es auch anders gehen könnte:
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Statt eines Inhaltsverzeichnisses – Zweiter Anlauf:

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Wie man Milliardär wird: Modell »Aldi«
Oder: Von unsichtbaren Händen und unheimlichen Händlern
 
Vom Mann, der im Jahr 2010 als der mit Abstand reichste Deutsche galt, gibt es kein brauchbares aktuelles Foto. Karl Albrecht hat es nie gemocht, dass über ihn geredet oder geschrieben wurde. Vom Fotografieren ganz zu schweigen. Das Gleiche gilt für seinen Bruder Theo. Um einiges bekannter als die Gebrüder Albrecht ist das Unternehmen, mit dem sie reich geworden sind: Aldi kennt in Deutschland jeder. Auch wenn keineswegs jeder weiß, dass der Firmenname eine Abkürzung ist. Als 1962 in Dortmund der erste »Albrecht Discount« eröffnet wurde, war der Familienname von Karl und Theo noch gut erkennbar. In der Kurzform Aldi weniger.
Die Brüder haben ihre Geschäfte zwar getrennt in Aldi Süd, bei dem Karl Albrecht die Kontrolle bekommen hat, und Aldi Nord, wo Theo Albrecht die Verantwortung übernommen hat – doch Aldi blieb im Großen und Ganzen Aldi, auch wenn das »A« auf den Einkaufstaschen in Norddeutschland auf blauem Hintergrund steht und in Süddeutschland auf orange-gelbem Grund.
Aber nicht nur in Deutschland gehört Aldi zum Alltag von Millionen von Menschen, die dort Milch, Mehl oder Margarine kaufen. Auch in vielen anderen Ländern Europas können immer mehr Konsumenten mit diesem Namen etwas anfangen, ebenso wie in den USA und Australien. In Österreich läuft die Kette zwar unter dem Namen »Hofer«, doch auch dort wissen die Kunden, mit wem sie es zu tun haben. Die Geschichte von Aldi ist also zweifellos eine Erfolgsgeschichte. Zumindest für die Familie Albrecht. Doch dazu später noch etwas mehr.
Und wie es aussieht, kann man von Karl Albrecht und seinem Bruder Theo, der fast ebenso reich ist, lernen, wie einfach Wirtschaft manchmal funktioniert: Billig einkaufen, ein bisschen teurer verkaufen – und schwupps ist man Milliardär. Multimilliardär, um genau zu sein. Die amerikanische Zeitschrift »Forbes« schätzte das Vermögen von Karl Albrecht im Jahr 2010 auf rund 17,3 Milliarden Euro (in Ziffern: 17 300 000 000), Theo Albrecht kam nach dieser Schätzung auf 12,3 Milliarden (in Ziffern: 12 300 000 000).
Solche Summen kann sich selbstverständlich kein Mensch vorstellen. Aber man kann sich Teile dieses Reichtums mit eigenen Augen anschauen. Denn das Vermögen der Albrechts liegt zum größten Teil nicht auf irgendwelchen Bankkonten, sondern es steckt vor allem in rund 8000 Aldi-Läden, die der Familie Albrecht gehören. Und man kann sich auch mit eigenen Augen ansehen, wie die Albrechts jede Sekunde reicher werden. Man muss sich nur neben eine Kasse stellen.

Viele einzelne Cents ergeben Millionen Euro

Nehmen wir an, ein Kunde in Berlin, Köln oder München kauft in einer Aldi-Filiale eine Tiefkühlpizza für 1,79 Euro, Bananen für 1,39 Euro, Kaffee für 2,99 Euro, zwei Tafeln Schokolade für jeweils 39 Cent, zwei Liter Milch für jeweils 49 Cent. Dazu vielleicht noch einen Fahrradhelm, der als »Aktionsware« nur für ein paar Tage im Angebot ist. Der kostet 5,99 Euro. Auf dem Kassenzettel stehen also unterm Strich 13,92 Euro. Das ist sicher.
Nicht so sicher ist, wie viel die Aldi-Handelsgruppe an die Leute zahlt, von denen sie Bananen, Kaffee oder auch Fahrradhelme einkauft. Ebenfalls nicht sicher ist, wie teuer die Räume sind, in denen die Aldi-Produkte herumliegen, was die Beleuchtung kostet und so weiter. Denn über solche Dinge verrät Aldi nichts. Aber es gibt Schätzungen. Fachleute nehmen an, dass die Aldi-Besitzer von jedem Euro 96 bis 97 Cent für ihre eigenen Einkäufe, für Gehälter der Kassiererinnen und so weiter ausgeben müssen. Das heißt: Von jedem Euro Umsatz, der in die Kasse kommt, bleiben rund 3 bis 4 Cent als Gewinn übrig. Bei dem oben erwähnten Kassenzettel von 13,92 Euro wären das also rund 40 bis 50 Cent.
Das klingt nicht nach besonders viel Geld. Aber wenn man bedenkt, dass Millionen Menschen jeden Tag bei Aldi einkaufen, was allein in Deutschland für einen Umsatz von jährlich schätzungsweise 27 Milliarden Euro sorgt, dann wird schnell klar: Die Masse macht’s. Und diese Masse bringt den Aldi-Eigentümern einige hundert Millionen Euro, die jedes Jahr als Gewinn bei ihnen hängen bleiben.

Alles billig, alles gut?

Wie es aussieht, gibt es in der Aldi-Geschichte nur Gewinner: Die Familie Albrecht – denn sie ist steinreich geworden. Die Menschen, die bei Aldi einkaufen – denn sie können für eine Handvoll Euro einen ganzen Einkaufswagen füllen. Und sogar die Beschäftigten von Aldi stehen gar nicht übel da. Die Männer und Frauen, die an den Kassen sitzen, brauchen für ihren Job keine besonders umfangreiche Ausbildung – verglichen mit dem, was solche sogenannten »niedrig qualifizierten« Arbeitsplätze anderswo bringen, verdienen Aldi-Beschäftigte nicht schlecht. Zwischen acht und zehn Euro in der Stunde als Nettolohn (also nach Abzug von Renten- und Krankenversicherung und so weiter) sind üblich. Wobei auch dazu Aldi nichts Offizielles sagt. Eines aber ist sicher: Es gibt Jobs in Deutschland, die nicht einmal halb so viel bringen wie ein solcher Kassen-Job (siehe auch Kapitel 11).
Jede einzelne Aldi-Filiale könnte also ein Beispiel dafür sein, dass der wohl berühmteste Wirtschaftswissenschaftler aller Zeiten recht hatte: Adam Smith.
Der Großvater der modernen Wirtschaftstheorie: Adam Smith
Adam Smith gilt als der Begründer der modernen Wirtschaftswissenschaft. Er lebte von 1723 bis 1790 in Großbritannien; doch obwohl er mehr als 200 Jahre tot ist, glauben viele, er habe einige Grundwahrheiten erkannt, die heute noch genauso gelten wie vor zwei Jahrhunderten. Von der Ausbildung her war Smith Philosoph, dieses Fach studierte er an der Universität Oxford. Später wurde er Professor für Moralphilosophie in der schottischen Stadt Glasgow. Sein Buch mit dem Titel »Wohlstand der Nationen« wurde eine Art Bibel für die Anhänger der Freien Marktwirtschaft. Ein Kernbegriff, den Smith prägte, ist »the invisible hand«, auf Deutsch: die unsichtbare Hand. Damit beschrieb Smith seine Überzeugung, dass in einem Land Wohlstand für die meisten entsteht, auch wenn jeder Einzelne erst einmal nur an sein eigenes Interesse denkt: »Er wird in diesem wie auch in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat«, schrieb Smith.
Smith hatte vor allem eine Grundüberzeugung: Jeder Mensch achtet immer darauf, dass er das, was er hat (oder kann), so gut wie möglich eintauscht oder verkauft – gegen das, was andere haben (oder können). Eigeninteresse ist also das, was jeden antreibt, meinte der Brite. Dieses Eigeninteresse mündet aber nicht in eine wüste Rangelei, bei der jeder versucht, sich zu bereichern. Vielmehr glaubte Smith, dass sich das, was jeder für seine Arbeit (oder für die Waren, die er herstellt) bekommt, ständig neu regelt.
Eine mehr oder weniger geheimnisvolle Kraft sorge wie eine »unsichtbare Hand« dafür, dass das Eigeninteresse beispielsweise eines Händlers (wie Karl oder Theo Albrecht) diesen Händler dazu bringt, Geschäfte genau dort zu eröffnen, wo die Kunden sie gern haben möchten. Und er legt in die Regale die Waren, die die Kunden wollen. Sonst könnte er ja nichts verkaufen. Das Eigeninteresse des Händlers wird außerdem dafür sorgen, dass die Preise möglichst niedrig sind. Denn die Kunden haben ja wiederum das Eigeninteresse, möglichst wenig zu zahlen.
Das Eigeninteresse derjenigen, die für den Händler Waren produzieren, wird zwar darin liegen, möglichst viel für ihre Produkte zu verlangen. Doch weil Milliarden von Menschen auf dem Globus jeden Tag aufs Neue so etwas wie Vereinbarungen treffen, was Waren oder Arbeit kosten sollen, pegele sich die Sache in jeder Minute neu ein. So wie in früheren Jahrhunderten Händler und Käufer auf einem großen Marktplatz stets aufs Neue über den richtigen Preis feilschten, so sorge die Marktwirtschaft dafür, dass Angebot und Nachfrage ins richtige Gleichgewicht kommen. Und der »Marktpreis«, der in einer Marktwirtschaft am Ende für Waren und Dienstleistungen gezahlt wird, liefert laut Smith eine ausgesprochen wertvolle Information: die Information, was sich die Menschen wünschen. Denn dafür sind sie bereit, besonders hohe Preise zu zahlen. Und am Ende seien alle Gewinner. So die Theorie.

Die Grobheiten der »unsichtbaren Hand«

Man muss nicht lange nachdenken, um zu merken, dass es bei diesem Spiel natürlich keineswegs nur Gewinner gibt. Beispiel Verdrängungswettbewerb: Das märchenhafte Wachstum des Unternehmens der Gebrüder Albrecht war nur möglich, weil gleichzeitig Tausende andere Einzelhandelsunternehmer aufgegeben haben. Es gibt zwar weiterhin auch kleine Läden, deren Besitzer von ihrem Geschäft leben können. Aber die aggressive Strategie von Discountern wie Aldi hat vielen ihrer früheren Konkurrenten schlicht die Luft abgeschnürt.
Oder das Beispiel Nachhaltigkeit: Zu Adam Smiths Zeiten war von Klimakatastrophe oder Ozonloch noch keine Rede. Heute aber bestreitet kein Mensch mehr, dass die moderne Wirtschaft den Planeten Erde gewaltig überfordert. Es werden mehr Bäume gefällt, als nachwachsen. Es werden mehr Fische gefangen, als aus Fischlaich schlüpfen. Es werden mehr Abgase in die Luft gepumpt, als die Atmosphäre verträgt.
Was das mit Aldi zu tun hat? Einiges. Die Gebrüder Albrecht legen zwar inzwischen auch brav Bio-Bananen in ihre Läden. Auch Aldi rettet also die Umwelt, könnte man meinen. Aber ihre Geschäfte sind immer noch typisch für das Denken nach dem Motto: »Was kostet die Welt? Nichts.« So sind Aldi-Märkte meist nur mit dem Auto gut zu erreichen. Dass jeder Parkplatz, der dafür zuasphaltiert wird, ein (wahrscheinlich für immer) verlorenes Stück Erde ist – egal. Dass Millionen Aldi-Kunden bei ihren Einkaufstouren Millionen Liter Sprit verbrennen und Tausende Tonnen Kohlendioxid und andere schädliche Gase in die Luft blasen – egal.
Man kann das den Gebrüdern Albrecht gar nicht vorwerfen. Sie haben sich immer an die geltenden Regeln gehalten. Sie haben nie groß etwas getan, was verboten gewesen wäre. Und sie sind mit dem, was sie tun, ja auch nicht allein. Lidl, Penny oder Netto arbeiten im Handel genauso wie Aldi – genauso wie BMW, VW oder Ford beim Autobauen im Wesentlichen nach dem gleichen Muster arbeiten.
Aber gerade deshalb sind die Albrecht-Brüder ein gutes Beispiel dafür, dass die »unsichtbare Hand« eine Hand ist, die einiges kaputtschlägt. Ein Problem dabei ist: Man hört den Knall dieses Kaputtschlagens oft so spät, dass viele glauben, die »unsichtbare Hand« habe mit diesem Knall gar nichts zu tun. Als Karl und Theo Albrecht die ersten Aldi-Filialen auf die grüne Wiese stellten, war die Bedrohung der Umwelt durch den Menschen noch kaum ein Thema. Einige unschöne Schläge der »unsichtbaren Hand« hingegen werden sofort sichtbar. Und sie zeigen, dass diese Hand von Natur aus grob ist.

Im Milchsee verdurstet

Kommen wir noch einmal zu der Milch, die in jedem Aldi-Laden jeden Tag Hunderte Male über den Scanner geht und von der oben schon kurz die Rede war. Weniger als 50 Cent kostete der Liter Mitte des Jahres 2009. Davon kamen bei den Bauern, deren Kühe diese Milch geben, etwa 20 Cent an. Die knapp 30 Cent Unterschied zwischen den 20 Cent, die der Bauer bekommt, und den knapp 50 Cent, die der Kunde zahlt, verteilen sich auf Molkerei, Transport, Verpackung – und natürlich die Händler.
Dummerweise kann nun ein Bauer, der so wirtschaftet, wie sich das Bayern-Urlauber oder auch Bilderbuch-Illustratoren so vorstellen, mit 20 Cent je Liter seine Kosten nicht decken. Bei Weitem nicht. Höchstens Milchfabriken, in denen »Turbokühe« stehen, die jedes Jahr 10 000 Liter Milch und mehr geben, können mit diesen Preisen gerade noch existieren. Dafür zahlen die Tiere, die in diesen Milchfabriken gemolken werden, allerdings einen hohen Preis. Ihre Körper wurden so hochgezüchtet, dass die Kühe von heute doppelt so viel Milch geben, wie ihre Artgenossen es noch vor einigen Jahrzehnten getan haben. Nach vier oder fünf Jahren sind die Tiere komplett ausgelaugt und werden getötet, obwohl sie noch 20 weitere Jahre leben könnten.
Seit Jahren beschweren sich Bauern deshalb immer wieder, dass sie zu wenig für die Milch bekommen, die sie liefern. Die Proteste der Bauern, die ihre Kühe nicht wie Maschinen behandeln wollen, haben aber nichts genützt. Denn an der Milch zeigt sich eine Grundregel, die immer gilt, wenn Geld ins Spiel kommt: Es ist alles eine Frage der Macht.

Die Macht sei mit euch

Im Fall der Milch geht das Machtspiel so: Einzelhandelsketten wie Aldi, Lidl, Netto oder Penny wollen bei den Kunden als möglichst preisgünstig gelten. Als preisgünstig gilt vor allem derjenige, bei dem das billig ist, was man immer wieder kauft: Wasser, Kaffee oder Milch. Deswegen interessiert es die Handelsketten erst einmal gar nicht, ob ein Bauer eigentlich 40 Cent für den Liter Milch bräuchte. Sie sagen ihm einfach, dass er nur 20 Cent bekommt. Denn nur so geht für den Händler die Rechnung auf, die Milch auffallend billig anzubieten.
Auf diese machtvolle Feststellung der Händler könnten die Bauern natürlich mit dem machtvollen Satz antworten: »So billig gibt es unsere Milch aber nicht.« Das Problem bei der Sache hat ein Professor mit dem schönen Namen Onno Poppinga einmal so ausgedrückt: »In Deutschland haben wir 100 000 Milchbauern, 100 Molkereien – und einen Aldi.« Will heißen: Selbst wenn Tausende Bauern entscheiden, ihre Milch nicht mehr so billig zu verkaufen, wie Aldi es verlangt – es bleiben immer noch viele Tausend übrig, die sich auf das Machtspiel einlassen.
Adam Smith dürfte also mit einem recht gehabt haben: Es steckt wohl tatsächlich meist in erster Linie Eigeninteresse dahinter, wenn Menschen arbeiten, erfinden, Handel treiben – also: wirtschaften. Vor allem aber ist es immer eine Frage der Macht, wer sein Eigeninteresse am besten durchsetzen kann. Und wenn Macht ins Spiel kommt, gibt es stets auch Verlierer.
Ob die Sache nicht auch anders gehen könnte, dazu steht einiges in den Kapiteln 15 bis 21. Jetzt wollen wir uns erst mal einer anderen Art und Weise zuwenden, wie man Milliardär werden kann. Um genau zu sein: Milliardärin.

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Wie man Milliardär wird: Modell »Fabrikant«
Oder: Wohin der Wert der Arbeit fließt
 
Einen BMW zu besitzen, ist eine feine Sache. So finden es zumindest ziemlich viele Menschen auf der ganzen Welt. Rund 180 000 Stück der noblen Autos zu besitzen, ist eine noch feinere Sache. Und es gibt eine Frau, die im Lauf eines Jahres rund 180 000 BMWs besitzt, wenn man so möchte. Sie verkauft sie jedoch sofort wieder. Dadurch und durch noch einige andere Einkünfte ist Susanne Klatten zur reichsten Frau Deutschlands geworden.
Der Wert von Frau Klattens Besitztümern wurde zuletzt auf 8,2 Milliarden Euro geschätzt (in Ziffern: 8 200 000 000). Nicht nur der Reichtum der Aldi-Familie Albrecht, von dem im Kapitel 1 die Rede ist, lässt sich kaum fassen. Auch sich den Reichtum von Frau Klatten vorzustellen, ist für normale Menschen nur mit Mühe möglich. Man kann es mit ein paar Rechenbeispielen versuchen. Für 8,2 Milliarden Euro könnte man 32 800 hübsche Einfamilienhäuser oder Eigentumswohnungen zu einem Preis von jeweils 250 000 Euro kaufen. Wenn man pro Haus oder Wohnung im Schnitt drei Bewohner rechnet, käme Platz für rund 100 000 Menschen zusammen – also eine Großstadt. Oder man könnte feststellen, dass der Besitz der Unternehmerin Susanne Klatten in etwa dem entspricht, was ein ganzes Bundesland wie Mecklenburg-Vorpommern in einem Jahr ausgibt. Für alle Lehrer und Polizisten, die für dieses Bundesland arbeiten, für alle Straßen, die dieses Bundesland baut, und noch für einiges mehr.
Allerdings hat Susanne Klatten diese geschätzten 8,2 Milliarden Euro nicht auf einem Bankkonto liegen, von dem sie jederzeit drei, vier oder auch fünf Milliarden abheben könnte. Das hat sie auch gar nicht vor. Ihr Besitz steckt im Wesentlichen in großen Firmen. Die bekannteste davon ist der Autobauer BMW. Außerdem gehört ihr beispielsweise ein großer Teil der Firma Nordex, die Windräder herstellt, mit denen Strom erzeugt wird. Und schließlich ist Frau Klatten mehr oder minder die alleinige Besitzerin von Altana. Dieses auf bestimmte Chemieprodukte spezialisierte Unternehmen ist bei Weitem nicht so bekannt wie BMW. Aber auch Altana ist keine kleine Firma: Rund 4800 Menschen arbeiten dort. Sie arbeiten also für Susanne Klatten. Ebenso wie rund hunderttausend Beschäftigte von BMW teilweise für Susanne Klatten arbeiten. Und das Schöne für Frau Klatten ist: Jeder Mitarbeiter verdient zwar für sich selbst Geld. Aber er verdient für Frau Klatten auch noch eine ganze Menge mit.
Haben ist nicht gleich haben
Eine Firma kann man auf ganz unterschiedliche Weise besitzen. Wer zum Beispiel einen Handwerksbetrieb oder einen Laden aufmacht, dem gehört dieser Betrieb oder Laden üblicherweise direkt und allein. Größere Firmen hingegen sind meist sogenannte Kapitalgesellschaften. Das heißt, der Besitz an der Firma wird auf mehrere Eigentümer verteilt. Kleinere und mittelgroße Unternehmen wählen oft die Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) als Rechtsform. Sie trägt diesen Namen, weil im Fall einer Pleite nur das Geld, das die Eigentümer als Kapital in die Firma gesteckt haben, davon betroffen ist (»haftet«). Das restliche Privatvermögen, das die Eigentümer einer solchen GmbH (die Gesellschafter) sonst noch besitzen, bleibt bei einem Scheitern der Firma außen vor. Vor allem größere Unternehmen entscheiden sich oft für die Aktiengesellschaft (AG oder auch SE, so heißen Aktiengesellschaften nach besonderen europäischen Regeln: Societas Europaea). Aktiengesellschaften können (müssen aber nicht!) ihre Anteile an der Börse handeln lassen – mehr dazu steht in Kapitel 7. Überschüsse, die eine Aktiengesellschaft erwirtschaftet, werden üblicherweise zum einen Teil wieder in das Unternehmen gesteckt, etwa um neue Maschinen zu kaufen. Der andere Teil der Überschüsse wird an die Aktionäre ausgezahlt. Der Fachbegriff heißt »Dividende«, weil der Gewinn aufgeteilt, also dividiert wird.

Große Zahlen – große Wirkung

Nicht nur im Handel ist Wirtschaft eigentlich gar nicht so kompliziert. Auch dann, wenn es darum geht, die Waren herzustellen, die Händler verkaufen, gibt es einige Regeln, die einigermaßen simpel sind. So kann man folgende Rechnung aufmachen, die ebenso einfach wie lehrreich ist: In einem guten Jahr, wie dem Jahr 2007, verkauft BMW weltweit rund 1,5 Millionen Autos. Dafür streicht das Unternehmen eine bestimmte Summe ein, muss aber selbstverständlich auch eine bestimmte Summe ausgeben: für Karosseriebleche ebenso wie für Gehälter der Menschen, die die Wagen zusammenschrauben oder die sich Gedanken machen, wie die Motoren der Zukunft aussehen sollen. Im Jahr 2007 beispielsweise hat BMW rund 56 Milliarden Euro eingenommen und gleichzeitig knapp 53 Milliarden Euro ausgegeben. Am Ende blieben 3,1 Milliarden Euro übrig.
Von den 3,1 Milliarden Euro Gewinn, die BMW in der Kasse geblieben sind, wurden 694 Millionen Euro als sogenannte Dividende an die weitergereicht, denen das Unternehmen gehört. Im Fall von BMW gibt es eine ganze Reihe von Besitzern. Ihr jeweiliger Anteil ist in Aktien aufgeteilt. Je nachdem wie viele dieser Anteile jeder einzelne Aktionär besitzt, fällt sein Anteil an der Dividende höher oder niedriger aus. Weil Susanne Klatten 12,6 Prozent der Anteile an der BMW AG gehören, bekommt sie auch 12,6 Prozent der Dividende.
Jeder Beschäftigte von BMW hat im Jahr 2007 also nicht nur sein eigenes Jahresgehalt verdient. Er hat darüber hinaus noch einen zusätzlichen Wert geschaffen, den aber nicht der Mitarbeiter selbst erhält, sondern die Aktionäre. Für das Jahr 2007 waren das bei BMW rund 6500 Euro. Diese Summe hat rechnerisch jeder Beschäftigte im Schnitt für die Dividenden erwirtschaftet, die an die Aktionäre geflossen sind.
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Weil Susanne Klatten ein Achtel der BMW-Aktien gehört, haben rund 12 000 BMW-Beschäftigte jeweils etwa 6500 Euro sozusagen bei ihr abgeliefert. Wenn so viele Arbeitnehmer zusammenlegen, sammelt sich einiges an. In dem Fall waren es für das einzelne Jahr 80 000 000 Euro, die Frau Klatten erhielt. Allein aus dem Grund, dass sie einen beträchtlichen Anteil der Aktien von BMW besitzt.
Plage oder Segen? Die Rolle der »Finanzinvestoren«
Üblicherweise können Tiere keine Firmen besitzen. Wenn von »Heuschrecken« die Rede ist, die ein Unternehmen aufkaufen, sind allerdings keine Insekten gemeint. Der SPD-Politiker Franz Müntefering hatte im Jahr 2005 sogenannte »Finanzinvestoren« im Sinn, als er von Heuschrecken sprach. Finanzinvestoren sind selbst Unternehmen, nur stellen sie nichts her. Sie haben sich vielmehr darauf spezialisiert, andere Unternehmen ganz oder teilweise aufzukaufen. Die Finanzinvestoren versprechen ihren Eigentümern hohe Gewinne, die sie mitunter durch rabiate Methoden erzielen. Daher ist der Name »Heuschrecken« in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen. Denn nach Ansicht ihrer Kritiker fressen sie Firmen kahl, so wie Wanderheuschreckenschwärme Landschaften leer fressen können. Die Chefs solcher Investorenfirmen sehen das natürlich anders. Eines können aber auch sie nicht bestreiten: Die Macht mancher Finanzinvestoren ist gewaltig. So kontrolliert das größte dieser Unternehmen, die US-Firma BlackRock, eine Summe, die in etwa der Jahres-Wirtschaftsleistung Deutschlands entspricht: BlackRock hat Ende 2009 umgerechnet rund 2,2 Billionen Euro verwaltet, das deutsche Bruttoinlandsprodukt lag bei etwa 2,5 Billionen. Stellt sich die Frage: Wer ist mächtiger – die Chefs von Firmen wie BlackRock oder Regierungschefs?

Das Schneeball-Prinzip

Deutschlands reichste Frau hat aber neben ihren BMW-Dividenden noch ganz andere Einkünfte. Im Jahr 2007 verkaufte die Altana AG, von der Frau Klatten damals etwas mehr als die Hälfte der Aktien gehörte, einen Teil ihrer Geschäfte an ein anderes Unternehmen. Die Einnahmen aus diesem Verkauf wurden zum großen Teil an die Aktionäre weitergereicht. Susanne Klatten erhielt daher durch diesen Verkauf 2,366 Milliarden Euro (in Ziffern: 2 366 000 000). Wenn man das mit dem Verdienst normaler Arbeitnehmer vergleicht, müssten rund 60 000 Beschäftigte ihr gesamtes Jahreseinkommen zusammenlegen.
Auch Susanne Klatten ist, nach allem, was man hört, eine fleißige Person. Sie gibt sich Mühe, ihren Besitz ordentlich zu verwalten. Sie verdankt aber diesen Besitz ohne jeden Zweifel nicht in erster Linie ihrem eigenen Fleiß, sondern einem glücklichen Zufall. Dem Zufall, in die richtige Familie hineingeboren worden zu sein, die Familie Quandt. Diese Familie verdient schon seit weit über hundert Jahren ihr Geld in der Industrie. (Bei ihrer Heirat hat Frau Klatten den Namen Quandt abgelegt und den Namen ihres Ehemanns angenommen.) Und ebenso lange profitiert diese Familie von dem, was die Beschäftigten der verschiedenen Fabriken des Unternehmens-Imperiums an Werten schaffen. Ganz nach dem Prinzip eines Schneeballs, den man in (einigermaßen feuchtem) Schnee herumrollt: Er wird immer größer, weil mit jeder Umdrehung immer mehr neuer Schnee daran festpappt. Je größer der Ball, desto mehr klebt fest. Und so weiter.