001

001

Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Meinen Eltern Ida und Sven Cederquist, die stets ein Fenster offen hielten
 
 
»Jeder Zufall,« sagte Miss Marple zu sich selbst, »ist es wert, registriert zu werden. Später kann man den Gedanken immer noch verwerfen, falls es wirklich nur ein Zufall war.«
Agatha Christie

Vorwort
Die Suche nach der objektiven Wahrheit war lange das oberste Ziel der Wissenschaft in der westlichen Welt. Untersuchen, prüfen, analysieren. Schwarz oder weiß, wahr oder unwahr, richtig oder falsch. Wir sind es gewohnt, die Phänomene unserer Existenz diesen Kategorien unterzuordnen. Und was nicht in ein Schema passt, wird oftmals nicht ernst genommen.
Die Wissenschaft besaß das Wahrheitsmonopol, und die Religion hatte auf dem Gebiet der Spiritualität das Sagen. Doch inzwischen sind wir in der Lage, Beispiele von Spiritualität ohne religiöse Zusammenhänge zu erkennen. Oder, präziser ausgedrückt, wir können eine Spiritualität wahrnehmen und durch Worte ausdrücken, die über den religiösen Kontext, über die Welt der Religionen hinausgehen.
Quantenphysiker, Psychologen und Philosophen suchen und finden Wege der gemeinsamen Annäherung. Synchronizität ist ein solches Konzept. Der berühmte Schweizer Mediziner und Psychologe Carl Gustav Jung prägte diesen Begriff in den 1920er-Jahren für relativ zeitnah aufeinander folgende Ereignisse ohne Kausalzusammenhang.
Synchronizität hat jedoch mittlerweile eine andere Geltung bekommen: Sie bezeichnet eine non-kausale Beziehung zwischen zwei oder mehr Ereignissen, die gleichzeitig geschehen oder auf bedeutsame Weise miteinander verknüpft sind.
Suchet und ihr werdet finden! Allerdings nur das, wonach ihr sucht. Die von Aristoteles begründete empirische Wissenschaft fußt – vor allem seit Isaac Newton – auf der Annahme, alles folge kausalen Gesetzmäßigkeiten. Die Wissenschaftler waren außerordentlich erfolgreich darin, derartige Verbindungen zu erfassen und zu »kartieren«, d. h. festzuschreiben. Doch ebenso, wie man selten auf das stößt, was man nicht sucht oder erwartet, blieben mögliche Alternativen unbeachtet und unbedacht. Erst mit dem Durchbruch der Quantenphysik wurde offenbar, dass das Newton’sche Paradigma als Mittel zur Beschreibung tiefer reichender existenzieller Strukturen nicht genügt und noch weniger zu deren Erklärung.
Wie wir heute wissen, lässt sich die Trennung Subjekt:Objekt, Beobachter:Beobachteter nicht immer aufrechterhalten. Stattdessen wird der Betrachter Teil des Betrachtungsgegenstands und beeinflusst ihn. Das gilt ungeachtet dessen, ob es sich bei diesem Studienobjekt um die winzigsten Bausteine unserer Existenz handelt oder um unser eigenes Bewusstsein.
Eine der zentralen Hypothesen C. G. Jungs betrifft das »kollektive Unbewusste« – wie er es nannte. Es liegt in der Tiefe unserer Seelen, verbindet uns alle miteinander und bildet eine oftmals unbewusste und intuitive, nonverbale Kommunikationsebene zwischen den Menschen. Darüber hinaus enthält dieses kollektive Unbewusste Urbilder menschlicher Vorstellungen, sogenannte Archetypen: Das sind bestimmte zeitlich und räumlich unlimitierte Bilder, Muster und Symbole. Sie sind universell, d. h. unabhängig vom kulturellen und geschichtlichen Hintergrund der Menschen.
Die Physiker unserer Zeit sind – aus völlig verschiedenen Blickrichtungen und -winkeln kommend – an einem Punkt angelangt, an dem es notwendig scheint, unsere Betrachtungen über Zeit und Raum hinweg auf weitere Dimensionen auszudehnen. Die Idee einer Dimension jenseits von Zeit und Raum, also die Idee von Nichtraum und Nichtzeit, ließe theoretisch ein Zusammentreffen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft möglich werden, während räumliche Entfernungen völlig irrelevant würden. Vielleicht könnte die Vorstellung eines kollektiven, von Zeit und Raum unabhängigen Unbewussten auch den Weg bereiten für ein neues Verständnis der religiösen Grundannahme, für das Vorhandensein einer Existenz jenseits alles Sichtund Fassbaren.
Je mehr wir wissen, desto deutlicher wird erkennbar, wie wenig es eigentlich ist. Doch in einem Punkt können wir sicher sein: Wir stehen am Beginn einer spannenden Bewusstseinsreise. Vielleicht beruhen Koinzidenzen, zeitliche und räumliche Zusammentreffen, eben doch nicht nur auf bloßen Zufällen … Die Geschichten in diesem Buch liefern uns nicht nur zahlreiche Gedankenanstöße, sondern können auch dazu beitragen, dass wir das Leben mit wachen, wissbegierigen, gleichsam »frischen« Augen betrachten.
 
Dr. Lennart Koskinen, Bischof von Gotland

1
Es kann jedem passierenauch Ihnen
Die Menschen reisen in ferne Länder, um die Höhe der Berge zu bestaunen, die Macht der Meereswogen, die Länge der Flüsse, die endlose Weite des Ozeans, den Lauf der Sterne; doch aneinander gehen sie ohne Staunen vorbei.
Aurelius Augustinus, lateinischer Kirchenvater
 
 
Jeder von uns hat schon einmal eine sonderbare Begegnung oder einen seltsamen Vorfall erlebt. Zum Beispiel: Sie beschließen, eine bestimmte Person anzurufen – als Sie nach dem Telefon greifen, klingelt es, und am anderen Ende der Leitung meldet sich der oder die Betreffende. Wir haben bestimmte Wörter für solche Ereignisse, die uns helfen, nicht weiter darüber nachzudenken. »Zufall« nennen wir so etwas. Es war »reiner Zufall«, und das Leben geht weiter, als wäre nichts geschehen.
Vielleicht stehen Sie gerade im Kaufhaus und denken plötzlich an jemanden, den Sie schon lange nicht mehr gesehen haben. Und genau in diesem Moment kommt Ihnen genau dieser Mensch auf der Rolltreppe entgegen. Wieder so ein ulkiger »Zufall«. Vielleicht sind wir vorübergehend ein wenig erschrocken, doch dann verbannen wir unsere Verwunderung rasch in die Unergründlichkeit unseres vollgerümpelten Bewusstseinsstübchens und vergessen die Geschichte.
Ich kann das nicht länger.
Zu häufig sind mir solche »Zufälle« in meinem Leben begegnet. Sie haben mir einen Weg gewiesen, sie haben eine Lösung für mich bereitgestellt oder mich aus einer schwierigen Lage befreit. Sie haben mein Leben beeinflusst – manchmal gar mit einem humorvollen Augenzwinkern … Wieder und wieder ereigneten sich Dinge, die sich der statistischen Wahrscheinlichkeit nach gar nicht hätten ereignen können, es waren mathematisch und wissenschaftlich völlig unbeweisbare, um nicht zu sagen unmögliche Dinge. Dennoch haben sie mir sinnvolle, oftmals sogar elegante Lösungen für größere und kleinere Probleme geliefert.
Und deshalb glaube ich nicht länger an »Zufälle«. Jedenfalls nicht an die Art von Zufällen, die üblicherweise gemeint sind, wenn man sagt: »Es geschah rein zufällig.« Die Art von Zufällen, die lediglich eine statistische Luftblase sein soll, etwas, das einfach so passiert, dem keinerlei Bedeutung zukommt und hinter dem folglich auch nicht mehr steckt.
Ich hingegen argwöhne schon seit längerem, dass eine ganze Menge mehr dahintersteckt. Nach meiner wachsenden Überzeugung ist ein Zufall keineswegs das, was man uns zu glauben gelehrt hat. Und mir wurde allmählich eines klar: Ein Zufall ist kein Zusammentreffen zweier oder mehrerer zeitgleicher bzw. zeitnaher Ereignisse.
Carl Gustav Jung, der berühmte Psychiater und Psychoanalytiker, befasste sich intensiv mit Koinzidenzen und prägte den Begriff Synchronizität für relativ zeitnah aufeinander folgende Ereignisse, die nicht in einer Kausalbeziehung miteinander stehen, vom Beobachter jedoch in sinnhafter Verbindung erlebt werden. In seinen Augen gab es eine – wie auch immer geartete – Vernetzung von Synchronizität und Intuition. Dem Anschein nach folgt das Universum einer alles durchdringenden Ordnung oder Intelligenz – etwas, das mich überaus neugierig macht, ein seltsames Phänomen, das ich in diesem Buch näher beleuchten werde. Und in diese Betrachtungen möchte ich Sie mit einbeziehen. Ich werde Ihnen von merkwürdigen Ereignissen berichten und lade Sie, liebe Leserinnen und Leser, herzlich ein, meine Verwunderung über dieses so fantastische, außergewöhnliche Leben mit mir zu teilen.
Ich hatte einmal das Glück, dem berühmten Fritjof Capra zu begegnen, einem aus Österreich stammenden Quantenphysiker und Autor diverser Bestseller, wie etwa Das Tao der Physik und Wendezeit. Ihm zufolge funktioniert Wissenschaft im Allgemeinen so: Jemand formuliert eine Hypothese über einen Gegenstand, den er näher untersuchen möchte, und führt anschließend entsprechende Experimente durch, die seine These entweder erhärten oder widerlegen.
»Doch inzwischen«, so Fritjof Capra, »ereignen sich Dinge in unseren Laboratorien, über die wir nicht einmal hypothetisch Bescheid wissen. Wir begreifen schlicht nicht, was da mitunter geschieht und weshalb.«
Mit anderen Worten: Wir leben als Menschen in einem Universum, das wir nur in einem sehr geringen Umfang erfassen können. Im Wesentlichen ist es uns noch immer unbekannt. Worin also besteht sie wirklich – diese ungeheuer bemerkenswerte Episode, die wir »Leben« nennen? Auf unserer Reise zwischen Wiege und Grab sind wir Teil – wovon? Die meisten nachdenklichen Menschen stellen sich gelegentlich die Frage nach der Bedeutung und dem Zweck des Ganzen. Wer bin ich? Worin liegt der Sinn meines Lebens? Welche Rolle spiele ich in diesem Universum? Wo war ich vor meiner Geburt und wohin werde ich nach meinem Tod gehen?
Oftmals bleibt das ganz vage – der Anflug eines Gedankens, der unser Bewusstsein einen Augenblick lang touchiert. Vielen Menschen sind derartige Überlegungen unangenehm, sie verscheuchen sie wie lästige Wespen vom Kaffeetisch im Garten. Mir haben Leute schon gesagt: »Um Himmels willen, lass das bloß sein, grüble nicht über solche Sachen nach, sonst wirst du am Ende noch verrückt.« Also widmen wir uns lieber dem Alltag unseres Lebens und vertiefen uns in alles, was unsere Aufmerksamkeit beansprucht: der Job, die Familie, das Haus, das Golf-Handicap, das Auto und vieles mehr … Natürlich müssen wir uns mit alldem befassen. Das ist selbstverständlich und notwendig, denn das sind die Bestandteile der uns umgebenden materiellen Realität, unserer Lebensrealität.
Doch ich kann nicht anders – ich muss mich einfach weiter wundern und weiter fragen. Allmählich hat sich in mir die Überzeugung verdichtet, dass noch eine andere Realität existiert, eine jenseits derer, die wir erkennen und (be-)greifen können.
Vielleicht soll Synchronizität uns erinnern – an das große Mysterium, dessen Teil wir sind? Nach Fritjof Capras Ausführungen könnten synchronistische Ereignisse als eine Art »Resonanz« oder »Zusammenspiel« bzw. »Wechselwirkung« zwischen Bewusstsein und Materie zustande kommen. Ich horchte auf: Einer der renommiertesten Physiker der Welt deutete an, es könnte eine Verbindung bestehen zwischen Geist und Materie, zwischen der Innenwelt eines Menschen, seinen Gedanken und Gefühlen, und den Geschehnissen in der Außenwelt, und dass Synchronizität eine Brücke zwischen diesen beiden Welten bilden könnte.
Als ausgefallenes, wenngleich schwer erklärbares Phänomen zieht Synchronizität immer mehr Beachtung auf sich. Für mich ist sie ein faszinierendes Kuriosum. Meine eigenen Erfahrungen auf diesem Gebiet sowie die Erlebnisse, von denen mir andere Menschen berichtet haben, ließen in mir die Überzeugung wachsen, dass wir es mit etwas zu tun haben, das weitaus größer und sonderbarer ist, als wir derzeit überhaupt ermessen können. Vielleicht sogar zu sonderbar für unsere Vorstellungskraft und unseren Verstand.
Da ich weder Wissenschaftler noch Priester bin, geht es mir nicht um wissenschaftliche Stringenz und auch nicht um Religionskonformität. Darüber hinaus halte ich mich weder für »auserwählt« noch für jemanden mit einer Persönlichkeitsstörung. Ich bin lediglich ein interessierter Laie, der sonderbare Ereignisse wahrnimmt und es sich zur Gewohnheit gemacht hat, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken – und dem sich stets von Neuem die Frage nach ihrem Sinn und »Hintersinn« stellt.
Deshalb möchte ich Sie dazu ermuntern, liebe Leserin, lieber Leser, auf ähnliche Geschehnisse in Ihrem eigenen Leben zu achten. Synchronizität findet überall statt – nächstes Mal sind Sie an der Reihe, nehmen Sie den Vorfall genauer unter die Lupe, und suchen Sie nach seinem wirklichen Gehalt. Vielleicht besitzt er sogar einen besonderen Wert für Sie. Ich kann Ihnen nur so viel versprechen: Ihr Leben wird mit Sicherheit interessanter, fröhlicher und aufregender verlaufen!
Kann es denn ein größeres Abenteuer geben als das, was wir »Leben« nennen? Dieses große Rätsel, dieses seltsame und unergründliche Mysterium – kein Wissenschaftler dieser Erde kann uns Aufklärung darüber geben. Niemand kennt die Antworten – doch darüber zu spekulieren und danach zu suchen ist absolut faszinierend. Milan Kundera sagt in seinem Buch Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins: »Man kann dem Roman also nicht vorwerfen, vom geheimnisvollen Zusammentreffen der Zufälle fasziniert zu sein, dem Menschen aber kann man zu Recht vorwerfen, dass er im Alltag solchen Zufällen gegenüber blind sei und dem Leben so die Dimension der Schönheit nehme.«
Nicht nur der Schönheit.

2
Und da saß Gunnar!
In der Werbeagentur war ein Problem aufgetaucht, und ich wusste nicht recht, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Man hatte mich erst kurz davor zum leitenden Geschäftsführer der Firma ernannt, und folglich musste ich etwas unternehmen – aber was? Als Geschäftsführer fehlte mir einfach noch die Erfahrung. Ich stammte aus dem kreativen Lager und verstand kaum etwas von der wirtschaftlichen Seite. Ich verspürte das dringende Bedürfnis, mit einem Fachmann über die Sachlage zu sprechen.
Und ich kannte einen solchen Fachmann: Gunnar Wessman war Hauptgeschäftsführer mehrerer bekannter schwedischer Unternehmen gewesen, darunter Perstorp, Uddeholm und Pharmacia. Zwar hatte er sich inzwischen ins Privatleben zurückgezogen, doch mit seinem soliden beruflichen Hintergrund und seiner Menschenkenntnis unterstützte er mich bei meinem Bemühen, eine Stellung auszufüllen, die ich erst nach einigem Zögern angenommen hatte.
Bei unseren gelegentlichen Zusammenkünften besprachen wir wichtige und weniger wichtige Themen. Gunnar war zu einer Art Mentor für mich geworden, und jetzt wollte ich ihn treffen, weil ich unverzüglich seinen Rat brauchte. Doch das war bedauerlicherweise nicht möglich, da Gunnar ständig auf Achse war und sein vollgepackter Terminkalender eine kurzfristige Verabredung nicht zuließ.
Ich fühlte mich unter Druck und war beunruhigt, vor allem auch deshalb, weil mir die Angelegenheit für eine Diskussion am Telefon nicht geeignet erschien. Alles, was ich brauchte, war eine Stunde mit Gunnar von Angesicht zu Angesicht, doch dazu reichte mein Glück einfach nicht. Das Ganze hing über mir wie ein Sturmtief im November. Dazu kam, dass ich auf die Schnelle auch noch einen Geschäftstermin in Kopenhagen wahrnehmen musste, der obendrein mit meinem Problem nicht das Geringste zu tun hatte.
An jenem Morgen machte ich mich in meinem Wagen auf den Weg zum Flughafen Stockholm-Arlanda. Als ich die Verbindungsbrücke von Lidingö zum Festland erreichte, bekam ich am Rande mit, dass auf der Brücke irgendetwas im Gange war. Vor mir befand sich ein grauer Volvo, dessen Fahrer plötzlich auf die Bremse stieg. Ich tat es ihm nach und brachte mein Auto mit knapper Not direkt hinter seinem zum Stehen. Er wiederum hatte es gerade eben noch geschafft, seinen Wagen aus dem Geschehen direkt vor sich herauszuhalten: einer Massenkarambolage von sieben oder acht Fahrzeugen.
Schwerere Sachschäden schienen dabei nicht entstanden zu sein, und es hatte sich auch niemand verletzt. Auf der Fahrbahn lagen lediglich etliche verbeulte Stoßstangen, zerbrochene Scheinwerfer und Glassplitter. Also sah ich keinen Grund dazubleiben und lenkte den Wagen vorsichtig auf die andere Spur, um am Unfallort vorbeizufahren, denn ich wollte meinen Flug nicht verpassen.
Langsam passierte ich den grauen Volvo, der vor mir gehalten hatte, als die Autotür sich öffnete und ein Mann ausstieg.
Es war Gunnar!
Ich versuchte erfolglos, seine Aufmerksamkeit zu erringen, doch der Verkehr drängte hinter mir nach, und ich musste ja schließlich nach Arlanda. Wie mir dann klar wurde, wäre es ohnehin unmöglich gewesen, mein Problem mit Gunnar an Ort und Stelle zu diskutieren. Mist! So nah und doch so fern. Einerseits musste ich Gunnar wirklich dringend sprechen und andererseits ebenso dringend weiter zum Flughafen.
Nach dem Check-in vergrub ich meine Nase in einer Zeitung, hatte aber Schwierigkeiten, mich auf den Inhalt der Seiten zu konzentrieren: Meine Gedanken kreisten ständig um das Problem in der Firma, um Gunnar und den Massenunfall auf der Brücke. Schließlich ertönte aus den Lautsprechern die Durchsage, die Maschine sei startbereit, verbunden mit der Aufforderung, sich an Bord des Flugzeugs zu begeben. Sofort stürmten alle Leute zum Flugsteig, nur um dort in einer Menschenschlange steckenzubleiben. Es ist jedes Mal dasselbe. Sobald sich aus einem der Lautsprecher ein erstes kratzendes Geräusch vernehmen lässt, sind alle ängstlich darauf bedacht, augenblicklich an Bord zu gelangen. Wozu denn bloß diese Eile, wenn man bedenkt, dass die Sitze alle nummeriert und die Nummern auf den Bordkarten eingetragen sind? Ich ließ es langsam angehen, vertiefte mich erstmal wieder in meine Zeitung und wartete ab, bis der größte Tumult sich gelegt hatte. Zu diesem Zeitpunkt war weiterer Stress das Letzte, was ich brauchen konnte. Um innere Ruhe bemüht, wies ich bei der Kontrolle meine Bordkarte vor und machte mich dann auf die Suche nach meinem Sitzplatz. Ich hatte Nummer 8B. Als ich dort anlangte, erfasste mich mit einem Mal ein Schwindelgefühl: Auf 8A saß Gunnar!

3
»Wie schön, dass Sie hier sind!«
Der Aufprall erfolgte vergleichsweise sanft. Ich war mit meinem Agenturpartner Lars Hall in meinem Geschäftswagen, einem braunen Peugeot 506, unterwegs und fuhr gemächlich über eine schmale Straße in Stockholm. Als ich auf eine Kreuzung zusteuerte, drosselte ich das Tempo noch weiter, da ich rechts kaum etwas sehen konnte. Doch offensichtlich war ich noch nicht vorsichtig genug gewesen – aus dem Nichts tauchte eine schwarze Limousine auf, und es machte »peng!«. Da der Wagen von rechts gekommen war, lag die Schuld ganz eindeutig bei mir.
Lars und ich kletterten aus dem Peugeot, beide zum Glück völlig unverletzt. Der Limousine entstiegen zwei Asiaten in Uniform. Die eine war ganz schlicht, in Schwarz gehalten und ohne den geringsten Zierrat, die andere eindrucksvoller, mit Goldschnüren, Goldknöpfen und Orden geschmückt. Wie sich herausstellte, handelte es sich um den Militärattaché der thailändischen Botschaft (im Admiralsrang) und seinen überaus betretenen Chauffeur.
Gemeinsam besahen wir uns die verbeulten Stoßstangen und zerbrochenen Scheinwerfer. Ich setzte zu einer Entschuldigungsrede an, bereit, die gesamte Schuld auf mich zu nehmen und die Versicherungsformulare auszufüllen. Der Admiral jedoch winkte ab – es sei doch nur ein Bagatellschaden, niemand verletzt, kein Grund zur Besorgnis. »Kein Problem, kein Problem. « Ganz offensichtlich wünschte er den Ort des Geschehens so rasch wie möglich zu verlassen. Wir schüttelten einander die Hände, lächelten uns gegenseitig entschuldigend an, tauschten noch einige Floskeln und einigten uns darauf, den Vorfall zu vergessen. Unsere Freundlichkeit wurde nicht zuletzt durch die Tatsache verstärkt, dass keiner von uns die Reparatur an seinem Wagen aus eigener Tasche würde bezahlen müssen …
Der Schaden an meinem Auto war nicht groß genug, um mich am Weiterfahren zu hindern. Allerdings nervte mich der Gedanke an das ganze Theater mit Werkstatt, Papierkrieg für die Versicherung, Leihwagen und so weiter.
Doch dann fiel mir ein, dass ich bereits – zur Inspektion des Wagens – einen Termin mit der Werkstatt vereinbart hatte, und das gleich für den nächsten Morgen! Es passiert wohl nicht allzu oft, dass man in einen Zusammenstoß verwickelt ist, und ebenso selten hat man normalerweise einen Termin bei einer Autowerkstatt. Doch hier traf beides innerhalb von zwölf Stunden zusammen. Lars und ich amüsierten uns königlich über diesen Zufall.
Doch es sollte noch besser kommen: Am nächsten Morgen stieg ich in den Wagen und machte mich auf den 35-Kilometer-Trip in die Stadt, um den geplanten Termin in der Kfz-Werkstatt wahrzunehmen. Ich war guter Dinge, freute mich über mein Glück und die Koinzidenz – die Tatsache, dass beides zeitlich zusammenfiel, die Kollision und der Werkstatttermin, und dass man in der Werkstatt ausgerechnet an diesem Morgen darauf eingerichtet war, meinen Wagen zu »verarzten«.
Doch schon nach wenigen Kilometern bemerkte ich etwas sehr Unerfreuliches: Die Temperaturanzeige stand im roten Bereich! Mir wurde klar, dass der Zusammenstoß offenbar doch nicht ganz so glimpflich verlaufen war wie gedacht, vielmehr hatte der Kühler etwas abbekommen, und die Kühlflüssigkeit war über Nacht herausgetropft. Verflixt und zugenäht, so etwas Dummes! Das hatte ich nun von meiner Selbstzufriedenheit. Zudem befand ich mich gerade am Beginn eines Straßenabschnitts, der durch unbewohntes Gebiet führte, links und rechts nichts als Bäume, reines Waldland, etliche Kilometer weit.
Meine Gedanken überschlugen sich. Ich musste sofort stoppen und den überhitzten Motor abstellen, bevor er sich festfressen konnte. Und was jetzt? Wie kam ich nun an einen Abschleppwagen? (Auf der Strecke gab es meilenweit kein Telefon; und das Handyzeitalter war noch nicht angebrochen.) Ich musste aussteigen und versuchen, per Anhalter weiterzukommen. Die Vorstellung, am Straßenrand zu stehen und mit den Armen zu winken, war mir ausgesprochen unangenehm. Weshalb musste das ausgerechnet hier passieren, auf dem einsamsten Teil der Strecke? Was war mit meiner Glückssträhne? Offenbar hatte sie ihr Ende gefunden.
Ich war mächtig nervös und in Sorge, der Motor des Wagens könnte ernsthaften Schaden davongetragen haben. Doch zugleich schien es, als beobachte ein Teil meines Bewusstseins in aller Ruhe den anderen Teil, ebenjenen, der hier im Auto saß und sich aufregte.
Im nächsten Moment schob sich etwas hier noch nie Dagewesenes – nicht in all den 15 Jahren, die ich diese Strecke nun schon beinahe täglich fuhr – in mein Blickfeld: eine Polizeikontrolle!
Ein Polizist stand am Straßenrand und winkte mich mit seiner Kelle heran. Und zum ersten Mal in meinem Leben empfand ich Erleichterung und Freude darüber, in eine Kontrolle geraten zu sein. Normalerweise überkommt mich in solchen Fällen sofort ein leises Gefühl potenzieller Schuld: Bin ich nüchtern, habe ich meinen Führerschein dabei, die Kfz-Papiere und so weiter. Doch diesmal verspürte ich nur Überraschung und Erleichterung, ließ den Wagen an den Straßenrand rollen, kurbelte das Fenster herunter und rief dem verdutzten Polizisten entgegen: »Wie schön, dass Sie hier sind!«
Ich schilderte ihm mein Dilemma und fragte, ob er nicht vielleicht über Funk einen Abschleppwagen verständigen könne. Der Beamte zeigte sich äußerst hilfsbereit und fragte weder, ob ich Alkohol getrunken hätte, noch wollte er meine Papiere sehen.
Nach einer Viertelstunde erschien der Abschleppwagen, mit geübtem Griff hängte der Fahrer meinen Peugeot an, und bald waren wir auf dem Weg zu jener Werkstatt, mit der ich schon Wochen zuvor einen Termin vereinbart hatte. Ich staunte noch eine Weile über die Tatsache, dass die Polizeikontrolle exakt zu diesem Zeitpunkt an exakt jenem Ort aufgetaucht war, und dankte dem Universum, das alles so perfekt arrangiert hatte.
Danach habe ich in dieser Gegend niemals wieder einen einzigen Polizisten zu Gesicht bekommen.

4
Sind Koinzidenzen statistisch fassbar oder einfach mysteriös?
Irgendwo in der Unendlichkeit wartet etwas Unglaubliches darauf, bekannt zu werden.
Carl Sagan
 
 
Carl Gustav Jung war einer der großen Pioniere auf dem Gebiet der Psychologie und wurde zu einer Art »Übervater« dieser Disziplin. Er befasste sich intensiv mit »seltsamen psychischen Parallelereignissen«, wie er sie nannte. Im Rahmen seiner Arbeit als Psychoanalytiker und Psychotherapeut erlebte er häufig, dass Koinzidenzen für seine Patienten zu Wendepunkten in ihrer Krankheitsgeschichte wurden: Ereignisse, die zeitgleich im innerseelischen Bereich des Patienten und in seiner Außenwelt stattfanden – »Aha-Erlebnisse«, die den Heilungsprozess in Gang brachten.
So geht auch der Begriff Synchronizität auf Jung zurück. Seiner Ansicht nach waren solche Ereignisse keineswegs nur »blindes Zufallsgeschehen«, sondern vielmehr bedeutungsvolle Koinzidenzen – Zeichen einer Wechselwirkung zwischen Psyche, Materie, Zeit und Raum. Das war lange, bevor er wagte, seine Überlegungen zur Synchronizität und seine Erfahrungen damit zu veröffentlichen – die Vorstellung wirkte auf die wissenschaftliche Welt damals sehr anstößig.
In Wolfgang Pauli, dem aus Österreich stammenden theoretischen Physiker und Nobelpreisträger von 1945, fand Jung einen Anhänger und Mitdenker. (Beide führten bis zu Paulis frühem Tod 1958 einen regen Briefwechsel.) Der geniale Pauli hatte bereits als 20-jähriger Student mit seinem Artikel »Relativitätstheorie« die Bewunderung Albert Einsteins errungen. Dieser bezeichnete Pauli als »meinen geistigen Ziehsohn«. Gemeinsam mit Werner Heisenberg und Niels Bohr begründete Wolfgang Pauli die moderne Quantenphysik. Er war auch der Erste, der die Entstehung eines bis dahin unbekannten, zunächst hypothetischen dritten »Elementarteilchens« bei der Umwandlung eines Neutrons in ein Proton und ein Elektron postulierte. Dieses Teilchen taufte der italienische Physiker Enrico Fermi später Neutrino, »kleines Neutron«. Es empirisch nachzuweisen gelang allerdings erst 1956. In unseren Tagen suchen namhafte Wissenschaftler dieses winzige Teilchen weit draußen im Weltraum wie auch tief im Erdinneren. Da der Fluss der Neutrinos vor den Grenzen eines Planeten nicht haltmacht, setzte man Neutrinos bei der Erforschung des Sonneninneren ein, später auch zur Beobachtung kosmischer Objekte und Ereignisse jenseits unseres Sonnensystems. Während der wenigen Augenblicke, die Sie zur Lektüre dieses Satzes benötigten, rasten Millionen von Neutrinos durch Ihr Gehirn und vollführten ihre kosmischen Tänze.
Die Physiker der Moderne sahen (und sehen) sich mit Phänomenen konfrontiert, die zahlreichen zuvor als unumstößlich geltenden Glaubenssätzen der Wissenschaft buchstäblich »den Boden unter den Füßen wegzogen«. Als sie ins Innerste der Materie vordrangen, fanden die Physiker heraus, dass sie nicht nur aus immer kleiner werdenden Teilchen bestand, sondern auch aus Energie. Die einzelnen Teilchen wechselten ihren Zustand zwischen Materie und Energie scheinbar beliebig – jedenfalls gab es da etwas, das sich zur allgemeinen Irritation weder genau bestimmen noch vorhersehen ließ. Es bildete die Grundprämisse für Werner Heisenbergs berühmte »Unschärferelation«. Zum Ärger vieler fand sich die »körperlichste«, materialistischste und exakteste aller Wissenschaften plötzlich in einem Randgebiet des Mystizismus wieder …
Ebenso entdeckte man, dass ein Experiment vom Durchführenden beeinflusst wird. Der Beobachter hat Einfluss auf den Gegenstand seiner Beobachtung. Von dort war es nur noch ein kleiner Schritt zu der Frage nach der Verbindung bzw. der Art der Verbindung zwischen Geist und Materie. Möglicherweise lag darin der Grund für Paulis großes Interesse an Jungs Gedanken und Ideen. Man könnte Synchronizität als das Zusammenspiel der Innenwelt eines Menschen, seinem Seelenzustand, und dem Geschehen in der Außenwelt verstehen – als Wechselwirkung zwischen Geist und Materie.
Wolfgang Pauli und C. G. Jung führten intensive Diskussionen über dieses Thema, und Pauli ermunterte Jung immer wieder zur Fortsetzung seiner Arbeit auf diesem Feld. In einem Brief an Pauli schildert Jung eine Begebenheit, die zu einem klassischen Beispiel für Synchronizität geworden ist. Jung hatte eine Therapiesitzung mit einer ziemlich schwierigen Patientin, einer Frau, die fest in ihrer Vorstellungswelt verhaftet und nicht bereit war, von ihrer extrem rational betonten Weltsicht abzurücken. Jung empfand es als sehr mühsam, ihre strikte Haltung »aufzuweichen«, und gewann den Eindruck, bei dieser Patientin am Ende seiner Möglichkeiten angelangt zu sein. Er betrachtete die Frau als hoffnungslosen Fall und dachte daran, die Therapie zu beenden.
Doch dann erzählte sie ihm von einem sehr lebendigen und klaren Traum, den sie in der Nacht zuvor gehabt hatte: Jemand schenkte ihr einen wertvollen Goldschmuck, in Form eines goldenen Skarabäus, eines ägyptischen Käfersteins. Genau an dieser Stelle ihrer Beschreibung tönte ein Geräusch vom Fenster herüber. Es hörte sich an, als pralle etwas immer wieder gegen die Glasscheibe – beim vergeblichen Versuch hereinzukommen. Jung stand auf, ging zum Fenster und öffnete es. Etwas golden und grün Schillerndes flog ins Zimmer – ein sogenannter Goldrosenkäfer, eine Cetonia aurata. Jung fing das Insekt und überreichte es seiner Patientin mit den Worten: »Hier haben Sie Ihren goldenen Skarabäus.«
Sichtlich erschüttert starrte die Frau auf den schimmernden Käfer. Der Vorfall verursachte erste Risse in ihrem rigiden Weltbild, und es gelang ihr endlich, sich von ihren alten Vorstellungen zu lösen. Die Therapie nahm eine völlig neue Wendung und führte schließlich zum Erfolg.
War das wirklich »purer Zufall«? In unserem angestammten Weltbild verläuft Zeit rein linear. Geschieht etwas entlang dieser »Linie«, dann liegt immer etwas anderes davor – eine Ursache. Wir leben mit dem Kausalitätsprinzip, dem Gesetz von Ursache und Wirkung, und sehen es als selbstverständlich an.
Doch wie die Quantenphysiker herausgefunden haben, ist das in der Welt der Elementarteilchen keineswegs immer der Fall. So kann urplötzlich eine Wirkung eintreten, für die es keine Ursache zu geben scheint. Mitunter kann die Wirkung zeitlich auch vor der Ursache liegen. Folglich ist die Verbindung von Ursache und Wirkung wohl doch kein ehernes Gesetz. Lässt sich das vielleicht auch auf den größeren Maßstab der menschlichen Welt übertragen, oder ist das völlig undenkbar? Ist es wirklich unmöglich, dass Dinge ohne sichtbare, verständliche Ursache geschehen? Existiert vielleicht eine Art Kausalzusammenhang auf einer anderen Ebene, einer, die wir nicht mit unseren Augen, Messgeräten, Zahlen und Statistiken erfassen können?
Dieses Denkmodell ist natürlich nichts für jemanden, der dem traditionellen Weltbild verhaftet ist und sich darin gut aufgehoben fühlt. Denn dieses Weltbild beharrt darauf, es müsse definitiv möglich sein, die statistische Wahrscheinlichkeit für jedes noch so sonderbare Ereignis mathematisch zu errechnen und eine Kausalverbindung herzustellen. Beispielsweise so: In der Umgebung der Jung’schen Praxis existiert die Zahl x von Skarabäen /Goldrosenkäfern (Cetonia aurata), selbst wenn diese Gattung C. G. Jungs Ausführungen nach einigermaßen selten ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Exemplar in den geografischen Einzugsbereich der Praxis und sogar in den Raum fliegt, wo Jung seine Patienten behandelt, bezeichnen wir mit y. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Ereignis exakt in die Zeit der Anwesenheit dieser einen bestimmten Patientin fällt, nennen wir z. Folglich ist nichts Seltsames daran, dass ein Skarabäus/Goldrosenkäfer durchs Fenster in Jungs Therapieraum fliegt. Man führt auf der Basis von x, y und z einfach nur eine Berechnung der statistischen Wahrscheinlichkeit durch – es ist reine Mathematik.
Doch damit wird lediglich ein sehr begrenzter Ausschnitt des tatsächlichen Geschehens erfasst, denn man berechnet ja nur, was auch berechenbar ist. Und so etwas wie Bedeutung oder Bedeutsamkeit lässt sich nicht in eine Gleichung einbeziehen bzw. nicht mathematisch darstellen oder in ein statistisches Modell aufnehmen. Wie hoch lag die Wahrscheinlichkeit, dass es ausgerechnet ein goldener Skarabäus/Goldrosenkäfer war, von dem die Frau geträumt hatte? Dass es – von allen möglichen geflügelten Insekten – ausgerechnet ein Goldrosenkäfer war, der an die Fensterscheibe brummte, exakt in jenem Augenblick, als die Patientin Jung ihren Traum schilderte? Und obendrein zu einem Zeitpunkt, als ihre Therapie kurz vor dem Aus gestanden hatte? Wie wahrscheinlich war es, dass der Vorfall Veränderungen in der Frau in Gang brachte, sie ihre Therapie fortsetzen konnte und schließlich wie »neugeboren« war? Und nicht nur das: Der goldene Skarabäus galt den alten Ägyptern als bedeutendes Symbol für … Auferstehung und Leben.
Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass ich im Flugzeug ausgerechnet den Sitzplatz neben Gunnar Wessman bekommen würde – zu einem Zeitpunkt, als ich dringend mit ihm sprechen musste? Vermutlich ließe sich eine Art statistischer Wahrscheinlichkeitsrechnung über die Tatsache aufstellen, dass er ausgerechnet auf jenem Platz sitzen würde, auf ausgerechnet jenem Flug, an ausgerechnet jenem Bestimmungsort, an ausgerechnet jenem Tag. Und ebenfalls für die Wahrscheinlichkeit, dass ich – ohne irgendetwas davon zu ahnen – den Platz neben ihm zugewiesen bekäme. Ich empfinde großen Respekt für Mathematiker und Statistiker – doch wie will man die Tatsache, dass ich Gunnar gerade zu diesem Zeitpunkt dringend treffen und mit ihm sprechen musste, mathematisch wiedergeben und in eine Formel einbauen?
Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass Gunnar und ich von allen möglichen Destinationen der Welt dieselbe wählen würden, und das am selben Tag von allen möglichen Tagen im Jahr, von allen an diesem Tage abgehenden Flügen denselben Flug buchen und schließlich – bei allen im Flugzeug vorhandenen Sitzen – ausgerechnet auf zwei benachbarten Plätzen landen würden, muss gegen null gehen. Die Bedeutsamkeit dieses Vorfalls jedoch ging gegen eins.
Jedes wahrhaft synchronistische Ereignis trägt eine Bedeutung in sich, die sich jeder Berechnung entzieht. Die Bedeutung ist einzigartig und spezifisch auf die beteiligten Personen ausgelegt. Auf der Ebene des Materiellen, der Mathematik, existiert diese Bedeutung nicht, dagegen sehr wohl auf der seelischen, emotionalen, für Statistiken unerreichbaren und unerklärbaren Ebene. Die Anzahl der Buchstaben auf dieser Seite vermag ja auch nicht irgendeinen Aufschluss über den Inhalt zu geben.
Gerade ihre Bedeutung ist es, die bestimmte Koinzidenzen aus den Zwängen und engen Grenzen der Statistik heraushebt – in den Bereich der Synchronizität. Und das öffnet die Tür für andere, weit interessantere Interpretations- und Erklärungsmöglichkeiten.
Als ich sah, dass Gunnar im Flugzeug neben mir saß, reagierte ich innerlich ganz eigentümlich – auf zwei unterschiedliche Arten. Der häufig schnellere, intuitive Teil meiner selbst dachte: »Ja, prima, ich muss dringend mit ihm reden, und hier ist er also.« Der langsamere, logischere Teil in mir hingegen war verblüfft. Wie in aller Welt war das zugegangen? Wie seltsam. Eine »normale« Zusammenkunft zu vereinbaren war völlig unmöglich gewesen, und wie kam es dann, dass wir jetzt plötzlich hier beieinandersaßen, an einem idealen Treffpunkt, wo uns nichts und niemand stören würde?
Diese »zweigleisige« Reaktionsweise scheint bei synchronistischen Ereignissen als eine Art Muster abzulaufen. Die erste, spontane und emotionale Reaktion ist nicht Verwunderung, sondern eine Art natürliches oder naturgegebenes Verständnis. »Fantastisch, ich habe das gebraucht, also traf es ein.« Genauso natürlich und normal, wie der Fernseher sich einschaltet, wenn ich den entsprechenden Knopf drücke.
Doch einen Sekundenbruchteil später holt der Intellekt auf und beginnt, sich zu wundern, sucht nach Erklärungen und Deutungen für das Geschehene. Wie konnte das gehen? Wie sonderbar. Was für ein Glückspilz ich doch war!
Inzwischen hat mein Verstand sich jedoch daran gewöhnt, Parallelereignisse als etwas Gegebenes hinzunehmen und sogar darauf zu warten. Er betrachtet sie nicht länger als etwas Unnatürliches, aber aus dem Staunen kommt er trotzdem nicht heraus …
Bestand eine geheimnisvolle Verbindung zwischen meinem so intensiv empfundenen Wunsch (mit Gunnar zu sprechen) in der Welt der Gedanken und Gefühle und dem, was dann in der physischen Welt von Zeit und Raum passierte? War es »nur ein Zufall« oder doch etwas anderes? Existiert im Universum tatsächlich eine Sphäre, die über das hinausreicht, woran wir glauben sollen?
Vielleicht existiert ja eine umfassendere Realität jenseits der uns so vertrauten physischen. Und vielleicht hat diese umfassendere Realität, wie auch immer sie aussehen mag, Einfluss auf die kleinere Realität, deren wir uns über unsere Sinne bewusst sind.
Jemand hat einmal gesagt, die Statistik gleiche einem Bikini: Sie zeige das Offensichtliche, verberge jedoch das Interessanteste. Mithilfe von Mathematik und Statistik lassen sich eine Menge Dinge berechnen. Doch kaum die Bedeutung eines synchronistischen Ereignisses. Es ist mystischer, was aber nicht zugleich »mysteriös« heißen soll. Es mangelt uns noch an Kenntnissen, und wir können Synchronizität (vorläufig) noch nicht verstehen, weil uns einfach das spezifische Wissen darüber fehlt.
Das Interessanteste.

5
Wie kam der Skarabäus ins Klavier?
In meinem Studio stand unser Konzertflügel, und der Klavierstimmer Tore Persson hatte sich das Instrument gerade eben vorgenommen. Ich saß im selben Raum und schrieb an diesem Buch, konnte mich allerdings kaum darauf konzentrieren – Klavierstimmen ist keine wirklich stimulierende Hintergrundmusik. Also legte ich den Stift weg und wollte aus dem Zimmer gehen. Als ich auf dem Weg zur Tür war, fragte Tore mich, woran ich denn arbeitete. »Ich schreibe ein Buch«, gab ich zur Antwort.
»Wie interessant«, bemerkte er. »Was denn für ein Buch?« Daraufhin erläuterte ich ihm, mein Thema sei die Synchronizität, wie der berühmte Psychologe Carl Gustav Jung dieses Phänomen genannt habe, und dieser Begriff stehe für bedeutungsvolle Zufälle. Tore machte große Augen.
Daraufhin suchte ich nach einem illustrativen Beispiel und wählte den von Jung geschilderten Vorfall mit dem goldenen Skarabäus (Kap. 4). Wenn Jung selbst ihn als Beleg für Synchronizität herangezogen hatte, konnte ich das doch auch?! Tore fand die Geschichte interessant, kehrte jedoch bald zu seiner Arbeit am Flügel zurück, woraufhin ich das Studio verließ und die Tür behutsam hinter mir ins Schloss zog.
Ein paar Tage später sollten sich ein paar großartige Profimusiker zu einer Jamsession bei mir einfinden, darunter die berühmten Strandberg-Brüder – Göran, ein Zauberer am Piano, und Bertil, der Posaunist, der neben seinen zahlreichen anderen musikalischen Verdiensten auch eine vierjährige Mitgliedschaft im legendären Artie-Shaw-Orchester in den USA vorzuweisen hatte.