001

001

Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Für Josef Becker
08. 10. 1910 – 27. 03. 1945
 
Mein besonderer Dank gilt Frau Manuela Jungk für ihre wertvollen Hilfestellungen sowie für ihre Unterstützung beim Internetauftritt.

Die Legende vom Erlöser
Es gab einmal eine Ansiedlung von Geschöpfen am Grunde eines großen kristallklaren Flusses.
Die Strömung des Flusses ging ruhig über alle hinweg – einerlei, ob jung oder alt, reich oder arm, gut oder böse: Die Strömung ging ihren eigenen Weg, denn sie kannte nur ihr eigenes kristallklares Selbst.
Jedes Geschöpf klammerte sich in der ihm eigenen Weise fest an die Zweige und Steine im Flussbett, denn ihre Art zu leben bedeutete Sichfesthalten; von Geburt an hatte man ihnen beigebracht, der Strömung zu widerstehen.
Aber unter ihnen gab es ein Geschöpf, das eines Tages sagte: »Ich habe es satt, mich immer festzuhalten! Ich kann es zwar nicht mit meinen Augen sehen, aber ich vertraue trotzdem darauf, dass die Strömung weiß, wohin es geht. Ich werde loslassen, damit mich das Wasser forttragen kann, wohin es will; denn wenn ich mich weiter festhalte, werde ich vor Langeweile sterben.«
Die anderen Geschöpfe lachten und sagten: »Du Narr! Lass nur los, und du wirst sehen, wie die Strömung, die du so sehr verehrst, dich packen und auf die Felsen schmettern wird, und du wirst schneller daran sterben als vor Langeweile!«
Aber dieses eine Geschöpf hörte nicht auf sie: Es holte einmal tief Luft und ließ los und wurde sofort herumgewirbelt und von der Strömung gegen die Felsen geschmettert.
Aber noch rechtzeitig trug die Strömung das Geschöpf, das sich nicht mehr festhalten wollte, vom Grunde des Flusses frei, und es wurde nicht länger zerschunden oder verletzt.
Und all die Geschöpfe, die sich stromabwärts angesiedelt hatten und die es nicht kannten, riefen: »Sehet, ein Wunder! Ein Geschöpf wie wir, und doch fliegt es! Seht, der Messias ist gekommen, uns alle zu erlösen!«
Und der, den die Strömung getragen hatte, sagte: »Ich bin nicht mehr Messias als ihr auch. Der Fluss tut nichts lieber, als uns zu befreien, wenn wir nur den Mut aufbringen loszulassen. Unsere wahre Aufgabe ist diese Reise, ist dieses Abenteuer.«
Aber sie riefen nur um so lauter: »Erlöser!« und klammerten sich dabei an die Felsen, und ehe sie sich’s versahen, war er gegangen, und sie blieben allein zurück und spannen ihre Legenden von einem Erlöser.
 
Aus: Richard Bach, Illusionen.
© 1978 Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin.
(Überschrift hinzugefügt von Volker J. Becker)

Vorwort
Was für die Raupe das Ende der Welt ist,
nennt der Meister einen Schmetterling.
RICHARD BACH, AMERIKANISCHER SCHRIFTSTELLER
 
 
 
Warum noch ein Buch zu dieser Thematik? Der Markt bietet bereits zahlreiche Bücher zu allen Fragen der Menschheit, insbesondere aus wissenschaftlicher, theologischer und philosophischer Perspektive.
Besonders nach meinem ersten Buch Gottes geheime Gedanken war ich der Meinung, alles, was ich in den letzten Jahren recherchiert und zusammengetragen, erörtert und diskutiert hatte, in ausreichender Form dargestellt zu haben. Doch meine weitere Arbeit warf immer neue Fragen auf und provozierte immer neue Versuche, sie zu beantworten.
Mit jedem Tag wurde mir bewusster, dass dieses Thema trotz der zahlreichen Publikationen immer noch nicht ausreichend behandelt worden ist. Viele Bücher sind zu rational und wissenschaftlich und lassen keinerlei Freiraum für neue Gedanken oder Spekulationen. Daher sind sie für den Laien nicht geeignet. Andere wiederum sind zu theologisch. Sie beziehen sich nur auf religiöse Aussagen und verlangen vom Leser einen uneingeschränkten Glauben, der die Thesen nicht kritisch hinterfragt. Eine andere Gruppe von Büchern ist für eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema zu esoterisch, driftet ganz ins Mystische ab und verliert dabei jeglichen Bezug zur Realität. Angesichts dieser Lage ist es ein schwieriger Drahtseilakt, die Aussagen östlicher Mystiker, moderner Wissenschaftler sowie westlicher Philosophen und Theologen sinnvoll zu vereinigen.
Das vorliegende Buch versucht, sich den Fragen der Menschheit nach dem Grund unserer Existenz und der Frage nach Gott zu nähern, wobei ich verschiedene, ja, sogar gegensätzliche Thesen diskutiere. Dies ermöglicht es dem Leser, sich selbst eine Meinung zu bilden. Ich verweise deshalb darauf, weil mir dieses auch in meinem ersten Buch angewandte Vorgehen seitens einiger Leser die Kritik einbrachte, ich würde mir widersprechen beziehungsweise bestimmte Argumente an einer anderen Stelle wieder aufheben.
Hinweisen möchte ich ferner darauf, dass hier kein Abriss des aktuellen Standes der Wissenschaft wiedergegeben werden soll; das ist bereits in anderen Publikationen hinreichend oft und auch sehr gut geschehen. Mein Anliegen ist es vielmehr, überwiegend neue Gedanken zu entwickeln oder zumindest bestehende Modelle neu zu verknüpfen. Ich tue dies nicht, indem ich weit aushole, sondern indem ich einzelne zentrale Punkte direkt behandele. Dadurch wird es für den informierten Leser nicht langweilig, weil er sich nicht mit zu vielen Wiederholungen herumschlagen muss. Viele von Ihnen, liebe Leser, haben ja schon das eine oder andere Buch zum Thema gelesen und wünschen sich nicht unbedingt die soundsovielte Einführung in die Relativitätstheorie. Wer hingegen sein Wissen in einzelnen Bereichen vertiefen möchte, findet in der Bibliografie geeignete Literatur.
Das Ziel meiner Arbeit ist es, einen jahrtausendealten Konflikt zwischen Mythologie und rationalem Denken, zwischen Wissenschaft und Kirche etwas zu entschärfen. Denn letzten Endes suchen doch alle nach dem Gleichen, auch wenn sie verschiedene Wege einschlagen. Ob Bischof oder Physiker, Buddhist oder Zeuge Jehovas, Philosoph oder Mystiker: Alle wollen Antworten auf die wichtigsten Fragen der Menschheit.
Ich hoffe, mit diesem kleinen Buch einen winzigen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen geleistet zu haben, und bedanke mich bei allen Menschen, die mit auf dem Weg der Suche nach Wahrheit sind.

Prolog: Fragen ohne Antworten
Glaube denen, die die Wahrheit suchen,
und zweifle an denen, die sie gefunden haben.
ANDRÉ GIDE,
FRANZÖSISCHER SCHRIFTSTELLER UND NOBELPREISTRÄGER, 1869 – 1951
 
 
 
Viele Leser mögen der Meinung sein, die etablierte Wissenschaft arbeite mit dem Verfahren der Verifikation. Es werden Dinge bewiesen, und es wird anerkannt, dass sie so sind, wie sie sind.
Wir haben bewiesen, dass die Gravitation den Stein zu Boden fallen lässt oder dass Antibiotika Bakterien töten. Wir haben aber einst auch bewiesen, dass die Erde der Mittelpunkt des Universums ist und dass sich die Sonne um die Erde dreht. Dies wurde durch Beobachtungen eindeutig verifiziert.
Dann traten die Zweifler auf den Plan. Ohne den Zweifel in der Wissenschaft – und auch in der Philosophie oder in der Religion – würden wir heute noch glauben, Thor schleudere Feuerblitze vom Himmel. Die großen Sprünge der Menschheit wurden eben nicht durch Gläubige, sondern durch Zweifler erreicht; durch Menschen, welche die Dinge durch Falsifikation, also Widerlegung, untersuchen und anzweifeln. Kopernikus falsifizierte das damals gängige Weltbild und begründete durch seinen Zweifel das bis heute noch gültige Bild des Sonnensystems.
Weil der Zweifel, nicht der Glaube, zur Erkenntnis führt, möchte ich Sie bitten, lieber Leser, mir auf meine Reise des Zweifels zu folgen und den Mut aufzubringen, gängige Dogmen infrage zu stellen. Denn nur so sind wir in der Lage, den Erkenntnisprozess voranzutreiben.
Woher nimmt die Menschheit die Arroganz zu meinen, etwas zu wissen oder erklären zu können? Wer sagt uns denn, dass die Dinge wirklich so sind, wie wir sie wahrnehmen? Woher wollen wir wissen, dass wir uns auf unsere Beweise verlassen können und dass unsere mangelhafte Wahrnehmung und unser begrenzter Geist nicht einfach nur einen für uns subjektiv schlüssigen Beweis konstruieren?
Schließlich meinten die Menschen doch auch lange Zeit, eindeutig beobachten und feststellen zu können, dass die Erde stillsteht, denn, so argumentierten sie, sonst würden wir ja die Bewegung spüren. Auf Beobachtung stützte sich auch die lange vertretene Behauptung, dass sich die Sonne um die Erde drehe, was schließlich jeder Mensch jeden Tag beobachten könne. Also sei doch schlüssig bewiesen, das die Erde den Mittelpunkt des Kosmos, zumindest des bis dahin vorstellbaren und bekannten Kosmos, bilde. Im Verlauf der von Kopernikus eingeleiteten kopernikanischen Wende wurde dann anhand von Teleskopbeobachtungen und Berechnungen definitiv bewiesen, dass sich die Erde um die Sonne dreht.
Aber wer sagt uns, dass nicht irgendwann uns heute noch unbekannte Prozesse, Gebilde oder Energien entdeckt werden, die unser heutiges Weltbild wieder komplett revidieren? Es galt beispielsweise lange Zeit als wissenschaftlich gesichert, dass sich das Universum immer langsamer ausdehnt, bis dieser Prozess zum Stillstand kommt und es durch die Gravitation schließlich wieder in sich zusammenstürzt. Nun wurden aber mysteriöse Materie- und Energieformen entdeckt, von denen keiner so richtig weiß, was sie sind und was sie bewirken. Als gesichert gilt aber – mal wieder -, dass eine Art dieser Materie Antigravitationskräfte besitzt, weshalb unser Universum vermutlich immer weiter expandieren wird, bis es sozusagen im leeren Nichts den Kältetod stirbt.
Diese und zahlreiche weitere Beispiele machen eines deutlich: Die einzige gesicherte Erkenntnis, die wir haben können, besteht darin, dass sich aus all unseren Erkenntnissen immer nur vorläufig gültige Modelle ableiten lassen. Auch wenn sie als noch so gesichert gelten: Wir können nie voraussagen, welche neuen Fakten uns die Basis für neue Modelle liefern.
Wir leben in einem fast 14 Milliarden Jahre alten Kosmos, der Geheimnisse in sich birgt, die der Mensch noch lange nicht entschlüsselt hat. Aufgrund der Expansion des Raumes gibt es Areale im Universum, deren Licht uns nie erreichen wird. Es gibt also Teile im Kosmos, die uns für immer verborgen bleiben. Aber selbst wenn dem nicht so wäre, müssten wir uns die Frage stellen, ob unser Gehirn überhaupt je in der Lage wäre, das Universum in seiner Gesamtheit mit all seinen Ursachen und Hintergründen zu begreifen.
Wenn es von einem höheren Wesen, einem Gott, erdacht wurde, dann ist das menschliche Gehirn wohl kaum in der Lage, diese Gedanken nachzuvollziehen. Die Logik und Komplexität eines göttlichen Wissens bliebe dem begrenzten menschlichen Geist wahrscheinlich für immer verschlossen. Wenn hingegen alles nur ein nicht der Logik eines konkreten Sinns folgender, wissenschaftlich erklärbarer Zufall ist, bleibt immer noch die Frage, ob der Mensch in der Lage ist, die Gesetze dieses Zufalls zu finden und zu verstehen. Möglicherweise bedarf die Menschheit noch unzähliger Jahrtausende evolutionärer Entwicklung, um die Geheimnisse entschlüsseln zu können. Aber vielleicht wird sie auch nie dazu imstande sein. Auch ein Neandertaler wäre schließlich beim besten Willen nicht in der Lage gewesen, die Relativitätstheorie zu verstehen. Oder stellen Sie sich einen Affen in einem Kino vor: Er wird den Raum um sich herum wahrnehmen. Er wird auch den Film sehen und den Ton hören. Vielleicht erkennt er sogar einzelne Zusammenhänge, sinnvolle Abläufe oder Personen und Tiere auf der Leinwand. Aber er wird vermutlich nie begreifen, wie der Raum um ihn herum geplant und gebaut wurde und wie der Film entstanden ist oder wie der Ton in Form von Schallwellen sein Ohr erreicht. Vielleicht ist unsere Existenz in diesem Kosmos mit dem Affen in diesem Kino vergleichbar.
Angesichts der vielen kosmischen Katastrophen und des lebensfeindlichen Alls sowie vor allem angesichts der Naturkatastrophen, Kriege, Krankheiten und Hungersnöte auf der Erde müssen wir uns auch die Frage gefallen lassen, ob dieses Universum wirklich für uns geplant war oder ob wir nicht vielleicht nur ein unbedeutendes Nebenprodukt sind. Wahrscheinlich nimmt sich die Menschheit viel zu wichtig. Wir sind eben nicht der Mittelpunkt, der Sinn und Zweck des Universums, auch nicht die Krone der Schöpfung, sondern möglicherweise nur ein unbedeutender Irrläufer der Natur, der so gar nicht geplant war.
Warum betreiben wir Wissenschaft? Wir können nicht wissen und beurteilen, ob unsere Forschungen uns wirklich die Realität widerspiegeln und ob unsere Wissenschaft wirklich zur objektiven Wahrheit führt. Was heute als bewiesen gilt, kann morgen durch eine tiefere Wahrheit widerlegt werden. Es ist durchaus denkbar, dass die Fähigkeit unseres Gehirns, die ihm über unsere Sinnesorgane übermittelten Dinge nur so und nur in den Grenzen aufnehmen und verarbeiten kann, wie seine vorgegebenen Funktionsweisen es ermöglichen. So betrachtet ist auch die Wissenschaft eine Glaubenssache. Wir glauben, dass die Relativitätstheorie die Realität wiedergibt. Auch die Anhänger bestimmter Religionen glauben an ein bestimmtes Modell, das in manchen Fällen sogar durch wissenschaftliche Belege untermauert wird. So stützt sich etwa der Glaube an die Gesamtheit aller Schöpfung auf das Urknallmodell. Religion und Wissenschaft sind also gar nicht so weit voneinander entfernt, wie oft behauptet wird.
Darüber hinaus ist es nicht befriedigend, nur zu beantworten, wie alles begann. Interessant ist vor allem auch das Warum. Doch darauf hat unsere Wissenschaft wahrscheinlich keine schlüssige Antwort.
Ein Gott, der nicht wollte, dass sich seine Existenz beweisen lässt, würde Mensch und Kosmos so erschaffen, dass er nicht bewiesen werden kann. Ich denke, wenn der Mensch Gott wirklich beweisen würde, käme das einem Todesurteil dieses Gottes gleich. Ein bewiesener Gott verliert seine Göttlichkeit.
Wenn das menschliche Gehirn und die Sinnesorgane konstruktionsbedingt nicht in der Lage sind, die erste Ursache, den Urgrund allen Seins, zu erkennen und zu verstehen, finden wir nur ein Nichts. Entsprechend würden wir argumentieren, es gebe keinen Gott, da wir ja nur ein Nichts gefunden haben. Aber eben genau darin, dass wir dieses Nichts gefunden haben, würde ja der Gottesbeweis liegen!
Warum fragen wir nach Gott? Warum ist uns diese Frage ins Gehirn eingeimpft? Ist das nicht schon ein Indiz für die Existenz eines Gottes? Wenn es keinen Gott gäbe, wären wir auch nicht in der Lage und hätten nicht ständig das Bedürfnis, nach ihm zu fragen.
Wahrscheinlich gibt es irgendeinen Sinn dieses Universums, einen Gott, eine höhere Instanz, eine höhere Wirklichkeit oder Daseinsform. Das Erschreckende ist nur: Wenn wir Menschen nicht zu dieser übergeordneten Einheit gehören, wenn wir nicht wichtig sind, sondern vielleicht nur ein sich selbst überschätzendes Abfallprodukt dieses Kosmos, wenn sich kein Gott und keine höhere Wirklichkeit für uns interessiert, weil das Universum für etwas viel Wichtigeres bestimmt ist, wir aber nicht daran Teil haben sollen, dann würden wir ohne Erlösung und Weiterleben sterben und nie erfahren, warum das alles existiert. Uns würde dann alles leer und sinnlos erscheinen, als gäbe es keinen Gott. Die höhere Wirklichkeit würde dann ohne uns existieren. Zwar hätte alles einen Sinn, wir aber wären nicht Teil davon; wir wären sinnlos und würden es nicht bemerken.
Selbst wenn es uns eines Tages gelingen sollte, die Frage, ob es einen Gott gibt oder nicht, definitiv mit Ja oder mit Nein zu beantworten, wären wir noch nicht wirklich weiter, geschweige denn am Ende der Kette von offenen Fragen angelangt. Selbst wenn wir davon ausgingen, dass die Existenz eines Gottes an sich keiner weiteren Erklärungen bedarf, weil Gott keiner Ursache bedarf, da er selbst die Ursache seiner Existenz ist und seine Erklärung in sich selbst trägt, bliebe immer noch die Frage nach dem Warum. Nicht nach dem Warum der Existenz Gottes, sondern danach, warum es ausgerechnet ein solches Universum und eine Menschheit mit einem Bewusstsein gibt. Diese Kette von Warum-Fragen könnte man bis ins Unendliche fortsetzen. Jede Erklärung würde eine neue Frage nach dem Warum aufwerfen. Ein allmächtiger, allwissender Schöpfer sollte diese Kette nicht einfach damit abbrechen, dass es so ist, weil er es so wollte. Nein, er sollte in der Lage sein, jede weitere Warum-Ebene zu beantworten.
Natürlich ist mir bewusst, dass es bei einem Dialog zwischen einer Gottheit und einem Menschen unüberwindliche Probleme geben könnte, aber es geht hier nur um das gedankliche Prinzip, nicht um die praktische Ausführung. Es wäre in etwa so, als würde Sie jemand fragen, warum Sie essen gehen. Sie antworten, weil Sie hungrig seien. Warum sind Sie hungrig? Weil Sie lange nichts gegessen haben. Warum haben Sie nichts gegessen? Weil Sie keine Zeit hatten. Warum hatten Sie keine Zeit? Weil Sie viel arbeiten mussten. Warum mussten Sie viel arbeiten? Weil Sie Ihre vielen Rechnungen bezahlen müssen. Warum haben Sie so viele Rechnungen? Weil …
Im Prinzip könnte die Frage, ob es einen Gott gibt, mit Ja oder Nein beantwortet werden. Aber eine Fragekette nach dem Warum würde immer tiefer liegende Erklärungen hervorbringen, ohne dass eine abschließende, endgültige Antwort gefunden werden würde. Denn jede Erklärung würde Aussagen enthalten, welche ihrerseits nach Erklärungen verlangen.

Gott, der Mensch und das Universum
Mathematik ist das Alphabet, mit dessen Hilfe
Gott das Universum beschrieben hat.
GALILEO GALILEI, ITALIENISCHER PHYSIKER UND ASTRONOM, 1564 – 1642
 
 
 
Das Nichts kann eine unendlich lange Zeit existieren, es ist ewig. Und alles kann aus ihm heraus in Erscheinung treten. Das Nichts könnte demnach als Ursache für alles interpretiert werden, was existiert, oder als Macht, die alles zu erschaffen vermag, also allmächtig ist. Demnach weist das Nichts göttliche Eigenschaften auf. Wenn wir davon ausgehen, dass der Kosmos einen Anfang hatte, auch wenn dieser Anfang das Nichts ist, bleibt immer noch Raum für einen Schöpfer und eine Schöpfung. Wenn etwas begonnen hat zu existieren, dann hat es auch eine Ursache, und diese Ursache ist Gott.
Nun hat die Wissenschaft in den letzten Jahrhunderten sukzessive die theologische Gottesvorstellung entmachtet. Die kopernikanische Wende riss den Menschen aus seiner privilegierten, zentralen, von Gott für ihn auserwählten Position im Kosmos. Die Erde war von nun an nicht mehr ein von Gott ausgesuchter, bevorzugter Mittelpunkt im All, sondern ein unbedeutendes Staubkorn in der Unendlichkeit.
Der Darwinismus nahm dem Menschen dann den Glauben, Gottes »Krone der Schöpfung« zu sein. Der Mensch wird zu einer zufällig entstandenen Art degradiert, welche zu allem Überfluss auch noch mit den niederen Arten verwandt ist, ja, sich sogar durch Zufall, Versuch und Irrtum aus diesen evolutionär entwickelt hat. Wir sind also nicht durch einen »Plan Gottes« entstanden, nein, sondern nur ein unbedeutendes Nebenprodukt, nicht geplant und schon gar nicht fertig.
Wir können nicht sagen, in welche Richtung die Evolution noch läuft. Wenn sich die Menschheit nicht selbst auslöscht, wird es in Millionen von Jahren Lebewesen geben, die ungleich höher entwickelt sind als wir und die uns ähnlich betrachten wie wir heute die Neandertaler, aber keinesfalls als Krone der Schöpfung.
Die Quantenphysik brachte Statistik und Zufall in das göttlich determinierte Uhrwerkuniversum ein. Nichts ist mehr so, wie die Theologie es erklärt. Ähnlich einer vom Aussterben bedrohten Art wurde die Theologie von der Wissenschaft in eine kleine Nische gedrängt, wo sie nun ums Überleben kämpft. Nicht genug damit, dass Gott in der Philosophie von Nitzsche und Feuerbach für tot erklärt wurde. Nun behauptet in dieser theologisch angekränkelten Zeit auch noch einer der führenden Physiker, Stephen Hawking, dass er für sein kosmologisches Modell keinen Gott benötige. Er schreibt:
»Wenn das Universum einen Anfang hatte, können wir von der Annahme ausgehen, dass es durch einen Schöpfer geschaffen worden sei. Doch wenn das Universum wirklich völlig in sich selbst abgeschlossen ist, wenn es wirklich keine Grenze und keinen Rand hat, dann hätte es auch weder einen Anfang noch ein Ende: Es würde einfach sein. Wo wäre dann noch Raum für einen Schöpfer?«
Allerdings bleibt immer noch die Argumentation, die sich jedoch nicht beweisen lässt, dass ein allmächtiger, transzendenter Schöpfer auch ein in sich geschlossenes Universum schaffen könnte – eben um nicht erkannt zu werden. Und ob nun mit oder ohne Anfang, die Gesetze, welche ein Universum ermöglichen, und auch die Gesetze der Evolution nach Darwin sind kein Beweis für die Nichtexistenz Gottes. Man sollte sich Gott nicht als Handwerker vorstellen, der einen Bau errichtet und dabei aktiv arbeitet und eingreift und sich bei der Arbeit beobachten lässt. Nein, eher als einen Komponisten, der die Grundlagen bestimmt, nach denen die Melodie entsteht. Die Melodie selbst spielen andere, aber sie tun das nach den Vorgaben des Komponisten. Gott ist nicht die Melodie, sondern ihre Ursache, und so lässt sich mit der gespielten Melodie allein nicht seine Existenz widerlegen oder beweisen.
Wir Menschen, biologische Wesen in Zeit und Raum, neigen dazu, uns einen anthropomorphen, personifizierten Gott vorzustellen und ihn mit den physikalischen Eigenschaften aus unserer Welt auszustatten. Wie sollten wir auch anders handeln, wir kennen ja nichts anderes. Aber ein transzendenter Schöpfer, ein Schöpfer von Raum und Zeit und unserer Physik, hätte ganz andere, uns unbekannte und unzugängliche Eigenschaften.
Bedingt durch die von der Quantenphysik begründete Indeterminiertheit und die unzähligen zufälligen Mutationen und Evolutionssprünge in der Menschwerdung wäre es doch selbst für einen allmächtigen Gott nicht vorhersehbar gewesen, dass und wie sich die Menschheit entwickelt. Der Mensch kann kein Bestandteil eines göttlichen Planes sein, denn bedingt durch die Unzahl von Entwicklungsmöglichkeiten und Zufällen ist nicht erkennbar, ob und wie sich eine bestimmte Art entwickeln wird. Was aber nicht aus Mangel an Informationen, sondern grundsätzlich nicht vorhersagbar ist, kann auch ein Gott nicht im Voraus erkennen.
Man könnte allerdings auch hier wieder einwenden, dass ein Erkennen eines Ablaufes ein Sein in der Zeit impliziert und dass ein transzendenter Schöpfer außerhalb der Zeit steht und daher alles gleichzeitig wahrnimmt und somit weiß und »vorhersagen« kann. Es gibt demnach zwei Realitätsebenen: eine göttliche, auf der alles schon existiert, und eine menschliche, auf der sich alles erst entwickelt. Wenn es aber eine feststehende göttliche Realität gibt, dann sind wir an vorgefertigte Abläufe gebunden und nicht frei in unserem Denken und Handeln.
Aber: Da die göttliche Realität nicht in unserer Raumzeit existiert, wären wir als physikalische Wesen in unserem Bereich doch handlungsfrei, weil der vorher feststehende Ausgang in unserem Kosmos nicht existiert. Er ist ausschließlich auf der Ebene Gottes vorhanden und nur dort real. In unserer Welt hingegen ist er nicht erkennbar und nicht existent. Demnach könnten wir hier Handlungsfreiheit genießen und trotzdem einem göttlichen Plan unterworfen sein, so paradox das auch klingen mag.
Ebenso gut könnte man argumentieren, dass Gott mit der Evolution einen kontinuierlichen Schöpfungsprozess betreibt, es also keinen Schöpfungsakt an einem bestimmten Ort oder Zeitpunkt, sondern nur einen permanenten fließenden Schöpfungsprozess gibt. Dies könnte dann nicht nur für die biologische Evolution, sondern für die kosmologische Entwicklung des gesamten Universums gelten. Dadurch würde auf allen Ebenen der Evolution eine teleologische Ausrichtung zu einer immer höheren Komplexität deutlich. Es stellt sich die Frage, ob dieser Prozess ein Ende finden wird, und wenn ja, auf welcher Stufe? Ist es denkbar, das sich lebende Wesen in einem durch einen Schöpfer geplanten Universum bis zu einer Komplexitätsstufe entwickeln, welche der des Schöpfers gleicht oder ihr zumindest sehr nahe kommt, und ist dies dann von diesem Gott auch so gewollt? Könnte es sogar sein, dass die Evolution die Schöpfung so weit vorantreibt, dass die Schöpfung am Ende ihren Schöpfer an Komplexität übertrifft?
Ein zeitloser, transzendenter Gott, das heißt ein Gott, der außerhalb unserer Zeit existiert und keinem Ablauf, keiner Veränderung, keiner Planung und keiner sukzessiven Ausführung unterworfen ist, würde die gesamte Evolution als einen einzigen Augenblick vor sich sehen. Anfang und Ende, jeder einzelne Moment nicht nur der Menschwerdung, sondern der gesamten kosmischen Evolution lägen offen und zeitlos vor diesem Gott. Aus seiner Perspektive könnte nicht von einer zeitlichen Evolution oder Entwicklung gesprochen werden, sondern die gesamte Geschichte des Alls und der Menschheit wären ein einziger göttlicher Schöpfungsaugenblick. Das Ende wäre schon am Anfang bekannt.